7. Hebung des Rechtsbewußtseins im Volke. Durch Unabhängigkeit der
Gerichte, Geschworenengerichte, namentlich auch in politischen und
Preßprozessen; öffentliches und mündliches Gerichtsverfahren.
8. Förderung der politischen und sozialen Bildung des Volkes durch freie
Presse, freies Versammlungs- und Vereinsrecht, Koalitionsrecht.
Dieses Programm ließ an Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig. Die
Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins hatten demselben
ebenfalls zugestimmt, sie wurden aber durch v. Schweitzer genötigt, sich
von der neuen Parteibildung fernzuhalten. Mißtrauisch und unzufrieden
war auch Roßmäßler, dem die sozialen Forderungen zu weit gingen und der
in dem Programm den sozialistischen Pferdefuß entdeckte. Als ich kurz
nach der Landesversammlung ihn besuchte, machte er aus seiner
Mißstimmung kein Hehl. Er glaubte mich nachdrücklich vor Liebknecht
warnen zu sollen, der ein gefährlicher Mensch, ein verkappter Kommunist
sei. Ich suchte ihn zu beruhigen, konnte aber nicht verhindern, daß er
bis zu seinem Tode im nächsten Frühjahr noch manche Enttäuschung
erlebte. So schmerzte es ihn, daß, als er es ablehnte, eine
Reichstagskandidatur für Leipzig zu übernehmen, sein persönlicher Gegner
Wuttke von uns aufgestellt wurde. Roßmäßler hatte die merkwürdige Idee,
das Parlament von 1849 bestehe noch zu Recht, und so müßte Löwe-Calbe,
der der letzte Präsident jenes Parlaments gewesen war — weshalb er sich
gern den letzten Präsidenten des ersten deutschen Parlaments nennen
hörte —, dasselbe einberufen. In der Tat hatte Löwe-Calbe einige Jahre
zuvor auf einem Abgeordnetentag erklärt, er betrachte sich als den
legitimen Erben des Parlaments von 1849 und werde gegebenenfalls
dasselbe wieder einberufen. Er hat sich aber nachher gehütet, sich
gründlich lächerlich zu machen.
* * * * *
Unter dem 7. November 1866 veröffentlichte der Vorsitzende des ständigen
Ausschusses, Staudinger, ein Flugblatt, in dem er sich über die
mittlerweile in Deutschland eingetretenen Veränderungen aussprach. Das
Flugblatt unterzog die durch den Prager Frieden geschaffene Lage einer
absprechenden Kritik. Für die Volksfreiheit und die Volksrechte sei
wenig zu hoffen, dagegen sei das System der stehenden Heere, wenigstens
im Norden Deutschlands, auf lange Jahre festgelegt. An eine Verminderung
der Staatsausgaben und namentlich an eine Herabsetzung oder Aufhebung
der indirekten Steuern sei gegenwärtig weniger zu denken als je. Es
stehe vielmehr eine Vergrößerung dieser Lasten in sicherer Aussicht.
Weniger glücklich war das Flugblatt in der Kritik der herrschenden
sozialen Zustände, wobei es die in den Einzelstaaten noch vielfach
bestehenden rückständigen wirtschaftlichen Einrichtungen im Auge hatte,
deren Beseitigung gerade in erster Linie die neue Ordnung der Dinge
herbeiführen mußte, sollte sie überhaupt einen Sinn haben. Es galt vor
allem, die Bedürfnisse der Bourgeoisie nach freier Entfaltung ihrer
Kräfte zu befriedigen.
Neben den Schattenseiten, die nach Staudingers Ansicht die Katastrophe
der letzten Monate erzeugte, seien indes auch einzelne Lichtseiten,
wenigstens negativer Art, vorhanden. Zwei Erscheinungen seien
insbesondere für den Arbeiterstand von großer Bedeutung. Einmal, daß die
große Mehrheit der Fortschrittspartei sich als _vollständig unfähig_ zur
politischen und sozialen Neugestaltung des Vaterlandes gezeigt habe, was
der Verfasser näher ausführte. Die zweite erfreuliche Erscheinung sei,
daß die Arbeiter in ganz Deutschland sich für die allgemeine Einführung
des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes und eine freie
Sozialgesetzgebung ausgesprochen hätten.
Das Flugblatt meinte schließlich, die Erfahrungen des Jahres 1866 hätten
gezeigt, daß zur Spaltung innerhalb des Arbeiterstandes kein Anlaß
vorhanden sei, vielmehr sei gegenüber der durch die Fortschrittspartei
verstärkten Gegnerschaft Einigkeit und Einmütigkeit mehr als je not.
„Die wichtige Forderung des allgemeinen und direkten Stimmrechtes ist
gemeinsames Losungswort der beiden Richtungen. Beide verlangen ferner
gänzliche Umgestaltung der die Arbeit ausbeutenden Steuersysteme,
Aenderung des den Bürger zum Hörigen erniedrigenden Heerwesens. Die
große Bedeutung der Koalitionen und Genossenschaften und damit die
Notwendigkeit einer Umgestaltung der Produktionsverhältnisse wird von
keiner Seite in Abrede gestellt. Der Streit aber um den geringeren oder
höheren Grad _von Pflichten des Staates gegen den einzelnen_ (auch im
Original gesperrt) ist vorerst ein müßiger, solange die Staatsgewalt, an
den feudalen Traditionen festhaltend, über die Bürger wie über eine
willenlose Herde verfügt, und solange das Schwert die politische
Umgestaltung des Vaterlandes diktiert, das Schwert, das, wenn es statt
der Freiheit nur verhaßten Zwang schafft, uns allen Boden für unsere
Bestrebungen zu einer friedlichen Lösung der sozialen Fragen zu
entziehen droht.“
Zum Schlusse forderte der Aufruf die Arbeiter auf, frisch ans Werk zu
gehen und allen Hader schwinden zu lassen.
Dieser Aufruf war von Staudinger persönlich veröffentlicht worden. Der
ständige Ausschuß war um seine Meinung nicht befragt worden. Wir wurden
durch das Flugblatt überrascht. Ich, der ich Staudinger näher kannte,
war der Ansicht, daß es Staudingers Anschauungen nicht entsprechen
könne. Und meine Vermutung bestätigte sich. Von seinen fortschrittlichen
Nürnberger Freunden über das Flugblatt zur Rede gestellt, gestand er,
daß _Sonnemann_ der Verfasser desselben sei und er es nur unterschrieben
habe.
Die in greifbare Nähe gerückten Wahlen zum norddeutschen Reichstag
nötigten uns zu einer intensiven Agitations- und Organisationsarbeit,
die jedem von uns schwere Opfer auferlegte. In den Augen unserer
bürgerlichen Gegner sind die sozialdemokratischen Agitatoren Leute, die
sich von den Arbeitergroschen mästen. Hatte eine solche Anschuldigung
_nie_ Berechtigung, so am wenigsten in jener Zeit, von der ich eben
spreche. Es gehörte ein großes Maß von Begeisterung, Ausdauer und
Opfermut für die Sache dazu, um die Agitationsarbeit zu übernehmen. Der
Agitator mußte froh sein, wenn er seine baren Auslagen ersetzt erhielt,
und um diese möglichst herabzudrücken, betrachtete man es als
selbstverständlich, daß er jede Einladung, bei einem Parteigenossen zu
wohnen, annahm. Hier erlebte man aber manchmal merkwürdige Dinge. Mehr
als einmal geschah es, daß ich mit den Eheleuten in demselben Raume
schlafen mußte; ein andermal passierte es, daß unter dem Sofa, auf dem
ich meine Nachtruhe hielt, die Hauskatze ihre Jungen zur Welt brachte,
was nicht ohne Geräusch und Miauen abging. Wieder ein andermal wurde ich
mit meinem Freunde Motteler in später Nacht auf dem Boden eines Hauses
einquartiert, der mit Garnsträhnen angefüllt war, die der Faktor an die
Hausweber abzugeben hatte. Als ich früh am Morgen durch die Sonne, deren
Strahlen durch eine Dachluke mir ins Gesicht fielen, geweckt wurde,
entdeckte ich, daß ich in einem Quantum gelber Garne und Mottelers
schwarzlockiger Kopf in einem Haufen purpurroter Garne lagerte, ein
Anblick, der mich dermaßen zum Lachen reizte, daß Motteler erwachte und
verwundert fragte, was los sei! Aehnliche Erlebnisse hatte zu jener Zeit
und auch noch später jeder durchzumachen, der für die Partei
agitatorisch arbeitete. Liebknecht war damals in der Agitation besonders
tätig. Unerwarteterweise wurde er in dieser Tätigkeit auf Monate
lahmgelegt. In Preußen war nach dem Kriege eine umfassende Amnestie
erlassen worden. Liebknecht, im Glauben, seine Ausweisung aus Preußen
sei damit ebenfalls hinfällig geworden, ging Anfang Oktober nach Berlin
und hielt im Buchdruckerverein einen Vortrag. Er wurde noch an demselben
Abend festgenommen und nachher wegen Bannbruch zu drei Monaten Gefängnis
verurteilt, die er in der Stadtvogtei verbüßte, behandelt wie ein
gemeiner Verbrecher. So wurde ihm zum Beispiel bereits abends 6 Uhr das
Licht entzogen, was er besonders hart empfand. Seinem Widerpart J.B.v.
Schweitzer erging es darin weit besser. Diesem wurden in seiner Haft
Freiheiten und Annehmlichkeiten gestattet, die seitdem nie wieder ein
politischer Gefangener in einem preußischen Gefängnis genossen hat.
Die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen Reichstag waren für Anfang
Februar 1867 angesetzt worden. Das veranlaßte uns, zu Weihnachten 1866
nach Glauchau eine Landesversammlung zu berufen, um die Kandidaten
aufzustellen. Die materiellen Mittel und die agitatorischen Kräfte
nötigten uns, auf solche Wahlkreise uns zu beschränken, in denen die
Organisation eine gute war. Das war in erster Linie der 17. Wahlkreis,
Glauchau-Meerane, in dem ich als Kandidat aufgestellt wurde, der 18.
Wahlkreis, Crimmitschau-Zwickau, in dem Rechtsanwalt Schraps
kandidierte, und der 19. Wahlkreis, Stollberg-Lugau-Schneeberg, den
Liebknecht zugewiesen erhielt. Da dieser aus seiner Haft in Berlin erst
in der zweiten Hälfte des Januar frei kam, konnte er seinen Wahlkreis
nur ungenügend bearbeiten, und so fiel er durch. Schraps und ich
siegten. Ich hatte vier Gegenkandidaten, darunter Fritzsche als Mitglied
des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, der aber nur gegen 400
Stimmen erhielt. In einer großen Wählerversammlung in Glauchau trat er
mir gegenüber, zog aber entschieden den kürzeren. Politisch war ich ihm
voraus, und in sozialistischer Beziehung blieb ich nicht hinter ihm
zurück. Ich kam mit 4600 Stimmen erheblich in Vorsprung über meinen
nächsten Gegner und siegte in der engeren Wahl mit 7922 Stimmen. Auf
meinen Gegner fielen 4281 Stimmen.
Der Wahlkampf wurde schon damals oft in sehr unehrlicher Weise geführt.
So hörte ich eines Tages, als ich in den Wahlkreis reiste, in einem
Nebenabteil des Bahnwagens einen Herrn gewaltig über mich losziehen. Ich
hätte in Glauchau den Webern doppelten Lohn und achtstündige Arbeitszeit
in Aussicht gestellt, falls sie mich wählten. Diese Lügen wurmten mich.
Ich stand auf und frug den Ankläger, ob er das, was er soeben erzählt,
von Bebel selbst gehört habe. Das bejahte er. Darauf nannte ich ihn
einen unverschämten Lügner, und als er gegen mich auffahren wollte,
nannte ich meinen Namen. Nun wurde er sehr kleinlaut und erntete von den
Passagieren Hohn und Spott. Auf der nächsten Station verließ er eiligst
den Wagen.
Das Jahr 1867 brachte zwei allgemeine Reichstagswahlen. In der ersten
Wahl im Februar wurde die konstituierende Versammlung gewählt, die die
künftige Verfassung zu beraten hatte und nach Erledigung dieser Mission
aufhörte zu existieren. Die Wahlen für die erste Legislaturperiode, die
Ende August stattfanden, ergaben von unserer Seite die Wahl von
Liebknecht, Schraps, Dr. Götz-Lindenau — der Turnergötz, der damals ein
roter Republikaner war — und mir. Von den Lassalleanern wurde J.B.v.
Schweizer und Dr. Reincke — der, als er später sein Mandat niederlegte,
durch Fritzsche ersetzt wurde — und in einer Nachwahl Hasenclever
gewählt. Da mittlerweile vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sich
ein Teil unter der Patronage der Freundin Lassalles, der Gräfin v.
Hatzfeldt, losgelöst und einen Lassalleschen Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein gebildet hatte, erhielt auch diese Fraktion einen
Vertreter in der Person Försterlings und später einen zweiten in der
Person Mendes, der Försterlings Nachfolger im Präsidium wurde. Mende war
ein Hohlkopf, der sich in den Diensten der Gräfin physisch so
heruntergebracht hatte, daß er ohne eine Morphiuminjektion nicht zu
reden wagte und seine Reden in der Regel mit den Worten schloß: ich habe
gesprochen, was jedesmal große Heiterkeit im Reichstag erregte.
Ueber meine Stellung und Tätigkeit im Reichstag später.
Die Weiterentwicklung.
In der Sitzung des ständigen Ausschusses, die Ende März 1867 in Kassel
abgehalten wurde, aber nur von wenigen Mitgliedern besucht war, mußte
festgestellt werden, daß die politischen Ereignisse des letzten Jahres
eine geradezu verheerende Wirkung auf die Vereine ausgeübt hatten. Die
Kasse war leer, das Organ des Verbandes, die „Allgemeine
Arbeiterzeitung“, war, wie schon mitgeteilt, eingegangen, eine
Monatsschrift, „Die Arbeit“, die Dr. Pfeiffer-Stuttgart herausgegeben
und Sonnemann gedruckt hatte, war ebenfalls nach kurzer Lebensdauer
wieder verschwunden. Dazu kam, daß die Leitung des Verbandes nicht in
den rechten Händen war. Der Ausschuß beschloß, ein neues
Verbandsorgan herauszugeben, das unter dem Titel „Arbeiterhalle“ von
Eichelsdörfer-Mannheim redigiert werden und alle vierzehn Tage
erscheinen sollte. Ich wurde sein eifrigster Mitarbeiter. Das Blatt
erschien vom 1. Juni 1867 bis zum 4. Dezember 1868, an welchem Tage es
einging zugunsten des Anfang Januar 1868 von uns in Leipzig gegründeten
und von Liebknecht redigierten „Demokratischen Wochenblattes“. Endlich
wurde beschlossen, zum Herbst wieder einen Vereinstag einzuberufen.
Mit der Gründung des „Demokratischen Wochenblattes“ war einem von uns
allen tief empfundenen Bedürfnis Genüge geleistet. Wir hatten bis dahin
kein Organ zur Verfügung gehabt, in dem wir unsere Ansichten vertreten
konnten, damit war auch keine Möglichkeit gegeben, die politische und
soziale Aufklärung unserer Anhänger genügend zu betreiben, und das tat
vor allem not. Auch waren wir den Angriffen unserer Gegner gegenüber
waffenlos. Freilich legte uns das Blatt große Opfer auf, aber sie wurden
gern gebracht, denn es war das wichtigste Kampfmittel, das wir hatten.
Die Lauheit in der Leitung des Verbandes der Arbeitervereine veranlaßte
mich, in häufigen Briefen Staudinger vorwärts zu schieben. Ende Mai 1867
schrieb ich ihm, ich schätzte nach allem, was uns der Norddeutsche Bund
bis jetzt gebracht habe und noch bringen werde, als den größten Vorteil,
daß die Massen in einer Weise aufgeregt wurden wie seit dem Jahre 1848
nicht, und daß wir dadurch zu vielen neuen Verbindungen gekommen seien,
die wir im Interesse der Bewegung ausnutzen müßten. Er solle Verbindung
mit der Internationale anknüpfen. Ich protestierte dagegen, daß immer
noch Versuche gemacht würden, die Arbeitervereine von der Politik
fernzuhalten. Auch sei eine neue Organisation zu erwägen, die Luft im
Norddeutschen Bund lasse befürchten, daß man gegen die Arbeitervereine
losgehe.
In Sachsen war das politische Leben in den Vereinen besonders rege,
ununterbrochen agitierten wir, um die Massen zu gewinnen. Pfingsten 1867
hatten wir wieder einen Arbeitertag nach Frankenberg einberufen, dem ich
präsidierte, der sich in erster Linie mit einer Petition zur Reform des
sächsischen Gewerbegesetzes befaßte. Wir verlangten zehnstündigen
Normalarbeitstag, Abschaffung der Sonntagsarbeit, Abschaffung des
Koalitionsverbots, Abschaffung der Kinderarbeit in Fabriken und
Werkstätten, Vertretung der Arbeiter in den Gewerbekammern und
Gewerbegerichten, Selbstverwaltung der Arbeiterkassen, Vereinbarung der
Fabrik- und Werkstättenordnungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber.
Vahlteich als Referent über die Frage: Wie haben sich die
Arbeitervereine den politischen Parteien gegenüber zu verhalten und wie
gegenüber der sächsischen Regierung? schlug als Resolution vor: Die
Versammlung möge die von Schulze-Delitzsch zur Lösung der sozialen Frage
vorgeschlagenen Mittel als unzureichend verwerfen und erklären, daß
diese Frage nur in einem demokratischen Staat unter Intervention der
Gesamtheit gelöst werden könne. Weiter empfahl er das Lesen
sozialistischer Schriften und Zeitungen. Die Resolution rief ziemliche
Erregung bei einer Minderheit hervor, und so glaubte ich durch eine
vermittelnde Resolution die erregten Gemüter beschwichtigen zu sollen.
Darin hatte ich mich getäuscht. Die Vahlteichsche Resolution wurde gegen
7, die meine gegen 9 Stimmen angenommen. Als Ort für den nächsten
deutschen Vereinstag wählte die Versammlung Gera, für das sich auch der
ständige Ausschuß erklärte.
Dieser Vereinstag — der vierte — wurde am 6. und 7. Oktober abgehalten.
Vertreten waren 37 Vereine und 3 Gauverbände durch 36 Delegierte. Ein
Neuling unter den letzteren war der freireligiöse Prediger Uhlig aus
Magdeburg, ein über mittelgroßer Mann mit langem weißem Haar.
Unglücklicherweise hatte die Natur ihm in das nicht unsympathische
Gesicht eine ungeheure Nase gesetzt, die sehr störend wirkte. Zum
Vorsitzenden des Vereinstags wurde durch das Los unter den drei
Kandidaten, die gleiche Stimmenzahl hatten, der Schriftsteller
Wartenburg-Gera bestimmt. Im Laufe seiner Verhandlungen ehrte der
Vereinstag das Andenken Bandows-Berlin, der im Hochsommer 1866, und
Professor Roßmäßlers, der im April 1867 gestorben war. Ueber die
Schulfrage referierte Uhlig in einem etwas schwammigen Referat, das in
sechzehn Postulaten gipfelte. Der Vereinstag erledigte dasselbe, indem
er in einer Resolution erklärte, ihm „im allgemeinen“ seine Zustimmung
zu geben. In der Organisationsfrage, über die Hochberger und Motteler
referierten, gelang es endlich, im wesentlichen die Anschauungen zur
Geltung zu bringen, die ich seit Jahren vertreten hatte. Nach Artikel IV
wählte der Vereinstag einen Präsidenten, der an der Spitze eines weitere
sechs Mitglieder umfassenden Vorstandes stehen sollte. Letzterer wurde
von dem Verein gewählt, dem der Präsident angehörte. Der Sitz dieses
Vereins war der Vorort des Verbandes. Ferner wurde bestimmt, daß der
Vorortsvorstand für seine Mühewaltung jährlich 300 Taler beziehen solle.
Neben dem Vorstand sollten 16 Vertrauensmänner, die über Deutschland
verteilt sein sollten, gewählt werden, die die Geschäftsführung des
Vorstandes kontrollieren und in wichtigen Angelegenheiten zu Rate
gezogen werden sollten. Bei der Wahl des Präsidenten fielen von 33
Stimmen 19 auf mich, 13 auf Dr. Max Hirsch, 1 auf Krebs-Berlin. Damit
war Leipzig Vorort. Die neue Richtung hatte gesiegt. Es war erreicht,
was lange von mir erstrebt worden war. Der Verband wurde jetzt
einigermaßen aktionsfähig.
Einen anderen Punkt der Tagesordnung bildete ein Referat von mir über
die Lage der Bergarbeiter. Dasselbe war veranlaßt durch ein großes
Unglück im Lugauer Kohlenrevier im Sommer 1867, bei dem 101 Arbeiter
getötet wurden, die 50 Witwen und zirka 150 Kinder hinterließen. Ich
hatte im Auftrag des Arbeiterbildungsvereins eine Sammlung veranstaltet,
die an 1400 Taler ergab. Die vereinbarte und angenommene Resolution
besagte:
„Die in letzter Zeit im Bergbau vorgekommenen Unglücksfälle machen es
den Arbeitern zur Pflicht, die Landesregierungen zu veranlassen, daß
Gesetze geschaffen werden, wonach jeder Arbeitgeber oder Unternehmer
eines industriellen Etablissements die Verpflichtung hat, für jeden
Schaden, den der Arbeiter während der Verrichtung seiner Tätigkeit
erleidet und durch Fahrlässigkeit seitens des ersteren entstanden ist,
einzutreten. Insbesondere wird bezüglich der Bergarbeiter als
notwendig erkannt: 1. Strengste Kontrolle des Staates über
die Bergwerksgesellschaften. 2. Gesetzliche Einführung des
Zweischachtsystems, bestehend in einem Förder- und einem
Sicherheitsschacht. 3. Einführung des Entschädigungsprinzips an die
Verunglückten und deren Hinterlassenen auf Grund eines zu erlassenden
Gesetzes, sowie strengste Handhabung der Bestimmungen in bezug auf
Tötung oder Beschädigung aus Fahrlässigkeit. 4. Entschiedene Bekämpfung
der einseitigen Einführung sogenannter Knappschaftsordnungen
(Geldstrafen, Gedingwesen, Knappschaftskassen betreffend) durch
Werkbesitzer und Werkgenossenschaften ohne Vereinbarung und Zustimmung
der Arbeiter. 5. Verwaltung der Knappschaftskassen durch die Arbeiter.“
* * * * *
Es war das erste Mal, daß ein deutscher Arbeitertag den Erlaß eines
Haftpflichtgesetzes forderte, ein Verlangen, das dann im Jahre 1872
durch die Reichsgesetzgebung, allerdings in ungenügender Weise, erfüllt
wurde.
In der Wehrfrage wurde von einem Referat wegen Mangel an Zeit Abstand
genommen, doch entschloß man sich zu einer Resolution, die bei den
vorhandenen widersprechenden Ansichten ein faules Kompromiß darstellte,
was veranlaßte, daß die Frage abermals auf dem nächsten Vereinstag in
Nürnberg verhandelt wurde.
Mit der neuen Organisation zog auch ein neuer Geist in den Verband ein.
Es galt vor allem, die Mehrzahl der Vereine aus ihrer bisherigen
Gleichgültigkeit zu reißen und sie zu tatkräftigem Handeln anzuregen.
Das konnte nur geschehen, indem man ihnen Aufgaben stellte und deren
Erfüllung von ihnen forderte. Von jetzt ab erschien fast keine Nummer
der „Arbeiterhalle“, an deren Spitze nicht ein von mir verfaßter Aufruf
des Vorortsvorstandes stand, der die Tätigkeit der Vereine für die
verschiedensten Angelegenheiten in Anspruch nahm. Der Erfolg blieb nicht
aus. Allmählich kam Leben in die Vereine. Nun wurden auch die mäßigen
Verbandssteuern mit bisher nicht gekannter Pünktlichkeit bezahlt. In der
Vorortsverwaltung gestalteten sich aber die Dinge so, daß fast die ganze
Last der Geschäfte auf mich fiel. Ich war Vorsitzender, Schriftführer
und Kassierer in einer Person. Nur die Protokolle der Sitzungen des
Vorortsvorstandes und die Ordnung der Akten führte der gewählte
Schriftführer. Im Vorortsvorstand saß unter anderen auch Rechtsanwalt
Otto Freytag, der aber bald seine Stelle niederlegte, ferner Chr.
Hadlich und P. Ulrich. Der Verkehr und die daraus entstehende
Korrespondenz mit den Vereinen wuchs allmählich ins Riesenhafte. Am
Schlusse des ersten Geschäftsjahres — Ende August 1868 — betrug die Zahl
der Eingänge nur 253, die der Ausgänge nur 543, immerhin erheblich mehr
als bisher. Aber vom Nürnberger Vereinstag, Anfang September 1868, bis
zum Eisenacher Kongreß, Anfang August 1869, erreichten die Eingänge die
Zahl 907, die Ausgänge die Zahl 4484, darunter die größere Hälfte
Streifbandsendungen, alles übrige waren Briefe und oft lange Briefe von
mir.
Zu dieser Arbeit kamen die Sitzungen der Vorortsverwaltung, die Leitung
des Arbeiterbildungsvereins, die Tätigkeit im norddeutschen Reichstag
und Zollparlament, zahlreiche Agitationsreisen und vom Herbst 1868 ab
die ständige Mitarbeiterschaft am „Demokratischen Wochenblatt“, dessen
ganzen Arbeiterteil ich schrieb. Daß ich bei einer solchen Tätigkeit
meine junge Frau und mein kleines Geschäft in unverantwortlicher Weise
vernachlässigte, ist naheliegend, und so war es nur erklärlich, daß mir
in finanzieller Beziehung öfter das Wasser bis an den Hals stand und ich
manchmal kaum ein und aus wußte.
Da ich eine ähnliche Tätigkeit, wie ich sie entfaltete, auch von anderen
forderte, hatte ich wiederholt an Vahlteich geschrieben und ihn
gedrängt, rühriger zu sein. Dafür wusch er mir in einem Briefe vom 25.
Mai 1869 den Kopf. Darin hieß es:
„Lieber Freund. Vor Monaten schriebst Du mir einen ähnlichen
aufmunternden Brief wie den vom vorgestrigen Tage. Meine Antwort darauf
machte aber auf Dich einen ‚kläglichen‘ Eindruck. Das glaube ich nun
wohl, ich will Dich aber doch bitten, dem, was ich Dir schreibe, den
Wert der Wahrheit beizulegen, indem ich daran erinnere, wie ich in
ähnlicher Situation wie Du, in ähnlicher Weise mit fieberhafter,
aufopfernder Ungeduld gearbeitet habe.
Wenn ich jetzt vom ‚Erzwingen wollen‘ abgekommen bin, so ist nicht die
Faulheit die Ursache, sondern die mühsam genug errungene Ueberzeugung,
daß sich gewisse Dinge mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln einfach
nicht erzwingen lassen; ich bin dafür, daß man immer für unsere
Grundsätze arbeitet, daß man sich aber nicht für diese aufreiben müsse.
Von diesem Gesichtspunkt muß ich offen aussprechen: Ich fürchte, Du
richtest Dich zugrunde nach mehr als einer Richtung hin. Irre ich mich,
so ist das im Interesse der Sache sehr gut, und mir soll es lieb sein;
soweit ich aber die Dinge beurteilen kann, begreife ich zurzeit nicht,
wie Du Deine agitatorische, überhaupt öffentliche Tätigkeit auf die
Dauer fortführen willst....“
Schließlich erklärte er, für ihn stehe die Sache so, daß er entweder
seine agitatorische Tätigkeit oder seine geschäftliche Stellung aufgeben
müsse.
Auf die letztere Bemerkung möchte ich anführen, daß in dieselbe Lage
wie Vahlteich im Laufe der Jahre eine große Zahl von Parteigenossen kam.
Wenn unsere Gegner noch heute gern darauf hinweisen, daß zum Beispiel in
der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion kein wirklicher Arbeiter
sitze, so aus dem einfachen Grunde, weil jeder Arbeiter, der für die
Sozialdemokratie öffentlich tätig ist, _sofort aufs Pflaster fliegt_.
Entweder er schweigt, oder die Partei, die Agitatoren, Redakteure,
Verwaltungsleute nötig hat, gibt ihm eine Stelle. Noch schlimmer erging
es von jeher den selbständigen Gewerbetreibenden in der Partei. Da
schreien unsere Gegner über den Terrorismus der Sozialdemokratie. O,
diese Heuchler. Niemand treibt schlimmeren Terrorismus als sie. Wieviel
brave Parteigenossen habe ich im Laufe der Jahrzehnte am Terrorismus der
Gegner verbluten sehen.
Da war zum Beispiel Jul. Motteler, ein Mann von hohem Idealismus, der,
als er sich 1867 an der Wahlagitation beteiligte, seine Stelle in einem
Fabrikkontor gekündigt bekam. Um den Gegnern nicht den Gefallen zu tun
und das Feld zu räumen, gründete er eine Spinn- und Webgenossenschaft
mit beschränkter Haftung in Crimmitschau. Dieselbe gedieh auch einige
Jahre. Als aber der Krieg von 1870/71 kam und die Liberalen über unsere
Haltung wütend waren, kündigte man der Genossenschaft den Bankkredit;
sie wurde zur Zahlungseinstellung gezwungen. Jetzt opferte Motteler sein
ganzes Vermögen, um die Gläubiger nach Möglichkeit zu befriedigen. Er
trat nunmehr in die Leitung der Leipziger Buchdruckereigenossenschaft
ein. Aus ähnlichen Vorkommnissen erklärt sich auch die Erscheinung, daß,
wenn es unter den sozialistischen Abgeordneten und der Führerschaft
überhaupt so viele Tabak- und Zigarrenhändler und Restaurateure gibt,
diese Berufe ergriffen werden mußten, weil sie fast die einzigen sind,
in denen die Gemaßregelten von der Parteigenossenschaft gehalten werden
können. Und was habe ich selbst in fünfundzwanzigjähriger gewerblicher
Tätigkeit unter Entziehung der Kundschaft und dem Widerstreit der
Interessen zwischen öffentlicher Tätigkeit und Geschäft zu leiden
gehabt.
Wiederholt meinten Freunde in bürgerlichen Stellungen, die meine
Tätigkeit in der Arbeiterbewegung nicht begreifen konnten, ich sei ein
dummer Kerl, daß ich mich für die Arbeiter opfere. Ich solle für das
Bürgertum tätig sein und mich um die Gemeindeangelegenheiten bekümmern,
ich machte ein glänzendes Geschäft und würde bald Stadtrat sein. Das
erschien ihnen das Höchste. Ich lachte sie aus, danach strebe mein
Ehrgeiz nicht.
Wie ich die Arbeitslast — und die Jahre 1867 bis 1872 waren die
arbeitsreichsten meines Lebens, obgleich es mir bis heute nie an Arbeit
fehlte — bewältigen konnte, mochte manchem als Rätsel erscheinen. In
gewissem Sinne mir selbst, denn ich hatte auch mehrere Male mit
Krankheit zu kämpfen. Ich war zu jener Zeit ein Mann von schmaler Statur
mit hohlen Wangen und bleicher Gesichtsfarbe, was Freundinnen meiner
Frau, die unserer Verehelichung beiwohnten, zu der Aeußerung veranlaßte:
„Die Arme, den wird sie nicht lange haben!“
Zum Glück kam es anders.
Persönliches.
Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im
Kampfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist,
die an seiner Seite steht. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine
Förderin seiner Bestrebungen oder ein Bleigewicht und ein Hemmnis für
denselben sein. Ich bin glücklich, sagen zu können, die meine gehörte zu
der ersteren Klasse. Meine Frau ist die Tochter eines Bodenarbeiters an
der Leipzig-Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie
kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger
Putzwarengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tode
ihrer braven Mutter, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe
nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hingebendere, allezeit
opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich, was ich
geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre
unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele
schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich
die Sonne ruhigerer Zeiten schien.
Eine Quelle des Glückes und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde
ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein
amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vormittag des betreffenden Tages saß
ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung
auf das erhoffte Ereignis, als an die Tür geklopft wurde und auf meinen
Hereinruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert
Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der
Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit
bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger verwundert: „Sie sind ja
noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger
Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu
seinem Vergnügen treibt.“ Ich stand in der üblichen grünen
Drechslerschürze vor ihm und antwortete lächelnd: „Wie Sie sehen, sind
Sie im Irrtum!“ Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den
erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr.
Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er
mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später wurden
wir Kollegen im deutschen Reichstag und blieben bis heute, trotz unserer
prinzipiell verschiedenen Standpunkte, gute Freunde.
Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie meine Verlobung ließen mir
meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünschbar erscheinen. Sachsen
hatte zwar im Jahre 1863 die Gewerbefreiheit eingeführt, aber wer als
„Ausländer“ sie benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte
die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete damals viel Geld,
denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern
lassen. Zur Selbständigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber
die Mittel. Die letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig
zirka 150 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 350
Taler. Unerwarteterweise wurde ich zur Selbständigmachung gezwungen,
indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit
mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört,
ich wolle mich selbständig machen. Er wollte sich also einen
Konkurrenten vom Halse halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte,
was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokal
mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem
Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war
so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur
Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vorschrift, mein
Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte
mir auch, da meine geringen Mittel wie Butter an der Sonne
zusammengeschmolzen waren, als Schlafraum dienen, wobei ich in den
kalten Winternächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen
zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten
Bürgers eröffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch
die Naturalisation mit Schuldenmachen unternahm. Zwei Jahre später wären
mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Norddeutschen Bundes
erspart geblieben.
Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines
Lehrlings. Nach einigen Monaten konnte ich einen Gehilfen einstellen.
Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun
während meiner Abwesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft
gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner
Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich diesen Vorgang später
einem ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken: „Das
geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lohn, bei dem er sich Geld
sparen konnte.“ Dieser „horrende Lohn“ betrug damals 4-1/2 Taler pro
Woche, er war um einen halben Taler höher als in jeder anderen
Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden,
anderwärts elf.
Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die
gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit gegeben werden, Lohn für
das Personal, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber
täglich und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte
also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur
wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein
Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals
Leipzig durch seinen Verkehr mit den thüringischen Kleinstaaten
überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht
gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den Markt. Aber dasselbe
wurde allgemein gegeben und genommen und galt als Verkehrsgeld. Daneben
erhielt ich aber auch öfter Coupons irgend eines industriellen
Unternehmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der
Manichäer derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen,
wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln
mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den
Coupons. Ich war über diese Zahlungsweise wütend, aber was wollte ich
machen? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste
Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung.
Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unternehmertum gegen
mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott.
Wäre es mir nicht gelungen, außerhalb Leipzigs in anderen Städten einen
kleinen Kundenkreis auf meine Artikel (Tür- und Fenstergriffe aus
Büffelhorn) zu erwerben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott
gezwungen worden. Schlimm erging es mir während der Kriegszeit 1870/71,
in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71
mit Liebknecht und Hepner in eine hundertzweitägige Untersuchungshaft
genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen
lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber mußten
wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse
Situation. Doch sie wendete sich bald zum Besseren. Mit dem
Friedensschluß begann die Prosperitätsepoche, die bis zum Jahre 1874
währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden
waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit
Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusburg
antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das
Geschäft mit einem Werkführer, sechs Gehilfen und zwei Lehrlingen
zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau
tüchtig auf dem Posten war. Die Geschäftskorrespondenz führte ich von
der Festung beziehungsweise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder,
als 1874 mit dem Krach gleichzeitig mein Artikel durch Konkurrenten der
fabrikmäßigen Herstellung verfiel, und zwar zu Preisen, bei denen ich
mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon
daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Parteistellung zu treten, da
wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des
Kaufmanns Ferd. Ißleib in Berka a.W., einen Associé fand, der neben den
materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und
sehr bald auch die nötigen technischen Kenntnisse in anerkennenswerter
Weise sich aneignete. Im Herbst 1876 bezogen wir eine kleine Fabrik mit
Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel
aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf
erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die
Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und
die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem
Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte.
Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen
Belagerungszustandes aus Leipzig ausgewiesen worden war, und diese
Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch
wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im
Herbst 1884 das Associéverhältnis und trat in die Stellung eines
Reisenden für das Geschäft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten
Associé gegenüber nicht mehr verantworten zu können, an dem mäßigen
Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die
Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde
Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Geschäfts immer mehr
entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und
widmete mich von jetzt ab ganz der Schriftstellerei, durch die ich in
dauernde geschäftliche Beziehungen zu meinem Freunde Heinrich Dietz in
Stuttgart kam.
Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild
von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amüsierten wir — mein Associé
und ich — uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der
Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker
Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust
wallte. Da kam es denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu
sprechen, mich aber nicht persönlich kannte, er sich an meinen Associé
wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Vergnügen. Sehr
heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise
in Tübingen war und ich mich in einer Weinwirtschaft von einigen
Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten
Schwäbisch verwundert äußerte: „Was? Der kloine Ma ischt d'r Bebel?“ —
Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren nicht
selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich
unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still
zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören
bekam.