Undurchdringlicher Dschungel bedeckt die weiten Ebenen der Flußgebiete
des Panuco und des Tamesi. Zwei Bahnlinien nur durchziehen diesen
neunzigtausend Quadratkilometer großen Teil der Tierra Caliente. Wo sich
Ansiedelungen befinden, haben sie sich dicht und ängstlich an die
wenigen Eisenbahnstationen gedrängt. Europäer wohnen hier nur ganz
vereinzelt und wie verloren. Die ermüdende Gleichförmigkeit des
Dschungels wird von einigen sich langhinstreckenden Höhenzügen
unterbrochen, die mit tropischem Urbusch bewachsen sind, der ebenso
undurchdringlich ist wie der Dschungel, und in dessen Tiefen, wo immer
Dämmerung herrscht, alle Mysterien und Grauen der Welt zu lauern
scheinen. An einigen günstigen Stellen, wo Wasser ist, sind kleine
Indianerdörfer über die Höhen verstreut; Wohnplätze, die schon dort
waren, ehe der erste Weiße das Land betrat. Sie liegen fernab der
Eisenbahn. Auf Eselskarawanen werden die Waren, die hier gebraucht
werden, hauptsächlich Salz, Tabak, billige Baumwollhemden, Zwirnhosen,
Musselinkleider, spitze Strohhüte für die Männer und schwarze
Baumwolltücher für die Frauen herbeigebracht. Als Tausch werden Hühner,
Eier, Eselsfüllen, Ziegen, Papageien und wilde Truthähne gegeben.
Dort wohnte ich, tief im tropischen Busch, allein, in einer primitiven
Hütte, die ich mir selbst gebaut hatte, nach Indianerart, ohne einen
Nagel zu gebrauchen.
Vierzig Minuten Ritt brachte mich zu meinem nächsten weißen Nachbar,
einem Arzt aus Arkansas, namens Wilshed. Alle übrigen Menschen meiner
Nachbarschaft, von denen keiner näher wohnte als dreißig Minuten, waren
Vollblutindianer. Das nächste Dorf war elf Meilen entfernt, die nächste
Eisenbahnstation, wo zwei weiße Familien wohnten, siebzig Meilen.
Doktor Wilshed wohnte in einem Bungalow, einem einfachen Bretterhaus,
das zwei Räume hatte. Er lebte dort mutterseelenallein, betrieb ein
wenig Landwirtschaft, hatte drei Kühe, hundert Hühner, zwanzig
Bienenstöcke, zwei Pferde und drei Maultiere. Zwei Indianerfamilien, die
etwa eine Meile entfernt wohnten, auf dem Abhange des Höhenzuges, waren
seine nächsten Nachbarn. Die Männer jener beiden Familien waren bei ihm
als Farmarbeiter beschäftigt. Den größten Teil seiner Zeit verbrachte
der Doktor mit Lesen. Wenn er nicht las, dann saß er auf der Veranda
seines Bungalows und sah unverwandt hinunter auf die unermeßlich weite
Ebene, die sich vom Fuße des Höhenzuges an bis fern hinter den Horizont
hinzog. Dschungel, Dschungel, nichts als Dschungel. Zuweilen fiel mir
die Einsamkeit des Busches heftig auf die Nerven; denn es kam vor, daß
ich zwei volle Wochen kein menschliches Antlitz sah. Wenn es gar zu
unerträglich wurde, wanderte ich hinauf zum Doktor, nur um einen
Menschen zu sehen, eine menschliche Stimme zu hören und zu fühlen, daß
ich nicht allein sei auf der großen Welt. Aber der Doktor war
schweigsam. Der tropische Busch macht schweigsam und denkend, und der
Doktor lebte hier ein Menschenalter, hatte sich hierher verkrochen,
wahrscheinlich weil er die Menschen nicht ertragen konnte, oder weil er
eine Enttäuschung erlebt hatte, aus der seine Seele zu retten eine
Flucht in den tropischen Busch die einzige Lösung gewesen war.
Wir konnten oftmals Stunden nebeneinander auf der Holzbank seiner
Veranda sitzen, ohne daß wir ein Wort sprachen. Über uns selbst hatten
wir nichts zu reden, über andere wollten wir nicht reden; und da auch
keiner von uns so närrisch war, dem andern seine Ansichten über Welt und
Geschehen aufzudrängen, wußten wir in der Tat nicht, was und worüber wir
hätten reden sollen. Aber die Schweigsamkeit des Doktors war doch
oftmals beängstigend. Es kam vor, daß er einen Satz begann, in dem er
ein Erlebnis, das er hier in den Tropen gehabt hatte, zu erzählen
gedachte. Aber wenn der Satz zur Hälfte gesprochen war, zündete er sich
seine Pfeife an und vergaß, den Satz zu beenden. Entweder es reute ihn
plötzlich, irgendeines seiner zahlreichen Abenteuer mitzuteilen und es
dadurch aus seinem Privatbesitz fortzugeben, oder aber er hatte seinen
Satz im stillen zu Ende gedacht, während er glaubte, er habe ihn
gesprochen. Er konnte häufig nicht entscheiden, ob er etwas gesagt oder
nur gedacht hatte.
„Haben Sie jemals ein Buch geschrieben?“ fragte ich ihn eines Tages.
„Ein Buch?“ gab er zur Antwort. „Ein Buch? Viele.“
„Worüber, Doktor?“
„Über – was ich hier gesehen habe, was ich hier in den Jahren gedacht
habe, was Tiere taten, was Tiere mögen gedacht und gesagt haben, was der
Busch mir erzählte und die Musik, die ich hier gehört habe.“
„Veröffentlicht?“
„Niemals. Jedesmal, wenn ich ein Buch vollendet hatte, las ich es, fand
es gut und zerriß es. Warum sollte ich denn meine Bücher
veröffentlichen? Ich hatte meine Freude und meinen Genuß, wenn ich sie
schrieb. Für die Leute? Ich möchte wissen, warum? Die haben so viele
gute Bücher, die sie nicht lesen. Warum sollte ich ihnen noch mehr
geben? Zudem würden die Leute meine Bücher gar nicht glauben. Sie würden
mich für unsinnig erklären, und ich müßte mich vielleicht gar noch mit
ihnen herumstreiten, um sie zu überzeugen, daß ich recht habe und daß
ich die Wahrheit sprach. Immerhin, es ist mir ganz gleichgültig. Ich bin
auch der Meinung, daß die besten Bücher, die jemals geschrieben wurden,
entweder auf Papier oder im Geist, diejenigen sind, die niemals
veröffentlicht wurden. Hinter jedem veröffentlichten Buche liegt etwas
auf der Lauer, das nicht zugunsten des Werkes spricht und das den
Menschen hindert, das Beste zu schaffen, dessen er fähig ist.“
Ich hatte zuweilen das Empfinden, daß der Doktor vor langer Zeit schon
gestorben sei, daß er es selbst nicht wisse, daß er tot sei, und daß er
darum hier noch sitze, weil niemand da sei, der sehen könne, daß er tot
sei, und niemand komme, ihn zu begraben. Wenn man sorgfältig um sich
blickt, wird man leicht finden, daß eigentlich nur die Menschen sterben
und begraben werden, die Erben haben oder für die jemand zu sorgen hat.
Wenn der Doktor mir erzählt hätte, er säße hier bereits vierhundert
Jahre und sei mit den ersten Weißen hier angekommen, ich würde es ihm
ohne weiteres geglaubt haben.