„Fünfzig Centavos, Senjor“, antwortete der Indianer.
„Gut, ich kaufe eines, ich weiß schon, wem ich damit eine Freude machen
kann.“ Er hatte erwartet, daß das Körbchen zwei Pesos kosten würde.
Als ihm das klar zum Bewußtsein kam, dachte er sofort an Geschäfte.
Er fragte: „Wenn ich Ihnen nun zehn dieser Körbchen abkaufe, was kostet
dann das Stück?“
Der Indianer dachte eine Weile und sagte: „Dann kostet das Stück
fünfundvierzig Centavos.“
„All right, muy bien, und wenn ich hundert kaufe, wieviel kostet dann
das Stück?“
Der Indianer rechnete wieder eine Weile: „Dann kostet das Stück vierzig
Centavos.“
Der Amerikaner kaufte vierzehn Körbchen. Das war alles, was der Indianer
auf Vorrat hatte.
Als der Amerikaner nun glaubte, Mexiko gesehen zu haben und gut zu
kennen, reiste er zurück nach New York. Und als er wieder mitten drin
war in seinen Geschäften, dachte er an die Körbchen.
Er ging zu einem Großschokoladenhändler und sagte zu ihm: „Ich kann
Ihnen hier ein Körbchen anbieten, das sich als sehr originelle
Geschenkpackung für feine Schokoladen verwenden läßt.“
Der Schokoladenhändler besah sich das Körbchen mit großer Sachkenntnis.
Er rief seinen Teilhaber herbei und endlich auch noch seinen Manager.
Sie besprachen sich, und dann sagte der Händler: „Ich werde Ihnen morgen
den Preis sagen, den ich zu zahlen gewillt bin. Oder wieviel verlangen
Sie?“
„Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich nur nach Ihrem Angebot
richten kann, ob Sie die Körbchen erhalten. Ich verkaufe diese Körbchen
nur an das Haus, das am meisten dafür bietet.“
Nächsten Tag kam der Mexikokenner wieder zu jenem Händler.
Sagte der Händler: „Ich kann für das Körbchen vier, vielleicht gar fünf
Dollar bekommen. Es ist die originellste und schönste Packung, die wir
dem Markte anbieten können. Ich zahle zwei und einen halben Dollar das
Stück, Hafen New York, Zoll und Fracht auf meine Lasten, Verpackung zu
Ihren Lasten.“
Der Mexikoreisende rechnete nach. Der Indianer hatte ihm bei einer
Abnahme von hundert das Stück für vierzig Centavos angeboten, das waren
zwanzig Cents. Er verkaufte das Stück für zwei und einen halben Dollar.
Dadurch verdiente er am Stück zwei Dollar dreißig Cent oder ungefähr
zwölfhundert Prozent.
„Ich denke, ich kann es für diesen Preis tun“, sagte er.
Worauf der Händler antwortete:
„Aber unter einer wichtigen Bedingung. Sie müssen mir fünftausend Stück
dieser Körbchen liefern können. Weniger hat für mich gar keinen Wert,
weil sich sonst die Reklame nicht bezahlt, die ich für diese Neuheit
machen muß. Und ohne Reklame kann ich den Preis nicht herausholen.“
„Abgeschlossen“, sagte der Mexikokenner. Er hatte rund etwa zwölftausend
Dollar verdient, von welchem Betrage nur die Reise abging und der
Transport bis zur nächsten Bahnstation.
Er reiste sofort zurück nach Mexiko und suchte den Indianer auf.
„Ich habe ein großes Geschäft für Sie“, sagte der Amerikaner. „Können
Sie fünftausend dieser Körbchen anfertigen?“
„Ja, das kann ich gut. Soviel wie Sie haben wollen. Es dauert eine Zeit.
Der Bast muß vorsichtig behandelt werden, das kostet Zeit. Aber ich kann
so viele Körbchen machen, wie Sie wollen.“
Der Amerikaner hatte erwartet, daß der Indianer, als er von dem großen
Geschäft hörte, halbtoll werden würde, etwa wie ein amerikanischer
Automobilhändler, der auf einen Schlag fünfzig Dodge Brothers verkauft
hat. Aber der Indianer regte sich nicht auf. Er stand nicht einmal hoch
von seiner Arbeit. Er flocht ruhig weiter an seinem Körbchen, das er
gerade in den Händen hatte.
Es waren vielleicht noch fünfhundert Dollar extra zu verdienen, womit
die Reisekosten hätten gedeckt werden können, dachte der Amerikaner;
denn bei einem so großen Auftrag konnte der Preis für das einzelne
Körbchen sicher noch ein wenig herabgedrückt werden.
„Sie haben mir gesagt, daß Sie mir die Körbchen das Stück für vierzig
Centavos verkaufen können, wenn ich hundert Stück bestelle“, sagte der
Amerikaner nun.
„Ja, das habe ich gesagt“, bestätigte der Indianer. „Was ich gesagt
habe, dabei bleibt es.“
„Gut dann“, redete der Amerikaner weiter, „aber Sie haben mir nicht
gesagt, wieviel ein Körbchen kostet, wenn ich tausend Stück bestelle.“
„Sie haben mich nicht darum befragt, Senjor.“
„Das ist richtig. Aber ich möchte Sie jetzt um den Preis für das Stück
fragen, wenn ich tausend Stück bestelle und wenn ich fünftausend Stück
bestelle.“
Der Indianer unterbrach jetzt seine Arbeit, um nachrechnen zu können.
Nach einer Weile sagte er: „Das ist zu viel, das kann ich so schnell
nicht ausrechnen. Das muß ich mir erst gut überlegen. Ich werde darüber
schlafen und es Ihnen morgen sagen.“
Der Amerikaner kam am nächsten Morgen zum Indianer, um über den neuen
Preis zu hören.
Er fragte: „Haben Sie den Preis für tausend und für fünftausend Stück
ausgerechnet?“
„Ja, das habe ich, Senjor. Und ich habe mir viel Mühe und Sorge gemacht,
das gut und genau auszurechnen, um nicht zu betrügen. Der Preis ist ganz
genau ausgerechnet. Also wenn ich tausend Stück machen soll, dann kostet
das Stück zwei Pesos, und wenn ich fünftausend Stück machen soll, dann
kostet das Stück vier Pesos.“
Der Amerikaner war sicher, nicht richtig verstanden zu haben. Vielleicht
war sein schlechtes Spanisch daran schuld.
Um den Irrtum richtigzustellen, fragte er: „Zwei Pesos für das Stück bei
tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend? Aber Sie haben mir
doch gesagt, daß bei hundert das Stück vierzig Centavos kostet.“
„Das ist auch die Wahrheit. Ich verkaufe Ihnen hundert das Stück für
vierzig Centavos.“ Der Indianer blieb sehr ruhig, denn er hatte sich
alles ausgerechnet, und es lag kein Grund vor, zu streiten. „Senjor, Sie
müssen das doch selbst einsehen, daß ich bei tausend Stück viel mehr
Arbeit habe als mit hundert, und mit fünftausend habe ich noch viel mehr
Arbeit als mit tausend. Das ist gewiß jedem vernünftigen Menschen klar.
Ich brauche für tausend viel mehr Bast, habe viel länger nach den Farben
zu suchen und sie auszukochen. Der Bast liegt nicht gleich so fertig da.
Der muß gut und sorgfältig getrocknet werden. Und wenn ich so viele
tausend Körbchen machen soll, was wird denn dann aus meinem Maisfeld und
aus meinem Vieh? Und dann müssen mir meine Söhne, meine Brüder und meine
Neffen und Onkel helfen beim Flechten. Was wird denn da aus deren
Maisfeldern und aus deren Vieh? Das wird dann alles sehr teuer. Ich habe
gewiß gedacht, Ihnen sehr gefällig zu sein und so billig wie möglich.
Aber das ist mein letztes Wort, Senjor, verdad, ultima palabra, zwei
Pesos das Stück bei tausend und vier Pesos das Stück bei fünftausend.“
Der Amerikaner redete und handelte mit dem Indianer den halben Tag, um
ihm klarzumachen, daß hier Rechenfehler vorliegen. Er gebrauchte ein
neues Notizbuch voll von Blättern, um an Ziffern zu beweisen, wie der
Indianer für sich ein Vermögen verdienen könne, bei einem Preis von
vierzig Centavos für das Stück, und wie man Unkosten und Materialkosten
und Löhne verrechnet.
Der Indianer sah sich die Ziffern verständnisvoll an, und er bewunderte
die Schnelligkeit, mit der der Amerikaner die Ziffern niederschreiben
und aufsummieren, zerdividieren und durchmultiplizieren konnte. Aber im
Grunde machte es wenig Eindruck auf ihn, weil er Ziffern und Buchstaben
nicht zu lesen vermochte und aus der klugen, volkswirtschaftlich sehr
bedeutenden Vorlesung des Amerikaners keinen anderen Nutzen zog als den,
daß er lernte, daß ein Amerikaner stundenlang reden kann, ohne etwas zu
sagen.
Als der Amerikaner dann endlich erkannte, daß er den Indianer von seinen
Rechenfehlern überzeugt hatte, klopfte er ihm auf die Schulter und
fragte: „Also, mein guter Freund, wie steht nun der Preis?“
„Zwei Pesos das Stück für tausend, und vier Pesos das Stück für
fünftausend.“ Der Indianer hockte sich nieder und fügte hinzu: „Ich muß
jetzt aber doch wieder an meine Arbeit gehen, entschuldigen Sie mich,
Senjor.“
Der Amerikaner reiste in Wut zurück nach New York, und alles, was er zu
dem Schokoladenhändler sagen konnte, um seinen Vertrag lösen zu können,
war: „Mit den Mexikanern kann man kein Geschäft machen, für diese Leute
ist keine Hoffnung.“
So wurde New York davor bewahrt, von Tausenden dieser köstlichen kleinen
Kunstwerke überschwemmt zu werden. Und so wurde es möglich, zu verhüten,
daß diese Ausdrücke der Seele eines mexikanischen Indianers in den
Kehrichttonnen von Fifth Avenue gefunden wurden, weil sie keinen Wert
mehr hatten, nachdem die Schokoladen herausgeknabbert waren.
Ich habe sowohl den Amerikaner getroffen als auch den Indianer. Der
Amerikaner ließ mich nicht zu Worte kommen, um zu hören, was ich darüber
dachte; er hatte zuviel zu erzählen, um mir klarzumachen, daß Mexiko ein
hoffnungsloses Land ist.
Der Indianer dahingegen ließ mir Zeit, ihn zu fragen: „Warum haben Sie
denn das Geschäft nicht getan, es war gewiß gut daran zu verdienen?“
Sagte der Indianer: „Da war gut daran zu verdienen; und ich hätte mir
die Jerseykuh kaufen können, die ich im Sinne habe. Aber sehen Sie,
Senjor, tausend Körbchen kann ich nicht so schön machen wie zwanzig. Die
hätten alle ausgesehen eines wie das andere. Das hätte mir nicht
gefallen. Aber ich konnte dem Senjor ja nicht sagen, daß ich so viele
Körbchen nicht machen wolle. Er hätte geglaubt, ich wolle ihn
beleidigen, und ich wollte ihn gewiß nicht beleidigen. Und darum habe
ich gesagt zwei Pesos und vier Pesos, weil ich wußte, daß er für diesen
Preis nicht so viele bestellen wird. Ich habe auch genug Arbeit zu tun
und wünsche gar nicht, noch mehr zu haben.“