14. November.

Sehr geehrter Herr!

Drei Tage habe ich gewartet; habe mich bemüht, sie nützlich zu

verbringen – indem ich, eingedenk der Regel, daß Höflichkeit und Anstand

die erste Zierde eines jeden Menschen sind, Sie nach meinem letzten

Schreiben vom Zehnten dieses Monats weder mit einem Wort noch einer Tat

an mich erinnerte, einesteils um Ihnen Zeit zu geben, ungestört Ihrer

Christenpflicht der Tante gegenüber nachzukommen, anderenteils auch

deshalb, weil ich zu gewissen Erwägungen und Ermittelungen in der

bewußten Angelegenheit selbst der Zeit bedurfte. Jetzt jedoch will ich

nicht mehr zögern, mich endgültig und entschieden mit Ihnen

auszusprechen.

Ich gestehe Ihnen offen, daß ich beim Lesen Ihrer zwei ersten Briefe

allen Ernstes der Meinung war, Sie hätten wirklich nicht begriffen, was

ich wollte; es war dies denn auch hauptsächlich der Grund, weshalb ich

Sie unbedingt zu treffen und unter vier Augen zu sprechen wünschte,

weshalb ich die Angelegenheit nicht dem Papier anzuvertrauen wagte und

mir selbst die Möglichkeit einer Unklarheit in meiner schriftlichen

Ausdrucksweise vorhielt. Wie Sie wissen, habe ich keine besondere

Erziehung genossen und habe mir auch keine feinen Manieren aneignen

können; hohles Geckentum aber ist mir fremd, denn die bittere Erfahrung

hat mich gelehrt, wie trügerisch oft das Äußere sein kann, sowie, daß

unter Blumen sich nicht selten Schlangen verbergen. Doch Sie haben mich

verstanden; geantwortet aber hatten Sie mir nur deshalb nicht so, wie es

sich gehörte, weil Sie in der Falschheit Ihrer Seele schon von Anfang an

bei sich beschlossen, Ihr Ehrenwort zu brechen und damit auch das

zwischen uns bestehende Freundschaftsverhältnis zu lösen. Der Beweis

hierfür ist Ihr schändliches Benehmen mir gegenüber, ein Benehmen, das

mir und meinen Interessen geradezu verderblich ist – was ich von Ihnen

nie erwartet hätte und woran ich bis zu diesem Augenblick nicht habe

glauben wollen, denn bestrickt, wie ich von Anfang unserer Bekanntschaft

an durch Ihre guten Manieren war, durch Ihre feinen Umgangsformen, durch

Ihre Sachkenntnis und nicht zuletzt auch durch die Vorteile, die mir aus

Ihrer Bekanntschaft erwachsen konnten, nahm ich an, daß ich in Ihnen

einen aufrichtigen Freund, einen echten Kameraden gefunden hatte, der

mir wirkliches Wohlwollen entgegenbrachte. Jetzt jedoch habe ich

erkennen müssen, daß es Menschen gibt, die unter einem trügerischen,

glänzenden Äußeren in ihrem Herzen Gift verbergen, die ihren Verstand zu

nichts anderem benutzen, als zum Ränkeschmieden wider ihren Nächsten und

zu häßlichem, hinterlistigem Betruge, und die es deshalb stets umgehen,

ihre Worte schwarz auf weiß zu geben und dabei ihre Stilgewandtheit

nicht zu Nutz und Frommen ihrer Freunde und ihres Vaterlandes

gebrauchen, sondern einzig zur Einschläferung und Umgarnung der Vernunft

derjenigen, die sich auf Unternehmungen und Vereinbarungen mit Ihnen

eingelassen haben. Ihre Falschheit mir gegenüber geht nur zu deutlich

aus folgendem hervor.

Erstens: als ich in meinem Brief klar und unmißverständlich Ihnen, mein

sehr verehrter Herr, die Lage schilderte, in der ich mich befand, und

gleichzeitig – in meinem ersten Brief – die Frage an Sie stellte, was

Sie mit einzelnen Ausdrücken und angedeuteten Absichten, vornehmlich in

bezug auf Jewgenij Nikolajewitsch, gesagt haben wollten, da verstanden

Sie es, das Wesentliche mit Stillschweigen zu übergehen und sich,

nachdem Sie in mir Zweifel und Argwohn geweckt, ruhig wieder aus der

Affäre zu ziehen. Darauf, d. h. nachdem Sie so etwas mit mir in Szene

gesetzt hatten, was sich nicht einmal mit einem anständigen Wort

bezeichnen läßt, schrieben Sie an mich und beklagten sich in wehleidigem

Tone über mich bei mir selbst! Wie wünschen Sie wohl, daß man das nennen

soll, mein Herr? Sodann, als mir jeder Augenblick teuer war und Sie mich

im ganzen Weichbilde der Haupt- und Residenzstadt auf der Suche nach

Ihnen umherlaufen ließen, schrieben Sie mir unter der Maske der

Freundschaft Briefe, in denen Sie absichtlich mit keiner Silbe die

Hauptsache berührten, sondern sich statt dessen ausschließlich in

Nebensächlichkeiten ergingen: Sie schrieben mir von Ihrer, von mir

allerdings unter allen Umständen sehr geachteten Gemahlin und teilten

mir mit, daß der Arzt Ihrem Kleinen ein Abführmittelchen verordnet habe

und daß bei ihm das erste Zähnchen durchgebrochen sei. Von allen diesen

Dingen schrieben Sie in jedem Ihrer Briefe mit einer Regelmäßigkeit, die

für mich geradezu kränkend war. Natürlich, ich will gern zugeben, daß

die Qualen des eigenen Kindes jedes Vaterherz bedrücken können, doch

wozu davon gerade dann reden, wenn es sich um ganz Anderes, Wichtigeres,

Notwendigeres handelt? Ich schwieg und geduldete mich – so schwer es mir

auch fiel. Jetzt aber, wo die Zeit Ihrer Inanspruchnahme durch den

Todesfall Ihrer Tante verstrichen ist, glaube ich, es mir selbst

schuldig zu sein, die Auseinandersetzung nun endlich und zwar

unverzüglich herbeizuführen. Ferner haben Sie mir durch trügerische

Angaben von Orten, an denen ich Sie sollte treffen können, und an denen

ich Sie doch niemals traf, offenbar die Rolle Ihres Narren oder

Spaßmachers aufzwingen wollen, der zu sein ich nicht die geringste Lust

verspüre. Darauf, nachdem Sie mich noch vorher zu sich eingeladen und

selbstverständlich vergeblich auf sich hatten warten lassen, teilten Sie

mir mit, daß Sie zu Ihrer leidenden Tante abberufen worden seien, die um

Punkt fünf Uhr nachmittags einen Schlaganfall gehabt habe, womit Sie

anscheinend peinlich gewissenhaft den wahren Sachverhalt klarlegten. Zum

Glück jedoch habe ich, sehr geehrter Herr, im Laufe dieser drei Tage

Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen, wodurch ich erfahren habe, daß

Ihre Tante bereits am Abend des Siebenten, kurz vor Mitternacht, von

einem Schlagfluß betroffen worden ist. Daraus ersehe ich, daß Sie sogar

die Heiligkeit Ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gemißbraucht

haben, um andere Menschen zu betrügen. Endlich schreiben Sie in Ihrem

letzten Brief vom Tode dieser Ihrer Tante, die nach Ihrer Angabe gerade

zu der Stunde entschlafen sein soll, in der ich mich zwecks bewußter

Unterredung auf Ihre eigene Aufforderung hin bei Ihnen einfinden sollte

und mich in der Tat auch einfand. Doch hier übersteigt die

Schändlichkeit Ihrer Berechnungen und Erfindungen jede Glaubwürdigkeit,

denn, wie es mir, dank einem glücklichen Zufall, aus der sichersten

Quelle zu erfahren gelungen ist, ist Ihre Frau Tante erst runde

vierundzwanzig Stunden _nach_ der von Ihnen so gottlos angegebenen

Sterbestunde um elf Uhr nachts entschlafen, nämlich den _elften_

November, und nicht den _zehnten_!

Ich käme schwerlich zu einem Ende, wenn ich noch alle anderen Beweise

aufzählen wollte, die mir Ihre Falschheit offenbart haben. Doch für

jeden unparteiischen Beurteiler dürfte allein schon dieser eine Zug

genügen, daß Sie mich in jedem Ihrer Briefe ihren „aufrichtigen Freund“

nennen und mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten sagen, was Sie meines

Erachtens zu keinem anderen Zweck getan haben, als um mein Gewissen wie

meine Vorsicht einzuschläfern.

Ich komme jetzt zu Ihrem Hauptbetrug und Treubruch, der in folgenden

Punkten besteht: in Ihrem, in letzter Zeit unausgesetzt beobachteten

Stillschweigen über alles das, was unsere gemeinsamen Interessen

betrifft; ferner in der sträflichen Entwendung jenes Briefes, in dem Sie

– allerdings nur andeutungsweise und mir nicht ganz verständlich –

unseren beiderseitigen Vertrag nebst allen einzelnen Bedingungen

auseinandergesetzt hatten; drittens in der Tatsache, daß Sie mich in

einer nahezu barbarisch vergewaltigenden Weise um 350 Rubel anpumpten,

ohne jede Quittung oder sonstige Bestätigung, also nur auf Grund meiner

Eigenschaft als Ihr Kompagnon, sozusagen; und schließlich in Ihrer

schändlichen Verleumdung unseres gemeinsamen Bekannten Jewgenij

Nikolajewitsch.

Es ist mir jetzt auch vollkommen klar, was Sie mit der letztgenannten

Verleumdung eigentlich bezweckten: nämlich mir zu beweisen, daß von dem

Betreffenden, wie von einem – mit Verlaub zu sagen – Ziegenbock weder

Milch noch Wolle zu gewinnen sei; d. h. daß man von ihm gar keinen

Nutzen habe und daß er selber weder dies noch das, weder Fisch noch

Fleisch sei, was Sie ihm in Ihrem Brief vom Sechsten dieses Monats

deutlich als ein Gebrechen anrechnen. Ich aber kenne Jewgenij

Nikolajewitsch als bescheidenen und gesitteten jungen Mann: und gerade

das ist es, womit er einen für sich einnehmen, sich in der Gesellschaft

Achtung gewinnen und es in seiner Laufbahn noch einmal zu etwas bringen

kann. Auch ist es mir nicht unbekannt geblieben, daß Sie im Verlaufe von

ganzen zwei Wochen jeden Abend beim Hasardspiel mit ihm mindestens

mehrere Zehnrubelscheine, wenn nicht gar Hunderter, in Ihre Tasche

geschoben und somit auf diese Weise Jewgenij Nikolajewitsch mörderlich

gerupft haben. Jetzt aber scheint das alles von Ihnen vergessen zu sein

und anstatt mir für das, was ich durch Sie ausgestanden habe, zu danken,

eignen Sie sich auf Nimmerwiedersehen auch noch mein Geld an, indem Sie

mich vorher durch den Antrag, Ihr Kompagnon zu werden, und durch die

Aussicht auf verschiedene Vorteile, die mir dadurch erwachsen würden,

zur Hergabe einer beträchtlichen Summe verlocken. Jawohl: nachdem Sie

sich in so gesetzwidriger Weise von mir und Jewgenij Nikolajewitsch Geld

angeeignet haben, vergessen Sie jeden Dank, den Sie mir schuldig sind,

und gehen bis zur Verleumdung desjenigen, den ich allein durch meine

Empfehlungen in Ihrem Hause eingeführt habe. Sie selbst dagegen fahren,

nach den Aussagen Ihrer Freunde, bis auf den heutigen Tag fort, mit

Jewgenij Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele zu sein, ja, im

Überschwang der Gefühle küssen Sie ihn womöglich und stellen ihn aller

Welt als Ihren besten Freund vor, obschon es, wie ich hinzusetzen

möchte, so leicht keinen einzigen Dummen geben wird, der nicht sofort

und ganz genau erriete, auf was alle Ihre Absichten eigentlich

hinauslaufen und was Ihre Freundschaftsbeteuerungen in Wirklichkeit wert

sind. Ich wenigstens sage es offen, daß sie nichts als Lug und Trug

bedeuten, Falschheit und Hohn auf alle Anstandsbegriffe und

Menschenrechte, daß sie eine Schmähung Gottes sind und der Inbegriff

aller Lasterhaftigkeit. Als Beispiel und Beleg hierfür nenne ich mich

selbst! d. h. ich wollte sagen, die Erfahrungen, die ich mit Ihnen

gemacht habe. – Wann habe ich Sie je beleidigt oder Ihnen sonst ein

Unrecht angetan, daß Sie mich auf eine so tückische Art zu behandeln

wagen?

Ich schließe meinen Brief. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt.

Jetzt füge ich nur noch einen Satz hinzu: wenn Sie, mein Herr, nicht in

der kürzesten Frist nach Empfang dieses Briefes mir, erstens,

ungeschmälert den ganzen Ihnen von mir geliehenen Betrag, in Summa 350

Rubel, zurückerstatten, und zweitens alle mir Ihrem Versprechen gemäß

zustehenden Beträge auszahlen, so werde ich Mittel und Wege zu finden

wissen, Sie dazu zu zwingen, wenn es sein muß, sogar durch öffentliche

Anklage; denn ausdrücklich nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß mir

der Schutz der Gesetze zu Gebote steht; und zum Schluß möchte ich Ihnen

noch mitteilen, daß ich gewisse Papiere und damit Beweise in Händen

habe, die, sobald sie nicht mehr im Besitz Ihres ergebensten Dieners

verbleiben, Sie und Ihren Namen in den Augen der ganzen Welt doch recht

tief in den Schmutz herabziehen könnten.

Gestatten Sie usw.

Sämtliche Werke 15 · 第 32 / 38 题