Sehr geehrter Herr!
Drei Tage habe ich gewartet; habe mich bemüht, sie nützlich zu
verbringen – indem ich, eingedenk der Regel, daß Höflichkeit und Anstand
die erste Zierde eines jeden Menschen sind, Sie nach meinem letzten
Schreiben vom Zehnten dieses Monats weder mit einem Wort noch einer Tat
an mich erinnerte, einesteils um Ihnen Zeit zu geben, ungestört Ihrer
Christenpflicht der Tante gegenüber nachzukommen, anderenteils auch
deshalb, weil ich zu gewissen Erwägungen und Ermittelungen in der
bewußten Angelegenheit selbst der Zeit bedurfte. Jetzt jedoch will ich
nicht mehr zögern, mich endgültig und entschieden mit Ihnen
auszusprechen.
Ich gestehe Ihnen offen, daß ich beim Lesen Ihrer zwei ersten Briefe
allen Ernstes der Meinung war, Sie hätten wirklich nicht begriffen, was
ich wollte; es war dies denn auch hauptsächlich der Grund, weshalb ich
Sie unbedingt zu treffen und unter vier Augen zu sprechen wünschte,
weshalb ich die Angelegenheit nicht dem Papier anzuvertrauen wagte und
mir selbst die Möglichkeit einer Unklarheit in meiner schriftlichen
Ausdrucksweise vorhielt. Wie Sie wissen, habe ich keine besondere
Erziehung genossen und habe mir auch keine feinen Manieren aneignen
können; hohles Geckentum aber ist mir fremd, denn die bittere Erfahrung
hat mich gelehrt, wie trügerisch oft das Äußere sein kann, sowie, daß
unter Blumen sich nicht selten Schlangen verbergen. Doch Sie haben mich
verstanden; geantwortet aber hatten Sie mir nur deshalb nicht so, wie es
sich gehörte, weil Sie in der Falschheit Ihrer Seele schon von Anfang an
bei sich beschlossen, Ihr Ehrenwort zu brechen und damit auch das
zwischen uns bestehende Freundschaftsverhältnis zu lösen. Der Beweis
hierfür ist Ihr schändliches Benehmen mir gegenüber, ein Benehmen, das
mir und meinen Interessen geradezu verderblich ist – was ich von Ihnen
nie erwartet hätte und woran ich bis zu diesem Augenblick nicht habe
glauben wollen, denn bestrickt, wie ich von Anfang unserer Bekanntschaft
an durch Ihre guten Manieren war, durch Ihre feinen Umgangsformen, durch
Ihre Sachkenntnis und nicht zuletzt auch durch die Vorteile, die mir aus
Ihrer Bekanntschaft erwachsen konnten, nahm ich an, daß ich in Ihnen
einen aufrichtigen Freund, einen echten Kameraden gefunden hatte, der
mir wirkliches Wohlwollen entgegenbrachte. Jetzt jedoch habe ich
erkennen müssen, daß es Menschen gibt, die unter einem trügerischen,
glänzenden Äußeren in ihrem Herzen Gift verbergen, die ihren Verstand zu
nichts anderem benutzen, als zum Ränkeschmieden wider ihren Nächsten und
zu häßlichem, hinterlistigem Betruge, und die es deshalb stets umgehen,
ihre Worte schwarz auf weiß zu geben und dabei ihre Stilgewandtheit
nicht zu Nutz und Frommen ihrer Freunde und ihres Vaterlandes
gebrauchen, sondern einzig zur Einschläferung und Umgarnung der Vernunft
derjenigen, die sich auf Unternehmungen und Vereinbarungen mit Ihnen
eingelassen haben. Ihre Falschheit mir gegenüber geht nur zu deutlich
aus folgendem hervor.
Erstens: als ich in meinem Brief klar und unmißverständlich Ihnen, mein
sehr verehrter Herr, die Lage schilderte, in der ich mich befand, und
gleichzeitig – in meinem ersten Brief – die Frage an Sie stellte, was
Sie mit einzelnen Ausdrücken und angedeuteten Absichten, vornehmlich in
bezug auf Jewgenij Nikolajewitsch, gesagt haben wollten, da verstanden
Sie es, das Wesentliche mit Stillschweigen zu übergehen und sich,
nachdem Sie in mir Zweifel und Argwohn geweckt, ruhig wieder aus der
Affäre zu ziehen. Darauf, d. h. nachdem Sie so etwas mit mir in Szene
gesetzt hatten, was sich nicht einmal mit einem anständigen Wort
bezeichnen läßt, schrieben Sie an mich und beklagten sich in wehleidigem
Tone über mich bei mir selbst! Wie wünschen Sie wohl, daß man das nennen
soll, mein Herr? Sodann, als mir jeder Augenblick teuer war und Sie mich
im ganzen Weichbilde der Haupt- und Residenzstadt auf der Suche nach
Ihnen umherlaufen ließen, schrieben Sie mir unter der Maske der
Freundschaft Briefe, in denen Sie absichtlich mit keiner Silbe die
Hauptsache berührten, sondern sich statt dessen ausschließlich in
Nebensächlichkeiten ergingen: Sie schrieben mir von Ihrer, von mir
allerdings unter allen Umständen sehr geachteten Gemahlin und teilten
mir mit, daß der Arzt Ihrem Kleinen ein Abführmittelchen verordnet habe
und daß bei ihm das erste Zähnchen durchgebrochen sei. Von allen diesen
Dingen schrieben Sie in jedem Ihrer Briefe mit einer Regelmäßigkeit, die
für mich geradezu kränkend war. Natürlich, ich will gern zugeben, daß
die Qualen des eigenen Kindes jedes Vaterherz bedrücken können, doch
wozu davon gerade dann reden, wenn es sich um ganz Anderes, Wichtigeres,
Notwendigeres handelt? Ich schwieg und geduldete mich – so schwer es mir
auch fiel. Jetzt aber, wo die Zeit Ihrer Inanspruchnahme durch den
Todesfall Ihrer Tante verstrichen ist, glaube ich, es mir selbst
schuldig zu sein, die Auseinandersetzung nun endlich und zwar
unverzüglich herbeizuführen. Ferner haben Sie mir durch trügerische
Angaben von Orten, an denen ich Sie sollte treffen können, und an denen
ich Sie doch niemals traf, offenbar die Rolle Ihres Narren oder
Spaßmachers aufzwingen wollen, der zu sein ich nicht die geringste Lust
verspüre. Darauf, nachdem Sie mich noch vorher zu sich eingeladen und
selbstverständlich vergeblich auf sich hatten warten lassen, teilten Sie
mir mit, daß Sie zu Ihrer leidenden Tante abberufen worden seien, die um
Punkt fünf Uhr nachmittags einen Schlaganfall gehabt habe, womit Sie
anscheinend peinlich gewissenhaft den wahren Sachverhalt klarlegten. Zum
Glück jedoch habe ich, sehr geehrter Herr, im Laufe dieser drei Tage
Zeit gehabt, Erkundigungen einzuziehen, wodurch ich erfahren habe, daß
Ihre Tante bereits am Abend des Siebenten, kurz vor Mitternacht, von
einem Schlagfluß betroffen worden ist. Daraus ersehe ich, daß Sie sogar
die Heiligkeit Ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen gemißbraucht
haben, um andere Menschen zu betrügen. Endlich schreiben Sie in Ihrem
letzten Brief vom Tode dieser Ihrer Tante, die nach Ihrer Angabe gerade
zu der Stunde entschlafen sein soll, in der ich mich zwecks bewußter
Unterredung auf Ihre eigene Aufforderung hin bei Ihnen einfinden sollte
und mich in der Tat auch einfand. Doch hier übersteigt die
Schändlichkeit Ihrer Berechnungen und Erfindungen jede Glaubwürdigkeit,
denn, wie es mir, dank einem glücklichen Zufall, aus der sichersten
Quelle zu erfahren gelungen ist, ist Ihre Frau Tante erst runde
vierundzwanzig Stunden _nach_ der von Ihnen so gottlos angegebenen
Sterbestunde um elf Uhr nachts entschlafen, nämlich den _elften_
November, und nicht den _zehnten_!
Ich käme schwerlich zu einem Ende, wenn ich noch alle anderen Beweise
aufzählen wollte, die mir Ihre Falschheit offenbart haben. Doch für
jeden unparteiischen Beurteiler dürfte allein schon dieser eine Zug
genügen, daß Sie mich in jedem Ihrer Briefe ihren „aufrichtigen Freund“
nennen und mir alle möglichen Liebenswürdigkeiten sagen, was Sie meines
Erachtens zu keinem anderen Zweck getan haben, als um mein Gewissen wie
meine Vorsicht einzuschläfern.
Ich komme jetzt zu Ihrem Hauptbetrug und Treubruch, der in folgenden
Punkten besteht: in Ihrem, in letzter Zeit unausgesetzt beobachteten
Stillschweigen über alles das, was unsere gemeinsamen Interessen
betrifft; ferner in der sträflichen Entwendung jenes Briefes, in dem Sie
– allerdings nur andeutungsweise und mir nicht ganz verständlich –
unseren beiderseitigen Vertrag nebst allen einzelnen Bedingungen
auseinandergesetzt hatten; drittens in der Tatsache, daß Sie mich in
einer nahezu barbarisch vergewaltigenden Weise um 350 Rubel anpumpten,
ohne jede Quittung oder sonstige Bestätigung, also nur auf Grund meiner
Eigenschaft als Ihr Kompagnon, sozusagen; und schließlich in Ihrer
schändlichen Verleumdung unseres gemeinsamen Bekannten Jewgenij
Nikolajewitsch.
Es ist mir jetzt auch vollkommen klar, was Sie mit der letztgenannten
Verleumdung eigentlich bezweckten: nämlich mir zu beweisen, daß von dem
Betreffenden, wie von einem – mit Verlaub zu sagen – Ziegenbock weder
Milch noch Wolle zu gewinnen sei; d. h. daß man von ihm gar keinen
Nutzen habe und daß er selber weder dies noch das, weder Fisch noch
Fleisch sei, was Sie ihm in Ihrem Brief vom Sechsten dieses Monats
deutlich als ein Gebrechen anrechnen. Ich aber kenne Jewgenij
Nikolajewitsch als bescheidenen und gesitteten jungen Mann: und gerade
das ist es, womit er einen für sich einnehmen, sich in der Gesellschaft
Achtung gewinnen und es in seiner Laufbahn noch einmal zu etwas bringen
kann. Auch ist es mir nicht unbekannt geblieben, daß Sie im Verlaufe von
ganzen zwei Wochen jeden Abend beim Hasardspiel mit ihm mindestens
mehrere Zehnrubelscheine, wenn nicht gar Hunderter, in Ihre Tasche
geschoben und somit auf diese Weise Jewgenij Nikolajewitsch mörderlich
gerupft haben. Jetzt aber scheint das alles von Ihnen vergessen zu sein
und anstatt mir für das, was ich durch Sie ausgestanden habe, zu danken,
eignen Sie sich auf Nimmerwiedersehen auch noch mein Geld an, indem Sie
mich vorher durch den Antrag, Ihr Kompagnon zu werden, und durch die
Aussicht auf verschiedene Vorteile, die mir dadurch erwachsen würden,
zur Hergabe einer beträchtlichen Summe verlocken. Jawohl: nachdem Sie
sich in so gesetzwidriger Weise von mir und Jewgenij Nikolajewitsch Geld
angeeignet haben, vergessen Sie jeden Dank, den Sie mir schuldig sind,
und gehen bis zur Verleumdung desjenigen, den ich allein durch meine
Empfehlungen in Ihrem Hause eingeführt habe. Sie selbst dagegen fahren,
nach den Aussagen Ihrer Freunde, bis auf den heutigen Tag fort, mit
Jewgenij Nikolajewitsch ein Herz und eine Seele zu sein, ja, im
Überschwang der Gefühle küssen Sie ihn womöglich und stellen ihn aller
Welt als Ihren besten Freund vor, obschon es, wie ich hinzusetzen
möchte, so leicht keinen einzigen Dummen geben wird, der nicht sofort
und ganz genau erriete, auf was alle Ihre Absichten eigentlich
hinauslaufen und was Ihre Freundschaftsbeteuerungen in Wirklichkeit wert
sind. Ich wenigstens sage es offen, daß sie nichts als Lug und Trug
bedeuten, Falschheit und Hohn auf alle Anstandsbegriffe und
Menschenrechte, daß sie eine Schmähung Gottes sind und der Inbegriff
aller Lasterhaftigkeit. Als Beispiel und Beleg hierfür nenne ich mich
selbst! d. h. ich wollte sagen, die Erfahrungen, die ich mit Ihnen
gemacht habe. – Wann habe ich Sie je beleidigt oder Ihnen sonst ein
Unrecht angetan, daß Sie mich auf eine so tückische Art zu behandeln
wagen?
Ich schließe meinen Brief. Was ich zu sagen hatte, habe ich gesagt.
Jetzt füge ich nur noch einen Satz hinzu: wenn Sie, mein Herr, nicht in
der kürzesten Frist nach Empfang dieses Briefes mir, erstens,
ungeschmälert den ganzen Ihnen von mir geliehenen Betrag, in Summa 350
Rubel, zurückerstatten, und zweitens alle mir Ihrem Versprechen gemäß
zustehenden Beträge auszahlen, so werde ich Mittel und Wege zu finden
wissen, Sie dazu zu zwingen, wenn es sein muß, sogar durch öffentliche
Anklage; denn ausdrücklich nicht unerwähnt möchte ich lassen, daß mir
der Schutz der Gesetze zu Gebote steht; und zum Schluß möchte ich Ihnen
noch mitteilen, daß ich gewisse Papiere und damit Beweise in Händen
habe, die, sobald sie nicht mehr im Besitz Ihres ergebensten Dieners
verbleiben, Sie und Ihren Namen in den Augen der ganzen Welt doch recht
tief in den Schmutz herabziehen könnten.
Gestatten Sie usw.