11. November.

Mein bester, verehrtester Freund Iwan Petrowitsch!

Ihr Brief hat mich in tiefster Seele betrübt. Und Sie, der Sie mein

bester, doch leider nur zu leicht ungerechter Freund sind, Sie schämen

sich nicht, mir, der ich Ihnen doch von allen am meisten zugetan bin, so

etwas zu schreiben – so übereilt zu urteilen, das Ganze nicht einmal zu

erklären und mich dann mit so beleidigendem Argwohn zu kränken?

Doch ich beeile mich, Ihnen Rede zu stehen und Ihre Anschuldigungen von

mir zu weisen.

Sie, Iwan Petrowitsch, haben mich gestern nur deshalb nicht dort

angetroffen, weil ich ganz plötzlich und unvorhergesehenermaßen an ein

Sterbelager gerufen wurde. Meine Tante Jewfimija Nikolajewna ist nämlich

gestern um elf Uhr nachts sanft entschlafen. Zum Anordner der sämtlichen

traurigen Obliegenheiten wurde ich durch einstimmigen Beschluß meiner

Verwandten gewählt. Da gab es denn für mich so viel zu tun, daß ich Sie

heute unmöglich treffen, ja nicht einmal ein paar Zeilen an Sie

schreiben konnte. So tut mir das Mißverständnis, zu dem es zwischen uns

gekommen ist, in der Seele leid. Meine Bemerkung über Jewgenij

Nikolajewitsch, die von mir scherzhaft und mehr so nebenbei geäußert

war, haben Sie ganz falsch verstanden und der Geschichte einen mich tief

kränkenden Sinn untergeschoben. Sie kommen auch auf das Geld zu sprechen

und verbergen nicht Ihre Befürchtungen. Was diese letzteren betrifft, so

bin ich bereit, allen Ihren Wünschen und Forderungen nachzukommen, doch

möchte ich Sie heute nur kurz daran erinnern, daß das Geld, die 350

Rubel, von mir in der vorigen Woche ausdrücklich nur unter gewissen

Bedingungen von Ihnen genommen worden sind, und zwar nicht als Darlehn!

In diesem Falle hätten Sie von mir unbedingt einen Wechsel oder eine

Quittung erhalten. Zu einer Erörterung der weiteren von Ihnen

angeführten Punkte will ich mich nicht herablassen. Ich sehe, daß alles

nur auf einem Mißverständnis Ihrerseits beruht, erkenne darin Ihre

gewohnte Übereiltheit in der Beurteilung menschlicher Verhältnisse, Ihre

Hitzigkeit und rücksichtslose Offenheit. Ich weiß jedoch, daß Ihr

Gerechtigkeitssinn und Ihr ehrlicher Charakter nicht lange bei solchem

Mißtrauen verbleiben und Sie mir noch einmal als erster die Hand zur

Versöhnung reichen werden. Sie sind in einem Irrtum befangen, Iwan

Petrowitsch, in einem sehr großen Irrtum!

Doch ungeachtet dessen, daß Ihr Brief mich tief verletzt hat, wäre ich

als erster bereit, heute noch mit meiner Entschuldigung zu Ihnen zu

kommen, nur habe ich leider so viel zu tun – heute sogar noch mehr als

gestern – daß ich schon halbtot bin und mich kaum noch auf den Füßen zu

halten vermag. Zur Vollendung meines Unglücks hat sich nun auch noch

meine Frau zu Bett legen müssen: ich befürchte eine ernste Krankheit.

Was den Kleinen betrifft, so geht es ihm jetzt Gott sei Dank etwas

besser. Doch ich schließe ... Die Geschäfte wollen erledigt sein und ich

habe ihrer mehr als einen ganzen Berg!

Verbleibe, teuerster Freund,

Ihr usw.

Sämtliche Werke 15 · 第 30 / 38 题