(1837. 1838).
Selten hat ein Land in den ersten Jahren seiner constitutionellen
Aera so wenig politische Regsamkeit gezeigt, als das Königreich
Sachsen. Im Jahre 1831 war die Verfassung gegeben worden. In den
andern deutschen Staaten, namentlich in Süddeutschland, waren die
ersten Jahre des constitutionellen Lebens für die Betheiligung der
Bürger an öffentlichen Dingen die lebendigsten und fruchtbringendsten
gewesen. In Sachsen dagegen verhielt sich der Unterthan im ersten
halben Jahrzehnt des Verfassungsstaates fast so ruhig und langweilig,
wie in den vergangenen Tagen des absoluten Königthums. Mannigfache
Gründe wirkten hierfür zusammen. Schon der erste Landtag des neuen
Verfassungsstaates hatte eine lebhafte Reaction am Werk gefunden:
die Bundesbeschlüsse von 1832 standen in frischer Wirksamkeit, die
Presse war noch mehr gefesselt als zuvor, weit wurden die Rechte der
Krone, eng diejenigen der Landtage überall ausgelegt. Zudem war den
Mißständen, welche in Sachsen die Bewegungen von 1830 hervorgerufen
hatten, schon durch die Verfassung im Wesentlichen abgeholfen und das
erleuchtete humane Ministerium Lindenau arbeitete eifrigst daran,
alle noch unerledigten gerechten Wünsche des Landes auf dem Wege
der Gesetzgebung zu befriedigen. Dem Ackerbau wurden die drückenden
Lasten abgenommen, eine neue Städte- und Landgemeindeordnung gab den
städtischen und ländlichen Gemeinden die Anfänge der Selbstverwaltung.
Die ungeheuren Vorrechte des Adels wurden überall zum gemeinen Nutzen
beschnitten. Außerordentlich bedeutend und epochemachend sind die
Reformen des Rechtslebens, die Sachsen dieser Zeit verdankt. Die
Finanzen des Staates erfreuten sich einer blühenden Lage; durchaus
loyal gestaltete die Regierung den Ständen die verfassungsmäßige
Feststellung und Controle des Staatshaushaltes. Ueberall ergreift die
Regierung in diesem Zeitraum die Führung zu Reformen, gestützt durch
das bürgerliche, oft auch durch das bäuerliche Element der Kammern,
häufig gehindert und fast immer befehdet durch den Adel der ersten
und zweiten Kammer. Die Regierung selbst erkennt schon in den ersten
Jahren die schweren Fehler des Wahlgesetzes. Streng nach Standes- und
Klasseninteressen sind beide Kammern zusammengesetzt. In ungeheurer
Mehrheit befindet sich das Element des ländlichen Grundbesitzes. Der
schwere Fehler, an dem noch heute die Sächsische Gesetzgebung in allen
Zweigen krankt, daß sie von Bauern für Bauern gemacht wird, trat damals
besonders grell hervor. Die Intelligenz, der selbstlose patriotische
Idealismus fanden kaum Zutritt zur Kammer nach diesem Wahlgesetz, nach
dem der Stand den Standesgenossen, und zwar immer aus dem eigenen
Wahlkreise (!), wählen mußte. Die Kammerverhandlungen der ersten Jahre
nach 1831 zeigen daher fast überall nur Standeshader, höchst selten die
Erörterung wichtiger politischer Princip- oder Freiheitsfragen.
Das wurde schon in etwas anders, als das rührige Voigtland, das schon
1831 einen Preßverein nach dem Muster der süddeutschen gegründet hatte,
im Jahre 1836 die Abgeordneten Carl Todt (Bürgermeister von Adorf) und
von Dieskau (Advocat und Patrimonialrichter aus Plauen) in den Landtag
sandte. Sie durchbrachen zum ersten Male die landesübliche Nüchternheit
und Genügsamkeit und ließen zum ersten Male im „Landhaussaale“ zu
Dresden jenen Ton des schwungvollen, kühnen und rücksichtslosen
Liberalismus vernehmen, der bisher nur aus weiter südlicher Ferne
nach Sachsen herübergedrungen war. Und wenn auch die beschränkte
Bureaukratie und Aristokratie, welcher hauptsächlich die Gegnerschaft
dieser jungen Opposition galt, sich über die Kleinheit dieser Fraction
vorläufig nur lustig machte, so erweckte doch die Unverzagtheit und
Ueberzeugungstreue, das unleugbare Geschick dieser Redner überall im
Lande den freudigsten Wiederhall und regte an zur Bildung thätiger, die
Opposition im Lande verstärkender politischer Kreise.
Aus dem großen, mehr zufällig zusammengewürfelten Kreise der Leipziger
Bekanntschaften hatte Robert Blum allmählich einen kleineren Ring
wirklicher Freunde ausgesondert, mit denen er und die mit ihm
immer inniger zusammenwuchsen. Harmlose gesellige Heiterkeit hatte
die jungen Männer anfangs zusammengeführt. Bald aber wurden die
allgemeinen Angelegenheiten der Stadt, des Landes, des großen deutschen
Vaterlandes in den Bereich der Verhandlungen gezogen und ernsthaft
durchgesprochen; gemeinsam wurde zu wichtigen Tagesfragen Stellung
genommen und in bestimmtem Sinne Einwirkung auf die öffentliche Meinung
beschlossen, durch die Presse, durch persönliche Agitation in der
Bürgerschaft, durch Betheiligung der Freunde an öffentlichen Festen
mit patriotischer Tendenz. In diesem engeren Kreise verkehrten die
Schriftsteller Hermann Marggraff, Carl Herloßsohn, Th. Hell, der
feurige Julius Mosen, so oft er Leipzig berührte, der kenntnißreiche,
ruhig erwägende Karl Andree, der joviale gottbegnadete Componist
Lortzing und Kapellmeister Stegmeyer, der blinde Dichter Dr. Theodor
Apel, der eifrig zur Localgeschichte der großen Völkerschlacht
sammelte; sie Alle patriotisch bewegt, wenn auch der practischen
Politik ihrer Natur oder ihrer Berufsthätigkeit nach nicht unmittelbar
zugewandt. Auf ein unmittelbares politisches Wirken dagegen drängten
andere Genossen dieses Freundeskreises: der feurige Dr. Georg Günther,
Mitredacteur der Leipziger Allgemeinen Zeitung, nicht minder der
von allen Revolutionen hoch begeisterte junge Historiker Burkhardt,
der eben an seiner Geschichte der neuesten Zeit arbeitete, lange
Jahre das beste Buch dieser Art, bis es durch die archivalischen
Forschungen späterer Geschichtsschreiber in Schatten gestellt wurde;
außerdem der bescheidene, fleißige und opferfreudige Journalist Carl
Cramer; der gelehrte und in allen öffentlichen Dingen eifrig und
scharfsinnig thätige junge Privatdocent der Rechte Dr. Schaffrath; die
patriotischen jungen Advocaten Dr. Hermann Joseph und Dr. Rudolf Rüder,
der formgewandte feine Buchhändler Robert Friese, der bald nachher es
wagte, in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ das erste Sächsische
Blatt herauszugeben, das, ganz unabhängig von der Regierung[19], die
radicalen Wünsche des jungen Deutschlands und des vorgeschrittenen
Sächsischen Liberalismus laut werden ließ. Bald, zu Anfang der 40er
Jahre, war dieses Blatt die gelesenste politische Zeitung Sachsens,
Blum einer der fleißigsten Mitarbeiter desselben.
Es darf nicht wunder nehmen, daß die ersten Schritte in das
politische Gebiet, welche dieser Freundeskreis that, der Ermunterung
und theilnehmenden Förderung patriotischer Feste galten. Haben wir
Deutschen doch noch mehr als zwanzig Jahre später, vom Ausgange der
Reaktionszeit 1859 an bis zum Kriege des Jahres 1866 in solchen
patriotischen Festen die geeignetste Form gesehen, um vaterländische
Gesinnungen und Wünsche auszusprechen und nationalen Sinn in den Massen
zu fördern. In dieser Absicht wurde von Blum und seinen Freunden
alljährlich das Constitutionsfest gefeiert, zu Schützenfesten angeregt
und vor Allem die für den 6. November 1837 projectirte Einweihung des
Gustav-Adolph-Denkmals bei Lützen zu einem großartigen vaterländischen
Volksfeste gemacht. Selbst ein so rein sächsisches Gemüth wie das
Große's hat in seiner Geschichte Leipzigs mit Rührung bekannt, wie
mächtig der Hauch deutschen Geistes an jenem Festtage zu spüren
gewesen und daß diese Richtung der Feststimmung vor Allem Leipzig zu
danken gewesen sei[20]. Schon wochenlang vorher hatten Blum und seine
Freunde in diesem Sinne gewirkt. Wir besitzen eine höchst weihevolle
Schilderung des Festes aus Blum's Feder[21], aus der hier einige der
characteristischsten Stellen folgen mögen:
„So ist er denn glücklich vorüber der feierliche Tag, der die Völker
zweier Nachbarländer in eine ungewöhnliche Bewegung setzte und im
ganzen norddeutschen Vaterlande einen freudigen Anklang fand, oder
doch finden sollte. Himmel und Erde schienen sich verschworen zu
haben, das Fest zu stören; in Leipzig stürzte am Abend vorher die
Brücke zusammen, über welche die ganze Karawane der Theilnehmer
ziehen mußte, und am Morgen regnete der Himmel unbarmherzig herab
auf den langen Zug der Fahrenden und Gehenden und machte ein so
unfreundliches Gesicht, daß man glauben mußte, er wolle allein
trauern an diesem Tage. Aber es war nur Verstellung; der Himmel hatte
uns eine Ueberraschung vorbehalten und gab ohne Subscription und
königliche Beisteuer eine Darstellung des 6. Nov. 1832 aus eigenen
Mitteln, denn die Geschichte erzählt uns ja, daß an diesem Tage der
Himmel in einen grauen Nebelmantel gehüllt war bis gegen Mittag, und
dann erst Licht herabsandte auf die kampfdürstenden Schaaren, daß sie
sich erkennen und erfassen konnten.... Viele mochten den Sinn der
Feier fühlen, für den Gedanken der Religionsfreiheit, der sich an den
Schwedenkönig knüpft, begeistert sein; allein an den Ausspruch einer
Begeisterung ist die deutsche Menge noch nicht gewöhnt. Hier und da
blickte aus dem Gewühl ein Auge gen Himmel oder ins nebelhafte Weite
und suchte nach einem Gustav Adolph, wie er der Gegenwart Noth thut.
Ziel- und zwecklos schlenderten wir durch die Straßen, der Dinge
harrend, die da kommen sollten. Aber auf dem Markte war plötzlich
ein graues Denkmal zu erblicken, ein wanderndes, ein verwittertes
Monument vergangener Zeit: der alte, biedere, viel verketzerte,
vielgekränkte, aber gewiß ehrwürdige #Jahn#. Seine Erscheinung
erregte Aufsehen und sammelte einen Kreis von Menschen um sich,
die ihn mit neugierigen Blicken, wie einen Fremden aus ferner
unbekannter Welt anstaunten. Und er ist ein Fremder in unserer
Zeit; seine historische Bedeutung, seine öffentliche Existenz
knüpft sich an einen Himmelsstrich der Weltgeschichte, der dem
unsrigen sehr fern liegt, und dessen Dasein unsere Enkel gar nicht
mehr begreifen werden. #Jahn# ist das Monument des Deutschthums
von 1812 und 1813. Mochte dieses Deutschthum abstoßend sein in
einigen Formen, unfreundlich in seiner äußern Schroffheit, es
war eine Zeiterscheinung voll Kraft und Hoffnung, voll Mark und
volksthümlichen Lebens, voll schöner Keime und mächtig schwellender
Fruchtknospen; es war begreiflich, daß ein Mann sich dieser Richtung
ganz hingab und den geistigen Kern der Sache zur Anschauung brachte
durch seine Bestrebungen. Jahn hat das gethan, mit Liebe und Eifer
gethan, und seine ganze Individualität daran gesetzt. Das eben ist
sein Unglück, daß sein geistiges Sein aufging in diesen Bestrebungen;
denn als die Gestalt der Dinge sehr bald sich änderte, als man ihn
von sich stieß, er aber auf der eingeschlagenen Bahn beharrte, da
verstand ihn bald die Welt nicht mehr und er ward zur Carricatur
seiner selber. Das alte Lied vom Franzosenhaß klang inmitten neuer
Lebensfluthen wie ein altes Zauberlied in Ossianischer Sprache,
das ein grauer Barde vom einsamen Felsen singt, um die Fluth zu
beschwören; aber die Fluth will sich nicht mehr bannen lassen, und
die Schiffer, die mit neuen Wimpeln segeln, lachen über die alte
seltsame Weise. So stand Jahn vereinsamt da im wechselvollen Leben
und tappte blindlings umher, um die neuen Zustände zu erfassen,
die ihm entschlüpften, weil die Spekulation an die Stelle der That
getreten war. Da wurde er Greis aus Verzweiflung, und als eine Ruine
vergangenen Lebens wandelte er gespenstisch durch die Gegenwart.
So steht er noch da; seine Gestalt, seine männliche Haltung und
der kräftige Ausdruck seines Gesichtes repräsentiren die Kraft der
That und den eisernen Muth der Hoffnung, indessen sein schneeweißes
Haar an den Verfall seiner Epoche gemahnt. Sein silberweißes Bart-
und Haupthaar flattert verstreut im Winde, wie die Hoffnungen und
Entwürfe von 1813 spielend verweht wurden von dem Zugwinde wankender
Menschentreue. Lacht nicht über diese Ruine, Zeitgenossen! Ehrt sie
und denkt an unser eigenes Schicksal! Unsere Zeit ist ganz geeignet,
das männlich schlagende Herz zu beruhigen in harmlosem Wahnsinn. Wer
weiß, ob nicht auch wir stereotyp werden mit unsern Träumen künftiger
Weltgestaltungen, ob wir nicht fortphantasiren und an der Speculation
hangen bleiben, wenn das Leben erwacht ist zur That. Man soll uns
dann nicht verlachen! Es war ja das heiße Herzblut, die schöne Kraft
der Jugend und die goldene Hoffnung der Zukunft, womit wir diese
Träume gepflegt und genährt.“
Nachdem dann der Festzug und die begeisterte Ovation geschildert
ist, welche die Leipziger Studentenschaft dem alten Jahn darbrachte,
heißt es weiter: „Der Bischof Dräsecke aus Magdeburg hatte jetzt die
geschmückte Kanzel bestiegen und die Seminaristen von Weißenfels
sangen eine Motette, worauf der Bischof das Gebet sprach. Dann ward
ein von Würkert gedichtetes Festlied gesungen. Der Bischof hielt
nun die #Weihrede#, die, wenn auch nicht das beste Product dieses
genialen Kanzelredners, ganz der Feier angemessen, voll erhabener
schöner Gedanken, geistreicher Wendungen und tiefer Empfindung
war. Historische Erinnerungen und eine treffliche Anwendung der
Bibelstellen auf das Denkmal bildeten den Inhalt. Mit wahrhaft
begeisternden Worten bereitete der Redner die Enthüllung des Denkmals
vor, die auf seinen Wink erfolgte; die Hülle wollte nicht herab,
das Monument des edlen königlichen Helden und einer thatkräftigen,
lebensrüstigen Zeit hielt sein graues Gewand fest, um nicht enthüllt
zu erscheinen vor einer blos denkenden, thatunlustigen Gegenwart. Und
der Bischof war der einzige, der es feierlich und freudig begrüßte;
die fernen Instrumente schmetterten _ex officio_ einen obligaten
Jubel, und die Kanonen riefen ein dumpfes „Willkommen!“ Man hatte
das Pulver gespart, oder beim Laden Rücksicht genommen auf das zarte
Geschlecht; sie knallten wie eine Windklapper, die ein Knabe sich
von Papier faltet. Nicht #ein# Ruf der Freude, nicht #ein# Zeichen
des Beifalls, der Theilnahme und Erhebung gab sich kund bei der
versammelten Menge. Begeisterung und Enthusiasmus standen nicht in
der Festordnung, und der Deutsche hält fest am Vorgeschriebenen. Nur
eine Lerche flog trillernd über das Monument hin und schmetterte die
Jubelhymne der Freiheit durch den weiten Himmelsraum; sie verschwand
im unendlichen Dome, wie der Lichtgedanke der That, den Himmel
suchend, verschwindet. -- Auch die Sonne trat heraus aus ihrem grauen
Morgenanzuge und grüßte hellstrahlend das Denkmal eines leuchtenden
Menschengestirns; aber sie zog den Schleier bald wieder zu, als sie
die kalten Menschenherzen erblickte, die es umstanden.
Eine bunte Menge trieb sich nach der Feierlichkeit um das Monument
herum, dasselbe bewundernd, erklärend und kritisirend. Die weite
Ebene war bunt bewegt und glich in ihrer wirren Lebendigkeit einem
aufgescheuchten Bienenschwarme. Ich hatte mich an den alten Invaliden
gedrängt, der freudestrahlenden Blickes dastand in der Volksmenge
und mühsam sich aufrecht zu erhalten suchte im wilden Gedränge. Er
war sehr glücklich der gute Alte, über seine Versorgung, die ihm
monatlich 8 Thlr., freie Wohnung und freies Holz bringt. Hier kann
er träumen von Schlachten und Siegen, kann die Gespenster ziehen
sehen, Nachts über die Todesebene, bis der Tod ihn zur Ruhe ruft mit
dem letzten Zapfenstreiche. Der Alte war besonders sehr glücklich,
daß der hochwürdige Bischof auch #ihn# erwähnt habe in seiner Rede
und gesagt: „er solle in der Bewachung des Monuments seine letzte
Erdenwache verrichten;“ es war noch Ehrgeiz in seiner Brust, denn
er that sich viel darauf zu Gute, daß er der Einzige sei von allen
Wächtern, der dieses Fest erlebte. Ich fragte ihn, wo er sein Bein
verloren habe? er zeigte nach Leipzig und sagte mit selbstgenügsamem
Witz: „dort habe ich's gesäet, damit es keime und wachse und ich
mir neue Beine holen kann, wenn dies eine alt und schwach wird.
Ist's nicht aufgegangen, lieber Herr?“ Armer Mann! begrabe deine
Hoffnung, scharre deinen zerrissenen Kranz ein zu deinem Beine;
du hast in ein unfruchtbares Feld gesäet. Leipzigs Auen geben die
Saaten nicht vervielfältigt zurück, die man ihnen vertraute, sie
liegen wie ein Lebendigbegrabener in der stillen Erde und ringen
ununterbrochen den furchtbaren Kampf zwischen Tod und Leben. Wenn
man einsam dahinwandert über die blutgedüngten Felder, so hört man
ihr verzweifeltes Aechzen und das Blut stockt im warmen Herzen, die
Nerven durchzuckt es fieberisch, und man möchte die Erstickenden
befreien mit Aufopferung des eigenen Lebens. Aber ein böser Zauber
hält sie gefangen, und noch ist der Glückliche nicht erschienen, der
ihn zu lösen vermag. Gustav Adolf der neuen Zeit, wo weilst Du?“
Im Gegensatz zu der Gleichgültigkeit der Spießbürger Lützens wird
dann die schöne Begeisterung der Studenten und Bürger Leipzigs, ihre
in Lied und Wort mächtig durchdringende patriotische Feststimmung
geschildert. Daß Robert Blum selbst einen der begeistertsten
Trinksprüche ausbrachte, verschweigt er bescheiden. Zum Schlusse
schreibt er: „Um die Lohe der rings um das Denkmal aufgehäuften
Pechfackeln schallte brausend das frohe „_Gaudeamus_“ als
Schlußgesang zu dem lichten Nachthimmel empor. Während desselben
stiegen in der Ferne #zwei# Raketen auf, wahrscheinlich eine
Ueberraschung, die die Stadt Lützen ihren Gästen bereitet hatte!“
Die Menge verlief sich, nur der Invalide blieb einsam an dem
stillen Denkmal, welches zu wachsen schien in der dunklen Nacht,
als ob es emporsteigen wolle zu den Sternen. „#Wir bedürfen großer
Mahlzeichen#, sagte der Bischof Dräsecke, an #denen wir ausruhen
von großen Thaten und uns ihrer erinnern#.“ Dort standen zwei
Mahlzeichen vergangener kräftiger Epochen nebeneinander; das eine
erhob sich siegend in der Gegenwart, obschon es zwei Jahrhunderte
trug; das andere stand nur gespenstig noch aufrecht und wankte,
mit nur 24 Jahren belastet, der Vergessenheit zu. Wie verschieden
die Ergebnisse der Weltgeschichte sind. Der Himmel lag licht und
sternenklar ausgebreitet über der Ebene und der Mond erhellte sie mit
freundlichem Lichte; Sternschnuppen flogen durch die stille Nacht und
berührten wie tröstende Gottesgedanken das schmerzlich zuckende Herz,
tief im Innern neue Hoffnung und Zuversicht erweckend, und in die
Seele tönte es wie Engelchöre, welche sangen:
Eine feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen;
Er hilft uns frei aus aller Noth,
Die uns itzt hat betroffen.
Wir wollen ihm vertrauen, #dem# Gotte der im Himmel thront und in der
reinen Brust des Menschen, die nach Licht und Freiheit dürstet.
Ehre sei Leipzigs Bürgerschaft und Universität! sie waren es, die dem
Feste #den# Glanz verliehen, worin es prangte.
#Robert Blum.#
P. S. Ich habe das Wichtigste vergessen: es fand durchaus keine
Ruhestörung Statt.“
Bald ward der Bürgerschaft Leipzigs Gelegenheit geboten, die
patriotischen Gelübde, die an dieser geweihten Stätte dargebracht
worden waren, zur That werden zu lassen. Am 17. November 1837 hatten
die mannhaften sieben Göttinger Professoren Dahlmann, Albrecht,
Gervinus, die Gebrüder Grimm, Weber und Ewald dem Curatorium
der Universität einen Protest überreicht gegen die eidbrüchige
Verfassungsverletzung des Königs Ernst August von Hannover. Der Protest
wurde veröffentlicht und jubelnd in ganz Deutschland begrüßt von Allen,
welche Recht und Gesetz und geschworene Eide hoch hielten. Das waren
unter dem allgemeinen Molluskenthum, das seit den Bundestagsbeschlüssen
von 1832 an der Oberfläche unseres öffentlichen Lebens schwamm, doch
einmal sieben ganze Männer! Sie wagten dem eidbrüchigen Verbrecher auf
dem Throne zuzurufen: „das ganze Gelingen ihrer Wirksamkeit beruht
nicht sicherer auf dem wissenschaftlichen Werthe ihrer Lehren als auf
ihrer persönlichen Unbescholtenheit. Sobald sie vor der studirenden
Jugend als Männer erscheinen, die mit ihren Eiden ein leichtfertiges
Spiel treiben, ebensobald ist der Segen ihrer Wirksamkeit dahin. Und
was würde Sr. Majestät dem Könige der Eid unserer Treue und Huldigung
bedeuten, wenn er von Solchen ausginge, die eben erst ihre eidliche
Versicherung freventlich verletzt haben.“
In Leipzig namentlich fand der kühne Schritt der Göttinger Sieben wohl
den begeistertsten Widerhall. Nur Hamburg und Kiel konnten sich mit
Leipzig in thatkräftigem Handeln messen. So rein und naturgewaltig
drang von Leipzig die Zustimmung zurück zu Dahlmann und seinen
Genossen, daß, als das Schicksal des treuen „Siebengestirns“ sich
erfüllt hatte, Dahlmann und Albrecht nach Leipzig ihre Augen und
Schritte lenkten, als nach einer neuen Heimath. Doch schon lange ehe
es soweit kam, hatte Leipzig gehandelt so kräftig und opferbereit wie
keine andere Stadt. Am 7. December gaben die Liberalen Leipzigs den
aus der Ständeversammlung heimgekehrten Abgeordneten ein Festmahl,
das hauptsächlich Blum angeregt und zu Stande gebracht hatte. Ein
kräftiges Tafellied aus seiner Feder wurde gesungen. Hier regte er mit
Andern an, eine Adresse an die Sieben Göttinger zu senden. In wenigen
kräftigen Worten hob sie das große Verdienst der eidestreuen Männer
hervor und erregte bei Dahlmann, an dessen Adresse sie gesandt wurde,
besondere Freude. Dabei begnügte sich aber Leipzig nicht. Schon am 9.
December erließen hervorragende Kaufleute, Gelehrte, Buchhändler der
Stadt einen Aufruf zur Zeichnung von Beiträgen für den Fall, daß „jene
biedern Männer ihres Amtes verlustig gehen sollten“ und in den ersten
zwölf Stunden schon hatten Reich und Arm, Jung und Alt, Männer und
Frauen der Leipziger Bürgerschaft fast tausend Thaler für die Göttinger
Sieben gezeichnet. Wenn Robert Blum's Name unter diesem schönsten
Zeugniß fehlt, das der Patriotismus der Leipziger Bürgerschaft in den
dreißiger Jahren sich ausstellte, so sprechen doch zahlreiche Beweise
dafür, daß er mit der ganzen ihm eigenen Thatkraft für die Sache
der sieben Göttinger wirkte. Er hat noch manches Jahr später, als
er schon der anerkannte Führer des vorgeschrittenen Liberalismus in
Leipzig war, immer, wo es irgend anging, vermieden, seinen Namen an
die Spitze zu stellen oder hervorzudrängen, vor Allem deßhalb, weil er
sich seiner abhängigen Stellung als Theatersecretair bewußt war und
mit Recht annahm, daß in den Augen des Publikums höhere Titel, die
Namen gelehrter, reicher oder berühmter Männer mehr wirken würden,
als der seine. Aber man braucht nur die Leipziger Allgemeine Zeitung,
die Elegante Welt, das vom Abgeordneten Todt herausgegebene Adorfer
Wochenblatt, und alle sonstigen Zeitungen jener Tage, auf welche Robert
Blum direct oder indirect Einfluß hatte, aufzuschlagen, um zu erkennen,
wie begeistert und nachhaltig er die Sache der Göttinger Sieben
förderte. Hat doch auch Johann Jacoby, sein getreuer Gesinnungsgenosse,
in Königsberg sich an die Spitze der Agitation und Sammlungen für die
sieben tapfern Gelehrten gestellt.
Und als dann das Erwartete geschah, und der König seinem Eidbruch
den schnöden Rechtsbruch hinzufügte, die sieben Professoren am 11.
December ihres Amtes enthob und sie als Verbannte in die weite
Welt trieb und dann Dahlmann und nach ihm Albrecht in Leipzig ein
Asyl suchten, da hat Robert Blum die armen Vertriebenen öffentlich
angeredet und ihnen, umgeben von Hunderten gleichgesinnter schlichter
Bürger, die trostreiche Versicherung zugerufen, daß sie nicht zu
verzagen brauchten, da das Herz des ganzen deutschen Volkes mit ihnen
schlage, das ganze deutsche Volk sie stütze und trage. Das war die
erste öffentliche Rede Blum's: sie galt der Anerkennung opfermuthiger
Pflichterfüllung, unbeugsamer Manneswürde, der Brandmarkung rechtloser
und eidbrüchiger fürstlicher Willkür.
Wie tief Robert Blum die lebendige Erinnerung an die Frevelthat des
Königs von Hannover und den Heroismus der Göttinger Sieben bewahrte,
erhellt aus seinen Reden, Briefen und Schriften der folgenden Jahre.
Als längst die öffentliche Theilnahme für das Ereigniß und seine Opfer
erkaltet war, wies er immer von Neuem darauf hin. Auch das nächste
Geburtstagsfest des Königs von Sachsen gedachte er zu diesem Zwecke zu
benützen. Er hatte, wie gewöhnlich, den Theater-Festprolog verfaßt. „Es
ist des Königs Fest“ heißt es da:
„Des Königs, der, als in den jüngsten Tagen
Ein ferner Sturm das Völkerheil bedroht,
#Ein# Königliches Wort nur durfte sagen,
Das jeder Sorge, jeder Furcht gebot,
Das seinen Namen weit hinaus getragen
Und anknüpft an der Zukunft Morgenroth,
Das dem Verdienst, dem freien Männerworte
Eröffnet des Asyles heil'ge Pforte.“
„Bezieht sich auf die Aufnahme der Göttinger Professoren,“ hat
Blum in einer Anmerkung zum besseren Verständniß Eines Hohen
Theater-Ober-Censur-Collegiums dieser Strophe hinzugefügt. Aber gerade
diese Deutlichkeit der Anspielung brachte die Strophe zu Fall. Man war
in Dresden in banger Sorge über Dahlmann's Anwesenheit in Leipzig.
Selbst der wackere freisinnige Minister Lindenau berief sich ihm
gegenüber auf die 1832er Bundestagsbeschlüsse[22]. Nur Albrecht duldete
man und stellte man an, da gegen ihn der welfische Rachezorn bei
weitem geringer tobte, als gegen den Führer der Sieben. Unter solchen
Umständen durfte natürlich die Regierung zu Königs Geburtstag nicht
erinnert werden an ihre großen Worte, da die Armseligkeit ihrer Thaten
bald aller Welt kund werden sollte.
Oben ist schon angedeutet worden, daß die Leipziger Messen Robert Blum
auch in rege persönliche Verbindung mit hervorragenden, an öffentlichen
Angelegenheiten lebhaft theilnehmenden Männern der Provinz brachten.
Die zwanglose gesellige Form des Blum'schen Kreises, persönliche
Beziehungen zu dem einen oder andern Mitgliede dieses Kreises führte
nach und nach fast alle bedeutenderen Männer der Provinz, die in den
Messen oder außerhalb derselben Leipzig berührten, in diesen Kreis: den
wackeren Weber Franz Rewitzer aus Chemnitz, die rührigen Fabrikanten
Böhler und Mammen aus Plauen im Voigtland, zahlreiche Buchhändler und
Verleger aus ganz Deutschland, die Abgeordneten der Sächsischen Kammer
Dieskau, Todt, später Braun und zahlreiche Andere, die in den kommenden
Jahren eine nicht unbedeutende Rolle in der Geschichte ihres engeren
und weiteren Vaterlandes gespielt haben. Mit ihnen allen fast hat Blum
die persönlich in Leipzig geknüpften Beziehungen in regem Briefwechsel
unterhalten und auf diese Weise stets ein treues, durch die Erweiterung
seines Freundeskreises immer umfassenderes Bild von dem politischen
Leben der Provinz erhalten.
Das Jahr 1837 sollte nicht scheiden, ohne die Wunde, welche die Untreue
der Auguste Forster in Blum's Herzen zurückgelassen, vollständig
zu heilen und ihm das schönste Glück für die Zukunft zu verheißen.
Schon im Sommer 1837 meldete er den Seinen nach Köln, daß er ein
junges Mädchen kennen gelernt habe, das ihn mächtig anziehe. Im
Frühjahr desselben Jahres war er durch einen Freund, Ferd. Mey, in
dessen elterliches Haus in Leipzig eingeführt worden. Dieses Haus
lag an der Dresdener Straße, unweit des äußeren Grimmaischen Thores,
das vierundzwanzig Jahre zuvor die Königsberger Landwehr unter
Friccius gestürmt hatte. Noch hafteten überall die Kanonenkugeln der
Völkerschlacht in den Mauern der Häuser. Jenseits des Thores, wo das
Mey'sche Haus zur Rechten lag, war damals fast Alles noch Garten. Mit
der Rückseite stieß das Besitzthum an das üppig-grünende Heiligthum des
Johanniskirchhofes. Wer konnte ahnen, daß auch der jungen Liebe, die
dort emporkeimte, die Trauerweide des Friedhofes in so furchtbarer Nähe
erwachsen sollte!
Ein achtzehnjähriges Mädchen (geboren 1. Mai 1819) war Adelheide
Mey, als Robert Blum sie zuerst kennen lernte; in kleinbürgerlichem,
leidlich wohlhabendem Hause, unter den Blumen und Bäumen des Vaters war
sie aufgewachsen, ein Naturkind, schlicht, offen in allen Empfindungen
und Gedanken, gleichgültig fast gegen alle tiefsten Zweifel des
Menschenherzens, da keiner dieser Zweifel noch den Frieden ihrer
Seele getrübt hatte, bis der geistvolle neue Freund leise tastend
ihrem Glauben, ihrer Erkenntniß nachspürte. So zog ihr Wesen, ihre
Erscheinung den Vielgeprüften mächtig an, gerade wegen des Gegensatzes
ihrer Art und Entwickelung zu der seinen. „Jeder Schritt in das Leben
war ihr neu, reizend,“ schreibt Blum später an seine Eltern, „es
war mir vorbehalten, sie jeden dieser Schritte zu führen, und ihr
freudiges Erwachen zu einer höheren Erkenntniß, zu einem geistigeren
Lebensgenusse, war mein süßester Lohn. Auch erhob sie sich in geistiger
Beziehung mit jedem Tage; ich sah sie gedeihen unter meiner Leitung wie
eine sorgsam gepflegte Blume und freute mich so innig an ihrer immer
reicheren Entfaltung.“
Sehr bald schloß sich der Bund der jungen Herzen. Die Eltern und Brüder
der Braut waren der Werbung gewogen; der Vater liebte Blum wie seinen
besten Sohn, und bis an Blum's Ende hat der kreuzbrave schlichte Mann
große Stücke auf den Schwiegersohn gehalten. Das Bild Adelheids steht
vor mir in Lebensgröße; sie ist vom Maler Storck in Oel gemalt, in
ihrem blaßblauen Brautkleide, das dunkle Haar kunstlos und kurz in
Locken um die Stirn ausgehend, das braune Auge lebhaft, die Lippen
üppig, Gesicht und Gestalt lieblich, aber in Nichts ungewöhnlich; doch
Maler Storck war kein Schmeichler.
In der Nummer des Tageblattes und der Leipziger Zeitung vom 3. Februar
1838 war die Verlobung des Paares öffentlich angezeigt worden. Am 1.
Mai 1839, dem neunzehnten Geburtstage Adelheids, widmete ihr Robert ein
Gedicht, das beginnt: „Ein schöner Maitag gab Dir einst das Leben,“
und das endet mit der Frühlingshoffnung des Bräutigams, der in wenig
Wochen Gatte werden sollte: „Und unser Leben wird #ein# Maitag sein.“
Ja -- #ein# Maitag, ein kurzer Frühlingstag, in der That! Um in Leipzig
heirathen zu können, mußte der Kölner Robert Blum zuerst in Sachsen
staatsangehörig werden. Die einfachste Form hierzu war die Erwerbung
eines Grundstückes. Am 20. April bucht er „Kaufgeld für das Haus und
Kosten 126 Thlr. 6 Gr.“ Es war eine Breterbude in der Nähe Leipzigs.
Am 21. Mai fand die Hochzeit statt. Da gab das ganze Theater dem
beliebten Secretär Beweise seiner freundlichen Zuneigung in Versen,
Gratulationen, Geschenken. Regisseur Düringer hatte sich in Dichtkunst
gewaltig angestrengt. In der ersten Etage des Mey'schen Hauses wohnte
das junge Paar seit der Hochzeit.
Die Mußestunden jener glücklichen Wochen füllte die Arbeit am
Theaterlexicon, mit dessen Plan und Vorarbeiten sich Blum schon lange
getragen hatte und das nun bald erscheinen sollte. Am 29. Juni 1838
hatten Blum, Herloßsohn und Marggraff mit dem Major Pierer in Altenburg
und Carl Heymann „aus Berlin“ als Verleger, einen schriftlichen
Verlagsvertrag über das Unternehmen abgeschlossen, das unter dem Titel
„Allgemeines Theaterlexicon“ in drei Bänden von höchstens 75 Bogen in
Duodez erscheinen sollte. Für den Druckbogen zahlten die Verleger
drei Friedrichsd'ors; bei einem Absatz von zwei Dritteln der Auflage,
die auf 3500 Exemplare bemessen wurde, sollte noch eine Nachzahlung
von 14 Gr. pro Bogen stattfinden. Ursprünglich war statt Marggraff's
Dr. Carl Andree als Mitredacteur in Aussicht genommen. Andree hatte
den Plan und die Vorarbeiten wesentlich fördern helfen. Aber seine
Berufung nach Mainz hinderte ihn, an der Ausführung des ihm selbst
lieben Planes mitzuwirken. Leider führte dieser Vorfall zu einem
völligen Bruche mit Düringer, der sich eingebildet hatte, er werde
an Andree's Stelle in die Redaction berufen werden. Den gekränkten
Biedermann trieb die Leidenschaft soweit, daß er zusammen mit dem
Inspicienten des Leipziger Stadttheaters, Barthels, der nicht einmal
orthographisch schreiben konnte, an einem Gegenwerke arbeitete, welches
das Theaterlexicon Blum's und seiner Freunde todt machen sollte. Dieser
Plan ist freilich mißlungen. Blum's Theaterlexicon darf noch heute als
ein fleißiges, gründliches, seinen Stoff vollkommen beherrschendes,
durchaus ehrenwerthes Werk bezeichnet werden, das zu der Zeit, wo es
erschien, zweifellos eine wesentliche Lücke der Literatur ergänzte
und auch heute noch für die Geschichte der Theater, namentlich die
Theaterzustände vor vierzig Jahren, mit Nutzen gebraucht werden kann.
Unter allen schriftstellerischen Arbeiten, die Blum hinterlassen, steht
es in unsern Augen am höchsten, weil der Verfasser bei diesem Werke
seinen Stoff am vollständigsten beherrschte -- während das z. B. in
seinem Staatslexicon durchaus nicht der Fall war -- und am wenigsten
Tendenz hineintrug, vielmehr rein sachlich und mit weiser Objectivität
arbeitete. Auch kam dem Werke zu Gute die Mitarbeiterschaft einer
großen Anzahl praktischer Kenner der Sache, in deren Herbeiziehung Blum
unermüdlich war. Schon bei Abschluß des Verlagsvertrages mit Pierer
und Heymann, der seit der Ostermesse 1838 allerdings in den Grundzügen
schon verabredet war, hatte die Zahl der Briefe, die Blum in Sachen des
Theaterlexicons an die Mitarbeiter geschrieben, bereits vierhundert
überschritten.
Die Beziehungen zu Pierer und Heymann und eine lohnende Arbeit,
welche Blum unerwartet im August übertragen wurde (die Durchsicht und
Correctur eines Lexicons) machten es ihm möglich, nachträglich, gegen
Ende August noch eine Hochzeitsreise anzutreten. Diese Reise, mit ihrer
langen, achtzehnstündigen Postfahrt und den vielen Gastereien, welche
die Freunde in Berlin boten, war bei dem Körperzustand der jungen
Gattin ein starkes Wagniß, das leider in der verhängnißvollsten Weise
enden sollte. Am 9. September 1838 schrieb Robert Blum darüber an seine
„lieben Eltern.“
„Im Juli ersuchten mich unsere Verleger im Interesse unseres
Unternehmens und auf ihre Kosten eine Reise nach Berlin zu machen,
was ich auch zusagte. Meine Frau war theils ganz verstört, daß ich
sie vier bis sechs Tage verlassen solle, anderntheils sprach sie den
lebhaften Wunsch aus, mich zu begleiten; doch war sie so vernünftig
einzusehen, daß dies bei unsern Verhältnissen nicht anging. Da führte
mir der Zufall eine Arbeit zu, die sehr schwierig aussah, aber schnell
vollendet sein mußte; ich nahm sie für vierzig Thaler an und vollendete
sie in #einer# Woche Nachts. Dieser Verdienst, an den ich nicht dachte,
den ich als gefunden betrachten mußte, veranlaßte mich, meiner Frau die
große Freude zu machen, sie mitzunehmen. Mußte die Arme doch den ganzen
Tag allein sitzen und ich konnte ihr, bei meinen vielen Arbeiten, so
wenig Vergnügen machen. Heute würde ich untröstlich sein, wenn ich ihr
diesen Wunsch versagt hätte. --
Am 20. August reisten wir froh und munter ab und Adelheid hatte eine
unendliche Freude, als sie die pompöse, riesige Stadt sah. Dienstag
und Mittwoch war sie ganz wohl und heiter, Donnerstag bekam sie
ein leichtes Erbrechen, was wir jedoch ihren Verhältnissen und dem
Umstande zuschrieben, daß sie Vormittags ein Glas Eis gegessen hatte;
auch war sie zu Mittag ganz wohl und ließ sich sogar den Champagner
trefflich schmecken. Freitags war sie unwohl, hatte Kopfschmerz,
Erbrechen, keinen Appetit, und da wir Abends reisen wollten, so fragten
wir einen Arzt, ob es nicht besser sei, die Reise um einen Tag zu
verschieben. Dieser aber, als er hörte, daß wir von einem Gastmahl
zum andern geschleppt worden waren, erklärte ihre Unpäßlichkeit für
eine Magenüberladung, die sich von selbst verlieren würde, ehe wir den
halben Weg zurückgelegt hätten, und hieß uns muthig reisen. So reisten
wir denn Abends ab“ (25. August).
Die Krankheit der Frau wird nach der Ankunft in Leipzig, die am
Sonnabend Mittag (26. August) erfolgte, immer schlimmer. Ein Arzt und
außerdem Professor Braune werden gerufen. Durch energische Mittel wird
das Fieber so weit gemildert, daß die Kranke sich bis Mittwoch (29.
August) leidlich wohl fühlt. Gegen halb elf Uhr Nachts tritt eine
Frühgeburt ein. Obwohl die Hebamme Alles für ungefährlich erklärt,
schickt Blum „zum Hofrath Jörg, dem ersten Geburtshelfer Sachsens
und hinsichtlich seines Ruhmes von ganz Deutschland, mit dem ich
durch seinen Sohn, der mein innigster Freund ist, bekannt bin. Er
erklärte, meine Frau wenigstens sehen zu wollen. Beim ersten Anblick
nahm er mich bei Seite, erklärte mir, daß die Frau #sehr krank# sei,
und ließ sich ihre Krankheitsgeschichte ganz genau erzählen, prüfte
dann alle Recepte, billigte das Verfahren des Professor Braune und
verschrieb vier verschiedene Arzneien. Der Hofrath blieb bis ein
Uhr“ (Nachts den 30. August) „bei mir, gab selbst die erste Arznei,
entließ die Hebamme, gab mir die genauesten Anweisungen und hieß
mich jeden Athemzug bewachen. Als ich ihn begleitete und meine Frage
wiederholte: ob die Sache lebensgefährlich werden können sagte er:
‚Es thut mir von Herzen leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber es ist
schon lebensgefährlich. Wenn sie ruhig bleibt, so haben wir Hoffnung;
wird sie unruhig, so hat unsere Kunst ein Ende.‘ Mit welchem Gefühle
ich mich nun an's Bett setzte, könnt Ihr leicht ermessen, nie habe
ich ängstlich Secunden und Athemzüge gezählt wie die folgende Stunde.
Adelheid war ganz ruhig, nahm ihre Arznei und klagte nur zuweilen
mit tiefer Schmerzensstimme: ‚Ach, Robert, mir ist's sehr schlecht.‘
Gegen halb zwei Uhr schlief sie ein, das Herz schlug weniger stark
und ein Hoffnungsblitz zuckte durch meine Seele. So dauerte es fort,
die alte Mutter legte sich auf's Sopha, ich, der ich drei Nächte
nicht geschlafen hatte, fühlte mich sehr müde und legte mich um drei
Uhr auf's Bett auf Zureden der Wartefrau, der ich den Befehl gab,
mich bei der geringsten Anwandlung von Unruhe, bei jedem stärkeren
Athemzuge, zu wecken. Ich war wohl kaum eingeschlummert, als sie mich
aufrief. Adelheid war erwacht, die Herzschläge wurden wieder heftig,
der Puls zeigte Fieber, sie hatte heftigen Durst und wollte nicht
ruhig liegen. Jetzt kannte ich mein fürchterliches Loos, und während
mir das Herz brechen wollte, mußte ich mit der scheinbar größten Ruhe
für sie sorgen. Gegen vier Uhr wurde das Fieber heftiger, die Unruhe
krampfhaft, der Verstand entwich und nur #ich# war der leitende Faden
in ihren Phantasien. Ich ließ Eltern und Brüder wecken, schickte
eiligst zu allen drei Aerzten und hielt mit allen Leibeskräften mein
leidendes Weib. Den Jammer der Mutter erkannte sie, ohne ihn zu
verstehen. Vater und Brüder erkannte sie nicht mehr; mich umklammerte
sie fest und bat um Schutz und Hülfe gegen wer weiß welche äußere
Dinge; der Todeskampf schien die Gestalt äußerer Anfeindungen für
sie angenommen zu haben. Um fünf Uhr kamen die Aerzte zusammen,
deliberirten lange, verschrieben noch eine Arznei, legten Senfpflaster
hin und wieder; leere Versuche, sie war hin! Um sechs Uhr kam der
#letzte# Krampf, sie hatte Streit mit Jemand in der Theaterloge
und drohte, ihren Mann zu rufen. Auf meine Frage, ob sie mich noch
erkenne, schlang sie einen Arm heftig um meinen Nacken und sagte:
‚Ich heiße Karoline Blum und mein Mann heißt Robert!‘ Das waren ihre
letzten Worte; die Pulse stockten plötzlich, sie hatte ausgelebt
und ausgelitten! Das Herz schlug noch heftig bis gegen sieben Uhr,
die Lippen zuckten convulsivisch, aber die Seele war entflohen; ein
Nervenschlag hatte ihrem Dasein ein Ende gemacht.“
„Ich unternehme es nicht, Euch unsern Jammer zu schildern; wozu soll
ich Worte machen über Dinge, die sich nicht beschreiben lassen. Meinen
Verlust könnt Ihr selbst abschätzen in seinem ganzen ungeheuren
Umfange. Von allen Aussichten, von allen Glücksträumen, die ich mir
mit so vielen Mühen, Sorgen und Kosten erworben hatte, ist mir nichts
geblieben: das ist die ganze Ernte von dem üppig prangenden Felde
meiner Hoffnungen. Was ich im vorigen Jahre so sehnsüchtig zu verlassen
wünschte, das öde, einsame, herzlose Junggesellenleben, ich werfe mich
jetzt in dasselbe zurück, um den marternden Erinnerungen zu entfliehen,
die in meiner zertrümmerten Häuslichkeit mich verfolgen. Ich muß mein
schönes freundliches Logis verlassen, denn ich kann keine Ruhe und
keinen Arbeitsmuth darin finden und doch muß ich arbeiten, viel, viel
arbeiten, wenn ich die drückenden Nachwehen der entsetzlichen Woche
verlöschen will.... Ach, das Schicksal hat uns fürchterlich betrogen;
nur den kürzesten Frühling hat es uns gegeben und dann ungerechter
Weise den herbsten Winter folgen lassen. Doch ich will ja nicht klagen.“
„Sonntags den 2. September wurde Adelheid beerdigt; der traurige Fall
hatte die Stumpfheit der Menschen ungewöhnlich aufgeregt und Theilnahme
erweckt; Sarg und Träger vermochten kaum die Kränze zu fassen, die
von allen Seiten geschickt wurden. Schaarenweise waren die Menschen
gekommen, sie zu sehen. Ach, sie sah so friedlich still und lieb aus;
ihre schönen Brautkleider hatte sie seit der Trauung nicht wieder
angezogen, jetzt liegt sie darin im Sarge. Fürchterlicher Wechsel,
#einmal# zur Trauung, #einmal# im Sarge! und in so kurzer Zeit. -- Wir
hatten nur drei Wagen angenommen, die der Leiche folgten; aber alle
meine Bekannten kamen uneingeladen in eigenen Wagen und es wurde ein
langer feierlicher Zug. Auf dem Gottesacker waren Hunderte von Menschen
zusammen, das ganze Theaterpersonal stand um das Grab und empfing den
Sarg mit feierlichem Gesange; Düringer[23] hielt eine vortreffliche
Rede, ein erhebender Chor, von Stegmayer componirt zu diesem Zwecke,
folgte darauf und der Geistliche, der uns getraut hatte, sprach den
letzten Segen. Dann sank mein armes junges Weib in die Tiefe, aus der
sie #ewig nie# wiederkehrt! Ich habe von alle dem fast nichts bemerkt,
denn alle meine Sinne hafteten auf dem schwarzen Sarge und dem tiefen
Grabe; aber ganz Leipzig sprach drei Tage lang von dieser Leichenfeier,
wie selten eine gesehen wurde. Der oft verketzerte Schauspielerstand
hat sich darin ein schönes Monument gesetzt.... Es ist dies der
bitterste Brief, den ich in meinem Leben geschrieben habe.“
Arbeit die Fülle fand Robert Blum in seinem tiefen Schmerze.
Aber Trost gewährte auch sie ihm nicht. Vergeblich suchten die
Freunde ihn zu zerstreuen. Bis zu Visionen steigerte sich sein
aufgeregter Seelenzustand. Am 24. September und 1. October erschien
ihm die Verstorbene und führte lange Gespräche mit ihm, die er
niederschrieb[24].
Etwa acht Wochen nach dem Tode der Frau sandte er den Eltern und
Schwestern kleine Andenken an die Geschiedene aus deren Nachlaß und
schrieb dazu u. A.: „Damit sende ich Euch denn die letzten Zeichen
meiner guten Frau und bitte Euch, sie nun nicht mehr erwähnen zu
wollen, wie ich es auch nicht mehr thun werde. Ach, es ist sehr
schmerzlich, daß man sich das einzige Ueberbleibsel eines grausam
zerstörten Glückes, die Erinnerung, auch noch verkümmern muß; aber
es ist nothwendig und heilsam. -- Ich bin nun ausgezogen[25], wohne
in der Nähe des Theaters mit freundlicher Aussicht auf die Promenade
und habe freundliche Wirthsleute gefunden. Die Arbeit, deren ich in
den letzten sechs Wochen #sehr viel# hatte, hat mich zerstreut und
ich bin ziemlich ruhig. Nur wenn ich das Bild meines armen Weibes --
doch ich will ja nicht mehr von ihr reden. -- Meine Freunde bemühen
sich, mich zu zerstreuen und führen mich häufig fast gewaltsam in
Privatgesellschaften; dort bin ich allerdings ein trüber Genosse und
wenn der weinfrohe Muth oft das Wohl von Weib und Kindern ausbringt,
verkündet sich mein Unglück in unwillkührlichen Thränen; aber häufig
fühle ich auch, daß mir die erheiternde Unterhaltung recht wohl thut
und mir zu neuer Geschäftigkeit Lust und Muth gibt. Zu den Eltern gehe
ich sehr oft, bringe einen Theil meiner freien Abende dort zu und
damit wir uns nicht gegenseitig mit trüben Erinnerungen quälen, gebe
ich (Schwager) Carl Unterricht im Französischen. So sind meine Tage
ein reizloses Einerlei und fließen unersehnt und ungenossen dahin,
wie ein seichter Bach. Mein Lexicon ist indessen soweit gediehen,
daß in künftiger Woche der Druck des ersten Heftes[26] beginnt.“ In
einer Nachschrift heißt es: „Ich lege Euch eine kleine Erzählung von
mir[27] zur Unterhaltung bei. Frau R. hat mir einen ganzen Brief voll
Glückwünsche geschrieben. Glück und ich!! Ach Gott!“
Wiederum einige Monate später schrieb er der Schwester Gretchen nach
Köln, auf deren Vorschlag zu ihm zu ziehen und ihm die Wirthschaft zu
führen: „Für den Fall, daß ich wieder heirathen sollte -- und dieser
Fall ist nicht unwahrscheinlich, da die Häuslichkeit so ganz mit meinen
Neigungen übereinstimmt -- wer bürgt Dir dafür, daß Du Dich mit meiner
Frau verträgst?“ Und bei Aufzählung der Gründe, die ihn veranlaßt
hätten, die Wohnung im Hause der Schwiegereltern zu verlassen, sagt er
u. A.: „Es hätte mir den Anschein gegeben, als wollte ich mir bei den
alten Leuten einen Theil der Erbschaft erschleichen, auf die ich durch
den Tod meiner Frau keinen Anspruch mehr habe. Bei einer möglichen
Heirath wäre es unendlich schwerer gewesen, mich von ihnen zu trennen,
als jetzt. Auch hätten sie für Wohnung und Kost nichts genommen und ich
kann mich nicht umsonst ernähren lassen u. s. w. Es ist somit besser,
ich bin selbstständig und unabhängig und stehe doch mit den Eltern auf
dem besten Fuß.“