In einem einzigen Augenblick hatte sich das Aussehen von Sarudins Leben
auf das Furchtbarste verändert. Wie leicht und verständlich es früher
war, so unerträglich wurde es jetzt. Es schien, daß man eine helle,
lächelnde Maske abgestreift hätte; nun kam die wütende Fratze eines
Raubtieres darunter zum Vorschein.
Als Tanarow ihn in einer Droschke nach Hause brachte, suchte er vor sich
selbst Schmerz und Schwäche zu übertreiben, um nur nicht die Augen
öffnen zu müssen. Er machte sich glauben, daß die Schande, die ihn von
allen Seiten mit gierigen Augen anstarrte und nur auf diesen Blick
wartete, um johlend, Grimassen schneidend und Finger zeigend, hinter ihm
herzulaufen, so noch weiter aufgehalten werden könnte.
Aus allem, aus dem mageren Rücken des blaugekleideten
Droschkenkutschers, aus jedem Straßenpassanten, aus den Fenstern, hinter
welchen ihm schadenfrohe Gesichter aufzutauchen schienen, und selbst in
Tanarows Hand, die ihn an der Seite hielt, spürte er schweigende aber
aufrichtige Verachtung heraus.
Und dieses Gefühl war so überwältigend, so herzzerreißend schmerzlich,
daß es Sarudin zeitweise nicht mehr erträglich schien.
Sein Gehirn sträubte sich dagegen, das Geschehene hinzunehmen; es wollte
hoffen, daß all das nicht gewesen wäre oder daß hier doch noch ein
Irrtum vorliege. Manchmal meinte Sarudin, daß er irgend einen
nebensächlichen Punkt, der aber die ganze Situation vollständig
verändern würde, nicht richtig auffasse; im Grunde wäre seine Lage gar
nicht so entsetzlich und auswegslos. Die einfache Tatsache jedoch blieb
klar und offen vor ihm bestehen; immer enger und enger hüllte die
Finsternis der Verzweiflung seine Seele ein.
Sarudin hatte die Empfindung, in schmerzlicher, unbequemer Stellung am
Boden festgebunden zu sein; in der widerwärtigsten Weise füllten sich
seine Hände nach und nach mit Blut und Staub. Dabei fand er es
gleichzeitig erstaunlich, daß er überhaupt noch imstande war,
Einzelheiten herauszufinden. Eigentlich hätte sich sein Körper sofort
auflösen müssen, nachdem alles, was den schönen, eleganten,
fröhlich-sicheren Sarudin ausmachte, spurlos verflogen war; nun aber
lebte er, ohnmächtig und besudelt, noch immer weiter.
Manchmal, wenn sich die Droschke bei scharfen Wendungen auf die Seite
neigte, öffnete Sarudin ein wenig die Augen und erkannte durch trübe
Nässe die bekannten Straßen, Häuser, eine Kirche, Menschengestalten.
Alles war so wie sonst; jetzt aber machte es einen unendlich fernen,
fremden und feindlichen Eindruck. Die Passanten blieben stehen und
schauten ihnen neugierig nach; wieder schloß Sarudin schnell die Augen
und verlor vor Beschämung und Verzweiflung fast die Besinnung.
Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit; er glaubte nicht, daß sie noch einmal
ein Ende nehmen würde.
»Nur schneller, nur nach Hause!« schwirrte es durch sein Hirn, doch
sofort tauchten die Gesichter des Burschen, der Zimmerwirtin, der
Nachbarn vor ihm auf, und augenblicklich wünschte er, so wie er sich
jetzt befand, abzureisen, nur immer unaufhörlich zu fahren, zu fahren,
und niemals mehr die Augen aufschlagen zu müssen.
Tanarow, der ihn ununterbrochen an der Seite hielt, empfand für Sarudin
ätzende Scham. Er starrte abgemessen geradeaus und gab sich alle
erdenkliche Mühe, jedem entgegenkommenden Straßenpassanten klar zu
machen, daß er persönlich mit der Sache nichts zu tun habe, und daß
nicht er, sondern ein anderer geschlagen worden wäre. Sein Gesicht war
gerötet, mit kaltem Schweiß bedeckt, wodurch seine Verwirrung noch
gesteigert wurde. Zuerst sprach er noch zu Sarudin, bewegte sich,
versuchte zu trösten, wurde aber bald schweigsam und trieb nur mit
zusammengepreßten Zähnen den Droschkenkutscher zur Eile an. Daran und an
der Unsicherheit der Hand, die ihn halb stützte, halb von sich entfernt
hielt, erriet Sarudin, was in Tanarow vorging. Und dieses eine
Vorkommnis, daß Tanarow, diese Null, dieser Trottel, dem er immer
unendlich überlegen war, mit einem Male das Recht erhielt, sich für ihn
zu schämen, gab seinem Bewußtsein, alles sei nunmehr zu Ende, den
letzten endgültigen Stoß.
Sarudin konnte nicht ohne fremde Hilfe durch den Hof gehen; er mußte von
Tanarow und dem erschrockenen Burschen, der ihnen zitternd entgegen
gerannt kam, fast auf den Händen ins Haus geschleppt werden. Ob auf dem
Hof noch Leute waren, bemerkte Sarudin nicht. Die beiden legten ihn auf
den Divan und hatten zunächst keine Ahnung, was sie mit ihm anfangen
sollten. So standen sie kopflos vor seinen überreizten Augen und
bereiteten ihm dadurch entsetzliche Qualen. Der Bursche kam zuerst zu
sich, geriet in Eile, holte warmes Wasser, ein Handtuch und wusch
Sarudin behutsam Gesicht und Hände ab. Der Offizier fürchtete beinahe,
seinem Blick zu begegnen, aber das Gesicht des Soldaten zeigte nichts
von Schadenfreude, hatte nichts von Verachtung oder Hohn an sich; es sah
nur erschrocken und mitleidsvoll, wie das eines alten, gutmütigen
Weibes, aus.
»Wo hat man denn das, Hochwohlgeboren ...?« fragte er Tanarow. »Ach, du
lieber Herrgott! Wie war es denn möglich ...!«
»Das geht dich gar nichts an!« schrie Tanarow mit zornrotem Gesicht, sah
sich aber sogleich schüchtern um.
Er ging an das Fenster und griff mechanisch nach einer Zigarette, wurde
aber unschlüssig, ob er wohl in Sarudins Zimmer rauchen dürfe. So
steckte er das Etui unmerklich wieder in die Tasche.
»Soll ich den Arzt holen?« fragte der Bursche von neuem.
Gewohnheitsmäßig nahm er Haltung an, schien aber auch Tanarow, trotz des
Anschnauzens, nicht mehr zu fürchten.
Tanarow spreizte unentschlossen die Finger. »Ja, ich weiß wirklich nicht
...« er antwortete in einem ganz anderen Ton und sah sich wieder um.
Sarudin hörte die Frage und erschrak bei dem Gedanken, daß auch noch der
Arzt sein Gesicht anschauen solle.
»Ich brauche ... keinen!« sagte er mit unnatürlich schwacher Stimme. Er
bemühte sich immer noch, sich und die anderen glauben zu machen, daß es
mit ihm zu Ende gehe.
Nachdem ihm jetzt Blut und Schmutz vom Gesicht gewaschen waren, sah er
nicht mehr so schrecklich, sondern einfach nur abstoßend und
bemitleidenswert aus. Tanarow warf ihm mit kleinlicher Neugierde einen
verstohlenen Blick zu, wandte aber sofort die Augen wieder ab. Diese
fast unmerkliche Bewegung wurde von Sarudin, wie fast alles, was ihn
jetzt umgab, mit krankhafter Schärfe aufgefaßt; unter ihr erstickte er
beinahe vor Verzweiflung. Er kniff das geschlossene Auge noch fester zu
und rief mit scharfer, gebrochener Stimme:
»Laßt mich ... laßt mich allein!«
Tanarow schielte auf ihn und wurde plötzlich von verächtlichem Zorn
fortgerissen.
... Schreien tut er auch noch. Ganz wie jeder andere Mensch ... dachte
er wütend.
Sarudin wurde ganz still und lag unbeweglich, mit geschlossenen Augen
da. Tanarow trommelte leise mit den Fingern auf dem Fensterbrett, zupfte
sich an seinem Schnurrbart und schaute wieder auf die Straße hinab. Das
erkältende Verlangen fortzugehen, ließ ihm keine Ruhe.
»Es paßt sich doch nicht! ... Lieber abwarten, bis er einschläft, dann
geht es erst ...« dachte er niedergeschlagen.
So verging gegen eine Viertelstunde, aber Sarudin bewegte sich von Zeit
zu Zeit immer wieder. Tanarow wurde es allmählich unerträglich ekelhaft
zumute. Endlich lag Sarudin ganz still.
... Scheint doch eingeschlafen zu sein! ... dachte Tanarow mit
geheuchelter Teilnahme und blickte ihn verstohlen an. »Wirklich
eingeschlafen!«
Er machte eine schüchterne Bewegung und klirrte ganz leise mit den
Sporen. Sarudin schlug im Augenblick die Augen auf. Die nächsten
Sekunden hindurch blieb Tanarow unbeweglich. Doch Sarudin fühlte seinen
Wunsch heraus, wie auch Tanarow seinerseits plötzlich wußte, daß Sarudin
alles verstehe. Und da geschah etwas Seltsames, Banges. Sarudin schloß
rasch wieder die Augen, und Tanarow bückte sich heimlich und schlich auf
den Zehenspitzen aus dem Zimmer, mit der angestrengten Bemühung, sich
selber diesen Schlaf einzureden. Aber er konnte gleichzeitig nicht das
klare Bewußtsein überwinden, daß sie beide ganz genau wußten, wie der
Sachverhalt läge.
Die Tür drückte sich leise ins Schloß, und alles, was sie beide früher
so fest und freundschaftlich miteinander zu verbinden schien, war jetzt
für immer verschwunden. Sarudin, wie auch Tanarow fühlten, daß sich
zwischen ihnen ein luftleerer Raum geschoben hatte, der nicht mehr zu
verdrängen war. Von nun an existierte unter allen Menschen Einer nicht
mehr für den anderen.
Im Nebenzimmer atmete Tanarow wieder freier auf und fühlte sich
bedeutend leichter. Er empfand weder Mitleid noch Bedauern darüber, daß
zwischen ihm und Sarudin, mit dem er so viel Jahre gemeinsam verlebt
hatte, alles zerbrochen war.
»Höre du,« sagte er, sich nach den Seiten umschauend, eilig, als wenn es
eine lästige Formalität wäre, die er noch zu erfüllen hätte, zu dem
Burschen, »ich gehe jetzt fort, und du, paß auf ... wenn etwas vorkommen
sollte ... Du wirst schon wissen ... nicht?«
»Zu Befehl!« erwiderte erschrocken der Bursche.
»Nun, also denn ... Ja ... diese Umschläge da, die wirst du öfters
wechseln ...«
Er stieg die Steinstufe herab und sah wieder zufrieden um sich, als er
in die breite, menschenleere Straße hinaustrat. Der Abend war schon
angebrochen. Tanarow freute sich, daß die Straßenpassanten sein
glühendes Gesicht nicht mehr sehen konnten.
»Möglicherweise kann ich auch noch in diese schlimme Geschichte
hineingezogen werden,« dachte er plötzlich, als er in den Boulevard
einbog, und ein kalter Hauch wehte durch sein Herz. -- »Aber
schließlich, was habe ich denn damit zu tun?« Er gab sich Mühe, nicht
mehr daran zu denken, wie er sich selbst auf Ssanin gestürzt hatte, und
vor allem nicht an den Stoß Iwanows, der ihn fast zu Boden schleuderte.
»Pfui Teufel, was für eine verfluchte Geschichte da herausgekommen ist!«
dachte Tanarow beim Gehen mit einer ärgerlichen Grimasse und voll
Bitterkeit gegen Sarudin. »Nur dieser Esel ist an allem schuld! Er hatte
es auch nötig, mit dem Lumpengesindel anzubinden! Pfui, wie ekelhaft!«
Und je mehr er überlegte, welche unangenehme Wendung die Angelegenheit
genommen hatte, desto höher reckte sich seine winzige Gestalt, mit den
hoch aufgezogenen Schultern und der engen Brust, die im weißen Kittel,
engen Reithosen und eleganten Stiefeln steckte, instinktiv auf. Nach
allen Seiten begann er drohende Blicke zu werfen.
In jedem entgegenkommenden Passanten sah er Spott und Hohn; jetzt hätte
die geringste Andeutung genügt, um die Spannung in ihm zur Auslösung zu
bringen. Er wäre mit blankem Säbel vorwärts gestürzt, um ohne
Ueberlegung tödliche Hiebe auszuteilen. Aber er begegnete nur wenigen
Menschen, und auch die glitten an ihm, wie flache Schatten an den Zäunen
des dunklen Boulevards, schnell vorüber.
Zu Hause, während er sich allmählich beruhigte, kam ihm wieder in
Erinnerung, wie ihn Iwanow zur Seite geschleudert hatte.
Warum habe ich ihm nicht in die Schnauze geschlagen? ... Ich sollte ihm
doch einfach in die Zähne hauen! Schade, daß der Säbel nicht scharf ist!
Sonst ... Uebrigens, ich hatte ja den Revolver in der Tasche! Da ist er
noch. Ich konnte ihn wie einen tollen Hund niederknallen. Nicht? ... Ich
vergaß den Revolver!
... Gewiß habe ich nicht an den gedacht, sonst hätte ich ihn wie einen
Hund über den Haufen geschossen! Oder ... vielleicht ist es auch gut,
daß ich's vergessen hatte; ein Totschlag immerhin ... auf jeden Fall
gibt's ein Gericht ... und möglicherweise hatte von ihnen ebenfalls
einer einen Browning ... da wäre es möglich gewesen ... wegen eines
Nichts ... hole es der Teufel, zu Schaden zu kommen! ... So weiß ja
niemand, daß ich den Revolver bei mir hatte, und nach und nach wird man
überhaupt das Ganze vergessen ...
Tanarow zog vorsichtig, sich nach allen Seiten umsehend, den Revolver
aus der Tasche und legte ihn in die Schublade.
... Ich muß heute noch zum Oberst gehen und ihm melden, daß ich an der
Sache unbeteiligt bin ..., beschloß er, indem er die Schublade mit
lautem Geklirr abschloß.
Aber stärker noch als dieser Entschluß drängte sich ihm der nervöse,
fast prahlerische Wunsch ganz unwiderstehlich auf, in den Klub zu gehen
und über den Skandal als Augenzeuge zu berichten.
Im hellerleuchteten Militärklub, der mitten in der dunklen Stadt lag,
versammelten sich in aufgeregter, lärmender Entrüstung die Offiziere.
Sie hatten von dem Vorfall im Park schon gehört und waren voll geheimer
Schadenfreude gegen Sarudin, der sie mit seiner Eleganz und Verve stets
auf die Seite drängte. Mit brutaler Neugierde empfingen sie Tanarow, der
in seinen eigenen Augen plötzlich zum Helden des Tages wurde. Seiner
Bedeutung angemessen schilderte er die Szene bis in die kleinsten
Details. In seiner Stimme und den dunklen schmalen Augen zuckte
schüchtern das zurückgehaltene und unbewußte Gefühl der Rache.
In der häufigen Wiederholung und Durchschnüfflung all der Einzelheiten,
wie Sarudin geschlagen worden war, entschädigte Tanarow gleichsam seine
Gehässigkeit für den ganzen Druck des früheren Freundes, für die
Geldaffären, die herablassende Behandlung, die sich durch die
Ueberlegenheit Sarudins ganz von selbst ergeben hatte.
Der Offizier aber lag ganz einsam, der ganzen Welt fremd, in seinem
Zimmer auf dem Divan.
Der Bursche, der bereits erfahren hatte, wie die Affäre mit seinem Herrn
vor sich gegangen war, bereitete noch immer, mit dem mitleidsvoll
erschrockenen Weibergesicht den Samovar, holte Wein, und vertrieb den
fröhlichen zärtlichen Setter aus dem Zimmer, der aufs äußerste erfreut
war, daß sein Herr zu Hause blieb. Dann trat er wieder auf Zehenspitzen
an den Divan heran:
»Hochwohlgeboren mögen doch etwas Wein trinken,« sagte er kaum
vernehmbar.
»Wie, was? ...« Sarudin öffnete die Augen, schloß sie aber sofort
wieder. Trotzdem aber fuhr er, wie es ihm selber schien, mit elender und
in der Tat mitleiderregender Grimasse fort, wobei er die geschwollenen
Lippen nur mit Mühe bewegen konnte: »Gib -- -- den Spiegel ... her.«
Der Bursche seufzte, brachte gehorsam den Spiegel und leuchtete mit der
Kerze. Mißbilligend dachte er: -- -- -- Was ist da viel reinzugucken ...
Sarudin blickte in den Spiegel und stöhnte unwillkürlich auf. Aus der
dunklen Fläche schaute ihn, von der Seite rötlich beleuchtet, ein
einäugiges blutunterlaufenes, bläulich schwarzes Gesicht an, dessen
Schnurrbart zur Hälfte widersinnig in die Höhe stach.
»Hier, nimm,« murmelte Sarudin; plötzlich schluchzte er hysterisch auf.
»Hochwohlgeboren ... wozu sich so ärgern. Es wird schon wieder gut
werden,« sagte der Bursche mitleidig, während er ihm in einem klebrigen
Glas, das nach kaltem süßen Tee roch, Wasser reichte.
Sarudin trank nicht, sondern fuhr nur mit den Zähnen am Rande des Glases
entlang und goß sich das Wasser über die Brust.
»Scher dich fort,« schrie er wütend. Und doch empfand er in diesem
Augenblick, daß der Bursche der einzige Mensch auf der Welt sei, der mit
ihm Mitleid hätte. Aber das warme Gefühl für den Soldaten wurde sofort
von der unerträglichen Vorstellung beiseite geschoben, daß jetzt sogar
der Bursche das Recht hätte, ihn zu bedauern.
Der Soldat ging auf die Steintreppe hinaus. Er blinzelte mit den Augen
und hatte das deutliche Verlangen, zu heulen; er setzte sich auf die
Stufen nieder und streichelte seufzend den weichen Rücken des Hundes,
der sich an seinen Hosen rieb.
Ueber dem Garten funkelten lautlos glänzende Sterne. Der Setter legte
ihm die elegante Schnauze auf die Kniee und schaute ihn von unten her
mit dunklen unverständlichen Augen, die doch etwas zu sprechen schienen,
an. Dem Soldaten wurde es bange und traurig, als ahnte er einen
unabwendbaren Schicksalsschlag voraus.
»-- -- -- Eh, das Leben, das Leben,« dachte er erbittert; eintönig
begann er über sein Dorf nachzudenken.
Sarudin drückte sich krampfhaft an die Rückenlehne des Divans und
zerfiel völlig in dem Gram, ohne zu spüren, daß ihm das warmgewordene
nasse Handtuch aufs Gesicht herabgerutscht war.
-- -- -- Nun ist alles zu Ende, wiederholte er sich mit innerem
Schluchzen ... Was ist zu Ende? ... Alles, das ganze Leben. Alles, das
Leben ist verloren. Weshalb ... weil ich geschändet bin ... weil ich
geschlagen bin wie ein Hund ... Mit der Faust ins Gesicht ... und ich
kann ja nicht mehr im Regiment bleiben -- --
Ungemein deutlich sah sich Sarudin inmitten der Allee auf allen Vieren
hocken, ohnmächtig sinnlose Drohungen, die doch nur in einem elenden
Winseln verklangen, ausstoßen. Immer von neuem und von neuem erlebte er
diesen furchtbaren Augenblick, immer heller hob er sich vor seinen Augen
ab. Alle Einzelheiten kamen ihm wie von einem elektrischen Reflektor
überstrahlt, ins Bewußtsein. Aus irgend einem Grunde waren gerade diese
ungereimten Drohungen und das weiße Kleid Karssawinas, das in demselben
Augenblick an ihm vorbeihuschte, die qualvollsten Bilder seines
Gedächtnisses.
-- -- -- Wer hat mich denn aufgehoben, dachte er ... Dabei strengte er
sich an, nichts zu denken; geflissentlich suchte er sein Hirn zu
verwirren ...
Tanarow oder etwa der Judenbengel, den sie bei sich hatten. Tanarow ...
darum handelt es sich ja garnicht ... Um was denn? ... Nur darum, daß
das ganze Leben verdorben ist und daß ich nicht mehr im Regiment bleiben
kann. Und ein Duell ... Er wird sich ja ganz gewiß nicht schlagen wollen
... Also ... ich werde nicht im Regiment bleiben können.
Sarudin erinnerte sich, wie einmal ein Ehrengericht, an dem er selbst
teilgenommen hatte, zwei alte, verheiratete Offiziere aus dem
Offizierkorps stieß, weil sie sich zu schlagen weigerten.
-- -- -- Man wird es mit mir ebenso machen. Höflich, ohne mir die Hände
zu reichen, dieselben Leute, ... und niemand wird mehr darauf stolz
sein, wenn ich ihn auf dem Boulevard unter dem Arm nehme. Niemand wird
mich mehr beneiden, ... meine Manieren kopieren ... Aber das ist noch
das wenigste ... Doch die Schande, die Schande, das ist die Hauptsache!
... Und weshalb Schande ... Geschlagen ... Ja, ich wurde doch auch im
Kadettenkorps geschlagen ... Damals, als mich der dicke Schwarz
durchprügelte und mir einen Zahn ausgeschlagen hatte, da wurde doch auch
nichts weiter draus ... Später versöhnten wir uns miteinander und
blieben bis zum Examen die besten Freunde ... Und kein Mensch verachtete
mich ... Und warum denn jetzt alles ganz anders ... Ist es denn nicht
ganz gleich ... Auch damals floß Blut ... Ebenso fiel ich um. Warum? ...
Auf diese auswegslosen gramvollen Fragen konnte Sarudin keine Antwort
finden. Er fühlte nur, daß er bis über den Kopf in einen bodenlosen
Sumpf geraten war, daß er unaufhaltsam tiefer sinke, ohne nach dem
geringsten Stützpunkt greifen zu können. Wenn er das Duell angenommen
und mich mitten ins Gesicht getroffen hätte ... Das wäre doch noch viel
schmerzhafter und widerwärtiger als jetzt gewesen. Aber dann hätte mich
niemand verachtet, nein, alle mich bemitleidet. Folglich besteht
zwischen der Kugel ... und der ... Faust ... Ja, was für ein Unterschied
... was, warum? ...
Sein Denken lief in Sprüngen vorwärts.
Doch in der Tiefe arbeitete sich etwas Neues durch, das anscheinend
schon einmal dagewesen, aber in seinem oberflächlichen, leeren
Offiziersleben, das aus nichts als Lärmen bestand, vergessen worden war.
Jetzt tauchte es in dem Unglück, das nichts wieder gut machen konnte und
durch die erlittene Qual nur geschärft, von neuem wieder auf.
Einmal stritt von Deutz mit mir darüber, daß einer, der auf die linke
Wange geschlagen wird, auch die rechte hinhalten soll, diesmal aber kam
er doch selbst und schrie, fuchtelte mit den Armen, regte sich auf, weil
sich dieser Kerl geweigert hatte, die Forderung anzunehmen. Da haben sie
doch eigentlich die Schuld, daß ich ihn mit der Reitpeitsche züchtigen
wollte. Meine ganze Schuld lag darin, daß ich keine Zeit fand,
zuzuschlagen ... Das Ganze ist also widersinnig ungerecht ... Und
trotzdem die Schande und man darf nicht im Regiment bleiben.
Sarudin faßte ohnmächtig an seinen Kopf, schüttelte ihn auf dem Kissen
und verfolgte mechanisch den quälenden Schmerz im Auge. Plötzlich
erfaßte ihn eine furchtbare Flut von Grimm und Wut.
-- -- -- Einfach zum Revolver greifen und den Hund über den Haufen
schießen ... eine Kugel nach der andern ... Und ihn mit den
Stiefelabsätzen ins Gesicht treten, wenn er umfällt. Einfach ins
Gesicht, in die Zähne, in die Augen.
Mit nassem schwerem Aufschlag klatschte der Umschlag plump auf den
Boden. Sarudin öffnete erschrocken die Augen, sah das kaum beleuchtete
Zimmer, die Schüssel mit Wasser, das nasse Handtuch und an der Seite das
schwarze bange Fenster, das ihn wie ein schwarzes Auge rätselhaft trübe
anstarrte.
-- -- -- Nein es ist gleich, es hilft doch nichts, dachte er, während
seine ohnmächtige Verzweiflung allmählich ruhiger wurde. -- -- Es ist
gleich, alle haben gesehen, wie er mich aufs Gesicht schlug und wie ich
auf allen Vieren kroch ... Der Geprügelte, der Geprügelte, -- -- hat
eins in die Fresse bekommen. Und man kann es nicht wieder gut machen.
Nichts! Niemals werde ich wieder glücklich und frei sein. -- --
Wieder bewegte sich etwas Scharfes, ungewöhnlich Klares in seinem Gehirn
... Aber war ich denn wirklich jemals frei, ... Ich gehe doch auch jetzt
nur darum unter, weil mein Leben niemals frei und eigen war. Wäre ich
denn von selbst zum Duell gegangen ... Hätte ich denn mit der Peitsche
schlagen wollen ... Dann wäre ich auch nicht geschlagen worden ... Und
alles blieb so schön und glücklich ... Wer und was hat es erfunden, daß
man eine Verletzung mit Blut abwaschen muß ... Ich doch nicht. Da habe
ich sie abgewaschen ... Mich hat man mit Blut abgewaschen ... Was? ...
ich weiß nicht ... Aber aus dem Regiment muß ich heraus.
Das ohnmächtige, ungeschickte Denken versuchte sich emporzuheben, fiel
aber wieder wie ein Vogel mit zugestutzten Schwingen nieder. Wohin auch
seine Gedanken trieben, immer kehrten sie, wie in einem Kreise
eingeschlossen, wieder auf den einen Punkt zurück, -- -- -- daß er aus
dem Regiment herausmüsse, daß er nun für immer geschändet sei.
Plötzlich setzte bei ihm Fieber ein. Er begann zu phantasieren. Mit
einem Mal sah er ganz klar zwei Bauern. Sie schimpften und prügelten
sich und der eine traf den anderen gegen die Schläfe ... dieser, schon
alt und grau, stürzte nieder, erhob sich dann und, indem er das aus der
Nase fließende Blut mit den Hemdärmeln abwischte, sagte er überzeugt:
»Aber ein Narr bleibst du doch.«
Ja, das habe ich einmal mit angesehen, erinnerte er sich endgültig; doch
sofort kam ihm wieder klar sein halb dunkles dumpfes Zimmer und die
Kerze auf dem Tisch vor die Augen. Nachher tranken die beiden am
Monopolladen Wodka.
Wahrscheinlich verlor er das Bewußtsein, denn die Kerze und das Zimmer
verschwanden irgendwohin. Aber er hörte doch nicht auf, zu denken ...
Später als die Kerze aus der Finsternis wieder vor ihm auftauchte,
gelang es ihm nur mit Mühe, diesen Gedanken noch zu entziffern ... Mit
einer solchen Schande kann man nicht weiterleben ... So, ich muß also
sterben ... Aber ich will durchaus nicht sterben ... Nicht ich doch ...
Aha, der gute Name ... aber zum Teufel, was geht mich der gute Name noch
an, wenn ich sterben muß ... Aber ich muß doch aus dem Regiment heraus
... Und wie dann weiterleben ...
Als etwas unbegreiflich Trübes und Fremdes erschien ihm seine Zukunft
... Er wich ohnmächtig zurück ... Jedesmal, wenn der leidenschaftliche
Durst nach Leben und Glück den Nebel, der sein Gehirn bedeckte, zu
vertreiben begann, senkte er sich wieder tiefer herab; wieder stand
Sarudin vor einer unabwendbaren Leere.
Die Nacht verging. Schwere Stille lauerte hinter dem Fenster, als ob
Sarudin in der ganzen Welt nur allein litt ... Auf dem Tisch brannte und
schmolz die Kerze und ihre Flamme floß gelb, gleichmäßig, mit tödlicher
Ruhe herunter. Sarudin starrte mit dem in Fieber und Verzweiflung
glänzenden Auge ins Feuer und bemerkte nicht, wie die Flamme kleiner
wurde; es war ganz erfaßt von dem schwarzen Dunst unendlich verwirrter,
kraftloser Gedanken.
Inmitten des Chaos von Erinnerungsfetzen, Vorstellungen, Gefühlen und
Gedanken war eine Empfindung am schärfsten; sie drängte sich wie eine
klingende Saite der Trübsal tief ins Herz hinein. Das war der Schmerz,
das bemitleidenswerte Bewußtsein seiner völligen Einsamkeit. Irgendwo
draußen, da lebten Millionen von Menschen, freuten sich und lachten und
sprachen vielleicht auch von ihm; -- -- -- er aber war allein. Vergebens
rief sich Sarudin ein bekanntes Gesicht nach dem andern vor die Augen.
In blasser fremder gleichgültiger Reihenfolge stiegen sie vor ihm auf,
in ihren kühlen Zügen las er nur Schadenfreude und Neugierde. Da
erinnerte er sich in schüchterner Trauer an Lyda.
So wie er sie zum letzten Mal gesehen hatte, stellte er sie sich jetzt
vor; mit großen Augen, denen jede Lebensfreude fehlte, mit dem schwachen
Körper unter dem Hauskleid und aufgelöstem Zopf. In ihrem Gesicht war
weder Schadenfreude noch Verachtung zu sehen. Mit traurigem Vorwurf
blickte es ihn an und der Zuspruch, daß noch irgend etwas möglich sei,
schimmerte in Augen, denen jede Lebensfreudigkeit fehlte. Er erinnerte
sich an die Szene, als er sich im Augenblick ihres schwersten Kummers
von ihr lossagte. Das messerscharfe Bewußtsein eines unwiederbringlichen
Verlustes riß in den tiefsten Fasern seiner Seele.
-- -- -- Und sie litt damals wahrscheinlich noch mehr als ich jetzt.
Trotzdem habe ich sie von mir gestoßen. Ich wünschte selbst sogar, daß
sie stirbt, daß sie sich ertränkt.
Wie zu einer letzten Zufluchtsstätte streckte sich ihr seine Sehnsucht
in verzehrendem Durst nach Liebkosungen und Teilnahme entgegen. Für
kurze Zeit kam ihm der Gedanke, daß das Leiden, welches er jetzt
durchlebte, die Vergangenheit erlösen könnte. Doch im selben Augenblick
wußte er auch, daß Lyda niemals mehr zu ihm kommen würde, weil alles zu
Ende sei. Völlige Leere öffnete sich vor ihm wie ein Abgrund. Sarudin
hob die Hand, preßte sie fest gegen den Kopf; er schien zu erstarren ...
seine Augen waren geschlossen, seine Zähne in der Anstrengung, nichts
mehr zu sehen, nichts zu hören, nichts zu fühlen, aufeinandergepreßt.
Aber bald ließ er die Hand fallen, schob sich in die Höhe und setzte
sich aufrecht hin. Sein Kopf schwindelte, im Munde brannte es, Beine und
Arme zitterten. Er stand auf und ging schwankend, unter dem Druck im
Kopfe, der plötzlich ungeheuer schwer wurde, zum Tische.
-- -- -- Alles verloren -- -- -- alles verloren -- -- -- das Leben und
Lyda und alles ... Ein greller Blitz klarer Gedanken beleuchtete einen
Augenblick sein Schicksal. Er verstand mit einem Schlag, daß es in
seinem verschwundenen Leben nichts Gutes und Schönes und Frohes gegeben
hatte, sondern daß alles heuchlerisch, beschmutzt und töricht war. Nicht
einmal ein besonderer Sarudin, den sein Charakter zu allem berechtigte,
hatte existiert. Es gab nur einen ohnmächtigen schüchternen, und
verhätschelten Körper, der früher einmal alle Genüsse durchkostete und
jetzt Schmerz und Demütigung erlitt. -- -- -- --
-- -- -- Man kann nicht weiterleben, dachte Sarudin klar und ruhig. Um
ein neues Leben zu beginnen, muß man alles frühere von sich werfen
können, zu einem ganz anderen Menschen werden. Aber das kann ich nicht.
-- -- --
Er ließ den Kopf schwer gegen den Tisch fallen und starrte wie gebannt
in die schwankende Flamme der Kerze, die an den Rändern des Leuchters
herunterschmolz.