An dem Spiel war außer dem betrunkenen Malinowski niemand mehr
interessiert.
Alle beschäftigte allein die Frage, was für ein Mädchen zu Sarudin
gekommen sei. Die, welche errieten, daß es sich um Lyda Ssanina handele,
waren unbewußt neidisch, und ihre Einbildung störte sie am Spiel, indem
sie ihnen Lydas ungekannte Nacktheit und ihre Intimitäten mit Sarudin
vorspiegelte.
Ssanin blieb nicht lange bei den Karten sitzen. Er stand auf und sagte:
»Ich mache nicht mehr mit! Auf Wiedersehen!«
»Warte, Bruder, wo willst du hin?« fragte Iwanow.
»Will mal hingehen und nachschauen, was da eigentlich passiert.« Ssanin
zeigte mit den Fingern auf die geschlossene Tür. Alle belachten seine
Worte als einen Scherz.
»Genug, den Hans Narr zu spielen! Komm, setz dich hin, genehmigen wir
einen.«
»Du bist selbst ein Hans Narr,« erwiderte Ssanin gleichgültig Iwanow und
ging hinaus.
Als er in eine schmale Gasse trat, in der saftige und dichte
Nesselsträucher wuchsen, machte er sich zunächst klar, wo sich die
Fenster von Sarudins Zimmer befinden mußten. Es gelang ihm, die
Nesselsträucher vorsichtig mit dem Fuße beiseite zu drücken; er kam bis
an den Zaun und kletterte elegant hinauf. Oben vergaß er fast, weshalb
er hinaufgeklettert war, so angenehm war es ihm, von dem hohen Platz
herab, auf das grüne Gras und den dichten Garten zu schauen und mit
allen von der Bewegung angespannten Muskeln, den frischen, weichen
Luftzug zu empfinden, der die Hitze milderte, und frei durch seine dünne
Bluse hindurchlief. Dann sprang er wieder hinab, trat in die Nesseln,
kratzte melancholisch die verbrannten Stellen und schritt durch den
Garten.
Er trat grade in dem Augenblick an das Fenster, als Lyda zu Sarudin
sagte: »Und haben Sie denn selbst nichts gemerkt? ...« Sofort verstand
er an dem seltsamen Tonfall ihrer Stimme, um was es sich handelte. Mit
den Schultern an die Wand gelehnt, blickte er in den Garten hinein und
lauschte doch interessiert den Stimmen, die durch die Erregung entstellt
waren. Es tat ihm um die schöne, in den Schmutz gezogene Lyda leid, zu
derem reizenden Bild das rauhe, tierische Wort schwanger so garnicht
paßte. Aber noch tiefer als der Inhalt ihres Gesprächs berührte ihn der
sonderbare und unsinnige Kontrast zwischen den erbosten Menschen im
Zimmer und der lichten Stille des grünen Gartens, die auch diesen
Menschen von der Natur gegeben war.
Ein weißer Falter schwebte leicht durch das Gras; sich in der sonnigen
Luft badend, senkte er sich und schwirrte wieder empor. Seinen Flug
verfolgte Ssanin ebenso aufmerksam, wie die Worte im Zimmer.
Als Lyda Rindvieh schrie, lachte Ssanin hell auf, prallte mit seinem
ganzen Körper von der Wand zurück und ohne daran zu denken, daß man ihn
sehen könnte, schritt er langsam durch den Garten. Eine Eidechse, die
gewandt seinen Weg kreuzte, lockte seine Aufmerksamkeit; sein Blick lief
lange hinter ihrem biegsamen Körperchen her, das elegant durch die
grünen Grasbüschel glitt.