Die wieder allgemeiner gewordene Theilnahme für Hans Jacob Christoph
von Grimmelshausen und seinen biographischen Roman »Simplicissimus«
gerade in dem Jahre, wo seit dem Ende seines reichen Dichterlebens
zwei Jahrhunderte vergangen sind, ist an sich für den Kenner und
Verehrer seiner Schriften eine erfreuliche Thatsache. Dieselbe beruht
jedoch nur bei einem kleinen Theile der Lesewelt auf der Erkenntniß
des vollen Werthes des vielgenannten Mannes; sie ist vielmehr durch
eine besondere Veranlassung, man dürfte sagen, zufällig und gewaltsam
geweckt worden. Darum scheint die Befürchtung nahe zu liegen, dieselbe
werde bald und ohne Nachwirkung vorübergehen. Ueberdies ist die
Bearbeitung des »Simplicissimus«, welche den ersten Anstoß zu dem
Streite entgegenstehender Meinungen gegeben hat, leider nicht geeignet,
ein genügendes oder gar nur ein wahres Bild von Grimmelshausen's
schriftstellerischer Individualität zu geben. Darin aber liegt die
Aufforderung an die Wissenschaft, das Recht zu wahren, das doch
ein jeder hat: zu verlangen, daß seine Art, sein Wollen und Können
unverkürzt und unentstellt zur Geltung gelange, namentlich wo so
vielfach und nachdrücklich in der Oeffentlichkeit davon die Rede ist.
Im »Simplicissimus« wird uns der Verlauf eines Menschenlebens
vorgeführt, das in seinen allgemein gültigen Momenten immer
verständlich bleibt, wenn auch der Entwickelungsgang desselben
durch Zustände und Ereignisse bedingt wird, die der Gegenwart fremd
erscheinen mögen. Diese Verhältnisse und Thatsachen gehören der
Geschichte unseres Vaterlands an, die doch ein jeder, wenigstens ihren
großen Zügen nach, kennen soll. Den meisten jedoch stellt sich gerade
jener Zeitabschnitt nur in allgemeinen, dunkeln und unsichern Umrissen
dar, die sich schwer mit ihren Localfarben, mit Schatten, Licht und
Reflexen ausmalen lassen. Von Grimmelshausen's Hand aber besitzen wir
ein nach dem Leben gemaltes, ausdruckvolles und farbenreiches Bild;
das muß jeder empfinden, der überhaupt sehen kann und will. Aus der
durch dieses Gemälde erleichterten Entgegenstellung des Sonst und Jetzt
wird der eine dies, der andere jenes entnehmen, was ihm frommt, auch
diejenigen, denen die Rede des Buchs hart klingt; vielleicht werden
diese dabei auf den Gedanken kommen, daß ihre, überdies schlecht
construirten Rückschraubungsmaschinen mindestens ohne Gewinn arbeiten,
vielleicht sogar ihre Baumeister sammt der Bedienung schwer schädigen
möchten.
Der Herausgeber des soeben in zweiter Auflage erschienenen
»Simplicissimus« erblickte in dem Gesagten die Aufforderung, das
Seinige zu thun, um die volle Schätzung Grimmelshausen's in einem
größern Leserkreise zu fördern, und entschloß sich zur Fortsetzung der
Arbeiten für das Verständniß seiner Schriften durch die Aufnahme der
beiden vorliegenden Bände in die Sammlung der »Deutschen Dichter des
siebzehnten Jahrhunderts«. Dieselben schließen sich dem Hauptwerke
unmittelbar an.
Das innere Leben eines wahren Dichters ist eine kleine Welt für
sich, ein geschlossener Kreis von Vorstellungen, Anschauungen und
Empfindungen, in welchem alles zum harmonischen Abschluß gelangt ist;
diese Harmonie durchdringt dann auch sein Schaffen und bedingt die
Kunst der Darstellung bis auf ihr äußeres Mittel, die Sprache. In
diesem Sinne ist auch Grimmelshausen ein wahrer Dichter; ich nehme
keinen Anstand, dies hohe Lob auszusprechen. Für denjenigen freilich,
der in eine bestimmte bedeutungsvolle Individualität sich hineingedacht
hat, liegt die Gefahr einseitiger Ueberschätzung sehr nahe. Aber ich
bin nach reiflicher Erwägung zu keinem andern Urtheil gelangt.
Was für die gesammte Gattung der epischen Dichtung gilt, dem muß
auch in der besondern Art derselben, dem Roman, derjenigen Form, in
welche das eigentliche Epos in der neuern Zeit verlaufen mußte, im
allgemeinen wenigstens, Geltung zukommen: daß die ideale Welt des
Dichters, sein individuelles Geistesleben, mit dem thatsächlichen
geistigen und sittlichen Inhalt gerade der realen Welt zusammenfalle,
in der die geschilderten Ereignisse vorgehen, auf deren Boden die
Charaktere erwachsen, die Handlung sich entwickelt. Wo hier ein
Zwiespalt eintritt, da wird selbst die höchste formelle Kunst denselben
nicht gänzlich ausgleichen; in die Auffassung und Darstellung wird die
Reflexion sich einmischen, und möglicherweise werden sogar die Motive
der Handlungen sich als künstliche Maschinerie erweisen. Diese Trennung
zwischen einer vergangenen Zeit mit ihren Anschauungs- und Lebensformen
und der Apperception des Dichters wird störend in der Dichtung selbst
empfunden und läßt das Gefühl der Unbefriedigtheit zurück. Auf der
andern Seite aber scheint in Bezug auf die Arbeit des Schaffens selbst
eine Bedingung unerläßlich zu sein, sobald die Bühne, auf welcher die
Handlung sich bewegt, der Wirklichkeit und der Gegenwart angehört, mehr
noch da, wo das Thatsächliche der eigenen Persönlichkeit nahe tritt,
=die= Bedingung, daß bei der Ausführung seines Werkes dem Dichter
alles schon in eine gewisse Ferne gerückt und die durch subjective
Theilnahme für Personen und Ereignisse gestörte Ruhe wiedergewonnen
sei, denn nur einem ungetrübten Blick kann die klare Erfassung des
Gegebenen und seiner Erfolge gelingen.
Grimmelshausen wurde geboren, wuchs heran und lebte als Mann in der
Zeit, die er schildert; sein eigenes Leben erscheint durch dieselbe
so vollkommen bedingt, daß die Annahme fast mit Gewalt sich aufdrängt,
er selbst sei der Held seines Hauptwerkes, obgleich das biographische
Material noch fehlt, diese Identität auch nur in den wichtigsten
Punkten festzustellen, und seine schriftstellerische Thätigkeit fällt
erst gegen das Ende seines Lebens, wo der große Kampf, in dessen Mitte
er die Leser versetzt, ausgekämpft war, wenngleich seine Heftigkeit
noch in schmerzhaften Nachzuckungen sich fühlbar machte.
Das, was wir die innere Welt des Dichters genannt haben, deren Ausbau
die Einleitung zum »Simplicissimus« zu schildern versucht, in ihrem
vollständigen Zusammenfallen mit der äußern Welt bildet die reale
Grundlage einer Reihe von Schriften, die nach des Verfassers eigenem
Ausdruck die »Simplicianischen« genannt werden. In ihnen bewegt sich
alles innerhalb eines bestimmten Kreises; aber noch mehr, in der Mitte
steht eine Hauptperson zu der die übrigen je nach ihren Charakteren in
dauernde oder flüchtige Beziehung gesetzt sind. Er wollte auch, daß
die Zusammengehörigkeit dieser Schriften, die er als die Hauptaufgabe
seines eigentlichen Berufs betrachtete, neben denen seine übrige
Schriftstellerei nur eine beiläufige und gelegentliche war, von seinen
Lesern nicht übersehen werde. Er hat sich darüber kurz und bündig
ausgesprochen, indem er die Reihefolge, die sich schon aus innern
Gründen wie der Zeit der Entstehung nach ergibt, noch ausdrücklich
feststellt. Dieser Zusammenhang zu einem größern Ganzen wird in
nachstehender Weise vermittelt.
Unter den Personen, mit denen Simplicissimus zu einer Zeit in
Berührung kam, wo er einmal gute Tage hatte und der alte Leichtsinn
sein Recht forderte, war auch eine vornehm auftretende Dame, die er
im Sauerbrunnen zu Grießbach kennen lernte. Sie war schön und gewandt
genug, ihn in einen Liebeshandel zu verwickeln, obgleich er gerechten
Zweifel an ihrem Adel hegte und geneigt war, sie mehr für ~mobilis~
als ~nobilis~ zu halten. Ueberdies setzte sie ihm so übertrieben
mit »liebreizenden Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden
Affection« zu, daß er sich vor sich selbst und in ihrer Seele schämen
mußte. Deshalb suchte er sie bald wieder loszuwerden; die von ihr
selbst erzählte »gute Manier«, mit welcher ihm dies gelang, war
freilich ärgerlich und sehr wenig cavaliermäßig. Sie wurde zu aller
Welt Spott und verließ so schnell, wie sie konnte, den Schauplatz ihrer
Thaten.
Nach der Abreise der Hochstaplerin überließ sich Simplicissimus ganz
dem heitern Treiben des Badelebens. Aber bald schmerzlich berührt
durch den Tod seines theuersten Freundes, des »Herzbruders«, begann
er auf einsamen Gängen in den Bergen sich auf sich selbst zu besinnen
und den Stand eines Kriegshelden gegen das Idyll des Lebens auf dem
Lande mit gedeihlichem Ackerbau und vollem Viehstall abzuwägen;
überdies verlangte sein Herz nach einem Aequivalent für verlorne
Freundschaft. Das war die rechte Stimmung für die Hauptperson in
einer Dorfgeschichte. Im schönen Renchthale beginnt die Einleitung
unter Nachtigallengesang und am Ufer des rauschenden Wassers. Was die
große Dame mit aller Kunst nicht zuwege gebracht, das gelang hier der
einfachen Unschuld von Lande: sie warf dem Verliebten das Seil über die
Hörner. Schön freilich müssen wir sie der Beschreibung nach nennen,
die jugendfrische Dirne, die er mit ihrem Korbe am jenseitigen Ufer
beschäftigt sah. Wenn sie mit ihren weißen Händen ihre weiche Butter
im Wasser kühlte, so hatte sie dagegen mit ihren klaren schwarzen
Augen sein ebenso weiches Herz in Brand gesetzt. Darauf geht alles
seinen ordnungsmäßigen Gang: Gemüthszustand eines mit allen Thorheiten
beladenen Phantasten, standhafte Weigerung -- der Weg zum Besitz geht
natürlich nur durch die Kirche. Mittlerweile hatte Simplicissimus durch
seine ersten Pflegeältern im Spessart die Beweise seiner adelichen
Geburt erhalten, und er besaß Geld genug, eine reich ausgestattete
Bauerwirthschaft zu gründen. Nun folgt die Hochzeit und der Anfang
eines echten Junkerlebens, wozu die Frau trotz ihrer niedrigen Abkunft
entschiedene Anlage besitzt. Sie trinkt gern und häufig den lieben
Wein, und bald geht alles liederlich und rückwärts in Haus und Hof.
Besonders denkwürdig aber war der Tag, an dem nicht bloß die junge Frau
eines Knäbleins genaß, sondern auch die Magd, und wo zur selben Stunde
ein drittes mit einem Brieflein von der Badebekanntschaft vor die Thür
gelegt ward. Da wurde dem Ehemann doch bange, und es kam ihm vor, als
müsse noch eins aus jedem Winkel hervorkriechen. Als ihm nun gar die
Obrigkeit mit rechtschaffener Strafe ansah, hatte die Geschichte doch
wenigstens das Gute, daß sie ihm das Umhertaumeln im Irrgarten der
Liebe für immer verleidete.
Spielte nun auch die Dame von Grießbach nur eine sehr kleine Rolle
in dem Simplicianischen Lebensroman selbst, so war dieser Charakter
doch interessant als Repräsentant einer Klasse von Weibern, die dem
Soldatenleben jener Zeit eine eigenthümlichen Färbung gaben, jenen
fahrenden Frauen, die den Heeren folgten. Einem solchen Leben konnte
es an merkwürdigen Momenten in Scherz und Ernst nicht fehlen, die sich
als interessantes Beiwerk für die detaillirte Ausmalung des Leitbildes
verwerten ließen. Der Verfasser bedient sich dieses Charakters, um
zunächst die Verbindung mit dem Werke in dem oben erörterten Sinne
herzustellen und zugleich die Schilderung eines solchen verlornen
Lebens daran zu knüpfen.
Die Form ist geschickt gewählt. Die Landstreicherin erzählt, wie dies
in der Natur der Picarischen Romane liegt, ihr Leben selbst. Der
Zweck, den sie persönlich bei der Veröffentlichung verfolgt, liegt
in der flüchtigen Beziehung zu Simplicissimus und ist ihr durch den
Wunsch nach Rache eingegeben. Der Aufenthalt in Grießbach bezeichnet
eigentlich das Ende ihres Großlebens, ja aller ihrer Erfolge. Von
da ab will ihr kein Stern mehr leuchten. Der, den sie vielleicht
mehr geliebt hatte als einen der begünstigten Männer, der sie sogar
wenigstens äußerlich wieder hätte zu Ehren bringen können, war ihr
aus dem Netz gegangen; daß er aber gar die fatale Geschichte aller
Welt erzählt, schürte in ihrem Herzen einen Haß, den sie jahrelang mit
sich umhertrug. Nun sollte aber zunächst Simplicissimus, dann jeder
wissen -- denn an ihrer eigenen Reputation war ihr nicht das Geringste
mehr gelegen --, wer sie eigentlich war, und was für einen Streich sie
gegen ihn geführt, als sie ihm den Knaben ihrer Zofe unterschob, den
er als seinen Sohn und Erben aufgezogen hatte. Die Schriftstellerei
ist jedoch nicht ihre Sache; sie nimmt deshalb einen durch die Schule
gelaufenen, brodlosen Schreiber gegen ein ansehnliches Honorar von ein
paar Thalern und freie Station in Dienst, dem sie ihre Enthüllungen
in die Feder dictirt. Nach der Veröffentlichung derselben hatte der
Schreiber sich einst im Vorzimmer eines großen Herrn vergeblich um eine
Stelle bemüht. Die strenge Kälte trieb ihn in eine Wirthsstube; dort
findet er einen Gast sitzen, eine fremdartige, doch achtunggebietende
Erscheinung: es ist der nun alt gewordene Simplicissimus; dann
tritt ein bejahrter Stelzfuß herein, ein Spielmann mit der Geige,
ein früherer Kamerad des Simplicissimus, einst ein anstelliger und
tapferer Bursch, mit dem auch die Dame eine Zeitlang im Guten und
Bösen verkehrt hatte, und bald folgt eine Erkennungsscene zwischen den
beiden Kriegsgefährten. Der erste, von der Reise in fremde Länder,
deren Hauptereigniß eine Robinsonade auf einer unbewohnten Insel der
Südsee bildet, zurückgekehrt, wohnte als ehrsamer Landwirth in seiner
Heimat am Spessart. Des andern Leben war auf die gewöhnliche Weise
abgeschlossen worden, seine Rolle war ausgespielt. Der Schreiber
erkennt natürlich die Urbilder der Personen, von denen er hatte
berichten müssen, und bald kommt es zu unliebsamen Erörterungen; er
erzählt, wie er zu der Autorschaft gekommen, und von dem Lohn, der ihm
dafür geworden. Wir erfahren bei der Gelegenheit, daß dem alten Herrn
durch das Buch der größte Dienst geschehen ist, denn die Erzählung läßt
keinen Zweifel, daß der Knabe, der ihm untergeschoben werden sollte,
wirklich der seinige, daß also der Zweck des Buchs verfehlt ist.
Endlich, nachdem des Simplicissimus Pflegeältern, der »Knan« und die
»Meuder«, sammt dem Sohn hinzugekommen, hat der Leser das Vergnügen,
sich die ganze, übrigens sehr reputierlich auftretende Simplicianische
Familie vorgestellt zu sehen. Die Gesellschaft bleibt den Tag über
zusammen, und um die lange Winternacht zu kürzen, erzählt der alte
Spielmann seine Lebensgeschichte. Simplicissimus beauftragt den
Schreiber, auch diese niederzuschreiben und herauszugeben, damit die
Welt erfahre, daß der junge Simplicius nicht von einer Landstreicherin
abstamme.
Wenn der Zusammenhang der beiden Erzählungen des vorliegenden Bandes
mit dem Hauptwerke und unter sich ein ganz natürlicher ist, indem er in
ansprechender Weise und durch dem Leser bekannte Personen vermittelt
wird, so sind die beiden andern, der erste und zweite Theil des
»Vogelnestes«, die freilich demselben ethischen Zwecke dienen, in einen
künstlichen, nur mehr äußerlichen Zusammenhang gesetzt; nur schwache
Fäden leiten zu beiden und von einer zur andern hinüber, die von einem
wunderbaren Ereigniß im Leben des Stelzfußes ausgehen. Ueberdies
wird der Leser aus den Kriegsunruhen in Gegenden des Friedens und in
halbwegs geordnete Zustände geführt. Der abgedankte Soldat hatte sich
eine Zeitlang mit einem Leiermädchen umhergetrieben. Der Zufall setzte
sie in Besitz eines großen Schatzes, der ihrem Elend hätte ein Ende
machen können, es ist ein zauberhaftes =Vogelnest=, das seinen Träger
unsichtbar macht. Die Früchte des Fundes genießt die Leichtfertige
allein, indem sie damit sofort verschwindet, um sich desselben zu
Diebstahl und allerlei Unfug, endlich aber zu einem Liebesabenteuer zu
bedienen. Mitten darin wird sie von dem Geschick erreicht und stirbt
eines gewaltsamen Todes. Das kostbare Zaubermittel gelangt in die
Hände eines jungen Mannes, der bei dem Ausgang des Abenteuers zugegen
war. Seine Erlebnisse schildert die erste Abtheilung; als er endlich
desselben überdrüssig geworden, wirft er das gefährliche Spielzeug von
sich und sieht noch, wie es einem dritten zutheil wird. Auch dieser war
schon beiläufig erwähnt worden; es ist ein Kaufmann, in dessen Hause
die unsichtbare Landläuferin einen großen Diebstahl ausgeführt hatte,
und der nun auf diese Weise zum Ersatz des verlornen Gutes und zur
Befriedigung seiner Gelüste sich die Wege gebahnt sieht.
Durch diese Verbindung wird auch die Reihefolge der einzelnen Schriften
festgestellt. Nach der schon erwähnten Bemerkung Grimmelshausen's
folgen auf die =sechs= Bücher des »Simplicissimus« -- wodurch
also die Echtheit der sogenannten »Continuation« ausdrücklich
anerkannt wird -- die übrigen in folgender Ordnung: »Trutz Simplex«,
»Springinsfeld«, der erste und der zweite Theil des »Vogelnests«. Das
Verhältniß dieser Schriften zu den spanischen Dichtern und den durch
letztere angeregten ähnlichen Erscheinungen in der französischen
Literatur ist in der Einleitung zum »Simplicissimus« erörtert worden.
Für Grimmelshausen waren Diego Hurtado de Mendoza, Antonio Guevara,
Mateo Aleman, Franz da Ubeda in deutschen Uebersetzungen zugänglich.
Was etwa in Vergleichung gezogen werden kann, beruht auf innerlicher
Verwandtschaft. Was dort in der Gesammtliteratur sich vollzog, das hat
hier in dem reichen Geistesleben eines Einzelnen sich vollzogen.
* * * * *
Auch der »Trutz Simplex oder Ausführliche und wunderseltzame
Lebensbeschreibung der Erzbetrügerin und Landstörzerin Courage«[1] ist
nicht ohne Vorbild, wenn man es so nennen will.
Ubeda's »~Picara Justina~« war durch eine Uebersetzung in Deutschland
bekannt (Frankfurt 1626 -- 27.) Man könnte jedoch höchstens an eine
formelle Anlehnung, aber man darf an keine Nachahmung, am wenigsten
an eine bewußte Nachbildung denken. Zuvörderst verbietet das schon
der Boden, auf dem der Deutsche seine Heldin Libuschka auftreten
läßt. Was das Volksleben in Spanien begünstigte und als natürlich
erscheinen läßt, wäre unter den gewöhnlichen Verhältnissen bei
uns unmöglich gewesen. Der Krieg hatte hier die Möglichkeit erst
geschaffen. Das junge böhmische Mädchen, körperlich und geistig reich
ausgestattet, nicht schlecht erzogen und unterrichtet, wird in einem
für die Bildung des Charakters gefährlichen Alter in das wilde Treiben
des Soldatenlebens im Feld und in den Quartieren hineingestoßen.
Es war dies »der erste Sprung in die Welt«, wie ihn ähnlich auch
Simplicissimus gethan. Das verlorne Leben -- und hier tritt schon
ein Unterschied gegen Simplicissimus, eher eine Aehnlichkeit mit
Springinsfeld zu Tage -- entspricht jedoch durchaus ihren Neigungen. Der
Spessarter Bauernknabe wird gegen seine eigentliche Neigung geworfen
und getrieben; die Erkenntniß eines würdigen Lebenszieles geht ihm nie
ganz verloren; die schlimmen Seiten seines Lebens sind von außen in
ihn hineingebildet, und wo er mit vollkommenem Behagen und mit Lust
sich gehen läßt, da sind die Triebfedern eben die edlern Regungen des
männlichen Willens, der persönliche Muth, der Drang nach Auszeichnung
und Ehre. Die Böhmin aber läßt sich nicht blos gehen, sondern verfolgt
ihre Ziele, die eben nur in demjenigen liegen, was der Krieg und
die Gesetzlosigkeit ihr persönlich eintragen können, mit der ganzen
Energie ihrer Natur. Diese läßt sich mit wenigen Strichen zeichnen;
in ihr sind alle schlimmen Eigenschaften verkörpert, welche die böse
Welt überhaupt dem weiblichen Geschlecht nachzusagen pflegt: neben der
maßlosesten Sinnlichkeit und einer wilden Sucht nach Aufregung, die
sie persönlich in die Schlachten treibt, neben Neid und Habsucht auch
nicht eine Andeutung von besserm und weicherm Gefühl, das sonst bei
den verdorbensten Weibern noch hervorbricht; dafür eine rücksichtslose
Härte, mit der sie alles ihren Zwecken dienstbar macht, und eine
Elasticität, die nach den schwersten Schlägen wieder in die Höhe
schnellt.
Durch solche Eigenschaften gelingt es dem heillosen Weibe, eine
hervorragende Stelle einzunehmen unter den Scharen von Dirnen, wie sie
bei den Regimentern sich umhertrieben; mit diesen kommt sie jedoch
persönlich kaum in Berührung. Jener verlorne Haufe rekrutierte sich zum
Theil aus den »öffentlichen Frauen«, wie sie in den Städten, ehrlos
freilich und unter strenger Aufsicht, meist des Nachrichters, geduldet
wurden, zum Theil aber auch aus den vielen Unglücklichen, die außer
Heimat und Familie die Ehre eingebüßt hatten. Ueber diese, die auch bei
den Heeren unter der Zucht von besondern Waibeln standen, weiß sie sich
zu erheben. Zu Anfang durfte sie sich zu den Offiziersfrauen rechnen,
die nach damaliger Sitte nicht selten ihre Männer im Felde begleiteten.
Als sie sich den Eintritt in ein höheres gesellschaftliches Leben
eröffnet sah, fühlte sie wohl, daß es neben ihrer Schönheit und
ihrem natürlichen Verstande doch einer besondern Vorbereitung für
diese Kreise bedürfe. Es ist ein feiner Zug in der Darstellung
Grimmelshausen's, daß er die junge Frau denjenigen Weg einschlagen
läßt, welcher der bequemste und deswegen der gewöhnlichste war.
In der für die höhern Stände zunächst berechneten
Unterhaltungsliteratur hatte unter den eigentlichen Ritterromanen
ein in den achtziger Jahren des 16. Jahrhunderts unmittelbar aus
Frankreich importirtes, in deutscher Uebersetzung erschienenes Buch,
der »Amadis aus Frankreich«, in der Gunst der Leser alle übrigen in
den Schatten gestellt. Und in der That entsprach dasselbe, was seinen
materiellen Gehalt betrifft, der leichtlebigen Oberflächlichkeit
jener Gesellschaftsschichten ungleich besser als die alten, auf
solidern Fundamenten aufgebauten Bücher, wie der »Fierabras«, die
»Haimonskinder«, die »Magellone« oder der »Kaiser Octavianus«,
die man gern dem Volke überließ. Jene endlosen Abenteuer nebst
schlüpfrigen Liebesgeschichten, die freilich der Uebersetzer dadurch zu
rechtfertigen sucht, daß denselben ja die nutzbare Lehre und Aufklärung
über Welthändel und Regimente als Gegengift beigegeben werde,
schmeichelten der innern Rohheit und den nobeln Passionen des Adels,
der darin seine eigene, freilich zum guten Theil der Vergangenheit
angehörige Herrlichkeit widergespiegelt sah. Vor allem aber war es die
Form, die selbst besser gebildete Leser angezogen zu haben scheint. Die
Vorrede der deutschen Ausgabe hatte dem Buche schon eine hervorragende
Wichtigkeit »für die Polierung unserer Muttersprache« vindicirt. Eine
heilsame Selbsterkenntniß scheint dann bemerkt zu haben, daß man hier
lernen könne, die innere Rohheit unter äußerm Schliff zu verbergen,
die Geistesarmuth mit buntem, entlehntem Flitterstaat zu bekleiden,
die Inhaltslosigkeit der Gedanken und Empfindungen unter klingendem
Wortschwall zu verhüllen. Der Einfall war nicht einmal neu und stammte
aus derselben Bezugsquelle wie der Roman selbst, was natürlich
demselben doppelten Werth verlieh. Schon war in Frankreich selbst ein
Buch erschienen, das die Sache nicht allein für den Gebrauch merklich
erleichterte, sondern auch die moralische Gefährlichkeit abschwächte,
indem man alles Thatsächliche weggelassen hatte. Die im »Amadis« und
seinen endlosen Ausspinnungen enthaltenen »besonders wohlgefälligen
Reden, Briefe, Gespräche« hatte man zum Handgebrauch gesammelt; eine
deutsche Uebersetzung erschien zuerst zu Straßburg 1597.
Die Beliebtheit des Romans muß in der That außerordentlich gewesen
sein; dies bekundet sich schon in der heftigen Reaction, die sich
vorzugsweise in der neuen poetischen Richtung des Jahrhunderts
aussprach. Auf das Urtheil des Chorführers am neudeutschen Parnassus
ist nicht viel zu geben. Martin Opitz, der die »~Historia Amadaei~«
mit überschwenglichen Lobpreisungen überschüttete, war, als er diese
in seinem »Aristarchus« veröffentlichte, ein noch sehr jugendlicher
Schriftsteller, der eben über die Schule hinaus war, und man erkennt
hier unschwer eine Ueberschätzung des formellen Verdienstes. Ein
solches kommt dem Buche und der Uebersetzung unzweifelhaft zu; das
wurde auch von einzelnen Verständigen anerkannt, unter denen, abgesehen
von Philipp von Zesen, auch Männer wie der Sprachforscher Schottelius
und selbst noch ein Leibniz zu nennen sind.
Die Reaction richtete sich vor allen Dingen gegen den materiellen
Inhalt, den man ohne das directe Gegengewicht ausdrücklich betonter
moralischer Tendenzen nicht gelten lassen wollte, dann gegen die
Anachronismen, »die unchristlichen und närrischen Zauberpossen« u. s.
w.; sie erblickte in solchen Dingen mit Recht eine die Phantasie mit
inhaltslosen Träumereien erfüllende und die Sinne aufregende Lektüre.
Philander von Sittewalt, der sittenstrenge Moscherosch, trägt kein
Bedenken, dem Urheber solchen Unsinns neben andern Scribenten in der
Hölle sein Quartier anzuweisen, und zwar in der reservierten Abtheilung
der Procuratoren und Advocaten, »als Leuten, die in diesen Stücken vor
andern wohl erfahren«. Logau bezeichnet die ganze Gattung, wie es kaum
besser geschehen kann, durch die Bemerkung, sie schärfe die Zunge,
aber stumpfe die Sinne; vor der dadurch erworbenen Klugheit habe die
Keuschheit ein Grauen, nicht ohne Hinblick auf die alte gute Zeit,
wo die Junker die Lieder vom »Tannenbaum« und »Lindenschmied« sangen
und die Jungfern über Haus- und Landwirtschaft zu sprechen wußten, der
modernen Heldenzeit gegenüber, die von Krieg und Mannesmuth =redet=,
und wo die Damen ihren Beruf in der »Courtoisie« erblicken.
Ja, der braunschweigische Superintendent Andreas Heinrich Buchholz
trieb den Eifer so weit, daß er den Versuch machte, »das schandsüchtige
Amadisbuch«, wie er es nannte, durch zwei dickleibige eigene Romane,
den »Christlichen deutschen Großfürsten Hercules u.s.w.« (1659)
und »den Christlichen königlichen Fürsten Herculiscus« (1665),
die dem verhaßten Gegner an Umfang nichts nachgeben und sogar
demselben in Bezug auf die Sprache viel verdanken, in der Gunst des
Publikums zu verdrängen. Sie sollten den Leser zu einem heilsamern
Geschmack hinüberziehen und nicht allein das »weltwallende«, sondern
zugleich das »geisthimmlische« Gemüth erquicken und auf der Bahn
der rechtschaffenen Gottseligkeit erhalten. Grimmelshausen wird den
heiligen Zorn des Mannes belächelt haben wie die weitschweifige Art des
Buches, das selbst so ziemlich an der Spitze der modernen Helden- und
Liebesgeschichten steht. Er ist auch darin entschiedener Realist, daß
er sich nicht in Declamationen ergeht, sondern einfach das Buch als
Quelle der Bildung einer fahrenden Buhlerin in die Hand gibt, die damit
dennoch nicht über die allgemeine Schwäche der Frauen im Gebrauch
der Fremdwörter hinauskommt, und einen ungebildeten Landsknecht oder
einen renommistischen Junker ihre Liebeswerbungen in Amadisischen
Redewendungen anbringen läßt.
Das Verhältniß zu Simplicissimus ist als durchgehendes Motiv für die
Form der Darstellung in geschickter Weise benutzt. Die Benennung
»Trutzsimplex« ist schon insofern bezeichnend, als dieselbe andeutet,
die Lebensgeschichte der Landfahrerin stehe an Abenteuerlichkeit
der ihres frühern Liebhabers ebenbürtig gegenüber, aber noch mehr,
alles sei zum Aerger dieses Mannes geschrieben. Darum die häufigen
Apostrophen an den Verhaßten, die Schadenfreude, mit der sie darauf
aufmerksam macht, wie sie ihn angeführt, das Behagen, mit welchem sie
erzählt, daß sie es war, die seinen Gefährten Springinsfeld in der
Schule jeder Schlechtigkeit erzog, wie sie den verliebten jungen Mann
endlich weggeworfen, nachdem sie ihn völlig beherrscht und ausgenutzt,
und ihn in einem gewissen Anflug von Humor mit einem Danaergeschenk
entlassen habe, das ihn, wie sie hoffte, noch schließlich um die ewige
Seligkeit hätte bringen können.
Wie die ganze Grundlage des kleinen Vagabundenromans eine historische
ist, so wird auch die Heldin desselben persönlich in eine Art von
geschichtlicher Beziehung gesetzt. Libuschka ist das Kind der Liebe
eines hochgestellten Mannes[2], der einst der gewaltigste Herr von
Böhmen gewesen war. Er gehörte zu der Zahl derer, die dem Racheact
gegen »die Rebellen« zu Prag (im Juni 1621) entgangen waren. Dem
Anfangsbuchstaben nach könnte man an den Grafen Matthias von Thurn
denken, aber ich glaube, Grimmelshausen hat den Grafen Ernst von
Mannsfeld im Sinne gehabt, auf den die Umstände zu passen scheinen.
Er wurde schon 1618 »wegen eigenmächtiger Werbung, sonderlich wegen
Belagerung und Einnahme der Stadt Pilsen in des Heiligen Römischen
Reichs Acht verfallen« erklärt, »aus dem Frieden in Unfrieden gesetzt,
und sein Leib, Hab und Gut jedermänniglich erlaubt« (Gottfried,
Historische Chronik, ~II.~ 13). Diese Achtserklärung wurde 1622
wiederholt. Damals, als Courage durch einen schwedischen Offizier aus
den Händen brutaler Soldaten gerettet wurde, befand sich Mannsfeld bei
Bethlen Gabor in Ungarn; die Beziehungen dieses Fürsten zur Türkei und
seine eigene Reise nach Konstantinopel, von wo er über Venedig nach
England ging, um ein Hülfegesuch im Namen Bethlen's zu überbringen,
mögen Veranlassung zu den Zeitungsgerüchten von seinem Uebertritt zum
Islam gegeben haben.
Die Aufzeichnungen der Landstörzerin beginnen mit dem ersten Act des
Kriegsdramas, welches sich nach dem Tode des Kaisers Matthias, der
dem Frieden mit den böhmischen Ständen nicht abgeneigt schien, auf
dem Boden des Königreichs abspielte, zur Zeit als es dem jungen König
Ferdinand, bei dessen Regierungsantritt alle Hoffnung auf Versöhnung
aufgegeben wurde, eben gelungen war, seinen Freund und Studiengenossen
zu Ingolstadt, Maximilian Emanuel von Baiern, für sich zu gewinnen,
da nach der Wahl des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zum König von
Böhmen seine Hausmacht zur Bekämpfung der evangelischen Union nicht
mehr ausreichend erschien. Maximilian sammelte ein Heer bei Donauwörth.
Indessen hatten diplomatische Unterhandlungen des gewandten Ferdinand,
bei denen er das Gespenst des Calvinismus wirksam in Erscheinung
treten ließ, den Erfolg gehabt, die Böhmen zu isolieren, was durch
den Vertrag zu Ulm (3. Juli 1629) thatsächlich geschah. Maximilian
ging sofort nach Oberösterreich, zwang die protestantischen Stände
zur Huldigung, vereinigte sich mit dem kaiserlichen Heere unter Karl
Bonaventura von Longueval, Grafen von Buquoi, in Unterösterreich
und zwang so die böhmische Streitmacht, zum Schutz des Königreichs
abzuziehen. Die festen Plätze in Niederösterreich wurden theils
verlassen, theils von den Baiern und Kaiserlichen genommen. Als
zuletzt auch die Belagerung des starken Drosendorf vor dem Anmarsch
der siegreichen Armee aufgehoben werden mußte, wandten sich die Böhmen
gegen Znaim nach Mähren; das kaiserliche Heer zog darauf nach Budweis,
wo der Feldzugsplan festgestellt wurde (im September). Buquoi wollte
zwar den Böhmen nach Mähren folgen, fügte sich aber der Ansicht daß
es gerathener sei, direct auf Prag zu marschieren, und zwar noch vor
Anbruch des Winters, der den Böhmen nur günstig sein konnte, um dem
Feinde keine Zeit zu Verstärkungen und Befestigungsarbeiten zu lassen.
Während der Baier sich gegen Wodnian an der Blanitz im Kreis Pissek
wandte -- es ist also ein Irrthum Grimmelshausen's oder ein Druckfehler,
wenn (Kap. ~II.~) statt dessen Budweis genannt wird --, zog Buquoi auf
Pragatitsch, welches erst nach hartnäckiger Gegenwehr seiner Bewohner,
und nachdem sich der Graf aus dem baierischen Lager durch Geschütz
verstärkt hatte, im Sturm genommen wurde. Die erbitterten Truppen
begannen nun die furchtbare »Kirchweih«, welche Libuschka, das junge
»fürwitzige Ding«, aus der Stille des Hauses, in dem sie aufgewachsen,
in den Strudel des Lebens hinauswarf. Es sind an diesem Tage in dem
Städtchen, welches heute kaum 4000 Einwohner zählt, mehr als 1500
Menschen erschlagen worden.
Es lag jetzt freilich in der Absicht der Kaiserlichen, auch Pilsen
in ihre Gewalt zu bekommen, aber dieser Plan wurde damals noch nicht
ausgeführt; also auch hier ist Grimmelshausen ungenau, denn erst 1621
ging die Stadt an Tilly verloren, der die Besatzung zum Theil durch
Geld vermocht hatte, zu ihm überzugehen, während die übrigen mit Sack
und Pack abzogen. Dagegen ist die Erwähnung einer Verwundung Buquoi's
(S. 16) richtig; er erhielt in einem Gefecht bei Rakonitz (Ende
October) gegen die Ungarn eine Schußwunde am Schenkel.
Nach der Schlacht am Weißen Berge ging Maximilian nach Baiern zurück;
den Fürsten von Lichtenstein hatte er zum Statthalter von Böhmen
ernannt und ihm Tilly mit einem Theil der Armee beigegeben, während
der Kurfürst von Sachsen zur Execution der Reichsacht in die Lausitz
abzog. Buquoi dagegen wandte sich über Deutschbrod nach Mähren.
Libuschka folgte mit ihrem Rittmeister seinen Fahnen. So kamen sie nach
Iglau, waren zu Neujahr in Brünn, und darauf in Olmütz. Der weitere
Marsch nach Ungarn im Frühling 1621 verlief anfangs glücklich, bis zur
Belagerung von Neuhäusel, die dem tapfern General das Leben kostete.
Als nun gar Bethlen Gabor's Vortrab heranrückte, sah das kaiserliche
Heer sich zum Rückzuge genöthigt. Libuschka's Geliebter kam mit einer
flüchtigen Abtheilung verwundet nach Preßburg, wo er starb. Die
Belagerung der Stadt durch Bethlen mußte aufgegeben werden, was die
Kaiserlichen hauptsächlich der von Grimmelshausen erwähnten Hülfe aus
Mähren zu danken hatten.
Bei Weidhausen in den Schanzen, welche damals der Mannsfelder den
Baiern übergeben hatte, finden wir die junge Witwe mit einem andern
Manne wieder. Der Graf hatte sich in gefährlicher Lage befunden, da
Ritterschaft und Städte der Oberpfalz sich ergeben hatten. Er suchte
sich durch eine List zu helfen, indem er den Schein annahm, als wolle
er mit seinem Heere in kaiserliche Dienste treten; er war nach der
Unterpfalz abgezogen und hatte erst hier die Maske fallen lassen,
während wegen des glücklichen Ereignisses in Prag und andern Städten
das Tedeum gesungen und die Glocken geläutet wurden. Libuschka war bei
Mingelsheim und Wiesloch, wo die Baiern eine empfindliche Niederlage
erlitten, unter Tilly bei Wimpfen gegen den Markgrafen von Durlach, bei
Höchst gegen den tollen Braunschweiger Christian, lag mit vor Mannheim,
welches im September 1622 accordierte, und verließ nach der Blokade von
Frankenthal das Heer, während Tilly's Truppen Winterquartiere in der
Wetterau bezogen.
Der Lieutenant, der Libuschka schmählich verlassen, war indessen in der
Schlacht bei Fleury gefallen. Es muß auffallen, daß Grimmelshausen hier
geradezu dem spanischen Heere den Sieg zuschreibt, während derselbe
doch mit größerm Recht von Mannsfeld und Herzog Christian in Anspruch
genommen werden konnte. Die Auffassung Grimmelshausen's weist direct
auf das »~Theatrum Europaeum~« als Quelle hin, wo ebenfalls Gonsalvo
de Cordova als Sieger bezeichnet wird, obgleich der ausführliche
Bericht über die Schlacht das Gegentheil ergibt. Aber der Dichter
konnte ja unmöglich alles aus eigenen Erinnerungen schöpfen, und
das genannte große Sammelwerk, welches seit 1664 herauskam, schien
eine zuverlässige Quelle zu sein. Dagegen waren ihm die Ereignisse
in Niedersachsen unter Tilly sehr genau bekannt. Wir wollen hier
Einzelnes hervorheben, was nur wenigen Historikern von Fach bekannt
sein dürfte und fast der Vermuthung Raum läßt, der Verfasser sei bei
den erzählten Ereignissen persönlich zugegen gewesen. Wirklich schickte
Wallenstein die Herzoge Georg von Lüneburg und Heinrich Julius von
Sachsen-Lauenburg und die Obersten von Four, Hausmann und Cerbon dem
Oberfeldherrn mit 7000 Mann zu Fuß und zu Pferd zu Hülfe. Courage
kam ihrer Erzählung nach, wahrscheinlich mit diesen Truppen, bei den
»Häusern Gleichen« in der Nähe von Göttingen, die damals dem Landgrafen
von Hessen gehörten, zu den Tilly'schen, welche in jener Gegend übel
hausten; namentlich hatte die als hessisches Lehn heimgefallene
Herrschaft Plesse viel zu leiden. Im Frühling 1626 hatte hier das
Regiment des Obersten Kronenberg Quartiere bezogen. Unter den Gleichen
liegt ein zu jener Zeit hessisches Gut Wittmarshof, das Tilly zerstört
hatte. Eine Compagnie des Herbersdorfer Regiments lag hier im Quartier.
Der weitere Verlauf des Feldzugs ist, kurz gefaßt, folgender. Die
Schlacht bei Lutter am Barenberge wurde am 17. August geschlagen.
Nachdem seine Armee sich zu Wolfenbüttel einigermaßen erholt hatte,
ließ der Dänenkönig sie jenseit der Unterelbe marschieren und verlegte
sein Hauptquartier zuerst nach Buxtehude, von da nach Stade. Die im
Bremischen gelegenen festen Plätze waren mittlerweile in die Hände der
Kaiserlichen gefallen. Auf dem Landtage in Rendsburg versprachen nun
die Stände, mit gesammter Hand die Gegenwehr zu ergreifen. Es folgte
bald daraus die zu Ende des 11. Kapitels erwähnte Einnahme von Hoya,
dessen Besatzung am 12. December, nachdem der erste Sturm abgeschlagen
worden, capitulierte. Der König hatte es auch auf Verden abgesehen,
mußte jedoch wegen der bei Hoya erlittenen Verluste diese Absicht
aufgeben. Indessen war auch die Versöhnung des Herzogs Friedrich
Ulrich von Braunschweig mit dem Kaiser zu Stande gekommen; der
Widerstand in Niedersachsen war gebrochen, das dänische Heer über die
Elbe bis nach Jütland gedrängt.
Den Erlebnissen in Italien liegen folgende Thatsachen zu Grunde. Der
Tod des Herzogs Vincenz Gonzaga von Mantua und Montserrat hatte zu
ernstlichen Verwickelungen geführt. Durch den Fürsten war der nächste
Agnat seines Hauses, der Herzog von Nevers, noch ausdrücklich durch
Testament als Erbe eingesetzt worden. Die beiden Häuser von Habsburg
erblickten darin eine Gefahr für ihren Einfluß in Italien zu Gunsten
Frankreichs, das auch in der That dem legitimen Nachfolger seine Hülfe
zusagte, und wünschten seinem Vetter aus der zweiten Gonzagischen Linie
die Reichslehen zu verleihen, ein Plan, für den sich auch Savoyen
erklärt hatte. Es wurde jedoch ein Vergleich geschlossen, durch den
Frankreich dem Herzog von Savoyen einen Theil von Piemont restituirte
und die begonnene Belagerung von Casale aufgehoben wurde. Doch schon
im folgenden Jahre sagte sich Savoyen von dem Vergleich los. Die
Spanier unter Spinola zogen wieder vor Casale, aber bei der kräftigen
und geschickten Gegenwehr des Commandanten Tohras ohne Erfolg. Nun
rückten auch die Oesterreicher unter Colalto, Gallas, Altringer ein.
Mantua, seit dem November 1629 eingeschlossen, fiel im Juli des
folgenden Jahres; die Kaiserlichen hatten ein Einverständniß in der
Stadt unterhalten, so wurde es möglich, in der Nacht sich derselben auf
Schiffen zu nähern, die Thore zu sprengen und die schwache Besatzung
zu überwältigen. Die Folge war der Anfang von Unterhandlungen und
der endliche Friedensschluß zu Chierasco, dessen Hauptbestimmung in
der Anerkennung des Herzogs von Nevers bestand. Die Verhandlungen
waren das Werk Mazarin's, der hier zuerst Gelegenheit fand, seine
großen politischen Talente zu zeigen. In der letzten Zeit hatte die
Pest Italien, namentlich Venedig, Mailand, Mantua schwer heimgesucht.
Deshalb wurde nach Beendigung des Feldzugs die Heeresabtheilung, bei
welcher Courage sich befand, in die kaiserlichen Erblande und zwar ins
freie Feld an der Donau verlegt.
Nach der Einnahme von Prag durch Wallenstein im Mai 1632, das seit
November 1631 sich in den Händen der Sachsen unter Arnheim (Arnim)
befunden hatte, lebte die Landfahrerin in dieser Stadt. Noch einmal
verheirathet, begleitet sie ihren Mann wieder ins Feld bis zur
Schlacht bei Nördlingen, die sie wieder zur Witwe macht, folgt darauf
der Armee, auf dem Marsch gegen den Bodensee und nach Würtemberg, um
sich in der Heimat ihres in Hoya gefallenen Hauptmanns, der sie zum
Erben seiner liegenden Güter eingesetzt, häuslich niederzulassen.
Nun geht es abwärts, die fatale Episode mit Simplicissimus und
ihre Liederlichkeit bringen sie um Haus und Hof, und wir sehen
sie wieder als Marketenderin bei den Weimarischen im armseligsten
Aufzuge mit einem gemeinen Musketier umherziehend, bis zum Gefecht
bei Herbsthausen, wo der baierische Generallieutenant von Mercy
die Franzosen unter Turenne schlug. Sie geräth nun unter eine
Zigeunerbande, die sie nach Böhmen begleitet, wo zu Anfang des Jahrs
1645 Torstenson eingerückt war. In diesem neuen Stande, der ihr auch in
Friedenszeiten eine gewisse abenteuerliche Freiheit gewährte, findet
das Leben der merkwürdigen Tochter Eva's einen anständigen Abschluß. In
spätern Jahren sollte sie -- so erfahren wir aus einer der satirischen
Schriften Grimmelshausen's -- den geliebten und gehaßten Simplicissimus
noch einmal wiedersehen. In Grießbach, so erzählt das im Jahr 1672
erschienene »Rathstübel Plutonis oder Kunst reich zu werden«, hatte
sich eine aus den verschiedensten Ständen zusammengesetzte Gesellschaft
eingefunden. Einst unternahm man unter Führung eines vornehmen
Touristen, eines »reisenden Landbeschauers«, einen Spaziergang in die
Umgegend und stattete auch dem auf seinem Bauerhofe lebenden »weit
berufenen« Simplicissimus einen Besuch ab. Hier beginnt ein Gespräch
über das auf dem Titel genannte Thema, an dem auch der Knan und die
Meuder theilnehmen. Da erscheint plötzlich die alte Courage auf ihrem
Maulesel; Simplicissimus holt auch den alten Stelzfuß Springinsfeld
herbei. Die Gesellschaft hat die Simplicianischen Schriften gelesen
und kann nun die ehrenwerthe Sippschaft in der Nähe betrachten, und
diese findet am Ende ihrer Tage Gelegenheit, in leidenschaftsloser
Beurtheilung das Sonst und Jetzt zu erwägen.
* * * * *
Die Leser des »Simplicissimus« erinnern sich des jungen Kriegsmanns,
mit dem der Jäger von Soest im westfälischen Feldzuge gute
Kameradschaft geschlossen hatte. Sie werden ihre Erwartungen nicht
zu hoch spannen, wenn sie in der zweiten Erzählung dieses Bandes
die Geschichte seines Lebens: »Den seltzamen Springinsfeld«[3], zur
Hand nehmen. Auch im »Trutzsimplex« ist ihm keine Rolle angewiesen,
die ihn besonders interessant erscheinen ließe. Man muß den kleinen
Roman nur im Zusammenhang des größern Ganzen, als Illustration einer
eigenthümlichen Seite des Kriegslebens betrachten, in dieser Beziehung
als einen Pendant zur »Landstörzerin Courage«.
Springinsfeld ist der Repräsentant der gewöhnlichen Kriegsleute seiner
Zeit, die eben nur Soldaten sind und weiter nichts, von der Art,
wie das Geschick oder die Neigung sie zu Tausenden den Regimentern
zuführte, wo manchem Fortuna hold war, die meisten aber ein frühes
Grab auf grüner Heide fanden; auch darin ein Seitenstück zu Libuschka,
daß beide, um sich durchzuschlagen, ihre natürlichen Gaben: Muth und
Ausdauer, Kraft und Schönheit, Humor und Schlauheit, ihrem Geschlecht
gemäß ausnutzen. Solche Leute waren den Führern willkommen; der frühere
Seiltänzer und Gaukler war frisch und gewandt, unerschrocken und
unbedenklich; sonst geistig nur mittelmäßig begabt, leichtsinnig und
nur des nächsten Tages gedenkend, alles im geraden Gegensatz zu dem
alten Kriegsgefährten, der gegen des Lebensende beider, als nach länger
denn dreißig Jahren der Zufall sie zusammenführt, auf das schärfste
hervortritt. Der Bauerknabe aus dem Spessart hatte redlich wider die
Wellen des Stromes angekämpft und war endlich zu Land geschlagen; das
Kind des Gauklers hatte sich treiben lassen, ohne nach Ruhe zu fragen,
ja ohne dieselbe ertragen zu können, und mußte seinem guten Geschick
danken, daß der alte Kamerad sich seiner erinnerte und ihn davor
bewahrte, ein verfehltes Leben hinter dem Zaun oder besten Falls in
einem Hospital zu enden.
In dem Namen schon ist der ganze Charakter des Abenteurers, damals wie
heute für jedermann verständlich, ausgesprochen, wenngleich Courage
eine schalkhafte Geschichte erzählt, welche die Entstehung desselben
auf eine besondere Veranlassung zurückführt. Er gehört zu der Zahl von
Namen, die, alten volksthümlichen Benennungen von Elben und Kobolden
entnommen, in Märchen und Sagen, vorzüglich aber in Hexenprocessen
vorkommen. Dieser Ursprung ist auch darin erkennbar, daß die meisten
derselben an Wald und Feld erinnern. So ist z. B. Zum-Wald-fliehen
geradezu das Gegentheil von Spring-ins-Feld; andere sind: Hurlebusch,
Hans vom Busch, Grünlaub, Grünewald, Grünedel mit einer Bedeutung,
die sogar an die französischen ~noms de guerre~, wie ~Sautebuisson~,
~Jolibois~, ~Verdelet~ anklingt. Später wurden dieselben auf
christliche Teufel übertragen und gingen als eigentliche Kriegsnamen,
wo es galt den wahren Namen zu verstecken, auf Soldaten, Räuber und
Landfahrer über. In pseudonymen Fehdeerklärungen, unter Droh- und
Brandbriefen sind sie in Deutschland nicht selten.
Ich glaube, in diesen leichthingeworfenen Schilderungen ist ein großer
Theil eigener Erfahrungen und wirklich vorgefallener Geschichten aus
dem Leben eines ehemaligen Kriegsgefährten Grimmelshausen's selbst
niedergelegt, dessen Name in den Erinnerungen des gereiften und zur
Ruhe gekommenen Mannes mit mancher Soldatengeschichte verknüpft war.
Dafür sprechen auch die zahlreichen und genauen geschichtlichen
Details, die kaum anderswoher als aus persönlichen Erlebnissen und
eigener Beobachtung geschöpft sein können. Den meisten Lesern unserer
Sammlung wird der Zusammenhang der rasch und ohne Ruhepunkte durch
den alten Kriegsknecht erzählten Begebenheiten schwer verständlich
sein; für diese sind die folgenden Bemerkungen bestimmt, nicht für den
=Kenner= der Geschichte, der sich überall selbst zurecht finden wird;
natürlich müssen wir auf vollkommene Klarstellung jeder Einzelheit
verzichten.
Springinsfeld's Soldatenlaufbahn beginnt unter Spinola in der Pfalz, er
war bei der Belagerung von Frankenthal im October 1621 unter Gonsalvo
de Cordova, und kam zu Tilly eben vor der unglücklichen Schlacht bei
Wiesloch, dann bei Wimpfen und im Lohner Bruch bei Stadtlohn gegen
Herzog Christian von Braunschweig. Nach Beendigung des dänischen
Krieges ging er mit Libuschka nach Italien. Mit dem Obersten Johann
Altringer (gefallen 1634 bei Landshut) kehrte er nach Deutschland
zurück, diente in Niedersachsen und nahm an den Hauptereignissen,
Schlachten und Belagerungen im Holsteinschen, in Thüringen und Hessen,
eine Zeitlang auf schwedischer Seite, theil, nachdem er gefangen
genommen; zog unter Pappenheim nach Westfalen, dann vor Hameln und
gegen Banner bei Magdeburg. Mit Pappenheim's glücklichem Stern war er
darauf wieder in Westfalen, darauf bei den Schanzen vor Mastricht gegen
Bavadis und die Hessen, vor Wolfenbüttel und Hildesheim, bis er mit des
Generals Scharen zu Wallenstein stieß. Nach der Schlacht bei Lützen,
als in der Nacht darauf die kaiserliche Armee zunächst nach Leipzig und
gleichsam flüchtig, obgleich von den Siegern unverfolgt, nach Böhmen
marschirte, begann für unsern Abenteurer, der eben noch daran gedacht
hatte, Offizier zu werden, eine trostlose Zeit. Er hatte alles, was er
besaß, verloren und mußte, von den Altringerschen erkannt, wieder bei
seinem alten Regiment eintreten, womit die lustige Freireuterschaft,
die er eine Zeitlang geführt, ein Ende hatte. Er mußte nun bei Kempten
und Memmingen und gegen den schwedischen Obersten Forbus als Dragoner
dienen, und lag, nachdem das Regiment mit Wallenstein nach Schlesien
gekommen war, an der Pest danieder. Als er wieder zu seinem Regiment
kam, war das Trauerspiel zu Eger beendet; der junge König Ferdinand
hatte selbst die Führung eines 60000 Mann starken Heers übernommen.
Springinsfeld's weitere Erlebnisse bewegen sich in ziemlich bekannten
Ereignissen; er kämpfte mit Altringer und Johann de Werth gegen die
Schweden bei Landshut auf der Brücke, nach der Vereinigung mit dem
Cardinal-Infanten Ferdinand bei Nördlingen. Inzwischen war das Bündniß
mit Frankreich zu Stande gekommen. Der Heeresabtheilung Philipp
von Mannsfeld's wurde durch Bernhard von Weimar scharf zugesetzt,
und auch Springinsfeld's Regiment war bis auf einen kleinen Rest
zusammengeschmolzen. In Westfalen von den Hessen gefangen, mußte er
nun im Erzstift Köln gegen die Kaiserlichen dienen, half bei Kempten
den Generalmajor Wilhelm Grafen von Lambboy aus dem Felde schlagen
und gelangte, als die Franzosen unter dem Grafen Guebriant sich nach
Frankreich zurückzogen, wieder zu seinem Regiment. So ging es in
kleinen Gefechten weiter bis zur Affaire von Rottweil; besonders hier
scheinen die erzählten Einzelheiten auf eigener Anschauung zu beruhen.
Der geschichtliche Verlauf ist folgender.
Die Weimarischen, in der Absicht, über die Donau in Baiern
einzubrechen, hatten den Rhein überschritten und zogen über den
Schwarzwald auf Rottweil; der Generalmajor Reinhold von Rosen rückte im
November 1643 vor die feste Stadt Balingen, die er für unvertheidigt
hielt, fand dieselbe aber von den Baiern schon besetzt und verlegte
seine 1200 Reiter in das naheliegende Dorf Geislingen. Davon hatte aber
der General Spork durch einen Bauern Nachricht erhalten und führte
nur mit 520 Pferden einen nächtlichen Ueberfall aus, der so glänzend
gelang, daß die feindliche Reiterei größtentheils niedergehauen, 200
Mann mit einer Anzahl höherer Offiziere gefangen wurden, und Rosen
selbst nur mit wenigen Leuten auf ein benachbartes Schloß entkam. Um
diesseit des Rheins einen festen Punkt für ihre Operationen zu haben,
machten dann Guebriant und Ranzow den Versuch, Rottweil zu nehmen;
dies gelang erst nach tapferster Gegenwehr und nach der tödtlichen
Verwundung des französischen Generals durch Capitulation. Da jedoch
die Gegend wegen Mangels an Fourrage für Winterquartiere sich als
ungeeignet erwies, entschloß man sich, in die Landstrecken von Müllen
bis Donaueschingen einzurücken. Die Stäbe mit allem Geschütz und zwei
Regimentern zu Fuß kamen in Tuttlingen zu liegen; die übrigen unter
Ranzow und Rosen erhielten ihren Stand in der Umgegend. Nun hatten die
Kaiserlichen und Bairischen unter dem Herzog von Lothringen, Melchior
von Hatzfeld und Franz von Mercy die Donau überschritten und erfuhren
hier die Stellung des Feindes. Der Reitergeneral Johann von Werth
führte den Vortrab; durch Wälder und Engpässe ging der Marsch direct
auf die Stadt, wo das Heer, wegen heftigen Schneewetters unbemerkt, am
23. November a. St. 1643 anlangte. Die Ehre des ersten Angriffs wurde
dem Regiment des kurbairischen Obersten Johann Wolff zutheil, zu dem
Springinsfeld gehörte; derselbe erfolgte auf das weimarische Geschütz
bei der Kirche unter dem Schloß Homburg so rasch, daß das Hauptquartier
den Verlust erst bemerkte, als die Wolffischen die eroberten Stücke
gegen die Stadt kehrten; auch das Schloß war bald genommen. Reinhold
von Rosen zeigte sich zwar abends vor Tuttlingen, zog sich aber bald
zurück, verfolgt von dem Oberstwachtmeister Caspar von Mercy (gefallen
bei dem Angriff der französischen Armee auf die bairischen Schanzen
vor Freiburg im Juli 1644); dieser vernichtete drei Brigaden Fußvolk,
während Johann von Werth die feindliche Reiterei bei Müllen verjagte;
bald befand sich die gesammte schwedische Armee sammt den Franzosen in
voller Flucht, und das Hauptquartier mußte sich auf Gnade und Ungnade
ergeben. Rosen, durch die Besatzung von Rottweil verstärkt, ging durch
das Kinziger Thal bei Neuenburg über den Rhein nach dem Elsaß; ein
Theil des geschlagenen Heeres war in die Schweiz entkommen. Dies war
die sogenannte »Tuttlinger Kirchmeß«, die den Schweden mehr als dreißig
Regimenter kostete.
Kaum weniger heftig waren die Kämpfe des folgenden Sommers 1644.
Ueberlingen ergab sich im Mai. Im Juli beginnt die Belagerung von
Freiburg durch die Baiern. In den Gefechten vor der Stadt begegnen wir
auch Rosen wieder und dem Obersten von Kürnreuter (Kürnrieder), den
Springinsfeld den »Kürbereuter« nennt. Nach dreizehn Stürmen ging die
Stadt an Mercy über. Die unter dem Herzog von Enghien und Turenne,
die zum Entsatz zu spät kamen, um die Schanzen geführten Gefechte
waren so blutig, daß Johann de Werth eines ähnlichen Kampfes sich
nicht erinnerte; besonders heiß ging es den 4. August am Burghalder
Berg her. Nach der Besetzung Freiburgs ging es gegen Villingen,
darauf ins Würtembergische und die Unterpfalz. Springinsfeld war mit
bei Mannheim, wo Rosen sich mit 300 Mann befand, und half die Stadt
mit Sturm nehmen. Rosen selbst entkam mit wenigen Leuten in einem
Nachen über den Rhein, die übrigen wurden niedergemacht. Darauf mußte
Höchst accordiren. Mercy und de Werth hatten sich nach der Bergstraße
gewandt; hier wurde das Städtchen Bensheim, nachdem Bresche geschossen
und die Mauern auf Leitern erstiegen, im Sturm genommen. Bei dieser
Gelegenheit fiel der Oberst Wolff, als er abends mit einer Fackel
gegen das Thor lief, durch einen Schuß aus der Stadt. Springinsfeld
deutet nur kurz an, wie dort gehaust wurde; alles, was Waffen trug,
wurde niedergemacht. Wahrscheinlich war Springinsfeld's Regiment
dabei besonders thätig; er verschweigt, daß dasselbe zusammen mit dem
Sporkeschen die Stadt Wiesbaden erstiegen, alles rein ausgeplündert,
viele Bürger erschlagen, selbst die Frauen und Mädchen nicht verschont
und, wie das »~Theatrum Europaeum~« sich ausdrückt, »eine unerhörte
Schande getrieben hatte«. Weinheim war besser davongekommen, indem
es sich auf Discretion ergab, wobei die Offiziere gefangen genommen,
die Soldaten aber unter ein junges Regiment, das Kolbische, gesteckt
wurden. Die ferner nur beiläufig erwähnte Belagerung und Uebergabe des
festen Schlosses Nagold, dessen Besatzung aus Franzosen bestand, an den
bairischen Feldzeugmeister Baron von Rauschenberg erfolgte erst am 8.
December 1645.
Die Begebenheiten, mit denen das folgende Jahr beginnt, sind
verständlich erzählt. Der von Springinsfeld erwähnte Geleen oder Gleen
(Gottfried) war in Baiern bis zum Feldmarschall gestiegen, darauf in
kaiserliche Dienste getreten und in den Grafenstand erhoben worden. In
der Schlacht bei Allerheim wurde der linke Flügel unter dem Marschall
Grammont geschlagen, während der rechte, von Turenne persönlich
geführt, einen vollständigen Sieg davontrug, wobei die Baiern vierzig
Fahnen verloren (3. August n. St.). Vielleicht dieses Unglücks wegen
geht Grimmelshausen leicht darüber hin. Hier fiel Mercy, Geleen gerieth
mit mehreren höhern Offizieren in französische Gefangenschaft,
wurde jedoch bald wieder entlassen und übernahm das Commando für den
gefallenen General.
In den October 1646 fällt die erfolglose Belagerung der Stadt Augsburg
durch die Schweden unter Wrangel. Auf besondern Befehl des Kurfürsten
war kurz vorher der Oberst Franz Royer oder Rouyer mit seinem Regiment
mitten durch die Schweden in der Stadt angelangt; er ist derselbe,
an den Weinheim überging; er war, bei Allerheim gefangen, wieder
freigegeben und wird nun als Stadtcommandant von Augsburg genannt. Als
die kaiserlich-kurfürstliche Armee zum Entsatz anrückte, sahen sich
die Schweden zum Abzug gezwungen; in den Gefechten vor der Stadt fand
»der junge Kolb« besonders Gelegenheit sich auszuzeichnen. Royer blieb
in Augsburg bis zum bairischen Armistitium, welches am 6. März 1647
mit Schweden und Frankreich abgeschlossen, aber bekanntlich am 14.
September schon gekündigt wurde.
Mit den von Springinsfeld im 19. Kapitel erwähnten »Generalspersonen«
sind der General der Reiterei Johann de Werth und der
Generalwachtmeister Spork gemeint. Der Kaiser hatte unter dem 14. Juli
ein ~Mandatum avocatorium~ an die gesammten Kriegsleute der bairischen
Armee »aller Grade und Nationen, als des Heil. Römischen Reichs
Völker«, erlassen. Der Kurfürst antwortete mit einem Schreiben an die
Generäle und Obersten, um dieselben zu beruhigen; dies gelang ihm so
vollständig, daß sie jenen beiden Männern den Gehorsam aufkündigten. De
Werth und Spork gelangten mit nur geringer Begleitung nach Pilsen.
Zum Verständniß der sehr vorsichtig gehaltenen Erzählung werden die
folgenden, dem »~Theatrum Europaeum~« (Theil ~VI.~ S. 57 fg., wo
die Acten, Ausschreiben und Berichte über die Maximilian Emanuel
schmerzlich berührende Angelegenheit mitgetheilt werden) entnommenen
Notizen genügen. Werth hatte für die Truppen, die er nach Oesterreich
führen wollte, und zwar für die Regimenter Werth Spork, Lapierre,
Jungkolb, einen Theil von Fleckenstein und Walbote und die Kreutzischen
Dragoner als Einstellungsort die Gegend bei Vilshofen an der Donau
bestimmt; die übrigen waren nach einem andern Platz beordert,
darunter der Oberst Schoch. Nur dieser neben Kreutz und Guschenitz
soll um den wahren Zweck des Rendezvous gewußt haben. Die in der
Oberpfalz liegenden Regimenter waren dem Befehl von vornherein nicht
nachgekommen, ebensowenig der im zwanzigsten Kapitel neben Lapierre
genannte Oberst Elter. Alle übrigen kehrten zu ihrer Pflicht und in
ihre frühern Quartiere zurück. Auf Werth's Kopf setzte der Kurfürst
einen Preis von zehntausend Thalern, und gegen alle Mitschuldige erging
ein von den Kanzeln zu verlesender Haftbefehl. Gegen Spork scheint
man mit weniger Eifer vorgegangen zu sein. Schoch entkam mit seinem
Regiment nach Tirol; Kreutz wurde in Regensburg, als er Durchzug
begehrte, angehalten und in Haft genommen, der Commandant aber, der mit
ihm unter einer Decke spielte, ließ ihn entkommen. Die Meuterei, über
welche nun weiter berichtet wird, kann ich nicht genauer nachweisen. Es
wird dies eine von dem Werth'schen Handel unabhängige Militärrevolte
gewesen sein, für die man die Zeit des Waffenstillstandes als günstig
ansah, und wie sie, nur in größerm Maßstabe, auch bei den Weimarischen
vorkamen. Vielleicht hängt die Maßregel damit zusammen, die Maximilian
nach dem kurzen Bericht des »~Theatr. Europ.~« (~V~, 1293) gegen einige
Regimenter, das Lullstorfsche, Salische, Stahlische und Luppische,
ergreifen mußte. Dieselben wurden reformiert, die Offiziere abgedankt,
die gemeinen Knechte untergesteckt. Möglich, daß auch unser Abenteurer
bei dieser Gelegenheit seinen Abschied erhielt.
Zu derselben Zeit resiginierte Gleen, um nach den Niederlanden zu
gehen. Royer war als Geisel nach Regensburg geschickt, aus dem
schwedischen Hauptquartier dagegen der Oberst Horn nach Augsburg.
Die letzte Dienstzeit Springinsfeld's fällt in eine Periode der
Miserfolge in der kaiserlichen Armee, die nach dem alten Glück unter
energischen Führern um so schmerzlicher empfunden wurde. Das Heer
scheint den Grund derselben in der Führung der Generale Holzapfel,
genannt Melander, und des Grafen von Gronsfeld gefunden zu haben. Der
letztere wurde im folgenden Jahre nach München geführt, um sich wegen
seiner Nachlässigkeit, namentlich in der Vertheidigung des Lechstroms
zu verantworten; er blieb bis 1649 in Haft.
Als die alte Unruhe wieder erwachte, die Liederlichkeit und die
Gaunernatur den Abenteurer von Haus und Hof trieben, war es längst in
Deutschland Friede geworden. So entschloß er sich, über die Grenzen des
Vaterlandes hinaus dem Kriege nachzuziehen. Er gedachte mit Nicolaus
Zrinyi gegen die Türken zu fechten, ging aber zu den kaiserlichen
Fahnen, denen er sein Leben hindurch gefolgt war. Wann dies geschehen,
dafür fehlt in seiner ganz allgemein gehaltenen Erzählung jeder
Anhaltspunkt. Zrinyi tritt erst mit dem Jahre 1664 in den Zenith seines
Ruhmes ein. Unter der »letzten Hauptaction« (Kap. 22) kann jedoch nur
der unter Montecuculi erfochtene Sieg bei St. Gotthard an der Raab im
August 1664 verstanden werden, welchem ein von den Türken angebotener,
auf zwanzig Jahre geschlossener Friede folgte. Als nach der Niederlage
Rakoczi's in Ungarn und nach der Eroberung von Neuhäusel die Türken in
aller Form den Krieg erklärten, hatte Frankreich eine Heerschar von
fünftausend Mann zur Hülfe Oesterreichs gesandt.
Bis dahin war der Krieg auf Candia gegen die Republik Venedig im
ganzen ziemlich lässig geführt, auch um die Hauptstadt war bislang mit
geringem Erfolge gekämpft worden. Der Friedensschluß erlaubte jetzt den
Türken, eine bedeutende Streitmacht auf den Kriegsschauplatz zu werfen,
und zu Anfang 1667 lagen unter persönlicher Anführung des Großveziers
mehr als dreißigtausend Mann vor Candia. Die Generäle Barbaro und Villa
schickten sich zu kräftiger Gegenwehr an. Von beiden Seiten wurde an
Minen und Contreminen gearbeitet, wobei die Türken gegen zehntausend
Mann verloren haben sollen. Als endlich im folgenden Jahre spanische,
französische und braunschweig-lüneburgische Truppen anlangten,
faßte die bedrängte Besatzung neue Hoffnung. Aber die französische
Abtheilung wurde unter den Mauern der Stadt vollständig geschlagen und
verließ die Insel im September, auf die Hälfte zusammengeschmolzen.
In der Stadt lagen nur noch viertausend Mann, und der Feind war
den Vertheidigungswerken so nahe gekommen, daß die Capitulation
unvermeidlich war. Der Friede mit der Republik folgte bald darauf, den
17. September 1668.
Der Gedanke, die Zeitgeschichte in einen Roman zu verweben, war
nicht neu. Dietrich von Werder, der selbst eine Zeitlang Inhaber und
Führer eines schwedischen Regiments gewesen, hatte in Episoden seiner
»Dianea« (1644 nach Loredano), jedoch vorsichtig, indem er die Namen in
Anagramme versteckte, einen Versuch gemacht. Auch dem weitschweifigen
Buchholz, in den oben erwähnten »Heldengeschichten« war es, wie er
selbst sich dessen rühmte, gelungen, »außer der ganzen Theologie und
Philosophie in erbaulichen Discursen auch den ganzen Dreißigjährigen
Krieg durch Veränderung etlicher weniger Umstände mit einzubringen«.
Aber wie anders gestaltet sich das alles bei Grimmelshausen! Was dort
als unnütze Spielerei eines Pedanten erscheint -- denn ein Zweck ist
doch überhaupt nicht einzusehen -- ist hier der furchtbare Boden, auf
dem mit Leben und Blut begabte Menschen erwachsen und die lebendige
Handlung sich auswirkt.
Grimmelshausen läßt den alten Landsknecht, der dem verlockenden Klange
der venetianischen Werbetrommel nicht hatte widerstehen können und als
Krüppel zurückkehrte, bald darauf mit Simplicissimus zusammentreten.
Die Geschichte seines Lebens wird also im Winter 1669 auf 70, kurz
nach dem »Trutz Simplex«, geschrieben sein, was auch mit den übrigen
Angaben stimmt.
Sein wüstes Leben endete nach kurzer Ruhe in der Stille und dem Frieden
eines Schwarzwaldthales, unter dem Dach des trefflichen Freundes, dem
es endlich noch gelungen war, die Seele des schwer zugänglichen alten
Gesellen zu retten, nachdem er ihn zu christlicher Erkenntniß und einem
ehrbaren Wandel bekehrt hatte.
* * * * *
Damit ist der engere Kreis der Simplicianischen Schriften geschlossen.
Die Anknüpfung der beiden noch übrigen Erzählungen und deren Verbindung
untereinander ist, wie oben schon gezeigt wurde, wenn auch künstlicher
und loser, doch in ansprechender Weise hergestellt. Wenn gerade hier
das Wunderbare mehr noch als anderswo in den Gang der Darstellung
eingreift, so ist zu bedenken, daß Grimmelshausen, wie er immer zu thun
pflegt, unmittelbar aus dem Aberglauben und der Märchen- und Sagenwelt
des Volkes geschöpft hat. Für unsere Zeit freilich, die auch in dieser
Beziehung dem alten Volksbewußtsein sich entfremdet, wird eine kurze
Ausführung des Hauptgehalts der benutzten Motive nicht für überflüssig
gehalten werden.
In der Gabe der Unsichtbarkeit ist ein aus dunkelm Alterthum stammender
Aberglaube zu erkennen, der in verschiedenen Formen auftritt, z.
B. im Besitz eines Ringes, wie ihn der Lydierkönig Gyges trug, im
germanischen Götterglauben unter den »Wunschdingen« als Tarnkappe. Hier
ist das Zauberwerkzeug das Nest eines Vogels. Jakob Grimm (»Deutsche
Sagen«, ~I~, 40) kennt für diesen Glauben keine andere Quelle als eben
Grimmelshausen's »Springinsfeld«. Er meint, der Name hänge mit einer
gleich der Mandragora oder der Alraun zauberkräftigen Pflanze, dem
Zweiblatt, zusammen, das allgemein in den neuern Sprachen »Vogelnest«
genannt werde. Aber in der That lebt der Glaube noch heute im Volke
(in Niedersachsen, im Fürstenthum Göttingen und Grubenhagen). Ein
Vogel trägt einen unsichtbar machenden Stein oder ein Kraut in sein
Nest -- genau so faßt es Grimmelshausen --, um dasselbe vor Gefahren
sicher zu stellen. Diese Kraft ist unter andern dem Heliotrop eigen;
auch Iwein verdankte die Unsichtbarkeit einem in einen Ring gefaßten
Stein (Hartmann von Aue, »Iwein«, Abent. ~II~, V. 1203 fg.). Unter
den in Deutschland einheimischen Pflanzen besitzt sie das Farrnkraut,
dessen Same, der freilich nur in der Johannisnacht zeitig wird, z. B.
zufällig in den Schuh gefallen sofort den Menschen aus aller Augen
verschwinden läßt. Daß das Nest im Wasser sichtbar bleibt, beruht
auf der im gesammten Alterthum verbreiteten Vorstellung von der
reinigenden, allem Bösen feindlichen Kraft des Elements, die jeden
Zauber bricht, und erscheint durch Ideenverbindung auf den Spiegel
übertragen, der im Volksglauben auch unsichtbar anwesende Geister
erblicken läßt.
Die Episode von dem Tode des Leiermädchens schließt sich unmittelbar
an den Fund des köstlichen, doch in unrechter Hand gefährlichen
Schatzes. Dieser Gefahr war ihr Gefährte, der schon einmal mit einem
Spiritus familiaris in Noth gekommen, und zwar ebenfalls durch die
Schuld eines Weibes, glücklich entgangen. Seine böse Ahnung sollte
an der Besitzerin, die sofort damit verschwand, in Erfüllung gehen.
Lange genug hatte die leichtfertige Dirne allerhand Gaunerstreiche,
Neckereien und Spuk damit ausgeführt, als sie auf den Gedanken kam,
ein großartigeres Zauberdrama, eine Feerie im romantischen Stil,
worin sie selbst die Hauptrolle übernahm, in Scene zu setzen, ohne zu
ahnen, daß das prosaische Fatum des modernen Weltalters, die Justiz,
dem Lustspiele einen tragischen Schluß anhängen werde. Die Wahl des
Stoffes ist sehr glücklich; sie entnahm denselben einer der reizendsten
Geschichten aus den Volksbüchern des sechzehnten Jahrhunderts: wie
eine überirdische Jungfrau einen sterblichen Menschen durch ihre
Liebe beglückt. Grimmelshausen hat zwei in der Dichtung getrennte
Ueberlieferungen miteinander verbunden, wie sie denn wirklich auf Einer
ursprünglichen Auffassung beruhen werden. Ein mittelhochdeutsches
Gedicht, um das Jahr 1300 verfaßt, nach einer nun verlornen Straßburger
Handschrift zuerst 1480, dann öfter gedruckt, 1580 von Johann Fischart
bearbeitet, zuletzt neu herausgegeben von Oskar Jänicke (»Altdeutsche
Studien«, Berlin 1871), erzählt die Sage in folgender Gestalt: Ritter
Petermann von Temringen, vom Schloß Stauffenberg in der Ortenau, wollte
am Pfingsttag früh zur Messe nach Nußbach reiten, da fand er unterwegs
eine wunderschöne Frau auf einem Felsen sitzend. Schon lange, sagte
sie, habe sie ihn erwartet, schon lange sei sie ihm in Liebe zugethan,
seit er ein Pferd überschritten; überall habe sie ihn geschirmt im
Kampf, beim Turnier wie im Stürmen und Streiten. Sie werden einig, sich
zu verbinden, und der Ritter geht die einzige ihm gestellte Bedingung
freudig ein: »nimm welche du willst, doch nie ein ehelich Weib!« So
leben sie zusammen; auf seinen Wunsch ist sie bei ihm, daheim und
draußen, wo auch seine Ritterschaft ihn hinführt. Als er einst mit
Ehre und Gut heimkehrte, lagen ihm die Verwandten an, sich endlich ein
Weib zu suchen. Er bleibt standhaft und erneuert der Geliebten sein
Gelübde, aber in banger Ahnung warnt sie ihn vor dem Treubruch, er
werde sonst in drei Tagen sterben müssen. Als es sich darauf begab, daß
zu Frankfurt ein Römischer König gewählt wurde, stellte auch er sich
am Hoflager ein. Da dringt auch der König in ihn und bietet ihm die
einzige Nichte, die Erbin von Kärnten, zur Braut; auch jetzt kann er
sich nicht entschließen, und erst als die allein seligmachende Kirche
in der Person eines Bischofs sich einmischt und ihm die Hölle heiß
macht, gibt er nach. In der Nacht kündigt ihm die schmerzlich Betrogene
die nahe Erfüllung seines Geschicks an, wenn er nicht jetzt noch von
seinem Vorhaben abstehe; als näheres Vorzeichen werde er ihren nackten
Fuß erblicken. Aber der Mann hält alles für Betrug des Teufels. Die
Braut hält ihren Einzug auf der Burg, die Hochzeit wird gefeiert, da
stößt plötzlich der schönste Frauenfuß durch die Decke des Saales. Nun
bestellt der Ritter sein Haus und stirbt. Die junge Braut gelobt, in
einem Kloster dem Vermählten treu zu bleiben.
Es tritt hier, was wir nur andeuten können, die Beziehung der Sage zum
germanischen Götterglauben noch deutlich kennbar hervor. Stauffenberg's
Geliebte ist als Walküre aufzufassen, als »Wünschelweib« oder
»Wunschmädchen«. Der »Wunsch«, wodurch eigentlich und ursprünglich ihr
Zusammenhang mit Odin angedeutet wird, steht ihr zu Gebot, während die
spätere Anschauung den Namen von der Gabe ableitet, zu erscheinen, so
oft der Geliebte sie herbeiwünscht. Sie kann ihm Glück und Reichthum
zuwenden. Auch darin gleicht sie den Walküren, daß sie unsichtbar den
Auserwählten hütet und ihn schützend in den Kampf begleitet. Doch alles
das sammt ihrer Liebe ist Bedingungen unterworfen, die sie selbst
nicht aufheben kann. Auch das ist ein alter Zug, daß der Umgang mit
göttlichen Frauen das Leben der Helden kürzt; meist werden sie in der
Blüte des Lebens hinweggerafft; so selbst in dem Mythus von Aphrodite
und Anchises im griechischen Götterglauben.
Die »Melusina«, 1456 aus dem Französischen von Thüring von Ringolfingen
übertragen, seit dem ersten Druck (Straßburg um 1474) bis in unsere
Tage ein weitverbreitetes Volksbuch, berührt sich in den Grundzügen
damit; Melusina ist jedoch entschieden eine Nixe, eine »Meerfein«, und
das Ende ist anders gewandt. Sie verleiht einem Grafen von Poitiers
alles Glück, Liebe und Treue, Sieg, Ehre, Reichthum, aber unter der
Bedingung, daß er nie nach ihrem Ursprung noch jemals nach ihrem Thun
und Lassen an einem bestimmten Wochentage fragen wolle, sonst werde
jegliches Unheil über ihn kommen und er sie auf ewig verlieren. Er
bricht wie der Temringer seinen Schwur und beschließt reuig sein
Leben in einem arragonischen Kloster. Die Verbindung mit der ersten
Sage wird bei Grimmelshausen dadurch vermittelt, daß das Leiermädchen
sich Minolanda, Melusinnes Schwestertochter, nennt. König Helias hatte
noch zwei zauberkundige Töchter, die vielleicht die Sage kannte, denn
der Name erinnert an Minne, Meerminne. Eine solche ist auch in der
localen Ueberlieferung, wie sie in Baden und am Schwarzwald zu Hause
ist, die Geliebte des Stauffenbergers. Peter Diemringer, von der Jagd
heimkehrend, findet sie an einem Born unfern Nußbachs. Sie nennt sich
selbst ein »Mümmelchen« -- der Mummelsee liegt in der Nachbarschaft --;
des Ritters Namen hat sie den Jägern abgehört. Das übrige stimmt
ungefähr: statt des Römischen Kaisers ist es ein fränkischer Herzog,
der den Diemringer für seine Thaten auf einem Heerzuge mit der Hand
seiner Tochter belohnen will. Als dieser von der Hochzeit heimkehrend
durch einen seichten Fluß reitet, wird er plötzlich von stürmisch
heranbrausenden Wellen fortgerissen.
Auch in dem Zauberspiel der Simplicianischen Leirerin stirbt der
ungetreu gewordene Wanderbursch, aber auch die Schauspielerin büßt
ihren Frevel. Das Zaubergeräth überdauert die Katastrophe, um als
Leitmotiv von dem Verfasser der Simplicianischen Schriften noch ferner
verwandt zu werden.
* * * * *
Die vorliegende Ausgabe des »Trutz Simplex« beruht auf dem einzigen
bisjetzt bekannten Druck. Derselbe geht dem mit der Jahrzahl 1670
bezeichneten »Springinsfeld« voraus und ist also unmittelbar nach
oder noch während der Abfassung der »Continuation« oder des sechsten
Buchs des »Simplicissimus« geschrieben, aber nicht eher im Druck
erschienen. Es würde also die Annahme nicht irren, dies sei zu
Anfang 1669 geschehen. Das von mir benutzte Exemplar der Göttinger
Bibliothek ist dem »Springinsfeld« vorgebunden. Den Text, den ich
gewählt, denselben, für den auch Keller sich entschieden hat, halte
ich nach reiflicher Erwägung für den besten, ohne jedoch die Frage
beantworten zu wollen, ob der zweite bekannte Druck aus demselben Jahre
eine rechtmäßige Wiederholung oder ein Nachdruck sei. Druckfehler
sind stillschweigend verbessert; eine Aenderung ist nur da in den
Anmerkungen angegeben, wo dieselbe der Rechtfertigung bedurfte, während
einzelne Eigenthümlichkeiten der Rechtschreibung, soweit es die für
unsere übrigen Publicationen und speciell für den »Simplicissimus«
angenommenen Grundsätze erlaubten, beibehalten worden sind.
* * * * *
Den »Anhang« möge der Leser als eine, wenn an sich nicht sehr
bedeutende, doch immerhin interessante Beigabe betrachten. Der
erneuerte Abdruck der »Gaukel-Tasche« findet seine Berechtigung schon
darin, daß das Titelblatt des »Springinsfeld« dieselbe erwarten läßt.
Was den Inhalt und den Gebrauch derselben betrifft, so gibt darüber die
ausführliche Beschreibung der Scene (»Springinsfeld« Kap. ~VII~), wo
Simplicissimus auf seine alten Tage noch einmal als Gaukler auftritt,
genügende Auskunft. Die Jahrzahl 1670 bestätigt auch das, was der
Schreiber (»Springinsfeld« Kap. ~VIII~) von seiner Absicht sagt, das
Büchlein zu veröffentlichen. Dasselbe war bisjetzt nur durch die
Gesammtausgabe bekannt, wo es unmittelbar auf den »Ersten Bärnhäuter«
folgt. Die alte Originalausgabe, die der unsrigen zu Grunde gelegt
worden ist, befindet sich ebenfalls auf der Universitätsbibliothek
zu Göttingen; die große Seltenheit erklärt sich leicht aus der
Verwendung als Spielzeug. Ein zweites Exemplar besitzt Herr Wilhelm
Seibt in Frankfurt, dessen gefälliger Mittheilung ich diese Nachricht
verdanke. Ein für den Kenner der Simplicianischen Literatur sehr
erfreulicher Aufsatz in der »Frankfurter Zeitung« (1876, Nr. 230
Morgenblatt) enthält auch einen Bericht über Seibt's Entdeckung, daß
die Holzschnitte, welche die Verse illustrieren, von Jobst Amman sind,
und daß Grimmelshausen's Verleger, wahrscheinlich I. I. Felsecker,
die Originalstöcke zu des genannten Künstlers schönem, sehr selten
gewordenen Kartenbuch: »Künstliche und wolgerissene Figuren in ein
neues Kartenspiel« u.s.w. (Nürnberg 1588. 4.) für den Druck verwandt
hat.
Das bekannte Märchen vom »Ersten Bärnhäuter« ist der »Gaukel-Tasche«
auch in der alten Ausgabe vorgedruckt. Die Art und Weise, wie
Grimmelshausen dasselbe erzählt, ist in der Darstellung so
vortrefflich, daß wir uns nicht entschließen mochten, dasselbe beiseite
zu lassen. Wegen der verwandten Auffassungen dürfen wir auf der Brüder
Grimm »Kinder- und Hausmärchen« (Nr. 100 und 101) verweisen, die sich
in jedermanns Händen befinden. Den Anmerkungen (Bd. ~III~, S. 181 fg.)
haben wir wenig hinzuzufügen. Das zweite Grimm'sche Märchen, ebenfalls
»Der Bärenhäuter« genannt, stimmt mit dem Grimmelshausen'schen am
meisten überein; dort ist der Vater der drei Töchter ein Mann, dem
der Landsknecht Geld gegeben, hier ein reicher Kunstkenner, der die
durch den Teufel für seinen Schützling gemalten Bilder sammt dessen
Reichthümern besitzen möchte, ein Zug, der in dem ersten der Märchen:
»Des Teufels rußiger Bruder«, darin sein Gegenstück findet, daß ein
König von der in der Hölle gelernten Kunst des Soldaten so entzückt
wird, daß er ihm eine seiner Töchter verspricht. Die österreichische
Fassung kenne ich nur aus Happel's »Größten Denkwürdigkeiten der
Welt« (~II~, 712). Die Geschichte spielt in einer Stadt, wo noch
die »Abbildung derselben auf einer Tafel« aufbewahrt wird. Statt
der verlornen Schlacht bei Nikopolis unter Sigismund 1396 wird die
Niederlage des christlichen Heeres bei Varna 1414 unter Ladislav
genannt. Die Wahrscheinlichkeit, daß Grimmelshausen aus dem Volksmunde
geschöpft, würde diese Abweichung genügend erklären.
* * * * *
Zum Schluß sei es gestattet, hier eine Anmerkung zum ersten Kapitel des
»Simplicissimus« zu vervollständigen. Grimmelshausen spricht über die
Sucht geringer Leute, sobald sie es zu einigem Wohlstand gebracht, als
vornehme Herren aufzutreten und von altem Adel sein zu wollen, wenn
auch ihre Vorältern niedrige oder selbst unehrliche Gewerbe getrieben
haben: »obgleich ihr ganzes Geschlecht von allen 32 Anichen her also
besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft zu Prag
immer sein mögen.« Aus Seibt's erwähnten Mittheilungen, die mir erst
nach dem Drucke des ersten Theils der zweiten Auflage zukamen, sehe
ich, daß in Nicl. Ulenhart's Erzählung »Isaak Winterfelder und Jobst
von der Schneid« (Augsburg 1617. 8. Vgl. Goedeke Grundriß, S. 432),
einer Uebersetzung von Cervantes' Novelle »~Rinconete y Cortadillo~«,
deren Schauplatz nach Prag verlegt wird, das Oberhaupt aller Gauner und
Dirnen dieser Stadt »Zuckerbastel« genannt wird. Grimmelshausen wird
also die Ulenhart'sche Bearbeitung gekannt haben. Meine Erklärung des
Namens scheint daneben bestehen zu können.