... Daß Du Dich einsam fühlst in diesem interessierten großstädtischen
Getriebe, ist sehr natürlich. Ich hoffe aber sehr, daß sich dies
auch in kurzer Zeit bessern wird; und bis zur Ankunft dieses, denke
ich, wirst Du schon hin und wieder Bekanntschaft machen, die Dein
Gemütsleben stärkt und die Trennung von Deinen Lieben in der Heimat
erleichtert. Gerade solche Trennung und entferntes Voneinanderleben
läßt den gemütvollen Menschen den Wert eines innigen Familienlebens
empfinden; es soll uns alle in dem Vorhaben bestärken, dasselbe zu
pflegen und recht fest zusammen zu streben. Aber zu diesem Zweck will
durchaus die ökonomische Frage -- diesmal die Familienökonomie --
befriedigend gelöst sein. Mit diesem Gedanken, daß Du mir helfen willst
dazu, werden wir hoffentlich unseren Zweck und unsere Wiedervereinigung
erreichen ...
Du mußt Dir etwas angelegen sein lassen, K.[16] für Dich einzunehmen.
Darfst nicht verlangen, daß er entgegenkommen oder sich irgend
bequemen soll; nur immer denken: die Reihe ist an mir. Also nähere
Dich wiederholt und unablässig; und scheint es Dir, als würdest Du
abgewiesen, glaube nicht daran. Aus seinen Briefen hast Du ja ersehen,
daß er mir gewogen, und bin ich überzeugt, wenn für irgend einen, tut
er auch etwas für Dich, um meinetwillen. Diesen Glauben mußt Du haben,
daran nicht kleinmütig werden, dann wirst Du auch reüssieren. Du darfst
die Charaktere der Menschen nicht ändern wollen, sondern nur suchen,
Deinen eigenen geschmeidig dem notwendigen Bedürfnis zu akkomodieren ...
Dein ganzes Lernen kann zunächst in nichts bestehen wie im Umgang,
besonders mit Englisch redenden Menschen. Pflege speziell den Verkehr
mit K.s Kindern und den Damen im Hause.
Auch wenn Du zurückkehrst, wird der Amerikanismus sein Gutes haben. Man
lernt dort wenigstens gewöhnlich den deutschen Humbug der Vornehmtuerei
verachten und sein Glück nicht im Dekorum, sondern in sich selbst
suchen. Wenn wir hier nur über das lächerliche Dekorum weg wären, dann
könnten wir alle hier und überall leicht und glücklich leben.
Meine Überzeugung ist und bleibt: wenn Du nur kurze Zeit Dich im
amerikanischen Geschäft umgesehen, wirst Du Deine Kenntnisse und
Lebensstellung nicht mit einem hiesigen Gymnasiallehrer vertauschen
wollen.