Majestätisch rollte die roth und blau lackirte Feuerspritze vor die

Mairie. Im Nu war Wasser in Hülle und Fülle zur Hand. Die Gressineter

hatten nicht umsonst den Pfarrer von Clatou zum Ziel ihres Strahles

genommen! Mit derselben Accuratesse, die damals den Diener der Kirche

verunglimpfte, richteten sie nun den rettenden Schlauch in die

Flammen. Ha! wie zischte und knirschte das wüthende Element unter

den gewaltigen Fluthen des rastlosen Sprührohres! Wie prasselte das

siegreiche Naß in die lodernden Sparren des Dachstuhls! Eimer um Eimer

verschwand in dem ölgestrichenen Bauch der gebenedeiten Maschine, und

Eimer um Eimer entlud sich in die immer schwächer werdende Glut. Ganz

Clatou bildete eine einzige große Kette, die sich alle möglichen und

unmöglichen Gefäße von Hand zu Hand reichte ... Nach Verlauf einer

Viertelstunde war die Mairie und ein daranstoßendes Wohnhaus -- die am

meisten gefährdeten Baulichkeiten des schwer geprüften Städtchens --

glücklich gerettet.

Inzwischen hatte das Feuer freilich an den übrigen Punkten um sich

gegriffen, aber das Schwierigste schien überwunden ... An dem isolirt

stehenden Spritzenhause war wenig gelegen; die beiden Privathäuser

stießen dicht aneinander und konnten abwechselnd mit erfrischenden

Güssen bedacht werden. Überdies traf jetzt aus einem der benachbarten

Dörfer Hilfe ein. Nach kurzer Frist arbeitete eine zweite Pumpe an der

Seite der roth und blau lackirten Gressineterin, und ehe der metallene

Mund der Glocken die sechste Morgenstunde verkündete, beschränkte

sich der Brand auf einige qualmende Scheiter, die man vermittelst

der städtischen Feuerhaken vom Firste eines der betroffenen Häuser

heruntergerissen hatte. Der angerichtete Schaden belief sich auf

eine verhältnismäßig unbedeutende Summe: Clatou konnte mit seinen

Schutzgöttern zufrieden sein.

Als die Spritze von Gressinet ihren letzten Strahl entsandt hatte, als

Jules Pierrot, vor Eifer und Anstrengung glühend, sein Taschentuch zog,

um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, da trat Herr Clamard, der

Maire, auf ihn zu, umarmte ihn im Angesicht des versammelten Volkes und

sprach also:

»Bürger der Gemeinde Clatou! Bürger der Gemeinde Gressinet! Laßt uns

alle Streitigkeiten, die uns bisher trennten, in diesem erhebenden

Augenblicke zu Grabe tragen! Ihr, wackere Gressineter, habt Anspruch

auf unseren wärmsten, thatkräftigsten Dank. Ich erkläre euch hiermit

feierlichst, daß ich mich an geeigneter Stelle verwenden werde, um eure

communale Selbständigkeit dauernd und in allen Punkten zu begründen.

Ihr seid meiner väterlichen Obhut entwachsen. Gut denn! Wenn ihr

nicht länger meine Kinder sein könnt, so laßt uns treue Freunde und

engverbundene Nachbarn sein!«

Donnernder Applaus. Die Gressineter sanken sich unter Thränen der

Rührung in die Arme und riefen: »Es lebe der Maire von Clatou! Es lebe

Gressinet!«

»Bürger!« fuhr der Maire fort, »es ist Sitte, die Versöhnung zweier

Völkerschaften durch das Weben zarter Privatbande so zu sagen

symbolisch zu versinnlichen. Bürger! Seht diesen entschlossenen,

charakterfesten, patriotischen jungen Mann! Ich bin Herrn Jules Pierrot

in mehr als einer Beziehung eine Genugthuung schuldig. He, Marion, wo

steckst du?«

Marion trat vor. Ein zierliches, pelzverbrämtes Mäntelchen umschloß

die anmuthig-schlanke Gestalt mit vollendeter Grazie. Die Röthe der

jungfräulichen Verwirrung lieh der ganzen Erscheinung etwas Berückendes.

»Bürger!« rief Monsieur Clamard mit immer steigendem Pathos, indem

er mit der Linken die Hand seiner Nichte, mit der Rechten die des

hochbeseligten Jules ergriff ... »Bürger! Die jungen Leute hier lieben

sich ...«

»Ah!« klang es im Kreis der erstaunten Hörer.

»Seit lange verbindet sie eine ebenso innige, als tugendhafte Neigung

... Wohlan, meine Kinder, im Namen des Gesetzes, ich verlobe euch!«

Jules schwamm in überschwänglichen Wonnefluten. Marion reichte ihm die

Rechte und flüsterte ihm bebend vor Glück und Entzücken die Worte ins

Ohr:

»Nicht wahr, Jules, ich hatte doch Recht, als ich nicht mit dir

durchgehen wollte? Ist's nicht so besser, mein Geliebter?«

Jules Pierrot antwortete nicht. Sein Herz war voll zum Zerspringen.

Der Bürgermeister hatte indessen noch nicht geendet.

»Es versteht sich von selbst, meine wackeren Gressineter,« sagte er

nachdrücklich, -- »daß diese ruhmreiche Feuerspritze von jetzt ab euer

unbestrittenes, rechtsgültiges Eigenthum bleibt. Wir unsererseits

werden Sorge tragen, daß unsere zerstörten Maschinen binnen kürzester

Frist durch neue ersetzt werden, damit wir auf alle Fälle gerüstet

sind. Möchte es recht bald einmal bei euch brennen, damit wir euren

heroischen Opfermuth wett machen und den Liebesdienst, den ihr uns

geleistet habt, nach Würden vergelten können!«

»Hoch! hoch!« schrieen die begeisterten Bürgerschaaren.

»Hoch! hoch!« jauchzten die Frauen und Jungfrauen.

Der Wächter blies einen Tusch, und die Straßenjungen pfiffen auf den

Fingern, daß dem Bürgermeister die Ohren gellten.

Seitdem lebt Clatou mit Gressinet in der rührendsten Eintracht. Marion

ist die glückliche Gattin Pierrot's. Herr Laloupon, der einst so

übel mitgenommene Priester, hat die Ehe des liebenswürdigen Paares

eingesegnet und mit Zugrundelegung des ehedem in anti-gressinetischem

Sinne ausgedeuteten Bibelwortes: »Selig sind die Friedfertigen!« eine

ebenso ergreifende als wohlwollende Rede gehalten.

Oft noch erinnern sich die Bürger von Clatou und Gressinet jener

frostigen Schreckensnacht und der schauderhaften Attake der Preußen.

Wenn sie dann alles durchgesprochen und recapitulirt haben, dann nicken

sie bedächtig mit den würdigen Häuptern und murmeln das altbekannte

Sprüchwort, dessen Wahrheit ihnen früher nicht so recht einleuchten

wollte:

»~A quelque chose malheur est bon!~«

Möchte es ihnen gleichwohl erspart bleiben, die deutschen Granaten zum

zweiten Mal kennen zu lernen!

Eine Abendwanderung.

Da schlägt die Wanduhr auf meinem Corridor sechs ... Schon seit mehr

als einer Stunde sitze ich hier bei dem wuchtigen Quartband, ohne über

die erste Seite hinauszukommen. Die Wahrheit geredet, es ist eine

polizeiwidrige Thorheit, sich so gegen Laune und Behagen zum Studium

zu zwingen. Diese ewigen Theorien! Diese unablässigen Philosopheme!

Man verliert schließlich vor lauter ästhetischer Fachbildung den

unbefangenen Blick und den naturwüchsigen Geschmack. Eine Stunde vor

der Danaë Tizian's ist, alles in allem, fruchtbarer, als hundert

Erwägungen über die Gesetze der Farbengebung; und wer die Schönheit

nicht in den lebendigen Originalen bewundern kann, dem frommt kein

Speculiren und Grübeln: sein Urtheil bleibt ewig laienhaft.

Ist ein wahrhaft ästhetisch angelegtes Naturell überhaupt mit dem

Joch der Ehe vereinbar? Ich bin jetzt seit elf Monaten verheirathet.

Meine Josephine ist die Liebenswürdigkeit selber ... und doch trage

ich das unbestimmte Bewußtsein mit mir herum, daß ich vom Standpunkt

des rein Menschlichen etwas eingebüßt habe. Ich bin so häuslich, so

philiströs solide geworden, daß die Musen mich gewiß schon halb und

halb zu den verlorenen Söhnen rechnen. Wenn ich bedenke ... ehedem ...

die burschikose Ungebundenheit, die Frische der Weltanschauung, die

genialische Lust an Abenteuern ... und jetzt ...! Bei Gott, ich glaube,

es vergehen manchmal drei, vier Wochen, ohne daß ich einer einzigen

gediegenen Kneiperei anwohne. Und nun läßt sie mich seit einigen Tagen

überdem noch allein, anstatt, wie sonst, drüben in der Ecke auf der

kleinen Ottomane zu sitzen und meine Studien mit einer Handarbeit zu

begleiten. Mein Geburtstag ist in der Nähe, und da es eine Überraschung

gilt, so verbleibt sie in ihrem Boudoir und hält eine strenge Clausur

ein. Die gute Seele! Sie meint es so ehrlich, und es ist eigentlich

undankbar, daß ich mich in dieser misanthropischen Stimmung befinde,

aber die Thatsache ist nicht zu ändern, und alle Gefühle der Zuneigung

können mich nicht abhalten, diese ehrsame Monotonie des bürgerlichen

Daseins hin und wieder ein wenig farblos zu finden.

Warum bin ich eigentlich so gutmüthig, mir diese aufgezwungene

Einsamkeit gefallen zu lassen? Das Wetter ist herrlich, drei Grad

Kälte und mondhell ... Bis zum Thee habe ich noch zwei Stunden Zeit.

Wer weiß, ob mir da draußen nicht irgend etwas begegnet, was mich aus

dem Cirkel meiner Alltagsempfindungen herausreißt. Apollo ist mein

Zeuge, daß ich nur aus rein künstlerischen Gesichtspunkten, nur um

diese schlichte Existenz etwas effectvoller zu coloriren, nur um der

ästhetischen Anregung willen ... Doch ich thue gerade als bedürfte

ich vor mir selber einer Entschuldigung! Lächerlich! Ich kenne meine

Pflichten, aber auch meine Rechte.

Langsam richte ich mich empor, lege die ~Opera omnia~ meines

Theoretikers bei Seite und fahre in meinen Überzieher. Den Hut

setze ich ein wenig nach links auf's Ohr; das verleiht der ganzen

Erscheinung etwas Keckes und Selbstbewußtes und wirkt indirect auf die

Gemüthsverfassung.

So, und nun den Stock -- nicht jenes biedere, wuchtige Olivenholz mit

der familienväterlichen Krücke, das ich gewöhnlich zu tragen pflege,

sondern dieses elegante Bambusrohr, mit dem ich einst in den goldenen

Tagen der süßen Jugendeselei den alten Seligmann abgefuchtelt, als er

mir in gar zu dringlicher Weise ein unangenehmes Papier präsentirte.

An der Gasflamme der Hausflur zünde ich mir im Vorbeigehen eine Cigarre

an, qualme ein paar bedeutungsvolle Rauchwolken wider die Decke und

schreite dann elastischen Wandels durch die mächtige Bogenpforte ins

Freie.

Ein herrlicher Abend! Friedlich kräuselt sich der Rauch über den

Dachfirsten, wie versilberte Wölkchen, die unter dem Kusse des

Mondscheins im Azur zerfließen. Die Façaden der Südseite liegen fast

in tagheller Beleuchtung: nur in den kleinen Vorgärten flimmert eine

sanfte bläuliche Dämmerung. Es ist still hier draußen in dem einsamen

Parkviertel, still wie in dem Dasein eines christlichen Ehemanns. Nur

selten wandelt ein Ereignis in Gestalt eines sorgfältig frisirten

Livréebedienten oder eines Dienstmädchens über den hart gestampften

Bürgersteig. Alles athmet eine behäbige Ruhe, eine zahlungsfähige

Sicherheit. Selbst das Rollen der Equipagen beschränkt sich hier auf

bestimmte Stunden des Tages, und jetzt, um sechs Uhr, ist in dem ganzen

Quartier keine Achse in Bewegung. Das Theater beginnt erst um sieben,

und die Spazierfahrten endigen mit hereinsinkender Dämmerung.

Allmählich führt mich der Weg in belebtere Stadtviertel. Rechts und

links tauchen Magazine und Läden auf. Die Zahl der Fußgänger vermehrt

sich: auf dem Damm kreuzen sich die Droschken und Lastwagen. Noch zehn

Minuten, und ich befinde mich mitten im Herzen des großstädtischen

Verkehrs. Hinter den glänzend erleuchteten Spiegelscheiben winken

mir alle Schätze Europa's in geschmackvoller Anordnung. Ein wahres

Chaos von Fuhrwerken nimmt die ganze Länge und Breite der Straße ein.

Die Schaaren der Fußgänger schieben sich in buntem Gewimmel an den

blitzenden Etalagen vorüber. Die ganze Atmosphäre summt und dröhnt von

jenem unentwirrbaren Ineinanderklang hundert verschiedener Geräusche,

deren Ensemble auf die Nerven des Großstädters ebenso wohlthätig wirkt,

wie die Landluft auf das Naturell eines Dorfpastors.

Von allen Seiten bestürmen mich neue, bewegende Eindrücke. Nahezu

sechs Wochen sind verflossen, seit ich zum letzten Mal eine abendliche

Flanade über diese Trottoirs unternahm, und es war damals obendrein

eine äußere Veranlassung, die mich hierher führte, ein specieller

Zweck -- was dem eigentlichen Esprit des Bummelns bekanntermaßen

zuwiderläuft. Nein, ich begreife mich nicht! Sechs Wochen halte ich's

aus da drüben in meiner beschaulichen Einsamkeit, und hier wogt und

brandet ein Ocean von Bildern und Stimmungen, wie ihn die Seele

farbenprächtiger nicht wünschen kann.

Ich setze meinen Hut noch um eine Nüance schiefer auf's Ohr, fasse den

Stock in der Mitte und runzle die Stirn wie ein übermüthiger Dandy, der

im nächsten Augenblick eine Welt zu erobern gedenkt.

Jetzt begegnet mir eine Mutter mit zwei Töchtern. Wohlgebaute

Blondinen im Stile Paolo Veronese's. Wahrhaftig, die eine hat ein

ganz allerliebstes Gesichtchen: etwas geistlos, das ist wahr: aber du

lieber Gott, am Ende ist der Geist nur ein Vorurtheil, und von der

Leinwand wirkt das üppige Incarnat eines blühenden Nackens jedenfalls

energischer, als der seelische Duft einer feingeschnittenen Lippe. Beim

Himmel, wenn ich ebensoviel Technik als Verständnis besäße, ich möchte

diese saftige Blondine malen, wie Tizian seine Catarina Cornari gemalt

hat, als schlichtes Porträt ohne irgend welche artistische Zuthat ...

Und jetzt diese büßende Magdalena ... So wahr ich lebe, das Original

~in optima forma~ zu dem famosen Gemälde Murillo's! Es ist eine wahre

Schande, daß ich mir seit Monaten eine so peinvolle Reserve auferlege,

und lediglich aus Rücksicht ... Alle Vorzüge können sich doch nun

einmal unmöglich in einer und derselben Person vereinigen. Josephine

ist hübsch, freundlich, aufmerksam, zärtlich, liebenswerth, -- kurz,

vom Standpunkt eines christlich germanischen Alltaglebens betrachtet,

das Ideal einer jungen Frau. Aber in rein künstlerischer Beziehung,

mit dem Auge eines Rafael oder eines Correggio gesehen ... Pah, man

wird nothgedrungen einseitig, wenn man sich jeder anderweitigen

Bewunderung enthalten will ...

Nachdenklich setze ich meine Wanderung fort. Ein gelinder Groll

gegen unsere sociale Ordnung spinnt seinen Nebelschleier um meine

pessimistisch angekränkelte Seele. Warum nehmen es die Frauen auch

nur so heillos übel, wenn man gelegentlich eine ihrer Mitschwestern

hübsch findet! Ich erinnere mich noch des seltsamen Blickes, den mir

Josephine zuwarf, als ich im verwichenen Herbst jene dunkeläugige

Unbekannte im Foyer des Victoriatheaters mit dem Lorgnon fixirte. Für

etwas Romantisches haben diese Töchter aus guter Familie absolut keinen

Sinn. Als ob meine Neigung unter einer derartigen praktischen Studie

im mindesten leiden könnte. Ein künstlerisch angelegtes Herz verlangt

mehr als die bloße häusliche Glückseligkeit, und schließlich -- der

Teufel weiß, wie es zugeht, aber das Factum bleibt unanfechtbar --

schließlich haben diese Unbekannten immer ein gewisses Etwas, das den

uns so wohlbekannten Gattinnen abgeht, ein ~nescio quid~ von poetischem

Zauber, einen Hauch von geheimnisvoller Novellestik, dessen nähere

Definition ebenso unmöglich ist, wie die Analyse des Schönen überhaupt.

Was ist das zum Beispiel für eine reizende, graziöse Gestalt, die da

quer über die Straße kommt und jetzt in den Galanterieladen eintritt!

Ein Füßchen zum Entzücken, und eine Anmuth in jeder Bewegung, wie man

sie eben nur bei Unbekannten findet.

Ich trete an das Schaufenster. Ein Seufzer entringt sich meiner Brust,

lang und gepreßt, wie ein Passus aus Schopenhauer's Kapitel über das

Leiden der Welt. Zwischen den Fächern und Schmuckkästchen hindurch

dringt mein Blick in das Innere des Gewölbes. Die schöne Unbekannte

kehrt mir den Rücken. Jetzt beugt sie sich über den Ladentisch, um

eine Waare in Augenschein zu nehmen ... Wie pittoresk war diese Wendung

des Armes! Und wie geschmackvoll sie gekleidet ist! Hier erkennt man

so recht den Unterschied zwischen dem Schlicht-Bürgerlichen und dem

Classisch-Poetischen. Mich dünkt, ich habe eine ähnliche Jacke auch

bei Josephinen gesehen: aber wie ganz anders war der Effect! Hier eine

gewisse Genialität im Faltenwurf, dort eine nüchterne Accuratesse, eine

ruhige Einfachheit, die für gewisse Charaktere ihren Reiz haben mag,

aber auf die Dauer eine ästhetische Lücke läßt. Kleider machen Leute,

sagt das Sprüchwort; mit der gleichen Berechtigung kann man die These

umkehren. Dasselbe Gewand von verschiedenen Personen getragen ist nicht

mehr dasselbe. Die Individualität haucht dem Kleidungsstück ihr ganzes

Wesen ein. Ich glaube, Aspasia wäre im Stande einen Zwillichkittel so

zu drapiren, daß er einen königlichen Purpur beschämte.

Und diese reizende Robe! Einfach und anspruchslos, und doch

bedeutsam und charakteristisch. Diese stahlfarbene Nüance hat etwas

Aristokratisches. Warum Josephine einen derartigen Stoff nicht gewählt

hat? Aber es ist nun einmal nicht zu ändern. Gewisse Dinge existiren

nicht für die normale deutsche Hausfrau: man entdeckt sie nur fernab

von dem Weichbilde des heimischen Herdes.

Wie lange sie wählt und prüft! Auch hierin offenbart sich ein

distinguirter Charakterzug. Da ... da ... um ein Haar hätte ich ihr

Gesicht zu sehen bekommen. Das Stückchen Wange, das mir in duftiger

Verklärung entgegengeleuchtet hat, erweckt eine unwiderstehliche

Sehnsucht in mir, das ganze ambrosische Angesicht aus der nächsten Nähe

zu schauen. Ich interessire mich jetzt so glühend für diese schöne

Käuferin, daß es mich bereits nach ihrer Biographie gelüstet. Wo mag

sie wohnen? Wie mag sie heißen? Das beste ist, ich lasse sie hier

vorbeipassiren und gehe ihr dann nach, sittsam und in bescheidener

Entfernung, wie es einem verheiratheten Ästhetiker geziemt ... oder

nein ... ich sehe nicht ein, weshalb ich so übermäßig bescheiden sein

sollte. Mein Naturell steht mit einem solchen Vorsatz in diametralem

Widerspruch. ... Nun, wir werden ja sehen.

Ah, da kommt mein trefflicher Freund Leo. Schon von fern lacht er mich

mit dem ganzen Vollmond seines biederen Kneipgesichts an, als wollte er

sagen: »Trifft man dich auch endlich wieder einmal unter den Lebenden?«

Auch ich bin erfreut, dich zu sehen, wackerer Genosse meiner

akademischen Ausschweifungen, unvergleichliches Danaidenfaß, in

dessen bodenlosem Schlunde so manches Quart Lagerbier und so manche

Punschbowle ein ruhmloses Ende gefunden.

Er schüttelt mir mit der grübchenreichen Herkulesfaust die Rechte und

brummt im tiefsten Basse eine Phrase freundschaftlichen Entzückens.

»Wie jammerschade,« fügt er nach einer Weile hinzu, »daß ich gerade

jetzt nicht Herr meiner Zeit bin.«

Er sieht auf die Uhr.

»Ich muß meine Tante ins Concert führen,« seufzt er stirnrunzelnd, »und

gewahre mit Schrecken, daß ich bereits eine Viertelstunde Verspätung

habe.«

»Ah, die Hofräthin! Nun, sie molestirt dich selten genug, und als

Erbtante verdient sie einige Rücksicht. Ich will dich bei Leibe nicht

abhalten.«

Noch einmal schüttelt er mir die Hand und poltert dann fürbaß über das

Pflaster.

Verflucht! In der Zwischenzeit ist mir meine schöne Unbekannte

entwischt. Hole der Henker alle Kneipkameraden und Hofräthinnen. Doch

halt, dort biegt die Holdselige um die Ecke. Das war noch gerade Zeit,

sonst hätte ich den Engel für immer verloren. Auf und ihr nach!

In weniger als einer Viertelminute habe ich mich ihr auf fünfzehn

Schritte genähert. Es hält schwer, sie bei dem dichten Menschengewühl

im Auge zu behalten. Dabei schreitet sie tüchtig zu ... Ja, ja, solche

novellistische Naturen sind stets gute Fußgängerinnen. Im Sommer

begegnet man ihnen auf dem Gipfel des Pilatus oder auf den Gletschern

des Chamounithals. Ich kenne die Sorte ...

Jetzt schwenkt sie seitwärts ab. Aha, sie nimmt den Weg nach der

Gertraudenstraße quer über den Markt. Nun, um so besser; auf diese

Weise entferne ich mich nicht von dem Parkviertel. Es ist sieben, ich

habe also vollauf Muße, mein peripatetisches Abenteuer bis auf die

Hefe auszukosten. Ich +muß+ jetzt erfahren, welche Göttin in dieser

reizenden Hülle wandelt, oder meine Mißstimmung erklärt sich in

Permanenz!

Wie seltsam doch mitunter der Zufall spielt! Da biegt sie richtig in

die neue Anlage ein! Ich kann ihr also unter allen Umständen ohne

Zeitverlust bis an ihre Wohnung folgen, und wenn sie am äußersten Ende

der Stadt residirte. Wirklich, Fortuna ist mir hold. Es hätte sich

doch ebensogut treffen können, daß die kleine Zauberin mich nach dem

Ludwigshain oder den Bernstädter Linden gelockt hätte!

Jetzt scheint sie bemerkt zu haben, daß ich ihr auf den Fersen bin.

Sie hat leise den Kopf gewendet, sie beschleunigt ihre Schritte.

Das ist entweder ein Zeichen von hohem sittlichem Ernst, oder von

reizender Koketterie. Aber Gott sei Dank! Noch bin ich nicht so sehr

zum Philister geworden, daß ich nicht im Stande wäre, eine solche

Parforcepromenade auszuhalten. Noch habe ich mich von dem Embonpoint

deutscher Familienväter freizuhalten gewußt. Bei den Göttern, diese

Eilfertigkeit steht ihr entzückend. Wie fest und doch wie schmiegsam

sie auftritt. Das ist eine Poesie des Wandels, an der sich ein Apollo

berauschen könnte.

Jetzt beginnt die Sache in der That humoristisch zu werden. Das

räthselhafte Geschöpf schlägt immer entschiedener dieselbe Route

ein, die ich wählen müßte, wenn ich direct nach meiner heimischen

Wilhelminenstraße eilen wollte. Wäre ich ein gläubiger Romantiker aus

der alten Schule, so dächte ich jetzt an eine moralisch gesinnte Fee,

an eine ideale Personificirung meines ehelichen Gewissens. Die schöne

Huldin wäre etwa Titania, die, von heiligem Schmerz erfüllt, ihren

Liebling auf Irrwegen zu sehen, die Gestalt einer bestrickenden Sirene

angenommen hätte und mich nun, ohne daß ich es ahnte, zu den Laren des

häuslichen Herdes zurückführte.

So wahr ich selig werden will, da sind wir an der Ecke der

Wilhelminenstraße, und jetzt wendet sie sich nach links, -- ganz der

Weg, den die alltägliche Moral mir vorzeichnen müßte. Am Ende ist sie

eine von den schönen Engländerinnen in Nummer 20, die ich bereits

drei- oder viermal durch mein Taschenteleskop zu bewundern die Ehre

hatte. Das wäre in der That ein höchst pikantes Zusammentreffen! Wenn

sie nur nicht so verteufelt liefe, -- daß ich ihr einmal ~en passant~

ins Gesicht sehen könnte. Aber sie scheint instinktiv zu fühlen, wie

sehr sie mein Herz entzündet hat, und so scheut sie sich wohl vor

einem Rencontre. Verdammt, daß der Weg an meiner Wohnung vorüberführt.

Es wäre mir doch unangenehm, wenn Josephine ... und wer garantirt

mir dafür? Bei Mondschein sitzt sie oft stundenlang am Fenster und

vertieft sich in die wundersamen Lichtspiele ... Heute freilich ist sie

beschäftigt ...

Aber was sehe ich? Bin ich von Sinnen? Da hüpft mein bezauberndes

Räthsel in meine Hausflur und eilt meine Treppe hinan. Um aller

Heiligen willen, was habe ich angestellt? Gewiß eine gute Freundin

Josephinens, die mich erkannt hat und mich nun ~in flagranti~ verklagen

will. Soll ich ihr folgen? Oder ist es rationeller, so schnell als

möglich umzukehren? Aber nein, das wäre eine Schwäche, die den Edlen

entwürdigt. Was kann sie überdies sagen? Es ist nur zu begreiflich,

daß ich den nächsten und bequemsten Weg nach meiner Wohnung einschlage,

und die Straße ist Gemeingut. Nein, sie würde sich mit der geringsten

Andeutung nur lächerlich machen; sie muß etwas anderes in Petto haben;

also vorwärts!

Ich stürme ihr nach. Die Corridorthüre hat sich inzwischen bereits

geschlossen. Ich klingle. Man öffnet mir. Und wer öffnet mir? Vor mir

steht, in dem malerisch drapirten Tuchpaletot, in dem stahlblauen

Promenadenkleide, das kleine Packet in der Hand, das sie auf der Straße

getragen -- meine Frau!

Sie schaut mir mit einem unbeschreiblich schelmischen Ausdruck ihrer

dunkelbraunen Augen ins Angesicht, wünscht mir »Guten Abend«, und eilt

dann, mir nochmals herzlich zunickend, in ihr Zimmer.

Keines Wortes mächtig, starre ich ihr nach; dann entledige ich mich

stumm und geräuschlos meines Überziehers, schleiche in mein Gemach

und werfe mich in den Lehnstuhl. Die Hände über der Brust gefaltet,

suche ich mir meine lehrreichen Erlebnisse zurecht zu legen. Nur

ungern gestehe ich mir's, aber die Wahrheit bricht schließlich durch:

ich bin wüthend, wüthend auf mich, wüthend auf Josephine, wüthend auf

meine künstlerischen und nicht künstlerischen Bestrebungen, wüthend

auf alles Bekannte und Unbekannte. Ich habe mich vor meiner eigenen

reinen Vernunft so colossal blamirt, daß ich nicht weiß, ob ich jemals

wieder in der Lage sein werde, mir die volle ursprüngliche Hochachtung

zu zollen. Mein ganzes Ich verfällt in einen Zustand moralischer

Zerrissenheit; ich möchte mich ohrfeigen.

Da legt sich ein Arm um meinen Nacken, zwei frische blühende Lippen

senken sich auf die meinen, und eine weiche Hand streichelt mir wie

beschwichtigend über die Stirne.

Der seltsame Bann ist gelöst. Noch immer verlegen, gewinne ich doch

allgemach mein seelisches Gleichgewicht wieder. Josephine erwähnt das

Vorgefallene mit keiner Silbe, aber ich sehe es ihrem schalkhaften

Lächeln an, daß sie meine ganze Thorheit durchschaut hat.

Zwei Tage später überrascht sie mich mit den Früchten ihres

improvisirten Abendganges. Ein reizendes Geburtstagsgeschenk, viel

sinniger und liebenswürdiger, als es ein Mann verdient, der die

poetischen Anregungen außer dem Hause sucht. Ich schließe Josephine an

mein Herz und schwöre mir insgeheim, mich nie wieder von den Launen

einer selbstbetrügerischen Verstimmung gängeln zu lassen. Der erste

Versuch einer unerlaubten Romantik ist zu schmachvoll mißglückt, als

daß ich Lust verspürte, mich zum zweiten Male auf's Glatteis zu wagen.

Der alte Schreiber.

Eine Studie nach der Natur.

Mein Onkel Feodor war Rechtsanwalt in einer mitteldeutschen

Provinzialstadt. In den letzten Jahren seines Lebens, als die einst

so blühende Advocatur merklich zur Neige ging, beschäftigte er einen

Scribenten mit Namen Trendler. Ich weiß nicht, ob der würdige Federheld

noch lebt. Sollte er indeß die folgenden Zeilen zu Gesicht bekommen,

so wird er gewiß einem strebsamen Collegen, der bei seinen indiscreten

Studien die edelsten Zwecke verfolgt, die scheinbare Profanation zu

Gute halten und lächelnd vor sich hinmurmeln: »Ja, ja, das bin ich!«

Also ~in medias res~!

Über den Dachfirsten der Provinzialstadt leuchtet ein kalter, klarer

Wintermorgen. In den beschneiten Straßen erblickt man nur hin und

wieder einen eilfertigen, theatralisch vermummten Barbier oder eine

blaugefrorene Köchin.

Es schlägt neun. Mein Onkel sitzt bereits seit einer Stunde bei der

Arbeit. Der lodernde Ofen verbreitet eine erquickliche Wärme. Die lange

Pfeife läßt ihre blauen Rauchkringel, wie Opferdüfte, zur angegrauten

Decke emporsteigen. Auf dem eichengeschnitzten Schreibtisch herrscht

eine gemüthliche Unordnung. Da prangt die chemische Zündmaschine

neben dem Petschaftkasten; die Wasserflasche neben dem gestickten

Hauskäppchen; die goldene Repetiruhr neben dem bunten Fidibusbecher.

Die halbgeleerte Tasse steht dem Arbeitenden zur Linken. Eifrig

raschelt die Feder über das dicke Conceptpapier.

Da öffnet sich die Thüre. Ein röthliches Antlitz, dessen Züge etwas

vom Geier haben, erscheint in der Spalte. Es ist Herr Trendler. Mit

gekniffenen Äuglein mustert er das Zimmer. Dann tritt er zwei Schnitte

vor und spricht mit klangloser Stimme:

»Guten Morgen, Herr Justizrath!«

Mein Onkel wendet den Kopf.

»Sie kommen wieder eine halbe Stunde zu spät, Trendler. Wie oft soll

ich Ihnen sagen, daß ich die Pünktlichkeit liebe?«

»Entschuldigen Sie, Herr Justizrath, ich hatte mich gestern etwas

später zu Bett gelegt, weil ich noch den Bericht an das königliche

Obertribunal erledigen wollte ...«

Trendler beginnt nun seinen Paletot auszuziehen. Er versucht es

zunächst mit dem linken Ärmel. Auf der Hälfte des Weges erfaßt ihn die

Reue. Er tritt auf der linken Seite den Rückweg an, und wirft sich

auf die rechte. Nach einigem Zögern kommt er mit der Entkleidung zu

Stande, und verfügt sich nun, den Überzieher sorgfältig an der Schlinge

haltend, nach dem Nagel, wo er ihn langsam aufhängt, -- nicht ohne

zuvor einige imaginäre Stäubchen von dem schadhaften Sammetkragen

hinweg zu blasen. Der aufgehängte Paletot wird mit zärtlicher Hingebung

drapirt ... Die Außenseite muß nach innen gekehrt und vor jeder

Berührung mit der atmosphärischen Luft aufs Peinlichste geschützt und

geschirmt sein ...

Nach befriedigender Lösung der Paletot-Frage kommt die Reihe an den

Rock. Unter den nämlichen Manövern, die wir beim Überzieher wahrnahmen,

vertauscht Herr Trendler diesem Unter-Kleidungsstück mit seinem

sturmerprobten Amt- und Dienstkittel. Ist auch diese Metamorphose

beendet, so hustet er dreimal mit steigender Heftigkeit und zieht das

Taschentuch, um sich zu schneuzen.

»Nun, Trendler, wird's bald?« fragt mein Onkel stirnrunzelnd.

»Entschuldigen Sie, Herr Justizrath, ich wollte mich nur schneuzen,

mit Respect zu vermelden. Ich habe einen starken Stockschnupfen, seit

letzthin das Wetter so umgeschlagen hat!«

Mein Onkel arbeitet weiter.

Trendler begiebt sich in gemessenem Menuettschritt nach dem Ofen,

ergreift die Feuerzange, und wühlt in den Bränden.

»Donnerwerter, machen Sie doch keinen solchen Rauch!« ruft mein

Onkel ärgerlich. »Das Feuer brennt, -- was haben Sie also dran

herumzustochern?«

»Verzeihen Sie, Herr Justizrath, ich dachte nur, wenn man das Feuer

nicht rechtzeitig schürt, so könnte es ausgehen. Erlauben Sie

vielleicht, daß ich so ein kleines Klötzchen auflege?«

»Gut, so legen Sie auf, aber schnell! Sie haben da Ihren ganzen Tisch

voll Arbeit!«

»O, damit wollen wir schon fertig werden, was das anbelangt ...«

Er bläst in die Flammen. Der Qualm schlägt ihm ins Gesicht. Er schließt

die Ofenthür und tritt an den Spiegel.

»Nun, was giebt's?« fragt mein Onkel.

»Ach, Herr Justizrath, nehmen Sie's nicht übel, es ist mir was ins

Auge gekommen ... Gleich hab' ich's ... so ... Wie das einen genirt,

man sollt's nicht glauben! ... Au, au ...! Das ganze Auge ist roth

davon ...!«

»Trendler! Der Teufel holt Sie, wenn Sie jetzt nicht an die Arbeit

gehen! Wenn Sie was am Ofen auszusetzen haben, so rufen Sie die Magd!«

»Schön, Herr Justizrath.«

Er öffnet die Stubenthüre.

»Therese! Therese!«

»Das zieht ja zum Tollwerden!« zürnt der alte Herr in wachsendem

Mißmuth. »Wollen Sie augenblicklich zumachen! ...«

»Die Magd scheint nicht da zu sein,« versetzt der Schreiber. »Ich will

mal nachsehen!«

Er begiebt sich nach der Küche. Drei, vier, fünf Minuten verstreichen.

Endlich erscheint die rothe Physiognomie wieder auf der Schwelle.

»Die Magd ist nach dem Wochenmarkt gegangen,« stammelt er mit einem

Lächeln der Genugthuung. »Da muß ich wohl selbst Hand anlegen, Herr

Justizrath.«

Mein Onkel antwortet nicht.

Trendler verfügt sich wieder an den Ofen. Er klappert und rasselt, und

rasselt und klappert, bis das Feuer glücklich verloschen ist.

»Ich komme doch nicht so recht zu Stande damit, wenn man's bei Licht

betrachtet. Wir müssen warten, bis die Therese vom Markt zurückkommt.«

»Sie sind der größte Esel, der mir jemals in meiner Praxis aufgestoßen.«

»Aber, Herr Justizrath ...«

»Setzen Sie sich! Ich habe keine Lust, mit Ihnen zu discutiren.«

Schmollend faßt er auf seinem Stuhle Posto. Noch einmal muß das

Schnupftuch für die Unbilden der Witterung büßen. Hierauf durchsucht

er sämmtliche Taschen der Weste, des Rocks und der Beinkleider. In der

letzten findet er den Schlüssel zur Schublade seines Schreibtisches.

Er betrachtet das eiserne Instrument von allen Seiten. Dann bläst

er einige Sonnenstäubchen aus dem Loch über dem Kamme und veranlaßt

dadurch einen gellen Pfiff.

»Was fällt Ihnen bei, Trendler? Wiederholt sich denn bei Ihnen jeden

Tag dasselbe Possenspiel?«

»Um Vergebung, Herr Justizrath, aber diesmal thun Sie mir Unrecht. Wenn

sich nämlich das Loch am Kamme verstopft, so geht mehrstentheils das

Schloß nicht.«

Langsam öffnet er die Schublade und nimmt zwei tintenbeklexte

Schreibärmel, zehn Gänsekiele und ein doppelklingiges Federmesser

heraus. Sämmtliche Gegenstände breitet er sorgfältig vor sich hin. Er

befolgt dabei die Regeln der Symmetrie und des goldnen Schnitts.

Plötzlich springt er vom Sitz empor und eilt nach der Thüre.

»Was giebt's?«

»Ich will einmal sehen, ob die Friederike heimgekommen ist. Mir war's,

als hätte ich klingeln hören.«

»Dummes Zeug! Bleiben Sie bei der Arbeit!«

Trendler setzt sich nieder und ergreift einen der beiden Schreibärmel.

Er nestelt am Zuge. Die Schnur will nicht weichen. Nach einer

andauernden Bemühung von fünf Minuten gelingt es ihm, den Knoten zu

lösen. Die Schiene rutscht knisternd über den Arm und wird mit vieler

Accuratesse befestigt.

Der zweite Ärmel erfordert eine geringere Anstrengung. Schon nach drei

Minuten sitzt er wie angegossen.

Es schlägt halb zehn.

Trendler reibt sich im Bewußtsein, sehr glücklich debütirt zu haben,

die Hände und zieht die Tabaksdose hervor. Sechs- oder achtmal schlägt

er geräuschvoll auf den Deckel. Dann öffnet er, schüttelt den Inhalt

von einer Seite nach der andern und spitzt die Finger zur Prise.

Plötzlich besinnt er sich eines Besseren. Er muß im Heiligthum der

Dose einen fremden Gegenstand entdeckt haben. Das rothe Geiergesicht

beugt sich vor; die kurzsichtigen Äuglein beblinzeln den Tabak aus

allen Richtungen der Windrose. Eine Minute verrinnt in prüfender

Beschaulichkeit. Er nickt, als habe er den mikroskopischen Eindringling

erkannt, setzt die Dose bedächtig auf den Tisch nieder und ergreift mit

siegesgewisser Miene das zweiklingige Federmesser. Die Klinge springt

auf und wird, wie um ihre Elasticität zu erproben, zwei-, dreimal auf

die Tischplatte gedrückt. Dann stöbert das Metall zwei Minuten lang in

der gepulverten Nießwurz herum und spießt endlich eine todte Fliege,

die nach genauer Inspection unter den Stuhl geworfen wird. Jetzt erst

hält sich Trendler für berechtigt, eine Prise zu nehmen; vorher wischt

er indeß die Klinge des Messers mit sorglicher Peinlichkeit am Ärmel

ab.

Die Dose wird wieder geschlossen und neben das Tintenfaß gestellt.

Trendlers Blick gleitet nun nach dem Fenster. Die Scheiben sind stark

beschlagen. Er erachtet es für geboten, das auf der Rampe liegende Tuch

zu benutzen. Die Klärung gelingt.

Aber es zieht! Das Fenster scheint heute wieder gar nicht zu schließen.

Auch hier muß das Wischtuch abhelfen. Es wird der Länge nach unten vor

die Ritze gelegt.

»So!«

Es schlägt drei Viertel.

Trendler wendet sich nunmehr seinen Federn zu. Er dreht sie zehn-

bis zwölfmal hin und her und wählt dann eine graue, großfasrige,

starkposige Prachtfeder.

Das zweiklingige Messer wird abermals betreffs seiner Elasticität

geprobt. Dann beginnt die Procedur des Schneidens.

Zunächst wird der Kiel der Länge nach geschabt. Dann zimmert der blanke

Stahl nach streng-architektonischen Gesetzen den Rohbau der Spitze.

Diese unvollendete Spitze wird fünfzigmal befühlt und betrachtet und

schließlich auf dem Nagel des linken Daumens gespalten.

Ist die Spalte gelungen, so ruht sich Trendler ein wenig aus: denn

jetzt fängt erst die eigentliche künstlerische Aufgabe an, und zu jeder

vollkommenen Leistung bedarf man der Sammlung.

Neu gekräftigt geht der wackre Scribent an die Krönung des Gebäudes.

Hundertmal hält er den Kiel gegen das Licht; hundertmal probirt er mit

der Zungenspitze, ob der gewünschte Grad der Vollendung erreicht ist.

Er schnitzelt und raspelt und kratzt und glättet, als handle es sich

um die Darstellung eines Prototyps, einer »Feder an sich«, wie der

Philosoph sagen würde. Die immer fester zusammengekniffenen Augenlider

verleihen seinem Antlitz etwas Denkerhaftes! Wüßte ich nicht, daß es

der Schreiber meines Onkels ist, den ich da vor mir sehe, so würde ich

ihn für einen Professor der Metaphysik halten.

Endlich! Ein breites Lächeln übergießt die Geierphysiognomie wie mit

den Fluten eines rosigen Sonnenscheins! Verstünde er Griechisch, er

würde »Heureka!« ausrufen! Schwer aber glücklich!

Noch achtmal wiederholt sich diese umständliche Comödie. Dann ordnet

Trendler die Geschnittenen nach dem Grundsatze der Anciennität, und

legt das Messer neben die Schnupftabaksdose.

Es schlägt halb elf.

Trendler wendet sich nunmehr dem Papier zu. Er sucht und blättert

in den unbeschriebenen Folioheften herum, als forsche er nach einer

hochwichtigen Stelle im Corpus Juris. Die Wahl scheint ihm Qual zu

machen. Er schließt bald das eine Auge, bald das andere, -- nach Art

raffinirter Kunstfreunde, die ein Gemälde betrachten. Dann kehrt er

die Mappe um, als müsse ihm die endgiltige Entscheidung so besser

gelingen. Er streichelt die Bogen, wie der Kenner ein Pferd streichelt.

Gott weiß, was ihn schließlich veranlaßt, eines der Hefte an die Nase

zu führen und es nachdenklich zu beschnüffeln. Nach fünf Minuten ist

er mit sich und dem Papier einig ... Die Mappe wird schreibgerecht

ausgebreitet, die Bogen erhalten ein paar Daumenstriche ... Trendler

ist Meister in der kunstgemäßen Anwendung dieses natürlichen Falzbeins

... So!

Es ist inzwischen empfindlich kalt geworden. Der alte Herr beginnt zu

frieren.

»Trendler,« sagt er unwillig, »Sie haben richtig das Feuer ausgemacht!

Rufen Sie die Magd!«

»Schön, Herr Justizrath. Therese, Therese!«

Die Dienerin erscheint in der Pforte, und beeilt sich die verglimmenden

Kohlen wieder anzufachen.

Trendler schaut ihren Bemühungen andächtig zu.

»Was gaffen Sie da? Ich wette, Sie kommen auch heute nicht mit der

vermaledeiten Klage zu Stande. Drei Tage kauen Sie jetzt schon an den

paar Bogen.«

»Um Vergebung, Herr Justizrath; ich wollte mich nur überzeugen ...«

»Schweigen Sie und setzen Sie sich!«

Die Magd verläßt das Zimmer. Trendler faßt wieder Posto. Er holt das

Concept hervor, das er zu copiren gedenkt. Es währt geraume Zeit, bis

er enträthselt hat, wo er gestern stehen geblieben. Endlich kommt er

auch über diesen Punkt ins Klare ... Er bezeichnete die betreffende

Stelle durch das daraufgelegte Federmesser, und holt den letzten Bogen

der in Arbeit befindlichen Reinschrift aus der Mappe ...

Jetzt könnte Herr Trendler mit Gottes Hilfe ans Werk gehen! So spricht

der leichtsinnige Leser! Sein ungründliches Gemüth vergißt, daß zur

gedeihlichen Handhabung der Feder eine tadellos gebraute und gereinigte

Tinte erforderlich ist! Ehe sich Herr Trendler vergewissert hat, daß

in dieser Beziehung alles in Ordnung ist, kann die eigentliche Arbeit

nicht ihren Anfang nehmen. Ist es nicht etliche Mal vorgekommen, daß

des Herrn Justizrath böswilliger Neffe dem armen Herrn Trendler Sand,

Oblaten, oder leichten Canaster No. 5 in das Tintenfaß geworfen?

Vorsicht ist also nirgends mehr am Platze, als Angesichts dieses

mehrfach mißhandelten Tintenfasses. Soll die musterhafte Spitze der

»grauen, starkposigen Prachtfeder« gleich beim ersten Einstippen

ruinirt werden?

Trendler nimmt sein Rühr- und Probirhölzchen und taucht es hinab in

die dunkle Tiefe. Es geht glatt. Von Sand keine Spur, ebensowenig von

Tabak oder Oblaten. Trendler läßt die schwarzen Tropfen langsam vom

Stäbchen niederträufeln. Die Tinte ist klar. Vielleicht ein bischen zu

dicklich ...

Er nimmt eine seiner frischgeschnittenen Federn, leckt sie, füllt sie

und schreibt zur Probe zwei Zeilen auf den Linienbogen.

»Hm! Ein wenig Wasser könnte nicht schaden!« murmelte er vor sich hin,

und erhebt sich, um die Caraffe zu holen.

Vorsichtig gießt er ein. Dann rührt er von neuem mit dem zierlichen

Hölzchen, und macht einen zweiten Versuch auf dem Linienbogen.

»Viel zu blaß!« sagte er kopfschüttelnd.

»Was?« fragt mein Onkel.

»Ach, entschuldigen Sie, Herr Justizrath, die Tinte ist zu blaß.

Wollten Sie mir nicht gefälligst den Schlüssel zur Tintenflasche geben?«

»Ich weiß nicht, was Sie an der Tinte auszusetzen haben. Der Schlüssel

liegt drüben auf dem Büchergestell rechts.«

Trendler geht nach dem Büchergestell und sucht.

Nach zwei Minuten:

»Herr Justizrath, der Schlüssel ist nicht da!«

»Rechts auf dem Brett! Thun Sie die Augen auf!«

Abermals verstreicht eine längere Frist.

»Da liegt ein Schlüssel, Herr Justizrath, aber es will mich bedünken,

als wär' das nicht der Schlüssel zum Eckschrank, wo die Tintenflasche

steht!«

»Esel!«

»Was meinen Sie, Herr Justizrath?«

»Heilige Kreuzschockmillionendonnerwetter, lassen Sie Ihr ewiges ›Herr

Justizrath‹, und beeilen Sie sich!«

»Wenn Sie meinen, das wär' der Schlüssel ...«

»Freilich ist er's!«

»Er kam mir nur so vor, als ob der Kamm größer wäre. Er wird's aber

wohl sein, Herr Justizrath.«

Er wandert nach dem Eckschrank, öffnet und nimmt mit zögernder

Bedächtigkeit die Flasche heraus.

Das Tintenfaß wird vollgeschüttet, die Flasche wieder eingeschlossen,

der Schlüssel aufs Bücherbrett gelegt. Abermals arbeitet das

Probirhölzchen, abermals stellt die Feder ihr Examen an. Diesmal

lautet der Urtheilsspruch des würdigen Scribenten auf genügend.

Er rückt nochmals die Mappe zurecht, berührt alle Gegenstände, die vor

ihm ausgebreitet liegen, drei- oder viermal mit der flachen Hand, und

taucht dann den Kiel frisch und fröhlich in die dunkle Flut.

Trendler hat nicht bedacht, daß er das Faß bis zum Rande gefüllt.

Die Feder, anderthalb Zoll weit mit Tinte getränkt, weint auf das

jungfräuliche Papier einen großen, rundlichen Klex.

Trendler ist nicht der Mann, sich durch eine solche Kleinigkeit aus

der Fassung bringen zu lassen. Mit philosophischem Gleichmuth ergreift

er das Sandfaß, bestreut die Lache mit einer mächtigen Trockenschicht,

und hebt so den ganzen Klex bis auf einen grauschwarzen Fleck vom

Bogen ab. Dann erfaßt die Rechte das mehrfach genannte Messer, läßt

die Radirklinge herausspringen, und beginnt in sanftem Adagio zu

schaben. Allgemach wird die Musculatur Trendler's lebhafter. Das Adagio

verwandelt sich in ein sehr taktfestes Allegro. Deutlich unterscheiden

wir die Melodie des bekannten Volksliedes:

»Mädele, ruck, ruck, ruck an meine grüne Seite ...«

Mein Onkel wird aufmerksam. Prüfend hebt er das kluge, graue Auge. Eine

Minute lang steht er dem musikalischen Radirkünstler ruhig zu. Ein

Lächeln fliegt über seine sonst so ernsten Züge.

»Trendler,« sagt er mit fast väterlicher Milde, »Sie sind ein

Kindskopf! ...«

Der Scribent fährt aus seinen Träumen empor.

»Was befehlen der Herr Justizrath?«

»Ich wünsche, daß Sie Ihre Spielereien lassen!«

»Aber, entschuldigen Sie, ich spiele nicht, ich radire. Die Tinte

fleckt so.«

Mein Onkel wendet sich kopfschüttelnd zu seinen Akten.

»Es geht nicht länger mit dem Menschen,« murmelt er vor sich hin. »So

leid mir der arme Teufel thut, ich muß ihm den Laufpaß geben!«

Dieser Monolog fließt nicht heute zum ersten Mal über die Lippen des

alten Herrn. Zehnmal war er bereits entschlossen, Herrn Trendler zu

verabschieden, und zehnmal hat die wohlwollende Gutmüthigkeit seines

Herzens den Sieg davon getragen.

Trendler hat inzwischen den Bogen glücklich durchradirt. Er läßt sich

jedoch auch durch dieses Mißgeschick nicht aus dem Gleichgewicht

werfen. Freilich hat er jetzt noch anderthalb Seiten mehr zu copiren,

aber das thut nichts. Trendler erhält seine monatliche Gage von vierzig

Gulden eben so pünktlich, wenn er hundert Bogen zu Stande bringt, als

wenn er deren zwölfe liefert! Er hat ja Zeit!

In diesem Augenblick ertönt Musik von der Straße. Trendler ist, wie

oben bemerkt, musikalisch. Schmunzelnd horcht er auf. Leise wiegt

er das Haupt nach den Klängen des rauschenden Marsches. Es ist das

siebzehnte Jägerregiment, das nach dem Bahnhofe zieht. Die Stadt

erwartet irgend eine hoch- oder höchstgestellte Persönlichkeit zum

Besuch, ich glaube einen Schwarzburg-Rudolstädtischen Prinzen. Trendler

kann es nicht über sich gewinnen, -- er muß durch das Fenster blinzeln.

Schmucke Gesellen, diese Jäger! Wie die blanken Waffen in der Sonne

blitzen! So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ...

Das Regiment ist vorbeimarschirt; die Musik hallt nur noch, wie

ein ersterbendes Echo, aus der Ferne. Trendler geht wieder an sein

Manuscript.

Gott sei Dank! Der erste Federstrich! Trendler fühlt sichtlich die

Bedeutsamkeit dieses Momentes, denn er belohnt sich alsbald durch ein

frisches Glas Wasser und eine stoffreiche Prise.

Weiter, weiter! Der Kiel malt langsam die fingerlangen Buchstaben. Zwei

Zeilen sind leserlich zu Papier gebracht.

Da klopft es an die Thüre.

Es ist ein Client, ein Bauer aus dem benachbarten Hochlande ...

Trendler springt auf, um dem Eintretenden einen Stuhl herbeizuschleppen.

»Bleiben Sie nur bei Ihrer Arbeit!« sagt der alte Herr, indem er den

Gruß des Bauern erwidert ... »Was bringen Sie?«

Der Client setzt sein Anliegen auseinander. Trendler hört mit

gespannter Aufmerksamkeit zu und kaut an der großposigen Prachtfeder.

»Warum schreiben Sie nicht?«

»Ich besann mich nur, ob ... ob ›competent‹ mit einem harten oder

weichen T geschrieben wird. Es ist nicht recht zu erkennen im Concept.«

»Mit T wird's geschrieben! Und jetzt stören Sie mich nicht! Sie sind

unausstehlich, Trendler!«

Der Scribent beugt sich über die Mappe und schreibt etwa eine Seite.

Dann legt er plötzlich die Feder über das Tintenfaß und reibt sich

heftig die linke Kniekehle. Der Tisch wackelt. Ein Bleistift und ein

Lineal fallen zu Boden.

»Was ist denn nun wieder los?« fragt der Justizrath.

»O, bitte sehr,« stammelt der Schreiber, ... »ein Privatverhältnis ...

das Bein war mir nur ein bischen eingeschlafen.«

Nach einigen Minuten scheint der Schläfer erwacht zu sein. Trendler

schreibt weiter. Mein Onkel verhandelt mit dem Bauern über den noch

unverständlichen Rechtsfall und explicirt ihm eben, daß er vor allen

Dingen die und die Beweisstücke beibringen müsse, als Trendler abermals

aufspringt, und, das Concept in der Linken, den Zeigefinger der Rechten

fest auf einen lateinischen Passus gepreßt, auf den alten Herrn

eindringt und mit zwinkernden Äuglein fragt:

»Verzeihen Sie gütigst, Herr Justizrath, wie soll das heißen ...?

~Judex a ... a ...?~«

»~A quo~,« ergänzt mein Onkel. »Hundertmal haben Sie das Wort schon

geschrieben! ...«

Es schlägt halb zwölf. Der Bauer verabschiedet sich. Trendler trinkt

ein weiteres Glas Wasser und beendet glücklich die dritte Seite. Dann

streicht er sich das Haar aus der Stirn, räuspert sich und beginnt also:

»Nichts für ungut, Herr Justizrath, aber wenn Sie heute ausnahmsweise

für den speciellen Fall einmal freundlichst gestatten wollten, ein

wenig früher aufzuhören, so hätte ich heute nämlich einmal gerade

ausnahmsweise Besuch, indem meiner Schwester Sohn aus Hirzenheim

zufällig gestern Abend hier eingetroffen ist und nur bis morgen da

bleibt, wegen des Schweinemarktes, und sonst könnt' ich ja auch die

Klage da heut' Nachmittag fertig schreiben, wenn Sie freundlichst

erlauben.«

»Meinetwegen! Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Trendler zieht die Schreibärmel aus, packt ein, hängt den Kittel an den

Nagel und wirft sich in Rock und Paletot.

»Wenn Sie sonst noch was zu befehlen haben, Herr Justizrath,« sagt er,

den Hut in der linken Hand, den Stock in der rechten.

»Nein, nein, nein! Lassen Sie mich nur jetzt ungeschoren, ich bin

beschäftigt!«

»So wünsch' ich recht guten Appetit, und bedanke mich! Herr Justizrath,

auf Wiedersehn!«

Er verschwindet mit devotem Bückling. Nach anderthalb Minuten erscheint

er von Neuem.

»Um Vergebung, ich hatte den Schlüssel stecken lassen. Sie wissen ja,

Herr Justizrath, -- es ist von wegen Ihren werthen Herren Neffen.

Nichts für ungut, und somit empfehl' ich mich!«

»Einfältiger Schwätzer, geh' zum Teufel!« brummt der alte Herr im Tone

des höchsten Verdrusses. Trendler aber geht zu seiner Schwester Sohn,

der ihn im »Adler« beim Bier erwartet.

Seitdem habe ich manchen Trendler bei der Arbeit gesehn, -- und stets

mußte ich des Schreibers meines guten Onkels gedenken. ...

Und dann las ich allerlei fulminante Artikel über die sociale Frage,

über das Verbrechen des Capitals und die offenen und geheimen Schäden

der modernen Weltordnung.

Meisterhaft! raunte mein Genius ... Der Gedanke, die Gesellschaft

zu reorganisiren, ist unsterblich, und des Schweißes der Edlen

werth. Aber die Edlen versäumen die unerläßlichste Vorarbeit; eine

statistisch-philosophische Studie über den Einfluß Trendler's auf die

materielle Lage der Arbeiter ...

Mein Onkel war ein durchaus liberaler, fortschrittlich gesinnter Mann.

Als Trendler ihn jedoch eines Tages um Lohnerhöhung anging, da warf

er ihn vor die Thüre. Stand diese Handlungsweise mit dem Geiste des

neunzehnten Jahrhunderts im Widerspruch? Die Leute vom Fach werden

antworten!

Ende.

Aus Phil. Reclam's Universal-Bibliothek.

Preis jeder Nummer 20 Pf.

=Aldrich=, Prudence Palfrey und andere Erzählungen. 1387. 1388.

--,

Die Tragödie von Stillwater. 1837. 1838.

=Berges, Ph.=, Amerikana. Humoristische Skizzen aus dem

amerikanischen Leben. 2508. 2698. 2829.

=Bret Harte=, Californische Erzählungen. Deutsch v. W. Lange. 571.

607. 629. 671. 712. 1069. 1127. 1164. 1204. 1230. Heft 1--5,

6--10 je in einen Band geb. à 1 M. 20 Pf.

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Gabriel Conroy. Roman. Deutsch von Otto Randolf. 771--775. Geb.

1 M. 50 Pf.

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Die Geschichte einer Mine. Eine californische Skizze. Deutsch

von Passow. 1039. 1040. Geb. 80 Pf.

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Die beiden Männer von Sandy-Bar. Californisches Sittengemälde

in 4 Aufzügen. Deutsch v. W. Lange. 916.

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Thankful Blossom. Eine Geschichte. Deutsch von Otto Randolf.

870. Geb. 60 Pf.

=Denison, M. A.=, So'n Mann wie mein Mann. Eine

Ehestands-Humoreske. 2141. 2142. Geb. 80 Pf.

=Eggleston, Edward=, Der Weltuntergang. Eine amerikanische

Dorfgeschichte. 2405. 2406.

=Habberton, John=, Allerhand Leute. Lebensbilder aus dem

amerikanischen Westen. Deutsch von Alfred Mürenberg. 1517.

1518. Geb. 80 Pf.

=Kürnberger, Ferd.=, Der Amerikamüde. Amerikanisches Kulturbild.

Zweite Auflage. Mit einer Einleitung von V. K. Schembera.

2611--2615. Geb. 1 M. 50 Pf.

=Mark Twain=, Ausgewählte Skizzen. Deutsch v. W. Lange. 1019. 1079.

1149. 2072.

=Pajeken, Friedrich J.=, Aus dem wilden Westen Nordamerikas.

Erlebnisse und Skizzen. 2752.

=Roe, Edwin, P.=, Wie sich Jemand in seine Frau verliebt.

Amerikanische Dorfgeschichte. Deutsch v. K. Knortz. 2593.

=Ruppius, Otto=, Der Pedlar. Roman aus dem amerikanischen Leben.

1141--1143. Geb. 1 M.

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Das Vermächtniß des Pedlars. Folge des Romans: ›Der Pedlar‹.

1316--1318. Geb. 1 M.

=Vacano, E. M.=, Humbug. Eine wunderliche Historie. 2321.

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Komödianten. 2607.

=Wickede, Fr. C. v.=, Amerikanische Novelletten. 909. 1234.

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Börne's gesammelte Schriften. 3 Bände. Geh. 4 M. 50 Pf. -- In 3

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Bände. Geheftet 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg. Leinenbänden 6 M.

Goethe's sämmtl. Werke in 45 Bdn. Geh. 11 M.-- In 10 eleg.

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Longfellow's sämmtliche poetische Werke. Uebersetzt v. +Herm.

Simon+. 2 Bde. Geh. 3 M. -- In 2 eleg. Leinenbänden 4 M. 20 Pf.

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Uhland's gesammelte Werke in 2 Bänden. Herausgegeben v. +Friedr.

Brandes+. Geh. M. 2. -- In 2 eleg. Leinenbdn. M. 3.

Aus Philipp Reclam's Universal-Bibliothek.

Preis jeder Nummer 20 Pf.

Balázs, Heitere Lebensbilder. 2899.

Berczik, A. v., Ehestandsgeschichten und andere Humoresken. Deutsch

von Dr. A. Kohut. 3240.

Berges, Ph., Amerikana. Humoristische Skizzen. 4 Bde. 2508. 2698.

2829. 3175.

Blumauer, A., Virgils Aeneis. Travestie. 173. 174. -- Geb. 80 Pf.

Bögh, Erik, Humoristische Vorlesungen. 2 Bände. 1062. 1240.

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Der Theaterkobold. Humoreske. Deutsch von J. Martens. 2467.

Bötticher, Georg, Allotria. 3160. -- Geb. 60 Pf.

Bornstein, A., Der Theaterarzt und andere Humoresken. 3437.

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Schnurrige Kerle u. and. Humoresken. Mit 3 Illustr. von J.

Kleinmichel. 3040.

Brentano, F., Heitere Geschichten. Vier Bände. 2330. 2564. 3068.

3246.

Bürger, G. A., Münchhausens Reisen u. Abenteuer. 121. -- Geb. 60 Pf.

Crome-Schwiening, Allerhand humoristische Kleinigkeiten. 2827.

Cronheim, R., Fähnrichsgeschichten. Humoresken. 1736.

Daudet, A., Tartarin aus Tarascon. Deutsch von Gerstmann. 1707.

Degen, In der Kaserne. 2589.

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Aus dem Militärleben. 4 Bände. 2668. 2835. 3043. 3398.

Demokritos. 1. Bd.: Das Lachen. 3368. 2. Bd.: Was ist lächerlich?

3405. 3. Bd.: Das Weib. 3442.

Denison, M. A., So'n Mann wie mein Mann. Ehestands-Humoreske.

Dtsch. v. P. Heichen. 2141. 2142. -- Geb. 80 Pf.

Detmold, Joh. Herm., Randzeichnungen. -- Anleitung zur

Kunstkennerschaft. Satiren. 2230. -- Geb. 60 Pf.

Eckstein, E., Humoresken. 2 Bände. 621. 1640.

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Der Besuch im Carcer. Humoreske. Mit sechs

Original-Illustrationen von G. Sundblad. 2340. -- Geb. 60 Pf.

Fritz, (Singer), Briefe eines Junggesellen. Stimmungsbilder. 3200.

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Thoren und Thörinnen. Kleine Geschichten. 3314.

Gaudy, Fr. Frhr., Aus dem Tagebuch eines wandernden

Schneidergesellen. 289. -- Geb. 60 Pf.

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Schülerliebe u. andere Humor. 2319.

Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus. Deutsch von

Philipp Lenz. 761--765. -- Geb. M. 1.50.

Habberton, J., Helene's Kinderchen. Humoreske. Deutsch von M.

Greif. 1993. 1994. -- Geb. 80 Pf.

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Höcker, P. Oskar, Leichtsinniges Volk. Novelle. 3212.

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3414. 3415.

Köhler, B., Dies und Das. 2988.

Kortum, ~Dr.~ C. A., Die Jobsiade. Hrsg. v. Schnettler. 398--400.

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Krackowizer, ~Dr.~, Naturgeschichte des österreichisch. Studenten.

Gymnasial-Humoresken. 2699.

Kraßnigg, R., Militär-Erinnerungen eines österreichischen

Artilleristen. Heitere Skizzen und Bilder. 2889.

Kraus, O., ΜΕΥΡΙΑΣ. Die Meyeriade. Humoristisches Epos aus dem

Gymnasialleben. 2980.

Lennig, Friedrich, Etwas zum Lachen. 3255. -- Geb. 60 Pf.

Lenz, Ph., Militärische Humoresken. 5 Bde. 710. 728. 795. 850. 897.

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Lichtenberg, G. Chr., Ausgewählte Schriften. Herausgegeben v. Eugen

Leyden. 1286--1289. -- Geb. M. 1.20.

Liebesbrevier. 2850. -- Geb. 60 Pf.

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Humoresken (Zweites Bändchen) Wider den Strom. - Die Feuerspritze. - Eine Abendwanderung. - Der alte Schreiber. · 第 7 / 9 题