Der König war bei den letzten Phrasen vom Fauteuil aufgesprungen. Sein
Antlitz bedeckte sich mit einer brennenden Zornesröthe. Er ballte die
beiden Fäuste und rang sichtlich nach Athem.
»Pigault!« rief er. »Du weißt, ich verstehe nicht viel von Stylistik
und derartigem gelehrten Krame ... Aber du ... Du bist ein Genie ... Du
kennst alle Kniffe der Redekunst ... Du bist, wie man zu sagen pflegt,
mit allen Hunden gehetzt ...«
»Eure Majestät haben eine zu schmeichelhafte Meinung von mir,«
entgegnete der Bibliothekar mit einer artigen Verbeugung, indem er den
Brief des französischen Imperators wieder zusammenfaltete.
»Pigault!« fuhr der König fort, »du bist der Mann dazu: du mußt mir auf
dieses Schandgesudel eine Antwort verfassen, die sich gewaschen hat!«
»Aber Sire, bedenken Sie ...«
»Keine Ausrede; -- ich gebe dir mein königliche Wort darauf, daß ich
dich nicht verrathen werde. -- Setze mir eine Epistel auf, die der
Kaiser nicht hinter den Spiegel stecken wird! -- Ich werde den Brief
abschreiben, und dir das Original zurückerstatten. Kein sterblicher
Mensch erfährt, daß du der Urheber bist!«
»Wenn Eure Majestät mir in der That versprechen ...«
»Mein Wort darauf, Pigault, mein königliches Ehrenwort! Ich wiederhole
dir's: niemand soll den wahren Zusammenhang ahnen.«
»Gut denn, Sire. Allein ich wage nochmals einzuwenden ... Der Streich
könnte doch seine üblen Folgen haben!«
»Unsinn! Ich bin Souverän und brauche mir die Ungezogenheiten eines
fremden Machthabers nicht gefallen zu lassen. Ich will unabhängig sein:
eine bessere Gelegenheit, diesen Entschluß zu bethätigen, finde ich
nicht wieder. Also ans Werk!«
»Morgen, Sire, wenn Sie gestatten. Zu einer so wichtigen Arbeit bedarf
man der Sammlung.«
»Wie du willst. Aber je eher, je besser. Eine prompte Antwort
verdoppelt den Eindruck.«
»Morgen früh um elf sind Sie im Besitz des Brouillons.«
»Vortrefflich. Und nun wollen wir uns die Grillen aus dem Kopfe
schlagen. Was hast du für heute Abend arrangirt?«
»Eine glänzende ~Fête~ im Park ... ~Lampions, feu d'artifice~,
Ballet ...«
»Ah, sehr gut. Die Luft ist mild. Wir werden uns köstlich amüsiren.«
»Um welche Zeit werden Eure Majestät herunterkommen?«
»Gegen zehn Uhr. Lassen Sie mir vorher ein Bad rüsten.«
»Poulet?«
»Nein, Burgunder. Auf Wiedersehn.«
* * * * *
Des andern Tags in der Frühe, als der Beherrscher Westphalens noch
tief in den Federn lag, setzte sich der gewiegte Bibliothekar an sein
Büreau, breitete den kaiserlichen Mahn- und Warnungsbrief zu seiner
Linken auf die Platte aus, und studirte Phrase für Phrase, Wort für
Wort, Silbe für Silbe.
Er wollte den Stil des gewaltigen Correspondenten an der Seine in
seiner ganzen gedrungenen Ursprünglichkeit und Derbheit, in seiner
ganzen hochfahrenden Naivetät und Frische nachahmen, und jede Zeile des
kaiserlichen Schreibens mit gleicher Münze heimzahlen. Nachdem er etwa
eine Viertelstunde lang hin und her gesonnen, ergriff er die Feder und
ließ sie hastig über das Papier gleiten. In weniger als zehn Minuten
war die Arbeit vollendet. Pigault konnte sich nicht enthalten, über das
wunderliche Product zu lächeln. Der Gedanke, daß er, der bescheidene
Vorleser Seiner westphälischen Majestät, dem gefürchteten Machthaber
Napoleon Bonaparte so vermessene Dinge sagte, berührte ihn höchst
humoristisch. Doch war dieser Empfindung eine beträchtliche Dosis von
Sorge beigemischt. Er selbst hatte es dem Könige vorgestellt: Napoleon
ließ nicht mit sich spaßen. Wehe dem unglücklichen Bibliothekar, wenn
es ans Tageslicht kam, wer der authentische Verfasser dieses unerhörten
Actenstückes war! Der Cäsar, dessen vernichtender Zorn den Buchhändler
von Nürnberg in den Abgrund geschleudert, er konnte auch den Vertrauten
Jérôme's zermalmen, wenn er beim Empfange des Briefes irgend wie
mißlicher Laune war. Im besten Falle zog die Entdeckung eine mehr oder
weniger empfindliche Freiheitsstrafe nach sich; und wahrlich, wenn man
eine Zeit lang auf dem prächtigen Schloß der Wilhelms- oder, wie sie
jetzt hieß, der Napoleonshöhe ~in dulci jubilo~ gelebt hatte, dann
spürte man wenig Lust, dieses Paradies mit einem Kerker zu vertauschen!
Pigault-Lebrun wurde ordentlich trübsinnig, als diese Gedanken durch
seine Seele zogen. Langsam klappte er die Schreibmappe zu, steckte
das Manuscript sorgfältig in die Tasche und wandelte dann die Treppe
hinunter in den Park, um die frische Morgenluft zu genießen.
Er mochte so eine Stunde zwischen dem duftenden Strauchwerk der Anlagen
auf- und abgeschritten sein, als ihm einfiel, daß er vergessen hatte,
den Brief des Kaisers zu sich zu nehmen. Rasch eilte er nach seinem
Zimmer. Auf dem Vorplatze begegnete er dem Aumônier, dem Prinzen von
Paderborn.
»Ah, schon so früh, Hochwürden?« sagte er in einem Tone, der sein
lebhaftes Befremden verrieth.
»Ja wohl, Herr Bibliothekar,« entgegnete der Prinz lächelnd. »Ich
dachte, es sei eine Sünde, den herrlichen Morgen zu versäumen. Übrigens
hören Sie? Da schlägt es neune! So gar frühe ist's also nicht mehr! Sie
haben wohl eine Promenade gemacht?«
Pigault-Lebrun erwiderte ein paar nichtssagende Worte, und begab sich
in sein Gemach. Dort angelangt, steckte er den pariser Brief in sein
Portefeuille, zündete sich eine Cigarre an und legte sich langwegs auf
das Sopha, in der Absicht, die Zeit bis zum Erwachen seines Gebieters
mit der Lieblingsbeschäftigung des westphälischen Hofes, mit Nichtsthun
hinzubringen.
Der Aumônier wollte ihm nicht aus dem Kopfe. Was hatte der geistliche
Herr da auf dem Vorplatz verloren? Seine Wohnung lag auf dem
entgegengesetzten Flügel des Schlosses.
»Ich kann diese Gesellen, die überall herumschnuppern, in den Tod
nicht ausstehen,« murmelte der Bibliothekar vor sich hin. »Schließlich
läuft doch alles auf die leidige Spionage hinaus. Der König hat Recht.
Hier ist keiner Seele mehr zu trauen. Ich möchte wohl wissen, ob unser
Verdacht betreffs des Ceremonienmeisters und des Justizministers
begründet ist ...«
Pigault überließ sich während einer halben Stunde dem Spiele seiner
ausschweifenden Phantasie. Er durchmusterte im Geiste die ganze
Hofgesellschaft und schüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf wie ein
Mensch, der mit sich selbst nicht im Reinen ist.
Ein plötzliches Klopfen riß ihn aus seinen Träumen.
Ein königlicher Lakai trat in das Zimmer und meldete, daß Seine
Majestät den Herrn Bibliothekar zu sprechen wünsche.
»Unser allerdurchlauchtigster König befinden sich noch im Bett,« fügte
der Mann hinzu.
Pigault-Lebrun beeilte sich, dem Befehle seines Gebieters Folge zu
leisten. Er traf den König in bester Laune.
»Nimm hier auf dem Sessel Platz,« sagte Jérôme leutselig, indem er sich
halb in den Kissen aufrichtete. »Hast du dein Versprechen erfüllt?«
»Wie sollte ich nicht?« entgegnete der Angeredete halblaut. »Aber wenn
Eure Majestät mir wohl wollen, so lassen Sie uns leise reden ... Sie,
als gekröntes Haupt, haben bei der Affaire verhältnismäßig wenig zu
riskiren, während ich ...«
»Schon recht!« unterbrach ihn der König mit gedämpfter Stimme. »Wenn
es dich beruhigt, so können wir unsere Bässe moderiren; allein ich
versichere dich, deine Besorgnisse sind unbegründet. Die Wände sagt
man, haben Ohren. In meinem Schlafzimmer trifft das Sprichwort nicht
zu. Die beiden Jäger im Vorgemach sind treu wie Gold, die Säle rechts
und links stehen leer ...«
»Man kann nie wissen, Sire,« erwiderte Pigault, »durch welche Spalte
der Teufel Einen beim Schopfe packt.«
»Du bist heute ein wahrer Philosoph, ganz gegen deine sonstige
Gewohnheit. Doch zur Sache. Du hast das Manuscript bei dir?«
»Ja wohl, Sire.«
»Deutlich geschrieben? Du weißt, unleserliche Handschriften sind meine
schwache Seite.«
»Ich glaube, Eure Majestät werden zufrieden sein.«
»Zeig' einmal her.«
Der Bibliothekar zog das Papier aus der Tasche und reichte es dem König
dar.
»Hm, hm,« sagte Jérôme, »das könnte etwas deutlicher sein ... hm, hm
... da unten kommen ja schmähliche Schnörkel und Kratzfüße ...«
»Das Manuscript ist allerdings sehr schnell hingeworfen,« bemerkte
Pigault lächelnd.
»Weißt du was, du kannst mir das Ding einmal vorlesen, dann werd' ich
wohl so leidlich damit zu Stande kommen.«
»Wie Eure Majestät befehlen. Allein Sie erlauben, daß ich mich etwas
näher zu Ihnen heransetze, um nicht genöthigt zu sein, allzusehr die
Stimme zu erheben.«
»Gott, bist du heute ängstlich,« lachte der König. »Du hast wohl
etwas Katzenjammer von gestern? Apropos, das Ballet war famos, ganz
magnifique, auf Ehre. Ich hätte fast vergessen, dir mein Compliment zu
machen.«
»Eure Majestät sind zu gütig. Wenn Sie gestatten, werde ich jetzt
beginnen.«
»Nun denn, leg' los, alter Junge!«
Pigault-Lebrun setzte sich dicht an das Kopf-Ende des königlichen
Bettes, entfaltete sein Manuscript und las mit flüsternder Stimme wie
folgt:
»Mein Bruder Napoleon, Kaiser der Franzosen!«
»›Mein Bruder‹?« fragte der König. »Nicht ›mein +erhabener+ Bruder‹?
Das ist zu stark!«
»Sire,« entgegnete Pigault, »Ihre deutschen Unterthanen haben ein
Sprüchwort, das zwar nicht hoffähig, aber sehr tiefsinnig und kernig
ist. Das Sprüchwort heißt: ›Wurst wider Wurst‹. Verstehen Sie, was das
sagen will?«
»So ziemlich. Aber ich finde ...«
»Hören Sie weiter. -- Wenn Sie an meiner Fassung etwas auszusetzen
haben, so werden wir nachher die erforderlichen Änderungen vornehmen.
-- Also: ›Mein Bruder Napoleon, Kaiser der Franzosen! Ich habe Ihre
Rathschläge empfangen. -- Ich achte sie. -- Was Ihre Befehle betrifft,
so bin ich König. Ich gebe Befehle, aber ich erhalte keine ...‹«
»Stark, sehr stark!« murmelte der König; »aber gut, sehr gut!«
Der Bibliothekar las weiter:
»›Sie werfen mir vor, ich sei ein Freund von langem Tafeln. Ich
gestehe, daß ich die substantielleren Genüsse eines wohlassortirten
Tisches dem eitlen Jagen nach Gloire vorziehe. -- Ich bin Gourmand,
ohne ein Vielfraß zu sein: ich glaube nicht, daß ich hierdurch meiner
königlichen Würde etwas vergebe. Was die Weiber anlangt, so weiß ich in
der That nicht, was gerade Sie mir in diesem Punkte vorhalten könnten.
Sie beklagen sich über mein Verhalten gegen die Königin: Eure Majestät
konnte mich zwingen, sie zu heirathen, aber nicht, sie zu lieben.
-- Sie fragen, ob die Königin mir nicht vornehm genug ist. -- Eure
Majestät haben mir hundertmal wiederholt, nichts sei für den Bruder
eines Napoleon zu groß und zu vornehm: ich dagegen habe mich nie mit
einer großen Dame vermählen wollen. -- Sie werfen mir vor, ich halte
nicht genug auf eine meiner Stellung entsprechende Repräsentation. --
Wissen Sie, das Repräsentiren ist erstens langweilig, und zweitens
verträgt es sich nicht recht mit meiner Figur und meiner Tournüre --
zwei Dinge, die in unserer Familie nicht besonders imposant genannt
werden können‹ ...«
»Das ist ein malitiöser Hieb, der ihn schwer ärgern wird,« sagte Jérôme
mit hämischem Lächeln. »Du bist in der That ein beißender Satiriker,
Pigault. -- Ich sehe, ich darf mich in Acht nehmen, daß ich bei dir
nicht in Ungnade falle.«
Der Bibliothekar mußte laut auflachen.
»Hören Sie nur weiter, Sire! -- ›Übrigens habe ich meine Hofhaltung
ganz nach dem Vorbilde der Ihrigen eingerichtet. Ich kleide mich, wie
Sie: was wollen Sie mehr? -- Der Prinz von Paderborn bringt mich mit
seinen ewigen Predigten und endlosen Messen zum Gähnen. Ich werde ihn
behalten, da Eure Majestät mir ihn gegeben; aber nichts verpflichtet
mich dazu, mit ihm über Kirchenangelegenheiten und andere Dinge zu
sprechen, von denen ich nichts verstehe und nichts verstehen will.
Ich überlasse das dem Herrn Cultusminister. -- Was Merfeldt anlangt,
so habe ich ihn zum Präfecten von Hannover ernannt, denn er ist ein
vorzüglicher Verwaltungsbeamter, ohne ein angenehmer Chambellan zu
sein. Im Übrigen liebe ich es, die für meinen persönlichen Dienst
bestimmten Personen ganz nach meinen augenblicklichen Bedürfnissen
auszuwählen. Gezeichnet: Jérôme Napoleon.‹«
»›Gezeichnet‹ ...?« rief der König. »Aber das ist ja der brutalste
Kanzleistil.«
»So schreiben wir: ›Genehmigen Sie die Versicherung meiner
vorzüglichsten Hochachtung.‹«
»Mit dieser Formel begrüßt man seine Untergebenen.«
»›Ihr treuverbundner Bruder‹ ... Was halten Sie davon?«
»Sehr gut! Das sagt eigentlich gar nichts! Schreiben wir: ›Ihr
treuverbundener Bruder.‹«
Der König ließ sich nunmehr das Manuscript ins Bett reichen, und
studirte es mit vielem Eifer. Hierauf legte er's unter das Kopfkissen
und bedeutete dem Bibliothekar sich zu entfernen.
Jérôme ließ sich ankleiden und hatte nach eingenommenem Dejeuner nichts
Eiligeres zu thun, als den Brief Pigault's zu copiren. -- Er zerriß
zwei, drei Bogen, bis der vierte zu seiner Zufriedenheit ausfiel. --
Als er das kühne Schriftstück siegelte, spielte ein schadenfrohes
Lächeln um seine Lippen.
»Kein Zweifel,« murmelte er vor sich hin, »dieser Schröpfkopf wird
ziehen! Ich gäbe etwas darum, wenn ich sein verblüfftes Gesicht, seinen
brennenden Ärger genießen könnte! -- Früher oder später mußte die
Sache ja doch einmal zum Brechen kommen! -- Ich will dem erstaunten
Europa zeigen, daß ich nicht bin, was ich scheine. Selbständigkeit,
Unabhängigkeit, Würde, -- das sind doch wohl die unerläßlichen
Vorbedingungen der Achtung, deren sich ein Thron zu erfreuen wünscht!
Zum Schleppenträger meines Herrn Bruders halte ich mich zu gut.
Entweder oder! Der Würfel ist gefallen!«
In dieser selbstbewußten Stimmung überreichte er den Brief einem seiner
Kammerjäger zur sofortigen Übermittelung an den Courier.
Wenige Stunden später war das verhängnisvolle Actenstück unterwegs.
Jérôme! Jérôme!
* * * * *
Vierzehn Tage waren verflossen.
Von den Thürmen der Stadt Kassel schlug es Mitternacht. Die braven
Unterthanen des westphälischen Gewalthabers schliefen den Schlaf der
Gerechten. Melancholisch wandelte der Wärter durch die menschenleeren
Gassen und entlockte seiner kurzen Weichselrohrpfeife eine qualmende
Wolke nach der andern.
Nicht ganz so lautlos ging es in dem sogenannten blauen Salon der
Napoleonshöhe zu. Hier saß eine kleine, aber gewählte Gesellschaft um
eine reichgedeckte Tafel. Man war beim Dessert. Prächtige Früchte,
hochfeines Gebäck, perlender Champagner und andere unerläßliche
Ingredienzen eines luxuriösen Mahles verbreiteten einen berauschenden
Duft. Die Gläser klirrten in verwegner Ungezwungenheit wider einander.
Das lärmende Chaos der Stimmen wurde nur durch die Salven eines
schallenden Gelächters oder durch die Klänge eines lustigen Refrains
unterbrochen. Mit einem Worte, der blaue Salon war wieder einmal Zeuge
eines jener intimen Soupers, die gegen elf Uhr begannen und gewöhnlich
bis drei, vier Uhr Morgens dauerten.
»Die Gesundheit des Königs!« rief jetzt eine kleine, blauäugige Dame in
prachtvoller Toilette.
Sie ergriff das Glas, setzte es an den Mund und leerte es auf einen Zug.
»Süßer Engel!« hauchte der König, indem er den Arm um ihre Taille
legte. »Dafür sollst du einen Kuß haben.«
Die Dame sträubte sich.
»Herr Gott, wie spröde!« lachte Jérôme. »Was fällt dir ein, Lili? Wir
sind ja hier unter uns! Nicht wahr, Fürstenberg, unsere kleine Heberti
braucht Euretwegen ihren Gefühlen keinen Zwang anzuthun?«
Die Gesellschaft kicherte.
»Unsere liebenswürdige Freundin,« versetzte der Angeredete, »wäre
im höchsten Grade thöricht, wenn sie sich aus irgend welcher äußern
Rücksicht den schmeichelhaften Gunstbezeugungen Eurer Majestät
widersetzen wollte.«
»Wir sind ja, Gott sei Dank, keine deutschen Philister,« fügte der Graf
Winzingerode hinzu.
»Da hörst du's, Lili. Fürstenberg, zeigen Sie der Kleinen, wie die
Sache gemacht wird. Küssen Sie Ihre Melanie!«
Der Cavalier, der trotz des ihm aufgenöthigten deutschen Namens ein
echter Pariser geblieben war, schlang den Arm ohne weiteres um den
blendenden Nacken seiner Nachbarin, und küßte ihr die rothen Lippen,
daß es laut durchs Gemach schallte.
»Ah, das ist Unrecht, lieber Fürstenberg,« rief Pigault-Lebrun mit
komischem Stirnrunzeln. »Sie machen unser Einem, der nicht so glücklich
ist, wie Sie, das Herz schwer.«
»Es thut jeder, was er kann; nicht wahr, Melanie?«
»~Eh bien~, Lili?« fragte der König.
»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie zwei Tage lang auf schmale Kost
setze,« lautete die schnippische Antwort.
»Wie? was?« erklang es im Chor. »Ein Zwist, ein Streit? Ich hätte bald
gesagt, eine eheliche Differenz?«
»Unser Täubchen ist eigensinnig,« rief Jérôme, ein Glas Schaumwein
hinunterstürzend.
»Nein, nein, nur standhaft!« entgegnete Fräulein Heberti.
»Erzählen Sie! Was ist vorgefallen?«
»Sehr einfach,« sagte die kleine Dame. »Ich habe Seine Majestät um eine
Gefälligkeit ersucht und bin abschlägig beschieden worden.«
»Ah, unerhört, Sire,« lachte Winzingerode. »Wie können Sie einem
solchen Engel was abschlagen?«
»Ein König, meine Herren,« erwiderte Jérôme, »ist nicht in allen Dingen
souverain! Es giebt gewisse Rücksichten ...«
»Aber um was handelt es sich denn? Wir wissen ja noch gar nicht ...«
»Eine Bagatelle,« schmollte Lili. »Ich bat den König um die Entlassung
des Grafen von Paderborn ...«
»Ah, der Aumônier,« sagte Fürstenberg; »eine unangenehme
Persönlichkeit.«
»Ein Spion,« ergänzte Fräulein Heberti.
»Wo denkst du hin, Lili!« stotterte Jérôme.
»Ein Spion, sage ich. Unser Aller Interesse erfordert, daß Sie ihm
schleunigst den Laufpaß geben.«
»Das ist unmöglich.«
»Unmöglich? Sind Sie nicht König ...?«
»Das sagst du wohl ... -- aber ...«
»Was ›aber‹! Es giebt kein aber!«
»Aber bedenke doch ... Du weißt ... Seine Majestät der Kaiser ...!«
»Der Kaiser! Was hat Ihnen der Kaiser zu sagen?«
»Er hat ... er ist ... bedenke nur ...«
»Ah, Sire!« rief das Mädchen mit einem Ausdruck des Stolzes, der
ihre Züge wunderbar hob, »Sie scheinen nicht zu wissen, daß wir
Frauen von dem Geliebten in erster Linie Entschlossenheit, Energie,
Unabhängigkeit, Muth fordern, wenn unsere Neigung nicht wanken soll ...«
Die Gäste blickten einander an, als wollten sie sich fragen, ob diese
Rede der kleinen Ex-Tänzerin Scherz oder Ernst sei?
Es trat eine peinliche Pause ein. Der König war sichtlich unangenehm
berührt. Niemand wollte das Schweigen brechen. Man fürchtete, den
mißlichen Eindruck, den Lili's Strafpredigt hervorgebracht hatte, durch
eine ungeschickte Bemerkung noch zu verschlimmern. --
»Fräulein Heberti,« sagte endlich Jérôme, nicht ohne Bitterkeit, »ich
hoffe Ihnen baldigst, vielleicht schon morgen, den Beweis zu liefern,
daß Ihre Vorwürfe die Adresse verfehlt haben. Wenn ich in einzelnen
wichtigen Angelegenheiten auf meinen kaiserlichen Bruder Rücksicht
nehme, so geschieht dies aus freien Stücken. Daß ich im rechten
Augenblick unabhängig, energisch, entschlossen zu sein verstehe,
sollten Sie überhaupt niemals bezweifelt haben. Da Sie indeß solchen
höchst seltsamen Zweifeln Raum geben, so gereicht es mir in der That
zur Genugtuung, daß ich, wie gesagt, binnen wenigen Tagen in der
Lage sein werde, Sie eines Bessern zu belehren. Merken Sie sich das,
Fräulein Heberti!«
Der König hatte diesen langen Discurs mit voller Würde, und so laut
und deutlich vom Stapel gelassen, daß Lili fast erschreckt die Augen
niederschlug. Sie mochte fühlen, daß sie zu weit gegangen.
Jérôme warf seinem Bibliothekar einen selbstbewußten,
verständnisinnigen Blick zu.
Dem guten Pigault fiel die Epistel, auf welche der König anspielte,
heiß auf die Seele. Jeden Tag konnte die Antwort eintreffen; der
Bibliothekar verhehlte sich nicht, daß diese Aussicht einen höchst
beklemmenden Einfluß auf seine Lebensgeister ausübte.
In diesem Augenblick ertönte im Vorzimmer ein lebhafter Wortwechsel.
Befremdet horchte man auf.
»Ich habe die gemessensten Befehle ...« sagte einer der königlichen
Hofjäger.
»Und ich habe noch gemessenere,« entgegnete eine kräftige Stimme.
»Machen Sie keine Umstände! Im Namen Seiner Majestät des Kaisers der
Franzosen, lassen Sie mich vor!«
Jérôme erbleichte. Pigault-Lebrun griff nach dem Glase, um seine
Verwirrung zu verbergen.
»So erlauben Sie wenigstens, daß ich Seine westphälische Majestät zuvor
benachrichtige,« stotterte der Kammerjäger. »Wen darf ich anmelden?«
»Den Gouverneur von Danzig!« lautete die Antwort.
Eine halbe Minute später öffnete sich die Thür des blauen Salons,
und der Gouverneur, begleitet von einem Gardeofficier, betrat das
Allerheiligste.
Alles war sprachlos.
Der Botschafter des Imperators verneigte sich voll ritterlicher Anmuth
und wandte sich dann an den König.
»Sire,« sagte er, »ich habe mich eines höchst unangenehmen Auftrags zu
entledigen.«
Jérôme ward fahl wie der Kalk an der Wand. Pigault-Lebrun saß da wie
ein armer Sünder und nestelte an seinen Manschetten.
»Ich habe diesen Auftrag,« fuhr der Gouverneur fort, »von Ihrem
erhabenen Bruder, dem Kaiser der Franzosen. Ich verließ Seine Majestät
in einem Zustande der Erregtheit und des Zornes, den ich nicht zu
schildern vermag ...«
»Aber ich bitte, mein Herr,« rief Fürstenberg, indem er die Arme vor
der Brust kreuzte, »dies ist weder die Zeit noch der Ort, solche
Aufträge auszurichten.«
»Ich bedaure,« entgegnete der Angeredete kalt, »daß ich so unglücklich
bin, Ihre geselligen Freuden zu unterbrechen, allein ich handle nach
dem ausdrücklichen Befehl meines hohen Gebieters.«
Der König war so vollständig außer Fassung gerathen, daß er vergaß dem
Gouverneur einen Stuhl, geschweige denn ein Glas Wein anzubieten. Statt
dessen hatte er selbst den Becher ergriffen und einen kräftigen Schluck
der Verzweiflung gewagt.
Winzingerode schleuderte dem fremden Eindringling finstere Blicke zu.
Die kleine Heberti betrachtete bald den Gouverneur, bald ihren
königlichen Gönner. Ein spöttisches Lächeln zuckte um ihre rosigen
Lippen.
»Sire,« fuhr der Gesandte fort, »ich hoffe, Sie werden den Botschafter
nicht die Unannehmlichkeiten der Botschaft entgelten lassen ... und mir
verzeihen, wenn ich Ihnen hier, laut den gestrengen Instructionen, die
ich empfangen habe, folgenden eigenhändig geschriebenen Cabinetsbefehl
des Kaisers vorlese ...«
»O, durchaus nicht,« stammelte Jérôme in höchster Seelenangst; »das
heißt ... Sie wissen ... Könnten wir nicht dort in das Zimmer treten?«
»Ich bedaure, Sire ... Die Anordnungen Seiner Majestät sind sehr
formell. Sie müssen schon gestatten, daß diese Herrschaften
unfreiwillige Zeugen einer Scene sind, die mir ebenso fatal ist, als
Ihnen selbst, Sire.«
Der König senkte das Haupt, wie Einer, der entschlossen ist, alles ohne
Widerstand über sich ergehen zu lassen.
»Aber das ist unerhört,« sagte Fürstenberg.
Der Gouverneur zuckte die Achseln. »Ich wiederhole Ihnen, es ist nicht
meine Schuld,« entgegnete er. »Das Decret lautet wie folgt:
»›Cabinetsbefehl des Kaisers. Unser Aide-de-Camp, der General Rapp,
Gouverneur von Danzig, wird sofort nach Cassel abreisen und daselbst
den Obersten Müller, Kommandanten der königlichen Garden, zu sich
citiren. Er wird mit besagtem Müller unverzüglich zum König gehen und
Seine Majestät diesem Officier zur Bewachung übergeben. Der König wird
achtundvierzig Stunden im Arrest bleiben. Pigault-Lebrun, der Verfasser
des flegelhaften Briefes, den unser Bruder uns geschrieben hat, wird
zwei Monate lang ins Gefängnis gesteckt und dann unter sicherer
Bedeckung nach Frankreich transportirt werden. Wir ertheilen unserm
Aide-de-Camp Generalvollmacht, die westphälischen Truppen in Anspruch
zu nehmen, falls man sich in wahnwitziger Verblendung der Ausführung
unserer Befehle widersetzen sollte. Gezeichnet: Napoleon.‹«
Jérôme sank vernichtet in seinen Fauteuil zurück. Pigault-Lebrun
runzelte die Brauen und ballte die Fäuste. Fürstenberg und Winzingerode
sperrten Mund und Nase auf. Melanie weinte. Die kleine Heberti warf
einen Blick der grenzenlosesten Verachtung auf ihren Liebhaber und
erhob sich stolz aus dem Sessel.
»So haben wir hier weiter nichts zu suchen!« sagte sie kalt. »Herr
Commandant, thun Sie Ihre Pflicht.«
Der Aide-de-Camp des Kaisers verabschiedete sich, und Jérôme schwankte
in Begleitung des Obersten Müller nach seinen Gemächern, um sie erst
nach abgebüßter Strafe wieder zu verlassen. Die Ermächtigung, die
der Kaiser dem General Rapp ertheilt hatte, im Nothfalle Truppen zu
requiriren, war eine überflüssige Maßregel. Der gute Jérôme parirte
wie ein wohlerzogenes Kind; seine friedliche Seele war himmelweit
entfernt von jener ›wahnwitzigen Verblendung‹, die das allerhöchste
Decret vorsehen zu müssen glaubte. Ah, hätten die ehrfurchtsvollen
Unterthanen des Königs von dem unerhörten Schauspiele, dessen Theater
der königliche Palast, dessen leidender Held ihr vielgeliebter Jérôme
war, eine dämmernde Ahnung gehabt! Es ist doch gut, daß der Pöbel nicht
in alle Geheimnisse der Diplomatie eingeweiht wird!
Pigault-Lebrun wurde in den Kerker geworfen. Eine nachträgliche
Ordre des Kaisers verbot dem gesammten Hofpersonal, den Gefangenen
zu besuchen. Der König schrieb seinem gestrengen Bruder einen
demüthigen Brief, in welchem er hundertmal um Verzeihung bat und um
die Freilassung seines Vertrauten flehte. Umsonst. Der Kaiser ließ
ihm antworten, Pigault werde seine zwei Monate absitzen und alsdann
unverzüglich das Land verlassen. Nach langem Betteln gestattete er dem
König, den Bibliothekar bei sich zu behalten, falls derselbe gesonnen
sei, einen weitern Monat hindurch im Gefängnis zu schmachten. Pigault
war mit Freuden bereit. Das Leben am westphälischen Hofe bedünkte ihm
jedes Opfers werth.
Am 22. November 1810 war seine Marterzeit vorüber. Blaß und abgemagert
trat er vor seinen Gebieter und lächelte ein schmerzliches Lächeln.
»Nicht wahr, Sire,« sagte er, »künftighin besinnen wir uns zweimal, ehe
wir einen Brief zur Post geben?«
Jérôme seufzte.
»Du hast schwer gebüßt, mein Freund,« flüsterte er niedergeschlagen;
»aber auch mich traf ein trübes Verhängnis ...«
»Ah, Sire, die achtundvierzig Stunden ...?«
Der König schritt nach seinem Pulte und nahm ein rosenrothes Billet
heraus.
»Da, lies!« sagte er. »Das schrieb mir die liebste, die reizendste, die
treueste meiner Freundinnen am Tage nach deiner Verhaftung.«
Pigault las. Das Billet lautete:
»Sire,
Ich verlasse Sie und Ihr Land für immer. Ich habe mich aufs Kläglichste
in Ihnen getäuscht. Wenn ich die Pflichten, die uns die Selbstachtung
und die Rücksicht auf das öffentliche Urtheil auferlegt, mit Füßen
trat; wenn ich bei einem Ihrer Höflinge Sclavendienste that: so geschah
dies nur, weil ich Sie liebte -- so wahr und glühend wie nur ein Weib
zu lieben vermag! Dies Bekenntnis wird mich in Ihren Augen, wenn nicht
rechtfertigen, so doch entschuldigen. Aber ich kannte Sie nicht. Ich
hielt Sie für edel, für stolz, für ritterlich. Ich habe mich vom
Gegentheil überzeugt. Ich verachte Sie.