Sie ließ sich erst spät mit dem zierlichen Schlüssel, den ihr die alte
Klara am Morgen überreicht hatte, in ihren geborgten Palast ein. Alles war
still, sie hörte nie ein Flüstern, nie einen Laut, nie einen Tritt, außer
von ihrem Zimmer aus, wenn Klara oder Maud auf der Diensttreppe waren. Aber
nie trat ihr auf der weiten Marmortreppe jemand anderer entgegen, als in
dem hohen Spiegel, an dem sie vorüberzog, ihr eigenes Bild, nie hörte sie
auf den glatten Fliesen andere Schritte verhallen, als die ihren.
Am nächsten Morgen blähte ein herbstlicher Windzug ihre Vorhänge auf und
zum ersten Male, seitdem sie nach London gekommen war, zeigte sich die
Sonne nicht. Sie war beim Ankleiden, als es an ihrer Türe klopfte. Ein
gellendes Klingeln scholl durch das ganze Haus und gleich darauf zeigte
Klara ihren alten Kopf. Es sei ein Ruf vom Fernamt, und sie nannte zu
Mariclées tödlichem Schrecken den Namen des Exemplars. Ob Fräulein Klee
heute nachmittag um fünf Uhr den Tee bei ihm nehmen wollte, er würde um
diese Stunde in London sein.
»Ich werde kommen,« sagte sie tonlos. Die alte Klara eilte mit der Antwort
hinab.
Mechanisch fuhr sie fort sich zu frisieren, aber ein kreideweißes Gesicht
starrte jetzt aus dem Spiegel.
_Was sollte sie anziehen?_
Dies war ihr erster Gedanke. Sie hatte drei Feierkleider für die geplante
Begegnung in Bereitschaft: das grüne, das sie gestern trug, ein weißes, und
ein dunkles bleu-ardoise, das Einzige, was sie bei diesem trüben Wetter
wählen durfte. Sie zog es an, und sah darin schmal und gerade aus wie eine
Kerze. Und wie von einem magischen Reflex berührt, ward ihr Antlitz
plötzlich so ganz genau dasselbe wie damals, als sie zuletzt mit ihm
zusammen war, genau derselbe Ausdruck, dieselben blauen Irradiationen, die
ihre Augen untermalten wie zuletzt, jenes Gesicht, ihr einzig wahres, ein
abkunftloses, nur von ihm erkanntes, seltenes Gesicht, das seinige, da es
für ihn nur an das Licht trat, wie ein Kronschatz, der nur dem Einen taugt,
dem Unbefugten aber schwer und unzugänglich in den Schrein zurücksinkt.
Selbst ihr Körper wurde schärfer umrissen, und seine Linien traten
beseelter, ihre leichten Schultern flügelhafter noch hervor. Ihre oft so
leblosen Augen aber schienen jetzt wie Wachslichter bei Tageshelle, denn
etwas Abendliches, etwas, das der Tag bekriegte, und das sich selbst
verfechten mußte, behielt sie stets. »Klara! Klara!« rief sie und stürzte
hinaus. Und die alte Chorführerin, von der Lebhaftigkeit ihrer Stimme
erschreckt, eilte herbei, als sei ein Unglück geschehen.
»O Klara!« sagte Mariclée, »ich brauche einen Schleier, wo finde ich ihn am
besten? dieser Hut braucht eine Zutat; er sitzt so schlapp!«
»Bei Selfridge, ganz in der Nähe ist alles zu haben,« versicherte die
andere atemlos. »Aber der Hut sitzt schön, meine Gnädige.« Und sie sah fast
ein wenig betroffen zu ihr auf. War dies derselbe freudlose, etwas
saturnische Gast, der unter diesem Dache einzog?
»Er muß gehoben werden. Da, von der Seite,« sagte Mariclée und maß sich mit
kritischen Blicken.
Selfridge, ein kalkweißer, weithin sichtbarer Monumentalbau im Geschmack
Sardanapals, bot in der Tat alles, Schuhlitzen und einen Wintergarten; auch
leidliche Speisesäle in den oberen Stockwerken, wo man à la carte essen
konnte. Es stand auch ein einladendes Büfett beim Eingang. Doch graute
Mariclée vor den Fleischplatten. Sie war eigentlich hungrig, aber die Angst
schnürte ihr den Hals zu: Sie hatte auf die Uhr gesehen, und es war zwei
Uhr. In drei Stunden also. -- Dieser Speisengeruch war furchtbar. Und glitt
da nicht ein Sonnenstrahl die Wände entlang? Eine lichtblaue Fläche hatte
sich, wie ein heiterer See, in das stumpfe Himmelsgrau hineingerissen.
Sollte sie da nicht schnell nach Hause? stand ihr das grüne Kleid nicht
besser? -- Gott! -- wie der Herr da drüben essen konnte! -- was aß er denn?
es sah vortrefflich aus; das hätte sie auch gern gegessen, wenn sie hätte
essen können. Und mit einem Male schienen ihr all diese essenden Menschen
namenlos grotesk. Der Hunger war der große Rattenfänger, die Speisen die
Noten, aus denen er seinen Lockruf zusammensetzt, und zwar so, daß man
nicht merkt _wie_ man ihm folgt, und stets so viel genauer weiß _was_ man
ißt, als _daß_ man ißt. Weil aber Mariclée in Folge ihrer gesteigerten
Verfassung heute den Tanz so deutlich _sah_ und die Pfeife nach der man
sich in diesem Saale drehte, so deutlich heraushörte, wollte keine
Aufforderung an sie gelangen, und sie mußte von dem Tanzboden herab.
Die grauen Wolken hatten indes den lichten Himmelssee wieder verschlungen
und die Luft blieb regnerisch. Mariclée eilte nach Hause, wand und
befestigte den Schleier auf ihrem Hut und probierte ihn bald so, bald
anders. Es war die einzige Beschäftigung, auf die sie sich jetzt
konzentrieren konnte. Als dann die fünfte Stunde herannahte, verließ sie
das Haus und nahm einen Hansom, der denselben Weg einschlug, den sie Tags
zuvor in der Sonne zurücklegte: St. James Street, Trafalgar Place und
Whitehall hinab: fünf Uhr, fünf Uhr, fünf Uhr stand auf allen
Zifferblättern zu lesen und silbern ertönten fünf Schläge vom
Westminsterturm. Mariclée starrte mit der Miene einer Gerichteten auf die
grau glasierten Plätze und Straßen als müßte sie Abschied nehmen von allem,
was sie erblickte. Die alte Abtei stellte hier einen Abschluß von seltener
Majestät, die schöne niedrige Kapelle stark im Vordergrund, und der
weitläufige, gebieterische Bau so königlich gelagert. Ein edler, höchst
menschenwürdiger Platz, dessen Vorzüge sie jetzt mit geschärftem Auge
erfaßte. Bei dem Tore, von welchem aus Karl I. seine letzten Schritte ging,
bog jetzt der Wagen in eine stille und imposante Seitenstraße ein, fuhr
noch zwei glatte, hochfenstrige Fassaden entlang und hielt. Mariclée, die
reichlich Münze bei sich hatte, reichte, um Zeit zu gewinnen, dem Kutscher
ein Pfund zum wechseln hin und ließ ihn in ihre Börse stecken, was er für
gut erachtete. Sie stand nur dabei. Indessen öffnete sich die Türe des
Hauses, bevor sie noch Zeit hatte zu läuten; sie trat in eine reizende
Halle, sah zwei Diener in schwarzer Livree, die von ihrem Kommen
unterrichtet schienen und ihren Herrn jeden Augenblick erwarteten. Mariclée
hatte noch Zeit eine Stiegenrampe zu erblicken, viel zierlicher und schöner
als die in Grosvenor Street, dann sah sie nichts mehr, denn in demselben
Moment war die Halle von dem Geräusch eines stoppenden Autos erfüllt und
Mariclée wandte sich um. Sie sah einen Herrn, dessen Affektation sie nicht
minder frappierte wie seine Eleganz, langsam aber scheinbar mühelos die
Stufen emporsteigen und ging ein paar Schritte auf ihn zu.
»Halloh, da sind Sie ja!« sagte sie mit einer völlig unangebrachten
erkünstelten und blödsinnigen Degagiertheit.
»Haben Sie gewartet?« fragte er.
Und sie bemerkten nicht, daß sie einander gar nicht begrüßten.
»Wir hatten eine Panne.«
»_Wir!?_«
Mariclée starrte wieder auf den Eingang hin und sah eine Dame in tiefer
Trauer aus dem Wagen steigen. Bevor sie noch einen Gedanken fassen konnte,
schoß ihr alles Blut mit solchem Ungestüm zu Kopfe, daß sie schwankte wie
ein Rohr. Er, der indessen ihr Gesicht im Auge behalten hatte, stellte sich
alsbald schützend vor sie hin, als wisse er vor ihr von ihrer Bestürzung.
Er deutete auf eine gegenüberliegende Türe und ging, ohne ein Wort zu sagen
und ohne sich umzusehen, darauf zu, und sie wußte nicht, wie es kam, daß
sie dasselbe tat, und daß er Schritt mit ihr hielt und sie geleitete.
Sie betraten das Zimmer, und er schloß die Türe hinter ihr zu; niemand
folgte ihnen und sie waren allein. Sie empfand eine große Leere im Kopf und
eine große Unsicherheit in den Knien, ging auf einen Lehnstuhl zu, setzte
sich aber nur auf die Lehne, als sei sie nur ganz provisorisch hier, und er
nahm schräg ihr gegenüber Platz. Warum hat er mir das angetan? dachte sie.
»Wie geht es Ihnen?« fing sie an, »und was fehlt Ihnen eigentlich?« Er
sprach von einer verschleppten Malaria, aus der die Ärzte nicht klug
würden; von einem bösen Fieber, das unversehens immer wiederkehre. Das
einzige, was ihm tauge, sei Sonne und staublose Luft. Dies Frühjahr habe er
allein mit einer Wärterin auf einer Jacht in Afrika verbracht.
Während sie sprachen, hielten sie die Augen fest aufeinander gerichtet und
sahen sich unverwandt, mit ernster, ausdrucksloser Miene, wie zwei große
Vögel an.
»Sie haben sich aber nicht verändert,« sagte Mariclée, die ihn kaum
wiedererkannt hätte. Und was machte er für Augen? sie waren ja ganz steif;
und diese Unbeweglichkeit, diese Blässe, wie von einer Puppe? Und sie
bedachte nicht, wie versteinert sie selber drein sah. Jeder nahm jetzt her,
was ihm gerade einfiel. Er erwähnte den Todesfall, der sich so kürzlich
erst begeben hatte, machte ein gefühlvolles Gesicht, das sie gar nicht an
ihm kannte, und sprach von dem »schweren Kummer«, von dem sie alle
betroffen seien. Mariclée spürte einen starken Lachreiz. »Warum lügt er
denn so?« dachte sie.
»Davon weiß ich gar nichts; sind Sie deshalb in Trauer?« log sie zurück.
Von dem Zimmer, in dem sie saßen, sah sie nichts, bemerkte aber jetzt, daß
der Tee auf dem Tischchen vor ihnen serviert war, vergaß gänzlich die
Situation, und mechanisch, wie sie es früher oft getan hatte, schenkte sie
ihm und dann sich selber eine Tasse ein.
Und nie blickte sie zur Türe hin, als dächte sie mit nichten, daß hier
jemand eintreten könnte, als sei dies ihre letzte Sorge, als sei dies
keineswegs die Panik, die sie krampfhaft unterdrücken mußte, um ihr letztes
Restchen Fassung zu bewahren.
»Wie lange ist es her, seit wir uns nicht mehr sahen?« fragte sie.
Er wußte es auf den Tag.
»So kurz?« sagte sie irrsinnig. Sie wollte sagen: »So lang.« Aber es war ja
alles eins.
»Und Ihr Beruf?«
»Ich hoffe ihn wieder aufzunehmen.«
»Wirklich!« rief sie und leuchtete auf.
Aber sein Gesicht erhellte sich nicht. »Es sind noch lange Wege,« sagte er.
Da erlosch auch der Strahl in ihren Augen.
Sie war von der Lehne aufgestanden und hatte sich in den Stuhl gesetzt.
»Und was tun Sie indes?«
Er zuckte die Achseln: »Vorerst mich pflegen,« sagte er, »und in drei
Wochen nach Amerika fahren.«
»Schon wieder! so weit!« entschlüpfte es ihr.
Und immer starrten sie sich mit ernsten, ausdruckslosen Augen an, indes
ihre steinernen Masken ihre eigene Zwiesprache zusammen führten. »Ich kann
mich nicht wohl dispensieren,« sagte er; »meine Frau wünscht, daß ich sie
begleite, und die Seereise ist mir ja zuträglich.« -- Sie nickte; und weil
die Angst vor der Türe sie immer stärker würgte und immer mehr verstörte,
wußte sie jetzt nichts besseres vorzubringen, als einen albernen Tratsch
über eine Dame, die er früher flüchtig gekannt hatte und die sie beide in
keiner Weise interessierte.
»Und denken Sie, jetzt läßt sie sich richtig scheiden,« sagte Mariclée und
stellte ihre Tasse verzweifelt wieder hin.
Da kam er ihr zu Hilfe.
»Wie lange werden Sie in London bleiben?« unterbrach er sie, ohne eine
Miene zu verziehen.
»Drei Wochen,« erwiderte sie unbedacht, weil er vorhin »drei Wochen« gesagt
hatte. Eine jähe Röte stieg ihr zu Gesicht. »Oder vierzehn Tage,«
verbesserte sie. »Ich weiß es noch nicht.«
Er nahm stets den äußersten Termin bei ihr an. Sie hatte es nur zu wohl
erfahren, als sie in anderen Städten mit ihm zusammentraf. »Innerhalb drei
Wochen wären Sie also noch zu erreichen?« wiederholte er.
»Ja,« gab sie bei.
Da öffnete sich die Türe. Mariclée hatte das Gefühl, als lägen ihre Arme
und Beine in den vier Ecken des Zimmers verstreut und als müßte sie sie
dort holen gehen, in Wahrheit aber schoß sie kerzengerade in die Höhe. Sie
hörte, wie das Exemplar sie vorstellte, begrüßte die Eintretende mit großer
Natürlichkeit und näherte sich dann dem Fenster. Ihre Haltung war plötzlich
tadellos. Etwas appellierte an ihr Selbstbewußtsein oder ihren Stolz und es
war, als zöge unvermutet eine andere Fahne auf.
»Wir sprachen von Wiener Bekannten,« hub sie im leichten, klangvollen Tone
an und kehrte vom Fenster zurück. Sie war jetzt die Grazie und Sicherheit
selbst. Auch die Steifheit und Spannung im Auge des Exemplars hatte sich
gehoben, und ein Gespräch zwischen den Dreien geriet richtig in Fluß.
Mariclée zeigte sich lebhaft, ohne von einer eisigen Reserve zu lassen, und
brachte es zustande zu lachen, ohne doch jemals zu lächeln. Sie
unterhielten sich über die Juden, deren soziale Position in England eine
viel gesichertere sei wie am Kontinent, und das Exemplar meinte, es sei
eben auch die beste Sorte Juden in diesem Lande zu finden, und streute
amüsante und scharfe Bemerkungen ein.
Hin und wieder nahm sie ihre Tasse zur Hand setzte sie aber wieder hin,
weil sie fürchtete, man könne das Zittern ihrer Hand bemerken. Sie hätte
gerne ihren Tee genommen, und wie die andern etwas dazu genossen, um sich
weniger erschöpft zu fühlen, aber von essen konnte jetzt ebensowenig die
Rede für sie sein, wie für einen Schatten oder eine Abgeschiedene. Sie nahm
statt dessen eine Zigarette -- die war nicht so schwer wie eine Tasse --
und sie rauchte und erzählte von Irland, und wie ihr die Irländer gefielen
und mißfielen und von der Unmenge von Priestern. Indes lag jetzt in der
blassen, schwebenden Hand, mit der sie ein wenig gestikulierte, während sie
sprach, ein so ergreifender Ausdruck, daß Mariclée, der das Schöne, woher
es auch kam, nicht leicht entging, davon betroffen ward und sie senkte;
doch das Exemplar hatte sich schon von seinem Platze erhoben, und sie
wußte, es war, weil, ohne zu wollen, ihre Hand ihn gerufen hatte.
»Hier ist Feuer,« sagte er, indem er sie schnell erfaßte. »Ihre Zigarette
ist erloschen.«
Und dies war die einzige Begrüßung, die zwischen ihnen stattfand. Mariclée
wurde dessen nur wie von ferne gewahr. Sie hatte ja so viel zu tun, um
jegliche Gefühle in sich auszuschalten, auf daß die leicht vibrierende
Stimme, mit der sie redete, nicht brach. Man kam auf seine verflossene
Seereise zurück, während welcher er niemals nach Hause schrieb.
»Er ist ja zu Briefen einfach nicht zu bewegen,« sagte seine Frau;
»schreibt er _Ihnen_ je?«
»Niemals!« lachte Mariclée und schüttelte den Kopf. Die umfängliche
Schachtel, in der sie seine Briefe aufbewahrte, faßte sie zwar längst nicht
mehr. Aber konnte sie etwas anderes sagen, als was sie eben von dieser
Seite vernahm? Und dann: was waren das für Briefe? Meist flüchtig
hingeworfene Zettel. So war es, trotz der überfüllten Kassette fast
wahrheitsgetreu zu sagen »Niemals«.
Mitten drin trat auch die Frau einmal zum Fenster hin, um Mariclée, die im
Halbdunkel saß, von rückwärts und vom Profil zu mustern, und kehrte dann zu
ihrem Platze zurück. Und auch dieses fühlte Mariclée nur wie von fern.
Man sprach noch von diesem und jenem: von deutschen Stücken, für die er
eine Vorliebe hegte und von Hauptmanns »Griechischem Frühling«, den
Mariclée überall verkündigen und lobpreisen mußte, weil das Buch ihre
Marotte war; und endlich von dem kürzlich erfolgten Tode Tyrrels, wobei sie
sich über die unversöhnliche Haltung des Klerus mächtig ereiferte. Niemand
war in ihre Gedanken besser eingeweiht und mehr von ihnen eingenommen wie
das Exemplar, weshalb es ihm oft viel Spaß machte ihr zu widersprechen. So
nahm er jetzt, der als Anglikane in solchen Fragen in keiner Weise
engagiert war, für die schroffe Haltung der Kirche Tyrrel gegenüber munter
Partei, und sie wollte ihm etwas entgegnen, als ein Diener mit der Meldung
eintrat, das Auto sei vorgefahren. Da empfand sie den Schmerz des mitten
aus tiefem Schlafe jäh Aufgescheuchten und erhob sich; das Exemplar schien
von der Unterbrechung keine Notiz nehmen zu wollen, doch mahnte ihn seine
Frau, daß es Zeit wäre zu fahren, um nicht in die Nachtluft zu kommen, der
er sich nicht aussetzen durfte. Da brach er seinen Äußerungen über Tyrrel
mit einer äußerst frivolen, aber so witzigen Wendung die Spitze ab, daß
Mariclée ihn ansehen und lachen mußte. Denn zur Wirklichkeit und dem
Bewußtsein ihrer Situation kehrte sie erst zurück, als sie wieder in der
Halle stand und mit den beiden der offenen Pforte zuschritt.
»Da wir uns nun endlich kennen lernten, werden wir uns hoffentlich
wiedersehen,« sagte seine Frau.
»Ich hoffe es auch,« erwiderte Mariclée höflich und rasch, doch ohne den
Schatten eines Lächelns, denn ihr Gesicht war wieder wie versteinert. Und
sie ging die Stufen hinab. Aber da erschien er noch einmal vor dem Hause
und trat weiter hervor, als sähe er nach dem Wetter und nickte ihr zu, und
blickte sie an mit einem Lächeln, in dem alles lag, und dem alles entglitt,
das von den Dingen so wohl Bescheid wußte, das ein so weltweises, so
kundiges Lächeln war, mit Idealismen zwar vertraut, doch jeglicher Illusion
erstorben, ein so blasses, flickerndes und winterliches Lächeln, daß es
Mariclée, der Schutzlosen und Gefährdeten, vom Leben so viel rauher
Angefaßten, ins Herz schnitt und sie jeden Tropfen ihres Blutes aufbot, um
Sonne in ihr eigenes Lächeln zu weben, und ihn anstrahlte, ohne Trauer, als
sei nichts verloren. Dann riß sie ihre Blicke los und zog ihren verlassenen
Weg und sah nicht einmal hin, als sein Auto, das ihn an den Meeresstrand
zurücktrug, an ihr vorübersurrte. Denn jetzt war kein Licht mehr in ihren
Augen und ihre Kräfte waren ausgegeben.
* * * * *
Der Tag schien nur um ein geringes blasser und es dämmerte noch nicht. Aber
es war, als ob alle Uhren jetzt verschwunden seien, ihr wenigstens fiel
keine mehr ins Auge; sie dachte nicht mehr an die Zeit. Ihre Ernüchterung
war grenzenlos. Dies also war der Mensch, der sie so wert dünkte, den sie
mit solchen Gefühlen und solchen Gedanken behing, diese Puppe! -- Mariclée
stieß gegen ein Haus und taumelte. Wahrhaftigen Gottes, er sah aus wie eine
Puppe!
Sie stand plötzlich auf dem Trafalgar-Platz, sie wußte nicht wie. Nun, es
war wirklich gut, es war sicher ganz vortrefflich, daß sie ihn
wiedergesehen hatte. Aber wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Also das war
er; -- diese Puppe? und wenn sie es nicht selbst gewesen wäre, hätte sie
eine große Lachlust verspürt. Was für eine Puppe, sagte sie ganz laut und
wiederholte noch einmal, um das Erstaunliche auch auf englisch zu hören:
»What a doll!«
»Jetzt nehme ich ein Hansom,« dachte sie. Aber wozu? Welche Zeit wollte sie
denn gewinnen? Es war schon besser, sie ging zu Fuß. Sie durfte das Geld
nicht so hinauswerfen. Erst einen Kassensturz, wenn ich bitten darf. Warum
hatte sie nicht gesagt: ich kann nur mehr _zwei_ Wochen bleiben, mit zwei
Wochen hatte sie doch nur gerechnet. Wie? Was meinte sie da? Was? War das
ihr Ernst? Drei Wochen wollte sie nun um dieser Puppe willen? . . . Ach,
unterbrach sie sich selbst, nicht denken, jetzt nicht darüber denken
. . . später . . .
Und Mariclée tat an diesem Tage tatsächlich etwas Vernünftiges; sie nahm
ein Hansom, fuhr nach Hause, warf sich auf ihr Bette, gestattete sich
keinen einzigen Gedanken mehr, sondern schlief. Es herrschte völliges
Dunkel, als sie erwachte. Sie fühlte sich wie zerschlagen, erhob sich aber
rasch, zog ein Abendkleid an und verließ ihr geborgtes Palais. In diesem
Mausoleum hielt sie es jetzt nicht aus, und sie mußte ein hübsches
Restaurant ausfindig machen; dies war für den Augenblick das Wichtigste. In
einer tristen Teebude zu essen hätte sie heute schier umgebracht. Sie fand
in einer eleganten Seitenstraße ein sehr hübsches Lokal und zögerte nicht,
es zu betreten, denn ihr schwindelte vor Hunger.
Sie hatte sich tags zuvor ein Theaterbillett genommen, aber sie ließ es auf
dem Tisch zurück, als sie wieder ging. Ihr graute plötzlich vor dem
Zusammensein mit Menschen; sie wollte mit sich allein sein, nachdenken und
gehen. Die Luft war linde und still, über den schwarzen Wolkenstreifen, die
noch am Himmel zogen, ragten jetzt Sterne in verzweifelt überwältigender
Höhe. Mariclée kehrte von den dunkleren Seitenstraßen in die ruhelose Helle
Piccadillys zurück, wo die Finsternis auf Schritt und Tritt vor den
Lichtern zurückweicht, wie eine starre Kälte, die von mächtigen Feuern
unablässig gebrochen und verdrängt wird. Von dem Ansturm der Wagen, die so
endlos aufeinander folgten, daß der einzelne so wenig zählte wie in weiten
Wäldern der einzelne Baum, wurden ihre Sinne ganz benommen, wie auch von
der Gleichförmigkeit des rauschenden Lärms, den sie heute wie eine
gesteigerte Stille empfand. Vergebens wartete sie, um die Straße zu
passieren, denn nie wollte zwischen den vielen Kolonnen der Wagen, Autos,
Omnibusse und Hansoms eine Lücke entstehen; mitunter schwankten
hochgetürmte, bunte Stellwagen, mit Pferden bespannt, recht altväterisch
einher. Als da einer vorüberzog, dessen Dach ohne Insassen war, machte
Mariclée ein Zeichen, ergriff schnell die hilfreiche Hand, die ihr der
Kondukteur entgegenstreckte, und kletterte behend zu den oberen Sitzen
hinauf, von welchen aus sie unter freiem Himmel, ungestört und ganz für
sich allein, die Straßen dominierte. Denn unter freiem Himmel und allein
und abgetrennt zu sein war jetzt ihre ganze Sorge. Sie mußte wissen, was
die große Stille bedeuten wollte, die mit einem Male in ihrem Innern
entstanden war, wie der Wind, der mit einem großen Ruck mitten im Sturm
innehält, doch nur weil ihm der Atem ausging, und um desto stärker wieder
anzuheben. So traute sie dieser Stille, dieser Glätte eines allzu bewegten
Herzens nicht. Was mochte sich in ihm abspielen, daß so seltsame Schauer
seinen Gründen entstiegen und immer stärker wiederkehrten? Waren sie von
Glück oder Betrübnis aufgeweht? Ihr bangte wie vor einem Vorhang der ihr
das eigene Selbst noch vorenthielt und sich nun langsam teilte, sie in ihr
Inneres einzulassen. Der Omnibus fuhr durch die grelle Oxfordstreet und
Hyde Park entlang. Als er am Ziele war und wendete, stieg der Kondukteur
herauf, aber sie löste einfach eine neue Karte, fuhr bald hin, bald her,
tief in die Nacht hinein und blieb auf ihrem ambulanten Dach. Anderen
Menschen war es wohl zu kühl hier oben, denn niemand störte ihre
Einsamkeit. Im Parke, wo sie zusammenstanden, trugen sich die Bäume noch
sommerlich, doch ihr Laub hing schon recht herbstlich stille, weil keine
neuen Säfte sie mehr durchquillten. Aber was wußte sie da von Wärmegraden,
von Stunden oder Jahreszeiten? Und es war nicht Herbst. O nein! die Knospen
hingen zum Bersten reif an grünendem Geäst, nur ein Regenschauer mußte noch
herniedergehen; denn es war eine Frühlingsnacht; es war nicht Herbst; wer
sagte das? man stand im Lenz. »Ach ich Arme!« dachte sie, »warum bin ich so
glücklich?« und preßte ihre Arme gegen ihr Herz, das sich durch keine
Bedenken halten ließ; es hatte an diesem Tage allzuvieles gewaltsam
unterdrücken und verdrängen müssen; nun brach es ans Licht und prangte in
hellem Flor.
_Sie hatte ihn wiedergesehen, und er war nicht gestorben._ Die Leute, die
vor kaum einem Jahre seinen Tod so sicher in Aussicht stellten, die
Londoner Reporter, die vor jedem Redaktionsschluß anfragten, ob er noch
nicht zu vermelden sei, sie hatten einmal nicht Recht behalten, und ihr
Erzfeind: die Wahrscheinlichkeit war einmal nicht zur Wahrheit geworden,
sondern die Schatten, die sich schon das Zeichen gaben und an seiner
Schwelle sammelten, hatten wieder von ihr weichen müssen. Sie hatte ihn
wiedergesehen, und er war geblieben. Die Götter, die in das Herz des
Menschen sehen, hatten sich des ihrigen erbarmt, dessen Blut zu Asche
zerronnen wäre, wenn die Dinge ihren Lauf genommen hätten und statt es
fortan wie eine Urne zu tragen, hielt sie es jetzt wie einen frohlockenden
Zweig, den eine Überfülle aufbrechender Knospen zu sehr beschwert.
Denn in ihr war etwas, das den Tod nicht nur haßte, sondern ihn nicht
ertrug. Sie, deren kraftlose Hände einen Schlüssel nicht zu drehen
vermochten, der auch nur halbwegs strenge in seinem Schlosse saß, hatte
einmal eine verschlossene Türe gesprengt, weil der Schrei, der daraus
hervordrang, auf den Hörer augenblicklich eine freche Todesvision übertrug.
Und nicht das Erbarmen, sondern einzig die Wut hatte da ihre Kräfte so
vertausendfacht und ihre Schnelligkeit so gesteigert, daß sie wie eine
Kugel auf das betroffene Wesen hinschoß und mit einem verdunkelten und von
Haß entstellten Megärengesicht es seinem Schicksal entriß.
So sehr war sie in das Leben verliebt, daß diese Liebe die Natur in ihr
pervertiert hatte -- wie etwa eine bourbonische oder florentinische Lilie
eine pervertierte zu nennen ist. Mariclée war ein Kind ihrer Zeit; sie
mußte das hinnehmen. Bei aller Intensität war kein Geist abschweifender als
der ihrige und dem Gegenstande seiner Leidenschaft beständiger entrückt. Im
klassisch hergebrachten Sinne liebte sie das Exemplar mit nichten, und
sogenannte »Mädchenträume« hatte sie niemals auf sein Haupt gehäuft. Denn
ihr Bereich waren jene Zwischenstadien, die unsere Mütter und Großmütter
nicht kennen lernten. Aber heutige Frauen sind insofern die Erfahreneren,
als gewisse »Brechungen« ihres Gefühlslebens viel weiter ausgreifende
Strahlungen desselben ermöglichen. Es ist die Zeit, es ist die Zeit!
Denn zum Charakter einer Krankheit gehört es (und es ist ein alter
Gemeinplatz, die Liebe eine solche zu nennen), daß sie von einer Phase in
die andere übergeht und keinen eigentlichen Stillstand kennt. Manchmal
kommt es dann vor, daß sich die Krankheit zurückschlägt, so daß man nicht
sogleich zu sagen wüßte, wo denn ihr Herd zu suchen sei, weil sie nirgends
ist und überall, und im Moment, in dem sie zurücktritt, dem Ungewitzigten
behoben scheint.
Dieser Moment herrscht nun heute in Dingen der Liebe bei uns Europäern fast
epidemisch vor. Er ist es, der jener vielberühmten »Temperamentlosigkeit«
unterliegt, die den jüngsten Männern so vielfach eigen scheint und die
älteren so sehr befremdet; aber ich möchte fast behaupten: gerade von
diesen wird über dieses Thema immer nur das Falscheste vorgebracht. Sie
besinnen sich nicht lange, auch das stilisierte einfach für pervers zu
halten, und ehemalige Roués sind hier nicht selten unverbesserlich naiv.
Was sie indessen als dekadent (das Wort soll alles decken) abfertigen, ist
eine Krisis, die macht, daß es wert ist zu leben, wäre es nur, um
zuzusehen, wie sie verlaufen, wie die kommende Generation sich zu ihr
verhalten, und wie diese daraus hervorgehen wird. Mittlerweile scheinen sie
in der Tat überhaupt nicht zu lieben, denen heute die allgewaltige
Blindheit der Liebe verloren ging, so daß die Glut ihrer Herzen zurücktrat,
als ein schleichendes Fiebern sich in alle Adern ergoß und ihre Wildheit
schlug. Was die Besten so ermattete, ist der Vorgeschmack der großen
Ernüchterung, das Bewußtsein von der Schalheit der Dinge und die Angst vor
dem Sichbescheiden im Überdruß. Die Realität der Liebe verlor da zum ersten
Male, seitdem die Welt besteht, gerade für die Liebenden an Wichtigkeit,
und die Scheu des Unzulänglichen wurde so zur heutigen Romantik.
Mariclées Element war das Absichtslose. Sie konnte ihr Gefühl nur einem
solchen Manne zuwenden, bei dem aus irgendeinem Grunde eine Verwirklichung
ihrer Wünsche so ausgeschlossen war wie das Festland von der Meeresinsel.
Sie liebte ihn um seines Wertes willen und nichts darüber, damit schoß sie
aber gerade über das Ziel hinaus, verlor den Mann aus dem Auge und hing
sich an den Menschen. Sie wußte es nicht, aber das Exemplar, das ihr
zugesehen hatte, wußte es von ihr. Er hatte ihr die größte Wohltat
erwiesen, die ihr von einem Manne zuteil werden konnte: sie vollkommen zu
durchschauen, und so lang er lebte, war sie nicht allein.
Denn durch einen Zug ihres eigenen Wesens war sie er selbst, und zwar
gerade auf Grund jenes Idealismus, den er für sich nicht mobil machte, und
mit dem sie sich einen so unerhörten Luxus gestattete. Ihm war einer der
besten Tribünenplätze zugefallen, die im Leben zu haben sind, und alle
Vorteile und Genüsse, von den edelsten zu den materiellsten standen ihm zu
Gebote. Er hatte sich auch stets um einen solchen Platz bemüht, und sie
feilschte darob nicht mit ihm, denn ihr Verzicht auf das Ganze war nur
deshalb erfolgt, weil sie mit keiner zweitbesten Lage vorlieb nehmen
wollte. Sie flickerte dann lieber zwischen Bühne und Publikum hin und her,
ließ sich nirgends eingrenzen und war es zufrieden, sich allem und jedem
gegenüber eine vage Zugehörigkeit und einen vagen Protest vorzubehalten.
Dies war ihre Geste.
Er hingegen war der typische Zuschauer, für den gespielt, gearbeitet,
gelernt, geforscht, Kunst getrieben und immer neues gefunden und entdeckt
wird, und für den vor allem alle schönen Dinge vorhanden sind. Er gab sich
zu denken nicht sonderliche Mühe, denn just für ihn wurde ja gedacht. Und
woher sollen die Romanschriftsteller und Dramaturgen ihre Helden schöpfen,
wenn jene Typen aus der Welt verschwänden, welche den _Stoff_ zu ihrem
Gestalten liefern?
Ein solcher Held nun war das Exemplar.
Die Gemeinschaft, die zwischen ihm und Mariclée bestand, war ebenso kurios,
wie ihre bei den Haaren herbeigezogene erste Begegnung.
Vor einigen Jahren war er durch die Stadt gekommen, in der sie lebte. Und
am selben Tage hatte sie eine ehemalige russische Palastdame und Witwe
eines vielbereisten Diplomaten aufgesucht, die eine große Schwäche für sie
bezeigte und mit der sie sich hin und wieder zerwarf und dann wieder
versöhnte. Die alte Dame war sehr tyrannisch und unberechenbar in ihren
Launen, hatte sich aber dabei eine vollendete, in Anbetracht ihrer Jahre
sehr merkwürdige Grazie bewahrt und schien hier etwas verschlagen mit ihrer
Sarskoe-Zelo-Aura, die sie überall mit sich führte, ohne einen rechten
Gebrauch dafür zu finden, denn im Vergleich zu seinem früheren Glanze war
ihr Leben jetzt sehr windstill und verblaßt.
Als nun Mariclée an jenem Tage bei ihr erschien, wollte sie gleich über sie
verfügen, sie ins Theater und für den ganzen Abend in Beschlag nehmen. Aber
Mariclée tat ihr prinzipiell keinen Gefallen mehr, weil sie gefunden hatte,
daß anders nicht mit ihr auszukommen war. Und als sie merkte, daß ihre
scheinbar recht unmotivierte Weigerung andere Besucher, die zugegen waren,
unangenehm berührte, weigerte sie sich erst recht. Aber die
Gesellschaftsdame, ein junges und recht unglückliches Mädchen, zupfte sie
leise am Ärmel, nahm sie geschickt abseits und bat sie flehentlich der
alten Dame heute abend zu willfahren. Da witterte Mariclée eine häusliche
Szene zwischen den beiden und nahm ihre Absage zurück.
Eine Stunde später saß sie in einem Stück von Björnson, und bemerkte, daß
ein Herr in ihrer Nähe öfter zu ihr hersah, doch achtete sie nicht weiter
darauf, teils aus Zerstreutheit, teils weil sie ihn nicht kannte. Nach der
Vorstellung aber ging er plötzlich auf die alte Dame zu, die ihn mit einem
kleinen Freudenschrei willkommen hieß, denn sie kannte ihn vom letzten
Posten ihres Mannes her. Mariclée, immer noch recht unbeteiligt, hielt sich
jetzt abseits und ließ die beiden in dem engen Gang ein paar Schritte
vorausgehen. Aber vor dem Vestibül wandte er sich um, hielt inne und
verlangte ihr vorgestellt zu werden. Mariclée stand eine Stufe höher als er
und sah jetzt zum ersten Male sein Gesicht; sie stutzte. Sein wundervolles
Äußere frappierte sie so sehr, daß sich ihr Gesicht erhellte und sie ihm
unwillkürlich ihre Hand entgegenstreckte, aber zugleich blickte sie von ihm
weg und starrte ins Leere und lächelte dabei, als sähe sie sich im Geiste
sein Bild noch einmal an. Da kam er rasch die Stufe herauf, um ihre Hand zu
ergreifen, und sein Lächeln trug ohne eine Spur von Selbstgefälligkeit den
deutlichen Reflex des ihren. Und es geschah alles so rhythmisch, als hätte
im Hintergrund eine Musik diese flüchtige Begrüßung von Anfang bis zum Ende
begleitet. Sie war symbolisch genug. Nur das Leben konnte diese beide
trennen: ein Mißverständnis nie.
Trotzdem war er ihr am folgenden Morgen ganz aus dem Sinn. Sie erwartete an
diesem Nachmittage die alte Palastdame bei sich zum Tee. Als es läutete,
stand sie gerade am Fenster und sah einen Kindertotenwagen dem Hause
zufahren. Sie ging in den Salon, ihrem Besuche entgegen und sah das
Exemplar auf sie zukommen, wie wenn nichts natürlicher wäre, als daß er
heute in Begleitung ihrer alten Gönnerin hier erschiene und sich von ihr
hier einführen ließe. Sie war das einzige Wesen, daß er in dieser Stadt
kannte.
Von dieser Stunde an war das Unstete, Rastlose und Unsichere von Mariclées
Wesen dahin. Die beiden trafen sich fortan bald in kurzen, bald in längeren
Zwischenräumen bald in dieser, bald in jener Stadt, bald in Rom, bald in
Venedig. Wenn sie gingen, dann war es, als ob ein ehernes Gesetz sie zur
Gruppe zusammenschmiedete, und es war nicht als ob zwei, sondern als ob
einer ging. Seine Nähe war die Heimat, die alle Einsamkeit von ihr benahm,
und in der sie von allen Ungereimtheiten des Lebens rastete. Einmal im
Theater, als er die Hand ausstreckte, um ihren Zettel zu nehmen, waren ihr
Tränen in die Augen gekommen, weil seine Vollkommenheit sie so beglückte.
Denn er war gleichsam ein Übergang zum menschlichen Standbild. Dies
Phänomen war durch seine äußere Form im Verein mit der Akuität seines
Schönheitssinnes entstanden. Die Harmonie kann so gut wie die Häßlichkeit
als »Akkumulator« am Werke sein. Durch die Schärfe aber, mit der Mariclée
diese Harmonie so restlos wahrnahm, hatte sie Teil an ihm, ja »gehörte« er
bis zu einem gewissen Grade ihr.
Und nun stiegen auf dem Wagendache, auf dem wir sie ließen, auch die weit
verstreuten, selbst die vergessenen Tage ihrer Zusammenkünfte wie aus einer
Versenkung empor, zerfallene Kulissen durften wieder erstehen, der Zeiger
rückte bald nach dieser, bald nach jener Stunde ihres Zusammenseins zurück
und eine jede durfte wieder aufleben und erblühen. Und über Mariclée war
das Glück wie ein Frühlingssturm her und schüttelte und durchschauerte sie.
Er lebte, und sie hatte ihn wiedergesehen. Um sie her rauschten jetzt die
Bäume, von einem mächtigen Winde aus ihrer Stille aufgescheucht, die Nacht
war schon weit vorgeschritten, aber Mariclée nistete noch immer auf ihrem
Dache oben wie ein Käuzchen in seinem Felsenloch. Sie ließ sich durch den
Schaffner nicht stören, der ab und zu an der Stiege erschien und von dem
sie dann eine neue Karte löste. Zum wievielten Male war sie wohl schon Park
Lane und jene grotesken Häuser entlang gefahren, die ihr Dasein bald einem
undeutlichen Ricordo die Venezia (in englischer Betonung) verdanken, bald
-- (mit dem gleichen Akzent) von Nürnberg und Albrecht Dürer phantasieren?
Fassaden, in welchen sich gewisse angelsächsische Züge mit solcher Drastik
verdichten, daß diese zu Kalk und Stein verhärtete Borniertheit nicht
niedergerissen, sondern in künftigen Jahren restauriert werden sollte. Denn
der dumme Deutsche ist nur ein Ärgernis, dem stupiden Engländer gebührt ein
Monument.
Mariclée stieg nicht eher von dem Wagen herunter, als bis er seinen Dienst
einstellte, dann ging sie nach Hause und ließ sich mit ihrem kleinen
vergoldeten Kammerherrenschlüssel dort ein. Die Diensträume lagen weit ab
und niemand konnte sie hören, nur die Stille eines unterirdischen Gewölbes
wehte ihr hier entgegen. Sie tastete an der Türe nach den Hähnen, und
alsbald entströmte den verhängten Lüstern ein verschwiegenes, weißliches
Licht. Mariclée stieg wie im Traume die Steintreppe hinauf und an dem
großen Spiegel vorbei, aus dem ihr stets nur ihr eigenes Bild entgegentrat.
Doch halt! -- wer war das? -- das war nicht sie. Welche Gestalt zog da wie
auf Wolken einher? Wessen Antlitz? o das war nicht sie! ach ihre Züge waren
es, und nicht die ihren, wie die Rose, die am Gartenstrauche hängt, nicht
dieselbe ist, die am Hag eines Götterhaines entflammte. So also sah sie im
Glücke aus. -- Wo war die Unbelebtheit hin, die manchmal wie ein Vorhang
ihr weltabgewandtes Antlitz überzog und es umdüsterte? und sie wandte sich
ab, denn es schmerzte sie dies herrliche und lichtumflossene Gesicht zu
sehen.
* * * * *
Wie brachte sie es nur zuwege, wird sich der Leser denken, auf so geringe
Veranlassung hin, einen solchen Maibaum aufzurichten? Welch ein Aufwand von
Gefühlen pour si peu! Aber man denke, wie gewaltsam im Moment die ungeheure
Freude des Wiedersehens zurückgedrängt worden war, und gleich nach der
Zusammenkunft so weit zurückschlug, daß sie das Exemplar mit den vollkommen
nüchternen Augen eines gleichgültigen Passanten betrachtete und sogar
geneigt gewesen war, die ganze Geschichte von der lächerlichen Seite
anzusehen. Denn vergessen wir nicht, daß Mariclée sich leicht an der
äußersten Kante der Dinge bewegte.
So dachte sie auf ihrem Omnibus nicht mehr: »Warum hat er mir das getan?«
und prüfte nicht, ob er die Situation herbeigeführt oder nur geduldet
hatte. Sie dachte nur: O wie genau wußte er, daß er sie riskieren durfte!
Wie genau wußte er, bevor sich jene ominöse Türe öffnete, wie ich mich
verhalten würde! O wie gut bin ich bei ihm aufgehoben, und wie gut kennt er
mich?
Und so war das ganze Freudenfeuer vor allem eine Reaktion.