Der Rabenstein

Es gibt viele absonderliche und wunderseltsame Geschichten und Dinge

in der Natur, von welchen kein Mensch begreift, wie sie sich begeben

und zusammenhängen, und sind doch da. Und wenn die Menschen sie

erzählen hören, erstaunen sie und erschrecken, aber wissen können sie

sie nicht. So ist es auch mit dem Rabenstein, wovon viele erzählen,

aber keiner etwas Gewisses weiß; daß es aber Rabensteine gibt, das

weiß man wohl.

Ihr habt auch wohl von Diebslichtern gehört. Die sind fast eben wie

der Rabenstein und wie andere unsichtbare Diebslaternen. Es ist aber

greulich zu erzählen, wie Diebslichter gewonnen werden. Sie sind die

Finger von ungeborenen und unschuldigen Kindlein; denn die Finger von

schon geborenen und getauften Kindern kann man dazu nicht gebrauchen.

Und was für ungeborene Kindlein sind das? Und wie muß man die

Lichter gewinnen? Wenn eine Diebin oder Mörderin sich selbst erhängt

oder ersäuft hat oder gehängt oder geköpft worden ist und ein Kind in

ihrem Leibe trägt, dann mußt du hingehen um die Mitternacht, auf des

Teufels Straßen, und nicht auf Gottes Straßen, mit Beschwörungen und

Zaubereien, und nicht mit Gebet und Segen, und mußt ein Beil oder

Messer nehmen, das von Henkershänden gebraucht ist, und damit den

Bauch der armen Sünderin öffnen, das Kind herausnehmen und seine

Finger abschneiden und zu dir stecken. Aber solches muß durchaus um

die Mitternacht vollbracht werden und in vollkommenster Einsamkeit

und Schweigsamkeit, so daß auch kein leisester Laut, ja kein ach! und

kein Seufzer über die Lippen des Suchenden gehen darf. So gewinnst

du Lichter, die, wenn du willst, brennen, und, wie kurz sie auch sind,

doch nimmer ausbrennen, sondern immer gleich lang bleiben. Diese

Zauberlichter haben die sonderliche Natur und Eigenschaft, daß sie

augenblicklich brennen, wie und wo ihr diebischer Inhaber nur denkt

oder wünscht, daß sie brennen sollen, und ebenso geschwind als sein

Wunsch und Gedanke erlöschen. Durch ihre Hilfe kann er in der

dichtesten finstersten Nacht, wenn und wo er will, alles sehen; sie

leuchten aber nur für ihn und für keinen andern, und er selbst bleibt

unsichtbar, wenn sie auch alles andere hell machen. Dabei sitzt noch

die Greulichkeit in ihnen, daß sie eine geheime Gewalt über den

Schlaf haben und daß in den Zimmern, wo sie angezündet werden, der

Schlafende so fest schnarcht, daß man zehn Donnerbüchsen über seinem

Kopf losknallen könnte und er doch nicht erwachte. Denke, wie lustig

sich da stehlen und nehmen läßt!

Auf diese Weise werden die Diebslichter gewonnen und gebraucht, aber

anders der Rabenstein und nicht so greulich, wiewohl auch ein vom

Satan und von seinen Gelüsten verblendetes und verhärtetes Herz dazu

gehört, sich den Rabenstein in die Tasche zu schaffen. Dies ist aber

der Rabenstein, und auf folgende Weise wird er gewonnen:

Die Raben, Krähen, Adler und andre solche Vögel, welche scharfe

Schnäbel und Klauen haben und von Gott auf den Raub angewiesen sind,

sagen die Leute, werden sehr alt und leben wohl zweihundert und

dreihundert Jahre, also viel länger als die ältesten Menschen. Wenn

nun ein Rabenpaar hundert Winter miteinander gelebt und geheckt hat,

dann legt es erst den Rabenstein, und, wie sie sagen, alle zehn

Winter einen neuen Stein. Dieser Rabenstein soll nach der Sage aus

den Augen der Diebe herauswachsen, welche die Raben am Galgen

ausgehackt haben; und das müssen die Raben an vielen hundert Dieben

getan haben, ehe sie einen solchen Wunderstein legen können. Er ist

von der Größe einer Wälschen Nuß oder eines Rabeneies, ganz rund und

glatt und feuerrot wie ein Karfunkelstein, und die Raben legen ihn in

der letzten Nacht des Hornungs: denn noch im Winter legen sie ihre

Eier und im ersten Frühling, wann es noch reift und friert, haben sie

schon befiederte Jungen. Es hat aber dieser grausige Wunderstein

zwei Eigenschaften; die erste, daß er in der Nacht leuchtet wie eine

Sonne und alles umher hell, seinen Träger aber unsichtbar macht, so

daß sich herrlich mit ihm stehlen läßt: die zweite, daß er zu Galgen

und Rad hinlockt.

Wer einen Rabenstein suchen und fangen will, der muß in die hohen

Forsten suchen gehen, wo die großen, himmelhohen Bäume stehen; denn

auf den schlanksten und schiersten Fichten, Eschen und Buchen, welche

der gewandteste Matrose nicht leicht erklettern kann, baut der kluge

Vogel Rabe sein Nest. Da muß er lauschen und lugen, wo er Rabentöne

aus hoher Luft klingen hören und Rabennester entdecken mag, und zwar

an solchen Tagen, wo Schnee gefallen ist; denn dann kann er allein

die rechten Nester finden. Er mag nämlich alle Nester ruhig sitzen

lassen, unter deren Bäumen Schnee liegt, denn in solchen ist kein

Rabenstein. Der Rabenstein nämlich ist so warm von oben, daß es

unter seinem Neste nimmer friert noch taut und daß der Schnee in der

Minute vergeht, in welcher er fällt. Aber wer dies auch weiß, kann

doch wohl hundert Jahre in allen Wäldern und unter allen Bäumen

herumlaufen und sich die Augen aus dem Kopfe gucken, und findet doch

das Nest mit dem Rabenstein nicht. Denn das Glück oder gottlob

leider der Teufel läßt sich nicht immer so leicht greifen, als die

einfältigen Leute sich einbilden. Denn überhaupt sind wenige Raben

in der Welt, und von diesen wenigen wie wenige werden hundert Jahre

alt oder gar zweihundert und dreihundert! Weil strenge Winter, wilde

Buben, Jäger und mächtigere Raubvögel die meisten in der Jugend

verderben--und ferner, wie schwer auch sind die Rabennester zu finden,

da der Rabe nur einen Klang oder Ton macht, wenn er in hoher Luft

fliegt oder auf dem Aase sitzt oder im Neste angegriffen wird, sonst

aber der verschwiegenste und einsamste aller Vögel ist! Hat nun auch

einer einmal einen solchen Baum gefunden, so will es noch ein rechtes

Löwenherz, ja Satansherz dazu, den Rabenstein aus dem Neste

herunterzuholen. Denn hört, wie das geschehen muß:

Wer den Rabenstein haben will, der muß in der letzten Nacht des

besagten Hornungs in den Wald gehen, wo der Baum mit dem

hoffnungsvollen Neste steht. Er muß ganz einsam und allein kommen,

und auch keine Menschenseele muß wissen, wohin und wofür er

ausgegangen ist; und auch keinen Laut, nicht einmal ein Hustchen oder

ein Seufzerlein darf er von sich geben. Auf die Glocke der Zeit muß

er achtgeben und genau um die Mitternachtstunde zur Stelle sein; denn

nur in der Gespensterstunde, zwischen zwölf und eins in der Nacht,

läßt der Stein sich gewinnen. Dann muß er sich so splitterfasernackt

entkleiden, wie Adam weiland im Unschuldkleide der Natur im Garten

Eden gestanden ist; und in diesem Naturkleide muß er nun den Stamm

hinaufklettern und zitternd und bebend im Sinn behalten, daß er

keinen Ton vernehmen lassen darf; denn alsbald ihm auch nur der

leiseste Laut entführe, würde er gleich des Todes sein. Aber nun

merkt euch hierbei wieder des Teufels List. Wenn er den armen

gierigen Kletterer bis oben zur Spitze hinaufgelockt hat, wo das

heillose Nest sitzt, dann darf er nicht hineinschauen und sich den

leuchtenden Stein aussuchen, sondern er muß sich nun noch dreimal um

den Stamm herumschwingen, die Augen zutun, und blind hineingreifen,

und was sein Finger zuerst berührt, das muß er behalten. So hat

sich's oft begeben, daß manche mit einem faulen Ei heruntergekommen

sind und für alle Angst, Arbeit und Schmerzen nur Spott gehabt haben.

Es bringen es überhaupt wohl wenige zustande mit dem Rabenstein,

unter Hunderten, die ihn begehren, wohl kaum einer. Denn alles ist

dabei halsbrechend und ungeheuer. Den meisten vergeht gewiß schon

die Lust, wenn es um die kalte tote Mitternacht an das Auskleiden

gehen soll, und sie nehmen in der Angst die Flucht, und haben dann

gewiß das Geschwirr und Gesurr des höllischen Nachtgesindels im

Nacken hinter sich. Auf diese Weise hat mancher freche und verwegene

Bursch Schuh und Stiefeln, Rock und Hut verloren und den Leuten

hinterher von Dieben und Räubern erzählt, die ihn so bis aufs Hemd

ausgezogen haben; die guten Leute hätten diese Räuber und Kleider und

Schuh aber unter dem Rabennest finden können. Viele erfrieren und

ermatten auch, indem sie den Stamm kaum halb hinaufgeklettert sind,

oder können es vor Schmerz nicht länger aushalten, denn es geht dabei

wohl an ein ehrliches Schinden der Knie, Schenkel und Arme, und so

müssen sie endlich mit Schimpf zurückkriechen oder fallen auch wohl

gar jämmerlich herunter. Das bleibt aber wahr, wenn sie auch oben

bis zur äußersten Spitze und zum Neste gelangt sind, dann wird's erst

recht teuflisch und gefährlich. Nun in der Mattigkeit und Angst den

vollen Verstand behalten und den Ton so bezwingen, daß auch kein Laut

aus der Brust dringt, die Augen zutun, sich dabei dreimal um den

Stamm schwingen, und dann mit der Hand ins Nest fahren und den

letzten Glücksgriff tun--das ist wahrhaftig nicht jedermanns Ding.

Dabei stürzen noch die meisten herunter und brechen den Hals,

besonders wenn es ihnen zu mächtig wird und sie doch stöhnen oder

murmeln. Dann ist es um sie getan. Sowie auch nur der leiseste Laut

fast nur atmet, geschweige klingt, ist sogleich ein ganzes Heer da,

das mit zu dem Satansgaukelspiel gehört. Viele hunderttausend Raben

füllen plötzlich mit ihrem Gekrächze die Luft und umflattern den

armen Sünder, und fallen mit Flügeln, Klauen und Schnäbeln so dicht

auf ihn, daß er herunter muß, er mag wollen oder nicht. Da geht's

denn zuletzt an den Sturz und an ein Hals- und Beinbrechen--denn wäre

der Kletterer ein Löwe von Mut und Stärke, er muß herunter--und mit

den Augen und einem bißchen von Wangen und Nase nimmt die

Gesellschaft gleich fürlieb. Dies sind die Geschichten, wovon man so

oft hört, die man auch oft in Zeitungen liest, wo auf die vermeinten

Mörder gelauscht und gefahndet werden soll: ein junger Jägerbursch

oder Handwerksbursch sei nackt und zerrissen und zerfleischt im Walde

gefunden, von Räubern ausgeplündert und erschlagen oder von zuckenden

Bären und Wölfen zerrissen. Er hat sein mitternächtliches Wagstück

mit dem schwarzen Federvolke so bezahlen müssen, und die Räuber,

Mörder und reißenden Tiere haben weder Knüppel und Pistolen noch

Zähne und Tatzen geführt.

Und nun will ich auch eine Geschichte erzählen von einem, der den

Rabenstein besessen hat, und was er ausgerichtet und wie es mit ihm

geendet hat.

Vor langer langer Zeit lebte zu Boldewitz auf Rügen ein reicher und

vornehmer Herr, der vieler Kaiser und Könige und Potentaten in

schweren Fällen Kriegsobrister gewesen war, der hieß Herr Friedrich

von Rotermund. Dieser brachte aus der Türkei oder aus der Tartarei,

kurz, aus den Heidenländern, wo sie Weiber kaufen, wie bei uns die

Pferde, ein wunderschönes Weib mit, von welcher kein Mensch wußte, ob

sie eine Heidin oder Christin war. Sie war aber nicht sein eheliches

Weib, sondern seine Kebsin. Mit dieser zeugte er ein Feierabendskind,

und das war ein Knabe und hieß auch Friedrich. Es war aber kein

Friedrich, sondern ein rechter Kriegerich; denn der Krieg und die

Wildheit steckte darin, und er war von keinem Schulmeister noch

Züchtiger zu bändigen, sondern ging durch wie ein kosakisches oder

tartarisches Pferd. Er war aber schön wie Sonnenschein und stark wie

Eichbäume und bei all seiner Wildheit den Menschen über die Maßen

angenehm und gefällig; so daß jeder den Buben gern hatte. Nach

seines Vaters Tode, als er fünfzehn Jahre alt war und nun einem

älteren Bruder gehorchen sollte, welcher der Sohn der echten Ehefrau

des alten Rotermund war, ertrug er die strengere Zucht nicht, sondern

entlief und kam nach der Insel Hiddensee, und ging von da zu Schiffe

in alle Welt hinaus und ward ein gewaltiger Matros. Als er sich das

muntre Seeleben ein halbes Dutzend Jahre versucht hatte, ist er

einmal wieder nach Stralsund gekommen und von da zu Hause nach Bergen

in Rügen, wo seine Mutter wohnte. Und seine Mutter und andere

Freunde haben ihn dort beredet, er solle auf dem Lande bleiben,

welchem Gott feste Balken untergelegt hat, und das unstäte und

unsichere Meer verlassen. Und er ist zu einem Förster in die Lehre

gegangen, daß er das fröhliche und lustige Weidwerk lernte, und bald

ein flinker und hübscher Jägerbursch geworden, vor welchem die Weiber

und Mädchen in den Türen und Fenstern stillstanden und ausschauten

und freundlich nickten und grüßten, wenn er vorüberging; denn er ist

wohl einer der schönsten und reisigsten Menschen gewesen, die man

weit und breit sehen konnte. Hier hat er nun aber, wie es oft bei

den Weidmännern geschieht, mancherlei verbotene Künste gelernt, ist

ein Freischütz geworden, und hat sich den Rabenstein geholt. Dies

war dem mutigen Matrosen nur ein Spiel gewesen, welchem im wildesten

Sturm nimmer ein Mast zu hoch noch zu glatt gewesen, daß er ihn nicht

erklettert und von seiner Spitz dem heulenden Meer fröhlich in den

offenen Todesrachen geschaut hätte.

Fritz Rotermund--so nannten ihn die Leute--hat sich nun von seinem

Funde des Rabensteins nichts merken lassen, sondern seinen

karfunklischen Diebsschlüssel gar lustig gebraucht; doch weil er von

Natur sehr gutherzig und freundlich war, hat er keine sehr greuliche

Taten getan, sondern solche, welche die leichtsinnige Jugend oft nur

lustige Streiche nennt. Weil er mit seinem Stein unsichtbar in alle

Häuser und Kammern gehen konnte, so hat er freilich die lustige Gabe

genutzt, aber nie keinem ehrlichen oder armen Menschen nur einen

Heller genommen; sondern wo er einen bösen, ungerechten Herrn wußte,

der auf seinen Schätzen lag, die er aus dem Schweiß und Blut seiner

geplagten Untertanen zusammengepreßt hatte, oder einen Filz und

Wucherer, der unersättlich die letzte Habe der Kleinen und Geringen

im Volk verschlang, da hat er fleißig eingesprochen und ihre Kisten

und Beutel etwas leichter und schlaffer gemacht. Das ist aber

besonders an ihm gewesen, daß er von solcher Diebsbeute fast nie

etwas für sich behalten, sondern es fast alles hingetragen hat, wo er

arme und notleidende Alte und hungrige und verlassene Kindlein gewußt

hat. Da ist er nächtlich und mitternächtlich, wo alle Augen der

tiefste Schlaf geschlossen hielt, in die Häuser geschlichen und hat

die silbernen oder goldenen Gaben auf Tische, Betten und Wiegen

hingeschüttet; daß die Leute, wenn sie erwachten, erstaunten und die

Hände zusammenfalteten und beteten. Denn sie konnten nicht meinen,

daß eine unsichtbare Diebshand die wohltätige Verteilerin gewesen sei,

sondern mußten glauben, es sei von oben gekommen und ein Englein vom

Himmel habe es ihnen ins Haus getragen. Und so ist in den Städten

und Dörfern, welche der Förster Fritz besuchte, mancherlei Gerede

entstanden zugleich von verwegenen Dieben und von wohltätigen Engeln,

wie denn Gottes Reich und Satans Reich und die Gespräche darüber hier

auf Erden immer mitsammen sind. Aber noch viele andre Schalkstreiche

hat der lose Fritz verübt, der leicht wie der Wind allenthalben aus

und ein schlüpfen konnte; und was würden die Türen und Fenster, wenn

sie Mund hätten, von ihm nicht alles zu erzählen wissen! Doch das

darf ich nicht alles erzählen, weil es sich hier nicht schickt; und

auch die andern Possenstreiche alle könnte ich nimmer auserzählen,

die er zu Weihnachten und Fastnacht und bei Hochzeiten, Tänzen und

Mummereien als der unvermummte und doch unsichtbare Gast gespielt hat.

Eine Not aber hat Fritz bald in dem Rabenstein gefühlt, die eine

schwere Not war und die als eine Teufelsplage der verbotenen Kunst

anhängt. Weil nämlich der Rabenstein aus Galgenvögeln und

Galgenaugen geboren wird, so hat er einen heimlichen und

unüberwindlichen Trieb zu Galgen und Rad in sich, eine Witterung, die

seinen Träger und Besitzer treibt, daß er mit dabei sein muß, wenn es

an solchen hohen Stellen etwas zu tun gibt. Wenn daher auf der Insel

in einem Hochgericht und an einem Galgen einer geköpft oder gehängt

werden sollte, so trieb's ihn mit Teufelsgewalt und wie auf

Windesflügeln hin; er mußte mit dabei sein, und sollte er drei, vier

Meilen in zwei Stunden laufen, daß dem Atemlosen die Zunge aus dem

Halse hing. Das war aber noch viel schlimmer und grausiger, daß er

die Geburtstage und Jahrestage der gerichteten armen Sünder mitfeiern

mußte. An dem Jahrestage der Hinrichtung nämlich versammelten sich

die Geister der Gerichteten, damit sie ihren nächtlichen Totentanz um

die Hochgerichte halten; und diesen Tanz begehen sie um die grausige

Mitternacht, und da müssen alle die mitfeiern und mittanzen, welche

den Rabenstein haben. So mußte denn auch Fritz manche liebe Nacht,

wo er gern anderswo geweilt oder geschlafen hätte, im Hagel und

Schnee, im Sturm und Donnerwetter hinaus in das wilde Weite und über

Heiden und Felder, gleich einem Kain, zu Galgen und Hochgericht

fortlaufen und den schaurigen Tanz mittanzen, bis ihm oft der Atem

schier auszugehen anfing; denn seine Mittänzer und Mittänzerinnen

hüpften begreiflicherweise auf den allerleichtesten Füßen einher.

Und die Leute konnten ihm die Reise zu einem solchen nächtlichen Ball

wohl anmerken, und daß ihm irgend was Unrechtes widerfahren war--denn

er sah acht, vierzehn Tage nachher noch bleich und krank aus--er aber

schüttelte alle fremde Bemerkungen und Fragen leicht von sich ab,

machte irgendeinen Scherz oder Wind darüber und sagte: "Ei was! Ihr

Siebenschläfer, die ihr euch jeden Abend zu regelmäßiger Zeit auf

eurem weichen Pfühl hinstreckt, könnt euch wohl rosige Wangen und

dicke Bäuchlein anschnarchen; aber mit dem Jäger ist es gar anders

bestellt, der muß viel ein nächtlicher Gesell sein: Füchse, Marder,

Ottern und anderes Wild, das euch die warmen Pelze liefert, fängt und

belauert man nicht beim Sonnenschein. Man stößt da auch wohl

zuweilen auf etwas, das nichts taugt, aber das schüttelt ein tapfrer

Jäger auch wieder ab, und die tüchtigen und geheimen Jägerkünste zu

lernen und die tapfern Jägergeschichten zu bestehen, dazu gebricht

euch das Herz."

So hatte Fritz Rotermund es manches liebes Jahr getrieben und hatte

wohl frisch und lustig gelebt und für Tänze und Gelage und Spiel und

schöne Mädchen immer Geld in der Tasche; aber reich war er nicht

geworden, denn volle Taschen konnte er nicht leiden. Er war bisher

mit seinem grünen Rock zufrieden gewesen und immer noch ein

Jägersmann geblieben; da begab sich aber von ungeschicht etwas, das

den wilden Jäger zu einem zahmen Edelmann machen sollte, und das war

dieses:

Im Kriege, zur Zeit des Königs Karolus*, waren bei der Stadt Bergen

zwei Juden gehängt, die man als Pferdediebe ertappt hatte. Sie

hatten dort schon ein Jahr an dem Galgen gebaumelt, als Fritz

Rotermund zur Jahresfeier heraus mußte, um zu lernen, wie auf

hebräisch um Galgen und Rad getanzt wird. Und da hat er einen recht

geschwinden davidischen Reigen tanzen gelernt, denn die jüdischen

Geister hatten sich in einem so schnellen asiatischen Schwunge

herumgedreht, daß er--was ihm noch nie begegnet war--ermattet in

Schlaf hingesunken und erst erwacht war, als das Morgenrot den Ost

schon zu hellen begann. Da, als er erschrocken aufsprang, begab es

sich, daß der Wind ihm die lumpigen Rockzipfel des einen

Galgenkrametvogels, unter dessen dürren Beinen er in Schlaf gefallen

war, so heftig gegen die linke Backe wehte, daß das Blut darnach

heraussprang. Der Fritz, als er den Backenstreich fühlte und auf der

darnach tastenden Hand Blut erblickte, rief halb schauderig, halb

lachend aus: "Ei! ei! Mauschelchen! Du hast auch verdammt scharfe

Knöpfe und willst deine Leute wohl an mir rächen, welchen ich in

andern Geschäften zuweilen auch wohl mitternächtliche Besuche

abzustatten pflege?" Und zugleich schaute er nach dem Rocke, und sah

auch kein kleinstes Zeichen von einem Knopf, und das verwunderte und

schauderte ihn noch mehr. Er ergriff daher den im Winde fliegenden

Zipfel, damit er näher untersuchte, ob irgend in den Falten ein Knopf

verborgen stecke. Aber auch da fand sich nichts. Wohl aber fühlte

er etwas Hartes in den Ecken, und sah bald, daß diese mit tausend

Fäden hin und her im Unterfutter so durchnäht waren, als wenn sie bis

zum Jüngsten Tage halten sollten. Er griff nun frisch zu mit seinen

Jägerfäusten und riß den ganzen Rockzipfel zu Fetzen auseinander, und

was erblickte er? Ein paar funkelnde Edelsteine fielen vor ihm auf

die Erde.

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* In Schweden und in den damals schwedischen deutschen Ostseelanden

ist dieser König Karolus (Karl der Zwölfte) gleich dem Iskander der

Morgenländer und unserm Friedrich Rotbart auf dem Kyffhäuser wenige

Jahrzehnte nach seinem Tode ein mythischer Name geworden. Alles

längstvergangne Ungeheure und Gewaltige reiht sich unter solche Namen;

ob ein Jahrhundert oder einige Jahrtausende rückwärts oder vorwärts

gerechnet werden müssen, was kümmert das das Volk, welches für das

Poetische und Mythische eine wahrhaft göttliche Zeitrechnung hat, das

heißt: nach dem gewöhnlichen Maße gemessen gar keine.

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Er nahm sie auf und betrachtete sie an seinem Rabenstein und an dem

hellen Morgenrot, und fand, daß diese gegen jene Steine nur wie

blasses Wasser waren gegen das rote Feuer. Und hoch sprang er in die

Luft empor und rief: "Nun, dies ist der erste Galgentanz, der etwas

anderes als Schauder und Greuel gebracht hat", und so trollte er sich

davon.

Als er aber nach einer halben Stunde Galgen und Furcht weit hinter

sich hatte und die Sonne schon am klaren Himmel stehen sah, da holte

er die Steine wieder aus der Tasche und beschaute sie genauer, und

wußte bald, was sie wert waren. Denn auf seinen vielen und weiten

Seereisen hatte er viele Weltwunder und Meerwunder gesehen, und war

auch gewesen, wo die schönen grünlockigen Seejungfern so zauberisch

singen, daß die Schiffer den Matrosen, damit sie nicht zu ihnen in

die Tiefe springen, die Ohren voll Teer gießen und mit Wachs zukleben

müssen, und war auch an das Land gekommen, wo die Diamanten und

Rubinen am Strande im Sande liegen, wie bei uns die Kieselsteine,

hatte aber keine aufsammeln und mitnehmen dürfen wegen der greulichen

Drachen und Greifen, die sie bewachen.

Er lief nun fröhlich zu Hause, holte sein Pferd aus dem Stall,

sattelte es, und sagte auf acht Tage Ade, und so trabte er auf die

Alte Fähre zu, und von da ging's auf Hamburg oder Berlin, wo er die

kostbaren Judendiamanten wieder an Juden verkaufte und mit großen

Säcken voll Dukaten, wohl über ein paar Tonnen Goldes, nach wenigen

Tagen heimkam.

Nun hatte Fritz Geld in Hülle und Fülle, und mit dem Gelde kamen ihm

auch vornehme und ernsthafte Gedanken, ja ganz neue Gedanken, wie er

sie noch in seinem Leben nicht gehabt hatte. Er ging hin und ward

ein Edelmann, und kaufte seinem Bruder Boldevitz ab, wo sein Vater

gewohnt hatte und wo er geboren war, und kaufte auch Unruh und auch

mehrere andere schöne Güter, die da herumliegen. Und der Jäger Fritz

fuhr nun mit Vieren und mit Sechsen und mit langen Strängen, und

hatte Diener und Jäger hinter sich auf dem Bock stehen und Läufer mit

silbernen Stäben vor sich herlaufen, und hieß Herr Fritz von

Rotermund, wie sein Vater in seinen Tagen geheißen hatte. Und nun

nahm er sich auch ein schönes adliges Fräulein zur Frau und zeugte

Söhne und Töchter, und lebte und gebärdete sich wie ein anderer Herr.

Er blieb aber so freundlich und gebäurisch mit den Menschen und war

so mild gegen seine Leute und so mitleidig gegen die Armen, daß alle

verwundert sagten: Der wilde und leichtfertige Fritz ist ja ein

Mensch und dazu noch ein Christenmensch geworden.

Und das war nicht bloß eitler Schein, sondern es war ihm herzlicher

Ernst. Als Fritz so großes Gut erworben hatte und ein Edelmann

geworden war, da schien auch wirklich ein neuer Geist in ihn gefahren

zu sein, ein besserer Geist, der sonst so selten mit dem geschwinden

und plötzlichen Reichtum ins Haus zu kommen pflegt. Er verabscheute

von nun an seinen Rabenstein und seine mitternächtlichen

Diebsschliche, liebte auch seine alten Schalkstreiche nicht mehr,

sondern wollte sich wirklich von Herzen umwenden und bekehren und

wieder ein Mensch Gottes werden, hielt sich daher hinfort zu andern

guten Christen und zu Kirche und Abendmahl, und lebte mit Frau und

Kindern und mit Freunden und Nachbarn und mit allen Menschen so, daß

alle ihn lieb und wert hielten und seiner Jugend und Jugendstreiche

gern vergaßen. Wie er nun aber wirklich christlich und menschlich zu

sein und zu leben strebte, so hatte er doch noch einen plagenden Wurm,

um welchen er und sein Gott allein wußten, und dieser schlimme Wurm

war sein Rabenstein. Was der arme Mann um diesen ausgestanden und

gelitten hat, das ist gar nicht zu beschreiben.

Er fühlte nämlich, sowie er sich wieder zum Christentum und zum

Glauben seiner Kindheit zurückgewendet hatte, daß der Rabenstein

nichts Geheures war, sondern eine böse teuflische Gaukelei, und hätte

ihn sogleich von sich werfen mögen in den tiefsten See oder in die

verborgenste Erde vergraben oder in dem gewaltigsten Feuer verbrennen,

damit nimmer eine Menschenhand ihn wiederfände und mit seinem

höllischen Glanze Unheil stiftete. Aber! aber! Wie ist es dir

ergangen, armer Fritz Rotermund? Man wird des Rabensteins noch viel

schwerer los, als man ihn gewinnt. Sowie Fritz den Rabenstein von

sich werfen, wie er ihn der verschlingenden See, dem verzehrenden

Feuer überliefern wollte, wich der tückische Stein kaum eine Sekunde

von ihm, und flog ihm immer wieder in die Hand zurück, die ihn mit

aller Gewalt von sich geschleudert hatte, oder in die Tasche, woraus

er genommen war. Da hat nun Fritz, der jetzt wahrhaftig nicht der

muntre und fröhliche Fritz heißen konnte, es nach und nach mit allen

Elementen versucht, ob etwa eines den Stein lieber annähme als das

andre; aber der fürchterliche Stein ist der unverlierbare und

unzerstörbare geblieben. Er hat es außer diesen unglücklichen Proben

am eifrigsten und unablässigsten mit dem allerbesten Element versucht,

mit Andacht und Gebet; und wie viel er da gerungen hat, wie viel und

oft er um die stille Mitternacht in seiner Kammer und im einsamen

Walde und an heiliger Stätte auf den Knien gelegen und seinen Gott

und Heiland um Barmherzigkeit gefleht hat, daß er ihn von dem Bösen

erlösen wolle, das weiß auch Gott allein. Immer noch hat er die

blutigen Gerichtstage mithalten und die mitternächtlichen Galgentänze

noch mittanzen müssen, und jetzt mit entsetzlichem Grausen und

Schaudern, weil der Christ wußte, was es war. So hat er wohl zwanzig

Jahre gelebt in seinem neuen Stande, äußerlich der freundliche,

christliche Mensch, der milde und barmherzige Herr, innerlich der

Gepeinigte und Gemarterte. Er hat aber nicht abgelassen und ist

nicht müde geworden in Demut und Gebet, und hat dies alles mit

gebeugtem Herzen getragen als ein armer Sünder, den Gott für seinen

leichtfertigen Übermut und seine heidnische Frechheit strafen und

durch das, was ihm nun eine so grimme Pein geworden, vielleicht

erretten wolle. Endlich ist der Tag dieser Errettung und Begnadigung

gekommen, aber auf eine grauenvolle Weise.

Fritz ward eine Nacht zu einem Galgenfest getrieben nach Putbus, wo

an dem Wege, auf dem man nach Kasnevitz fährt, etwa eine halbe Stunde

vom Schlosse, auf einem öden Heidehügel, noch heute die Trümmer eines

Galgens stehen. Dort fand er bei seiner Ankunft das greuliche

Nachtgesindel schon in dem greulichen Tanze rundfliegen, und zugleich

mit ihm ritt von der andern Seite her als Mittänzer ein Mann auf, der

noch mit lebendigem Fleisch umkleidet war wie er und mächtig zu Rosse

saß und einen blanken Säbel in der Rechten schwang, als forderte er

jemand heraus. Und gewiß, er forderte heraus, denn der Fritz fühlte

bei seinem Anblick den heißesten Grimm in sich entbrennen, und mußte

sein Schwert ziehen und gegen ihn anlaufen, der, als er Fritzen zu

Fuß anrennen sah, von seinem Rappen heruntersprang. Fritz erkannte

ihn alsbald als den verrufenen alten Erzbösewicht, der am äußersten

Ende der Insel auf Jasmund hauste und von dem die Leute sich viele

greuliche und mordliche Geschichten erzählten. Sein Name war von

Zuhmen. Der alte graue Schelm erschien aber auf diesem Tanzplatz,

weil er vor ein paar Monaten einen Rabenstein gefunden hatte. Nun

war er der zweite auf der Insel, der einen Rabenstein besaß und zu

dieser mitternächtlichen Totenfeier hinaus mußte. Denn das ist auch

noch eine treibende Wut und ein unseliges Verhängnis des

entsetzlichen Steins, daß, wenn zwei sich begegnen, die den

Rabenstein haben, sie auf Leben und Tod einen Kampf miteinander

halten müssen.

Und so trafen denn die zwei in blinder Wut aufeinander und kämpften

den gräßlichen Kampf, während das leichte Heer seinen lustigen Reigen

um sie tanzte und wirbelte; und wie die Schläge ihrer Klingen sich

verdoppelten, so verdoppelte sich in ihren Herzen auch der Grimm.

Sie waren aber beide reisige Männer und gewaltig an Fäusten und

Gliedern und waren im rüstig frischen Alter ergraut. Und der Kampf

dauerte solange der Tanz dauerte, und das Gras um den Galgen war von

ihrem Blute rot gefärbt; da, als es von dem Turm eins schallte,

stürzte, von einem letzten gewaltigen Streich getroffen, der alte

Jasmunder Bösewicht als Leiche hin, Fritz aber entfloh mit Grausen

und mit tiefen und blutenden Wunden, die seinen Weg hinter ihm

röteten. Er hatte sich aber auf des Feindes Rappen geschwungen, denn

seine Füße hätten ihn nicht nach Hause zu tragen vermocht.

Und als der Sommermorgen graute, ritt er matt und blutig ins Tor zu

Boldevitz ein und hatte nicht Angst um sein Leben, sondern um seine

arme Seele. Und er weckte alsbald seinen treuen Diener und hieß ihn

geschwinde ein Pferd satteln und gen Gingst galoppieren, daß er ihm

den dortigen Herrn Pfarrer holte. Denn er sprach zu ihm: "Ich war

ausgeritten und bin in dem Walde bei Kubbelkow unter Räuber geraten,

und sieh! wie sie mich zerhauen haben und wie die Blutströme aus den

tiefen Wunden an mir herabrinnen! Es wird in wenigen Stunden aus

sein mit dem alten Fritz."

Und der Diener flog wie der Wind auf seinem Pferde dahin, denn er

liebte seinen guten Herrn über alles. Und der erschrockene Pfarrer

in Gingst war nicht Säumiger, denn er nannte Herrn Fritz Rotermund

den besten Christen und den fleißigsten Kirchengänger unter seinen

eingepfarrten Edelleuten. Und anderhalb Stunden nach des Dieners

Ausflug waren beide in Boldewitz und fanden den alten Herrn auf dem

Lager blaß und bleich wie den Tod und sein Weib und seine Kinder um

ihn, welche ihm seine Wunden verbunden hatten. Er aber, als der

Pastor hereingetreten ist, hat allen gewinkt herauszugehen, damit er

mit dem geistlichen Herrn betete und sich zur Abfahrt bereitete.

Und als sie beide allein geworden, hat er dem Pastor alles erzählt

und gebeichtet und den Mann so bestürzt, daß er kaum hat beten können.

Bald aber hat der fromme Mann sich wieder genommen und hat die

Bibel ergriffen und des todwunden Ritters Hände gefaßt, und über ihm

gebetet, daß der gnädige Himmel sich des reuigen und zagenden Sünders

erbarmen wolle. Und der Himmel hat sich gnädig auf das Gebet

herabgelassen, und Fritz hat mit lauter Stimme und sehnsüchtigem

Herzen die Worte des geistlichen Herrn nachgesprochen. Und bald hat

er sich zum erstenmal in vielen Jahren ganz getröstet gefühlt und

laut ausgerufen: "Gelobt und gepriesen sei Gott und Jesus Christus

für diese Wunden!" Und der Pastor ist fröhlich erstaunt über diesen

Ausruf und über des Ritters erheitertes und erleuchtetes Angesicht,

und bald noch viel mehr und viel fröhlicher, als der Herr von oben

das hörbare und sichtbare Zeichen der Gnade gegeben. Denn kaum hatte

Fritz diesen fröhlichen Ruf des erlösten Herzens getan, als der

unselige Karfunkelstein plötzlich aus der Tasche des Edelmanns

herausfuhr, wie ein leuchtender Blitz durch die Luft hinzischte, und

dann wie eine springende Feuerkugel sich gegen den Ofen schnellte,

und kling! Kling! in der Sekunde in Millionen Stücke zerstob, wie

ein Sandhaufen auseinanderweht, so daß man auch die Spur nicht von

ihm sah. Und Fritz hat wieder freudig gerufen: "Mein Gott und mein

Heiland, wie barmherzig bist du! Und sahet und hörtet Ihr wohl, Herr

Pastor, wie der Teufel in nichts zerklungen und in Staub zerflogen

ist?" Und er faltete in Inbrunst die Hände und dankte und betete; und

der Pastor dankte und betete mit ihm und sprach: "So bist du gnädig,

barmherziger Gott und Erhalter und Behalter aller Dinge, und erlösest

und erquickest den reuigen Sünder!"

Und unter den beiden war große Freude, und sie umhalsten sich in

Wonne, wie sich die Engel im Himmel umhalsen, und Fritz sprach: "Mein

Abschied ist nahe, und darum geht, Herr Pastor, und holet mir Weib

und Kinder." Und der Pastor hat sie gebracht, und Fritz hat die Hände

auf sie gelegt und sie zum letztenmal geküßt und gesegnet, und ist

dann augenblicklich mit Zuversicht und Freuden heimgegangen. Denn

das Blut war aus seinen Adern gelaufen und die Luft an dem irdischen

Leben aus seiner Seele.

Der Schlangenkönig.

Schlangenkönig wohnte auf einer fernen Insel in der Ostsee, die gen

Dänemark liegt, und hatte dort sein Schloß. Dieses Schloß lag aber

wieder in einer kleinen Insel, die in der großen Insel steckte, wie

der Krämer die kleinen Schachteln in die großen steckt. Dieses

Inselchen lag in einem großen Landsee. Da hatte Schlangenkönig sein

Schloß unter einem Hügel in der Erde gebaut, und es war sehr schön

darinnen und schimmerte und funkelte von Silber und Gold und

Edelsteinen und hatte die allerprächtigsten Gemächer. Darinnen saß

Schlangenkönig ein armer verwandelter Prinz und wartete auf seine

Erlösung. Er war aber verwandelt wegen seiner Eitelkeit. Denn er

war ein wunderschöner Prinz gewesen und hatte viele schöne

Prinzessinnen und Königinnen und Kaiserinnen mit seiner Schönheit

gelockt, aber keine geliebt sondern alle mit wankelmüthigem Herzen

verlassen. Deswegen war er zur Strafe verwandelt worden, damit er

auch versuchte, was es heißt keine Liebe finden, und er mag nun wohl

als der Schlangenkönig kriechen müssen bis an den jüngsten Tag. Weil

er nemlich so viele arme Prinzessinnen betrogen hat, die er sitzen

ließ und weiter ging, so hat ihn die Strafe getroffen, und das Wort

ist zu ihm gesprochen: Sey der Schlangenkönig und krieche als der

Schlangenkönig und iß Erde und sauge Gift aus Wurzeln und Kräutern

und sey den Menschen ein Abscheu und den Thieren ein Grauen, bis ein

unschuldiges junges Blut sich über dich erbarmt und mit dir zu Bett

geht und dich ohne Grausen küßt. Das merke dir aber: wirst du dieser

wieder ungetreu, dann wirst du auf ewig in das tiefste höllische

Feuer hinabgestoßen. Schlangenkönig hatte bei seiner Verwandlung

ganz die Farbe des Kleides behalten, das er trug, weil er noch Prinz

war. Er trug nemlich einen grün und gelb gestreiften seidenen Rock,

und jetzt schleicht er als eine schöne grün und gelb gestreifte

Schlange umher mit einer goldenen Krone auf dem Kopf, und pfeift und

zischelt wie eine Schlange, aber sprechen kann er nicht. Nur sind

gewisse Tage im Jahre, wo er singen darf, und da singt er mit so

wunderschöner und süßer Stimme, daß er schon manches arme Kind

verlockt hat, mit ihm zu gehen in sein Schloß, aber noch hat er keine

einzige gefunden, die ihn hat küssen wollen. Die aber mit ihm

gegangen sind, müssen in seinem Schlosse sitzen, bis er eine findet,

die es über das Herz bringen kann, ihn in Liebe zu küssen. Die das

thut, das wird die Königin und alle die andern, die er hineingelockt

hat, werden ihre Dienerinnen. Und auf diese Weise allein können sie

aus dem Schlosse erlöset werden.

Nicht weit von dem See, wo Schlangenkönigs Schloß auf der Insel war,

lag ein Dorf, das hieß Thorstorp. Die Wiesen und Weiden dieses

Dorfes liefen bis an den See hinab, und da trieben die Kinder des

Dorfs ihre Kühe hin und hüteten sie daselbst. Unter diesen

Hirtenkindern waren zwei, die hatten einander sehr lieb und trieben

ihre Heerden fast immer zusammen. Es war eine kleine Dirne, die hieß

Margarethe, und ein Knabe, der hieß Jakob. Margarethe war vierzehen

Jahre alt und Jakob sechszehn. Sie waren beide beinahe erwachsen

aber unschuldig wie die kleinen Kinder und wußten nicht, warum sie

einander so lieb hatten. Aber daß sie sich über alles liebten, das

ist wahr. Diese und die andern Knaben und Mädchen, welche dort das

Vieh hüteten, hatten Schlangenkönig oft laufen sehen und mogten ihn

gern leiden, denn er war sehr bunt und schön und seine Krone funkelte

auf das allerschönste. Der Schelm kam oft durch den See geschwommen

und ringelte sich im Grase herum und wand seinen schönen schlanken

Leib um die Bäume und Büsche, daß die Kinder seinen Spielen zusahen

und ihre Freude daran hatten. Aber ganz nah kamen sie ihm nicht,

denn sie hatten doch ein Grauen vor ihm, weil er Schlangengestalt

trug, obgleich sie wußten, daß er nicht biß und keinem was zu Leide

that. Die Kinder hatten noch nie einen Gesang von ihm gehört,

obgleich die Rede ging, der Schlangenkönig könne singen und habe

schon manche schöne Dirne verlockt, die nun in seinem Schlosse sitzen

und weinen müsse, sondern vor ihnen hatte er immer nur gezischelt,

wie andere Schlangen thun. Er durfte ja auch nicht alle Tage singen

und außerdem war er viel zu klug, als daß er sichs in Gesellschaft

hätte merken lassen, daß er singen konnte; denn da konnte es ihm ja

zu nichts helfen. Nein, wann seine Singetage waren und wenn er dann

ein hübsches Kind allein belauschen konnte, dann ließ er seine Stimme

ertönen und brachte es gewöhnlich mit weg.

Eines Tages saß Jakob mit seiner Margarethe hinter einem grünen

Busche und die beiden Kinder erzählten sich Geschichten und ihre Kühe

graseten vor ihnen, die andern Hirten aber hatten weiter abwärts

getrieben. Da kam Botschaft, daß Jakob geschwinde zu Hause mußte.

Er küßte seine liebe Margarethe und sagte: Margarethe, gieb derweile

auch auf meine Kühe Acht, bis ich wiederkomme, und kommt der

Schlangenkönig etwa, so bleibe bei Leibe nicht allein, sondern treibe

nur geschwinde zu den andern Hirten hin. Er könnte dich wegsingen,

denn der Schelm soll es in der Stimme haben. Sie versprach es, aber

rief dem weglaufenden Burschen lachend nach: O das ist nur eine Fabel

mit dem Singen des Schlangenkönigs, er kann ja nicht einmal sprechen:

der soll mich nicht wegsingen.

Jakob war kaum hundert Schritt fort, so kam der Schlangenkönig über

den See geschwommen und ringelte sich dann in den allerlustigsten

Kreisen über die Wiesen hin und machte so viele niedliche

Schlingungen und Windungen und richtete sein Köpfchen mit der

goldenen Krone so lieblich lächelnd und so hell guckend auf, daß die

kleine Margarethe recht ihre Freude daran hatte und ihr Versprechen,

das sie Jakob gethan, auch ganz und gar vergaß. Und Schlangenkönig

ringelte sich immer näher heran und kroch auf einen grünen Baum, der

vor Margarethen stand, und schaukelte sich einige Minuten in seinen

Zweigen herum, dann sang er mit der allersüßesten und beweglichsten

Stimme, als hätten hunderttausend Frühlingsnachtigallen zugleich

geschlagen, und Margarethe konnte nun nicht mehr von der Stelle und

mußte ihm zuhören: sie saß, als wenn sie festgezaubert war, wiewohl

sie an ihres Jakobs Worte dachte. Er sang ihr aber diesen Gesang,

den sie des Schlangenkönigs Brautlied nennen, und womit er schon

manche zarte Jungfrau in sein Schloß gelockt hat:

Komm, schönes Jungfräuelein,

Schlafe bei mir!

Ich hab' ein Goldringelein,

Das schenk' ich dir,

Ich hab' ein Goldkämmerlein,

Das ist für dich,

Ich hab' ein Goldwiegelein,

Drin wieg' ich dich.

Komm, schönes Jungfräuelein,

Schlafe bei mir!

Süßen und kühlen Wein

Trinkst du bei mir,

Zucker heißt hier das Brod,

Fleisch, Marcipan,

Äpfelchen rosenroth

Beißet dein Zahn.

Komm, schönes Jungfräuelein,

Schlafe bei mir!

Dienerinnen hübsch und fein

Warten der Thür,

Kammerfrau'n ohne Zahl

Stehen am Bett,

Das in dem goldnen Saal

Hochzeitlich steht.

Komm, schönes Jungfräuelein,

Schlafe bei mir!

Zieh in mein Schloß mit ein,

Treu bin ich dir.

Heißa! wie fliegt zum Tanz

Lustig der Strich!

Du trägst den Hochzeitkranz,

Bräut'gam bin ich.

Schlangenkönig hatte ausgesungen, blinzelte freundlich auf das

Mägdlein herab, kam dann herunter, schlug im Grase einige Ringelein

um das Kind und sang gar leise und leidig: Komm mit! Komm mit! Und

Margarethe kam mit. Aber kaum war sie zehen Schritt mit

Schlangenkönig gegangen, so bedachte sie sich und wollte

zurückfliehen. Aber es war zu spät, sie war nun in Schlangenkönigs

Gewalt: er umzingelte sie und trug sie über die Wiese hin mit weg,

und umsonst schrie sie: Jakob! Jakob! hilf! hilf! und rief den

andern Hirten zu, aber weder Jakob noch die Hirten waren da, und

Schlangenkönig kehrte sich an ihr Geschrei nicht und rollte

geschwinder als der Blitz mit ihr davon und schwamm durch den See.

Als Schlangenkönig sie über das Wasser nach der Insel hinübergetragen

hatte, war er plötzlich verschwunden, die kleine Margarethe aber war

vor Angst ohnmächtig geworden und wußte gar nicht, wie sie über den

See gekommen war. Das war aber das Sonderbarste, daß auch kein

Tröpflein Wasser sich an ihre Locken und Kleider gehängt hatte noch

durchgedrungen war: sie war ganz trocken auf die kleine Insel

gekommen. Und als sie sich wieder besinnen konnte, da befand sie

sich in einem wunderschönen Garten voll der allerlustigsten Bäume und

buntesten Blumen; und es war alles, wie das Lied gesungen hatte, an

allen Zweigen hing Zucker und Marcipan und rosenrothe Äpfel und durch

den Garten floß ein tiefer Bach von Milch und Quellen süßen Weines

sprudelten aus dem Hügel. Das Schloß aber unter dem Hügel war noch

viel schöner, als Schlangenkönigs Brautgesang es beschrieben hatte,

und waren so prächtige Säle und funkelnde Kammern und Gemächer darin,

daß kein Mensch die Herrlichkeit schildern könnte; und wenn man ihm

auch eine Ewigkeit Zeit gäbe, die schönsten Worte zu suchen, womit er

es beschreiben und ausmalen wollte, er kriegte es doch nicht fertig.

Und als Margarethe vor dem Schlosse erschien, siehe da waren flugs

wohl hundert Dienerinnen zur Stelle, welche Kerzen und Lampen trugen.

Diese führten sie in einen hohen Marmorsaal, der mit Gold und Silber

und Edelsteinen verziert war, und zogen ihr goldene und silberne

Kleider an und setzten ihr eine goldene Krone auf den Kopf und

nannten sie Königin und Herrin und sprangen dienend um sie herum und

brachten ihr alles, was sie nur verlangte. Diese Dienerinnen waren

alle jung und trugen schneeweiße Kleider und grüne Kränzlein im Haar

und sahen die meisten mehr traurig als fröhlich aus.

Und als es dunkelte und gegen die Nacht ging, kamen wieder andere

Jungfrauen und führten Margarethen in ein Kämmerlein, das blitzte und

funkelte wie eitel Gold, und dann stand ein goldenes Bett, auf

welchem rosenrothe und himmelblaue seidene Kissen und Decken lagen.

Und sie naheten sich ihr sehr ehrerbietig und zogen ihr die Kleider

aus und die Schuhe von den Füßen und nahmen ihr die Krone vom Kopfe

und legten sie dann weich ins Bett. Als sie das gethan, löschten sie

die Lampen aus bis auf eine, und verneigten sich stumm und schweigend

und gingen weg.

Und es währte nicht lange, so flüsterte es und knisperte und wisperte

an der Thüre, und die Thüre that sich auf, und der Schlangenkönig kam

herein und kroch an Margarethens Bett und lispelte und zischelte ihr

leise zu: Willkommen, meine auserkorene Königin! willkommen, meine

süße Braut! Nun komme ich als dein Bräutigam zu dir, mein süßes

Margrethchen! wie ich dir unter dem grünen Baume vorgesungen habe;

nun wird alles wahr werden! O komm und nimm mich in deine Arme! und

drücke mich an dein warmes Herz! und küsse mich und habe mich recht

lieb! Dann bin ich erlöst und du bist eine reiche und große Königin.

Denn ach! das ist mein trauriges Schicksal, solange muß ich als

Schlangenkönig auf der Erde herumkriechen, bis ein unschuldiges Kind

mich in Liebe umhalset und wieder in den schönsten Prinzen verwandelt,

der ich gewesen bin. Und er zischelte gar lose und leise und sah

sie mit funkelnden Augen an und hob seinen Kopf zu ihr hinauf, als

wolle er zu ihr ins Bett steigen--Margaretha aber schrie gewaltig und

rief: Fort du buntes Scheusal! Nein nimmer--nimmer--nimmermehr! und

wenn du so schön wärest, als du häßlich bist. Ich will deine Königin

nicht werden, ich will in meinem Leben keinen andern Bräutigam haben,

als meinen lieben Jakob.--Und Schlangenkönig mußte sich duken und

fliehen,

Und als es Tag geworden war, kamen dieselben weißen Jungfrauen, die

Margarethen ausgekleidet hatten, und zogen ihr die prächtigen

Königskleider wieder an und setzten ihr die güldene Krone wieder auf

das Haupt und die andern im Saale und vor der Thüre verneigten sich

nun vor ihr und bedienten sie. Und sie ging im Schlosse und im

Garten umher und besah sich allen den Glanz und die Pracht. Aber

weiter als den Garten konnte sie nicht kommen; denn es lief eine

himmelhohe krystallene Mauer rings um ihn herum und seine Thore waren

dicht verschlossen. Sie sah aber den ganzen Tag nicht das Geringste

von Schlangenkönig, und das war ihr sehr lieb. Aber an ihren Jakob

hat sie viel denken und oft bitterlich weinen müssen und sie hat

gerufen mitten in der schimmernden Herrlichkeit: O mein lieber Jakob!

säße ich nur mit dir jetzt in einem schlechten Kleide unter einem

grünen Baum, wie viel glücklicher wäre ich! Pfui der abscheuliche

Schlangenkönig! wie hat er mich verlockt und verführt durch seinen

Gesang!

Und als es Nacht ward, führte man sie eben so wie gestern in ihre

Goldkammer und brachte sie ins Bett und löschte die Lampen. Und auch

der Schlangenkönig kam eben so wieder wie gestern und schlich an ihr

Bett und flehete, daß sie ihn ins Bett nehmen und lieb haben und

Königin werden sollte. Sie aber ward noch viel böser als gestern und

jagte ihn mit schlimmen Worten fort. Und Schlangenkönig mußte

traurig wieder aus der Kammer kriechen und die Nacht wieder auf der

kalten feuchten Erde schlafen.

So ging es noch drei Tage und Schlangenkönig versuchte noch dreimal,

ob das Kind ihn lieb gewinnen und bei ihm schlafen wolle. Sie aber

rief immer: Fort fort, du blanker gleißender Gaukler! Jakob wird

mein Mann und kein anderer in Ewigkeit!

Mit dem fünften Male waren auch die Proben vorbei, welche

Margrethchen auszustehen hatte, und der traurige Schlangenkönig rief

nun den Frauen und Dienerinnen zu, daß sie sie des Schmuckes

entkleiden und aus der goldnen Kammer führen mögten, und sagte zu

Margarethen. Nun bist du nicht mehr Königsbraut und kannst es

nimmermehr werden, wenn du auch wolltest. So ist die Ordnung des

Schicksals hier. Du bist hinfort eine schlechte Dienerin, gehe darum

zu den andern Dienerinnen und warte der hohen Frau, die da kommen und

mich erlösen soll. Er meinte aber diejenige, welche sich über ihn

erbarmen und ihn von Herzen küssen und liebhaben und Königin und

Herrin aller dieser Dienerinnen werden würde, welche seine Liebe

verschmäht hatten.

Und Margarethe hatte jetzt ein weißes Kleid an und trug ein grünes

Kränzlein und mußte mit den andern jungen Dirnen vor der Thüre des

Schlosses und in dem großen Saale stehen und warten. Es waren lauter

junge Kinder die Dienerinnen und Kammerfrauen, keine unter dreizehn

Jahren und keine über siebzehn, wohl mehr als hundert und fünfzig an

der Zahl, alle hübsch und fein. Mit einer jeden hatte Schlangenkönig

es eben so versucht, wie mit Margrethchen, aber keine einzige von so

vielen hatte sein Flehen erhören und ihn lieb haben wollen. Diese

niedlichen Kinder waren nun freilich recht fein gekleidet und hatten

der Speise und des Trankes und was sie zum Leben bedurften vollauf,

auch wurden sie mit keiner Mühe und Arbeit geplagt und konnten den

Tag singen und tanzen und oft auch in dem schönen Garten spazieren

gehen und sich Blumen pflücken und die Vögelein in den Zweigen auf

das allerlustigste singen hören; aber die Zeit ward ihnen doch

herzlich lang in aller dieser Pracht und die meisten waren voll

Traurigkeit und Sehnsucht. Die eine sehnte sich nach Vater und

Mutter, die andere nach Bruder und Schwester, die dritte nach einem

Herzallerliebsten; Margarethe sehnte sich nach nichts als nach ihrem

lieben Jakob, von welchem sie sich so jämmerlich hatte weglocken

lassen.

Jakob war bald gekommen, nachdem Margarethe von Schlangenkönig

entführt worden war, und suchte seine Margarethe im Walde und auf der

Weide bei den andern Hirten. Er fand sie nirgends, aber die Hirten

sagten ihm, Schlangenkönig werde sie wohl weggefangen haben. Jakob

hörte auch bald von einem Manne, der da unten am See pflügte, er habe

in der Ferne ein Gewimmer gehört und das möge die entführte

Margarethe wohl gewesen seyn. Der kleine Jakob war sehr traurig und

mußte jeden Tag ja jede Stunde an sein Margrethchen denken und immer

nach der Insel hinüber schauen, zu welcher sich kein Mensch wagte;

denn es ging die Sage, derjenige müsse gleich des blassen Todes seyn,

der sich ohne ein sicheres Pfand in dieses Gebiet des Schlangenkönigs

wage. Da schaute Jakob traurig und sehnlich hinüber und seufzte: Ach

Margrethchen! Margrethchen! warum hast du dir die Ohren nicht

zugestopft, als der lügnerische und gleißnerische Schelm sang? und

rief auch wohl zuweilen für sich: Halt dich wacker, Margrethchen!

werde keine Königin, Margrethchen! Das hatte er aber gewiß nicht

nöthig; denn Margarethe war ihm treu wie Gold. Das war ihm aber das

Allertraurigste bei dieser Geschichte wenn er Schlangenkönig über die

Wiesen hinschlüpfen sah in seinem bunten Rock, daß er ihm nichts thun

durfte.

So waren Jakob zwei Jahre verflossen in Gram und Traurigkeit über

seine liebe verlorne Margarethe, da hörte er von einem alten Schäfer

einen Rath, wie man verzauberter Prinzen und Prinzessinnen und selbst

der Hexen und Hexenmeister Herr werden könnte, und wenn sie noch so

schlimm wären. Und Jakob ging flugs in den Wald und hieb sich einen

großen knotigen Dornstock aus einem Dornstrauch, welcher der

Kreuzdorn heißt, und darauf schnitt er noch ein Kreuz aus. Als nun

der Schlangenkönig das nächste Mal wieder über die Wiese

hinschlängelte, faßte Jakob sich ein Herz und fuhr auf ihn zu, so daß

der Schlangenkönig sich verwunderte, was der Bauerbursche wolle; denn

er war es nicht gewohnt, daß die Leute auf ihn losgingen, sondern,

daß die meisten vor ihm flohen. Und Schlangenkönig dachte bei sich:

Den Bauerjungen will ich schon jagen, daß ihm die Haare auf dem Kopfe

sausen sollen; und er richtete sich auf und sprühete Funken aus den

glänzenden Augen und streckte die zischende Zunge aus und machte

seine Krone auf dem Kopfe feuerroth vor Zorn und zuckte mit dem

Rücken, als wolle er auf Jakob springen. Aber Jakob ging ihm fest

entgegen und rief: Komm nur her, Herr Heidenkönig! komm nur her! Ich

bin nicht bange vor dir, du sollst schon Gemach lernen. Und als

Schlangenkönig gegen ihn sprang, berührte er ihn nur leise mit seinem

Dornstock, und o Wunder! Schlangenkönig krümmte sich und wand sich

um den Dornstock, wie die Rebe sich um ihren Stab windet. Und Jakob

freuete sich und rief voller Freude: Halt fest, mein Prinzchen! ich

muß mein Kunststück versuchen. Und er nahm den Stock und schwang ihn

dreimal um den Kopf, daß er durch die Lüfte sausete, und

Schlangenkönig hielt fest, als wenn er daran gewachsen wäre. Der

Stock ist gut und der Schäfer ist nicht dumm, sprach Jakob, und

fragte Schlangenkönig: Schlangenkönig willst du mir Margrethchen

wiedergeben, so mache ich dich strax los und du magst hingehen, wohin

du willst. Schlangenkönig aber schüttelte den Kopf. Und Jakob

sprach wieder: So fahrwohl für heute, mein Prinz! friere die Nacht

hier und bedenke dich bis morgen. Und er nahm den Dornstock und

stieß ihn fest in die Erde, und Schlangenkönig hing darum, und es sah

gar lustig aus.

Den andern Morgen kam Jakob wieder und sprach zu Schlangenkönig:

Schlangenkönig willst du mir Margrethchen wiedergeben?

Schlangenkönig aber schüttelte mit dem Kopf noch stärker als gestern.

Da ward Jakob sehr böse und ging hin und schnitt sich einen frischen

Haselstock und sprach: Ich muß wohl einmal dein buntes Jäckchen

fragen, was das zu dem Scherze sagt; vielleicht giebt mir das eine

gescheidtere Antwort. Und er schlug Schlangenkönig auf seinen bunten

Rock, daß er sich krümmte wie ein Ohrwurm und die Zunge laut

zischelnd ausstreckte, aber er nickte nicht mit dem Kopfe: Jakob ich

will dir Margrethchen wiedergeben. Als Jakob meinte, daß er ihn

diesmal genug geschlagen habe, ging er weg und sprach: Für heut ist's

genug, bedenke dich bis morgen.

Den dritten Morgen kam Jakob wieder und sprach zu Schlangenkönig:

Schlangenkönig gestern und vorgestern fragte ich dich: Schlangenkönig,

willst du mir Margrethen wiedergeben? Heute kommst du so wohlfeilen

Kaufs nicht ab; heut heißt es: Schlangenkönig willst du mir

Margrethen wiedergeben und alle die armen Jungfrauen, die in deinem

Schlosse und Garten eingesperrt sind? Und Schlangenkönig schüttelte

zweimal mit dem Kopfe. Da nahm Jakob seinen Haselstock, und schlug

ihn unbarmherzig, so viel als er schlagen konnte, so daß der

Schlangenkönig ihn fast jammerte; aber doch nickte und kopfschüttelte

Schlangenkönig ihm kein Ja zu. Da sagte Jakob: Heut ist das letzte

Mal, daß ich Geduld habe. Du magst hier an dem Dornstock verfaulen,

denn du kommst in Ewigkeit nicht los, wenn ich dich nicht löse. Also

noch einmal und das letzte Mal, bedenke dich bis morgen.

Und als Jakob den vierten Morgen wiederkam, fragte er Schlangenkönig

wieder: Schlangenkönig willst du mir Margrethchen wiedergeben und die

andern Jungfrauen, daß sie frei aus deinem Gebiete weggehen und eine

jede so viel mittragen dürfen, als sie mit den Händen tragen können?

Und Schlangenkönig war mürb geworden, denn es hatte diese Nacht sehr

gefroren, und ihn hungerte und durstete gewaltig, auch sah er, daß

Jakob einen frischen Haselstock in der Hand führte doppelt so dick

als der vorige. Und Schlangenkönig ließ es diesmal auf den Stock

nicht ankommen und nickte dreimal mit dem Kopfe Ja. Und Jakob sagte

zu ihm: Schlangenkönig schwöre mir's bei deiner Seligkeit und bei der

Hoffnung, die du hegst, dieser häßlichen bunten Haut einmal ledig zu

werden--und Schlangenkönig nickte ihm den Schwur auch dreimal zu.

Als dies geschehen war, nahm Jakob sein Messer und schnitt das Kreuz

glattweg von dem Kreuzstock, worum Schlangenkönig geschlungen hing,

und in demselben Augenblick glitt Schlangenkönig herunter und

ringelte sich im Grase und machte sich die erfrornen und

zerschlagenen Glieder erst wieder ein wenig geschmeidig. Darauf

kroch er vor Jakobs Füße und richtete sich auf und senkte sich dann

wieder vor ihm, wie ein kluges und gehorsames Pferd sich erst vor dem

Reiter zu richten und wieder zu senken pflegt, daß er aufsteige. Und

Jakob verstand den Wink, denn er wußte wohl, daß zu der Insel weder

Brücke führte noch Nachen ging; und er zeichnete sich mit dem Zeichen

des heiligen Kreuzes und betete ein Gebet und rief: Nun in Gottes

Namen! und so schwang er sich auf sein buntes Pferd. Und sausend

fuhr Schlangenkönig mit ihm über die Wiese dahin und in einem Hui

hatte er ihn über das Wasser getragen.

Schlangenkönig sprang nun gegen das eiserne Gartenthor, welches kein

anderer öffnen konnte als er, und das Thor that sich sogleich auf,

und sie gingen beide hinein. Da fand Jakob seine Margarethe wieder,

und wie sich die beide gefreut haben, wer will das beschreiben? Aber

unendlich ward der Jubel im Schlosse und Garten und klang und

brausete aus allen Stimmen zum Himmel, als Jakob verkündigte, alle

eingefangene Jungfrauen sollen nun wieder frei seyn und mit ihm und

Margrethen aus dem verzauberten Schlosse und Garten ziehen. Und er

hieß die hübschen Kinder sich tummeln und einpacken, was jedes

mitnehmen wolle, denn in zwei Stunden solle die Reise von der Insel

vor sich gehen. Und sie liefen die eine hiehin die andere dahin und

waren sehr geschäftig, aber Schlangenkönig war sehr traurig und sah

es mit weinenden Augen an. Und als Jakob ihn so traurig sah,

jammerte ihn seines Schicksals und daß er in dem scheußlichen

Schlangenrock gehen mußte wegen seiner früheren Sünden und Schulden,

bis ein unschuldiges junges Blut sich über ihn erbarmte und ihn lieb

hätte. Und er tröstete ihn und sprach: Schlangenkönig sey du nur

nicht so traurig, daß diese alle von dir gehen und wieder zu den

Ihrigen reisen wollen; denn von diesen allen kann dich ja doch keine

einzige mehr erlösen. Und daß sie dir das Schloß ein bischen leer

machen, das schadet dir ja auch nichts: du behältst immer noch

Schätze und Herrlichkeiten genug. Du jammerst mich und ich will dir

darum noch einen guten Rath geben, und den verschmähe nicht. Laß

dein trotziges und herrisches Wesen fahren und sey nicht so klug und

listig. Denn mit Klugheit und List richtest du es nicht aus, das

hast du wohl lange merken können, und obgleich du der Schlangenkönig

heißeste bist du gewiß nicht verwandelt worden, daß du ein Herr seyn

sollst, sondern ein Diener sollst du seyn und dienen sollst du lernen

in Reue und Buße über deine begangenen Sünden, damit derjenige sich

über dich erbarme, welcher der Herr aller Könige ist. So ist es

gemeint mit dem bunten Schlangenrock, den du tragen mußt: du sollst

demüthig und gehorsam werden, so magst du noch wohl Liebe und

Erlösung finden. Aber ein trotziges und listiges Herz, das keine

Demuth hat, kann auch keine Liebe in der Brust haben; und wie kannst

du glauben, daß ein junges unschuldiges Herz den Schlangenkönig

umarmen soll, wenn es ihm nicht anmerkt, daß Liebessehnsucht und

Frömmigkeit in ihm wohnt?

So sprach Jakob ganz beweglich zum Schlangenkönig, und als die

Jungfrauen und Margarethe fertig waren, da rief er: Thu uns auf,

Schlangenkönig! Und Schlangenkönig stieß mit dem Kopf gegen das

Eisenthor des Gartens und es sprang weit auf; und sie gingen alle

heraus und Schlangenkönig ging mit ihnen. Als sie nun an das Wasser

kamen, war da weder Brücke noch Nachen, und Jakob sprach. Hurtig,

Schlangenkönig! mach Anstalt! mach uns die Brücke fertig!

Schlangenkönig aber konnte es nicht lassen, er brauchte wieder eine

List und spannte ein dünnes glänzendes Spinnwebchen wie einen Bogen

über das Wasser von einem Ufer zum andern und sprach lächelnd: Ich

kann euch nicht helfen, dies ist die einzige Brücke, auf welcher man

von dieser Insel über den See kommen kann. Er hoffte aber in seinem

Herzen, es werde niemand darauf treten, aus Furcht zu ersaufen, und

so werde er durch diese Feinheit alle die Jungfrauen glücklich da

behalten als Dienerinnen und den Jakob obenein als Diener. Aber

Jakob hatte von solchen Kniffen der Geister schon oft gehört, nahm

sein Margrethchen an die Hand und rief: In Gottes Namen! alle mir

nach! Und so sprang er auf die dünne Spinnwebbrücke und Margrethchen

mit ihm, und in demselben Augenblicke legte sich die Spinnwebenbrücke

als die schönste und breiteste Marmorbrücke über das Wasser, und er

und Margrethchen und die andern Jungfrauen gelangten glücklich

hinüber. Und als sie alle am Lande waren, war die Brücke in der

Sekunde wie versunken und man sah keine Spur mehr von ihr, auch nicht

einmal das Spinnwebenfädchen. Und sie waren alle froh aber erstaunt

und sahen und hörten nichts als ein leises Wimmern hinter sich; das

war wohl der Schlangenkönig, der über seine schönen Jungfrauen weinte.

Jakob lief nun über die Wiese hin mit seinem Margrethchen und mit der

schneeweißen Jungfrauenschaar, die er erlöst hatte, und sie zogen

jubelnd und jauchzend in Thorstorp ein. Und alle Leute sind entsetzt

gewesen über diesen Geschichten und haben lange erzählt von Jakobs

Abentheuer in allen Landen und haben die Ausführung der schönen

Jungfrauen aus dem Zauberschlosse Jakobs Auszug genannt. Und die

feinen jungen Dirnen haben zu Jakob und Margrethchen freundlich Ade

gesagt und sind weggegangen und glücklich wieder zu den Ihrigen

gekommen; und weil sie sich Gold und Silber und kostbare Kleider aus

Schlangenkönigs Schlosse mitgebracht hatten, so haben sie alle gar

bald junge und hübsche Bräutigame gehabt. Und Jakob ist der

Bräutigam seiner Margrethe geworden und sie haben bald eine lustige

Hochzeit gehalten. Sie sind aber hier in Thorstorp nicht geblieben,

denn die Nachbarschaft der Insel, wo Schlangenkönig hauste, däuchte

ihnen zu gefährlich, sondern sie sind weiter zurück ins Land hinauf

gezogen und haben sich da für die mitgenommenen Schätze ein schönes

Gut gekauft und in Freuden gelebt. Von dem Schlangenkönige und ob er

seitdem erlöst worden, haben sie nie wieder was gehört.

Der Wiedehopf.

So hat Hinrich Vierk einmal vom Schneidermeister Wiedehopf erzählt:

Es begeben sich die wunderbarsten Dinge in der Welt: Könige sind

Bettler und Bettler sind Könige geworden und kann man keinem ansehen,

was er einst gewesen ist und was er noch werden kann. So ist der

Wiedehopf einst ein Damenschneider gewesen, und wer sieht es ihm

jetzt wohl an, daß er vormals in feiner und zierlicher Gesellschaft

gelebt hat? Er hat in einer großen reichen Stadt gewohnt und sich

wie ein hübscher und feiner Gesell gehalten und einen bunten seidenen

Rock getragen, und ist von einem vornehmen Hause in das andere und

von einem Pallast in den andern gegangen und hat die kostbaren Zeuge

und Stoffe, woraus er Kleider machen sollte, zu Hause getragen. Und

weil er hübsch und manierlich gewesen ist, haben alle hübsche Frauen

ihn zu ihrem Schneider genommen und immer hat er Arbeit bei ihnen

gehabt, und auch der Königin, als sie gekrönt werden sollte, hat er

den Rock zugemessen. So ist Meister Wiedehopf bald ein sehr reicher

Mann geworden und hat doch nicht genug kriegen können, sondern ist

immer herumgelaufen und hat zu Hause geschleppt und oft so viel zu

tragen gehabt, daß er wie ein Karrengaul unter seiner Last stönen und,

wann er die Treppen hinaufstieg, _Huup! Hupupp!_ schreien mußte.

Diese Arbeitseligkeit und Habseligkeit hätte Gott ihm wohl vergeben,

aber es ist eine arge Habsucht daraus geworden, und die hat der Herr

nicht länger mit Geduld ansehen können. Der Schneider hat zuletzt

gestohlen und von allen Zeugen, die er in die Mache bekam, seinen

Theil abgekniffen und abstipitzt. Da ist es ihm denn geschehen, daß

er eines Abends, als er mit einem schweren Bündel und noch schwereren

_Hupupp! Hupupp!_ die Treppe hinaufächzete, plötzlich in einen

bunten Vogel verwandelt worden ist, welcher Wiedehopf heißt und um

die Häuser und Ställe der Menschen umfliegen und dort mit

unersättlicher Gier das Allergarstigste auflesen und in sein Nest

tragen muß. Er trägt bis diesen Tag einen bunten Rock, aber einen

solchen, der an einen schlimmen Ort erinnert, wohin die Diebe und

Schelme gehören. Der eine Theil des Rockes ist rabenschwarz, der

andere feuerroth, und sind beide Theile Farben der Hölle, denn das

Schwarze des Rockes soll die höllische Finsterniß und das Feuerrothe

das höllische Feuer bedeuten. Einen ähnlichen Rock als Meister

Wiedehopf trägt auch der Todtengräber, ein blanker garstiger Wurm,

der auf den Landstraßen herumläuft und todte Maulwürfe, Käfer und

anderes Aas begräbt; auch die bunte Blattwanze hat fast ganz dasselbe

Kleid an: beide sind Erzstinker und wahrscheinlich beide einst auch

Diebe gewesen. Das hat der Wiedehopf noch so beibehalten aus seiner

alten Schneiderzeit, daß er immer _Hupupp! Hupupp!_ schreien muß,

als trüge er noch Diebeslast, die ihm zu schwer wird. Die Leute

nennen ihn deswegen häufig den Kukuksküster, weil sein Laut aus der

Ferne wirklich oft so klingt, als wolle einer dem Kukuk seinen Gesang

nachsingen, wie der Küster dem Pastor. Aber der Kukuk ist ein

lustiger Schelm und kann sein Lied in Freuden singen, der Wiedehopf

aber ist ein trauriger Schelm, und darum muß er seufzen und klagen

und sein _Hupupp! Hupupp!_ geht ihm gar schwer aus der Kehle.

Der Wolf und die Nachtigall,

oder wie zwei arme Königskinder verwandelt und zuletzt nach vieler

Noth doch wieder zu Menschen geschaffen wurden.

In alten Zeiten, da es alles noch ganz anders war in der Welt als

jetzt, lebte ein König in Schottland, der hatte die schönste Königin

in allen Landen, von einer so seltenen Schönheit und Lieblichkeit,

daß sie weit und breit als die Allerschönste besungen und von

Dichtern und Erzählern der schottische Vogel Phönix zugenannt ward.

Diese schöne Königin gebahr dem Könige zwei Kindlein, einen Sohn und

eine Tochter, und starb dann in ihrer Jugend hin. Der König trauerte

viele Jahre um sie und konnte sie nie vergessen, sagte auch, er wolle

nimmer wieder heirathen. Aber der Menschen Sinn ist wankelmüthig und

kann sich auf sich selbst nicht verlassen; denn als viele Tage

vergangen und die Kinder schon groß waren, nahm er sich doch wieder

eine Frau. Diese Frau war sehr bös und eine schlimme Stiefmutter

gegen die Kinder des Königs. Es waren aber der Prinz und die

Prinzessin rechte Spiegel der Huld und Lieblichkeit, und der Haß der

Stiefmutter gegen die Kinder kam auch daher, daß die Leute, bei

welchen die verstorbene Königin in gutem Andenken stand, immer noch

von dieser sprachen, sie aber verschwiegen, und daß sie, wenn sie mit

der jungen Prinzessin erschien, gegen diese aufjauchzeten und riefen:

sie ist gut und schön, wie ihre Mutter war. Das verdroß sie, und sie

ergrimmte in sich und sann auf arge Tücke, barg aber ihr böses Herz

unter Freundlichkeit. Denn sie durfte sichs vor dem Könige nicht

merken lassen, daß sie den Kindern gram war, und das Volk würde sie

gesteinigt und zerrissen haben, wie sie ihnen ein Leides gethan hätte.

Die Prinzessin, des Königs Tochter, welche Aurora hieß, war nun

fünfzehn Jahre alt geworden und blühete wie eine Rose und war die

schönste Prinzessin weit und breit. Und es zogen viele Königssöhne

und Fürsten und Grafen her und buhlten um sie und begehrten sie zum

Gemal; sie aber sprach zu ihnen: mir gefällt die fröhliche und ledige

Jungfrauschaft besser, als alle Freier, und damit mußten sie wieder

hinreisen wo sie hergekommen waren. Endlich aber kam der Rechte: es

war ein Prinz aus Ostenland, ein gar schöner und stattlicher Herr.

Diesem verlobte sie sich mit Einwilligung des Königs und ihrer

Stiefmutter. Und schon war der Hochzeitkranz gewunden und die

Spieler zum Tanze bestellt, und alles Land war in Freude ob der

Vermälung der schönen Prinzessin Aurora. Aber die Stiefmutter dachte

ganz anders in ihrem Sinn, als sie sich gebehrdete, und sprach: Ich

will Spielleute bestellen, die sollen zu einem andern Tanze

aufspielen, und die Füße sollen anderswohin tanzen als ins Brautbett.

Denn sie sprach bei sich: Diese verdunkelt mich ganz und wird mich

noch mehr verdunkeln, und vor dieser Aurora muß meine Sonne

untergehen, zumal wenn sie einen so stattlichen Mann zum Gemal

bekommt und dem Könige ihrem Vater Enkel bringt; denn ich bin

unfruchtbar und kinderlos. Auch hängt das Volk ihr an und schreit

ihr nach, mich aber kennen sie nicht und wollen sie nicht kennen; und

doch bin ich die Königin: ja ich bin die Königin! und bald sollen sie

es alle wissen, daß ich es bin und nicht Aurora. Und sie sann nun

auf viele arge Listen Tag und Nacht hin und her, wie sie die

Prinzessin und ihren Bruder verderben wollte; aber es wollte ihr

keine einzige gelingen: denn sie waren zu gut bewacht und behütet von

den Dienern und Dienerinnen, die sie hatten. Diese sahen auf sie wie

auf ihren Augapfel und wichen Tag und Nacht nicht von ihnen wegen der

Liebe, die sie zu ihrer Mutter, der seligen Königin, trugen. Als nun

keine Zeit mehr übrig und der Hochzeittag schon da war und sie sich

nicht mehr zu helfen wußte, gedachte sie der allerbösesten Kunst, die

sie wußte, und kam zu den Kindern mit der leidigsten Freundlichkeit

und bat sie, einen Augenblick mit ihr in ihren Rosengarten zu kommen,

sie wolle ihnen eine wunderschöne Blume zeigen, die eben aufgebrochen

sey. Und sie gingen gern mit ihr, denn der Garten war hart hinter

dem Schlosse; auch konnte niemand an etwas Arges denken, denn es war

der helle Mittag, und der König und die Prinzen und Prinzessinnen des

Landes waren alle in dem großen Schloßsaale versammelt, da gleich die

Vermälung geschehen sollte. Und sie führte die Kinder in die

hinterste Ecke des Gartens, wo ihre Blumen standen, unter einen

dunkeln Taxusbaum, als wollte sie ihnen da etwas Besonderes zeigen.

Sie aber murmelte einige leise Worte für sich hin, brach dann einen

Zweig von dem Baum, und gab dem Prinzen und der Prinzessin einige

Streiche damit auf den Rücken. Und alsbald wurden sie in Thiere

verwandelt. der Prinz sprang als ein reißender Wolf über die Mauer

und lief in den Wald, und die Prinzessin flog als ein kleiner grauer

Vogel, der Nachtigall heißt, auf den Baum, und sang ein trauriges

Lied.

Die Königin spielte ihr Spiel so gut, daß auch kein Mensch etwas

merkte. Sie lief laut schreiend dem Schlosse zu und sank mit

zerrissenen Kleidern und zerzausten Haaren an den Stufen des Saales

hin, als sey ihr ein großes Leid geschehen, und der König hieß sie

von den Kammerfrauen wegtragen. Es verging wohl eine gute

Viertelstunde, ehe sie wieder zu sich kam. Da gebehrdete sie sich

sehr traurig und weinte und schrie: Ach! du arme Aurora, welchen

Brauttag hast du erlebt! ach du unglücklicher Prinz! So schrie sie

einmal über das andere, und erzählte dann, ein Schwarm Räuber sey

plötzlich hinten in den Garten gedrungen und habe die beiden

Königskinder mit Gewalt von ihrer Seite gerissen und entführt; sie

aber haben sie zu Boden geschlagen und halbtodt liegen lassen; und

sie zeigte eine Beule an der Stirn, die sie sich absichtlich an einem

Baum gestoßen hatte. Und alle glaubten ihren Worten, und der König

hieß alle seine Herren und Grafen und Ritter und Knappen aufsitzen

und den Räubern nachjagen. Diese durchritten nach allen Seiten den

Wald und alle Schlüchte und Klippen und Berge rings um das Schloß

wohl zwei drei Meilen weit, aber von den Räubern und von dem Prinzen

und von der Prinzessin fanden sie auch nicht die geringste Spur. Und

der König ruhete nicht und ließ weiter suchen und forschen viele

Wochen und Monate, und sandte Boten und Kundschafter aus in alle

Länder; aber sie kamen immer vergebens zurück, und mit dem Prinzen

und der Prinzessin war es, als ob sie nie gelebt hätten: so ganz

waren sie verschollen. Der alte König aber glaubte, die Räuber

hätten sie wegen der kostbaren Juwelen und Edelsteine entführt, die

sie am Hochzeitstage trugen, und hätten sie beraubt und dann todt

geschlagen und irgendwo eingescharrt, damit man ihnen nie auf die

Spur kommen könnte; und er grämte sich so sehr, daß er bald starb.

Bei seinem Sterben übergab er, weil er keine Kinder hatte, der

Königin das Reich, und bat seine Unterthanen, daß sie ihr treu und

gehorsam seyn mögten, wie sie ihm gewesen waren. Sie thaten es auch

und erkannten sie als ihre Königin, mehr aus Liebe zu ihm als aus

Liebe zu ihr.

So waren vier Jahre verschienen und der König schon das andere Jahr

todt, und die Königin fing an mit großer Gewalt über die Länder zu

herrschen, und kaufte sich für die Schätze, die der alte König ihr

hinterlassen hatte, viele fremde Soldaten, die sie über das Meer

kommen ließ und die ihre Krone und ihr Schloß bewachten. Denn sie

wußte, daß sie von den Unterthanen nicht geliebt war, und sprach: Nun

mögen sie aus Furcht thun, was sie aus Liebe nicht thun würden. So

geschah es, daß sie von Tage zu Tage bei jedermänniglich mehr verhaßt

ward, aber keiner durfte es sich merken lassen, denn auf das leiseste

Geflüster gegen die Königin war der Tod gesetzt. Aber die Leute

lassen das Wispern und Flüstern darum doch nicht, und weil das

Sprichwort wahr ist: Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt

endlich an die Sonnen, so hatte es von Anfang an gemunkelt*, als die

Königskinder verschwunden waren: kein Mensch könne wissen, was der

Spaziergang der Königin bedeutet habe. Denn es waren Leute genug,

die ihr wegen ihrer scharfen Augen und ihrer unnatürlichen

Freundlichkeit böse Künste zutraueten. Diese Munkelung unter dem

Volke dauerte nun immer fort und nahm noch zu; sie aber kümmerte sich

darum nicht, und dachte: die werden schon Thiere bleiben, was sie

sind, und mir wird keiner die Königskrone nehmen. Aber es begab sich

alles ganz anders, als sie gedacht hatte.

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* Munkeln sagt man von Pferden, die im Sommer wegen der Bremsen mit dem

Kopf schütteln; Munkeln heißt also: die Köpfe gegen einander bewegen,

leise flüstern.

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Den armen Königskindern ging es indessen doch recht schlecht.

Der Prinz war als ein brauner Wolf in den Wald gelaufen, und er mußte

sich gebehrden wie ein Wolf und heulen wie ein Wolf und durch die

öden und wüsten Orte laufen bei Tage und bei Nacht, und wie ein Dieb

einhergehen; denn auch die wölfische Furcht war in ihn gefahren. Und

er mußte sich nähren wie die andern Wölfe von allerlei Raub von Wild

und Vögeln, auch mußte er in der traurigen Winterzeit zuweilen wohl

mit einem Mäuschen vorlieb nehmen und den Bauch einziehen und

zähneklappen und zwischen den harten und kalten Steinen sein Lager

nehmen. Und dies war gewiß keine prinzliche Lebensart, wie er sie

vorher geführt hatte, ehe er aus der königlichen Pracht und

Herrlichkeit in dieses wilde Elend verstoßen war. Das war aber das

Besondere an ihm, daß er allein Thiere angriff und zerriß und nie

nach Menschenblut gelüstete. Doch nach einer hätte ihn wohl gelüstet,

nach der bösen Frau, die ihn verwandelt hatte; aber diese hütete

sich wohl, dahin zu kommen, wo sie den Zähnen dieses Wolfes begegnen

konnte. Man soll aber nicht glauben, daß der Prinz, der nun ein Wolf

war, noch menschliche Vernunft hatte; nein es war sehr finster in ihm

geworden, und mit dem Bilde des Thieres, in welchem er durch die

Wälder laufen mußte, hatte er auch nicht viel mehr als thierischen

Verstand. Das ist wahr, ein dunkler Trieb trieb ihn oft gegen das

Schloß und den Schloßgarten hin, als hätte er dort einen Fang zu

holen; doch hatte er keine deutliche Erinnerung der Vergangenheit:

wie hätte er es dann auch in der Wolfshaut aushalten sollen? In den

Augenblicken, wo er diesen Trieb fühlte, war er mit einem besondern

Grimm behaftet; aber immer, wie er ihnen auf tausend Schritt nahe kam,

fuhr ein kalter Schauder in ihn und jagte ihn zurück. Und die

Königin hatte dies mit ihrer Hexerei verschuldet, daß sie ihn bis so

weit gebannt hatte; denn weiter hatte sie nicht gedurft. Sie aber

stellte dem Wolfsprinzen nach dem Leben und ließ viel jagen in dem

Forst, der sich um das Schloß herumzog, weil sie dachte, daß er wohl

darin seyn mogte. Deswegen ward fast alle Woche zweimal eine große

Schalljagd und Klapperjagd auf Wölfe und Füchse angestellt; und damit

sie einen fleißigeren Vorwand dazu hätte, hatte die Königin viele

niedliche Dammhirsche in diesen Forst ausgesetzt, von welchen unser

königlicher Wolf allerdings manchen verzehrte. Aber er rettete sich

immer aus aller Gefahr, wie oft die Hunde ihm mit ihren Rachen auch

das Haar auf dem Rücken schon zerbließen und wie oft die Jäger auf

ihn schossen. Er wich dann für den Augenblick abseits, und wann der

Schall sich gesänftet hatte und die Jagdhörner verstummt waren, kam

er in das Dickicht zurück, welches dem Schlosse nahe war, und sonnte

sich häufig auf Plätzen, wo er als Knabe und Jüngling zuweilen

gespielt hatte. Er wußte aber nichts mehr von der Vergangenheit,

sondern es war eine verborgene Liebe, die ihn dahin lockte.

Die Prinzessin Aurora hatte als ein kleines Vögelein auf den Baum

fliegen müssen und war in eine Nachtigall verwandelt worden. Ihr

aber war in ihrem leichten und dünnen Federkleide die Seele nicht so

verdunkelt, als dem Prinzen in der Wolfshaut, sondern sie wußte viel

mehr von sich und von den Menschen und Dingen; nur sprechen konnte

sie nicht. Dafür aber sang sie desto schöner in ihrer Einsamkeit,

und oft so wunderschön, daß die Thiere vor Freuden hüpften und

sprangen und die Vögel sich alle um sie versammelten und die Bäume

dazu rauschten und die Blumen nickten. Ich glaube, auch die Steine

hätten vor Lust getanzt, wenn sie so viel Liebe in sich hätten; aber

deren Herz ist zu kalt. Auch die Menschen hätten wohl bald auf den

kleinen Vogel gemerkt als auf einen besonderen Vogel und wäre wohl

ein Gerede und Gemunkel davon unter den Leuten entstanden, wenn nicht

etwas sie abgehalten hätte von dem Walde, daß sie die Nachtigall nie

singen hörten. Es verhielt sich damit folgendergestalt:

Wie die Königin dem armen verwandelten Prinzen mit den vielen Schall-

und Klapperjagden gern das letzte wölfische Lebenslicht ausgeblasen

hätte und wie er dadurch über die ganze Wolfsfamilie großes Unglück

brachte, habe ich schon erzählt. Aber auch über die kleinen Vögel

ging es schlimm her, und in diesen Tagen der Tyrannei war es ein

Unglück, in der Gegend des Schlosses als Amsel Grasmücke und

Nachtigall gebohren zu seyn. Die Königin nemlich, nachdem der alte

Herr gestorben war und sie die Gewalt allein hatte, gebehrdete sich

plötzlich, als habe die Krankheit sie befallen, daß sie nicht allein

das Geschrei und Gekrächze und Geschnatter unleidlicher Vögel nicht

ertragen könne, sondern daß selbst das lieblichste Geklingel und

Gezwitscher der lustigen kleinen Singvögelein sie unangenehm bewege.

Und damit sie das allen Menschen glaublich machte, war sie bei

solchen Gesängen, deren sich sonst alle Welt zu freuen pflegt, ein

parmal in Ohnmacht gefallen. Das war aber nur ein Schein, sie wollte

eine böse That, sie wollte den Tod der kleinen Nachtigall, wenn sie

etwa in diesen Hainen und Gärten herumflatterte. Das wußte sie aber

wohl, daß das Vögelchen dem Schlosse auf tausend Schritt nicht nahen

durfte, denn sie hatte es unter denselben Hexenbann gelegt, als

seinen Bruder. Unter dem Titel dieser Unleidlichkeit und

Empfindlichkeit gegen zarte und feine Klänge und Schalle ward denn

freilich nicht bloß der kleinen liebenswürdigen Nachtigallprinzessin

sondern allen andern Vögeln nach der Kehle gegriffen; sie waren alle

in die Acht und Aberacht gethan, sie waren alle für vogelfrei erklärt,

und die Förster und Jäger der Königin erhielten den strengsten und

gemessensten Befehl, auf alles, was Federn trägt, Jagd zu machen, und

auch das Rotkehlchen ja nicht einmal den Zaunkönig zu verschonen, auf

welchen ein guter Jäger sonst nie einen Schuß verliert. Dieser

schreckliche Zorn der Königin ward ein Unglück für das ganze

befiederte Volk, nicht bloß für die, welche im Freien flogen oder in

Forsten und Hainen lebten, sondern auch für die, welche auf Höfen und

in Zimmern gehalten werden. In der Hauptstadt und in der Umgegend

des königlichen Schlosses blieb auch nichts Gefiedertes leben; denn

die Leute meinten sich bei der Königin sehr einzuschmeicheln und ihre

Gunst zu gewinnen, wenn sie es ihr nachmachten. Es war ein

Schlachten und Morden der Unschuldigen wie der bethlehemitische

Kindermord des Königs Herodes weiland. Wie vielen tausend

Kanarienvögeln und Zeisigen und Nachtigallen und Distelfinken, ja

selbst wie manchen ostindischen und westindischen Papageien und

Kakadus wurden da die Hälse umgedreht! Schreihälsen und Liederkehlen,

Schwätzern und Verschwiegenen drohete Ein Schicksal, und das sogar

war ein Verbrechen, als Gans oder Puter oder Hahn gebohren zu seyn,

und die gemeinen Haushühner fingen an so selten zu werden als

chinesische Goldfasane. Und hätte die Königin noch einige

Jahrzehende so gewüthet gegen das Federvölkchen, so wäre es allmälig

ausgestorben in dem Königreiche. Das war die Ursache, warum die

Vögel nicht allein gemordet wurden sondern auch fast kein Mensch mehr

in den Wald spazieren ging, weil es so hätte gedeutet werden können,

als wollten sie da Vogelgesang hören. So kam es denn, daß niemand

die Wundertöne der kleinen Nachtigall belauschen konnte, als etwa hie

und da ein einsamer Jäger. Der ließ sich aber nichts merken, damit

er von der Königin nicht gestraft würde, daß er den Vogel nicht

geschossen. Denn das muß man zur Ehre der Weidmänner sagen, daß sie

doch meistens ihrer wackern Natur folgten und selten einen der

kleinen Vögel schossen; aber platzen durch den Wald mußten sie, daß

es knallte. Und dadurch schon ward es still von Gesängen und auch

viele Vöglein zogen weg aus dem unaufhörlichen Getümmel und kamen

nimmer wieder. Die kleine Nachtigall aber, welche Gott behütete, daß

sie sich von allen diesen Nachstellungen rettete, konnte den grünen

Wald hinter dem Schlosse nicht lassen, wo sie in ihrer Kindheit so

viel gespielt und gesprungen hatte, sondern wenn sie auch wegflog, so

bald die Jagdhörner anbliesen und es mit Hurra und Wo Wo durch die

Büsche tosete, kam sie doch immer bald wieder. Und obgleich ihre

Liedlein, als aus einem traurigen Herzen klingend, meistens traurig

und kläglich waren, däuchte es ihr doch recht anmuthig, so unter den

grünen Bäumen und bunten Blumen zu leben und dem Mond und den Sternen

etwas Süßes vorzuklingen; und nur wenige Monate war sie unglücklich.

Dies war die Zeit, wo der Herbst kam und wo sie mit den andern

Nachtigallen in fremde Länder ziehen mußte, bis es wieder Frühling

ward.

Das kleine Prinzessinvögelein hielt sich nun meist zu den Bäumen,

Angern und Auen, wo sie als Kind gespielt oder als Jungfrau mit

Gespielen ihres Alters Kränze gewunden und Reigen aufgeführt hatte,

oder wo sie gar in den glücklichsten Tagen ihres Lebens mit dem

Geliebten die Einsamkeit gesucht hatte. Am liebsten und am meisten

wohnte sie in einer dichten grünen Eiche, die sich über einen

rieselnden Bach beugte und oft das süße Geflüster der Liebe in ihren

Schatten geborgen hatte. An dieser Stelle sah sie denn auch oft den

Wolf, den ein dunkles Gefühl der Vergangenheit dahin führte; aber sie

wußte nicht, daß es ihr armer Bruder war. Doch gewann sie ihn lieb,

weil er sich so oft unter ihren Gesängen hinstreckte und lauschte,

als verstände er etwas davon; und sie beklagte ihn wohl zuweilen, daß

er ein zorniger und harter Wolf seyn mußte und nicht flattern konnte

und fliegen von Zweigen zu Zweigen, wie sie und andere Vögelein. Und

nun muß ich auch noch von einem Manne erzählen, der in dem einsamen

Walde zuweilen der Zuhörer der kleinen Nachtigall war. Dieser Mann

war der Prinz aus Ostenland, ihr Bräutigam, als sie noch Prinzessin

war.

Der König, dieweil er noch lebte, hatte diesen Prinzen wegen seiner

Tugend und Tapferkeit vor allen Männern geliebt und ihn auf seinem

Todbette der Königin empfohlen als einen Rath und Helfer in allen

schlimmen und gefährlichen Dingen, besonders als einen frommen und

trefflichen Kriegsmann. Auch war er nach des Königs Tode bei der

Königin geblieben bloß aus Liebe zu dem seligen Herrn. Doch ward er

bald inne, daß die Königin ihn haßte, ja daß sie ihm nach dem Leben

trachtete, und entwich daher plötzlich von ihrem Hofe und aus ihrem

Lande. Sie aber ließ ihm nachsetzen als einem Verräther und

Flüchtling und ließ einen Bann ausgehen, wodurch sie ihn für

vogelfrei erklärte, daß jeder, wem es beliebte, ihn erschlagen und

ihr seinen Kopf bringen mogte, worauf sie einen hohen Preis gesetzt

hatte. Er entwich wieder in das Land seines Vaters, das viele

hundert Meilen gegen Osten von dem Schlosse der Königin lag, und

wohnte bei ihm. Aber im Herzen hatte er keine Ruhe noch Rast und die

Trauer um die verschwundene Prinzessin wollte ihn nie verlassen. Ja

das Wunder begab sich mit ihm, daß er alle Jahre einmal heimlich

verschwand, ohne daß ein Mensch wußte, wohin. Er sattelte aber dann

sein Roß und rüstete sich in unscheinbarer Rüstung, und ritt

plötzlich davon, so daß niemand seinen Pfad kannte. Er mußte aber in

das Land der Königin reiten, die ihn vogelfrei gemacht hatte, und

jenen Wald besuchen, worin die Prinzessin verschwunden war. Dieser

gewaltige Trieb kam ihm jedes Jahr kurz vor der Zeit, in welcher die

Prinzessin verschwunden war, wo er durch wilde wüste und verborgene

Orte traben mußte, bis er zu wohlbekannten Stätten gelangte, wo er

einst mit seiner Braut gewandelt hatte. Und da war auch ihm die

grüne dunkle Eiche am Bache die Lieblingsstelle. Da brachte er dann

vierzehn Nächte in Thränen und Gebeten und Klagen um die Geliebte zu;

die Tage aber verbarg er sich in dem entlegeneren Dickicht. Da hat

er die kleine Nachtigall oft gesehen und gehört und sich ihres

wundersamen und wunderlieblichen und fast übervögelischen Gesanges

erquickt. Sie haben aber nichts weiter von einander gewußt. Doch

hatte das Vögelchen immer eine große Sehnsucht im Herzen, wann der

Ritter wieder geritten war, sie wußte aber nicht, warum; und auch ihm

klang ihr tiefes und schmachtendes Tiu! Tiut! lange nach, wann er

wieder in das Land seines Vaters ritt. Es ging ihm aber wie den

meisten Menschen, die etwas Geheimes thun oder haben, worüber andere

Leute sich viel die Köpfe zerbrechen, daß er um sein eignes Geheimniß

nicht wußte. Denn daß er jedes Jahr einmal heimlich wegritt, das

wußte er wohl; warum er aber reiten mußte, das wußte er nicht.

Und es waren manche Tage vergangen seit dem Tode des alten Königs und

es ging in das sechste Jahr seit dem Verschwinden der Kinder, und die

Königin lebte herrlich und in Freuden, und ließ die Thiere jagen und

auf alle Vögel schießen, und war auch gegen ihre Unterthanen nicht

weniger hart, als gegen das Wild und Gefieder des Waldes. Sie

däuchte sich fast allmächtig und meinte, ihr Glück und ihre

Herrschaft könne kein Ende nehmen. Doch hatte sie seit jenem Tage

den Wald nicht betreten um das Schloß und den Schloßgarten, sondern

eine heimliche Furcht hatte sie davon zurückgehalten. Sie ließ sich

aber nicht merken, was es war, und daß eine Hexenangst dahinter

steckte. Nun begab es sich, daß sie einmal ein großes Fest und

Gastmal angestellt hatte, wozu alle Fürsten und Fürstinnen des Reichs

und alle Großen des Landes und alle vornehmsten Diener und

Dienerinnen geladen waren, und es war den Nachmittag eine große

Wolfsjagd beschlossen in dem Forst, und die Fürsten baten sie, daß

sie mitgehen mögte. Sie weigerte sich lange unter allerlei Vorwänden,

endlich aber ließ sie sich bereden. Sie setzte sich aber auf einen

hohen Wagen und hieß drei ihrer tapfersten Kriegsmänner sich

wohlbewaffnet neben sich setzen; zugleich hieß sie viele hundert

gewaffnete und gerüstete Reisige vor, neben und hinter dem Wagen

reiten, und eine lange Reihe Wagen voll Herren und Frauen folgten ihr

nach. Und ihr war der Wolf immer im Herzen, doch dachte sie bei sich:

laß den Wolf nur kommen, ja laß hundert Wölfe zugleich kommen, diese

tapfere Schaar wird ihnen wohl das Garaus machen. So verblendet Gott

auch die Klügsten und Feinsten, wann sie zur Strafe reif sind; denn

ihr war geweissagt worden von andern Meistern ihrer losen Kunst, sie

solle sich vor dem sechsten Jahre in Acht nehmen. Daran hatte sie

heute nicht gedacht.

Und es war ein schöner heiterer Frühlingstag, und sie fuhren mit

Trompeten und Posaunen in den Forst, und die Rosse wieherten und die

Rüstungen klirrten und die gezückten Speere und Degen funkelten in

der Sonne; die Königin aber funkelte am hellsten, mit ihren

prächtigsten Kleidern und all ihrem Juwelenschmuck hoch im Wagen

thronend. Und schon schallte ihnen die Jagd entgegen mit Hussa und

Hurra und den schmetternden Hörnern der Jäger und den gellenden

Stimmen der Hunde. Und es lief ein Löwe vorüber und ein Eber fuhr

durch die Reihen; und sie erschracken nicht sondern hielten und

standen ein jeglicher fest auf seinem Stand, und machten die

Ungeheuer nieder. Aber nicht lange, und es ergab sich ein Schrecken,

das ihnen zu mächtig war. Ein fürchterlicher Wolf fuhr aus dem

Dickicht hervor auf einen grünen Anger, und heulte so gräßlich, daß

Jäger, Hunde und Reiter vor ihm ausrissen. Der Wolf lief, wie man

einen Pfeil vom Bogen schießt, nein er lief nicht sondern flog durch

die Männer und Rosse dahin, und keiner dachte daran, daß er Bogen,

Spieß und Eisen trug, so schrecklich war des Unthiers Ansehen und so

wüthig bleckte er den funkelnden Rachen auf. Die Königin, die ihn

auf ihren Wagen zuspringen sah, schrie Hülfe! Hülfe! die Weiber

schrien und fielen in Ohnmacht, viele Männer schrien auch wie die

Memmen: Keiner wehrte dem Wolf, er sprang mit Einem langen weiten

Sprung auf den hohen Wagen, riß das stolze Weib herunter, und wusch

sich Zähne und Rachen in ihrem Blute. Die andern waren alle geflohen

oder standen und hielten von ferne.

Und o Wunder! als sie sich ermannen wollten und das Thier anfallen,

sahen sie es nicht mehr, sondern, wo es eben noch gestanden hatte,

erhob sich die Gestalt eines schönen und reisigen Jünglings. Die

Männer staunten ob dem Zauber, doch zuckten einige die Waffen, als

wenn sie ihn als ein zweites Ungethüm jagen und fällen wollten. Da

sprang plötzlich ein Greis vor, der mit im Zuge war, der Kanzler des

Reichs, und verbot es ihnen, und rief überlaut: bei meinem grauen

Haar, Männer, haltet ein! ihr wisset nicht, auf wen ihr stoßen

wollet--und, ehe sie sich besinnen konnten, lag er schon vor dem

Jünglinge auf der Erde, und küßte ihm Kniee und Hände und rief: Sey

uns gegrüßt, du edle Blume eines edlen Vaters, die du wieder

aufgegangen bist in deiner Schöne! und freue dich, o Volk, dein

rechter Königssohn ist wieder gekommen, und dies ist jetzt dein König.

Und auf diese Worte liefen viele herzu und erkannten den Prinzen

wieder und huldeten ihm als ihrem Herrn, und die übrigen thaten

desgleichen. Und alle waren zugleich voll Schrecken und Staunen und

Freude, und dachten nicht mehr an die zerrissene Königin noch an den

Wolf; denn daß er der Wolf gewesen, das wußten sie nicht.

Der junge König aber gebot allen, daß sie ihm nachfolgeten und mit

ihm in das Schloß seines Vaters zögen; er hieß auch sogleich die Jagd

stillen und die Hörner und Trompeten, welche eben noch den Wald und

das Wild aufgeschreckt hatten, seinem fröhlichen Einzuge voranblasen.

Und als er daheim war und von den Zinnen seiner Väter schauete, da

traten ihm die Thränen in die Augen und er weinte beides schmerzlich

und fröhlich; denn er gedachte nun alles Jammers wieder und der zu

schweren Vergangenheit, wo es wie ein dumpfer und thierischer Traum

auf ihm gelegen hatte. Und nun ward es ihm plötzlich hell, und er

konnte es dem Kanzler und den Vornehmsten melden, wie es mit ihm

geschehen war und daß er nur durch das Herzblut der alten greulichen

Hexe, die seine Stiefmutter und ihre Königin geheißen, wieder hatte

verwandelt werden können. Und das Gerücht von diesem erstaunlichen

Wunder ging alsbald in die ganze Stadt und unter alles Volk aus; und

sie freueten sich, daß der geliebte Königssohn wiedergekommen und daß

die Königin, welche alle hasseten, von Wolfszähnen, die sie selbst

geschaffen, zerrissen war.

Aber als der Prinz sich nun allmälig wiedergefunden und über sich

besonnen hatte, da fiel es ihm schwer auf das Herz, wo die königliche

Prinzessin Aurora seine geliebte Schwester wohl seyn mögte und ob sie

auch noch wohl unter irgend einer Thierhaut oder Federdecke steckte;

denn nun fiel ihm ihr trauriger Hochzeittag ein. Und er fragte und

ließ fragen; aber alle schwiegen und keiner konnte von ihr etwas

melden. Da ward der Prinz wieder sehr traurig und sorglich, aber

Gott wandelte diese Traurigkeit auch bald in Freude.

Denn als dieser Jagd- und Wolfslärm im Walde tosete, steckte auch der

arme traurende Prinz aus Ostenland grade in seinem Dickicht, und das

kleine liebliche Nachtigallvögelchen hielt sich schweigend unter den

grünen Blättern seiner Eiche verborgen. Es fuhr aber ein wunderbares

Gefühl durch sein Herzchen, sobald der durstige Wolfszahn seines

Bruders das Herzblut der alten Königin geschlürft hatte. Als nun die

Jagd verschollen und der Wald still geworden und die Sonne

niedergegangen war, da kam der Prinz aus seiner dunkeln Waldschlucht

unter seine grüne Eiche und lehnte sich gar traurig an den Stamm und

netzte das Gras mit seinen stummen Thränen, wie er alle Nächte pflag;

und ihm däuchte viel wehmüthiger um sein Herz zu seyn als gewöhnlich.

Das Vögelein in den Zweigen über ihm fing eben an zu singen nach

seiner Gewohnheit; und es däuchte ihm auch, daß es gar anders sang

als sonst, und viel bedeutsamer und räthselhafter und fast wie mit

menschlicher Stimme. Und dem Manne kam ein Grausen an, und fast voll

Angst rief er in die Zweige hinauf: Vögelein, Vögelein, sage mir,

kannst du sprechen? Und das Nachtigallvögelein antwortete ihm mit Ja,

wie Menschen zu antworten pflegen, und es verwunderte sich selbst,

daß es sprechen konnte, und fing an vor Freuden darüber zu weinen,

und schwieg lange. Darauf that es sein Schnäbelchen wieder auf und

erzählte dem Manne mit vernehmlicher menschlicher Stimme die ganze

Geschichte von seiner Verwandelung und von seines Bruders

Verwandelung, und durch welches Wunder er wieder ein Mensch geworden.

Denn es war ihr nun alles in Einem Augenblicke klar geworden, als

hätte ein Geist es ihr zugeflüstert. Der Mann aber jauchzete in

seiner Seele, als er ihre Rede hörte, und er sann viel in sich hin

und her; und das Vögelchen spielte und flog zutraulich um ihn herum;

doch wiewohl sie sich und alle Dinge so hell wieder erkannte und

wußte, von ihm wußte sie nicht, wer er war. Und er lockte das

Vögelchen und schmeichelte und kosete ihm schön, und bat, es solle

mit ihm kommen, er wolle es in einen Garten setzen, wo ein ewiger

Frühling blühe und nie ein Falke rausche noch ein Jäger tose; das sey

doch viel lustiger, als so in wilden Hainen umzufliegen und vor dem

Winter und vor Jägern und Raubvögeln und Schlingen zu zittern. Das

Vögelein aber wollte davon nichts hören und lobte seine grüne

Freiheit und seine grüne Eiche hier und schwätzte und flötete und

spielte und flatterte um den Mann herum und hatte sein wenig Acht,

denn er gebehrdete sich, als sey er in andern Gedanken.

Aber siehe, welche Gedanken er gehabt hat! Denn ehe das Vögelchen

sich dessen versah, hatte der Mann es bei den Füßchen erfaßt und lief

eilends davon, schwang sich auf sein Roß und flog im sausenden Galopp,

als sey ein Sturmwind hinter ihm, einer Herberge zu, die er in der

Stadt unweit des Schlosses kannte, und bestellte sich ein einsames

Zimmer, worin er sich mit dem Vögelein einsperrte. Das Vögelein, als

es sah, wie er die Schlüssel herauszog und andere Zeichen eines

Gefängnisses machte, fing an jämmerlich zu weinen und zu flehen, daß

er es fliegen ließe; denn es däuchte ihm gar beklommen und angstvoll

in dem verschlossenen Zimmer und es mußte an seine grünen Bäume und

an die liebliche Freiheit denken. Aber der Mann machte sich aus dem

Weinen und Flehen des Vögelchens nichts und wollte es nicht lassen.

Da ward das Vögelein böse und fing an sich zu verwandeln, damit es

den Mann erschreckte, daß er Thüren und Fenster öffnete und froh wäre,

wenn das Vögelein davon flöge. So machte es sich zu Tigern und

Löwen, zu Ottern und Schlangen, zu Skorpionen und Taranteln, zuletzt

zu einem scheußlichen Lindwurm, der sich um den Mann flocht und mit

giftiger Zunge auf ihn fuhr. Aber das alles schreckte ihn nicht

sondern er blieb fest auf seinem Sinn, und das Vögelein mußte alle

seine Arbeit verlieren und wieder ein Vögelein werden. Und der Mann

stand in tiefen Gedanken, denn es fiel ihm etwas ein aus alten

Mährchen. Und er zog ein Messer aus der Tasche und schnitt sich ein

Loch in den kleinen Finger der linken Hand, der immer das lebendigste

Herzblut hat. Und es tröpfelte Blut heraus, und er nahm des Blutes

und bestrich des Vögeleins Köpfchen und Leib damit. Und kaum hatte

er das gethan, so stand auch das Wunder fertig da. Das Vögelein ward

in der Minute zu der allerschönsten Jungfrau, und der Prinz lag

alsbald zu ihren Füßen und küßte ihr züchtig und ehrerbietig die

Hände. Die Nachtigall war nun wieder Prinzessin Aurora geworden und

erkannte in dem Manne ihren Bräutigam wieder, den Prinzen aus

Ostenland. Sie war noch eben so jung und schön, als sie vor sechs

Jahren zur Zeit der Verwandelung gewesen. Denn das ist den

Verwandlungen eigen, daß die Jahre, die einer darin bleibt, ihn nicht

älter machen sondern tausend Jahre gelten da nicht mehr als eine

Sekunde.

Man kann denken, wie diese beiden sich gefreut haben; denn wenn zwei

verliebte Herzen, die einander treu geblieben, nach langer Zeit

wieder zusammenkommen, das ist wohl die größte Freude auf Erden.

Doch säumten sie nicht lange sondern ließen dem Könige ansagen, es

seyen zwei fremde Prinzen aus fernen Landen an seinen Hof gekommen

und begehrten fürstliche Herberge. Und der König trat heraus, daß er

sie bewillkommete, und erkannte seine liebe Schwester Aurora und

seinen theuren Freund den Prinzen aus Ostenland, und freuete sich

über die Maaßen; und alles Volk freuete sich mit ihm, daß so alles

wiedergekommen und das Reich nicht bei Fremden bleibe.

Und nach wenigen Tagen setzte er sich die königliche Krone auf und

fing an zu regieren an seines Vaters Statt, seiner Schwester aber gab

er eine überaus prächtige Hochzeit mit Tänzen und Festen und

Ritterspielen; auch erhielt sie nebst ihrem Prinzen an Land und

Leuten eine gar stattliche Abfindung, wovon sie fast wie Könige leben

mogten. Die Prinzessin Aurora aber hatte ihren Bruder um den Wald

gebeten, in welchem sie als Vögelein so manchen fröhlichen und auch

so manchen traurigen Tag umhergezogen war, und er hatte ihn ihr gern

geschenkt. Sie baute sich daselbst ein stolzes königliches Schloß an

dem Bache, wo sie so oft gesessen und gesungen hatte, und die grüne

und dichte Eiche kam mitten in ihrem Schloßgarten zu stehen und hat

noch manches Jahr nach ihr gegrünt, so daß ihre Urenkel noch darunter

gespielt und sich beschattet haben. Sie aber ließ das Gebot ausgehen,

es solle der Wald für ewige Zeiten stehen bleiben in seiner

natürlichen Herrlichkeit; auch gab sie den kleinen Singvögelein den

Frieden und verbot auf das allerstrengeste, in diesem heiligen

Bezirke Schlingen und Fallen zu stellen und die Kleinen mit irgend

einem Gewehr anzugreifen. Und ihr Bruder hat als ein großer und

frommer König regiert, sie aber hat mit ihrem tapfern Gemal bis in

ein schneeweißes Alter in glücklicher Liebe gelebt und viele Kinder

und Kindeskinder gesehen, bis sie endlich im Segen Gottes und der

Menschen sanft entschlafen ist. Das hat auch gegolten seit ihrer

Zeit unter ihren Kindern und Nachkommen, daß der älteste Prinz ihres

Hauses immer Rossignol und die älteste Prinzessin immer Philomela

getauft wurde. Sie wollte nemlich eine fromme Erinnerung stiften für

alle Zeiten von dem wundersamen Unglück, das ihr widerfahren war, da

sie in eine Nachtigall verwandelt worden. Denn diese Worte bedeuten

in der Sprache ihres Landes, was zu teutsch Nachtigall genannt wird,

und Rossignol heißt eigentlich Rosenvogel--denn die Nachtigallen

singen meist zur Zeit der Rosen--und Philomela Liederfreundin; der

teutsche Name Nachtigall heißt aber so viel als Nachtsängerin, und

ist wohl der allerfeinste.

Der große Jochen.

Der Bauer Hans Diebenkorn, ich weiß nicht mehr, in welchem Dorfe er

wohnte, hatte einen Sohn, der hieß Jochen, das war ein schlimmer

ungeschlachter Junge voll Wildheit und Schalkstreiche, den keiner

bändigen konnte. Sein Vater war ein stiller ordentlicher Mann und

ermahnte und züchtigte ihn oft und viel, Priester und Schulmeister

hobelten und meißelten an ihm mit dem Ernst der Vermahnung und mit

der Strenge der Strafe: _der Knabe ward mit der Asche und Lauge der

Reue_ und Buße und mit der ungebrannten Asche der Erinnerung, die auf

grünen Bäumen als ein recht dunkel blühendes Vergißmeinnichtchen

wächst, genug eingerieben und gewaschen--es konnte ihn das alles

nicht weich und geschmeidig machen, Jochen blieb Jochen, er blieb der

freche und ungehorsame Gesell, der er gewesen war, und wo er einen

Schalkstreich konnte laufen lassen, war es seine Freude. Das war

daher noch das Schlimmste und machte seinem Vater die meiste Sorge,

daß Jochen auch an Kräften unbändig war und in seinem fünfzehnten

Jahre sich schon mit jedem lustigsten Knechte im Dorfe im Ringen und

Balgen messen konnte. Der üppige und übermüthige Leib war der Zucht

zu früh entwachsen. Dazu kam, daß Jochen ein sehr schöner und

schlanker Junge war, der das Maul so gut gebrauchen und so angenehm

thun konnte, daß kein Mensch unter dieser Kappe den Schelm vermuthete.

Desto besser konnte er seine Späße und Schalkstreiche mit andern

ausführen; denn er konnte so leidig seyn, daß auch die gescheidtesten

und klügsten Leute von ihm angeführt wurden. Der Vater, der seinen

Vogel kannte, hielt ihn nun freilich sehr zur Arbeit an; aber so wie

er nur einen Augenblick hatte, war auch der Schelm da und sogleich

auf allen Gassen Geschrei über ihn. Indessen sagt ein altes

Sprichwort: _Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht,_ und

das geschah auch bei Jochen.

Er hatte sein besonderes Vergnügen, alte Leute, die auf dem Wege

vorbeigingen, und Arme, die ihr Brod vor den Thüren mitleidiger

Menschen suchten, zu necken, und that es immer wieder, wie oft sein

Vater ihn darüber auch hart gezüchtigt und erinnert hatte, es sey

keine größere Sünde, als diejenigen verspotten, welche elend sind,

denn ihr Elend komme von Gott und Gott habe sie deswegen unter seinem

besondern Schutz.

Nun begab es sich, daß einmal eine arme alte Bettelfrau gegangen kam

mit einem Korbe auf dem Kopfe und einem Sack auf dem Rücken. Sie

ging gar stümperlich und jämmerlich, stand alle drei Schritt still

und ächzete und hustete sehr. Jochen sah sie kommen und machte sich

an sie und bot ihr einen freundlichen guten Tag. Sie ward zutraulich

und fragte ihn, wie sie über einen tiefen Bach, der vor ihr floß, ins

Dorf kommen sollte. O hier, Mutter! komm nur mit! sprach Jochen,

hier ist ein Steg, den will ich dir zeigen. Und er ging und sie

folgte ihm, und er führte sie auf ein ziemlich schmales und

schwankendes Brett, das über den Bach gelegt war. Als die alte Frau

aber mitten auf dem Brette war, da fing Jochen an mit dem einen Ende

desselben aus allen Kräften zu wippen--er gebehrdete sich aber als

taumele er--und wippte so arg, daß das Brett umschlug und die alte

Frau mit Korb und Sack in den Bach fiel, so lang sie war. Er sprang

nun zu und half ihr wieder aus dem Wasser und stellte sich, als sey

er unschuldig an der Sache, greinte und grieflachte* aber in sich.

Die alte Frau dankte ihm noch und ließ sich nichts merken, zog ihre

nassen Kleider aus und hing sie an Sträuchen auf, daß sie an der

Sonne trockneten, und fing dann an, damit sie sich die Langeweile

vertriebe, mit beweglicher und kläglicher Stimme einige Lieder zu

singen. Jochen, der weggelaufen war, kam bald wieder und lauschte;

die Lieder gefielen ihm und er setzte sich zu ihr und sagte lachend:

Höre, Mutter, singe mir auch einen Vers! Das will ich thun, mein

Sohn, sprach die Alte, aber du mußt auch Acht geben und deinen Vers

behalten. Und sie sang:

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* Wird ausgesprochen an einigen Orten _grifflachen_, an anderen

_grieflachen_, das letzte offenbar richtiger. Wir haben kein Wort in

unserer Sprache, diesem gleich, ein boshaftes Lachen, was sich unter

Bart und Lippen verstecken mögte und doch die geheime Freude über

fremden Unfall nicht bergen kann, auszudrücken, als dieses sassische

Wort. Es drückt die Gebehrde aus, die zwischen Weinen und Hohnlachen

in der Mitte um den Mund schwebt. Die erste Sylbe ist in der

englischen Sprache übrig, wo es _Kummer Traurigkeit_ bedeutet. Wie

Traurigkeit und Bosheit in der Bedeutung der Worte zusammenfallen,

davon zeugt jede Sprache, z. B. das italienische _tristizia

tristezza_ und das englische _mischief_, das gothische _hemsk_

(verschlossen hinterlistig, traurig erschrocken) und das sassische

_inheimsch_.

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Dukatenkrut hinner'm Tuune,

Leew in dem Pagellune

Un in dem Sparling Treu,

Verstand im lütten Finger--

Dat sünt so sell'ne Dinger,

As Rosen unner't Heu.

Hür nipp nu to, min Jüngken,

Du makst so menning Sprüngken,

Dat Gott vergewen mag!

Veel Müse freten den Kater--

Du denkst ens an dit Water,

Un din juchhe watt Ach.

Jochen lachte unbändig auf, als sie gesungen hatte, und rief: das ist

ja ein dummes närrisches Lied, Alte, ohne Sinn und Verstand. Höre!

ich singe dir auch eines vor. Und er sang mit heller geschwinder und

scherzender Stimme:

De Kukuk up dem Tuune satt,

Dat wutt regnen, un he wutt natt,

De Kukuk un de wutt natt.

Doon schreed he: Ach! min buntes Gatt!

Wo natt! wo natt! wo natt! wo natt!

Min Gatt wat büst du natt!

Kukuk! Kukuk!

De Kukuk flog na Hus--

und darauf lief er davon, that aber vorher ihrem Korbe und ihren

Schuhen noch einen Schabernack an.

So machte Jochen es oft und konnte seinen unbändigen Muthwillen gar

nicht halten. Eines Tages kam er aus dem Walde und sprang mit

Trallalla und Juchheida über das Feld daher; denn lustig war er fast

immer. Es war ein kalter Wintertag und schneiete und fror sehr. Als

er so tralleiend und juchheiend einen Hohlweg hinablief, stand ein

kleiner schneeweißer Mann da, der sehr alt und jämmerlich aussah, und

stönte und ächzete bei einem großen Korbe, den er sich auf den Rücken

heben wollte und nicht konnte. Als er nun Jochen kommen sah, ward er

froh und bat den Burschen freundlich: Lieber Sohn bedenke, daß du

auch einmal alt und schwach werden kannst, und hilf mir diesen Korb

hier auf den Rücken. Von Herzen gern, sprach Jochen, sprang hinzu

hob den Korb auf und hing dem alten Mann die Hänkel desselben um die

Schultern, darauf riß er ihn mit dem Korbe um und ließ ihn im Schnee

liegen, und lachte und rief im Weglaufen: _Piep! Vagel! piep!_ Der

alte Mann wühlte sich wieder aus dem Schnee auf und sammelte was

herausgefallen wieder in den Korb, und schrie mit zorniger Stimme

hinter dem auslachenden Jochen her: Ja piep! Vagel! piep! Gott wird

dich piepen lehren, du gottloser Bube!

Und Gott hat den Vogel pfeifen gelehrt. Denn als Jochen den andern

Morgen wieder mit der Axt auf dem Nacken in den Wald gehen sollte,

daß er Holz fällete, mußte er wieder durch diesen Hohlweg gehen.

Doch wie er näher kam, ward ihm ganz wunderlich zu Muthe, so

wunderlich, als ihm in seinem Leben nicht ums Herz gewesen war. Und

obgleich es heller lichter Tag war und die Wintersonne eben feuerroth

aufging, war ihm doch graulich, als wäre es Mitternacht gewesen, aber

das war sein böses Gewissen, und es däuchte ihm immer, als komme der

alte Mann jeden Augenblick aus dem Hohlwege auf ihn zu und schreie

ihn mit Piep! Vagel! piep! an; und er wäre gern einen andern Weg in

den Wald gegangen. Indessen wagte er es doch und ging in den

schauerlichen Hohlweg hinein. Aber kaum hat Jochen seinen Fuß auf

die Stelle gesetzt, wo er gestern Abend den alten Mann mit dem Korbe

in den Schnee gestürzt hatte, so hat es ihn gefaßt und geschüttelt,

und in einem Augenblicke ist er weg gewesen und ist auch nie wieder

gekommen, und kein Mensch hat gehört, wo er gestoben und geflogen ist.

Die Leute haben aber geglaubt, daß der böse Feind ihn geholt habe

wegen der vielen verruchten und gottlosen Streiche, die der

übermüthige Junge immer verübte.

Das ist es aber nicht gewesen, sondern des alten Mannes mit dem Korbe

Piep! Vagel! piep! den er in dem Hohlwege so schändlich umgestoßen

und dann noch schadenfroh ausgelacht hatte. Jochen hat pfeifen

lernen müssen, er ist in einen Piepvogel verwandelt und der

allerkleinste Vogel geworden, der auf Erden lebt. Das ist nun seine

Strafe, daß er im strengsten Winter durch die Sträuche und Hecken

fliegen und um die Häuser und Fenster der Menschen flattern, meist

aber bei armen Leuten rundfliegen und hungern und frieren und piepen

muß. Er hat ein graues Röckchen an gleich dem grauen Kittel, den er

trug, als er verwandelt worden, und muß bis diesen Tag aus

schelmischen und spitzbübisch kleinen Augen lachen, auch wenn ihm

weinerlich zu Muth ist. Er heißt der Zaunkönig, die Leute aber

nennen ihn aus Spott den großen Jochen oder den kurzen Jan; auch wird

er Nesselkönig genannt, weil der arme Schelm durch Nesseln und

Disteln und kleine stachlichte Sträuche schlüpfen und fliegen muß und

meistens in Nesselbüschen sein Nestchen baut. Da hat er nun Zeit

seine Sünden zu bedenken, wann der Wind pfeift und der Schnee stöbert

und er in kahlen Hecken und Zäunen sitzen und piepen muß. Da hören

die Kinder ihn oft mit seiner feinen Stimme singen und denken an die

alte Geschichte von Jochen Diebenkorn. Er singt aber also sein Piep!

Vagel! piep!

Piep! Piep!

De Äppel sünt riep,

De Beren sünt gel,

Dat Speck in de Tweel,

De Stuw is warm,

Hans slöpt Grethen im Arm.

Piep! piep!

Wo koold is de Riep!

Wo dünn is min Kleed!

Wo undicht min Bedd!

Wo lang is de Nacht!

Wer hedd dat woll dacht?

Märchen und Sagen · 第 9 / 17 题