DER ARM

In einer Gesellschaft erzählte einer der Anwesenden folgende

Geschichte:

Einige Zeit nach seinem Einzug in Madrid lud der Großherzog von Berg

die vornehmsten Familien dieser Stadt zu einem Balle ein, den die

französische Armee der neuerworbenen Hauptstadt gab. Ungeachtet des

Galaglanzes waren die Spanier sehr ernst, ihre Frauen tanzten wenig,

und der größte Teil der Geladenen setzte sich an die Spieltische. Die

Gärten des Palastes waren glänzend genug erleuchtet, daß sich die Damen

mit derselben Sicherheit in ihnen ergehen konnten, als wäre es heller

Tag gewesen. Das Fest war kaiserlich schön. Nichts wurde aber auch

gespart, um den Spaniern einen hohen Begriff von dem Kaiser zu geben,

wenn es ihnen beliebte, von seinen Offizieren auf ihn zu urteilen. In

einem Boskett nahe dem Palaste unterhielten sich zwischen ein und zwei

Uhr morgens mehrere französische Krieger von den Wechselfällen des

Krieges und von der Zukunft, die wenig erbaulich sein konnte, wenn man

aus der Haltung der bei diesem Feste anwesenden Spanier einen Schluß

ziehen durfte.

"Meiner Treu," sagte der Ober-Chirurg des Armeekorps, bei dem ich

Generalzahlmeister war, "gestern habe ich den Fürsten Murat förmlich um

meine Zurückberufung gebeten. Ohne gerade zu fürchten, daß ich meine

Gebeine auf der Halbinsel zurücklassen müsse, ziehe ich es doch vor,

die Wunden zu verbinden, die unsere guten deutschen Nachbarn geschlagen

haben; ihre Säbel dringen nicht so tief in den Leib, wie die

kastilianischen Dolche. Dazu kommt noch, daß die Furcht vor Spanien bei

mir gleichsam zu einem Aberglauben geworden ist. Seit meiner Kindheit

habe ich spanische Bücher gelesen, einen Haufen düsterer

Nachtgeschichten und tausend Erzählungen von diesem Lande, die mich

lebhaft gegen seine Sitten eingenommen haben. Und was meint Ihr wohl!

Schon in der kurzen Zeit unseres Hierseins bin ich, wenn nicht der

Held, doch wenigstens der Mitschuldige einer gefährlichen Intrige

geworden, die so schwarz und finster ist, wie nur ein Roman der Lady

Redcliffe sein kann. Ich folge gern meinen Vorgefühlen, und schon

morgen mache ich mich aus dem Staube. Murat wird mir gewiß meinen

Abschied nicht verweigern, denn Dank den Diensten, die wir leisten,

haben wir immer wirksame Fürsprecher."

"Da Du Dich sobald davon machst, erzähle uns doch Dein Abenteuer,"

forderte ihn ein Obrist auf, ein alter Republikaner, der sich um die

schöne Sprache und Höflichkeiten der Kaiserzeit wenig kümmerte.

Der Chirurg blickte sorgfältig um sich, als wolle er jeden prüfen, der

in seiner Nähe stände, und erst, als er sicher war, kein Spanier sei in

seiner Nachbarschaft, begann er: "Gern, Obrist Hulot, denn wir sind

hier nur Franzosen. Es sind nun sechs Tage her, daß ich gegen elf Uhr

abends vom General Montcornet kam und mich nach meiner Wohnung

zurückbegab, die nur wenige Schritte von der Wohnung des Generals

entfernt ist. Da warfen sich plötzlich an der Ecke einer kleinen Straße

zwei Unbekannte oder vielmehr zwei Teufel über mich her und hüllten mir

Kopf und Arme mit einem großen Mantel ein. Ihr könnt es mir glauben,

daß ich schrie wie ein getretener Hund; aber das Tuch erstickte meine

Stimme, und ich wurde mit einer außerordentlichen Gewandtheit in einen

Wagen gehoben. Als mich meine Gefährten von dem Mantel wieder

befreiten, richtete eine weibliche Stimme folgende Worte in schlechtem

Französisch an mich:

'Wenn Ihr um Hilfe ruft oder Miene macht, zu entfliehen, wenn Ihr Euch

nur die geringste zweideutige Bewegung erlaubt, so ist der Herr, der

Euch gegenübersitzt, imstande, Euch ohne Bedenken niederzustoßen.

Haltet Euch also ruhig. Die Ursache Eurer Entführung sollt Ihr jetzt

erfahren. Wollt Ihr Euch die Mühe geben, Eure Hände gegen mich

auszustrekken, so werdet Ihr finden, daß Eure chirurgischen Instrumente

zwischen uns beiden liegen, denn wir haben sie aus Eurer Wohnung holen

lassen; sie werden Euch notwendig sein, denn wir führen Euch in ein

Haus, wo Ihr die Ehre einer Dame retten sollt, die eben im Begriff ist,

ein Kind zu gebären, das sie, ohne daß ihr Gemahl es weiß, diesem Euch

gegenübersitzenden Edelmanne schenkt. Obgleich mein Herr seine Frau

selten verläßt, da er noch immer leidenschaftlich in sie verliebt ist

und sie mit der Aufmerksamkeit spanischer Eifersucht bewacht, so hat

sie ihm dennoch ihre Schwangerschaft zu verbergen gewußt, und er hält

sie für krank. Ihr sollt sie jetzt entbinden. Die Gefahren des

Unternehmens gehen Euch nichts an, nur habt Ihr uns zu gehorchen, sonst

würde der Geliebte, der, wie schon bemerkt, Euch gegenüber im Wagen

sitzt und kein Wort Französisch versteht, Euch bei der geringsten

Unbedachtsamkeit erdolchen.'

'Und wer seid Ihr?' fragte ich, und suchte die Hand der Sprecherin,

deren Arm in den Ärmel eines Mantels gehüllt war.

'Ich bin die Kammerfrau meiner Herrin, ihre Vertraute, und bereit, Euch

durch mich selbst zu belohnen, wenn Ihr uns in unserer mißlichen Lage

unterstützen wollt.'

'Gern,' antwortete ich, als ich mich mit Gewalt in ein gefährliches

Abenteuer hineingezogen sah. Unter dem Schutze der Dunkelheit

überzeugte ich mich, ob Gesicht und Umrisse dieses Mädchens im

Einklange ständen mit der Vorstellung, die ihre Stimme bei mir gebildet

hatte. Dieses gute Geschöpf hatte sich ohne Zweifel gleich im voraus

allen Zufälligkeiten dieser sonderbaren Entführung geopfert, denn sie

beobachtete das gefälligste Schweigen, und der Wagen war kaum zehn

Minuten durch die Straßen von Madrid gerollt, als sie schon einen Kuß

von mir erhielt und mir denselben freundlich wiedergab. Der Liebhaber,

der mir gegenüber saß, schien sich nichts daraus zu machen, daß ich ihn

gegen meinen Willen mit einigen Fußtritten bedachte. Ich glaube, er

beachtete sie nicht, weil er kein Französisch verstand.

'Nur unter einer Bedingung kann ich Eure Geliebte sein,' antwortete mir

die Kammerfrau auf die Dummheiten, mit denen ich sie in der Hitze

meiner improvisierten und auf Hindernisse aller Art stoßenden

Leidenschaft unterhielt.

'Und welches ist die Bedingung?'

'Ihr dürft nie zu erfahren suchen, wem ich angehöre. Wenn ich zu Euch

komme, so wird das Nachts geschehen, und Ihr werdet mich ohne Licht

empfangen.'

'Gut,' erwiderte ich.

Unsere Unterhaltung war bis zu diesem Punkt gediehen, als der Wagen an

der Mauer eines Gartens hielt.

'Jetzt werde ich Euch die Augen verbinden,' sagte die Kammerfrau zu

mir, 'und dann stützt Euch auf meinen Arm, damit ich Euch führen kann.'

Sie schlang ein Taschentuch um meine Augen und band es fest an meinem

Hinterhaupte zu. Ich hörte das Geräusch eines Schlüssels, der mit

Vorsicht von dem schweigenden Geliebten, der mir gegenüber gesessen

hatte, in das Schloß einer kleinen Pforte gesteckt wurde. Gleich darauf

führte mich die Kammerfrau mit gebeugtem Körper durch die sandigen

Gänge eines großen Gartens, bis zu einem gewissen Platz, wo sie stehen

blieb. An dem Widerhall unserer Schritte bemerkte ich, daß wir vor

einem Hause standen.

'Jetzt still,' sagte sie mir ins Ohr, 'und wacht wohl über Euch selbst.

Laßt kein einziges meiner Zeichen Euch entgehen; ich kann ohne Gefahr

für uns beide nicht mehr zu Euch sprechen, und es handelt sich in

diesem Augenblicke darum, Euer eigenes Leben zu retten.' Dann fuhr sie

mit lauter Stimme fort: 'Meine Frau ist in einem Zimmer im Erdgeschoß;

um in dieses zu gelangen, müssen wir durch das Zimmer ihres Gatten und

an seinem Bette vorüber; hustet nicht, geht leise und folgt genau

meinen Schritten, damit Ihr nirgends anstoßt, noch mit dem Fuße von dem

Teppich tretet, den ich auf den Boden gelegt habe.' Der Liebhaber

murrte, wie ein Mann, der unwillig über zu langes Zögern ist. Die

Kammerfrau schwieg, ich hörte eine Tür öffnen und fühlte die warme Luft

eines Zimmers; wir schlichen mit Wolfsschritten, wie Diebe bei einem

Einbruch. Endlich nahm mir die sanfte Hand des Mädchens meine Binde ab.

Ich befand mich in einem großen und hohen Zimmer, das von einer

dampfenden Lampe schlecht erleuchtet wurde. Das Fenster war offen, aber

durch den eifersüchtigen Edelmann mit starken Eisenstäben versehen. Ich

stak in diesem Zimmer wie in einem Sacke. Auf der Erde, auf einer

Decke, lag eine Frau, deren Haupt mit einem Schleier von Musselin

bedeckt war; aber durch diesen Schleier leuchteten mit dem Glanze

zweier Sterne ihre tränenvollen Augen, vor den Mund drückte sie mit

Kraft ein Taschentuch und biß so fest darauf, daß ihre Zähne

hineindrangen; nie hatte ich einen so schönen Körper gesehen, aber

dieser Körper krümmte sich unter den Schmerzen, wie eine ins Feuer

geworfene Harfensaite. Die Unglückliche hatte zwei Bogen aus ihren

Beinen gemacht und stützte sich gegen eine Art Kommode, mit ihren

Händen hielt sie sich an zwei Stuhlbeinen, und alle Adern ihrer Arme

waren schrecklich angeschwollen. So glich sie einem Verbrecher, der auf

einer Folterbank gemartert wird. Übrigens ließ sie keinen Schrei hören,

und das dumpfe Krachen ihrer Knochen war das einzige Geräusch, das die

Stille unterbrach. Wir drei standen stumm und unbeweglich. Das

Schnarchen des Ehemannes verhallte in tröstender Regelmäßigkeit. Ich

wollte die Kammerfrau anblicken, aber sie hatte die Maske wieder

vorgelegt, die sie ohne Zweifel auf dem Wege abgenommen gehabt hatte,

und sah weiter nichts als zwei schwarze Augen und liebliche Umrisse.

Der Liebhaber warf sogleich Tücher über die Beine seiner Geliebten und

legte den Schleier, der ihre Züge verhüllte, doppelt zusammen. Als ich

die Frau sorgfältig beobachtet hatte, erkannte ich an gewissen Zeichen,

die ich erst unlängst bei einem der traurigsten Ereignisse meines

Lebens bemerkt hatte, daß das Kind tot war. Ich neigte mich gegen die

Kammerfrau, um ihr meine Bemerkung mitzuteilen. In diesem Augenblick

zog der mißtrauische Unbekannte seinen Dolch, allein ich hatte noch

Zeit, der Kammerfrau alles zu sagen, die ihm darauf zwei Worte mit

leiser Stimme zuflüsterte. Als der Liebhaber die Ursache meines

Zauderns erkannt hatte, durchfuhr ihn ein leichter Schauder von den

Füßen bis zum Kopfe, und ich glaubte durch die Maske von schwarzem

Sammt hindurch zu erkennen, wie sein Antlitz bleich wurde. Die

Kammerfrau benutzte einen Augenblick, wo der verzweifelte Mann die

schon blau werdende Sterbende betrachtete, um mich mit einem warnenden

Zeichen auf mehrere Gläser Limonade aufmerksam zu machen, die fertig

zubereitet auf einem Tische standen. Ich begriff, daß ich, ungeachtet

der schrecklichen Hitze, die meine Kehle austrocknete, nicht trinken

dürfte. Der Liebhaber hatte Durst; er nahm ein leeres Glas, füllte es

mit Limonade und trank. In diesem Augenblick bekam die Dame

schreckliche Krämpfe, die mir den günstigen Augenblick zur Operation

andeuteten; ich ergriff meine Lanzette und ließ sie schnell und mit

Geschick am rechten Arm zur Ader. Die Kammerfrau fing das reichlich

hervorspringende Blut mit Tüchern auf, und die Unbekannte fiel dann in

eine willkommene Ohnmacht. Ich waffnete mich mit Mut und konnte,

nachdem ich eine Stunde gearbeitet hatte, das Kind in Stücken

herausziehen. Als der Spanier begriff, daß ich seine Geliebte gerettet

hatte, dachte er nicht mehr daran, mich zu vergiften. Dicke Tränen

fielen in Zwischenräumen auf seinen Mantel. Die Frau stieß nicht einen

Laut aus, aber sie zitterte wie ein wildes Tier, das in einer Schlinge

gefangen ist, und der Schweiß rann in starken Tropfen von ihr. In einem

furchtbar kritischen Augenblicke machte sie ein Zeichen, um uns auf das

Zimmer ihres Gatten aufmerksam zu machen. Dieser hatte sich eben in

seinem Bette gewälzt. Von uns vieren hatte sie allein das Geräusch der

Decke oder des Vorhangs gehört. Wir lauschten, und durch die Oeffnungen

ihrer Masken hindurch warfen sich die Kammerfrau und der Liebhaber

Flammenblicke zu, die zu fragen schienen: 'Sollen wir ihn töten?' Dann

streckte ich meine Hand aus, als wollte ich ein Glas der Limonade

nehmen, die der Unbekannte vergiftet hatte. Der Spanier glaubte, daß

ich eins der vollen Gläser trinken wollte; leicht wie eine Katze sprang

er hinzu, legte seinen langen Dolch über die beiden vergifteten Gläser

und ließ mir das seinige, indem er mir andeutete, den Rest aus

demselben zu trinken. In diesem Zeichen und in seiner lebhaften

Bewegung lagen so viele Gedanken, so viel Gefühl, daß ich ihm verzieh,

wenn er auf meinen Tod gesonnen hat, um so jede Erinnerung an dieses

Ereignis zu begraben. Als ich getrunken hatte, drückte er mir die Hand

und hüllte selbst die Trümmer seines Kindes sorgfältig ein. Nach zwei

Stunden voll Sorge und Furcht brachten wir, die Kammerfrau und ich, die

Unbekannte wieder in ihr Bett. Der Liebhaber hatte bei einer so

abenteuerlichen Unternehmung alle Hilfsmittel zu einer Flucht bedacht

und seine Diamanten daher auf ein Papier gelegt; jetzt steckte er sie,

ohne daß ich es wußte, in meine Tasche. Nebenbei muß ich bemerken, daß

ich das wertvolle Geschenk des Spaniers garnicht kannte und mein

Bedienter am folgenden Tage den Schatz raubte, um mit diesem großen

Vermögen zu entfliehen. Ich sprach mit der Kammerfrau noch über die

Vorsichtsmaßregeln, die sie zu treffen hätte, und wollte gehen. Die

Kammerfrau blieb bei ihrer Herrin, allerdings ein Umstand, der mich

nicht sehr ermutigte; ich beschloß indes auf meiner Hut zu sein. Der

Liebhaber packte das tote Kind und die Wäsche, mit der die Kammerfrau

das Blut ihrer Herrin aufgefangen hatte, in ein Bündel zusammen. Er

band es fest zusammen, nahm es unter seinen Mantel, fuhr mit der Hand

über meine Augen, als wollte er mir sagen, daß ich sie schließen

sollte, und ging dann voraus, mich durch ein Zeichen auffordernd, den

Zipfel seines Rockes zu ergreifen; ich gehorchte ihm, warf aber noch

einen letzten Blick auf meine so zufällig erlangte Geliebte. Die

Kammerfrau riß ihre Maske ab, als sie den Spanier draußen sah, und

zeigte mir das lieblichste Gesicht von der Welt. Als ich mich wieder im

Garten befand und die freie Luft einatmete, da, ich gestehe es, war

mir, als fiele ein ungeheures Gewicht von meiner Brust. Ich ging in

achtungsvoller Entfernung hinter meinem Führer her und beobachtete die

geringste seiner Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit. Als wir an

der kleinen Pforte wieder angekommen waren, faßte er meine Hand und

drückte mir das Petschaft eines Ringes, den ich an einem Finger seiner

linken Hand gesehen hatte, auf den Mund, ich aber gab ihm zu verstehen,

daß ich dieses beredte Zeichen begriffe. Auf der Straße warteten unsere

zwei Pferde; jeder von uns bestieg eins; mein Spanier bemächtigte sich

meines Zügels, und nahm den seinigen zwischen die Zähne, denn in seiner

Rechten hatte er das blutige Paket. Mit der Schnelligkeit des Blitzes

ritten wir davon. Es war mir unmöglich, auch nur den geringsten

Gegenstand zu merken, an dem ich später den Weg wieder hätte erkennen

können, den wir gekommen waren. Mit Tagesanbruch befand ich mich vor

meiner Tür und der Spanier entfloh nach dem Tore von Atocha hin."

"Und Du konntest gar nichts entdecken, woran man später jene Frau hätte

wiedererkennen können?" fragte der Obrist den Chirurgen.

"Nur ein einziges Mal," antwortete dieser.

"Als ich die Unbekannte zur Ader ließ, bemerkte ich an ihrem Arm, ein

wenig über der Mitte desselben, ein kleines Mal, etwa wie eine Linse

groß und von braunen Haaren umgeben."

In diesem Augenblicke erbleichte der Chirurg, der die gelobte

Verschwiegenheit verletzt hatte; aller Augen hefteten sich auf die

seinigen und folgten dann der Richtung seines Blickes. Die Franzosen

sahen einen Spanier, der in einen Mantel gehüllt war, und dessen Augen

durch ein Gebüsch von Orangen blitzten. Kaum hatten indes die Offiziere

ihre Blicke auf diesen Mann gerichtet, als er mit der Leichtigkeit

einer Sylphe entfloh. Ein Hauptmann verfolgte ihn schnell. "Teufel,

meine Freunde!" rief der Chirurg aus, "dieses Basiliskenauge hat mich

zu Eis erstarrt. Ist es mir doch, als hörte ich Totenglocken läuten!

Empfangt mein Lebewohl, Ihr werdet mich hier begraben!"

"Bist Du dumm," meinte der Obrist Hulot. "Falcon verfolgt den Spanier

und wird uns schon Rechenschaft zu geben wissen."

"Da kommt er!" riefen die Offiziere aus, als sie den Hauptmann atemlos

zurückkehren sahen.

"Zum Teufel!" versetzte Falcon, "der ist, glaube ich, über die Mauer

gesprungen. Ein Hexenmeister kann er nicht sein, also muß er hier ins

Haus gehören! Der kennt hier alle Wege und Schliche, deswegen ist er

mir so leicht entgangen."

"Ich bin verloren!" versetzte der Chirurg mit trüber Stimme.

"Beruhige Dich," antwortete ich, "wir werden der Reihe nach bis zu

Deiner Abreise bei Dir wachen. Heute Abend begleiten wir Dich!"

In der Tat führten drei junge Offiziere, die ihr Geld beim Spiel

verloren hatten, den Chirurg in seine Wohnung zurück, und einer von

ihnen erbot sich, bei ihm zu bleiben. Am zweiten Tage darauf hatte der

Chirurg seine Versetzung zu einem in Frankreich stehenden Heere erlangt

und traf alle Vorbereitungen, um in Gesellschaft einer Dame abzureisen,

die von Murat eine starke Bedeckung erhielt. Zuletzt speiste er noch

einmal in Gesellschaft seiner Freunde, als ihn sein Bedienter

benachrichtigte, daß eine junge Dame mit ihm sprechen wolle. Der

Chirurg ging sogleich mit drei Offizieren hinaus, da er irgend eine

Falle befürchtete, und die Unbekannte konnte ihrem Geliebten nur noch

zurufen: "Nimm Dich in acht!" und stürzte tot nieder. Es war die

Kammerfrau, die, als sie sich vergiftet fühlte, noch zur rechten Zeit

anzukommen gehofft hatte, um den Chirurg zu warnen.

"Teufel, Teufel!" rief der Hauptmann Falcon aus, "das heißt lieben.

Aber auch nur eine Spanierin kann noch zu ihrem Geliebten laufen, wenn

ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt."

Der Chirurg versank in tiefes Nachdenken. Um die unheilvollen

Vorgefühle, die ihn quälten, zu ersticken, setzte er sich wieder an den

Tisch und trank unmäßig, wie auch seine Gäste taten. Als alle halb

berauscht waren, begaben sie sich frühzeitig zur Ruhe. Mitten in der

Nacht wurde der Chirurg durch ein schrillendes Geräusch erweckt, das

von den Ringen seiner Bettvorhänge herrührte, die heftig an den Stäben

zurückgerissen wurden. Er richtete sich von seinem Lager auf und war

eine Beute jenes mechanischen Zitterns, das uns bei einem solchen

Erwachen zu ergreifen pflegt. Da sah er vor sich einen Spanier, der in

einen Mantel gehüllt war und ihm denselben Flammenblick zuwarf, der am

Abend des Balles durch das Orangengebüsch geleuchtet hatte. Der Chirurg

schrie auf: "Zu Hilfe, zu Hilfe! Zu mir, meine Freunde!" Der Spanier

antwortete auf dieses Angstgeschrei nur mit einem bittern Lächeln.

"Das Opium wächst für jedermann!" versetzte er dann. Als er diese Worte

gesagt hatte, zeigte er auf die drei in festem Schlaf liegenden Freunde

und zog dann unter seinem Mantel einen frisch abgeschnittenen Frauenarm

hervor, den er mit einer lebhaften Bewegung dem Chirurg zeigte, um ihn

auf ein Mal aufmerksam zu machen, welches jenem ähnlich war, das dieser

so unklugerweise beschrieben hatte.

"Ist es derselbe?" fragte er.

Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte

der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne

weitere Erörterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in

das Herz des Chirurgen."--

"Ihre Erzählung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhörer zu

dem Erzähler. "Können Sie mir wohl erklären, wer sie Ihnen erzählt hat,

ob der Tote oder der Spanier?"

"Mein Herr," antwortete der Erzähler, "ich habe den armen Mann

gepflegt, da er erst fünf Tage später unter schrecklichen Leiden starb.

Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder

einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber

glücklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir

Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner

Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomére, wo sich auch

mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch

verließ, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im

Exil, der seit fünfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr

spät war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor

Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm

durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses

Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen.

Denkt Euch, ein lebendiges Gemälde von Murillo. Unter gewölbten und

schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz

war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte glühende Tinten; sein

Körper war so leidend, daß man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und

diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu

haben. Sie hatte jenen bewunderungswürdigen Wuchs, für den die

spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich,

war sie noch immer schön; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge

eines für eine Spanierin sonst unerhörten Privilegiums; aber aus ihren

Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie

ansah, wie geschmolzenes Blei.

"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soirée, "durch welchen

Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?"

"Im Unabhängigkeitskriege," antwortete sie mir.

Große und kleine Welt · 第 8 / 12 题