=Dorothea Schlegel, geb. Mendelssohn.=
_Jena_, den 17ten December 1801.
Werther Freund! ich bin so frey gewesen in dieser Sache etwas
eigenmächtig zu handeln, worüber ich Sie zuvörderst um Verzeihung
bitten muß. Die Sache erschien mir auf einmal, durch Ihre Zustimmung,
als ein wirkliches Geschäft, die ich erst als einen bloßen Einfall
behandelte. Da nun ein Geschäft etwas ehrwürdiges ist, so konnte ich
es unmöglich in B.’s (Brentano’s?) Hände geben, sondern ich habe
Frommann zu Rathe gezogen, der sich auch der Sache ernstlich und
treulich angenommen hat. Ihren Brief an die Direktion hat er an einen
seiner Correspondenten nach Frankfurt geschickt, der zum Glück ein
angesehener Mann, und einer der Theater-Direktoren ist, auch B. kennt
ihn als solchen. Dadurch gewinnt es in den Augen der Frankfurter mehr
Solidität, als wenn blos B. sich dafür interessirte; B. hat aber zu
gleicher Zeit und wie von selber an seine guten Freunde schreiben
müssen: „wie er gehört, Herr Tieck wolle das Amt annehmen, und wie er
ihnen Glück dazu wünsche und“ -- ~enfin~ mehr dergleichen, daß es Ihnen
vielleicht helfen, aber gewiß nicht schaden kann; denn wer weis in
welchem Ruf B. in seiner Vaterstadt stehet? Ihren Brief habe ich ihm
auch nicht gegeben, sondern schicke ihn Ihnen hiemit zurück, denn
erstlich machen Sie ihn darin zum Direktor des Geschäftes, welches er
nicht seyn soll, und nicht seyn darf, zweytens hätte er sich durch
diesen Brief nach seiner Art berechtiget gefunden, grade zu Goethe
zu gehen, um mit diesem sich ein ~air~ zu geben, das wäre gar nicht
zu wünschen gewesen, sondern es hätte Goethe nur aufgebracht, und
verdrüßlich gemacht, denn B. ist jetzt fataler als jemals. Frommann war
gestern bey Goethe und er hat ihm gesagt (Goethe nemlich zu F.), daß er
Ihnen schon alles selbst geschrieben habe. Einen Brief an die Direktion
hat er an Frommann nicht gegeben, welches ich eben nicht artig finde.
Doch vielleicht erreichen Sie Ihren Zweck auch ohne diesen. Auf Ihren
Brief an die Direktion habe ich noch Ihre vollständige Adresse gesetzt;
Sie werden nun also von ihr direct Antwort erhalten, oder auch durch
Frommann, an B. schreiben Sie nur einen kurzen freundlichen Dankbrief
für sein Andenken; ich habe ihn schon von Ihnen gegrüßt, und Sie
entschuldigt, daß Sie ihm noch nicht geschrieben; also brauchen Sie ihn
in weiter nichts zu meliren. Das ist weit besser.
Von Friedrich habe ich meistens nur verdrüßliche Briefe, nemlich
Briefe in denen er verdrüßlich ist; er hat viele häßliche Geschäfte,
und was noch schlimmer ist, er konnte sie noch gar nicht besorgen,
weil er seinen Koffer nicht hatte, der auf der Post zu Halle stehen
geblieben. Nun hat er ihn aber wohl; und nun erwarte ich mit jeden
Posttag ängstlich meine Bestimmung von ihm zu erfahren, wenn ich nach
Dresden reisen soll? Es kömmt ganz auf Friedrich an, lieber Freund,
ich bin ganz reisefertig, und sehne mich sehr von hier fort, wo es mir
eben nicht gut geht, besonders seit Friedrich verreist ist; ich wäre so
gern bey Ihnen in Dresden! Grüßen Sie doch die _Ernst_ recht sehr
von mir und übernehmen Sie meine Entschuldigung wenn sie wegen meiner
Zögerung ungeduldig wird. Ich möchte Ihnen gern alles sagen können,
welche innige Freude Sie mir mit dem Octavian gemacht, Frommann hat ihn
mir vorgelesen. Ich danke Ihnen tausendmal dafür. Nie habe ich wieder
Ihre ganze Liebenswürdigkeit, die Tiefe und die Glorie Ihrer Kunst und
Ihrer Liebe so gefühlt! nehmen Sie meine Worte so an, ich möchte wohl,
ich könnte es Ihnen besser sagen! Die Lebens-Elemente lese ich auch
fleißig und sie öffnen meinen Blick in die Natur, und machen mich für
jede Ansicht empfänglich. Ich habe schon so viel Neues daraus gelernt,
mehr als ich sagen kann; ich lese sie alle Tage fast, und weiß sie fast
auswendig. Das Wasser lese ich immer mit einer recht frohen frommen
Empfindung, auch das Licht, es sind rechte Offenbarungen.
Lachen Sie mich nicht damit aus, lieber Tieck, Sie mögen sonst so viel
über mich lachen, als Sie wollen.
Was meynen Sie zu den Gedichten, die Friedrich in Vermehrens Almanach
hat? ist das nicht entzückend und rührend aus den Minnesängern?
Leben Sie recht wohl, seyn Sie recht glücklich und mögen Ihnen doch
Ihre Vorsätze und Wünsche alle erfüllt werden.