XVI.

_Wien_, den 29ten Oktober 1828.

_Geliebter Freund!_

Jedes Wort der freundschaftlichen Erinnerung, wie ich deren von Zeit

zu Zeit mehrere erhielt, hat mich jedesmal herzlich erfreut. Mit

besonderm Interesse habe ich auch Deine jetzige schöne Reise in diesem

Sommer in Gedanken verfolgt und begleitet und mich besonders gefreut,

daß Du längere Zeit in Bonn und so freundschaftlich mit dem Bruder A.

W. zusammen lebtest. Vielleicht wirst Du mir, nach Deiner freieren

Art, die Dinge zu nehmen, am besten erklären können, wie er eigentlich

in diesen seltsamen Zustand, in Beziehung auf mich, gerathen ist, und

mir darin als alter Freund Aufschluß geben können. -- Ich freue mich

außerordentlich darauf, Dich bald wieder zu sehen und mich in Deinem

Umgang und Gespräch mannichfach erfrischen und beleben zu können.

Ich stehe im Begriff, mit meiner Nichte Buttlar -- aber nur mit ihr

ganz allein, da wir uns so eng als möglich einrichten wollen --

morgen nach Dresden abzugehen, wie es ihre Angelegenheiten immer

wünschenswerth machten, und jetzt fast unumgänglich nothwendig gemacht

haben, da so manches durch die persönliche Gegenwart viel besser und

leichter abgemacht werden kann.

Für unsre kleine Einrichtung auf einige Wochen oder anderthalb Monathe

-- ~en chambre garnie~ oder wie es sonst am besten seyn wird --

zähle ich auf den freundschaftlichen Rath und Beystand Deiner lieben

Frau und der trefflichen Dorothea, die ich herzlich zu grüßen, und mich

auch der Gräfin F. auf das angelegentlichste zu empfehlen bitte.

Was Du von meinen neuen Vorlesungen etwa noch nicht kennst oder nicht

selbst hast, bringe ich alles für Dich mit.

Bis zum 4ten oder 5ten denke ich wohl gewiß in Dresden zu seyn, da wir

uns in Prag nicht aufhalten. Meine Frau, die in so später Jahreszeit

freylich nicht mehr so weit reisen kann, empfiehlt sich bestens und

erinnert sich oft freundschaftlichst der alten Zeiten und Deiner.

In Hinsicht auf meine Familie ist freylich in Dresden vieles

verändert, und in diesem ersten Aufenthalte meines Jugendlebens Alles

ausgestorben[21] und leer. Um so mehr ist es mir werth und köstlich, an

Dir und den Deinigen dort alte Freunde zu treffen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 281 / 309 题