XIV.

_Wien_, den 17ten Juni 1823.

_Theuerster Freund!_

Ich habe Dir den I.-III. Theil der neuen Ausgabe meiner Werke durch

_Maria Weber_ geschickt; die Theile IV., V., VI. wirst Du durch die

_Familie Krause_ hoffentlich richtig erhalten. Die Bände VII. und VIII.

ist jetzt die Gräfin L., Schwester des Oesterreichischen Gesandten in

Berlin so gütig, für Dich mitzunehmen. Wenn Dich diese Zeilen, wie ich

hoffe, in Dresden treffen, so wird sich diese geistreiche Dame sehr

freuen, Deine ihr lange erwünschte persönliche Bekanntschaft zu machen.

Da sie unsre genaue Freundin und eigentlich unser bester Umgang hier

ist, so kann sie Dir, wenn sie Gelegenheit findet, Dich zu sprechen,

mehr von mir und von uns und unserm hiesigen Leben erzählen, als ich

irgend in einem Briefe im Stande wäre, Dir mitzutheilen.

Du hast mich, geliebter Freund! auf die poetischen Arbeiten von Schütz

und einiges andere in Deiner letzten Erinnerung an mich aufmerksam

gemacht. Ich muß Dir aber wohl gestehen, daß mir eigentlich das

Einzelne solcher Kunstversuche, jetzt etwas fern liegt und mich so sehr

noch nicht berührt, bis ich nicht etwas Bedeutendes daraus erfolgen

sehe. Sollte aber unsre deutsche tragische Kunst noch zu einer festen

Form gelangen und eine wirkliche Kraft werden, so vermuthe ich, daß

dieses eher auf dem lyrischen Wege geschehen wird, als auf dem von Euch

empfohlenen Shakspearschen historischen, der mir doch nur ein Surrogat

des Epischen zu sein scheint, in verunglückter Form. (!) Doch davon ein

andermal mehr, wenn ich vielleicht auch noch einmal einen Versuch in

einer oder der andern Art mache.

Ich empfehle das wichtige und mühevolle Unternehmen meiner Werke Deiner

freundschaftlichen Theilnahme und Mitwirkung. Wie ich meine frühern

Schnitzer umgearbeitet habe, das wird wohl nur von wenigen nach seinem

ganzen Umfange und vielleicht erst später anerkannt werden.

Sehr freuen aber würde es mich, wenn dazu von Dir einstweilen eine

Stimme vernommen und der Ton angegeben würde; in einer Form, wie sie

grade Dir angemessen ist, als _leichter_, freundschaftlicher _Brief_,

der etwa im _Morgenblatt_oder in einer andern solchen Zeitschrift

stehen könnte. Die Theile III.-VI. werden vor der Hand vielleicht am

meisten Interesse für Dich haben. Mich würde es doppelt erfreuen, wie

mich alles erfreut, was ich irgend von Dir lese; und auch als Zeichen

der Erinnerung und Denkmal Deiner unveränderten Freundschaft.

Was Schütz betrifft, so liebe ich ihn persönlich sehr, und ich glaube,

es liegt eben auch nur in dem Mangel oder _Nicht-Ergreifen_ des

entscheidenden Mittelpunkts, daß er bei solcher Erkenntniß aller Ideen

nicht zur lichten Klarheit weder im Wissen noch in der Kunst gelangen

kann.

Das ist nun eben der Punkt, wo es so vielen fehlt, und über welchen

hinüber zu kommen, nur ein Gott den rechten Muth geben kann.

Laß mich bald einmal wieder etwas von Dir hören, und laß Dir die

Erfüllung meines geäußerten Wunsches nochmals empfohlen sein. Von

ganzem Herzen

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 277 / 309 题