XIII.

_Wien_, den 19ten Juni 1821.

_Geliebter Freund!_

Eine gute Bekannte und Freundin von meiner Frau, Franzisca Caspers,

die sehr lebhaft Deine Bekanntschaft wünscht, giebt mir die erwünschte

Veranlassung, Dir mein Andenken freundschaftlich in Erinnerung zu

bringen. Wohl habe ich mich gefreut, von manchen Seiten von Dir zu

hören, daß Du angenehm und heiter in Dresden lebst. Ich wünsche Dir

Glück dazu; mir selbst ist der Muth zu etwas entfernteren Reisen noch

nicht wieder gewachsen. So wie ich höre, bist Du auch thätig und im

Geiste immerfort mit den alten Kunst-Ideen und Gegenständen Deiner

ersten Liebe beschäftigt. Dies hat mich sehr gefreut; fahre nur so

fort damit, was Du auch immer davon zu Tage förderst, es ist immer

ein reicher Gewinn für die Welt und eine besondre Erquickung für uns,

in glücklicher Erinnerung fröhlicher alter Zeiten. Laß mich ja immer

recht bald und wo möglich zuerst wissen, was Dir die guten Tage neues

bringen. Ich bin jetzt fast ausschließend und sehr ernstlich mit der

Herausgabe meiner sämmtlichen Werke beschäftigt, und habe schon viel

dazu gearbeitet, besonders zuerst bedeutende Zusätze zu der Geschichte

der Litteratur. Ich denke mich in 1 bis 1½ Jahren durch das Ganze

durchzuarbeiten, und dann werde ich den Rest des Lebens ganz der

Philosophie widmen, und einigen Gedichten, die ich noch im Sinne habe.

-- Da ich weiß, daß Du immer freundlichen Antheil an uns zu nehmen

gewohnt bist, so füge ich nun noch einige Nachrichten von uns selbst

hinzu. Meine Frau ist nun bald seit einem Jahre aus Rom hier zurück

gekommen; sie war, da sie kam, sehr übel und krank. Im Wesentlichen

wurde sie bald hergestellt, doch hat sie den Winter einige Monate das

Zimmer nicht verlassen dürfen, was freilich eben nicht zu wundern ist

bei dem Abstande eines Römischen Winters von dem hiesigen.

So habe ich den Winter ziemlich melancholisch verlebt, und bin darüber

auch außer Correspondenz mit Aug. W. gerathen, von dem ich daher keine

Nachricht habe. Unser Philipp hat eine Judith in Oel gemalt, die sehr

gerühmt wird, wie auch einige gute Porträte. Seine große Frescoarbeit

aus Dantes Paradiese ist angefangen, aber noch nicht vollendet. --

Den ältesten Johannes freuen wir uns sehr gegen den Winter hier zu

sehen; denn meine Hoffnung, vielleicht selbst im Herbst einen Besuch in

Dresden machen zu können, ist nur sehr schwach.

Grüße meine Schwester, Nichte und das ganze Haus, wenn Du sie siehst;

desgl. auch den Freund Schütz. Dieser hat unsre Hoffnung, ihn hier zu

sehen, leider bis jetzt nicht erfüllt. Ich interessire mich immer sehr

für alle seine Arbeiten, doch bei weitem noch mehr für ihn selbst;

in der Philosophie sind wir noch sehr weit aus einander; er lebt so

ganz in dem Gewebe von Abstractionen, die mir nichtig scheinen, und

in die ich mich nur noch mit Mühe finden kann, da ich sie schon so

lange verlassen habe. Dieses war auch der Eindruck, den mir ein großer

philosophischer Aufsatz von ihm machte, den mir Collin mitgetheilt hat.

Sage ihm das gelegentlich, da mir bis jetzt noch unmöglich war, ihm

selbst zu schreiben. Grüße die Deinigen, und behalte mich und meine

Frau in freundschaftlichem Andenken.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 275 / 309 题