XI.

_Dresden_, den 30ten Mai 1808.

_Geliebter Freund!_

Seit einiger Zeit schon bin ich hier, wo wir uns vor sechs Jahren so

oft sahen und uns wohl nicht auf so lange zu trennen glaubten! Ich

erwarte jeden Tag Wilhelmen, der mit der Staël von Wien hier durch

kommt. Die Freude des Wiedersehens würde für mich vollkommen sein,

wenn ich auch Dich hier gefunden hätte, oder noch fände. Ist es Dir

möglich, so komme noch hieher. Ich bleibe noch einige Wochen gewiß

hier, und wenn Du es mir gleich meldest, so würde ich auch die Abreise

gern noch so weit es möglich wäre auf die Hoffnung Deiner Ankunft

verschieben. Ich bitte Dich also darum, als den erwünschtesten Beweiß

der Freundschaft, den Du mir jetzt geben kannst. Denn ich kann für

dießmal wenigstens nach Berlin und Deiner Gegend hin meinen Weg nicht

nehmen.

Vieles hat sich seit diesen sechs Jahren um uns und in uns verändert.

Nur meine Liebe zu Dir ist dieselbe geblieben. So wirst Du es

wenigstens finden, wenn Du selbst kommen willst, wovon Du Dich durch

nichts solltest abhalten oder stören lassen. Meine Frau hegt die

gleiche Gesinnung für Dich und unsre treuen Wünsche haben Dich stets

begleitet. Laß mich bald von Dir hören, oder besser noch Dich selbst

sehen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 271 / 309 题