VIII.

_Paris_, den 15ten Sept. 1803.

Den Wunsch, einen Brief von Dir zu lesen, geliebter Freund, muß ich,

wie es scheint, wohl aufgeben, indessen kann ich doch der Gewohnheit

nicht widerstehen, wieder einmal an Dich zu schreiben, und Dir

Nachricht von mir zu geben. Mir geht es gut; doch ist damit mehr das

Nützliche als das Angenehme gemeint. So frohe Tage leben wir hier

nicht, wie in Dresden; aber gelernt habe ich in dem Jahre so viel, daß

ich’s zeitlebens nicht bereuen könnte, hier gewesen zu sein. Anfangs

hat mich die Kunst und die Persische Sprache am meisten beschäftigt.

Allein jetzt ist alles dies vom Sanskrit verdrängt. Hier ist eigentlich

die Quelle aller Sprachen, aller Gedanken und Gedichte des menschlichen

Geistes; _alles_, alles stammt aus Indien ohne Ausnahme. Ich habe

über vieles eine ganz andre Ansicht und Einsicht bekommen, seit ich aus

dieser Quelle schöpfen kann. Was wir Poesie nennen ist verhältnißmäßig

späteren Ursprungs, und ganz bestimmt die Poesie der Helden und

Fürsten, der zweiten Indischen Kaste; die einfachere und tiefere Poesie

der Braminen ist nie nach Europa gekommen. Aelter aber als die Poesie

ist die Religion und die Oekonomie, wenn man es so nennen darf; Ackerbau

und Ehe, beide aber ganz als gottesdienstliche, durchaus unnütze und

bloß symbolische Handlungen, die früheste Art der noch körperlichen

Gebete.

Das Persische ist dem Deutschen so verwandt, daß man beides fast

für eine Sprache ansehn kann; nur ist die eine so arabisirt, als

die andre latinisirt. Sogar der Gang der Poesie und Litteratur bei

beiden Nationen ist zum Erstaunen ähnlich; in der ältesten Epoche eine

Masse von alten mythischen Nationalgedichten; auch in der Sprache

ganz einheimisch; und dann eine romantische Zeit, wo das Arabische

so durchaus angenommen aber auch mehr geformt wird, wie in unsrer

Schwäbisch oder Französisch. Ich denke, Du wirst von beiden bald viel

von mir zu lesen bekommen; zum Theil auch in der Europa. Um so mehr

möchte ich Dich von neuem auffordern, an derselben Antheil zu nehmen.

Am liebsten hätte ich die Fortsetzung Deiner Briefe über Shakespear.

Oder, wenn Du daraus durchaus ein besonderes Werk machen willst,

so wär’ es wohl gut, wenn Du einmal etwas über Deine Nordischen

und altdeutschen Studien gäbest, zur Vorbereitung des Heldenbuchs

Percival, Titurel und was Du sonst vorhast. Wie steht es mit Deinem

Plan hierüber, auch mit dem über das Nibelungenlied? Ich habe mich

mit dem letzten hier von neuem sehr beschäftigt (wie denn für das

Altdeutsche und Isländische hier weit mehr Hülfsmittel sind, als ich

irgendwo in Deutschland beisammen gefunden), und möchte ich Dich

fragen, ob ein von mir besorgter Abdruck desselben Deine Bearbeitung,

die Du vor hast, stören könnte? Meine Absicht ist, es gar nicht

zu verändern, gar nicht umzubilden; sondern nur grade so viel zu

retouchiren, daß es verständlich ist. -- Wenn Du es _ergänzen_

willst, wie Deine Absicht war, so dürfte das dahin führen, alle die

zerstreuten Glieder der Nordischen Dichtung wieder zu verbinden, was

Du so bald nicht vollenden wirst, und dann wirst Du sehr abweichen

müssen von dem Nibelungenliede, so wie es jetzt ist. Mir däucht aber,

dieses Gedicht muß so ganz Grundlage und Eckstein unsrer Poesie werden,

daß außer Deiner Bearbeitung und meinem bloß retouchirten Abdruck

auch wohl noch eine ganz kritische Edition existiren sollte in der

ältern Orthographie, mit Berichtigung der Lesart und Erklärung der

unveränderten alten Sprache allein bestätigt (?).

Laß mich über diesen Punkt bald Antwort wissen, und wenn es möglich,

erfülle meinen Wunsch in Rücksicht der Europa. Daß Du Deine Gedichte

in derselben nicht abdrucken lassen wollen, begreife ich nicht recht,

besonders unlieb war mir’s auch deswegen, weil ich keine Abschrift

derselben genommen. Was hast Du sonst gemacht? Ich weiß nichts mehr

von Dir. Meine Frau ist beschäftigt mit einem Auszug oder vielmehr

Uebersetzung des alten Romans vom Zauberer Merlin. Dieser ist eine wahre

Fundgrube von Erfindung und Witz. Ueberhaupt leben wir gut, was an uns

liegt, die Sorge und den Verdruß abgerechnet; worunter die größte

Bekümmerniß die ist, daß meine Freunde mich so bald vergessen und

verlassen haben.

Lebe wohl und grüße die Deinigen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 265 / 309 题