_Bonn_, d. 2. Jun. 36.
_Geliebtester Freund!_
Ich gab an Löbell eine kleine Einlage, um meine Antwort ja nicht
zu verzögern. Jetzt versichre ich Dich von neuem, daß mir dein
Besuch unendlich willkommen sein, und daß Dein und Deiner beiden
Reisegefährtinnen Empfang mir nicht die mindeste Unbequemlichkeit
verursachen wird.
Löbell hat die artig eingerichteten Zimmer im obern Stock gesehn.
Deine Schlafzimmer kennst Du; der Keller ist ziemlich gut besetzt, die
Kalesche ist auch noch da. ~Es casa vuestra, Sennor.~
Du sagst, ich halte mich tapfer. Ich bestrebe mich freilich. Diesen
Frühling reite ich sogar wieder. Abends bei hellem Kerzenlicht, sauber
geputzt und mit meinen Orden=~pompons~ angethan, in der neuesten,
noch nicht fuchsig gewordenen Perücke bringe ich noch eine leidliche
Decoration heraus. Schöne Damen sagen mir, ich müsse wohl ein Geheimniß
besitzen, um mich immerfort zu verjüngen. Aber die Pflege des Leibes
nimmt Zeit weg. Dazu bedarf ich viel Schlaf und zu ungelegenen Stunden.
Dies artet zuweilen in das Murmelthierische aus. Sei aber nur nicht
bange vor meiner Schlafmützigkeit. Wenn ich wach bin, so bin ich es
recht, besonders wenn eine geistige Anregung hinzukommt, und an guten
Späßen soll es nicht fehlen.
Du hast Recht: ich hätte längst Dich in Dresden besuchen sollen,
wiewohl sich an diesen Ort traurige Erinnerungen für mich geknüpft
haben. Ich war auch oft darauf bedacht, aber zur Ausführung aller
Reiseplane gehört Zeit und Geld. Die eben erwähnte körperliche
Verfassung ist Ursache, daß ich mit meinen gelehrten Arbeiten gar nicht
so vorrücke, wie ich wollte und sollte, was mich zuweilen recht muthlos
macht.
Was das zweite betrifft, so habe ich leider die Kunst verlernt,
wohlfeil zu reisen. Ich brauche einen Bedienten, einen eignen Wagen,
Postpferde und gute Gasthöfe. In Paris bin ich durch die Gastfreiheit
meiner Freunde geborgen; doch giebt es in einer Hauptstadt immer noch
manche Ausgaben.
Mein Londoner Triumphzug, ein Aufenthalt von nur sechs Wochen, hat
entsetzlich viel gekostet. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß mir der
Göthesche Aufwasch und Auskehricht eben so zuwider ist, wie Dir. Ich
lese das Zeug nicht. Der Alte muß nun durch dieses Fegefeuer gehen. Die
Zeit wird die Schlacken wegläutern. Es muß zu einer Auswahl kommen:
Werke des lebendigen Goethe.
Hier hast Du ein Wortspiel auf den Zelterschen Briefwechsel. -- Dein
Tischlermeister, den ich mit vielem Ergötzen gelesen, hat mich an ein
~ineditum~ erinnert, das ich seit undenklichen Zeiten, und zwar
aus authentischer Quelle, dem autographen Original, besitze. Du kannst
damit nach Belieben schalten. Melde mir doch die Adresse meiner Nichte
Auguste Buttlar. Ich habe allzulange versäumt ihr zu schreiben. Wenn
Du sie siehst, so grüße sie und entschuldige mich. -- Gieb mir auch
Nachricht von Deinem Neffen und Knorring. Von Deinem Bruder hatte ich
letzthin einen Brief, der aber darüber nichts enthält. Nun merke wohl:
bis Anfang September triffst Du mich sicher hier. Lebe unterdessen
recht wohl, geliebter Freund. Herzliche Grüße an die Deinigen.