XXXI.

_Bonn_, d. 27. Mai 36.

_Geliebtester Freund und Bruder!_

Gestern brachte mir Herr Löbell zu meiner großen Freude Deinen Brief.

Wir gingen sogleich auf meine Bibliothek, um den fraglichen Theil

der Schauspiele des Lope de Vega zu suchen; aber, o Jammer! es fand

sich, daß es derselbe sei, den du schon doppelt hast. ~Barcelona

1630. 4 Parte veynte. La discreta vengança. Locierto per lo dudoso.

Pobreza no es vileza. Aranco domado etc. etc.~ Aus Verdruß, Dir

nichts angenehmes schicken zu können, möchte ich Dir nun dieses dritte

Exemplar zu Deinen zweien persönlich an den Kopf werfen, wozu Du mir

hoffentlich Gelegenheit schaffen wirst.

Mit den Blumensträußen ist es leider eben so. Ich habe nur ein einziges

Exemplar auf Velin, nicht einmal ein gewöhnliches, zum Behuf des

Setzers, bei einem etwanigen neuen Druck. Ich begreife es aber nicht

recht. Reimer lamentirte ja immer so, es habe wenig Absatz gefunden.

Hat er etwa alles zu Maculatur gemacht? Unser gemeinschaftlicher

Musenalmanach ist eine große Seltenheit geworden: mein wieder

ergattertes Exemplar halt ich unter Schloß und Riegel. Das Athenäum ist

vergriffen, die Charakteristiken und Kritiken vergriffen, mein Calderon

vergriffen. Auch meine französische Schrift über die Phädra des Racine

ist, wie mich ein von Paris kommender Italiener versichert, dort nicht

aufzutreiben.

Wenn du die Kur in Baden gebrauchst, so führe doch ja Deinen Vorsatz

aus, hierher zu kommen. Durch die erweiterte Dampfschifffahrt ist ja

alles näher gerückt, man kommt den Rhein mit Blitzesschnelle hinunter.

Von Mainz ist man zeitig den Nachmittag hier. Komm nur ja. Ich kann der

Gräfin Finkenstein, Dir und Deiner Tochter recht hübsch eingerichtete

Zimmer einräumen, da ich jetzt ganz allein mein Haus bewohne. Aber nur

drei Tage, mein Freund, das wäre in der That nicht vernünftig. Richte

Dich gleich wenigstens auf acht Tage ein. Den Rückweg kannst Du dann

auf dem Rhein bis Mainz und über Frankfurt nehmen, oder auch nur bis

Coblenz und dann quer über nach Cassel. Es ist wahrlich kein großer

Umweg. Melde mir nur recht bald, ob Deine Reise nach Baden stattfindet,

und von dort aus, wann ich Euren Besuch zu erwarten habe. Zu allem, was

das Haus vermag, sollt Ihr bestens willkommen sein.

Ich bin sehr erfreut, daß die Nachrichten von Deiner Gesundheit

einigermaßen günstig lauten. Oft habe ich Deine Geduld, Deine gute

Laune und heitre Thätigkeit bei so vielen körperlichen Beschwerden

bewundert. Wenn es nur mit Deiner lieben Frau besser stände! Grüße sie

herzlich von mir, so wie Deine Töchter und die edle Gräfin. Löbell

will dieses einschließen: um seine Antwort nicht zu verzögern,

verspare ich alles übrige auf einen zweiten Brief. Mit unveränderlicher

Liebe

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 240 / 309 题