XXX.

_Bonn_, den 15ten Januar 1830.

_Theuerster Freund!_

Hier sende ich Dir einige Späße, welche ich Dich bitte mit aller

möglichen Discretion anonym in eins der gelesensten Tageblätter

zu bringen, deren ja eine Menge in Deiner Nähe erscheint. Hast Du

diese erst fein säuberlich angebracht, dann will ich Dir noch einige

esoterische, bloß zu Deinem Ergötzen mittheilen.

Den Briefwechsel habe ich erst jetzt gelesen: Du kannst denken,

welchen Eindruck er auf mich gemacht hat. Oft habe ich gelacht, oft

großes Erbarmen mit beiden gehabt, besonders aber mit dem kranken Uhu

Schiller. Daß er nicht bloß auf Friedrich, sondern auch auf mich einen

so unversöhnlichen Haß geworfen hatte, war mir doch einigermaßen neu.

Mir ist es recht lieb, er ist nun vogelfrei für mich, da mir bisher

die Rücksicht auf ein ehemaliges Verhältniß immer noch Zwang anthat.

Mit Goethe hatte ich in jener Zeit keine Ursache unzufrieden zu seyn,

er benahm sich ganz loyal gegen mich, auch war er viel zu klug, um

sich, wie Schiller, zu überreden, wir jungen Leute wären gar nicht

da, und würden nie etwas in der Welt bedeuten. Auf Goethe bin ich

eigentlich nur deswegen böse, weil er durch Bekanntmachung solcher

Erbärmlichkeiten sich und seinen Freund so arg prostituirt. Eine der

lustigsten Partien ist die von dem Kunstbavian und die enthusiastische

Bewunderung der beiden großen Männer für ihn. Das arme abgeschabte

Thier wird nun hier auf den Jahrmarkt gebracht, um genärrt zu werden,

nachdem offenkundig geworden, daß es weder zeichnen noch malen, weder

sprechen noch schreiben, weder denken noch imaginiren kann. Ich habe

etwa 20 Briefe von Schiller und 30 von Goethe. Was meynst Du, soll

ich diese nun bei dieser Gelegenheit drucken lassen, und eine kurze

Erzählung meiner persönlichen Verhältnisse mit beiden beifügen?

Wäre es nicht vielleicht auch gut, die Aufsätze von Friedrich,

welche den großen Haß entzündet haben, wieder abdrucken zu lassen?

Ich erinnere mich unter andern, daß seine Anzeige der Xenien ein

Meisterstück von Witz war. Ich habe deßhalb schon Reichardts Journal

„Deutschland“ verschrieben; aber die Frage ist, ob sich noch Exemplare

finden? Vielleicht hast Du es selbst, oder findest es in einer

Familien-Bibliothek? Laß mich doch wissen.

Was meynst Du überhaupt zu einem neuen Abdruck von Friedrichs

jugendlichen Schriften? Was er ausdrücklich verdammt hat z. B. die

Lucinde, einige anstößige und wirklich tolle Fragmente &c. muß freilich

ungedruckt bleiben: aber es sind so viel andre schöne Sachen, um die es

wahrlich Schade wäre. Aus der Sammlung seiner Schriften, wie sie jetzt

ist, wird niemand errathen, daß er unendlich viel gesellschaftlichen

Witz besaß. Ich habe auch eine Unzahl von Briefen, noch habe ich

die Packete nicht geöffnet. Es ließen sich daraus vielleicht sehr

interessante Auszüge machen. Kurz, ich hätte Lust, dem früheren

Friedrich gegen den spätern ein Denkmal zu setzen.

Schreibe mir bald, und empfiehl mich angelegentlich Deiner lieben

Frau, Deinen Töchtern und der edlen und liebenswürdigen Gräfin

von Finkenstein. Entschuldige so gut Du kannst, mein sündhaftes

Nichtschreiben. Es ist ein Laster, wogegen alle guten Vorsätze nichts

helfen. Deine Frau hat mir durch Zusendung Deines Porträts, gezeichnet

von Auguste Buttlar, eine große Freude gemacht. Alle Freunde finden es

meisterlich getroffen. Ich habe an meine Nichte nach Wien geschrieben,

aber seit geraumer Zeit kein Lebenszeichen von ihr empfangen. Ich weiß

nicht einmal ihre Adresse in der großen Hauptstadt. Warum verweilt

sie immer dort, und wendet sich nicht nach Berlin, überhaupt nach dem

Norden von Deutschland? Für Holland und die Niederlande könnte ich ihr

sehr nachdrückliche Empfehlungen an die Königin schaffen und geben.

Ich halte jetzt wieder meine Wintervorlesungen für die Damen, die

stärker besucht sind als je. Da würdest Du die schönsten Frauen und

Mädchen von Bonn beisammen sehen.

Vor einiger Zeit, da ich in einer schlaflosen Nacht Deinen Fortunat

las, habe ich, wie ich fürchte, durch mein Lachen alle Nachbarn

aufgeweckt. Unser berühmter Arzt, v. Walther, bewundert besonders die

Consultation der Aerzte. Bloß wegen der Hörner-Scenen muß ich Dich für

einen Wohlthäter der Menschheit erklären.

Ich hecke immer allerlei Späße aus, die in meinem Portefeuille bleiben.

Gedruckt sind nur ein paar kritische Vorreden in lateinischer Sprache.

Im vorigen Jahre sind zwei starke Bände Indischer Text erschienen, bald

ist wieder einer fertig. Du würdest diese Dinge wohl bewundern, wenn

sie Dir in einer verständlichen Sprache zugebracht würden, welches

denn auch geschehen soll. So eben habe ich Briefe aus Indien. Ich

bin zum Mitgliede der literarischen Gesellschaft in Bombay ernannt.

Zugleich kündigt mir der Gouverneur, General Malcolm eine Sendung von

Manuscripten und andern Asiatischen Antiquitäten an, die auch bereits

in London angekommen ist.

Nun lebe recht wohl, grüße Alle, schreibe mir bald und behalte mich

lieb. Wenn Du wieder nach Bonn kommst, soll besser für Logis gesorgt

seyn, denn ich habe das obere Stockwerk einrichten lassen. Die edlen

Rosse stolzieren noch immer vor meinem Wagen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 237 / 309 题