XXVI.

_Berlin_, d. 13. März 1804.

Verzeih, geliebter Freund, daß ich mit der Antwort so lange im

Rückstande geblieben bin, ich bin sehr mit Arbeiten geplagt, und habe

außerdem noch vielerlei Störungen. Das Geschenk an die Schwester habe

ich gehörig besorgt, sie läßt Malchen herzlich dafür danken, es hat

ihr eine große Freude gemacht. Ihr müßt sie entschuldigen, daß sie

euch nicht schriftlich selbst ihren Dank gesagt hat, das Schreiben

wird ihr bei ihrem jetzigen Befinden schwer. Die letzten drei Wochen

ist es gar nicht so gewesen, wie ich gewünscht hätte. Wenige Tage vor

ihrem Geburtstage hatte sie einen schlimmen Krampfzufall, wir bemühten

uns um so mehr, ihr auch etwas hübsches zu schenken, und diesen Tag

heiter zu feiern. -- Hufeland, mit dem ich neulich am dritten Orte über

ihren Zustand sprach, giebt alle Hoffnung, er rechnet besonders auf

den Frühling, auf ihre Reise, und die mit verändertem Aufenthalt und

Verhältnissen verbundne Beruhigung und Aufheiterung. Er bediente sich

noch gegen mich des Ausdrucks, sie müsse sich nothwendig herausreißen.

Wenn Du kommst, und die Aufwallung der Freude sie etwa wohler aussehen

macht, so bittet sie Dich, Dir ja darüber nichts merken zu lassen, weil

Bernhardi die Wichtigkeit ihrer Uebel niemals eingestehen will.

Die Materie von den Niebelungen ist zu weitläuftig, um darüber zu

schreiben, ich verspare alles auf das mündliche. Mit Johannes Müller,

der seit einigen Wochen hier ist und nun auch hier bleibt, da ihn der

König in Dienste genommen, habe ich ein ausführliches Gespräch darüber

gehabt, und verschiedenes, was ich noch nicht wußte, über manche

historische Punkte erfahren.

Wenn Du nicht bald kommst, so schick mir noch vorher das Verzeichniß

der zu unsern nordischen Studien nothwendigen Bücher, ich wollte es dem

Grafen Baudissin gerne noch vor meiner Abreise von hier einhändigen.

Ich werde wohl auf die Messe nach Leipzig gehen, und nachher eine

Zeitlang in Nennhausen zubringen. -- Daß Du das Buch der Liebe wieder

mitbringst, darauf verlasse ich mich, mein Herz hängt daran.

Knorring läßt Dich und Burgsdorff schönstens grüßen, und den letztern

bitten, die Commission wegen der Pferde nicht zu vergessen, da jetzt,

wo ich nicht irre, der bewußte Pferdemarkt ist. Es liegt viel daran, er

wird sich vielen Dank erwerben, wenn er die Sache sich will empfohlen

sein lassen.

Die dramatischen Fantasieen Deiner Schwester werden in diesen Tagen

fertig gedruckt sein, sobald ein gutes Exemplar zu haben ist, sollst Du

es bekommen.

Ich werde das Vergnügen haben, Dir eine kleine Sammlung _dramatischer

Spiele_ von einem jungen Freunde, der sich Pellegrin genannt hat,

als Herausgeber einzuhändigen. Das meinem Bruder bestimmte Exemplar

von den Minneliedern solltest Du hier jemand in Verwahrung geben, um

eine Gelegenheit nach Paris zu benutzen; von Ziebingen aus wird sich

schwerlich eine finden. Friedrich ist übel daran, wenn er die neuen

Sachen so spät erhält.

Ich weiß nicht, was mir den Verdacht zugezogen haben kann, gegen Dich

erkaltet zu sein, als daß ich in Aeußerung meiner Urtheile über Deine

kritischen Arbeiten und Plane zurückhaltender geworden bin, weil Dir

meine offenherzigen Bemerkungen über die Minnelieder misfallen haben,

und Du sie zurückgewiesen hast. Da Du aber meine Meinung über die

metrische Form der Niebelungen wissen willst, so will ich sie gern

sagen. Der längere Vers am Schluß der 4ten Zeile scheint mir durchaus

wesentlich. Mit der Assonanz, das finde ich problematisch. Hier und

da sehe ich Spuren des ehemaligen vollkommnen Reims in der Mitte,

an den meisten Stellen so wenig assonirendes, daß ich mir gar nicht

denken kann, wie der alte Text sollte gewesen sein. Und doch glaube ich

Spuren zu sehen, daß er sehr geschont ist, und nur das nothwendigste

verändert worden. Bedenke auch, daß in den Zeilen des Urtextes die

weiblichen Endsylben noch nicht durch das durchgängige e gleichgemacht

waren, sondern mit a, o, i, u wechselten und also die Beobachtung der

weiblichen Assonanz doppelt künstlich gewesen wäre. Ueberhaupt würde ich

für die wenigst möglichen Veränderungen des Textes stimmen, so daß nur

das undeutlich gewordne und störend Veraltete weggenommen würde. Doch

jeder hat hierbei seine eigne Weise.

Den Codex von St. Gallen wird man zum Collationiren nicht habhaft

werden können, die ganze Bibliothek ist versprengt, und steckt in

einzelnen Kisten und Verschlägen in Tyrol und da herum, wie mir Joh.

Müller gesagt.

Wie kommst Du auf Wolfram von Eschilbach als Bearbeiter des jetzigen

Textes vom Heldenbuch, des gedruckten nämlich? Dieses ist ja viel

später. Wie Du aus Adelungs Nachrichten sehen kannst, sind die

wichtigsten Handschriften vom Heldenbuch in Rom.

Doch ich muß abbrechen. Dein Bruder in Weimar ist wohl und sehr

fleißig. -- Mit dem 2ten B. Span. Theater bin ich leider immer noch in

der Arbeit, das zweite Stück ist immer noch nicht ganz fertig und das

3te nicht angefangen. Seit einigen Tagen ist meine Schwester mit den

ihrigen aus Dresden hier.

Grüße Malchen schönstens, ihr Eifer für das Spanische freut mich sehr,

meine hiesigen Schüler haben, Schierstädt ausgenommen, seit meinen

im vorigen Winter gegebenen Stunden nicht viel darin gethan. Den

~Lazarillo de Tormes~ habe ich leider immer noch nicht habhaft

werden können. Wer weiß, ob er ihr so viel Vergnügen macht, denn ich

bin von diesem Fache des Bettlerischen und Lausigen nämlich, ein ganz

besondrer Liebhaber.

Leb recht wohl.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 231 / 309 题