XXV.

_Berlin_, d. 8. Febr. 1804.

_Liebster Freund!_

Verzeih, daß ich auf Deine öftern freilich kurzen Briefe so lange

geschwiegen; ich stecke sehr in Arbeiten und dann wollte ich sogleich

das Buch der Liebe mitschicken, was ich nicht eher als jetzt konnte.

Es fällt mir schwer, mich davon zu trennen, und ich bitte Dich zu

glauben, daß ich Dir etwas anvertraue, was mir sehr viel werth ist,

und woran ein Schade mir nicht leicht würde ersetzt werden können. Ich

rechne darauf, daß Du es bei Deiner Hieherkunft wohl eingepackt wieder

mitbringen wirst.

Wegen der beiden nordischen Bücher haben wir sogleich auf die Königl.

Bibl. geschickt, aber zur Antwort erhalten, daß sie nicht da sind. Das

Kjämpa Wisar ist mir unmittelbar aus Herders Volksliedern bekannt,

wo einige vortreffliche Romanzen daraus sich finden. Melde mir doch,

was sonst noch außer diesen und der Heimskringla Saga das wichtigste

zum Studium der nordischen Mythologie und Geschichte für uns ist, so

wollte ich versuchen, alles mit einemmal zu bekommen. Der dänische

Gesandte Graf Baudissin ist nämlich mein sehr eifriger Zuhörer, und

würde gewiß auf meine Bitte gern in Dänemark Auftrag ertheilen, auch

solche Bücher, die nicht im Buchladen zu haben sind, für mich zu

kaufen. Mit Steffens ist in diesem Punkte nicht viel zu machen.

Die Trutz-Nachtigall von Spee haben wir ebenfalls unterdessen entdeckt,

und Deine Schwester besitzt sie jetzt sogar eigen. Ich weiß nun, wo

sich so manche Lieder herschreiben, die ich in meinen katholischen

Gesangbüchern lange geliebt und bewundert habe. Es sind mir auch die

Lebensumstände des Verfassers bekannt.

Das lateinische Gedicht von Walther von Aquitanien, worauf ich Dich

aufmerksam machen ließ, ist allerdings dasselbe, welches Du, wie ich

sehe, schon kennst. Wenn es Dir nicht so wichtig vorkommt wie mir, so

ist unsre Ansicht eben verschieden. Daß es schlecht Latein und zum

Theil in schlechten Hexametern geschrieben, hat mir am wenigsten dabei

Anstoß gegeben.

Das Althertum des latein. Textes wird sich an gewissen Kennzeichen,

wenigstens auf ein Jahrhundert nach, bestimmen lassen, und ich

glaube einige dergleichen schon gefunden zu haben, denen zufolge es

zwar nicht so alt sein würde, als der Herausgeber will, aber immer

noch viel älter, als unser heutiger _Text_ der Niebelungen.

Was aber mir das Wichtige dabei scheint, ist die über allen Zweifel

einleuchtende Gewißheit, daß der latein. Verfasser nach einem deutschen

Gedicht im Styl und aus dem Zeitalter der Niebelungen gearbeitet,

und solches bloß mit Virgil. Phrasen zugestutzt. Es finden sich zwar

über manches abweichende Angaben in beiden, die aber zur Bestätigung

der Aechtheit dienen, gerade wie die mythischen Widersprüche in der

Ilias und Odyssee. Die Uebereinstimmung, besonders bis in das tiefste

und feinste der Charakterdarstellung hierin ist desto merkwürdiger.

Uebrigens hat Fischer auch den Schluß des Gedichts aus einem andern

Codex herausgegeben. Das Stück, welches ich in meinen Vorlesungen aus

den Niebelungen bloß in etwas erneuter Sprache mitgetheilt, Dir zu

schicken, wäre in der That nicht der Mühe werth. Du kannst Dir denken,

daß eine Arbeit, die schnell nur für den Augenblick hingeworfen wurde,

nicht mit aller nöthigen Sorgfalt und reiflichen Ueberlegung ausgebildet

werden konnte. Ich hab mir zum Gesetz gemacht, nichts grammatisch

durchaus veraltetes stehen zu lassen, und mußte daher oft auch die

Reime ändern.

Deiner lieben Frau sage, sobald ich den ~Lazarillo de Tormes~

besäße, würde ich ihn ihr gewiß mittheilen, ich zweifle aber, ob es ihr

so viel Vergnügen machen wird, wie mir, indem ich einen ganz besondern

Sinn und eine angeborne Freude am Bettelhaften und Lustigen habe.

Du hast Glück mit altdeutschen Seltenheiten, der Tyturell ist gewiß

eine große. Da die alte Bearbeitung schon in Strophen und kurzen Versen

war, so ist es vermuthlich weniger alterirt, als das Heldenbuch.

Deine Schwester läßt auch herzlich grüßen, und bitten, die Herkunft

möglichst zu beschleunigen, und ihr den _deutschen Amadis_

mitzubringen. Dies vergiß ja nicht. Sie war diese Zeit her etwas

wohler, hat aber seit einigen Tagen viel Krämpfe gehabt. Dein Bruder

ist wohl und fleißig. Grüße an Burgsdorf!

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 229 / 309 题