XXIV.

B., d. 2. Juni 1803.

Aus Deiner Antwort sehe ich, liebster Freund, daß wir über die

Minnelieder uns schwerlich in unsern Meinungen vereinigen werden; wir

wollen uns nicht darum entzweien, es behalte jeder seine Ueberzeugung

und wisse sie in Zukunft so gut als möglich zu vertheidigen. Verzeih

meine Offenheit und schick mir die Blätter mit den Bemerkungen wieder.

Ich habe übernommen, eine Correctur oder vielmehr Revision zu machen,

dieß nehme ich auch noch nicht zurück, jedoch muß ich eine Bedingung

ausdrücklich hinzufügen; es ist die, daß ich ganz und gar keine

Verantwortlichkeit haben will. Denn zuvörderst ist es eine Sache,

wobei die Setzer sehr leicht Versehen machen können, zweitens traue

ich mir selbst nicht die Geduld zu, Dein Manuscript in allen Pünktchen

mit den gedruckten Bogen zu vergleichen, drittens ist Deine Hand

nicht so leserlich, daß ich nicht, so sehr ich an sie gewohnt bin,

zuweilen über die Leseart zweifelhaft sein sollte, und endlich habe

ich nach unsern gegenseitigen Erklärungen gar kein Kriterium mehr für

das, was ein offenbarer Schreibfehler ist, und muß also auch stehen

lassen, was ich dafür halte. _Trauren_-=Schwenderin= schien

mir einer, Du nahmst es aber bei Deinem Hiersein in Schutz, führst es

auch jetzt nicht unter denen an, die Du verbessert zu sehen wünschest.

_Sehnden_ in _sehnenden_ zu verwandeln verdirbt an manchen

Stellen nach den vorgenommenen Veränderungen den Vers, wie gleich vorn

in dem Liede von Veldeck, wo jetzt _Gedanken_ für _Denken_

steht u. s. w. Ich werde die Correctur, wenn auch der Druck anfängt,

nicht eher machen, bis ich Deine förmliche und unverklausulirte

Lossprechung von aller Verantwortlichkeit habe; Du kannst dagegen

gewiß sein, daß ich meinen Ueberzeugungen nicht ein Tüttelchen Deiner

Handschrift aufopfern werden.

Deine Schwester läßt herzlich grüßen, sie hat wieder einige schlimme

Tage gehabt, es fehlt viel, daß das Uebel schon aus dem Grunde gehoben

wäre. Indessen wird sie alles thun, um die Reise nach Dresden

baldmöglichst zu bewerkstelligen.

Reimer hatte Dir schon geschrieben, wie ich gestern zu ihm kam.

Lebe recht wohl, grüße Deine liebe Frau.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 227 / 309 题