B., d. 2. Juni 1803.
Aus Deiner Antwort sehe ich, liebster Freund, daß wir über die
Minnelieder uns schwerlich in unsern Meinungen vereinigen werden; wir
wollen uns nicht darum entzweien, es behalte jeder seine Ueberzeugung
und wisse sie in Zukunft so gut als möglich zu vertheidigen. Verzeih
meine Offenheit und schick mir die Blätter mit den Bemerkungen wieder.
Ich habe übernommen, eine Correctur oder vielmehr Revision zu machen,
dieß nehme ich auch noch nicht zurück, jedoch muß ich eine Bedingung
ausdrücklich hinzufügen; es ist die, daß ich ganz und gar keine
Verantwortlichkeit haben will. Denn zuvörderst ist es eine Sache,
wobei die Setzer sehr leicht Versehen machen können, zweitens traue
ich mir selbst nicht die Geduld zu, Dein Manuscript in allen Pünktchen
mit den gedruckten Bogen zu vergleichen, drittens ist Deine Hand
nicht so leserlich, daß ich nicht, so sehr ich an sie gewohnt bin,
zuweilen über die Leseart zweifelhaft sein sollte, und endlich habe
ich nach unsern gegenseitigen Erklärungen gar kein Kriterium mehr für
das, was ein offenbarer Schreibfehler ist, und muß also auch stehen
lassen, was ich dafür halte. _Trauren_-=Schwenderin= schien
mir einer, Du nahmst es aber bei Deinem Hiersein in Schutz, führst es
auch jetzt nicht unter denen an, die Du verbessert zu sehen wünschest.
_Sehnden_ in _sehnenden_ zu verwandeln verdirbt an manchen
Stellen nach den vorgenommenen Veränderungen den Vers, wie gleich vorn
in dem Liede von Veldeck, wo jetzt _Gedanken_ für _Denken_
steht u. s. w. Ich werde die Correctur, wenn auch der Druck anfängt,
nicht eher machen, bis ich Deine förmliche und unverklausulirte
Lossprechung von aller Verantwortlichkeit habe; Du kannst dagegen
gewiß sein, daß ich meinen Ueberzeugungen nicht ein Tüttelchen Deiner
Handschrift aufopfern werden.
Deine Schwester läßt herzlich grüßen, sie hat wieder einige schlimme
Tage gehabt, es fehlt viel, daß das Uebel schon aus dem Grunde gehoben
wäre. Indessen wird sie alles thun, um die Reise nach Dresden
baldmöglichst zu bewerkstelligen.
Reimer hatte Dir schon geschrieben, wie ich gestern zu ihm kam.
Lebe recht wohl, grüße Deine liebe Frau.