_Berlin_, d. 20. Sept. 1802.
_Liebster Freund!_
Ich habe mich sehr gefreut, einmal Nachricht von Dir zu erhalten, auch
über die Sendung vom Manuscript. Den wiedergefundenen Aufsatz von
Hardenberg haben wir alle mit großem Entzücken gelesen, es ist ein
herrliches und vielleicht sein eigenthümlichstes Werk.
Versäume nun nur nicht, das übrige zu rechter Zeit zu schicken, damit
der Druck nachher nicht wieder still stehen muß. Die Correctur werde
ich mit allem Fleiß besorgen.
Ich dachte es gleich, daß es mit dem Span. Theater bei Nicolovius
nichts wäre: er liebt die kleinen Honorare, außer wo er einmal den
Glauben hat, wie bei Voß. Mahlmann ist vollends ein knauseriger Patron.
-- Ich habe daher hier mit Reimer gesprochen, dieser hat es auch
angenommen, eine Auflage von 1000 Ex., für den Bogen im Format meines
Shaksp. d. h. à 27 Zeilen die Seite, gleich nach dem Druck
2½ Lsd. und nach Absatz der Auflage noch ½ Lsd. Letzthin sagte
er mir aber, er habe sich verrechnet, und komme bei solchem Format
und Honorar bei dem Preise, den er für den Band setzen könne, nicht
heraus. Er schlug deswegen vor, kleineres Format zu nehmen, etwa
23 statt 27 Zeilen, und dann das Honorar nach diesem Verhältniß zu
berechnen, wobei der Uebersetzer dann nichts verlieren würde. Auf diese
Art ließen sich aber wohl nur 2 Stücke in einen Band bringen; kleines
Format ist übrigens ganz schicklich, da die meisten Verse so kurz sind.
Bis der Erfolg gesichert ist, hat er sich freilich nur auf eine Probe
eingelassen: auf 1 Th. von 3 oder 2 Bänden, jeden zu 2 Stücken.
Der Titel Spanisches Theater hat ihm für das große Lesepublikum
vortheilhafter geschienen. Da es mir aber gar zu disperat vorkommt,
die Stücke von Calderon mit denen der übrigen zu vermischen, gerade
als wenn man in meinem Englischen Theater Shakespeare mit Ben Jonson
und Fletscher u. s. w. zusammenstellen wollte, so wird die Einrichtung
getroffen, noch einen 2ten Titel voran zu schicken. _Schauspiele
von Don Pedro Calderon de la Barca._ 1 Th., so daß diese besonders
gesammelt werden können, und wir die Schauspiele von andern: Cervantes,
Lope, Moreto &c. immer in eigne Bände zusammenbringen.
_Die Andacht zum Kreuze_ habe ich seit kurzem fertig und von Ulyß
und Circe, ~El mayor encanto amor~ den Anfang übersetzt. Jetzt
gehe ich wieder mit Eifer an dies letzte, und hoffe Dir bald beides
zusammen mittheilen zu können.
Es wäre der Mannichfaltigkeit wegen schön, wenn Du Lust hättest, zuerst
~Las blancas manos no ofenden~ vorzunehmen, damit wir auch ein
eigentliches Intriguenstück mit modernen Sitten haben.
Was die Assonanz betrifft, so hat mich ihre Behandlung in dem bisher
übersetzten noch mehr überzeugt, daß vollkommener Gleichlaut in den
Vocalen erforderlich ist, daß sie nur durch völlige Gleichartigkeit in
einer bedeutenden Masse wirken kann.
Ich halte daher =e= und =ö= (e und ä sind völlig gleich, und eins muß
häufig die Stelle des andern vertreten; _leben_ und _wählen_ macht
vollkommene Assonanz mit _Seele_ u. s. w.) ferner =i= und =ü= auch
=ei= und =eu= auseinander. Ich habe lange Stücke mit bloßem =i--e=
und bloßem =ei--e= gemacht, oben eins mit =ü--e=, welches sich sehr
gut ausnimmt, und einen ganz anderen Charakter hat, wie das =i=. Wir
gewinnen dadurch auch mehr Mannichfaltigkeit, da wir zum zweiten Vokal
immer nur =e= haben und die Spanier mit =~o~=, =~a~=, =~e~= variiren.
Calderon bringt nicht leicht in demselben Stück ganz dieselbe Assonanz
wieder. Mein Grundsatz ist, wenn er eine einsylbige hat, sie ebenfalls
einsylbig und in demselben Vocal zu nehmen; bei den zweisylbigen
so viel möglich das analogste heraus zu fühlen. Seine häufigsten
Assonanzen sind =~e--o~=, =~e--a~=, =~e--e~=. Wollen wir uns bei
diesen immer nach dem accentuirten Vocal richten, so bekommen wir ganz
übermäßig viel =e=, welches zwar bequem, aber nicht schön ist. Ich habe
in der ~Devocion de la Cruz~ einmal =~e--e~= durch =i--e= gegeben, in
dem 2ten S. =~e--o~= durch =ü--e=, welches sich vortrefflich macht.
=~i--o~= denke ich, kann man in der Regel am besten durch =ei--e=,
vielleicht auch durch =eu--e= (wo denn auch =äu= mit hingehört) geben.
=~a--e~= habe ich einmal durch =au--e= gegeben, welches aber eine von
den schwierigsten Assonanzen.
Daß ich sie immer eben so lange behalte wie C. versteht sich.
Wie ich es überhaupt mit dem Uebersetzen des Calderon nehme, wirst Du
am besten sehn, wenn ich Dir die beiden Stücke schicke; wo Du Dir dann
wohl die Mühe nicht verdrießen läßt, sie im Einzelnen mit dem Original
zu vergleichen, und mir Dein Urtheil zu sagen. Ich habe diesen Sommer
noch viel Calderon gelesen und studirt, doch ist noch viel zurück, und
es kann nicht leicht genug geschehn.
Mit den Amazonen bin ich noch nicht weiter. Wir haben letzthin einmal
einige Glossen gemacht, und da haben wir folgende Verse von Dir:
Liebe denkt in süßen Tönen,
Denn Gedanken stehn zu fern,
Nur in Tönen mag sie gern
Alles, was sie will, verschönen.
die in den Fantasieen stehen, und die Friedrich schon einmal als
schicklich dazu ausgefunden hatte, glossirt. Deine Schwester und ich,
jeder 2 mal, Schütze hat auch eine Glosse darauf gemacht. Es wird
mir lieb sein, wenn Du mir den Tristan zurückschickst. Die beiden
katholischen Gesangbücher bringst Du mir wohl mit, wenn Du herkommst.
Das _Lied der Nibelungen_ kann ich vielleicht hier auf der Bibliothek
haben, dann magst Du es immer noch behalten. Ich will doch Reimer
wieder treiben, daß er Dir noch die Müllerschen Sachen zu schaffen
sucht. -- Auf den Winter möchte ich von Dir wohl zum Gebrauch bei
meinen Vorlesungen wieder einiges haben: Deinen _Ben Jonson_, die ~_Six
old plays_~ und den _Dodsley_. Wenn du von Dresden weggehst, so nimmst
Du sie vielleicht mit nach Ziebingen, und bringst sie mir von da mit,
oder schickst sie. Die ~Spurious plays~ von Shakspeare werde ich auch
Noth haben, hier zu kriegen.
Was Du über den Tristan schreibst, ist mir sehr interessant, aber über
meinen Plan muß ich mich nicht recht deutlich gemacht haben, denn wie
Du es meinst, das würde ich allerdings für höchst fehlerhaft halten.
Man muß, däucht mir, diese Geschichte als eine Mythologie betrachten,
wo man wohl modificiren, erweitern, flüchtige Winke glänzend benutzen,
aber nicht rein heraus erfinden darf. Das ist schon in den ältesten
Bearbeitungen des Tristan, daß er an den Hof des Artus kommt. Diese
Indication hat schon der Verfasser des ~Nouveau Tristan~ (freilich
eines ziemlich schlechten Buchs); Du wirst es in Dresden finden, es
ist klein Folio, aus dem 16ten Jahrhundert; Tressan hat nichts anders
gekannt, als gerade dieses, und es auf seine Weise zu benutzen gesucht.
Ich glaube, schon in der Minnesänger-Behandlung wird die Bekanntschaft
mit _Lancelot_ ausdrücklich erwähnt. Hier wollte ich nun einen
Theil von der Geschichte des letzten, wie sie in dem großen in Dresden
befindlichen Ritterbuche befindlich, erzählen lassen, überhaupt eine
Aussicht auf die Herrlichkeit von Artus Hof öffnen, wo das Graal dann,
als ein noch unaufgelöstes Abentheuer prachtvoll im Hintergrunde stehen
sollte. Lancelot sowohl als Tristan reiten _nicht_ nach dem Graal,
sie wissen wohl, daß sie sich entsetzlich prostituiren würden, wenn sie
es thäten, weil ein jungfräulicher Ritter dazu erfordert wird.
Aber das ist gerade ihre Wehmuth und ihre Reue, daß sie, sonst in
allem die ersten, hier ausgeschlossen sind. Weiter steht nichts in der
Ankündigung in meinem 1 sten Gesange, und sollte diese dennoch an dem
Misverständnisse Schuld sein, so kann sie nachher verändert werden,
wenn ich mit dem Gedichte fertig bin. Darüber kann ich nicht mit Dir
einig sein, daß das religiöse im alten Tristan spöttisch zu nehmen sei:
es scheint mir rechter Ernst, daß Gott der schuldigen Isolde bei der
Feuerprobe durchhilft. Dieses Gemisch von Sündlichkeit und Unschuld,
von Leichtfertigkeit und Frömmigkeit scheint mir eben der eigenste
Geist des Gedichts und Tristan besonders wird als ein wahrer Heiliger
und Märtyrer der Treue aufgestellt.
Ueber das Alter des Romans möchte es schwer sein, etwas auszumitteln,
ohne in der französischen National-Bibliothek alle die alten
Manuscripte vor sich zu haben und zu vergleichen. Lies doch auch die
Bearbeitung im Buch der Liebe.
Viele Grüße an Deine liebe Frau. Deine Schwester mußt Du
entschuldigen, das Schreiben fällt ihr jetzt gar zu schwer, sonst ist
ihr Befinden leidlich. -- Bernhardi ist mit seiner Grammatik fertig.