XV.

_Jena_, d. 17. Sept. 1801.

_Liebster Freund!_

Es ist mir sehr angenehm, daß Du einmal wieder ein Zeichen des Lebens

giebst. Dein Bruder ist vor beinahe 14 Tagen in Weimar angekommen.

Am Dienstage vor acht Tagen fuhr er mit Catel (der in Weimar am

Schlosse Arbeit hat, und bei dem er wohnt) nach Jena herüber, ich war

aber gerade denselben Tag nach W. geritten, um ihn aufzusuchen, und

verfehlte ihn also dort. Das schlechte Wetter hielt mich ab, den Abend

noch wieder zurück zu reiten, ich brachte also den Tag bei Goethe zu,

und kam am andern Morgen nach Jena zurück. Glücklicher Weise hatte mich

Dein Bruder abgewartet, und blieb nun ein paar Tage bei uns. Ich habe

ihn gleich sehr lieb gewonnen, wir sind wie alte Bekannte.

Dein eingeschloßnes Blatt an ihn habe ich gleich mit der ersten Post

nach W. geschickt, er wird es nun aber doch noch nicht erhalten haben,

denn ich erhielt gleich Morgens darauf ein Billet von ihm hier aus dem

Wirthshause, er sei mit Catel wieder hier durchgekommen, aber ohne

sich aufzuhalten; sie gingen nach Schwarzburg, und würden den 18ten

oder 19ten wieder hier eintreffen. Da werde ich ihm alsdann den Inhalt

Deines Blattes mündlich sagen. Er verläßt W. noch nicht sogleich, weil

er Goethes Büste machen wird, wozu dieser ihm 8 Tage sitzen muß; doch

er wird Dir das nächstens genauer schreiben.

Hier sind wiederum Aushängebogen vom Almanach. Es wird rasch

fortgedruckt, in 14 Tagen ist alles fertig. Du versprichst noch

Beiträge: sie müßten sehr bald ankommen, um noch mit hinein geordnet

zu werden. Deine Schwester meldet mir von einem Gedichte für den

Almanach, das sie an Dich geschickt; ich hoffe, Du wirst es nicht

aufgehalten haben, es würde noch sehr willkommen sein.

Liebster Freund, die Correcturen kosten mir sehr viel Zeit und Mühe;

ich bin dafür bekannt, ein genauer Abschreiber und Corrector zu sein,

wenn Du aber Deine Gedichte ganz fehlerfrei gedruckt haben willst, mußt

Du für bessere Handschriften sorgen. Ich hätte Dich die Romanze nur

sollen abschreiben lassen, sagst Du; als wenn ich Dir nicht täglich

darum angelegen hätte, so lange Du in Berlin warst, ich predigte aber

tauben Ohren. Nachher reistest Du weg und vergaßest sie; man fand das

Manuscript unter weggeworfenen Papieren, so daß es überhaupt nur durch

einen Zufall gerettet ist. Ich fand es mißlich, Dir es zu überschicken,

ohne vorher eine Abschrift zu nehmen; es konnte verloren gehen, und

wer war im Stande zu weissagen, wann Du einmal die Abschrift schicken

würdest? Ich nahm also die Mühe über mich, ich bin doch sonst ziemlich

geübt, Deine Hand zu lesen, diesmal überstieg ihre Schlechtigkeit aber

allen Begriff, und wenn bei der Enträthselung dieser seltsamen Chiffern

nicht mehr Versehen vorgefallen sind, so ist es immer ein Glück.

Das eine, was Du anders wünschest, ist eine völlig veränderte Leseart,

die Du erst jetzt bestimmt angiebst; was Du mir darüber nach Berlin

schriebst, war so, daß ich nichts daraus zu nehmen wußte. Daß die

ausgelassene Strophe wirklich im Manuscripte steht, davon kann ich mich

kaum überzeugen.

Was die andern Fehler betrifft, so habe ich die Aushängebogen nicht

hier, um nachzusehen: ich habe sie Goethe’n gelassen. Die eine Stelle

habe ich so konstruirt: „Wir sind Sünder, daß (damit) wir in den Tod

die Lilienblume lieben.“

Wie Du die Lilienblume construiren willst, wenn Du _leben_

schreibst, kann ich mir aus dem Gedächtnisse gar nicht vorstellen.

Kurz, Du wirst künftig wohl mehr Sorge anwenden müssen. Es ist keine

Billigkeit darin, daß Du selbst Deine Produkte so straußenähnlich

verwahrlosest und dann willst, daß dies andre nachholen sollen.

Durch die Art, wie Du unsre bisherigen Mißverständnisse erwähnst, ist

natürlich alles beseitigt. Es ist aber doch besser, wenn man Ursachen

der Unzufriedenheit zu haben glaubt, daß man sie an den Tag legt,

so ist nachher alles weggeräumt. Ich habe immer noch über Deinen

Laconismus zu klagen.

Wie es nun eigentlich mit der Herausgabe von Hardenbergs Nachlaß

steht, darüber schreibst Du nicht eine Sylbe. So habe ich es auch

erst von Friedrich erfahren müssen, daß eine große Anzahl von

geistlichen Liedern von ihm vorhanden ist. In der That, dies sieht

nicht freundschaftlich aus. -- Da in dem Inhaltsverzeichnisse bei dem

Namen Novalis etwas von seinem Tode erwähnt werden muß, so gebe ich Dir

anheim, dies aufzusetzen, und dabei die zu erwartende Herausgabe des

Nachlasses anzukündigen. Du müßtest es aber unverzüglich mit der ersten

Post schicken, sonst ist es zu spät.

Schütze hat mir keine Vollmacht gegeben, seinen Namen auszudrucken,

sondern die Abkürzung verlangt. Viele Grüße an Deine Frau.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 212 / 309 题