_Bamberg_, d. 14. Sept. 1800.
Habe Dank für Deinen innigen freundschaftlichen Brief, der mir
wohlthätige Thränen entlockt hat. Freilich bin ich jetzt leichter
zu rühren, als je: es ist, als hätte ich alle meine Thränen hierauf
gespart, und manchmal habe ich ein Gefühl gehabt, als sollte ich
ganz in Thränen aufgelöst werden. Wenn die geliebten Wesen in unsern
Gesinnungen leben, wie Du sagst, so hätte Auguste nie mehr gelebt,
als jetzt; ich wußte zwar, daß ich sie sehr liebte, aber ihr Tod hat
alle noch verborgene Liebe ans Licht gerufen. Um das schmerzlich
süße Andenken zu nähren, ist noch ein Bild von ihr vorhanden, zwar
vor beinah zwei Jahren gemalt, aber doch ähnlich. Vor Kurzem haben
wir für’s erste eine Zeichnung darnach bekommen; mit einem leisen
Heiligenschein umgeben, steht sie auf meinem Zimmer, und wird stündlich
von mir betrachtet und angebetet.
Caroline dankt herzlich für Eure Theilnahme. Sie hatte vor ein paar
Wochen eine Unpäßlichkeit, die ihre Kräfte gleich wieder völlig
erschöpfte, jetzt ist es besser, doch wird sie schwerlich ihre volle
Gesundheit wieder bekommen. Wie ist es möglich bei diesem Gram, der sie
oft halbe Nächte wach und weinend erhält.
Du hast mich sehr dadurch verbunden, daß Du gleich an Deinen Bruder
geschrieben. Zwar muß ich beinah die Hoffnung aufgeben, daß er nach
Deutschland kommen und die Arbeit des Monuments über sich nehmen wird.
Denn nicht lange, nachdem ich den Brief an Dich abgeschickt, erhielt
ich über Jena einen von ihm, als Antwort auf den, vorigen Winter, bei
Dir eingelegten, worin er äußert, daß er auf den Winter schon nach
Italien zu gehen hofft. Indessen, wer weiß, ob er sich nicht bei der
ungewissen Aussicht auf den Frieden und den unruhigen Zeiten, noch
entschließt, seinen Plan zu verändern, und Gesellschaft mit Humboldts
macht, um den Winter mit Dir und andern Freunden in B. zuzubringen? Es
wäre herrlich.
Auf jeden Fall kann es nicht schaden, daß Du ihm geschrieben, denn
es ist sein Auftrag an mich, Dich zu mahnen. Wenn er nun auch den
Vorschlag wegen des Sarkophags nicht eingehen kann, so hat er doch bei
Gelegenheit einige Nachricht von Deinem Thun und Treiben bekommen. Ich
selbst habe ihm noch nicht antworten können, weil er mir seine Addresse
nicht meldet, die Du nicht vergessen wirst, Deinem nächsten Briefe
beizufügen.
Auf den Fall, daß Dein Bruder nicht zurück kommt, habe ich bei Schadow
vorläufig anfragen lassen. Will oder kann dieser nicht, oder ist zu
übertrieben in seinem Preise, so werde ich Goethe erst zu Rathe ziehn,
an wen ich mich am beßten wenden könnte. Vielleicht an Dannecker in
Stuttgart? Freilich wäre ich gern gegenwärtig bei dem Entwurfe. -- Ob
es mir erlaubt wird, das Denkmal in den Brunnenspatziergang an die
schöne Stelle, die ich ausgewählt, zu setzen, darüber habe ich bei den
unruhigen Kriegszeiten noch keine Entscheidung erhalten können. Die
Sache liegt mir sehr am Herzen, und die Kosten werden wir nicht dabei
sparen -- eine beträchtliche Summe ist schon dafür bestimmt. Nun von
unsern literarischen Beschäftigungen und Planen. Cotta schreibt mir:
ich möchte wegen des poetischen Taschenbuchs das Grundhonorar selbst
bestimmen, er wollte darnach die Anzahl des hierzu erforderlichen
Absatzes reguliren; welches mir ganz billig scheint. Ich werde nun 60
Lsd. vorschlagen, so kommt doch, wenn wir 12 Bogen 12º à 24
~pag.~ (also 288-300 S.) rechnen, auf den Bogen 5 Lsd. -- Freilich
werden wir alle Beiträge honoriren müssen, da wir schwerlich andre
aufnehmen, als von Friedrich, Hardenberg und Schelling. Alle drei haben
mir die besten Besprechungen gemacht. Spare von nun an doch alle Deine
Gedichte, die nicht in größere Compositionen gehören, dafür auf. Es hat
mich schon geängstigt, als ich hörte, daß Du an Friedrich 20 Sonette
für das poetische Journal geschickt. Gesehen habe ich dieses noch
nicht, wie wohl mir schon vor einiger Zeit geschrieben ward, es sei
fertig gedruckt. Ich erwarte es posttäglich mit der größten Begierde.
Ich für mein Theil bestimme alles, was ich von jetzt an dichte, für
das Taschenbuch, und habe mancherlei Ideen und Plane. -- Ueber den
Gegenstand meiner Trauer ist erst ein Lied und ein Sonett entstanden,
ich habe nicht Ruhe und Muße gehabt, es wird aber eine ganze Reihe
werden. Auch andre ernsthafte Sachen habe ich vor, vielleicht vom
Legendenwesen.
Ich weiß nicht, ob ich Dir schon geschrieben, daß ich nach Deiner
Abreise von Jena eine Burleske, oder vielmehr eine Composition und
Sammlung von Burlesken angefangen, auf Kotzebue’s Siberische Verhaftung
und Reise. Ich habe es seitdem hingelegt, weil ich natürlich keine
Stimmung dazu hatte.
Das Ding muß grade herauskommen, wenn er nach Deutschland zurückkehrt.
Nun heißt es in der neuesten Allgem. Zeitung, er sei immer noch
gefangen in Schlüsselburg.
Sollte sich also seine Freilassung so lange verzögern, so könnte ich
mich wohl entschließen, die Sachen, versteht sich, unter der besondern
Rubrik: „Ehrenpforte und Triumphbogen für den Theaterpräsidenten von
Kotzebue bei seiner Rückkehr in das Vaterland der Plattheit,“ in
das Taschenbuch zu geben, welches dadurch unstreitig großen ~éclat~
machen würde. Fertig sind 6 Sonette, einige Epigramme in Distichen,
ein componibles Lied und eine Romanze. Nun sollten noch Sonette und
Epigramme, eine epistolarische Reisebeschreibung in Terzinen, und ein
ganz kleines Dramolet hinzukommen. -- Es muß, versteht sich, vorher
nichts davon verlauten.
Schelling giebt uns gewiß manches, für’s Erste die letzten Worte des
Pfarrers &c. und dann vermuthlich einige Lieder. Er würde wohl mehr
dichten, wenn er jetzt nicht viel Zeit durch Kränklichheit verlöre. Er
hat letzthin einen Gesang aus Dante’s Paradies ganz durch in Terzinen
übersetzt, den er erst noch durchbessern, und Dir dann für das Journal
anbieten wollte. Ich könnte allenfalls eine Anmerkung über den Dante
und die Weise ihn zu übersetzen, dazu geben. --
So viel vom Taschenbuch. Mit dem andern Project, dem kritischen
Institut, ist es auch in Richtigkeit. -- Cotta nimmt es in Verlag, und
zahlt 3 Lsd. für den Bogen. Mit Anfang 1801 soll es erscheinen. Es wäre
schon eine vorläufige Ankündigung gedruckt worden, wenn wir nicht noch
mit Fichte in allerlei Unterhandlungen wären, und auf seinen Entschluß
warteten, ob er die Redaction gemeinschaftlich mit mir übernehmen will.
Dir den ganzen Verlauf zu erzählen, wäre zu weitläuftig, Du kannst
Dich in Berlin gleich von Schleiermacher davon unterrichten lassen.
Der Letzte wird Dir auch den schriftlichen Entwurf der Jahrbücher
mittheilen. Ich hoffte, er sollte Dich noch in Berlin treffen, da
Du aber nicht mehr da warst, so hielt ich es nicht für nöthig, ihn
Dir besonders zu schicken, da ich schon mündlich alles mit Dir
durchgesprochen hatte. Denke nun ja mit rechtem Eifer und bald auf
Beiträge. Erwarte dabei nicht meine Vorschläge, sondern besinne
Dich selbst auf die im Guten oder Ueblen merkwürdigen Erscheinungen,
besonders im dramatischen und Romanenfache, die Du übernehmen
möchtest, und gieb sie mir an. In der Form, weißt Du, bist Du durchaus
nicht gebunden. Ich trage jetzt Schillern die Selbstanzeige seines
Wallenstein an, läßt er sich nicht darauf ein, so gebe ich ihn in Deine
Hände. Ich werde es Dir baldigst melden, und wünsche sehr, es noch für
den ersten Band zu bekommen.
In der Sammlung von Schillers Gedichten sind auch wieder schöne
Fehlgriffe, -- doch man muß ihm nicht alles auf einmal vorrücken.
Eine Anzeige Deiner romantischen Dichtungen von Dir selbst würde mir
und auch gewiß Frommann sehr erwünscht sein. Du klagst mit Recht
über die verwünschte Nothwendigkeit, für Geld arbeiten zu müssen.
Indessen werden doch die Zeiten allmälig wieder besser, und wenn
sich die Jahrbücher und das Taschenbuch im Gange erhalten, wie ich
zu Gott hoffe, und wozu wir das unsrige thun wollen, so ist Dir da
sowohl für kleinere Gedichte, als kritische Arbeiten ein besseres
Honorar gesichert, als Du bisher bekamst. Mit den größern Werken ist
mein Rath, sie lieber länger zurück zu halten, als unter ihrem Preis
wegzugeben. -- Mit den Novellen soll es, wie ich hoffe, auch noch
gehen, wenigstens denke ich den Soltau so zugerichtet zu haben, daß
er noch vor Ende des Don Quixote völlig den Hals brechen muß. Ich bin
hier, besonders in der letzten Zeit recht fleißig gewesen. Heinrich
V. ist mir sehr sauer geworden, auch habe ich, so sehr ich das
Stück liebe, mit Abneigung daran gearbeitet. Endlich habe ich diesen
Stein vom Herzen und Heinrich VI. entschädigt mich durch die
Leichtigkeit und Schnelle, womit er von Statten geht. In sechs Tagen
sind 2 Acte fertig geworden, und ich denke noch das Ganze von hieraus
zu expediren. Alsdann begleite ich Carolinen nach Braunschweig, gehe
auch nach Hannover auf einige Tage und so nach Jena zurück. Hier werde
ich nun die Arbeiten für die Jahrbücher sogleich vornehmen, und dann
vermuthlich in der letzten Hälfte des Winters nach Berlin kommen, wo
wir recht viel zusammen leben wollen. Ich sehne mich recht nach unsern
Gesprächen und Vorlesungen. Du wirst mich vielleicht in manchen Stücken
verändert finden, -- es muß natürlich den Sinn mehr von der äußern Welt
abziehen, wenn man vor allem mit einem abgeschiedenen Wesen lebt. --
Die Flecke auf der ersten Seite sind Spuren von Thränen, -- ich erwähne
es nicht als eine Seltenheit, -- denn diese Libationen auf das Grab des
geliebten Mädchens werden sich immer erneuern, diesen Tod werde ich
nie aufhören, zu beweinen. Auf die erste Nachricht habe ich geglaubt,
wahnsinnig zu werden, -- dieser wüthende und empörte Schmerz stellte
sich auch bei dem Besuche in (unlesbar) wieder ein. In der mildesten
und heitersten Stimmung liegt mir doch die Wehmuth beständig nahe.
Lebe recht wohl, mein geliebter Freund, ich grüße Deine Amalie aufs
herzlichste und küsse die allerliebste kleine Dorothea. Wenn Du mir von
Hamburg aus noch antwortest, so addressire nach Braunschweig _beim
Professor Wiedemann_, sonst nach Jena. Nochmals Adieu.