II.

_Halle_, den 1ten März 1812.

Schon längst wollt’ ich Dir, mein Lieber, schreiben, um Dich wieder

einmal an unsre Sacontala zu mahnen. Im Herbste hatte das Vorlesen

dieses herrlichen Stückes mich schon zu einer Ouvertüre begeistert,

die den in sich geschlossenen heiligen Kreis jener lieblich göttlichen

Natur gar glücklich darstellt. Könnt’ ich Dir diese, von allen

vorhandenen Ouvertüren gänzlich abweichende, nur einmal ordentlich

hören lassen! Du würdest wohl dadurch zur Thätigkeit ermuntert werden.

Aber so leben wir Beide Jeder in einem armseelig unmusikalischem

Winkel, und das zwischen uns liegende große Berlin wird für Alles, was

Kunst und Genie verheißt und erzeugt, immer kleiner und armseeliger,

daß auch da kaum mehr eines bedeutenden Zusammentreffens zu gedenken

ist. Doch rechne ich etwas darauf, wenn ich Dich, mein Lieber, bei

meiner schlesischen Reise sehen kann. Entweder mach’ ich sie hin- oder

zurück über Berlin, und also auch über Ziebingen. Wenn Du Dich doch

bis dahin mit dem herrlichen Gegenstande wenigstens im Geiste etwas

mehr beschäftigen wolltest, damit wir dann um so fruchtbarer darüber

conferiren könnten! Ein musikalisches Scenarium hab’ ich bereits dazu

entworfen, dieses könnten wir dabei zum Grunde legen. Ließet Ihr Lieben

Eure schlesische Reise bis zum Herbst, so könnten wir uns wohl auch in

Breslau treffen, und ich könnte Dir da vielleicht meine Ouvertüre hören

lassen. Eher als im October komm’ ich selbst aber nicht hin. Bis dahin

will ich mein liebes Giebichenstein in schöner Einsamkeit, und in einem

guten Stück Arbeit, nach welchem mich lange schon recht eigentlich

dürstet, wozu es mir aber immer an völliger Ruhe gebrach, so recht in

vollen Zügen genießen. Dabei auch meinen lieben Garten recht ordentlich

pflegen und benützen.

So lange haben wir nun nichts von Dir gehört und gelesen. Du bist doch

wohl nicht so ganz faul gewesen? Das Beenden und die Besorgniß der

Herausgabe wird Dir wohl so recht eigentlich nur lästig? Könntest Du

Dir dazu nicht einen geschickten Handlanger zulegen? Daß ich selbst für

mich nicht früher an einen solchen gedacht, gereut mich jetzt sehr oft.

Wenn ich jetzt -- oft mit herzlichem Lachen -- von grünschnäbelichen

Recensenten lesen muß, wo sie ein Lied von mir (absichtlich) doppelt

komponirt finden, „ich könne nun einmal nichts von meinen Arbeiten

ungedruckt lassen“ -- seh’ ich doch nicht ganz ohne Bedauern auf mehr

als zwei Drittheile meiner besten Kompositionen zurück, dir gar nicht

bekannt wurden.

Wird in Deinem nächsten Kreise auch wohl der edle Gesang recht eifrig

getrieben? Habt Ihr auch wohl meinen Göthe und Schiller, in denen so

mancher gute Chorgesang steht? Mit den letzten Heften von beiden könnt’

ich noch dienen; die ersten besitz’ ich aber nicht mehr. -- Grüße

Alle, besonders Burgsdorf recht sehr von mir. Mit diesem hab’ ich immer

gehofft, mich einmal in Dresden zu treffen; es hat aber nicht gelingen

wollen. Wenn Du mir eine rechte Freude machen willst, so schreib mir

bald, und sag’ mir auch, daß Du auch unserer Sacontala so recht ~con

amore~ gedenkst.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 125 / 309 题