V.

_Göttingen_, den 10. Juli 23.

_Mein verehrtester Freund!_

Ich denke eben mit sehr freudiger Erinnerung an die Zeit, da Sie meinen

damals noch sehr geringen Autoren-Muth durch den gütigen Antheil

belebten, mit dem Sie die einzelnen Bogen meines Buches, die Sie sich

geben ließen, gelesen zu haben versicherten. Meine damalige Empfindung

ist mir jetzt sehr gegenwärtig, wo ich Ihnen wieder ein Mittelding

zwischen Buch und Manuskript, eine Anzahl Bogen ohne Titel, Vorrede u.

s. w. zusende, die erst dazu kommen sollen, wenn ich in diesem Herbste

den dazugehörigen zweiten Theil vollendet haben werde. Doch bilden sie

so schon ein Ganzes, wenigstens ein Halbes, und namentlich ist das

zweite Buch darin für sich abgeschlossen; und am Ende war, was Sie

damals lasen, ja noch vielmehr ein bloßer Anfang oder auch das nicht

einmal. Ich eile aber so es Ihnen zu schicken, weil ich mich sehr sehne

zu erfahren, ob die Richtung meiner Arbeiten, die damals noch mir

selbst sehr dunkel und fast unbewußt war, jetzt mit einiger Schärfe und

Präcision ausgesprochen Ihnen auch noch zusagt. -- Doch ich muß Ihnen

wenigstens den fehlenden Titel auch schreiben. Es ist eine Fortsetzung

der sogenannten Geschichten Hellenischer Stämme, und hat den Volksstamm

der Dorier zum Gegenstande, wovon das vor Ihnen liegende die erste

Abtheilung ist, die die äußere Geschichte bis zum Peloponnesischen

Kriege, und dann Religion und Mythus in sich begreift; die zweite

behandelt den Staat, und das Privat-Leben, die Bildung und Kunst des

Volkes.

Diese denke ich Ihnen mitzubringen, wenn ich auf den Spätherbst wieder

-- wonach meine ganze Seele verlangt, -- nach Dresden komme, denn wenn

ich auch bis in den Oktober hinein durch den Druck meines Buches, den

ich abwarten muß, hier festgehalten werden sollte: so will ich doch

auch dann noch an 14 Tage in der lieben Stadt zubringen, wenn Sie da

sind. Diese 14 Tage leuchten mir wie ein Stern vor den Augen, wenn ich

über der Strapaze meines mühseeligen Buches schier ermatten möchte. Sie

glauben nicht wie ich mich darauf freue.

Die Geißel der Dramatiker, die Sie in der Abendzeitung schwingen, ist

mir eine recht erfreuliche Erscheinung gewesen. Ich lechze recht nach

ordentlicher, gediegner Critik in jedem Fache, und sie ist jetzt recht

selten. In meinem wollte ich lieber einen Terrorismus haben als diese

wüste Anarchie; ich wollte mich mit Freuden unterordnen und leiten

lassen, wenn Einer geboren zu leiten und zu herrschen aufstände. Jetzt

ist man frei wie der Vogel im Walde, aber auch vogelfrei für den Anfall

jedes Unverständigen.

Ich hoffe zum Himmel, daß dieser Brief Sie wohl trifft, mein innigst

verehrter Freund. Vielleicht sind Sie schon nach Töpliz abgereist,

wovon mir Max geschrieben. Ihrer lieben Familie und der Frau Gräfin

empfehle ich mich mit herzlicher Anhänglichkeit.

Ihr

treuer

_C. O. Müller_.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 73 / 309 题