IV.

_Kopenhagen_, 7. April 1826.

Indem ich heute an meinen Freund den Hrn. Bibliothekar Ebert in

Dresden schreibe, fühle ich das Bedürfniß, auch _Ihnen_, mein

hochverehrter Freund! durch einige Zeilen die Erinnerung eines Ihrer

treuesten Verehrer und ausländischen Freunde hervorzurufen. Leider bin

ich noch weniger, als sonst, geschickt, meinem Briefe an sich einiges

Interesse mitzutheilen. Eine Krankheit oder Schwäche des rechten

Kniegelenkes (dem die Aerzte den beliebten Namen der Gicht zulegen)

fesselt mich, den sonst so rüstigen Fußgänger und Treppenläufer, seit 5

Wochen, und wer weiß wie lange noch, auf meinem Zimmer im 4ten Stocke

-- sonst meine Freude; denn ich habe immer gern hoch gewohnt, und so

auch hier, dem freien Raume des umlaubten Todtenackers gegenüber;

jetzt eine Fessel mehr für den geschwächten Gefangenen. Daß ich in

dieser totalen Verwandelung meiner ganzen Lebensweise nicht wie sonst

existire, denke und fühle (nur ein Mal in meinem Leben habe ich in

3 Wochen das Zimmer gehütet) können Sie sich leicht vorstellen. Wie

vieles erscheint mir jetzt in einem andern und trüberen Lichte! Wie

tief fühle ich die Entbehrung meiner in mehr als 20 Jahren getriebener

Bibliotheksgeschäfte! -- scheint es mir doch, ich hätte die theuerste

Geliebte verlassen müssen, um sie der Pflege anderer, vielleicht

weniger sorgfältiger und liebender Hände zu überlassen!

Indem aber, daß eben jetzt meine Seele mehr und öfters, als sonst, den

Blick dem Innern des Lebens zuwendet, wird mir auch manche schöne Blume

und edle Frucht meines Daseyns recht lebhaft gegenwärtig. So auch die

kurzen, aber unvergeßlichen Stunden, die ich mit Ihnen zu verleben

das Glück hatte. Jahre sind schon seitdem verronnen, und mehr und

mehr gestaltet sich die liebliche Erinnerung wie ein schöner Traum --

aber doch immer ein lebhafter, ein tief in der Seele ruhender Traum,

besser und kräftiger als Vieles, was uns einen Schein der Wirklichkeit

besitzt, weil wir es _gegenwärtig_ nennen. Sey es denn auch, daß

dieser Traum nie wieder ins Leben zurückkehrte -- daß mir nie wieder

der überglückliche Genuß zu Theil würde, den Lieblingsdichter meiner

Jugend, den Gegenstand meiner steigenden Verehrung und Bewunderung im

reiferen Alter, und einer unvergleichlichen Neigung meines Herzens,

seit jenen Tagen in Dresden, persönlich wiederzusehen: so fühle ich

es doch in meiner Seele: daß jenes Bild Ihres Wesens, was dort mir

aufging, nie aufhören kann mein Eigenthum zu sein. Wie oft habe ich

mich an diesem Bild erquickt! Wie oft, wenn ich seitdem eines Ihrer

Werke laß, wenn ich mit einem Freund darüber sprach, habe ich gesagt:

ich weiß es nicht bloß, wie er dichtet und schreibt -- ich weiß

auch, wie er ist und lebt, wie warm und gemüthlich sein Herz, wie

überströmend reich und gediegen seine Rede!

Auch durch die Gaben Ihres Geistes haben Sie mich seitdem vielfach

erfreut. Es ist wohl unnöthig Ihnen zu sagen, daß Ihre späteren

Novellen und Erzählungen hier ein sehr theilnehmendes Publikum gefunden

haben; daß sie längst schon alle übersetzt sind. Mir insbesondere haben

diese Werke eine fast neue Seite Ihres reichen, tiefen und gediegenen

Geistes offenbart. Wer würde jetzt zweifeln, daß Sie den Geist und

die Erscheinungen des Lebens nicht allein mit der Phantasie, sondern

auch mit dem gleich genialen Verstande erfaßt haben? -- Welch ein

tiefes Studium bieten diese Erzählungen dem Menschen-Forscher dar!

-- Nun Ihre letzten dramaturgischen Blätter -- welchen Sinn, welchen

scharfen Blick in die Tiefen der Kunst, und wie anziehend das Gewand!

-- Ich gehe fast nie in Schauspiele, und lese noch weniger die hohle,

hölzerne, plappernde Theaterkritik des Tages. Mit Ihnen aber konnte ich

auf den Bühnen Teutschlands zu Hause werden; statt daß ich auf unserer

eigenen ein Fremdling bin. -- Glauben Sie doch darum nicht, daß manche

vorzügliche und gute, mehrere leidliche Schauspieler hier fehlen; oder

daß ich die heitere Luft der Bühne gar nicht liebe. Mir fehlt es aber

theils an Zeit, theils am Gelde; auch gilt es hier, wie überall, meist

den _Ohren_. Meine sind wohl nicht taub, aber höchst ungelehrt,

obgleich Mozart mein Liebling ist; ich liebe mehr das Sehen, und will

lieber Lachen, als Weinen. Hier aber steht das wahre Komische zurück;

die Musik, die Tragödie, die Posse wird gepflegt; denn so wollen es die

Leute, die abonniren und Billets kaufen. -- Neulich haben wir hier eine

Erscheinung gehabt. Ein genialischer Verfasser, der ~Dr.~ Heiberg,

auch als Komiker durch sein originelles Werk: Weihnachtscherz und

Neujahrspossen (1818) bekannt, und der überhaupt fast Alles schreiben

kann was er will, und nichts schlechtes, hat den Einfall bekommen: eine

Vaudeville zu schreiben.

Er gab uns nun im Januar d. J. die (!) erste dänische Vaudeville

(~Kong Salomon og Jörgen Hattemager.~ Nach dem dänischen

Sprüchworte: Es ist ein Unterschied zwischen König Salomon und Jürgen

der Hutmacher.) im Ganzen eine leichte Waare, wenig Witz, kein Tiefres

Komisches, auch vom Derben nicht viel; aber dagegen ein nationaler

Charakter, leichte Arien auf Lieblingsmelodieen, Carricaturen und

fratzenhafte Kleidungen, Spießbürger -- und endlich ein _Jude_,

den man in einer dänischen Kleinstadt wegen Nahmensähnlichkeit für den

geldschweren Rotschild annimmt (er mußte aber in Goldkalb umgetauft

werden) und tüchtig fêtirt. Dies alles machte nun bei unserm Publicum

ein ungeheures Glück. Anstatt der gewöhnlichen 6-8 Vorstellungen von

beliebten Neuigkeiten wurde diese Vaudeville über 20 Mal gegeben, und

das Publicum doch nicht gesättigt. Für Billette zu 1 Thlr. bezahlte

man im Anfange den Aufkäufern 3-4 bis 5 Thaler. -- 3 Auflagen von dem

gedruckten Stücke gingen reißend ab; und doch ist es kaum leidlich zu

lesen. -- Der Beifall und Gewinn reizte den Verfasser. Er schrieb eine

neue Vaudeville, mit Anspielung auf den Geburtstag des Königs, die

Anfangs Febr. gegeben wurde; aber _ganz ohne_ Glück; obgleich sie

sich fast besser liest, wie die erste. Jetzt erwartet man die dritte.

Uebrigens geht es mit den Tragoedien wie gewöhnlich. Die tragischen

Schreiber sind häufig und fruchtbar. 3-4 neue Tragoedien jeden Winter

ist nichts ungewöhnliches. _Shakspeare_, ein kleines romantisches

Schauspiel von Boije, ist eine recht anziehende Behandlung der Sage von

des Dichters Jugend, und ist mit Beifall aufgenommen. -- Die Feder hat

abgelaufen. -- Empfangen Sie, hochverehrter Freund! meinen innigsten

Gruß! Rufen Sie mich in das Gedächtniß Ihrer theuren Familie und

Haußgenossin zurück, und denken Sie freundlich an

Ihren

hochachtungsvoll ergebenen

_C. Molbech_.

Haben Sie einmal einige Augenblicke und ein Paar Zeilen für mich, wird

Unser Gesandte in Dresden diese ohne Zweifel in Empfang nehmen. Ich

hoffe Sie haben vor einigen Jahren meine Briefe und 3 Theile meiner

dänischen Reisebeschreibung bekommen.

Briefe an Ludwig Tieck (3/4) Dritter Band · 第 54 / 309 题