Träge schleichen die Tage in dem kleinen Karpathenbade dahin

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche

Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die

Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; hiervon abweichende

Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den

folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

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[Illustration: Leopold von Sacher-Masoch]

Venus im Pelz

Novelle

von

Sacher-Masoch

Mit Illustrationen von Fritz Buchholz

[Illustration]

Leipzig

Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.

Vorwort

Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem

Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach

Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte

des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen

zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“,

„Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“

vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes

Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles

Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und

Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden

Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.

Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“

und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur

Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem

Zyklus „Die Liebe“.

Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und

Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen

und brutalen Weibes treibt.

Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte,

stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine

Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als

Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.

Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in

zwei Parteien. Die einen verwarfen sie wegen der bis dahin unerhörten

Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv

abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher

Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege

ein einzigartiges ~document humain~ vor, und es zeuge zudem von

ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.

In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die

andere waren vollwertiges Gold.

Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des

Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt

minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen.

Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein

Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher

Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst.

Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich

selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis

zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen

Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten

Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei

nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das

eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.

So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und

frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein,

denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den

Motiven.

Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und

bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen

Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und -- es ist traurig zu sagen

-- auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm,

sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.

Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm

dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem

vollen Werte nach zu schätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel

niemals an dem genialen Meister irre wurden.

Den Wünschen dieser zu entsprechen -- da die älteren Ausgaben

vollständig vergriffen sind --, entschlossen wir uns, einige seiner

besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch

die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.

Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören

und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen -- und

namentlich der „Venus im Pelz“ -- nicht erspart geblieben, neuerdings

seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten

Titels beanstandet zu werden.

Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur

und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen

Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem

Ressort.

Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel

wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden

und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende

Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben.

Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer

Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß

sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.

Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet.

Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im

Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln.

In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums

regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die

Männer der Wissenschaft.

So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime

Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im

Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen

Literatur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig

vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.

Als der Geheime Hofrat Professor ~Dr.~ Koester in Leipzig gelegentlich

seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert wurde, ein

Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er ebenfalls zu dem

Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei nicht angängig,

es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.

Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in

mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.

+Der Verlag+

Ich hatte liebenswürdige Gesellschaft.

Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht

etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen

das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die

wahrhafte Liebesgöttin.

[Illustration]

Sie saß im Fauteuil und hatte ein prasselndes Feuer angefacht, dessen

Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen

leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen

suchte.

Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch

alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen

großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.

„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig

nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr.

Sie sind offenbar nervös.“

„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner

Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch

nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange

an zu verstehen --“

„Was, meine Gnädige?“

„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu

begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und

die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im

Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was

Liebe ist.“

„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen

wahrhaftig keine Ursache gegeben.“

„Nun, Sie --“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit

unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig

gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich

mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern

Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“

„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche

braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte

Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser

Marmorblässe -- Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit

Fehpelz besetzt.“

„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie

waren.“

„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ

mich zwei Jahrtausende vergessen.“

„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“

„Nun, was die Treue betrifft --“

„Undankbarer!“

„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches

Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“

„Sie nennen grausam,“ entgegnete die Liebesgöttin lebhaft, „was eben

das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes

ist, sich hinzugeben, wo es liebt und alles zu lieben, was ihm gefällt.“

„Gibt es für den Liebenden etwa eine größere Grausamkeit als die

Treulosigkeit der Geliebten?“

„Ach!“ -- entgegnete sie -- „wir sind treu, solange wir lieben, ihr

aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß,

wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? -- Ihr nehmt im Norden die

Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo

nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“

„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle

und dauerhafte Verhältnisse.“

„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten

Heidentum,“ fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste

Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch

Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. +Sobald

ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein.+ Euch erscheint die

Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern

Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich

nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn

vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch

den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür

barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock,

während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten

emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem

nordischen Nebel und christlichem Weihrauch; laßt uns Heiden unter

dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde

Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel

nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“

Die schöne Marmordame hustete und zog die dunkeln Zobelfelle um ihre

Schultern noch fester zusammen.

„Wir danken für die klassische Lektion,“ erwiderte ich, „aber Sie

können doch nicht leugnen, daß Mann und Weib, in Ihrer heiteren

sonnigen Welt ebenso gut wie in unserer nebligen, von Natur Feinde

sind, daß die Liebe für die kurze Zeit zu einem einzigen Wesen vereint,

das nur eines Gedankens, einer Empfindung, eines Willens fähig ist, um

sie dann noch mehr zu entzweien, und -- nun Sie wissen es besser als

ich -- wer dann nicht zu unterjochen versteht, wird nur zu rasch den

Fuß des anderen auf seinem Nacken fühlen --“

„Und zwar in der Regel der Mann den Fuß des Weibes,“ rief Frau Venus

mit übermütigem Hohne, „was Sie wieder besser wissen als ich.“

„Gewiß, und eben deshalb mache ich mir keine Illusionen.“

„Das heißt, Sie sind jetzt mein Sklave ohne Illusionen, und ich werde

Sie dafür auch ohne Erbarmen treten.“

„Madame!“

„Kennen Sie mich noch nicht? Ja, ich bin +grausam+ -- weil Sie

denn schon an dem Worte so viel Vergnügen finden -- und habe ich nicht

recht, es zu sein? Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte,

dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat

ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das

aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu

machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“

„Ihre Grundsätze, meine Gnädige,“ warf ich entrüstet ein.

„Beruhen auf tausendjähriger Erfahrung,“ entgegnete Madame spöttisch,

während ihre weißen Finger in dem dunkeln Pelz spielten, „je

hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern

und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es

ihn mißhandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen

es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm

geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten, seit Helena und

Delila, bis zur zweiten Katharina und Lola Montez herauf.“

„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte ich, „es gibt für den Mann nichts,

das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und

grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos

nach Laune wechselt --“

„Und noch dazu einen Pelz trägt,“ rief die Göttin.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich kenne ja Ihre Vorliebe.“

„Aber wissen Sie,“ fiel ich ein, „daß Sie, seitdem wir uns nicht

gesehen haben, sehr kokett geworden sind.“

„Inwiefern, wenn ich bitten darf?“

„Insofern es keine herrlichere Folie für Ihren weißen Leib geben

könnte, als diese dunklen Felle und es Ihnen --“

Die Göttin lachte.

„Sie träumen,“ rief sie, „wachen Sie auf!“ und sie faßte mich mit

ihrer Marmorhand beim Arme, „wachen Sie doch auf!“ dröhnte ihre Stimme

nochmals im tiefsten Brustton. Ich schlug mühsam die Augen auf.

[Illustration]

Ich sah die Hand, die mich rüttelte, aber diese Hand war auf einmal

braun wie Bronze, und die Stimme war die schwere Schnapsstimme meines

Kosaken, der in seiner vollen Größe von nahe sechs Fuß vor mir stand.

„Stehen Sie doch auf,“ fuhr der Wackere fort, „es ist eine wahrhafte

Schande.“

„Und weshalb eine Schande?“

„Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buche,“

er putzte die heruntergebrannten Kerzen und hob den Band auf, der

meiner Hand entsunken war, „bei einem Buche von -- er schlug den Deckel

auf, von Hegel -- dabei ist es die höchste Zeit zu Herrn Severin zu

fahren, der uns zum Tee erwartet.“

* *

*

„Ein seltsamer Traum,“ sprach Severin, als ich zu Ende war, stützte die

Arme auf die Knie, das Gesicht in die feinen zartgeäderten Hände und

versank in Nachdenken.

Ich wußte, daß er sich nun lange Zeit nicht regen, ja kaum atmen würde,

und so war es in der Tat, für mich hatte indes sein Benehmen nichts

Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter

Freundschaft mit ihm und hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten

gewöhnt. Denn sonderbar war er, das ließ sich nicht leugnen, wenn

auch lange nicht der gefährliche Narr, für den ihn nicht allein seine

Nachbarschaft, sondern der ganze Kreis von Kolomea hielt. Mir war sein

Wesen nicht bloß interessant, sondern -- und deshalb passierte ich auch

bei vielen als ein wenig vernarrt -- in hohem Grade sympathisch.

Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein

Alter -- er war kaum über dreißig -- eine auffallende Nüchternheit des

Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte nach einem

minutiös ausgeführten, halb philosophischen, halb praktischen Systeme,

gleichsam nach der Uhr, und nicht das allein, zu gleicher Zeit nach dem

Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland,

Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield; dabei bekam er aber zu

Zeiten heftige Anfälle von Leidenschaftlichkeit, wo er Miene machte,

mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen, und ihm ein jeder gerne aus dem

Wege ging.

Während er also stumm blieb, sang dafür das Feuer im Kamin, sang der

große ehrwürdige Samowar, und der Ahnherrnstuhl, in dem ich, mich

schaukelnd, meine Zigarre rauchte, und das Heimchen im alten Gemäuer

sang auch, und ich ließ meinen Blick über das absonderliche Geräte, die

Tiergerippe, ausgestopften Vögel, Globen, Gypsabgüsse schweifen, welche

in seinem Zimmer angehäuft waren, bis er zufällig auf einem Bilde

haften blieb, das ich oft genug gesehen hatte, das mir aber gerade

heute im roten Widerschein des Kaminfeuers einen unbeschreiblichen

Eindruck machte.

Es war ein großes Ölgemälde in der kräftigen farbensatten Manier der

belgischen Schule gemalt, sein Gegenstand seltsam genug.

Ein schönes Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit

reichem, in einen antiken Knoten geschlungenem Haare, auf dem der

weiße Puder wie leichter Reif lag, ruhte, auf den linken Arm gestützt,

nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand

spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf

den Mann stützte, der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund, und

dieser Mann, mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zügen, auf denen

brütende Schwermut und hingebende Leidenschaft lag, welcher mit dem

schwärmerischen brennenden Auge eines Märtyrers zu ihr emporsah, dieser

Mann, der den Schemel ihrer Füße bildete, war Severin, aber ohne Bart,

wie es schien um zehn Jahre jünger.

„+Venus im Pelz!+“ rief ich, auf das Bild deutend, „so habe ich

sie im Traume gesehen.“ „Ich auch,“ sagte Severin, „nur habe ich meinen

Traum mit offenen Augen geträumt.“

„Wie?“

„Ach! das ist eine dumme Geschichte.“

„Dein Bild hat offenbar Anlaß zu meinem Traum gegeben,“ fuhr ich

fort, „aber sage mir endlich einmal, was damit ist, daß es eine Rolle

gespielt hat in deinem Leben, und vielleicht eine sehr entscheidende,

kann ich mir denken, aber das weitere erwarte ich von dir.“

„Sieh dir einmal das Gegenstück an,“ entgegnete mein seltsamer Freund,

ohne auf meine Frage einzugehen.

Das Gegenstück bildete eine treffliche Kopie der bekannten „Venus mit

dem Spiegel“ von Titian in der Dresdener Galerie.

„Nun, was willst du damit?“

Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian

seine Liebesgöttin bekleidet hat.

„Auch hier ‚Venus im Pelz‘,“ sprach er fein lächelnd, „ich glaube

nicht, daß der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat

einfach das Portrait irgendeiner vornehmen Messaline gemacht und die

Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel, in welchem sie ihre majestätischen

Reize mit kaltem Behagen prüft, durch Amor halten zu lassen, dem

die Arbeit sauer genug zu werden scheint. Das Bild ist eine gemalte

Schmeichelei. Später hat irgendein ‚Kenner‘ der Rokokozeit die Dame auf

den Namen Venus getauft, und der Pelz der Despotin, in den sich Titians

schönes Modell wohl mehr aus Furcht vor dem Schnupfen als Keuschheit

gehüllt hat, ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden,

welche im Weibe und seiner Schönheit liegt.

Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die

pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in

der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen

muß, um sich nicht zu erkälten. --“

Severin lachte und zündete eine neue Zigarette an.

Eben ging die Türe auf und eine hübsche volle Blondine mit klugen

freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein und

brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der

letzteren und schlug es mit dem Messer auf. „Habe ich dir nicht gesagt,

daß ich sie weich gekocht haben will?“ rief er mit einer Heftigkeit,

welche die junge Frau zittern machte.

„Aber lieber Sewtschu --“ sprach sie ängstlich.

„Was Sewtschu,“ schrie er, „gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst

du,“ und er riß den Kantschuk[1], welcher neben seinen Waffen hing, vom

Nagel.

Die hübsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Gemache.

„Warte nur, ich erwische dich noch,“ rief er ihr nach.

„Aber Severin,“ sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, „wie

kannst du die hübsche kleine Frau so traktieren!“

„Sieh dir das Weib nur an,“ erwiderte er, indem er humoristisch mit den

Augen zwinkerte, „hätte ich ihr geschmeichelt, so hätte sie mir die

Schlinge um den Hals geworfen, so aber, weil ich sie mit dem Kantschuk

erziehe, betet sie mich an.“

„Geh mir!“

„Geh du mir, so muß man die Weiber dressieren.“

„Leb’ meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht

Theorien auf --“

„Warum nicht,“ rief er lebhaft, „nirgends paßt Goethes ‚Du mußt Hammer

oder Ambos sein‘ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann

und Weib, das hat dir beiläufig Frau Venus im Traume auch eingeräumt.

In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es

versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat

nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er

sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche

fühlen.“

„Seltsame Maximen!“

„Keine Maximen, sondern Erfahrungen,“ entgegnete er mit dem Kopfe

nickend, „+ich bin im Ernste gepeitscht worden+, ich bin kuriert,

willst du lesen wie?“

Er erhob sich und holte aus seinem massiven Schreibtisch eine kleine

Handschrift, welche er vor mich auf den Tisch legte.

„Du hast früher nach jenem Bilde gefragt. Ich bin dir lange schon eine

Erklärung schuldig. Da -- lies!“

Severin setzte sich zum Kamin, den Rücken gegen mich, und schien mit

offenen Augen zu träumen. Wieder war es still geworden, und wieder sang

das Feuer im Kamin und der Samowar und das Heimchen im alten Gemäuer

und ich schlug die Handschrift auf und las:

„+Bekenntnisse eines Übersinnlichen+,“ an dem Rande des

Manuskriptes standen als Motto die bekannten Verse aus dem Faust

variiert:

„Du übersinnlicher sinnlicher Freier,

Ein Weib nasführet dich!“

Mephistopheles.

Ich schlug das Titelblatt um und las: „Das Folgende habe ich aus meinem

damaligen Tagebuche zusammengestellt, weil man seine Vergangenheit nie

unbefangen darstellen kann, so aber hat alles seine frischen Farben,

die Farben der Gegenwart.“

* *

*

Gogol, der russische Molière, sagt -- ja wo? -- nun irgendwo -- „die

echte komische Muse ist jene, welcher unter der lachenden Larve die

Tränen herabrinnen.“

Ein wunderbarer Ausspruch!

So ist es mir recht seltsam zumute, während ich dies niederschreibe.

Die Luft scheint mir mit einem aufregenden Blumenduft gefüllt, der

mich betäubt und mir Kopfweh macht, der Rauch des Kamines kräuselt und

ballt sich mir zu Gestalten, kleinen graubärtigen Kobolden zusammen,

die spöttisch mit dem Finger auf mich deuten, pausbackige Amoretten

reiten auf den Lehnen meines Stuhles und auf meinen Knien, und ich

muß unwillkürlich lächeln, ja laut lachen, indem ich meine Abenteuer

niederschreibe, und doch schreibe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte,

sondern mit dem roten Blute, das aus meinem Herzen träufelt, denn alle

seine längst vernarbten Wunden haben sich geöffnet und es zuckt und

schmerzt, und hie und da fällt eine Träne auf das Papier.

* *

*

Träge schleichen die Tage in dem kleinen Karpathenbade dahin. Man

sieht niemand und wird von niemand gesehen. Es ist langweilig zum

Idyllenschreiben. Ich hätte hier Muße, eine Galerie von Gemälden zu

liefern, ein Theater für eine ganze Saison mit neuen Stücken, ein

Dutzend Virtuosen mit Konzerten, Trios und Duos zu versorgen, aber

-- was spreche ich da -- ich tue am Ende doch nicht viel mehr, als

die Leinwand aufspannen, die Bogen zurecht glätten, die Notenblätter

liniieren, denn ich bin -- ach! nur keine falsche Scham, Freund

Severin, lüge andere an; aber es gelingt dir nicht mehr recht, dich

selbst anzulügen -- also ich bin nichts weiter, als ein Dilettant; ein

Dilettant in der Malerei, in der Poesie, der Musik und noch in einigen

anderen jener sogenannten brotlosen Künste, welche ihren Meistern

heutzutage das Einkommen eines Ministers, ja eines kleinen Potentaten

sichern, und vor allem bin ich ein Dilettant im Leben.

Ich habe bis jetzt gelebt, wie ich gemalt und gedichtet habe, das

heißt, ich bin nie weit über die Grundierung, den Plan, den ersten Akt,

die erste Strophe gekommen. Es gibt einmal solche Menschen, die alles

anfangen und doch nie mit etwas zu Ende kommen, und ein solcher Mensch

bin ich.

Aber was schwatze ich da.

Zur Sache.

Ich liege in meinem Fenster und finde das Nest, in dem ich verzweifle,

eigentlich unendlich poetisch, welcher Blick auf die blaue, von

goldenem Sonnenduft umwobene hohe Wand des Gebirges, durch welche

sich Sturzbäche wie Silberbänder schlingen, und wie klar und blau der

Himmel, in den die beschneiten Kuppen ragen, und wie grün und frisch

die waldigen Abhänge, die Wiesen, auf denen kleine Herden weiden, bis

zu den gelben Wogen des Getreides hinab, in denen die Schnitter stehen

und sich bücken und wieder emportauchen.

Das Haus, in dem ich wohne, steht in einer Art Park, oder Wald, oder

Wildnis, wie man es nennen will, und ist sehr einsam.

Es wohnt niemand darin als ich, eine Witwe aus Lwow[2], die Hausfrau

Madame Tartakowska, eine kleine alte Frau, die täglich älter und

kleiner wird, ein alter Hund, der auf einem Beine hinkt, und eine junge

Katze, welche stets mit einem Zwirnknäuel spielt, und der Zwirnknäuel

gehört, glaube ich, der schönen Witwe.

Sie soll wirklich schön sein, die Witwe, und noch sehr jung, höchstens

vierundzwanzig, und sehr reich. Sie wohnt im ersten Stock und ich wohne

ebener Erde. Sie hat immer die grünen Jalousien geschlossen und hat

einen Balkon, der ganz mit grünen Schlingpflanzen überwachsen ist; ich

aber habe dafür unten meine liebe, trauliche Gaisblattlaube, in der ich

lese und schreibe und male und singe, wie ein Vogel in den Zweigen. Ich

kann auf den Balkon hinaufsehen. Manchmal sehe ich auch wirklich hinauf

und dann schimmert von Zeit zu Zeit ein weißes Gewand zwischen dem

dichten, grünen Netz.

Eigentlich interessiert mich die schöne Frau dort oben sehr wenig, denn

ich bin in eine andere verliebt und zwar höchst unglücklich verliebt,

noch weit unglücklicher, als Ritter Toggenburg und der Chevalier in

Manon l’Escault, denn meine Geliebte ist von Stein.

Im Garten, in der kleinen Wildnis, befindet sich eine graziöse kleine

Wiese, auf der friedlich ein paar zahme Rehe weiden. Auf dieser Wiese

steht ein Venusbild von Stein, das Original, glaube ich, ist in

Florenz; diese Venus ist das schönste Weib, das ich in meinem Leben

gesehen habe.

[Illustration]

Das will freilich nicht viel sagen, denn ich habe wenig schöne

Frauen, ja überhaupt wenig Frauen gesehen und bin auch in der Liebe

nur ein Dilettant, der nie über die Grundierung, über den ersten Akt

hinausgekommen ist.

Wozu auch in Superlativen sprechen, als wenn etwas, was schön ist, noch

übertroffen werden könnte.

Genug, diese Venus ist schön und ich liebe sie, so leidenschaftlich, so

krankhaft innig, so wahnsinnig, wie man nur ein Weib lieben kann, das

unsere Liebe mit einem ewig gleichen, ewig ruhigen, steinernen Lächeln

erwidert. Ja, ich bete sie förmlich an.

Oft liege ich, wenn die Sonne im Gehölze brütet, unter dem Laubdach

einer jungen Buche und lese, oft besuche ich meine kalte, grausame

Geliebte auch bei Nacht und liege dann vor ihr auf den Knieen, das

Antlitz gegen die kalten Steine gepreßt, auf denen ihre Füße ruhen, und

bete zu ihr.

Es ist unbeschreiblich, wenn dann der Mond heraufsteigt -- er ist

eben im Zunehmen -- und zwischen den Bäumen schwimmt und die Wiese in

silbernen Glanz taucht, und die Göttin steht dann wie verklärt und

scheint sich in seinem weichen Lichte zu baden.

Einmal, wie ich von meiner Andacht zurückkehrte, durch eine der Alleen,

die zum Hause führen, sah ich plötzlich, nur durch die grüne Galerie

von mir getrennt, eine weibliche Gestalt, weiß wie Stein, vom Mondlicht

beglänzt; da war mir’s, als hätte sich das schöne Marmorweib meiner

erbarmt und sei lebendig geworden und mir gefolgt -- mich aber faßte

eine namenlose Angst, das Herz drohte mir zu springen, und statt --

Nun, ich bin ja ein Dilettant. Ich blieb, wie immer, beim zweiten Verse

stecken, nein, im Gegenteil, ich blieb nicht stecken, ich lief, so

rasch ich laufen konnte.

* *

*

Welcher Zufall! ein Jude, der mit Photographien handelt, spielt mir das

Bild meines Ideals in die Hände; es ist ein kleines Blatt, die „Venus

mit dem Spiegel“ von Titian, welch ein Weib! Ich will ein Gedicht

machen. Nein! Ich nehme das Blatt und schreibe darauf: „+Venus im

Pelz.+“

Du frierst, während du selbst Flammen erregst. Hülle dich nur in deinen

Despotenpelz, wem gebührt er, wenn nicht dir, grausame Göttin der

Schönheit und Liebe! --

Und nach einer Weile fügte ich einige Verse von Goethe hinzu, die ich

vor kurzem in seinen Paralipomena zum Faust gefunden hatte.

+An Amor!+

„Erlogen ist das Flügelpaar,

Die Pfeile, die sind Krallen,

Die Hörnerchen verbirgt der Kranz,

Er ist ohn’ allen Zweifel,

Wie alle Götter Griechenlands,

Auch ein verkappter Teufel.“

Dann stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, indem ich es mit

einem Buche stützte und betrachtete es.

Die kalte Koketterie, mit der das herrliche Weib seine Reize mit

den dunklen Zobelfellen drapiert, die Strenge, Härte, welche in dem

Marmorantlitz liegt, entzücken mich und flößen mir zugleich Grauen ein.

Ich nehme noch einmal die Feder; da steht es nun:

„Lieben, geliebt werden, welch ein Glück! und doch wie verblaßt der

Glanz desselben gegen die qualvolle Seligkeit, ein Weib anzubeten, das

uns zu seinem Spielzeug macht, der Sklave einer schönen Tyrannin zu

sein, die uns unbarmherzig mit Füßen tritt. Auch Simson, der Held, der

Riese, gab sich Delila, die ihn verraten hatte, noch einmal in die Hand

und sie verriet ihn noch einmal und die Philister banden ihn vor ihr

und stachen ihm die Augen aus, die er bis zum letzten Augenblicke von

Wut und Liebe trunken auf die schöne Verräterin heftete.“

* *

*

Ich nahm das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und las im Buche Judith

und beneidete den grimmen Heiden Holofernes um das königliche Weib, das

ihm den Kopf herunter hieb, und um sein blutig schönes Ende.

„Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände gegeben.“

Der Satz frappierte mich.

Wie ungalant diese Juden sind, dachte ich, und ihr Gott, er könnte auch

anständigere Ausdrücke wählen, wenn er von dem schönen Geschlechte

spricht.

„+Gott hat ihn gestraft und hat ihn in eines Weibes Hände

gegeben+“, wiederholte ich für mich. Nun, was soll ich etwa

anstellen, damit er mich straft?

Um Gottes willen! da kommt unsere Hausfrau, sie ist über Nacht wieder

etwas kleiner geworden. Und dort oben zwischen den grünen Ranken und

Ketten wieder das weiße Gewand. Ist es Venus oder die Witwe?

Diesmal ist es die Witwe, denn Madame Tartakowska knixt und ersucht

mich in ihrem Namen um Lektüre. Ich eile in mein Zimmer und raffe ein

paar Bände zusammen.

Zu spät erinnere ich mich, daß mein Venusbild in einem derselben liegt,

nun hat es die weiße Frau dort oben, samt meinen Ergüssen. Was wird sie

dazu sagen?

Ich höre sie lachen.

Lacht sie über mich?

* *

*

Vollmond! da blickt er schon über die Wipfel der niederen Tannen,

welche den Park einsäumen, und silberner Duft erfüllt die Terrasse,

die Baumgruppen, die ganze Landschaft, so weit das Auge reicht, in der

Ferne sanft verschwimmend, gleich zitternden Gewässern.

Ich kann nicht widerstehen, es mahnt und ruft mich so seltsam, ich

kleide mich wieder an und trete in den Garten.

Es zieht mich hin zur Wiese, zu ihr, meiner Göttin, meiner Geliebten.

Die Nacht ist kühl. Mich fröstelt. Die Luft ist schwer von Blumen- und

Waldgeruch, sie berauscht.

Welche Feier! Welche Musik ringsum. Eine Nachtigall schluchzt. Die

Sterne zucken nur leise in blaßblauem Schimmer. Die Wiese scheint

glatt, wie ein Spiegel, wie die Eisdecke eines Teiches.

Hehr und leuchtend ragt das Venusbild.

Doch -- was ist das?

Von den marmornen Schultern der Göttin fließt bis zu ihren Sohlen ein

großer dunkler Pelz herab -- ich stehe starr und staune sie an, und

wieder faßt mich jenes unbeschreibliche Bangen und ich ergreife die

Flucht.

Ich beschleunige meine Schritte; da sehe ich, daß ich die Allee

verfehlt habe, und wie ich seitwärts in einen der grünen Gänge

einbiegen will, sitzt Venus, das schöne, steinerne Weib, nein, die

wirkliche Liebesgöttin, mit warmem Blute und pochenden Pulsen, vor mir

auf einer steinernen Bank. Ja, sie ist mir lebendig geworden, wie jene

Statue, die für ihren Meister zu atmen begann; zwar ist das Wunder

erst halb vollbracht. Ihr weißes Haar scheint noch von Stein und ihr

weißes Gewand schimmert wie Mondlicht, oder ist es Atlas? und von ihren

Schultern fließt der dunkle Pelz -- aber ihre Lippen sind schon rot

und ihre Wangen färben sich, und aus ihren Augen treffen mich zwei

diabolische, grüne Strahlen, und jetzt lacht sie.

Ihr Lachen ist so seltsam, so -- ach! es ist unbeschreiblich, es

benimmt mir den Atem, ich flüchte weiter und muß immer wieder nach

wenigen Schritten Atem holen, und dieses spöttische Lachen verfolgt

mich durch die düsteren Laubgänge, über die hellen Rasenplätze, in

das Dickicht, durch das nur einzelne Mondstrahlen brechen; ich finde

den Weg nicht mehr, ich irre umher, kalte Tropfen perlen mir auf der

Stirne.

Endlich bleibe ich stehen und halte einen kurzen Monolog.

Er lautet -- nun -- man ist ja immer sich selbst gegenüber entweder

sehr artig oder sehr grob.

Ich sage also zu mir:

Esel!

Dieses Wort übt eine großartige Wirkung, gleich einer Zauberformel, die

mich erlöst und zu mir bringt.

Ich bin im Augenblicke ruhig.

Vergnügt wiederhole ich: Esel!

Ich sehe nun wieder alles klar und deutlich, da ist der Springbrunnen,

dort die Allee von Buchsbaum, dort das Haus, auf das ich jetzt langsam

zugehe.

Da -- plötzlich noch einmal -- hinter der grünen, vom Mondlicht

durchleuchteten, gleichsam in Silber gestickten Wand, die weiße

Gestalt, das schöne Weib von Stein, das ich anbete, das ich fürchte,

vor dem ich fliehe.

Mit ein paar Sätzen bin ich im Hause und hole Atem und denke nach.

Nun, was bin ich jetzt eigentlich, ein kleiner Dilettant oder ein

großer Esel?

[Illustration]

Ein schwüler Morgen, die Luft ist matt, stark gewürzt, aufregend. Ich

sitze wieder in meiner Gaisblattlaube und lese in der Odyssee von der

reizenden Hexe, die ihre Anbeter in Bestien verwandelt. Köstliches Bild

der antiken Liebe.

In den Zweigen und Halmen rauscht es leise und die Blätter meines

Buches rauschen und auf der Terrasse rauscht es auch.

Ein Frauengewand --

Da ist sie -- Venus -- aber ohne Pelz -- nein, diesmal ist es die Witwe

-- und doch -- Venus -- oh! welch ein Weib!

Wie sie dasteht im leichten, weißen Morgengewande und auf mich blickt,

wie poetisch und anmutig zugleich erscheint ihre feine Gestalt; sie ist

nicht groß, aber auch nicht klein, und der Kopf, mehr reizend, pikant

-- im Sinne der französischen Marquisenzeit -- als streng schön, aber

doch wie bezaubernd, welche Weichheit, welcher holde Mutwille umspielen

diesen vollen, nicht zu kleinen Mund -- die Haut ist so unendlich zart,

daß überall die blauen Adern durchschimmern, auch durch den Mousselin,

welcher Arm und Busen bedeckt, wie üppig ringelt sich das rote Haar --

ja, es ist rot -- nicht blond oder goldig -- wie dämonisch und doch

lieblich spielt es um ihren Nacken, und jetzt treffen mich ihre Augen

wie grüne Blitze -- ja, sie sind grün, diese Augen, deren sanfte Gewalt

unbeschreiblich ist -- grün, aber so wie es Edelsteine, wie es tiefe,

unergründliche Bergseen sind.

Sie bemerkt meine Verwirrung, die mich sogar unartig macht, denn ich

bin sitzen geblieben und habe noch meine Mütze auf dem Kopfe.

Sie lächelt schelmisch.

Ich erhebe mich endlich und grüße sie. Sie nähert sich und bricht

in ein lautes, beinahe kindliches Lachen aus. Ich stottere, wie nur

ein kleiner Dilettant oder großer Esel in einem solchen Augenblicke

stottern kann.

So machen wir unsere Bekanntschaft.

Die Göttin fragte um meinen Namen und nennt mir den ihren.

Sie heißt Wanda von Dunajew.

Und sie ist wirklich meine Venus.

„Aber Madame, wie kamen Sie auf den Einfall?“

„Durch das kleine Bild, das in einem Ihrer Bücher lag --“

„Ich habe es vergessen.“

„Die seltsamen Bemerkungen auf der Rückseite --“

„Warum seltsam?“

Sie sah mich an. „Ich habe immer den Wunsch gehabt, einmal einen

ordentlichen Phantasten kennen zu lernen -- der Abwechslung wegen --

nun, Sie scheinen mir nach allem einer der tollsten.“

„Meine Gnädige -- in der Tat --“ wieder das fatale, eselhafte Stottern

und noch dazu ein Erröten, wie es für einen jungen Menschen von

sechzehn Jahren wohl passen mag, aber für mich, der beinahe volle zehn

Jahre älter --

„Sie haben sich heute Nacht vor mir gefürchtet.“

„Eigentlich -- allerdings -- aber wollen Sie sich nicht setzen?“

Sie nahm Platz und weidete sich an meiner Angst -- denn ich fürchtete

mich jetzt, bei hellem Tageslichte, noch mehr vor ihr -- ein reizender

Hohn zuckte um ihre Oberlippe.

„Sie sehen die Liebe und vor allem das Weib,“ begann sie, „als etwas

Feindseliges an, etwas, wogegen Sie sich, wenn auch vergebens, wehren,

dessen Gewalt Sie aber als eine süße Qual, eine prickelnde Grausamkeit

fühlen; eine echt moderne Anschauung.“

„Sie teilen sie nicht.“

„Ich teile sie nicht,“ sprach sie rasch und entschieden und schüttelte

den Kopf, daß ihre Locken wie rote Flammen emporschlugen.

„Mir ist die heitere Sinnlichkeit der Hellenen -- Freude ohne Schmerz

-- ein Ideal, das ich in meinem Leben zu verwirklichen strebe. Denn an

jene Liebe, welche das Christentum, welche die Modernen, die Ritter vom

Geiste predigen, glaube ich nicht. Ja, sehen Sie mich nur an, ich bin

weit schlimmer als eine Ketzerin, ich bin eine Heidin.

„Glaubst du, es habe sich lange die Göttin der Liebe besonnen,

Als im Idäischen Hain einst ihr Anchises gefiel?“

Diese Verse aus Goethes römischer Elegie haben mich stets sehr entzückt.

In der Natur liegt nur jene Liebe der heroischen Zeit, „da Götter und

Göttinnen liebten“. Damals

„folgte Begierde dem Blick, folgte Genuß der Begier“.

Alles andere ist gemacht, affektiert, erlogen. Durch das Christentum --

dessen grausames Emblem -- das Kreuz -- etwas Entsetzliches für mich

hat -- wurde erst etwas Fremdes, Feindliches in die Natur und ihre

unschuldigen Triebe hineingetragen.

Der Kampf des Geistes mit der sinnlichen Welt ist das Evangelium der

Modernen. Ich will keinen Teil daran.“

„Ja, Ihr Platz wäre im Olymp, Madame,“ entgegnete ich, „aber wir

Modernen ertragen einmal die antike Heiterkeit nicht, am wenigsten

in der Liebe; die Idee, ein Weib, und wäre es auch eine Aspasia, mit

anderen zu teilen, empört uns, wir sind eifersüchtig wie unser Gott.

So ist der Name der herrlichen Phryne bei uns zu einem Schimpfworte

geworden.

Wir ziehen eine dürftige, blasse, Holbeinsche Jungfrau, welche uns

allein gehört, einer antiken Venus vor, wenn sie noch so göttlich schön

ist, aber heute den Anchises, morgen den Paris, übermorgen den Adonis

liebt, und wenn die Natur in uns triumphiert, wenn wir uns in glühender

Leidenschaft einem solchen Weibe hingeben, erscheint uns dessen heitere

Lebenslust als Dämonie, als Grausamkeit, und wir sehen in unserer

Seligkeit eine Sünde, die wir büßen müssen.“

„Also auch Sie schwärmen für die moderne Frau, für jene armen,

hysterischen Weiblein, welche im somnambulen Jagen nach einem

erträumten, männlichen Ideal den besten Mann nicht zu schätzen

verstehen und unter Tränen und Krämpfen täglich ihre christlichen

Pflichten verletzen, betrügend und betrogen, immer wieder suchen und

wählen und verwerfen, nie glücklich sind, nie glücklich machen und

das Schicksal anklagen, statt ruhig zu gestehen, ich will lieben und

leben, wie Helena und Aspasia gelebt haben. Die Natur kennt keine Dauer

in dem Verhältnis von Mann und Weib.“

„Gnädige Frau --“

„Lassen Sie mich ausreden. Es ist nur der Egoismus des Mannes, der das

Weib wie einen Schatz vergraben will. Alle Versuche, durch heilige

Zeremonien, Eide und Verträge Dauer in das Wandelbarste im wandelbaren

menschlichen Dasein, in die Liebe hineinzutragen, sind gescheitert.

Können Sie leugnen, daß unsere christliche Welt in Fäulnis übergegangen

ist?“

„Aber --“

„Aber der Einzelne, der sich gegen die Einrichtungen der Gesellschaft

empört, wird ausgestoßen, gebrandmarkt, gesteinigt, wollen Sie sagen.

Nun gut. Ich wage es, meine Grundsätze sind recht heidnisch, ich will

mein Dasein ausleben. Ich verzichte auf euren heuchlerischen Respekt,

ich ziehe es vor, glücklich zu sein. Die Erfinder der christlichen

Ehe haben gut daran getan, auch gleich dazu die Unsterblichkeit zu

erfinden. Ich denke jedoch nicht daran, ewig zu leben, und wenn mit

dem letzten Atemzuge hier für mich als Wanda von Dunajew alles zu Ende

ist, was habe ich davon, ob mein reiner Geist in den Chören der Engel

mitsingt oder ob mein Staub zu neuen Wesen zusammenquillt? Sobald

ich aber, so wie ich bin, nicht fortlebe, aus welcher Rücksicht soll

ich dann entsagen? Einem Manne angehören, den ich nicht liebe, bloß

deshalb, weil ich ihn einmal geliebt habe? Nein, ich entsage nicht,

ich liebe jeden, der mir gefällt, und mache jeden glücklich, der mich

liebt. Ist das häßlich? Nein, es ist mindestens weit schöner, als

wenn ich mich grausam der Qualen freue, die meine Reize erregen, und

mich tugendhaft von dem Armen abkehre, der um mich verschmachtet. Ich

bin jung, reich und schön, und so, wie ich bin, lebe ich heiter dem

Vergnügen, dem Genuß.“

Ich hatte, während sie sprach und ihre Augen schelmisch funkelten,

ihre Hände ergriffen, ohne recht zu wissen, was ich mit ihnen anfangen

wollte, aber als echter Dilettant ließ ich sie jetzt wieder eilig los.

„Ihre Ehrlichkeit,“ sagte ich, „entzückt mich, und nicht diese allein

--“

Wieder der verdammte Dilettantismus, der mir den Hals mit einem

Hemmseil zuschnürt.

„Was wollten Sie doch sagen...“

„Was ich sagen wollte -- ja, ich wollte -- vergeben Sie -- meine

Gnädige -- ich habe Sie unterbrochen.“

„Wie?“

Eine lange Pause. Sie hält gewiß einen Monolog, der, in meine Sprache

übersetzt, sich in das einzige Wort „Esel“ zusammenfassen läßt.

„Wenn Sie erlauben, gnädige Frau,“ begann ich endlich, „wie sind Sie zu

diesen -- zu diesen Ideen gekommen?“

„Sehr einfach, mein Vater war ein vernünftiger Mann. Ich war von der

Wiege an mit Abgüssen antiker Bildwerke umgeben, ich las mit zehn

Jahren den Gil Blas, mit zwölf die Pucelle. Wie andere in ihrer

Kindheit den Däumling, Blaubart, Aschenbrödel, nannte ich Venus und

Apollo, Herkules und Laokoon meine Freunde. Mein Gatte war eine

heitere, sonnige Natur; nicht einmal das unheilbare Leiden, das ihn

nicht lange nach unserer Vermählung ergriff, konnte seine Stirne jemals

für die Dauer umwölken. Noch die Nacht vor dem Tode nahm er mich in

sein Bett und während der vielen Monate, wo er sterbend in seinem

Rollsessel lag, sagte er öfter scherzend zu mir: „Nun, hast du schon

einen Anbeter?“ Ich wurde schamrot. „Betrüge mich nicht,“ fügte er

einmal hinzu, „das fände ich häßlich, aber suche dir einen hübschen

Mann aus, oder lieber gleich mehrere. Du bist ein braves Weib, aber

dabei noch ein halbes Kind, du brauchst Spielzeug.““

„Es ist wohl nicht nötig, Ihnen zu sagen, daß ich, so lange er lebte,

keinen Anbeter hatte, aber genug, er erzog mich zu dem, was ich bin, zu

einer Griechin.“

„Zu einer Göttin,“ fiel ich ein.

Sie lächelte. „Zu welcher etwa?“

„Zu einer Venus.“

Sie drohte mit dem Finger und zog die Brauen zusammen. „Am Ende gar zu

einer ‚+Venus im Pelz+‘, warten Sie nur -- ich habe einen großen,

großen Pelz, mit dem ich Sie ganz zudecken kann, ich will Sie darin

fangen, wie in einem Netz.“

„Glauben Sie auch,“ sagte ich rasch, denn mir kam etwas in den Sinn,

was ich -- so gewöhnlich und abgeschmackt es war -- für einen sehr

guten Gedanken hielt -- „glauben Sie, daß Ihre Ideen sich in unserer

Zeit durchführen lassen, daß Venus ungestraft in ihrer unverhüllten

Schönheit und Heiterkeit unter Eisenbahnen und Telegraphen wandeln

dürfte?“

„+Unverhüllt+ gewiß nicht, aber im Pelz,“ rief sie lachend,

„wollen Sie den meinen sehen?“

„Und dann --“

„Was dann?“

„Schöne, freie, heitere und glückliche Menschen, wie es die Griechen

waren, sind nur dann möglich, wenn sie +Sklaven+ haben, welche für

sie die unpoetischen Geschäfte des täglichen Lebens verrichten und vor

allem für sie arbeiten.“

„Gewiß,“ erwiderte sie mutwillig, „vor allem braucht aber eine

olympische Göttin, wie ich, ein ganzes Heer von Sklaven. Hüten Sie sich

also vor mir.“

„Warum?“

Ich erschrak selbst über die Kühnheit, mit der ich dieses „Warum“

herausgebracht hatte; sie indes erschrak durchaus nicht, sie zog die

Lippen etwas empor, so daß die kleinen, weißen Zähne sichtbar wurden,

und sprach dann leichthin, als handle es sich um etwas, was nicht der

Rede wert sei: „Wollen Sie mein Sklave sein?“

„In der Liebe gibt es kein Nebeneinander,“ erwiderte ich mit

feierlichem Ernst, „sobald ich aber die Wahl habe, zu herrschen oder

unterjocht zu werden, scheint es mir weit reizender, der Sklave

eines schönen Weibes zu sein. Aber wo finde ich das Weib, das nicht

mit kleinlicher Zanksucht Einfluß zu erringen, sondern ruhig und

selbstbewußt, ja streng zu herrschen versteht?“

„Nun, das wäre am Ende nicht so schwer.“

„Sie glauben --“

„Ich -- zum Beispiel -- --“ sie lachte und bog sich dabei weit zurück

-- „ich habe Talent zur Despotin -- die nötigen Pelze besitze ich auch

-- aber Sie haben sich heute nacht in allem Ernste vor mir gefürchtet!“

„In allem Ernste.“

„Und jetzt?“

„Jetzt -- jetzt fürchte ich mich erst recht vor Ihnen!“

* *

*

Wir sind täglich beisammen, ich und -- Venus; viel beisammen,

wir nehmen das Frühstück in meiner Gaisblattlaube und den Tee in

ihrem kleinen Salon, und ich habe Gelegenheit, alle meine kleinen,

sehr kleinen Talente zu entfalten. Wozu hätte ich mich in allen

Wissenschaften unterrichtet, in allen Künsten versucht, wenn ich nicht

imstande wäre, ein kleines hübsches Weib --

Aber dieses Weib ist durchaus nicht so klein und imponiert mir ganz

ungeheuer. Heute zeichnete ich sie und da fühlte ich erst so recht

deutlich, wie wenig unsere moderne Toilette für diesen Kameenkopf paßt.

Sie hat wenig Römisches, aber viel Griechisches in der Bildung ihrer

Züge.

Bald möchte ich sie als Psyche, bald als Astarte malen, je nachdem ihre

Augen den schwärmerisch seelischen, oder jenen halb verschmachtenden,

halb versengenden, müdwollüstigen Ausdruck haben, aber sie wünscht, daß

es ein Porträt werden soll.

Nun, ich werde ihr einen Pelz geben.

Ach! wie konnte ich nur zweifeln, für wen gehört ein fürstlicher Pelz,

wenn nicht für sie?

* *

*

Ich war gestern abend bei ihr und las ihr die römischen Elegien. Dann

legte ich das Buch weg und sprach einiges aus dem Kopfe. Sie schien

zufrieden, ja noch mehr, sie hing förmlich an meinen Lippen und ihr

Busen flog.

Oder habe ich mich getäuscht?

Der Regen pochte melancholisch an die Scheiben, das Feuer am Kamin

prasselte winterlich traulich, mir wurde so heimatlich bei ihr, ich

hatte einen Augenblick allen Respekt vor dem schönen Weibe verloren und

küßte ihre Hand und sie ließ es geschehen.

Dann saß ich zu ihren Füßen und las ihr ein kleines Gedicht, das ich

für sie gemacht habe.

+Venus im Pelz.+

„Setz’ den Fuß auf deinen Sklaven,

Teuflisch holdes Mythenweib,

Unter Myrten und Agaven

Hingestreckt den Marmorleib.“

Ja -- nun weiter! Diesmal bin ich wirklich über die erste Strophe

hinausgekommen, aber ich habe ihr an jenem Abend das Gedicht auf ihren

Befehl gegeben und habe keine Abschrift, und heute, wo ich dies aus

meinem Tagebuche herausschreibe, fällt mir nur diese erste Strophe ein.

Venus im Pelz · 第 1 / 10 段