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Mondnacht-Märchen.
In
der Mondnacht.
Märchen
von
Hans Wachenhusen.
Leipzig,
Verlag von Otto Spamer.
1854.
Fräulein
Marie Seebach
gewidmet
vom
Verfasser.
Inhalt.
Seite
Wie ich zu den Märchen kam 1
Des Königs Fernrohr 7
Etwas Höheres 14
Die unglücklichen Heuschrecken 22
Die beiden Engel 29
Der blanke Dreier 34
Der kriegerische Floh 42
Der blasirte Stieglitz 46
Der Rattengang 58
Die kleine Meta 68
Warum der Storch immer so geht 89
Jeder nach seiner Weise 95
Lebenslauf der Scheere 99
Die zehn Rosen vom Sinai 111
Das Sperlingsnest 114
Christ ist geboren 118
Der Kalendermann 128
Wie ich zu den Märchen kam.
In einem einsamen Wirthshause des Thüringer Waldes übernachtete ich im
letzten Sommer, als ich auf der Reise war. Ich konnte nicht einschlafen und
dachte allerlei bei mir, was man so denkt, wenn man nichts Anderes zu thun
hat.
Da ging der Mond hinter dem Inselberge auf und leuchtete in mein Zimmer,
ich aber rieb mir die Augen und sagte zu mir: »es ist nur gut, daß der
Mond da ist, so sind wir doch unsrer Zwei in dem einsamen Zimmer; du willst
ihm nur das Fenster öffnen, damit er herein kann!«
Das that ich denn auch, und während ich vom Bett aus in den Mond schaute,
sah ich einen hellen, breiten Strahl herein dringen, der fast wagerecht von
draußen auf meine Brust fiel.
Ich betrachtete mir den sonderbaren Strahl genauer, und da sah ich denn,
daß er eine Mondstraße war, die war wie eine Chaussee mit Kies gedämmt,
ganz wie eine rechtschaffene Chaussee, für die man mit gutem Gewissen
Zollgeld einnehmen kann, nicht wie die Chausseen der Leipziger Promenaden,
auf die man immer halbe Pfund-Kieselsteine streut, damit der Schuster nur
recht viel Geld verdient. Und auch die Meilensteine standen ganz regelrecht
in gewisser Entfernung von einander da, ordentlich mit Zahlen darauf, aus
denen ein gewöhnliches Menschenkind nie recht klug werden kann. Aber was
noch das Beste war: mein kleines Fenster, durch welches diese Straße ging,
sah aus, als wäre es das Chausseehaus mit dem Schlagbaum.
-- So was lebt nicht! dachte ich bei mir. Seit wann werden denn schon die
Mondstrahlen gepflastert?... »Aber«, dachte ich weiter, als ich's mir
recht überlegt hatte, »im Grunde ist das doch schön, du kannst hier
nun den Chausseegeld-Einnehmer spielen und also auf der Reise noch Geld
verdienen. Du willst jetzt Zöllner sein und der erste Wagen, der des Weges
kommt, muß Zoll bezahlen!«
Kaum hatt' ich dies gedacht, da sah ich in der Ferne einen Wagen die
Mondchaussee herabkommen. Aber was war das für ein wunderliches kleines
Fuhrwerk!
Der Wagen bestand aus einem reifen Mohnkopf, an den ein paar Sternblumen
als Räder geklebt waren. In dem Mohnkopf saß ein kleiner Fuhrmann, kaum
einen Käse hoch, der hielt die vom feinsten Spinngewebe gedrehten Zügel
in der Hand und schwang das Fühlhorn eines Goldkäfers als Peitsche. Vor
dem Wagen aber galoppirten vier große Mücken von denen mit dem Büschel
auf dem Kopf, wie im Winter die Schlittenpferde. Diese Mücken hatten
ordentlich ein kleines Gebiß im Munde, sie waren ganz nach alter
Fuhrmannsregel aufgeschirrt und ich glaube, sie hatten auch kleine Hufeisen
unter den Füßen, denn sie galoppirten mit ihren langen Beinen daher, daß
es eine Lust war. Aber mager waren sie doch ganz entsetzlich; sie mochten
wohl von echt englischer Raçe sein.
-- Hollah! rief ich dem Fuhrmann zu, als er an's Fenster kam; hier wird
Chausseegeld bezahlt.
Er aber ließ sich gar nichts merken, war wie ein Wind durchs Fenster und
kutschirte gerade auf mich zu.
-- Oho! rief ich, als er mir auf den Leib kam; mein Bett ist doch keine
Ausspannung für Wagen und Pferde?
Er aber ließ sich wieder nichts merken, rief »Brr!« stieg aus, band
seine Pferde an mein Nachtlicht und marschirte auf der Bettdecke zu mir.
-- Guten Abend, alter Kamerad! rief er mir so ungenirt zu, als wären wir
zusammen in die Schule gegangen.
-- Guten Abend! antwortete ich, den kleinen Kerl groß ansehend. »Wer bist
Du, und hast Du auch einen Paß bei Dir?«
-- Brauche keinen Paß! Reise überall frank und frei umher!
-- So? Dann mußt Du wohl sehr weit herkommen? Laß das nur die Polizei
nicht merken!
-- Giebt für mich gar keine Polizei! sagte er so stolz, als wäre er
mindestens der Kaiser von Rußland.
-- Höre 'mal, kleiner Patron, Du scheinst mir ein Landstreicher zu
sein!... Doch gleichviel, ich will Dich nicht verrathen; sag' mir nur, wer
Du bist.
-- Du kennst mich also nicht mehr! Was für ein kurzes Gedächtniß Ihr
Menschen doch habt!... Ich bin ja Puck!
-- So? Du bist Puck?... Und wer ist denn Puck, wenn ich fragen darf?
-- Was? Du willst ein Dichter sein und kennst den kleinen Puck nicht
einmal?... Schämen solltest Du Dich!
-- Nun ja, Du närrischer Kauz, da wir unter uns sind, will ich das ja
gerne thun; aber sage mir wenigstens...
-- Ich bin ja der kleine Puck, der Euch einfältigen Leuten, die Ihr Euch
Dichter nennt, alle die schönen Märchenträume erzählt. Was wäret Ihr
wohl ohne mich?
-- So? Also _Du_ bist der kleine Schelm?
-- Das will ich meinen! Ich reise in der ganzen Welt umher und erzähle,
was ich weiß, den Märchenschreibern. Andersen in Dänemark, die beiden
Grimm's in Deutschland, Asbjörnsen und Jörgen Moe in Norwegen, Alle haben
sie ihre Märchen von mir und noch gestern Nacht war ich in England und
habe dem Charles Dickens ein ganz famöses Märchen erzählt.... Alle, wie
sie da gebacken sind, wüßten sie nicht so viel ohne mich! rief der kleine
Wicht, mir ein Schnippchen vor der Nase schlagend.
-- Aber was willst Du denn bei _mir_? fragte ich ihn.
-- Dir auch was erzählen!
-- Aber doch was Gescheidtes?
-- Das versteht sich! Thu' nur die Ohren auf!
-- Gut; so fange an!
Rittlings setzte sich nun der kleine Knirps auf eine Falte meiner
Bettdecke, fing an zu erzählen und machte dabei immer _so_ und _so_ mit
den Händen wie der Pastor, wenn er auf der Kanzel steht.
Das dauerte wohl bis gegen Morgen. Als er fertig war, griff er in die
Tasche, legte mir ein Mohnkörnchen in jedes Auge, und ich schlief ein.
Wo er geblieben ist, weiß ich nicht; was er mir aber erzählt, das habe
ich hier getreulich nieder geschrieben.
Des Königs Fernrohr.
Hört an: Es war einmal ein König, der hatte viel Land und Leute, sein
Reich erstreckte sich von Aufgang bis Niedergang der Sonne, auch herrschte
viel Gelehrsamkeit und Verkehr in demselben, und _Das_, meinte er, sei
_sein_ Werk.
Aber seine Unterthanen sagten ihm nach, er sei zwar ein recht guter König,
doch lasse er sein Land durch seine Minister und Beamten regieren, die
es aussögen, den König hintergingen und nur für ihre eigenen Säckel
sorgten.
So kam es denn, daß sehr viele Bittschriften von Unglücklichen im
Schlosse einliefen. Von diesen aber kamen nur sehr wenige in die Hand des
Königs und auf die wenigen, welche ihm vor Augen gelangten, antwortete er,
es sei unmöglich, daß er Alles selbst übersehen könne, seine Minister
seien alle brave Männer, die würden das schon besorgen; übrigens sei
sein Land das allerglücklichste der Welt.
Das war aber keineswegs der Fall, denn im Lande sah es von Jahr zu Jahr
immer trüber aus; die Bürger verarmten, die Reichen verschluckten den
Schweiß der Armen und je mehr Minister der König anschaffte, desto
schlechter wurde es.
Da kam eines Tages ein reisender Brillenhändler in das Schloß des
Königs, der sagte, er komme aus dem fernen Orient und habe Gläser
erfunden, durch welche man _Alles_ sehen könne, was man wolle.
-- Das wäre! -- sagte der König. Wenn Du also wahr sprichst, so gieb mir
ein Glas, durch welches ich über mein ganzes Land blicken und Alles sehen
kann, was in demselben vorgeht!
Und der Brillenhändler gab ihm ein großes Fernglas, das war von außen
ganz schwarz und wohl drei Ellen lang. Darauf reiste er ab.
Der König aber stieg auf die höchste Zinne seines Schlosses und schaute
hinaus in sein Land.
Aber was sah er durch dieses Fernglas? Fast nichts als Armuth und Elend
in den Hütten, Hader und Neid in den Häusern der Reichen, Uebermuth und
schändliche Ausschweifungen in den Palästen. Er sah in den Hütten der
Armen die Söhne ihre eigenen Eltern hinausstoßen und abgezehrte Kinder
an trocknen Knochen und Schuhsohlen nagen; er sah in den Werkstätten
der Handwerker die Arbeit ruhen und die Väter und Mütter ihre Hände
vergebens nach Brot ringen; er sah an den Schwellen der Reichen den
Bettler unbarmherzig verjagen und in den Palästen der Vornehmen das Geld
aufgestapelt, das er alljährlich prägen ließ.
-- Das ist ein schändlicher Betrüger! rief der König aus und warf das
Glas bei Seite. So sieht es in _meinem_ Lande nicht aus, denn mein Land ist
das allerglücklichste der Welt!
Und der König schaute nie mehr durch dieses Glas, und setzte einen Preis
aus für Denjenigen, welcher ihm den Betrüger zur Stelle schaffen könne,
der ihm dieses Fernglas verkauft.
Aber Niemand fand ihn und alle Nachforschungen blieben vergebens.
Wohl ein Jahr war verflossen, da trat der reisende Brillenhändler wieder
in das Schloß. Der König fuhr ihn hart an und befahl, ihn zu verhaften
und in Ketten zu legen.
-- Hoher König, sagte der Brillenhändler, Du befahlst mir ja, Dir ein
Fernglas zu geben, durch welches Du Alles sehen könnest, was in Deinem
Lande vorgehe!
-- Dein Glas lügt aber! rief der König. Mein Land ist das glücklichste
der Welt! Gieb mir ein Fernglas, durch welches ich meine Unterthanen
glücklich sehen kann, so soll Dir vergeben sein!
Und der Brillenhändler gab dem König ein anderes Fernglas, das war außen
ganz weiß und ebenfalls wohl drei Ellen lang. -- Dann reiste er wieder ab.
Der König aber stieg auf die höchste Zinne seines Schlosses und schaute
in sein Land hinaus. Wohl sah er _viel_ weniger durch dieses, als durch das
vorige Glas, aber _was_ er sah, das war Glück und Frieden.
-- _So_ sieht mein Land aus! Ich wußte ja, daß es glücklich sei! sagte
er und stieg wieder von der Zinne herab und lobte seine Minister dafür,
daß sie sein Land so glücklich verwalteten.
Also verging wohl ein Jahr, während dessen der König alle vier Wochen auf
die Zinne seines Schlosses stieg und ausschaute.... Er sah mit jedem
Male immer weniger durch das Glas, aber _was_ er sah, das war Glück und
Frieden.
Endlich konnte er gar nichts mehr durch das Fernglas sehen. Er gab es
seinen Dienern, die sollten es putzen, denn der König meinte, es sei von
dem langen Gebrauch blind geworden. Aber so viel die Diener auch putzten,
das Glas blieb blind. Der König indeß wußte, daß sein Land glücklich
sei.
Und wieder verging ein Jahr. Da brach im Lande ein Bürgerkrieg aus; die
Paläste der Reichen gingen in Flammen auf und eine Seuche verbreitete sich
über alle Provinzen. Die Unruhen ließ der König zwar dämpfen, aber die
Seuche wüthete fort und warf den König selbst aufs Krankenlager, der noch
immer geglaubt hatte, daß sein Land glücklich sei; denn seine Minister
hatten es ihm ja gesagt.
Da lag nun der arme König und mehr als die Krankheit folterte ihn der
plötzlich in ihm aufgetauchte Gedanke, daß sein Land _doch_ wohl nicht
_glücklich_ sein müsse.
Seine Krankheit wurde immer gefährlicher und die Aerzte meinten, er werde
wohl sterben müssen.
Da kam eines Tages ein Fremder vor das Schloß gefahren, der sagte, er sei
ein Wunderdoctor aus fernen Landen, er wolle den König wieder herstellen,
wenn man ihn allein mit dem Kranken lasse.
Als der König dies vernahm, befahl er seiner ganzen Umgebung, hinaus zu
gehen; und als nun der Wunderdoctor an sein Bett trat, da erkannte er den
Brillenhändler. Dieser legte dem kranken Könige die Hand auf die Brust;
sogleich ward ihm wohler und noch an demselben Tage konnte er das Bett
verlassen.
-- Auch das zweite Fernglas, welches Du mir gegeben, ist falsch gewesen!
sagte der König zu dem Brillenhändler; denn während es mir nur Glück
und Frieden im Lande zeigte, brachen Bürgerkrieg und Seuchen aus, und
zuletzt wurde es ganz blind. Du hast mich und mein Land sehr unglücklich
gemacht!
-- Du hast es ja so gewollt, antwortete der Brillenhändler. Als Du ein
Fernglas von mir verlangtest, durch welches Du Alles sehen könnest, was
in Deinem Lande vorgehe, da gab ich Dir das schwarze und Du sahst durch
dasselbe, wie es in Deinem Lande zuging. _So_ sah es aus; aber Du wolltest
es nicht glauben. Als ich wiederkehrte, verlangtest Du ein Glas von mir,
durch welches Du Deine Unterthanen glücklich sehen könntest. Ich gab Dir
ein solches. Du sahst die wenigen Stätten Deines Landes, in welche Hader
und Elend noch nicht gedrungen, und als auch diese endlich vom Unglück
verheert waren, da sahst Du _nichts_ mehr durch dieses Glas. Du glaubtest,
das _Glas_ sei blind, aber _Du selbst_ nur warst blind.
-- So gieb mir denn ein drittes, durch welches ich _Alles_, _Alles_ sehen
kann, was in meinem Lande vorgeht, mag es Gutes oder Böses sein!
Und der Brillenhändler gab dem Könige ein drittes Fernrohr.
-- Es ist das letzte! sagt er, und verschwand.
Der König aber stieg mit dem Fernglase auf die höchste Zinne seines
Schlosses, und diesmal sah er viel Elend, aber auch manches Glück; er sah
viel schlechte Thaten, die strafte er auf's härteste; er sah auch gute
Thaten, und die belohnte er königlich.
Viele Jahre vergingen, das Land jedoch ward nun blühend und seine Bewohner
wurden glücklich. Der König aber war zufrieden und sagte: »jetzt ist
nicht nur _mein Land_ glücklich, _ich selbst_ bin es auch!«
Und als er endlich auf dem Sterbebette lag, da erschien ihm der
Brillenhändler zum vierten und letzten Male.
-- Ach, sagte der König; mein Lieber, _dieses_ Fernglas ist unbezahlbar!
Laß es mir, damit es auf meinen Sohn vererbe!
-- Es sei! antwortete der Brillenhändler, denn die Blicke eines Königs
sollen nicht nur die Glücklichen, sondern noch mehr die Unglücklichen
sehen. Nun aber höre noch Eins: Dieses _letzte_ Fernrohr, das ich Dir gab,
enthielt _gar kein_ Glas; _ich habe Dir nur die Augen geöffnet_!
Etwas Höheres.
Eine Stahlfeder und ein Gänsekiel lagen eines schönen Sommermorgens auf
dem Pulte eines Dichters. Dieser war verreist, und da das Stubenmädchen
nach dem Auskehren des Zimmers das Fenster offen gelassen hatte, so konnten
die beiden Federn recht nach Herzenslust die frische Luft genießen. Aber
daran dachten sie gar nicht, denn sie hatten viel wichtigere Dinge zu
besprechen.
Wie es gewöhnlich geht, daß die Dienerschaft groß spricht, wenn die
Herrschaft nicht zu Hause ist, führten auch die Stahlfeder und der
Gänsekiel eine gelehrte Unterhaltung über die Dichtkunst und beide
strichen ihre Verdienste um dieselbe heraus.
-- Ich bin doch eigentlich viel mehr als Du, sagte die Stahlfeder, denn mit
mir hat unser Herr sein berühmtes Gedicht »_an den Mond_« geschrieben;
ich bin also im Grunde eine berühmte Stahlfeder. Es ist doch recht
beruhigend, wenn man sich sagen kann: Du hast etwas Großes geleistet!
Andere Federn freilich können sich dessen nicht rühmen! setzte sie mit
einem spöttischen Blick auf den Gänsekiel hinzu.
-- O ja, das können sie wohl! sagte der Gänsekiel, sich seine schöne
Fahne streichend. Mit _mir_ z. B. hat unser Herr sein berühmtes Gedicht
über »_die Unsterblichkeit der Seele_« geschrieben, und die ist doch
etwas viel Höheres als der Mond!
-- Das ist nicht wahr! entgegnete die Stahlfeder; der Mond ist etwas viel
Höheres als die Seele.
-- Nein, die Seele ist höher!
-- Nein, der Mond, behaupte ich!... Aber dazu muß man Astronomie verstehen
und von _der_ hat eine Gans wie Du natürlich keine Ahnung!
So stritten sich Beide darum, ob der Mond oder die Seele höher sei und
Jeder vertheidigte seine Ansicht.
Endlich machte die Stahlfeder, um den Streit zu schlichten, den Vorschlag,
es solle Derjenige Recht haben, welcher den feinsten Haarstrich machen
könne.
-- Nein, wer den dicksten Grundstrich machen kann! rief der Gänsekiel,
und das war eigentlich recht gescheidt von ihm, denn in solchen kann ein
Gänsekiel etwas leisten.
-- Gut, auch Das! sagte die Stahlfeder, sich auf die Biegsamkeit ihrer
langen Beine verlassend; ich bin nicht so streitsüchtig wie andere Leute,
und nur um Dir dies zu beweisen, nehme ich Deinen Vorschlag an.
Die Stahlfeder sollte nun zuerst schreiben. Stolz richtete sie sich auf,
tauchte ihre spitzen Beine recht tief in die Tinte, stellte sich auf das
Papier, und um dem Gänsekiel doch auch zugleich einen Begriff von der
Feinheit ihrer Haarstriche zu geben, machte sie zuerst einen Haarstrich,
der war so dünn wie eine Stecknadelspitze.
-- Das muß wahr sein, sagte der Gänsekiel, _fein_ ist der Strich; aber
_ich_ kann ihn auch so machen.... Jetzt den Grundstrich, der ist die
Hauptsache!
Die Stahlfeder lächelte sehr vornehm, wie Einer, der seiner Sache gewiß
ist, steckte ihre Beine noch einmal in die Tinte, bog sie dann auf dem
Papier recht weit auseinander und machte einen Druck.
Knack! Da brach ihr das eine Bein, daß es hoch in die Luft flog und das
Papier mit ihrem schwarzen Blut bespritzte; und da sie mit dem andern Bein
weder einen Grundstrich machen, noch sich auf demselben aufrecht erhalten
konnte, so sank sie mit einem Seufzer um.
-- Daran bist _Du_ mit Deinem Grundstrich Schuld! sagte sie zum Gänsekiel;
aber so ergeht es Einem immer, wenn man sich mit solchem Gesindel, wie Du
bist, einläßt!
Der Gänsekiel freute sich über die Maßen und konnte doch der Stahlfeder
die Antwort nicht schuldig bleiben.
-- Gesindel? rief er. Oho! Ich bin von sehr achtbarer Herkunft!
-- Ja wohl, Du stammst von einer Gans!
-- Und woher stammst denn Du, wenn man fragen darf?
Ich bin weither aus einem Gebirgslande, in welchem nur edle Metallfamilien
leben. Der Stahl ist von jeher etwas Aristokratisches gewesen; schon die
alten Ritter trugen uns auf der Brust.
-- Und uns Federn trugen sie auf den Helmen; das ist doch viel höher.
-- Ja, Federn trugen sie wohl, aber nur keine Gänsefedern, hahaha! lachte
die Stahlfeder trotz ihren Schmerzen. _Unser_ Geschlecht dahingegen hat
schon, so lange es Krieg giebt, das Vaterland mit Ehren vertheidigt.
-- Und das unsre hat einst das Kapitol gerettet! Mit uns Gänsefedern hat
Luther die Bibel übersetzt; wir haben die Weltgeschichte geschrieben,
Schiller und Göthe haben mit uns ihre unsterblichen Werke gedichtet,
ehe man an Euch Stahlfedern dachte! rief der Gänsekiel, seine Fahne
aufblähend.
Da aber fuhr gerade ein Windzug durch das Zimmer, faßte den leichten
Gänsekiel und wehte ihn zum Fenster hinaus. Die Stahlfeder hingegen ließ
er ruhig liegen, denn _die_ war wohl ein halbes Loth schwerer als der
Gänsekiel.
Und wie erging es nun der armen Gänsefeder?
Als sie unten auf der Straße ankam, schritt gerade ein Spielzeughändler
vorüber, der sah sie flattern und auf die Erde fallen; er nahm sie auf und
besah sie mit Wohlgefallen.
-- Du kommst mir ganz gelegen! sagte er, die Feder zu sich steckend, und
trug sie nach Hause.
Hier schnitt er sie mitten durch, machte aus dem unteren Theil einen
Zahnstocher und legte diesen zu den übrigen, welche er zum Verkauf in
seinem Laden hatte; den oberen Theil aber bemalte er mit den schönsten
Farben und steckte ihn an einen Federball.
Die arme Gänsefeder verspürte zwar viel Schmerz, als sie so mitten
durchgeschnitten wurde, aber sie fühlte doch, daß sie hiedurch ihrer
Bestimmung näher komme und tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie jetzt
etwas Höheres werde.
-- Es ist doch merkwürdig, sagte sie zu sich selbst, wie hoch Mancher
steigt, während Andre, z. B. ordinäre Stahlfedern, immer bleiben,
was sie sind. Das liegt aber an der Erziehung. Was wird meine bisherige
Kollegin Augen machen, wenn sie mich so vor ihrem Fenster hoch in die Luft
fliegen sieht! Jetzt bin ich wirklich etwas Höheres!
Ganz ebenso dachte der untere Theil der Gänsefeder, der nunmehrige
Zahnstocher.
-- Jetzt bin ich doch _etwas mehr_ geworden, sagte er zu sich; ich bin
jetzt ein respectabler und wohlgeborner Zahnstocher; vielleicht, ja
wahrscheinlich kauft mich ein König oder ein Fürst, dann komme ich an
eine königliche Tafel, in irgend einen durchlauchtigen Mund; vielleicht
kann ich sogar die Lippen irgend einer Prinzessin küssen. Ach, das wäre
einmal schön!... Ja, ja, jetzt bin ich unstreitig etwas Höheres! Die arme
Stahlfeder, die sich mit mir auf eine Stufe stellen wollte, sie thut mir
wirklich leid!...
So vergingen vier Wochen.
Inzwischen war der Federball einem Knaben zum Geburtstag geschenkt worden,
und jedesmal wenn dieser ihn hoch in die Luft schnellte, rief die Feder
sich zu: »jetzt bin ich etwas Höheres!«
Der Zahnstocher war mit seinem Schicksal schon weniger zufrieden. Er
war allerdings an eine vornehme Tafel gekommen, aber unbenutzt liegen
geblieben. Als der Diener die Tafel abtrug, bemerkte er den Zahnstocher,
nahm ihn in den Mund und ging aus, um die Geschäfte seines Herrn zu
besorgen. Er ärgerte sich aber darüber, daß er für seine Herrschaft so
viel laufen müsse und da er unterwegs zum Zeitvertreib den Zahnstocher
im Munde trug, so ließ er an diesem seinen Aerger aus und zerbiß und
zerkaute ihn so, daß der arme Zahnstocher hätte Ach und Weh schreien
mögen. Als der Diener zurückkehrte, warf er ihn auf der Straße auf einen
Kehrichthaufen, gerade vor der Thür des Dichters.
Der Letztere war ebenfalls von seiner Reise wieder heimgekehrt. Er sah die
zerbrochene Stahlfeder, zog sie aus dem Halter und warf sie zum Fenster
hinaus. Seufzend fiel sie auf denselben Kehrichthaufen.
-- Die Menschen sind doch entsetzlich undankbar! klagte die arme
Stahlfeder. Ich habe doch meinem Herrn sein berühmtes Gedicht »_an den
Mond_« geschrieben, und nun wirft er mich hier auf den Kehricht; und
gerade bei diesem erschrecklichen Regenwetter! Ich werde mich sehr vorsehen
müssen, damit ich nicht verroste!
Der Zahnstocher hörte die Stahlfeder neben sich seufzen.
-- Was hilft mir nun all mein Dichten! sagte er zu sich selbst. Da liege
ich jetzt in dem abscheulichen Platzregen! Und zerkaut hat mich dieser
Lakai bis auf die kleinste Faser!... Die Menschen sind doch recht
undankbar!
Inzwischen kam noch ein Dritter zu der Gesellschaft. Der Knabe hatte trotz
dem Regenwetter auf dem Platze mit seinem Federball gespielt; er warf
ihn hoch in die Luft, und als er wieder herabkam, waren alle die schönen
Farben der Feder in einander gelaufen. Die Feder sah jetzt recht häßlich
aus.
Unwillig riß der Knabe sie aus dem Ball und warf sie auf den Kehricht.
-- Da liege Du, wenn Du nicht Farbe halten kannst!
-- Gott, wie sind doch die Menschen undankbar! seufzte die Feder,
sich vornehm auf dem Kehrichthaufen umschauend. Aber ich habe doch
die Beruhigung, etwas Höheres gewesen zu sein. Wenn nur das garstige
Regenwetter erst vorüber ist, so schwinge ich mich schon wieder auf, denn
meine Federkraft fühle ich noch immer in mir!
-- Entschuldigen Sie, daß ich so frei bin zu fragen, redete die Stahlfeder
sie an, wir müssen uns kennen: waren wir nicht bei dem Dichter zusammen in
Condition?
Die Gänsefeder aber blähete sich auf und warf der Stahlfeder einen
verächtlichen Blick zu, obgleich sie dieselbe wohl erkannte.
-- Mit wem habe ich die Ehre? fragte sie vornehm.
Da aber kam ein kleiner Lumpensammler, der wühlte in dem Kehricht und fand
sie Alle, den Zahnstocher, die Stahlfeder und die vornehme Gänsefeder; er
nahm sie und steckte sie in seinen Sack.
-- Jetzt werde ich wieder etwas Höheres, sagte die Gänsefeder, als sie
nun zu einem Federreißer kam... Der aber riß ihr die schöne Fahne ab,
steckte sie in ein Kopfkissen und warf den kahlen Stiel hinter den Zaun zu
vielen andern.
-- Das schadet mir _doch_ nicht, sagte der Stiel zu sich selbst; ich bin
dennoch mehr als alle die übrigen hier; ich bin doch immer etwas Höheres,
denn ich habe das berühmte Gedicht über »die Unsterblichkeit der Seele«
geschrieben.
Die unglücklichen Heuschrecken.
In einem Kornfelde wohnten zwei Heuschreckenfamilien, die waren sehr
anständig und ehrbar und lebten glücklich; aber die eine Familie war grau
und die andere grün.
Die eine von ihnen hatte nun einen Sohn, das war die graue, und die andere
hatte eine Tochter, das war die grüne. Beide Kinder liebten sich und
wollten sich gern heirathen.
Aber der Vater des jungen Fräuleins hatte einen Widerwillen gegen den
jungen Heuschreck, weil er nicht grün war wie seine ganze Familie
seit verschiedenen Geschlechtern, sondern grau und nur ganz wenig grün
gesprenkelt. »Das gehe nicht an«, meinte der Vater, »Art müsse immer
bei Art bleiben und nie werde er zugeben, daß in seiner Familie eine
Mißheirath vorfalle.«
Das war nun recht schlimm für die beiden Kinder. Die Mutter hätte es
freilich gern gesehen, wenn aus ihnen ein Paar geworden wäre, aber da der
eine Vater es nicht zugeben wollte, so mochte der andere auch nichts davon
hören, daß sich sein edel graues Geschlecht mit dem hoffärtigen Grün
vereine.
Die beiden Kinder waren äußerst betrübt, denn eine unglückliche Liebe
geht noch weit über Zahnschmerzen und Ohrenreißen, das kann Euch Jeder
erzählen, der sie erfahren hat.
Eines Abends kam nun der Vater des jungen Fräuleins sehr ermüdet nach
Hause, denn er hatte viel im Felde zu thun gehabt. Er wollte ausruhen,
setzte sich hin und zirpte.
Da sprach seine Frau zu ihm:
-- Lieber Mann, unser Kind ist so unglücklich, daß es uns sterben wird,
wenn wir nicht nachgeben. Ich wasche meine Hände in Unschuld, denn Gott
weiß, daß ich dem Glück unserer Tochter nicht im Wege stehe!
-- Kann nichts daraus werden! sagte der alte Heuschreck. Er ist einer von
den Grauen und gehört also zu den unteren Classen; meine Tochter soll sich
nicht unter ihrem Stande vermählen.
Als er das gesagt hatte, zirpte er gemüthlich weiter.
Aber seine Frau wußte ihm doch das Herz weich zu machen, so daß er
endlich nachgab.
Da nun der alte Heuschreck ein sehr abergläubischer Mann war, ließ er die
beiden Kinder holen und sagte zu ihnen:
-- Ich weiß, daß Ihr Euch Beide lieb habt; aber Ihr wißt auch, daß ich
als Vater immer gegen Eure Verbindung gewesen bin. Deine Mutter jedoch,
mein Kind, sagte er zu seiner Tochter, hat mein Herz zu dringend bestürmt,
und darum will ich denn allenfalls in Eure Heirath willigen, aber nur
unter einer Bedingung, die sich auch in meiner Ehe bewährt hat. Es besteht
nämlich in unserer Familie folgende Sitte. Wenn sich zwei junge Personen
lieb haben, so gehen sie am Johannisabend ins Feld und suchen drei
neben einander stehende, junge und gleich große Grashalme. Um den einen
derselben binden sie einen rothen, um den andern einen grünen und um den
dritten einen schwarzen seidenen Faden. Wächst nun in der Johannisnacht
der Halm, an welchem der rothe Faden sitzt, so werden sie glücklich,
wächst der grüne, so bekommen sie viele Kinder, wächst aber der
schwarze, so werden sie sehr unglücklich in der Ehe und es wäre
eine Sünde, wenn sie sich dennoch heirathen wollten. Da wir nun heute
Johannisabend haben, so geht hin und thut nach der Vorschrift. Prophezeit
Euch der Grashalm eine glückliche Ehe, so sollt Ihr Euch haben; wo nicht,
so bleibt Ihr von einander.
Und die beiden Kinder gingen hin und fanden am Grabenrand neben einander
drei gleiche, junge Grashalme. Um den einen banden sie einen rothen, um den
andern einen grünen und um den dritten einen schwarzen seidenen Faden; und
dann gingen sie nach Hause und konnten die ganze Nacht hindurch vor Angst
und banger Erwartung nicht schlafen.
Am andern Morgen ganz früh aber hüpften die Eltern und die Kinder und
alle Verwandte in feierlicher Procession nach dem Grabenrand, um die
Grashalme zu besehen.
Und siehe da: der Halm, an welchem der schwarze Faden saß, war wohl um
einen Zoll über die beiden andern in die Höhe geschossen!
-- Ich hab' es ja immer gesagt; jetzt seht Ihr, daß ich Recht hatte!
sprach der alte Heuschreck, und dann gingen sie wieder nach Hause.
Am selbigen Abend saß das Heuschreckfräulein unter einem wilden
Rosenstrauch, wo sie immer mit dem jungen Heuschreck zu plaudern pflegte,
und weinte. Bald darauf kam der Geliebte auch und hatte ebenfalls ganz
nasse Augen.
-- Ich kann's nicht aushalten, wenn wir uns trennen sollen! sagte er
traurig.
-- Ich nun vollends nicht! antwortete sie schluchzend.
-- Ich mag nicht mehr leben, denn ohne Dich ertrage ich mein Dasein nicht!
fuhr er fort.
-- Ich auch nicht! schluchzte sie wieder.
-- Weißt Du was? sagte der Heuschreck, wie wenn er einen großen
Entschluß gefaßt hätte. Wir wollen unserm Leben ein Ende machen!
-- Ja, das wollen wir thun! Aber wie sollen wir es nur anfangen? meinte
sie.
-- Du weißt, sagte er, daß hier, etwa tausend Sprünge hinter diesem
Rosenstrauch, ein großer See liegt; in den wollen wir hineinspringen, und
dann ist es aus mit uns und unsern Leiden.
-- So soll es geschehen! Es bleibt uns nichts Anderes übrig, rief das
unglückliche Heuschreckfräulein, denn so geht es nimmermehr!
-- Nein, so geht es nimmermehr!
Und so hüpften sie melancholisch fort, und als sie Beide am Ufer des Sees
standen, da faßten sie sich ein Herz, umarmten sich zärtlich, sprangen
zusammen in die Tiefe und die Wellen schlugen über ihnen zusammen.
-- Hättest Du das Wasser für so trocken gehalten? fragte der Heuschreck
die Geliebte nach einer Pause, während welcher er vergebens den Tod
erwartet hatte.
-- Ich glaube fast, es ist gar kein Wasser, in das wir uns gestürzt haben.
Eher riecht es hier wie in einem Flachsfelde, das in voller blauer Blüthe
steht. Vor Entsetzen zitterten sie aber noch alle Beide.
-- Wahrhaftig, es ist eine Flachssaat. Ich erkenne die Stengel ganz
deutlich und die blauen Blumen darüber und noch höher den blauen Himmel.
-- Ein Wunder hat uns gerettet und Thorheit wär's, das Wunder nicht mit
Dank anzunehmen. Aber wie siehst Du aus, mein Lieber? fuhr das Fräulein
mit Erstaunen fort. Das ist nicht der Widerschein, das ist die leibhaftige
Farbe Deiner Haut. Du bist grasgrün geworden.
-- Ich? rief der Jüngling und richtete sich stolz empor. Wahrlich, so
hellgrün, daß mich ein Laubfrosch beneiden könnte.
-- Mein Gott und ich dagegen -- ich bin über und über in Grau gekleidet.
Nicht ein Streifen mehr von meiner früheren Farbe! Es muß die Angst, es
muß der furchtbare Schrecken gewesen sein, der unsere Farben vertauscht
hat.
-- Ich kann mir die neue Tracht wohl gefallen lassen, sagte der Jüngling,
sich immer wohlgefälliger betrachtend. Da brach jedoch das verwandelte
Fräulein in heiße Thränen aus... Wenn wir nun nach Hause kommen, so
wird am Ende Dein Vater den Vornehmen spielen, mich als Schwiegertochter
zurückweisen oder der meinige mich enterben. Höchstens daß wir wieder
ein dummes Orakel befragen dürfen -- und es ist doch nur einmal im Jahr
Johannisnacht.
-- Weißt Du was? entgegnete der männliche Grashüpfer. Wir kehren gar
nicht nach Hause zurück. Was sollen wir uns schikaniren, in Tod und
Verzweiflung jagen lassen durch den Farbeneigensinn und das Vorurtheil
unserer Familien? Laß uns durch diese rettenden Fluthen ans jenseitige
Ufer waten und dort ein neues Leben beginnen. Grau ist grün und grün ist
grau geworden durch die Liebe -- Du glaubst gar nicht, wie schön Dir Dein
veränderter Teint steht, meine Holde, -- und derselbe Irrthum, der uns
hier den Tod suchen ließ, schützt uns jenseits vor Verfolgung. Brechen
wir auf zur Fahrt in ein freies, in ein glückliches Land.
Sie willigte ein, und während ihre Eltern um sie weinten und sie
vergebens in alle Zeitungen setzen ließen, zogen Beide durch die Wogen des
Flachsoceans hinüber an die andere Küste. Diese fanden sie trotz
ihrer Fruchtbarkeit ziemlich heuschreckenleer, nur mit einigen wilden
kupferfarbenen Stämmen besetzt, denen sie durch Bildung, Sitte und
künstliche Hülfsmittel weit überlegen waren. Seit jener Zeit sind dem
ersten Paare viele Tausende in die neue Welt nachgefolgt, so graue als
grüne Grashüpfer, und sie sind die Patriarchen eines gesprenkelten
Volkes geworden, das immer mächtiger selbst in die alte Welt
hinüberragt: Yankee-Heuschrecken genannt. Die Wanderlust und den kühnen
Unternehmungsgeist ihrer Voreltern haben sie treu bis auf unsere Tage
bewahrt und von den unzähligen Vorurtheilen der Heimath nur ein einziges
behalten, aber ein sehr verstärktes, das gegen die _schwarze Farbe_, die
sie bis heute nicht blos als eine unglückliche, sondern auch als eine
verächtliche betrachten.
Die beiden Engel.
Sterbenskrank lag der kleine Carl auf dem Bettchen. Die Nachtlampe brannte
auf dem Tische, viel heißer aber brannte das Fieber in den Adern des
Knaben. Dunkelrothe Rosen hatte es auf seine Stirn und auf seine Wangen
gesäet, seine Lippen bewegten sich dürstend und das treue Auge war so
todesmatt.
Die zitternden Händchen faltend saß er im Bett und flehte: »Abba, lieber
Vater, laß mich noch nicht sterben!« Denn Carl war ein frommes Kind und
der Arzt hatte ja zu seiner Mutter gesagt, er werde in dieser Nacht sein
Auge für immer zumachen und sie nicht mehr sehen.
In der Ecke des Zimmers kniete die Mutter mit verweinten Augen, sie hatte
drei Tage und drei Nächte hindurch für ihn geweint und jetzt war der
Schlummer tröstend in ihr Auge getreten und hatte ihre müde Stirn auf den
Sessel gebettet, an dem sie niedergekniet war.
Die Nachtlampe flackerte zuweilen so matt auf, als wollte sie sagen:
»Lieber Carl, wollen wir nicht zusammen einschlafen?« Carl aber faltete
noch immer seine Hände und betete sein frommes Abba. Das hatte die
Nachtlampe ihn alle Abende beten gesehen und wenn er dann eingeschlafen
war, pflegte auch sie bald ihr helles Auge zu schließen. Freilich wußte
sie nicht, daß der Arzt gesagt hatte, sie würden sich heute zum letzten
Male gemeinschaftlich zur Ruhe begeben.
Auf Carls Bette lag ein Bild, das hatte ihm einst die sterbende Großmutter
geschenkt. Es war das betende Kind, das Ihr wohl kennt, und unter das Bild
hatte die Großmutter zum Andenken geschrieben:
»Abba, lieber Vater,
Mach mich gut, mach mich fromm,
Daß ich in den Himmel komm'!«
Ueber dem betenden Kinde in der schönen Randverzierung aber saßen ein
paar liebliche Engel, die sah Carl immer so gern und die Großmutter hatte
ihm versprechen müssen, daß er auch ein solcher Engel werden solle.
Auf diesen beiden Engeln ruhte heute Carls mattes Auge, während er betete,
er hatte sie ja so gern, und es wäre ihm schon recht gewesen, zu sterben,
wenn er nur die beiden Engel und die gute Mutter hätte mitnehmen können.
Da erlosch die Nachtlampe, denn sie glaubte, Carl sei schon eingeschlafen,
weil er so still war.
Aber das Bild auf Carls Bette verklärte sich jetzt mit einem Male in
wunderbarem Glanz, es leuchtete wie tausendfacher sanfter Lampenschimmer
und aus der Randverzierung traten leibhaftig die beiden Engel heraus. Die
wuchsen vor seinem Blick, ihre Flügel wurden größer, ihr Gewand wurde
zum Sternenkleide, ihre Augen nahmen einen überirdischen Glanz an.
So stellten sich die Engel zu beiden Seiten von Carls Bette, legten ihre
Hände auf seinen fieberheißen Arm und schauten ihn so freundlich an, wie
es nur die Engel thun können.
Carl erschrak anfangs, aber er erkannte ja seine Engel und streichelte
ihnen mit den Händchen die Wangen.
-- Ist es wohl wahr, daß ich sterben soll? fragte er. Wollt Ihr mich zur
Großmutter in den Himmel holen?... Ach ja! Laßt mich mit Euch gehen, aber
laßt mich mein Mütterchen mitnehmen, denn sonst kann ich nicht froh sein
in Eurem Himmel!
-- Nein, Du sollst noch _nicht_ mit uns kommen, antwortete der eine Engel;
aber dereinst werden wir uns wieder sehen, und dann gehst Du mit uns.
Hierauf erhoben sich Beide und bestiegen eine goldene Leiter, die wie ein
großer Sonnenstrahl in die Luft führte. Carl sah, wie sie immer höher
stiegen, bis die Wolken sich hinter ihnen schlossen.
Trauernd sah Carl sie droben verschwinden; eine heiße Thräne trat in sein
Auge. Plötzlich aber klatschte er sich freudig in die Hände, denn die
Wolken theilten sich wieder und die Engel kehrten zurück. Sie trugen auch
Etwas in den Händen, das sah aus wie ein wunderschönes Schreibebuch, so
schön wie er noch nie eins gesehen.
Und die Engel kehrten auf der Sonnenstrahl-Leiter zurück und traten wieder
an sein Bett. Und der Eine von ihnen zeigte ihm ein Buch, dessen Deckel
so purpurroth war, wie der schönste Sammet, und der ein großes goldenes
Kreuz trug.
Und der Engel legte das Buch auf Carls Bett und sagte zu ihm:
-- Dieses Buch sendet Dir Dein Vater im Himmel; es stehen schöne Worte und
eine große Lehre darin, die sollst Du verkünden weit und breit, diesseits
und jenseits der Meere, und deshalb sollst Du leben.
-- Ach, das schöne, schöne Buch! rief Carl und drückte es an das kleine
Herz.
Die Engel aber küßten ihn Beide auf die Stirn.
-- Dereinst sehen wir uns wieder! sagten sie und verschwanden.
* * * * *
Viele Jahre waren verstrichen, da lag weit, weit fort in China ein Mann auf
dem Sterbebette.
Sein Haar war noch nicht ergraut, seine Kraft war groß, sein Wort mächtig
gewesen. Tausend und abertausend Meilen war er gewandert und hatte das
Wort Gottes unter den Heiden verkündet. Er hatte viel Ungemach und Leiden
ertragen, aber viele Tausende hatte er zum Christenthume bekehrt, die
glaubten jetzt an den Gekreuzigten und zerschlugen die Götzen, zu denen
sie in ihrer Blindheit gebetet.
Er selbst aber lag auf dem Sterbebette; keine Verwandte, kein Vater, keine
Mutter, keine Gattin, keine Kinder standen an seinem Schmerzenslager; er
aber war getrost, denn er sollte ja zu seinem Vater zurückkehren.
Und seine Hand ruhte auf einem rothen Buche mit einem goldenen Kreuz, darin
stand mit vielen Millionen Buchstaben ein einziges Wort geschrieben: das
Wort Gottes.
Und als es Abend wurde, da betete er noch einmal, denn sein Auge wollte
brechen.
Plötzlich ward es hell im Zimmer wie vom Schein der untergehenden Sonne.
Noch einmal schlug er das Auge auf und sah an seinem Bette zwei Engel
stehen.
-- Als wir Dich vor mehr denn vierzig Jahren sahen, begann der Eine, da
versprachen wir Dir, Du sollest uns wiedersehen. Wir sind gekommen, um Dich
mit uns zu nehmen, denn Du hast genug gethan. Du sollst ausruhen und vor
das Antlitz Dessen treten, den Du verkündet hast.
Die Engel legten ihre Hand auf sein Auge und das Buch auf seine Brust. Sie
ließen seinen Leib ruhen und führten seine Seele hinüber auf derselben
Leiter, auf welcher sie ihm einst erschienen waren.
Die Welt hieß ihn _Carl Gützlaff_, der Vater im Himmel aber nannte ihn
seinen treuesten Sohn.
Der blanke Dreier.
In Minchens Sparbüchse lagen viele Groschen, Zwei- und
Vier-Groschenstücke, mehrere Thaler, ein Friedrichsdor, den sie vom Vater
zum Geburtstag erhalten hatte, und endlich ein Dreier, der war so blank,
als wäre er soeben aus der Münze gekommen, und bildete sich ein, er sei
von Gold.
-- Um Verzeihung, was sind Sie für eine Geborne? fragte der Dreier die
neben ihm liegende Goldmünze.
-- Ich bin von Gold und stamme noch aus der guten alten Zeit, wie Sie auch
auf meiner Rückseite sehen können, antwortete der Friedrichsdor, der
nicht wenig stolz darauf war, daß er noch einen Zopf trug. »Ich bin von
sehr gediegenem alten Adel!« setzte er hinzu.
-- Sie von Gold? rief der Dreier lachend. Wie können Sie das _mir_ nur
in's Gesicht sagen, dem man es doch auf den ersten Blick ansieht, daß ich
vom feinsten Ducatengolde bin. Sehen Sie nur, wie ich glänze!
-- Ja, aber es ist nicht alles Gold, was glänzt! antwortete der
Friedrichsdor. Sie sind nur ganz ordinärer Herkunft; Sie sind ein
Kupferdreier und an Ihrer Stelle würde ich mich doch geniren, in so
anständiger Gesellschaft zu erscheinen.
Damit drehte ihm der Friedrichsdor den Rücken zu.
-- Was sich dieses Pack wohl denkt! sagte der Dreier zu sich selbst. Aber
so ergeht es Einem immer, wenn man herablassend ist; ich will mich auch in
meinem Leben nicht wieder populär zu machen suchen, denn man hat doch nur
Undank dafür.
Mit diesen Worten drehte sich der Dreier auch herum und den ganzen Tag
hindurch wurde in der Sparbüchse kein Wort mehr gesprochen.
Am Abend kam Minchen mit ihrem Vater und holte die Sparbüchse aus dem
Schrank. Minchen sollte nämlich eingesegnet werden und sich für ihre
Sparbüchse das erste schwarze Atlaskleid kaufen.
Sie zählte nun mit ihrem Vater die Groschen, die Zwei- und
Vier-Groschenstücke, die Thaler und endlich auch den Friedrichsdor. Nur
den blanken Dreier ließ sie ganz bei Seite liegen.
-- Aha, dachte der Dreier, das Gute läßt man immer bis zuletzt. Wenn
sie dich erst mit hinzuzählen, dann wird die Summe noch einmal so groß
werden!
Aber der Dreier konnte lange warten, bis er mitgezählt wurde, und als
endlich Minchens kleiner Bruder herein hüpfte, gab ihm der Vater den
Dreier und erlaubte ihm, sich einen Kuchen dafür zu kaufen.
Der Kleine sprang mit ihm zum Kuchenbäcker und plump! fiel der Dreier in
die dunkle Kasse des Bäckers, in der schon viele schwarze Kupfermünzen
lagen.
-- Es ist doch merkwürdig, wie sehr sich die Leute oft in der Taxirung
Anderer täuschen! Das ist denn doch ein sehr grober Irrthum! sagte der
Dreier. Na, _mir_ kann es gleich sein, denn _mein_ Schade ist es nicht!
So blieb er denn in der Kasse ganz obenauf liegen, um sich recht anstaunen
zu lassen.
-- Aber nehmen Sie doch Lebensart an! rief der blanke Dreier, wenn ihm dann
und wann durch das Loch der Kasse ein schweres, dunkles Kupferstück auf
den Kopf fiel. Sehen Sie denn nicht, daß ich von Gold bin?
Mehre Tage lang lag der Dreier in der Bäckerkasse. Da kam ein kleiner
Schornsteinfeger und bat um ein Trinkgeld für das Reinigen der
Ofenröhren. Der Bäcker griff in die Kasse und legte dem kleinen
Schornsteinfeger fünf Dreier, darunter auch den blanken, auf den Tisch
hin.
-- Fassen Sie mich nicht an! rief der Dreier; ich werde sonst blind!
Aber der kleine Schornsteinfeger nahm das Geld und ging fort. Dem armen
Dreier war ganz entsetzlich zu Muthe, als er so in der schwarzen Hand saß,
er paßte eine Gelegenheit ab, entschlüpfte derselben unbemerkt, lag auf
der Straße und rollte nach der Straßenrinne zu.
-- Herr Gott, Herr Gott! rief er aus, wenn ich nur nicht dahinein falle;
das wäre mein Tod! Aber ich bin so im Schwunge, ich kann mich gar nicht
halten!
So rief der Dreier in seiner Herzensangst und rollte immer weiter. Zum
großen Glücke blieb er gerade am Rande des Rinnsteins liegen.
-- Gott sei Dank! Es wäre doch zu schrecklich gewesen, wenn ich in diesen
Abgrund gestürzt wäre! sagte der Dreier.
Bald darauf kam ein Vergoldergehülfe des Weges; er sah den Dreier, steckte
ihn als gute Prise ein und trug ihn nach Hause. Da er nun heute noch eine
Kette zu vergolden hatte und ein wenig von dem Golde übrig behielt, so
nahm er den Dreier aus der Tasche und vergoldete ihn auch.
-- Jetzt werde ich immer vornehmer! sagte der Dreier, als er sich besah,
und in der That nahm er sich sehr schön aus.
Der Vergoldergehülfe mochte dies auch einsehen, denn er bohrte ein ganz
kleines Loch durch den Rand des Dreiers, zog einen feinen Ring durch
dasselbe und hängte ihn an seine Uhrkette.
-- Das wird schön, sagte der Dreier zu sich, als er auf die Straße kam.
Jetzt bin ich eine Schaumünze und kann alle Tage spazieren gehen.... Sehe
ich nicht recht stolz aus! rief er allen Leuten zu, die ihn ansahn, als er
so an der Weste des Vergolders hing. Ich bin aber auch von purem Golde!
Eines Abends ging sein Herr mit ihm über die Straße. Der Dreier sah, daß
die Laternen mit ihm liebäugelten, und um sich recht zu zeigen, zappelte
er in dem Lichtschein so arg an der Kette hin und her, daß der Ring sich
öffnete und er auf die Straße fiel.
-- Hochmuth kommt vor dem Fall! sagte ein alter verrosteter Pfeifendeckel,
der neben ihm lag und ihn zappeln gesehen hatte. Ich bin auch einmal etwas
Besseres gewesen, wir können uns zusammen trösten!
Der Dreier aber sah ihn hochmüthig an.
-- Was so ein schlechter Pfeifendeckel wohl glaubt! sagte der Dreier zu
sich selbst; ich werde mich hüten, mich mit ihm gemein zu machen!
Kaum hatte er das gesagt, da kam ein junger Taugenichts des Weges, er sah
den Dreier und hob ihn auf in der Meinung, er habe ein Goldstück gefunden.
-- Ei, ei! Ein vornehmer Dreier! sagte er getäuscht. Ich glaubte, du
wärest ein Goldstück!
-- Sie irren, rief der Dreier; ich bin wirklich von Gold!
Der junge Taugenichts überlegte nun, was er mit dem vergoldeten Dreier
anfangen solle. Da es Abend war, ging er zu einem Trödler, von dem er
wußte, daß er schlecht sehen konnte, und kaufte sich einen Sommerrock.
Der Trödler nahm den Dreier richtig für ein Goldstück hin und zahlte dem
Käufer noch zwei blanke Thaler heraus.
-- Endlich doch Einer, der meinen wahren Werth erkennt! sagte der Dreier.
Man muß sich nur nichts von seinem Ansehen vergeben!
Am andern Morgen schaute der Trödler in seine Kasse und wollte sich die
Haare ausraufen, als er das falsche Goldstück erkannte.
Er nahm den Dreier, trug ihn auf die Polizei und verklagte den Betrüger,
der ihm diesen gegeben. Der ward denn auch ausfindig gemacht, verhaftet und
sollte vor das Geschwornen-Gericht gestellt werden. Der Dreier aber wurde
dem Gericht übergeben.
Endlich kam auch der Tag, an welchem der Prozeß öffentlich verhandelt
werden sollte. Der Dreier staunte nicht wenig, als die Richter ihn vor sich
auf den grünen Tisch legten und er eine große Versammlung von Zuschauern
auf den Gallerien sah, die mit Fingern auf ihn zeigten. Der arme Dreier
schämte sich entsetzlich; er wurde zwar als unschuldig freigesprochen,
aber die Blamage konnte ihm doch Keiner abwaschen, denn die ganze Stadt
sprach von dem falschen Goldstück und in allen Zeitungen standen von ihm
sehr ehrenrührige Dinge geschrieben.
Noch an demselben Tage ward er in Freiheit gesetzt. Er kam in mancherlei
Hände, Alle aber betrachteten ihn mit großem Mißtrauen. Der Dreier
grämte sich hierüber so sehr, daß er vor Schaam an einigen Stellen ganz
roth wurde.
Endlich kam er zu einem Gewürzkrämer.
-- Aha! sagte dieser; das ist ja der berüchtigte Mosje, der in dem
Dreier-Prozeß eine Rolle gespielt! Den wollen wir doch unschädlich
machen!
Er nahm also ein spitzes Instrument und bohrte ihm ein Loch durch den Leib,
daß der arme Dreier vor Schmerz große Thränen hätte vergießen mögen;
dann nahm er einen Nagel und einen Hammer, nagelte ihn neben mehre falsche
Geldstücke auf den Ladentisch und schrieb mit Kreide daneben: »üb' immer
Treu und Redlichkeit.«
-- Da sollst du sitzen, bis du wieder ein ehrlicher Dreier geworden bist!
sagte er zu ihm.
Und so oft Leute in den Laden kamen, betrachteten sie den armen Dreier
schadenfroh und sagten: »Ah! ist das der berüchtigte Dreier, von dem in
den Zeitungen stand?«
So vergingen viele Wochen. Der Dreier wurde vor Schaam immer rother, ja er
hätte was darum gegeben, wenn ihm Einer das übrige Gold ganz abgenommen
hätte.
Endlich eines Morgens klapperte ein Goldstück auf dem Ladentisch. Der
Dreier wurde aufmerksam und erkannte denselben Friedrichsdor, mit dem er
einst in der Sparbüchse gelegen.
-- Ei sieh da! rief der Dreier. Kennen Sie mich nicht mehr?
-- Muß sehr bedauern, antwortete der Friedrichsdor. Aber wenn ich
nicht irre, sind Sie derselbe, der in dem berüchtigten Dreier-Proceß
kompromittirt ist!
Damit wanderte der Friedrichsdor in die Kasse.
Dem Dreier aber ging diese Antwort mehr als alles Andere zu Herzen; er bat
den Krämer, er solle ihn doch um Gotteswillen nur losmachen, denn dies
könne er nicht länger ertragen.
Der Krämer aber ließ ihn noch einige Wochen hindurch sitzen, und als
er glaubte, daß der Dreier jetzt genug gebüßt und wieder ganz ehrlich
geworden sei, machte er ihn los und warf ihn zu den Uebrigen.
Lange mußte der Dreier hier noch beißende Worte hören, endlich aber
vergaß man die ganze Geschichte. -- Sollte Dir, lieber Leser, ein Dreier
begegnen, der ein rundes Loch gerade unter der _Drei_ hat, er ist es und
kann Dir genau dieselbe Geschichte erzählen.
Der kriegerische Floh.
Es war einmal ein Floh, der wohnte bei einem Bauern und war sehr
blutdürstig. Obgleich er nun Gelegenheit genug hatte, seinen Blutdurst zu
befriedigen, so genügte ihm dies doch nicht.
-- Diese Bauern haben ein so ordinäres Blut, sagte er eines Morgens zu
sich, und das bekommt mir nicht: es macht mich so träge. Ich muß feineres
Blut genießen und darum wird es wohl am besten sein, wenn ich mich auf die
Wanderschaft begebe.
Er überlegte nun, wie er es anfangen solle, um einmal anderes Blut zu
kosten, und beschloß, in den Krieg zu gehen, denn dort, meinte er, werde
er zugleich Gelegenheit haben, sich auszuzeichnen. Von da wollte er dann
direct in die Hauptstadt zu der königlichen Familie gehen und ein sehr
vornehmer Floh werden. Mit einem Worte: der Floh wollte Carriere machen.