Begabung und Gedächtnis.
Um von der Heniden-Theorie auszugehen, sei folgende Beobachtung
erzählt. Ich notierte gerade, _halb_ mechanisch, die Seitenzahl einer
Stelle aus einer botanischen Abhandlung, die ich später zu exzerpieren
beabsichtigte, als ich etwas in Henidenform dachte. Aber was ich da
dachte, wie ich es dachte, was da an die Tür der Bewußtheit klopfte,
dessen konnte ich mich schon im nächsten Augenblick trotz aller
Anstrengung nicht entsinnen. Aber gerade darum ist dieser Fall -- er
ist typisch -- besonders lehrreich.
_Je plastischer, je geformter ein Empfindungskomplex ist, desto
eher ist er reproduzierbar._ Deutlichkeit des Bewußtseins ist erste
Bedingung der Erinnerung, der _Intensität_ der Bewußtseinserregung
ist das _Gedächtnis_ an die Erregung proportional. »Das wird mir
unvergeßlich bleiben«, »daran werde ich mein Lebtag denken«, »das kann
mir nie mehr entschwinden« sagt ja der Mensch von Ereignissen, die ihn
heftig aufgeregt haben, von Augenblicken, aus denen er um eine Einsicht
klüger, um eine wichtige Erfahrung reicher geworden ist. Steht also
die Reproduzierbarkeit der Bewußtseinsinhalte im geraden Verhältnis zu
ihrer Gliederung, so ist klar, _daß an die absolute Henide überhaupt
keine Erinnerung möglich sein wird_.
Da nun die Begabung[17] eines Menschen mit der Artikulation seiner
gesamten Erlebnisse wächst, so wird einer, _je begabter er ist, desto
eher an seine $ganze$ Vergangenheit, an alles, was er je gedacht und
getan, gesehen und gehört, empfunden und gefühlt hat, sich erinnern
können_, mit desto größerer Sicherheit und Lebhaftigkeit wird er
alles aus seinem Leben reproduzieren. _Das universelle Gedächtnis an
alles Erlebte ist darum das sicherste, allgemeinste, am leichtesten
zu ergründende Kennzeichen des Genies._ Es ist zwar eine verbreitete
und besonders unter allen Kaffeehausliteraten beliebte Lehre, daß
_produktive_ Menschen (weil sie _Neues_ schüfen) kein Gedächtnis
hätten: aber offenbar nur, weil darin die einzige Bedingung der
Produktivität liegt, die bei ihnen erfüllt ist.
Freilich darf man diese große Ausdehnung und Lebendigkeit des
Gedächtnisses beim genialen Menschen, die ich zunächst als eine
Folgerung aus dem Systeme ganz dogmatisch einführe, ohne sie aus
der Erfahrung neu zu begründen, nicht mit dem raschen Vergessen
des gesamten gymnasialen Geschichtsstoffes oder der unregelmäßigen
Verba des Griechischen widerlegen wollen. _Es handelt sich um
das Gedächtnis für das Erlebte, nicht um die Erinnerung an das
Erlernte_; was zu Prüfungszwecken studiert wird, davon wird immer
nur der kleinste Teil behalten, jener Teil, welcher dem speziellen
Talente des Schülers entspricht. So kann ein Zimmermaler ein
besseres Gedächtnis für Farben haben als der größte Philosoph,
der beschränkteste Philologe ein besseres Gedächtnis für die vor
Jahren auswendig gelernten Aoriste als sein Kollege, der vielleicht
ein genialer Dichter ist. Es verrät die ganze Jämmerlichkeit und
Hilflosigkeit der experimentellen Richtung in der Psychologie (noch
mehr aber die Unfähigkeit so vieler Leute, die, mit einem Arsenal von
elektrischen Batterien und Sphygmographiontrommeln im Rücken, gestützt
auf die »Exaktheit« ihrer langweiligen Versuchsreihen, nun in rebus
psychologicis vor allen anderen gehört zu werden beanspruchen), daß
sie das Gedächtnis der Menschen durch Aufgaben, wie das Erlernen von
Buchstaben, mehrzifferigen Zahlen, zusammenhanglosen Worten prüfen
zu können glaubt. An das eigentliche Gedächtnis des Menschen, jenes
Gedächtnis, welches in Betracht kommt, wenn ein Mensch die Summe
seines Lebens zieht, reichen diese Versuche so wenig heran, daß man
sich unwillkürlich zu der Frage gedrängt sieht, ob jene fleißigen
Experimentatoren von der Existenz dieses anderen Gedächtnisses, ja
eines psychischen _Lebens_ überhaupt, etwas wissen. Jene Untersuchungen
stellen die verschiedensten Menschen unter ganz uniformierende
Bedingungen, denen gegenüber nie _Individualität_ sich äußern kann,
sie _abstrahieren_ wie geflissentlich gerade vom Kern des Individuums,
und behandeln es einfach als guten oder schlechten Registrierapparat.
Es liegt ein großer Tiefblick darin, daß im Deutschen »bemerken« und
»merken« aus der nämlichen Wurzel gebildet ist. Nur was _auffällt_, von
selbst, infolge angeborner Beschaffenheit, wird _behalten_. Wessen man
sich erinnert, dafür muß ein ursprüngliches Interesse vorhanden sein,
und wenn etwas vergessen wird, dann war die Anteilnahme an ihm nicht
stark genug. Dem religiösen Menschen werden darum religiöse Lehren, dem
Dichter Verse, dem Zahlenmystiker Zahlen am sichersten und längsten
haften bleiben.
Und hier kann auf das vorige Kapitel in anderer Weise zurückgegriffen
und die besondere Treue des Gedächtnisses bei hervorragenden Menschen
noch auf einem zweiten Wege _deduziert_ werden. Denn je bedeutender
ein Mensch ist, desto mehr Menschen, desto mehr Interessen sind in ihm
zusammengekommen, desto umfassender also muß sein Gedächtnis werden.
Die Menschen haben im allgemeinen durchaus _gleich_ viel äußere
Gelegenheit zu »perzipieren«, aber die meisten »apperzipieren« von der
unendlichen Menge nur einen unendlich kleinen Teil. Das Ideal von einem
Genie müßte ein Wesen sein, dessen sämtliche »Perzeptionen« ebensoviele
»Apperzeptionen« wären. Ein solches Wesen gibt es nicht. Es ist aber
auch kein Mensch, der nie _ap_perzipiert, sondern immer bloß perzipiert
hätte. Schon darum muß es alle möglichen _Grade_ der Genialität
geben[18]; zumindest ist _kein männliches_ Wesen ganz ungenial. Aber
auch vollkommene Genialität bleibt ein Ideal: _es existiert kein Mensch
ohne alle und kein Mensch mit universaler Apperzeption_ (als welche
man das vollkommene Genie weiter bestimmen könnte). Der Apperzeption
als der Aneignung ist das Gedächtnis als der Besitz, seinem Umfang
wie seiner Festigkeit nach, proportioniert. So führt denn auch eine
ununterbrochene Stufenfolge vom ganz diskontinuierlichen, bloß von
Augenblick zu Augenblick lebenden Menschen, dem kein Erlebnis etwas
_bedeuten_ könnte, weil es auf kein früheres sich würde beziehen
lassen -- einen solchen Menschen gibt es aber nicht -- bis zum
völlig kontinuierlich Lebenden, dem _alles unvergeßlich_ bleibt (so
intensiv wirkt es auf ihn ein und wird von ihm aufgefaßt), _und den
es ebensowenig gibt_: selbst das höchste Genie ist nicht in jedem
Augenblicke seines Lebens »genial«.
Eine erste Bestätigung dieser Anschauung von dem Zusammenhange zwischen
Gedächtnis und Genialität, wie der Deduktion dieses Zusammenhanges,
die hier versucht wurde, liegt in dem außerordentlichen, die Besitzer
oft selbst verblüffenden _Gedächtnis für scheinbar nebensächliche
Umstände, für Kleinigkeiten_, das begabtere Menschen auszeichnet. Bei
der Universalität ihrer Veranlagung hat nämlich alles eine, ihnen
selbst oft lange unbewußte, _Bedeutung_ für sie; und so bleiben sie
hartnäckig an ihrem Gedächtnisse kleben, prägen sich diesem ganz von
selbst unverlöschbar ein, ohne daß im allgemeinen die geringste Mühe an
die spezielle Erinnerung gewendet oder die Aufmerksamkeit in den Dienst
dieses Gedächtnisses noch besonders gestellt würde. Darum könnte man,
in einem erst später zu erhellenden tieferen Sinne, bereits jetzt den
genialen Menschen als denjenigen bestimmen, der die Redensart nicht
kennt, und weder sich selbst noch anderen gegenüber zu gebrauchen
vermöchte, dies oder jenes Ereignis aus entlegener Zeit sei »gar nicht
mehr wahr«. Es gibt vielmehr für ihn _nichts_, das ihm nicht mehr wahr
wäre, auch wenn, ja vielleicht gerade _weil_ er für alles, was im Laufe
der Zeit anders geworden ist, ein deutlicheres Gefühl hat als alle
anderen Menschen.
Als das beste Mittel zur objektiven Prüfung der Begabung, der geistigen
Bedeutung eines Menschen läßt sich darum dies empfehlen: man sei
längere Zeit mit ihm nicht beisammen gewesen und fange nun von dem
letzten Zusammensein zu sprechen an, knüpfe das neue Gespräch an die
Gegenstände des letzten. Man wird gleich zu Beginn gewahr werden, wie
lebhaft er dieses aufgenommen, wie nachhaltig es in ihm fortgewirkt
hat, und sehr bald sehen, wie treu er die Einzelheiten bewahrt hat.
Wie vieles unbegabte Menschen aus ihrem Leben vergessen, das kann, wer
Lust hat, zu seiner Überraschung und seinem Entsetzen nachprüfen. Es
kommt vor, daß man mit ihnen vor wenigen Wochen stundenlang beisammen
war: es ist ihnen nun entschwunden. Man kann Menschen finden, mit
denen man vor einigen Jahren acht oder vierzehn Tage lang, zufällig
oder in bestimmten Angelegenheiten, sehr viel zu tun hatte, und die
nach Ablauf dieser Zeit _an nichts mehr_ sich zu erinnern vermögen.
Freilich, wenn man ihnen durch genaue Darstellung alles dessen, worum
es sich handelte, durch Wiederbelebung der Situation in allen ihren
Details, zu Hilfe kommt, so gelingt es immer, falls diese Bemühung
lange genug fortgesetzt wird, zuerst ein schwaches Aufleuchten des
fast völlig Erloschenen und allmählich eine Erinnerung herbeizuführen.
Solche Erfahrungen haben es mir sehr wahrscheinlich gemacht, daß
die theoretisch immer zu machende Annahme, es gebe kein völliges
Vergessen, sich auch empirisch, und zwar nicht bloß durch die Hypnose,
nachweisen lassen dürfte, wenn man nur dem Befragten mit den richtigen
Vorstellungen an die Hand zu gehen weiß.
_Es kommt also darauf an, daß man einem Menschen aus seinem Leben,
aus dem, was er gesagt oder gehört, gesehen oder gefühlt, getan oder
erlitten hat, möglichst wenig erzählen könne, das er nicht selbst
weiß._ Hiemit ist zum ersten Male ein Kriterium der Begabung gefunden,
welches leichter Überprüfung von seiten anderer zugänglich ist,
_$ohne$ daß schon $schöpferische$ Leistungen des Menschen vorliegen
müssen_. Wie vielfacher Anwendung in der Erziehung es entgegengeht,
mag unerörtert bleiben. Für Eltern und Lehrer dürfte es gleich wichtig
sein.
Vom Gedächtnisse der Menschen hängt, wie natürlich, auch das Maß
ab, in welchem sie in der Lage sein werden, sowohl Unterschiede als
Ähnlichkeiten zu bemerken. Am meisten wird diese Fähigkeit bei jenen
entwickelt sein, in deren Leben immer die ganze Vergangenheit in die
Gegenwart hineinreicht, bei denen alle Einzelmomente des Lebens zur
Einheit zusammenfließen und aneinander verglichen werden. So kommen
gerade sie am vornehmlichsten in die Gelegenheit, _Gleichnisse_ zu
gebrauchen, _und zwar gerade mit dem Tertium comparationis, auf das es
gerade ankommt_; denn sie werden aus dem Vergangenen immer dasjenige
herausgreifen, was die stärkste Übereinstimmung mit dem Gegenwärtigen
aufweist, indem beide Erlebnisse, das neue und das zum Vergleiche
herangezogene ältere, bei ihnen _artikuliert_ genug dazu sind, um keine
Ähnlichkeit und keinen Unterschied vor ihrem Auge zu verbergen; und
darum eben auch, was längst vorbei ist, gegen den Einfluß der Jahre
hier sich behaupten konnte. Nicht umsonst hat man daher die längste
Zeit in dem Reichtum eines Dichters an schönen und vollkommenen
Gleichnissen und Bildern einen besonderen Vorzug seiner Gattung
erblickt, seine Lieblingsgleichnisse aus dem Homer, aus Shakespeare und
Klopstock immer wieder aufgeschlagen oder bei der Lektüre mit Ungeduld
erwartet. Heute, da Deutschland seit 150 Jahren zum ersten Mal ohne
großen Künstler und ohne großen Denker ist, indes dafür bald niemand
mehr aufzutreiben sein wird, der nicht »geschrieben« hätte, heute
scheint das ganz vorüber; man sucht nach derartigem nicht, man würde
auch nichts finden. Eine Zeit, die in vagen, undeutlich schillernden
Stimmungen ihr Wesen am besten ausgesprochen sieht, deren Philosophie
in mehr als einem Sinne das Unbewußte geworden ist, zeigt zu
offensichtlich, daß nicht ein wahrhaft Großer in ihr lebt; denn Größe
ist Bewußtsein, vor dem der Nebel des Unbewußten schwindet wie vor
den Strahlen der Sonne. Gäbe ein einziger dieser Zeit ein Bewußtsein,
wie gerne würde sie all ihre Stimmungskunst, deren sie sich heute
noch berühmt, dahingeben! -- Erst im vollen Bewußtsein, in welchem
in das Erlebnis der Gegenwart alle Erlebnisse der Vergangenheit in
größter Intensität hineinspielen, findet Phantasie, die Bedingung des
philosophischen wie des künstlerischen Schaffens, eine Stelle. Demgemäß
ist es auch gar nicht wahr, daß die Frauen mehr Phantasie haben als die
Männer. Die Erfahrungen, auf Grund deren man dem Weibe eine lebhaftere
Einbildungskraft hat zusprechen wollen, entstammen sämtlich dem
sexuellen Phantasieleben der Frauen; und die Folgerungen, die allein
mit Recht hieraus gezogen werden könnten, gestatten eine Behandlung in
diesem Zusammenhange noch nicht.
Die absolute Bedeutungslosigkeit der Frauen in der _Musikgeschichte_
läßt sich wohl noch auf weit tiefere Gründe zurückführen: doch beweist
sie zunächst den Mangel des Weibes an Phantasie. Denn zur musikalischen
Produktivität gehört unendlich viel mehr Phantasie als selbst das
männlichste Weib besitzt: viel mehr als zu sonstiger künstlerischer
oder wissenschaftlicher Tätigkeit. Nichts Wirkliches in der Natur,
nichts Gegebenes in der sinnlichen Empirie entspricht einem Tonbilde.
Die Musik ist wie ohne Beziehungen zur Erfahrungswelt: es gibt keine
Klänge, keine Accorde, keine Melodien in der Natur, sondern hier hat
erst der Mensch auch die letzten Elemente noch selbständig zu erzeugen.
Jede andere Kunst hat deutlichere Beziehungen zur empirischen Realität
als sie, ja die ihr, was man auch dagegen sagen mag, _verwandte_
Architektur betätigt sich bis zuletzt an einem Stoffe; obwohl sie
mit der Musik die Eigenschaft teilt, daß sie (vielleicht sogar mehr
noch als diese) von sinnlicher _Nachahmung_ frei ist. Darum ist auch
Baukunst eine durchaus männliche Sache, der weibliche Baumeister eine
fast nur Mitleid weckende Vorstellung.
Desgleichen rührt die »verdummende« Wirkung der Musik auf schaffende
und ausübende Musiker, von der man öfter sprechen hört (besonders
kommt hier die reine Instrumentalmusik in Betracht), nur davon her,
daß noch der Geruchssinn dem Menschen mehr zur Orientierung in der
Erfahrungswelt dienen kann als der Inhalt eines musikalischen Werkes.
Und eben diese gänzliche Abwesenheit aller Beziehungen zur Welt, die
wir sehen, tasten, riechen können, macht die Musik nicht besonders
geeignet für Äußerungen weiblichen Wesens. Zugleich erklärt diese
Eigenart seiner Kunst, warum der schöpferische Musiker der Phantasie
im allerhöchsten Grade bedarf und warum der Mensch, welchem Melodien
einfallen (ja vielleicht gegen sein Sträuben zuströmen), noch viel
mehr Gegenstand des Staunens seitens der anderen Menschen wird als der
Dichter oder der Bildhauer. Die »weibliche Phantasie« muß wohl eine von
der männlichen gänzlich verschiedene sein, wenn es ihrer ungeachtet
keine Musikerin gibt, welche für die Musikgeschichte auch nur so weit
in Betracht käme, wie etwa _Angelika Kauffmann_ für die Malerei.
Wo irgend es deutlich auf kraftvolle Formung ankommt, haben die
Frauen nicht die kleinste Leistung aufzuweisen: nicht in der Musik
und nicht in der Architektur, nicht in der Plastik und nicht in der
Philosophie. Wo in vagen und weichen Übergängen des Sentiments noch
ein wenig Wirkung erzielt werden kann, wie in Malerei und Dichtung,
wie in einer gewissen verschwommenen Pseudo-Mystik und Theosophie,
dort haben sie noch am ehesten ein Feld ihrer Betätigung gesucht und
gefunden. -- Der Mangel an Produktivität auf jenen Gebieten hängt also
auch zusammen mit der Undifferenziertheit des psychischen Lebens im
Weibe. Namentlich in der Musik kommt es auf das denkbar artikulierteste
Empfinden an. Es gibt nichts Bestimmteres, nichts Charakteristischeres,
nichts _Eindringlicheres_ als eine _Melodie_, nichts, was unter jeder
Verwischung stärker litte. Deshalb _erinnert_ man sich an Gesungenes um
so viel leichter als an Gesprochenes, an die Arien immer besser als an
die Rezitativen, und kostet der Sprechgesang dem Wagnersänger so viel
Studium.
Hier mußte darum länger verweilt werden, weil in der Musik nicht wie
anderswo die Ausrede der Frauenrechtler und -Rechtlerinnen gilt: der
Zugang zu ihr sei den Frauen zu kurze Zeit erst freigegeben, als daß
man schon reife Früchte von ihnen fordern dürfe. Sängerinnen und
Virtuosinnen hat es immer, bereits im klassischen Altertum, gegeben.
Und doch ......
Auch die schon früher häufige Übung, Frauen malen und zeichnen zu
lassen, hat bereits seit etwa 200 Jahren in erheblichem Maße sich
gesteigert. Man weiß, wie viele Mädchen ohne Not heute zeichnen
und malen lernen. Also auch hier ist lange schon kein engherziger
Ausschluß mehr wahrzunehmen, _äußere_ Möglichkeiten wären reichlich
vorhanden. Wenn trotzdem so wenige Malerinnen für eine Geschichte der
Kunst ernsthaft in Betracht kommen, so dürfte es an den _inneren_
Bedingungen gebrechen. Die weibliche Malerei und Kupferstecherei kann
eben für die Frauen nur eine Art eleganterer, luxuriöser _Handarbeit_
bedeuten. Dabei scheint ihnen das sinnliche, körperliche Element der
Farbe eher erreichbar als das geistige, formale der Linie; und dies ist
ohne Zweifel der Grund, daß zwar einige Malerinnen, aber noch keine
Zeichnerin von Ansehen bekannt geworden ist. Die Fähigkeit, einem Chaos
Form geben zu können, ist eben die Fähigkeit des Menschen, dem die
allgemeinste Apperzeption das allgemeinste Gedächtnis verschafft, sie
ist die Eigenschaft des männlichen Genies.
Ich beklage es, daß ich mit diesem Worte »Genie«, »genial« immerfort
operieren muß, welches, wie erst von einem bestimmten jährlichen
Einkommen ab an den Staat eine gewisse Steuer zu zahlen ist, »die
Genies« als eine bestimmte Kaste streng abgrenzt von jenen, die es gar
nicht sein sollen. Die Bezeichnung »Genie« hat vielleicht gerade ein
Mann erfunden, der sie selbst nur in recht geringem Maße verdiente; den
größeren wird das »Genie-Sein« wohl zu selbstverständlich vorgekommen
sein; sie werden wahrscheinlich lang genug gebraucht haben, um
einzusehen, daß man überhaupt auch nicht »genial« sein könne. Wie
denn _Pascal_ außerordentlich treffend bemerkt: Je origineller ein
Mensch sei, für desto origineller halte er auch die anderen; womit man
_Goethes_ Wort vergleiche: Vielleicht vermag nur der Genius den Genius
ganz zu verstehen.
Es gibt vielleicht nur sehr wenige Menschen, die gar nie in ihrem Leben
»genial« gewesen sind. Wenn doch, so hat es ihnen vielleicht nur an
der Gelegenheit gemangelt: an der großen Leidenschaft, an dem großen
Schmerz. Sie hätten nur einmal etwas intensiv genug zu erleben brauchen
-- allerdings ist die Fähigkeit des Erlebens etwas zunächst subjektiv
Bestimmtes -- und sie wären damit, wenigstens vorübergehend, genial
gewesen. Das Dichten während der ersten Liebe gehört z. B. ganz hieher.
Und wahre Liebe ist völlig Zufallssache.
Man darf schließlich auch nicht verkennen, daß ganz einfache Menschen
in großer Erregung, im Zorn über irgend eine Niedertracht, Worte
finden, die man ihnen nie zugetraut hätte. Der größte Teil dessen,
was man gemeinhin »_Ausdruck_« nennt, in Kunst wie in prosaischer
Rede, beruht aber (wenn man sich des früher über den Prozeß der
Klärung Bemerkten erinnert) darauf, daß ein Individuum, das begabtere,
Inhalte geklärt, gegliedert aufweist zu einer Zeit, wo das andere,
minder hoch veranlagte, sie noch im Henidenstadium oder in einem sich
nahe daranschließenden besitzt. Der Verlauf der Klärung wird durch
den Ausdruck, welcher einem zweiten Menschen gelungen ist, ungemein
_abgekürzt_, und daher das Lustvolle, auch wenn wir _andere_ einen
»guten Ausdruck« finden sehen. Erleben zwei ungleich Begabte dasselbe,
so wird bei dem Begabteren die Intensität groß genug sein, daß etwa
die »Sprechschwelle«[19] erreicht wird. Im anderen aber wird der
Klärungsprozeß hiedurch nur erleichtert.
Wäre wirklich, wie die populäre Ansicht glaubt, das Genie vom
nichtgenialen Menschen durch eine dicke Wand getrennt, die keinen
Ton aus einem Reiche in das andere dringen ließe, so müßte jedes
Verständnis der Leistungen des Genies dem nichtgenialen Menschen
_völlig_ verschlossen sein, und dessen Werke könnten auf ihn auch
nicht den leisesten Eindruck hervorbringen. _Alle Kulturhoffnungen
vermögen demnach nur auf die Forderung sich zu gründen, daß dem nicht
so sei._ Und es ist auch nicht so. _Der Unterschied liegt in der
geringeren Intensität des Bewußtseins, er ist ein quantitativer, kein
prinzipieller, qualitativer._[20]
Umgekehrt aber hat es recht wenig Sinn, jüngeren Leuten die Äußerung
einer Meinung darum zu verweisen und ihr Wort darum geringer zu
werten, weil sie weniger Erfahrung hätten als ältere Personen. Es gibt
Menschen, die wohl tausend Jahre und darüber leben könnten, ohne eine
einzige _Erfahrung_ gemacht zu haben. Nur unter Gleichbegabten hätte
jene Rede einen guten Sinn und eine volle Berechtigung.
Denn während der geniale Mensch schon als Kind ein intensiveres Leben
führt als alle anderen Kinder, während ihm, je bedeutender er ist,
an eine desto frühere Jugend auch ein Entsinnen möglich ist, ja in
extremen Fällen schon vom dritten Jahre seiner Kindheit angefangen ihm
die vollständige Erinnerung von seinem ganzen Leben stets gegenwärtig
bleibt, datieren die anderen Menschen ihre erste Jugenderinnerung erst
von einem viel späteren Zeitpunkt; ich kenne welche, deren früheste
Reminiszenz überhaupt in ihr achtes Lebensjahr fällt, _die von ihrem
ganzen vorherigen Leben nichts wissen, als was ihnen erzählt wurde_;
und es gibt sicherlich viele, bei denen dieses erste intensive Erlebnis
noch weit später anzusetzen ist. Ich will nicht behaupten und glaube es
auch gar nicht, daß man die Begabungen zweier Menschen ganz ausnahmslos
danach allein bereits gegeneinander abschätzen könne, wenn dieser vom
fünften, jener erst vom zwölften Jahre an sich an alles erinnert, die
früheste Jugenderinnerung des einen in den vierzehnten Monat nach
seiner Geburt fällt, die des zweiten erst in sein drittes Lebensjahr.
Aber im allgemeinen und außerhalb zu enger Grenzen wird man die
angegebene Regel wohl immer zutreffen sehen.
Vom Zeitpunkt der ersten Jugenderinnerung verfließt gewiß auch beim
hervorragenden Menschen noch immer eine längere oder kürzere Strecke
bis zu jenem Moment, von dem an er an _alles_ sich erinnert, jenem
Tage, von dem an er eben endgültig zum Genie geworden ist. Die
meisten Menschen hingegen haben den größten Teil ihres Lebens einfach
vergessen; ja viele wissen oft nur, _daß kein anderer Mensch für sie
gelebt hat die ganze Zeit hindurch_: aus ihrem ganzen Leben sind ihnen
nur bestimmte Augenblicke, einzelne feste Punkte, markante Stationen
gegenwärtig. Wenn man sie sonst um etwas fragt, so wissen sie nur,
d. h. sie rechnen es sich in der Geschwindigkeit aus, daß in dem und
dem Monat sie so alt waren, diese oder jene Stellung bekleideten, da
oder dort wohnten und so und so viel Einkommen hatten. Hat man vor
Jahren zusammen mit ihnen etwas erlebt, so kann es nun unendliche Mühe
kosten, das Vergangene in ihnen zur Auferstehung zu bringen. Man mag in
solchem Falle einen Menschen mit Sicherheit für unbegabt erklären, man
ist zumindest befugt, ihn nicht für hervorragend zu halten.
Die Aufforderung zu einer Selbstbiographie brächte die ungeheuere
Mehrzahl der Menschen in die peinlichste Verlegenheit: können doch
schon die wenigsten Rede stehen, wenn man sie fragt, was sie gestern
getan haben. Das Gedächtnis der meisten ist eben ein bloß sprungweises,
gelegentlich assoziatives. Im genialen Menschen _dauert_ ein Eindruck,
den er empfangen hat; ja eigentlich _steht nur er überhaupt unter
Eindrücken_. Damit hängt zusammen, daß wohl alle hervorragenden
Menschen, wenigstens zeitweise, _an fixen Ideen leiden_. Der psychische
Bestand der Menschen mit einem System von eng einander benachbarten
Glocken verglichen, so gilt für den gewöhnlichen Menschen, daß jede
nur klingt, wenn die andere an sie mit ihren Schwingungen stößt,
und nur auf ein paar Augenblicke; für das Genie, daß eine einzige,
angeschlagen, gewaltig ausschwingt, nicht leise tönt, sondern voll,
das ganze System mitbewegt, und nachhallt, oft das ganze Leben lang.
Da diese Art der Bewegung aber oft infolge gänzlich geringfügiger,
ja lächerlicher Anstöße beginnt, und manchesmal gleich intensiv in
unerträglicher Weise wochenlang zäh beharrt, so liegt hierin wirklich
eine Analogie zum Wahnsinn.
Aus verwandten Gründen ist auch _Dankbarkeit_ so ziemlich die seltenste
Tugend unter den Menschen; sie merken sich wohl manchesmal, wieviel
man ihnen geliehen hat; aber in die Not, in der sie waren, in die
Befreiung, die ihnen wurde, mögen und können sie sich nicht mehr
zurückdenken. Führt Mangel an Gedächtnis sicher zum Undank, so genügt
dennoch selbst ein vorzügliches Gedächtnis allein noch nicht, um einen
Menschen dankbar zu machen. Dazu ist eine spezielle Bedingung mehr
erforderlich, deren Erörterung nicht hieher gehört.
Aus dem Zusammenhange von Begabung und Gedächtnis, der so oft verkannt
und verleugnet worden ist, weil man ihn nicht dort suchte, wo er zu
finden gewesen wäre: _in der Rückerinnerung an das eigene Leben_,
läßt sich noch eine weitere Tatsache ableiten. Ein Dichter, der seine
Sachen hat schreiben _müssen_, ohne Absicht, ohne Überlegung, ohne erst
zur eigenen Stimmung das Pedal zu treten; ein Musiker, den der Moment
des Komponierens überfallen hat, so daß er wider Willen zu schaffen
genötigt war, sich nicht wehren konnte, selbst wenn er lieber Ruhe und
Schlaf gewünscht hätte: ein solcher wird, was in diesen Stunden geboren
wurde, all das, was nicht auch nur im kleinsten _gemacht_ ist, sein
ganzes Leben lang im Kopfe tragen. Ein Komponist, der keines seiner
Lieder und keinen seiner Sätze, ein Dichter, der keines seiner Gedichte
auswendig kennt -- und zwar ohne sie, wie das _Sixtus Beckmesser_ von
_Hans Sachs_ sich vorstellt, erst »recht gut memoriert« zu haben --
der hat, des kann man sicher sein, auch nie etwas wahrhaft Bedeutendes
hervorgebracht.
Bevor nun die Anwendung dieser Aufstellungen auf das Problem der
geistigen Geschlechtsunterschiede versucht werde, ist noch eine
Unterscheidung zu treffen zwischen Gedächtnis und Gedächtnis. Die
einzelnen zeitlichen Momente seines Lebens sind nämlich dem begabten
Menschen in der Erinnerung nicht als diskrete Punkte gegeben, nicht
als durchaus getrennte Situationsbilder, nicht als verschiedene
Individuen von Augenblicken, deren jeder einen bestimmten, von dem
des nächsten, wie die Zahl eins von der Zahl zwei, getrennten Index
aufweist. Die Selbstbeobachtung ergibt vielmehr, daß allem Schlafe,
aller Bewußtseinsenge, allen Erinnerungslücken zum Trotze die einzelnen
Erlebnisse in ganz rätselhafter Weise _zusammengefaßt_ erscheinen; die
Geschehnisse folgen nicht aufeinander wie die Ticklaute einer Uhr,
sondern sie laufen alle in einen einheitlichen Fluß zusammen, in dem
es keine Diskontinuität gibt. Beim ungenialen Menschen sind dieser
Momente, die aus der ursprünglich diskreten Mannigfaltigkeit so zum
geschlossenen Kontinuum sich vereinigen, nur wenige, ihr Lebenslauf
gleicht einem Bächlein, keinem mächtigen Strom, in den, wie beim
Genie, aus weitestem Gebiete _alle_ Wässerlein zusammengeflossen sind,
_aus_ dem, heißt das, vermöge der _universalen Apperzeption_ kein
Erlebnis _ausgeschaltet_, _in_ den vielmehr _alle_ einzelnen Momente
_aufgenommen_, rezipiert sind. Diese _eigentliche_ Kontinuität, die
den Menschen erst ganz dessen vergewissern kann, daß er _lebt_, daß
er da, daß er auf der Welt ist, allumfassend beim Genius, auf wenige
wichtige Momente beschränkt beim Mittelmäßigen, _fehlt $gänzlich$ beim
Weibe_. Dem Weibe bietet sich, wenn es rückschauend, rückfühlend sein
Leben betrachtet, dieses nicht unter dem Aspekt eines unaufhaltsamen,
nirgends unterbrochenen Drängens und Strebens dar, es bleibt vielmehr
immer nur an einzelnen Punkten _hängen_.
Was für Punkte sind das? Es können nur diejenigen sein, für welche
W ihrer Natur nach ein Interesse hat. Worauf dieses Interesse ihrer
Konstitution ausschließlich geht, wurde im zweiten Kapitel zu erwägen
begonnen; wer sich an dessen Ergebnisse erinnert, den wird die folgende
Tatsache nicht überraschen:
W verfügt _überhaupt_ nur über _eine_ Klasse von Erinnerungen: es sind
die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängenden.
An den Geliebten und an den Bewerber; an die Hochzeitsnacht, an jedes
Kind wie an ihre Puppen; an die Blumen, die sie auf jedem Balle
bekommen, Zahl, Größe und Preis der Bouquets; an jedes Ständchen, das
ihr gebracht, an jedes Gedicht, das (wie sie sich einbildet) auf sie
geschrieben wurde, an jeden Ausspruch des Mannes, der ihr imponiert
hat, vor allem aber -- mit einer Genauigkeit, die ebenso verächtlich
ist als sie unheimlich berührt -- _an jedes Kompliment ohne Ausnahme_,
das ihr im Leben gemacht wurde.
Das ist $alles$, woran das _echte_ Weib aus seinem Leben sich erinnert.
_Was aber ein Mensch nie vergißt, und was er sich nicht merken
kann, das ermöglicht am besten die Erkenntnis seines Wesens, seines
Charakters._ Es wird später noch genauer als jetzt zu untersuchen sein,
_worauf_ es deutet, daß W gerade _diese_ Erinnerungen hat. Großer
Aufschluß ist gerade von der unglaublichen Treue zu erwarten, mit
welcher die Frauen an alle Huldigungen und Schmeicheleien, an sämtliche
Beweise der Galanterie sich erinnern, die ihnen seit frühester Kindheit
entgegengebracht worden sind. Was man gegen die hiemit vollzogene
Einschränkung des weiblichen Gedächtnisses auf den Bereich der
Sexualität und des Gattungslebens einwenden kann, ist mir natürlich
klar; ich muß darauf gefaßt sein, alle Mädchenschulen und sämtliche
Ausweise aufmarschieren zu sehen. Diese Schwierigkeiten können
indes erst später behoben werden. Hier möchte ich nur dies nochmals
zu bedenken geben, daß es, bei allem Gedächtnis, welches für die
psychologische Erkenntnis der Individualität ernstlich in Frage käme,
um Gedächtnis für Erlerntes nur dort sich handeln könnte, wo Erlerntes
wirklich Erlebtes wäre.
Daß es dem psychischen Leben der Frauen an Kontinuität (die hier
nur als ein nicht zu übersehendes psychologisches Faktum, sozusagen
im Anhang der Gedächtnislehre, nicht als spiritualistische oder
idealistische These eingeführt wurde) gebricht, dem kann erst weiter
unten eine Beleuchtung, dem Wesen der Kontinuität nur in Stellungnahme
zu dem umstrittensten Probleme aller Philosophie und Psychologie eine
Ergründung werden. Als Beweis für jenen Mangel will ich vorläufig
nichts anführen als die oft bestaunte, von _Lotze_ ausdrücklich
hervorgehobene Tatsache, daß die Frauen sich viel leichter in neue
Verhältnisse fügen und sich ihnen eher anpassen als die Männer,
denen man den Parvenu noch lange anmerkt, wenn kein Mensch mehr
die Bürgerliche von der Adeligen, die in ärmlichen Verhältnissen
Aufgewachsene von der Patrizierstochter auseinanderzukennen vermag.
Doch muß ich auch hierauf später noch ausführlich zurückkommen.
Übrigens wird man nun begreifen, warum (wenn nicht Eitelkeit,
Tratschsucht oder Nachahmungslust dazu treibt) nur bessere Menschen
Erinnerungen aus ihrem Leben niederschreiben, und wie ich hierin eine
Hauptstütze des Zusammenhanges von Gedächtnis und Begabung erblicke.
Nicht als ob jeder geniale Mensch auch eine Autobiographie abfassen
würde: um zur Selbstbiographie zu schreiten, dazu sind noch gewisse
_spezielle_, sehr tief liegende psychologische Bedingungen nötig. Aber
umgekehrt ist die Abfassung einer _vollständigen_ Selbstbiographie,
wenn sie aus originärem Bedürfnis heraus erfolgt, stets ein Zeichen
eines höheren Menschen. Denn gerade im wirklich _treuen_ Gedächtnis
liegt auch die Wurzel der _Pietät_. Ein bedeutender Mensch, vor das
Ansinnen gestellt, seine Vergangenheit um irgend welcher äußerer
materieller oder innerer hygienischer Vorteile willen preiszugeben,
würde es zurückweisen, auch wenn ihm die größten Schätze der Welt,
ja _das Glück selbst_, fürs Vergessen in Aussicht gestellt würden.
Der Wunsch nach dem Trank aus dem Lethestrom ist ein Zug mittlerer
und minderer Naturen. Und mag ein wahrhaft hervorragender Mensch nach
dem _Goethe_schen Worte gegen eben abgelegte eigene Irrtümer sehr
streng und heftig auch dort sein, wo er _andere_ an ihnen festhalten
sieht, so wird er doch sein vergangenes Tun und Lassen nie belächeln,
über seine frühere Denk- und Lebensweise sich niemals lustig machen.
Die heute so sehr ins Kraut geschossenen »Überwinder« verdienen
rechtens alles andere eher denn diesen Namen: Menschen, die anderen
spöttisch erzählen, was sie einst alles geglaubt, und wie sie all das
»überwunden« hätten, denen war es mit dem Alten nicht Ernst, denen
ist am Neuen ebensowenig gelegen. Ihnen kommt es immer nur auf die
Instrumentation, nie auf die Melodie an; kein Stadium von all den
»überwundenen« war wirklich in ihrem Wesen tief gegründet. Dagegen
beobachte man, mit welch weihevoller Sorgfalt große Männer in ihren
Selbstbiographien selbst den scheinbar geringfügigsten Dingen einen
Wert beilegen: denn für sie ist Gegenwart und Vergangenheit gleich,
für jene keine von beiden wahr. Der hervorragende Mensch fühlt, wie
_alles_, auch das Kleinste, Nebensächlichste, in seinem Leben eine
Wichtigkeit gewonnen, wie es ihm zu seiner Entwicklung mitverholfen
hat, und _daher_ die außerordentliche _Pietät_ seiner Memoiren. Und
eine solche Autobiographie wird sicherlich nicht etwa auf einmal,
einem anderen Einfall vergleichbar, unvermittelt niedergeschrieben,
der Gedanke hiezu entsteht in ihm nicht plötzlich; sie ist für den
großen Menschen, der eine schreibt, sozusagen immer fertig. Gerade weil
das bisherige Leben ihm immer ganz gegenwärtig ist, darum empfindet
er seine neuen Erlebnisse als für ihn bedeutsam, darum hat er und
eigentlich nur er ein _Schicksal_. Und davon rührt es zunächst auch
her, daß gerade die bedeutendsten Menschen immer viel _abergläubischer_
sein werden als mittelmäßige Köpfe. Man kann also zusammenfassend sagen:
_Ein Mensch ist um so $bedeutender$, je mehr alle Dinge für ihn
$bedeuten$._
Im Laufe der ferneren Untersuchung wird diesem Satze, außer der
Universalität der verständnisvollen Beziehung und der erinnernden
Vergleichung, noch ein tieferer Sinn allmählich unterlegt werden können.
Wie es in diesen Hinsichten mit dem Weibe steht, ist nicht schwer zu
sagen. Das echte Weib kommt nie zum Bewußtsein eines Schicksals, seines
Schicksals; das Weib ist nicht heroisch, denn es kämpft höchstens für
seinen Besitz, und es ist nicht tragisch, denn sein Los entscheidet
sich mit dem Lose dieses Besitzes. Da das Weib ohne Kontinuität ist,
kann es auch nicht pietätvoll sein; in der Tat ist Pietät eine durchaus
männliche Tugend. Pietätvoll ist man zunächst _gegen sich_, und Pietät
gegen sich Bedingung aller Pietät gegen andere. Aber eine Frau kostet
es recht wenig Überwindung, über ihre Vergangenheit den Stab zu
brechen; wenn das Wort Ironie am Platze wäre, so könnte man sagen, daß
nicht leicht ein Mann sein vergangenes Selbst so ironisch und überlegen
betrachten wird, wie die Frauen dies oftmals -- nicht nur nach der
Hochzeitsnacht -- zu tun pflegen. Es wird sich noch Gelegenheit finden,
darauf hinzuweisen, wie die Frauen eigentlich das Gegenteil von all
dem wollen, dessen Ausdruck die Pietät ist. Was endlich die Pietät
der Witwen anlangt -- doch von diesem Gegenstande will ich lieber
schweigen. Und der Aberglaube der Frauen schließlich ist psychologisch
ein durchaus anderer als der Aberglaube hervorragender Männer.
Das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, wie es in der Pietät zum
Ausdrucke kommt und auf dem kontinuierlichen Gedächtnis beruht, das
selbst wieder nur durch die Apperzeption ermöglicht ist, läßt sich noch
in weiteren Zusammenhängen zeigen und zugleich tiefer analysieren.
_Damit nämlich, ob ein Mensch überhaupt ein Verhältnis zu seiner
Vergangenheit hat oder nicht, hängt es außerordentlich innig zusammen,
ob er ein Bedürfnis nach Unsterblichkeit fühlen oder ob ihn der Gedanke
des Todes gleichgültig lassen wird._
Das Unsterblichkeitsbedürfnis wird zwar heute recht allgemein sehr
schäbig und von oben herab behandelt. Das Problem, das aus ihm
erwächst, macht man sich nicht etwa bloß als ein ontologisches,
sondern auch als ein psychologisches schmachvoll leicht. Der eine
will es, zugleich mit dem Glauben an die Seelenwanderung, damit
erklärt haben, daß in vielen Menschen Situationen, in welche sie
sicherlich zum ersten Male geraten sind, das Gefühl erwecken, als
hätten sie dieselben schon einmal durchlebt. Die andere, heute
allgemein adoptierte Ableitung des Unsterblichkeitsglaubens aus
dem _Seelenkult_, wie sie sich bei _Tylor_, _Spencer_, _Avenarius_
findet, wäre von jedem anderen Zeitalter als dem der _experimentellen_
Psychologie a priori zurückgewiesen worden. Es sollte doch, meine
ich, jedem Denkenden völlig unmöglich erscheinen, daß etwas, woran so
vielen Menschen gelegen, wofür so gekämpft und gestritten worden ist,
bloß das letzte Schlußglied eines Syllogismus bilden könnte, dessen
Prämisse etwa die nächtlichen Traumerscheinungen Verstorbener gewesen
wären. Und welche Phänomene zu erklären ist wohl jene felsenfeste
Meinung von ihrem Weiterleben nach dem Tode ersonnen worden, die
_Goethe_, die _Bach_ gehabt haben, auf welches »Pseudoproblem« läßt
sich das Unsterblichkeitsbedürfnis zurückführen, das aus _Beethovens_
letzten Sonaten und Quartetten zu uns spricht? Der Wunsch nach der
persönlichen Fortdauer muß gewaltigeren Quellen entströmt sein als
jenen rationalistischen Springbrunnen.
Dieser tiefere Ursprung hängt mit dem Verhältnisse des Menschen zu
seiner Vergangenheit lebhaft zusammen. _Im Sichfühlen und Sichsehen
in der Vergangenheit liegt ein mächtiger Grund des Sichweiterfühlen-,
Sichweitersehenwollens._ Wem seine Vergangenheit wert ist, wer sein
Innenleben, mehr als sein körperliches Leben, hochhält, _der wird
es auch an den Tod nicht hingeben wollen_. Daher tritt primäres,
originelles Unsterblichkeitsbedürfnis bei den größten Genien der
Menschheit, den Menschen mit der reichsten Vergangenheit, am
stärksten, am nachhaltigsten auf. Daß _dieser_ Zusammenhang der
Unsterblichkeitsforderung mit dem Gedächtnis _wirklich_ besteht,
erhellt daraus, was Menschen, die aus Todesgefahr errettet werden,
von sich übereinstimmend aussagen. Sie durchleben nämlich, wenn sie
auch sonst nie viel an ihre Vergangenheit gedacht haben, nun plötzlich
auf einmal mit rasender Geschwindigkeit ihre ganze Lebensgeschichte
nochmals, und erinnern sich innerhalb weniger Sekunden an Dinge, welche
Jahrzehnte lang ihnen nicht ins Bewußtsein zurückgekommen sind. Denn
das Gefühl dessen, was ihnen bevorsteht, bringt -- abermals vermöge
des Kontrastes -- all das ins Bewußtsein, was nun für immer vernichtet
werden soll.
Wir wissen ja sehr wenig über die geistige Verfassung Sterbender. Es
gehört auch ein mehr als gewöhnlicher Mensch dazu, um zu erkennen,
was in einem Sterbenden vorgeht; anderseits sind Verscheidende
aus den dargelegten Gründen gerade von besseren Menschen meistens
gemieden. Aber es ist wohl gänzlich unrichtig, die in so vielen
Todkranken plötzlich auftretende Religiosität nur auf die bekannte
Erwägung »vielleicht doch, sicher ist sicher« zurückzuführen; und sehr
oberflächlich, anzunehmen, bloß die sonst nie beachtete tradierte
Höllenlehre gewinne nun plötzlich gerade in der Todesstunde so
viel Kraft, daß es dem Menschen unmöglich werde, mit einer Lüge zu
sterben.[21] Denn dies ist das Wichtigste: Warum fühlen Menschen, die
ein durch und durch verlogenes Leben geführt haben, nun plötzlich
den Drang nach der Wahrheit? Und warum macht es auch auf denjenigen,
der nicht an _Strafen_ im Jenseits glaubt, einen so entsetzlichen
Eindruck, wenn er vernimmt, ein Mensch sei _mit_ einer Lüge, _mit_
einer unbereuten Schlechtigkeit _verschieden_, warum hat beides, sowohl
die Verstocktheit bis zum Schlusse, als auch die Umkehr vor dem Tode,
die Dichter so oft mächtig gereizt? Die Frage nach der »Euthanasie der
Atheisten«, die man im XVIII. Jahrhundert so häufig aufwarf, ist also
keine ganz sinnlose, und nicht bloß ein historisches Kuriosum, als
welches sie von Friedrich Albert _Lange_ behandelt wurde.
Ich erwähne dies alles nicht allein, um eine Möglichkeit zu erörtern,
welcher kaum der Rang einer Vermutung zukommt. Undenkbar nämlich
scheint es mir, da viel mehr Menschen »genial« sind, als es »Genies«
gibt, nicht zu sein, daß die quantitative Differenz in der Begabung vor
allem in dem Zeitpunkte zum Ausdruck komme, in welchem die Menschen
zum Genie werden. Für eine größere Anzahl fiele dieser Augenblick
mit ihrem natürlichen Tode zusammen. Wurden wir schon früher dahin
geführt, die genialen Menschen nicht etwa, wie die Steuerzahler von
einem bestimmten jährlichen Einkommen ab, als von allen anderen
Menschen durch eine scharfe Grenze getrennt anzusehen, so vereinigen
sich diese neuen Betrachtungen mit jenen alten. Und ebenso wie die
erste Kindheitserinnerung des Menschen nicht mit einem, den früheren
Lauf der Dinge unterbrechenden, _äußeren_ Ereignis verknüpft ist,
sondern plötzlich, unscheinbar, _infolge einer inneren Entwicklung_,
für jeden früher oder später ein Tag kommt, _an welchem das Bewußtsein
so intensiv wird_, daß eine Erinnerung bleibt, und von nun an, je
nach der Begabung, mehr oder weniger zahlreiche Erinnerungen beharren
-- _ein Faktum, das allein die ganze moderne Psychologie umstößt_
-- so _bedürfte_ es bei den _verschiedenen Menschen verschieden
vieler Stöße_, um sie zu genialen zu machen, _und nach der Zahl
dieser Bewußtseinsstöße, deren letzter in der Todesstunde erfolgte_,
wären die Menschen ihrer Begabung gemäß zu klassifizieren. Bei
dieser Gelegenheit will ich noch darauf hinweisen, wie falsch
die Lehre der heutigen Psychologie ist (für die das menschliche
Individuum eben nur wie ein besserer Registrierapparat in Betracht
kommt und keinerlei von _innen_ kommende, ontogenetische geistige
Entwicklung besitzt), daß im jugendlichen Alter die größte Anzahl
von Eindrücken behalten werden. Man darf die erlebten Impressionen
nicht mit dem äußerlichen und fremden Gedächtnisstoff verwechseln.
Diesen nimmt das Kind gerade deshalb um so viel leichter auf, weil es
noch so wenig von Gemütseindrücken beschwert ist. Eine Psychologie,
die in so fundamentalen Dingen der Erfahrung zuwiderläuft, hat
allen Anlaß zur Einkehr, zur Umkehr. Was hier versucht wurde, ist
kaum eine Andeutung von jener _ontogenetischen Psychologie_ oder
_theoretischen Biographie_, die über kurz oder lang die heutige
Wissenschaft vom menschlichen Geiste zu verdrängen berufen ist. --
Jedes Programm enthält implicite eine Überzeugung, jedem Ziele des
Willens gehen bestimmte Vorstellungen realer Verhältnisse voran. Der
Name »theoretische Biographie« soll das Gebiet gegen _Philosophie_
und _Physiologie_ besser als bisher abstecken, und die biologische
Betrachtungsweise, welche von der letzten Richtung in der Psychologie
(_Darwin_, _Spencer_, _Mach_, _Avenarius_) einseitig hervorgekehrt
und zum Teil arg übertrieben worden ist, doch dahin _erweitern_, daß
eine solche Wissenschaft über den _gesamten_ gesetzmäßigen _geistigen
Lebensverlauf als Ganzes_, von der Geburt bis zum Tode eines Menschen,
Rechenschaft zu geben hätte, wie über Entstehen und Vergehen und
alle einzelnen Lebensphasen irgend einer Pflanze. Und _Biographie_,
nicht Bio_logie_, sollte sie genannt werden, weil ihre Aufgabe in der
Erforschung gleichbleibender Gesetze der _geistigen_ Entwicklung des
_Individuums_ liegt. Bisher kennt alle Geschichtsschreibung jeglicher
Gattung nur Individualitäten, βίοι. Hier aber würde es sich darum
handeln, allgemeine Gesichtspunkte zu gewinnen, Typen festzuhalten.
_Die Psychologie müßte anfangen, $theoretische Biographie$ zu
werden._ Im Rahmen einer solchen Wissenschaft könnte und würde alle
bisherige Psychologie aufgehen, und erst dann nach dem Wunsche Wilhelm
_Wundts_ eine fruchtbare Grundlage für die Geisteswissenschaften
wirklich abgeben. Es wäre verfehlt, an dieser Möglichkeit darum
zu verzweifeln, weil die heutige Psychologie, welche eben jene
ihre eigentliche Aufgabe als ihr Ziel noch gar nicht begriffen
hat, auch völlig außerstande ist, den Geisteswissenschaften das
Geringste zu bieten. Hierin dürfte, trotz der großen Klärung, welche
_Windelbands_ und _Rickerts_ Untersuchungen über das Verhältnis von
Natur- und Geisteswissenschaften mit sich gebracht haben, doch eine
Berechtigung liegen, _neben_ der neuen Einteilung der Wissenschaften
in »Gesetzes-« und »Ereignis«-Wissenschaften, in »nomothetische« und
»idiographische« Disziplinen, die _Mill_sche Zweiteilung von Natur- und
Geisteswissenschaften beizubehalten. -- --
Mit der Deduktion des Unsterblichkeitsbedürfnisses, welche dieses
in einen Konnex mit der kontinuierlichen Form des Gedächtnisses und
der Pietät brachte, stimmt es vollständig überein, daß _den Frauen
jegliches Unsterblichkeitsbedürfnis völlig abgeht_. Auch ist hieraus
mit Sicherheit zu entnehmen, wie sehr jene unrecht haben, welche in
dem Postulat der persönlichen Fortexistenz bloß einen Ausfluß der
Todesfurcht und des leiblichen Egoismus sehen, und hiemit eigentlich
der populärsten Meinung über allen Ewigkeitsglauben Ausdruck geben.
Denn die _Angst_ vor dem Sterben findet sich bei Frauen wie bei
Männern, das _Unsterblichkeitsbedürfnis_ ist auf diese beschränkt.
Die von mir versuchte Erklärung des psychologischen Wunsches nach
Unsterblichkeit ist indessen bislang mehr ein Aufzeigen einer
Verbindung, die zwischen ihm und dem Gedächtnisse besteht, als eine
wahrhaft strenge _Ableitung_ aus einem höheren Grundsatze. Daß hier
eine Verwandtschaft da ist, wird man immer bewahrheitet finden: je
mehr ein Mensch in seiner _Vergangenheit_ lebt -- _nicht_, wie man
bei oberflächlichem Hinsehen glauben könnte, in seiner _Zukunft_ --
desto intensiver wird sein Unsterblichkeitsverlangen sein. Ebenso
kommt bei den Frauen der Mangel an dem Bedürfnis eines Fortlebens
nach dem Tode mit ihrem Mangel an sonstiger Pietät gegen die eigene
Person überein. Dennoch scheint, wie diese Abwesenheit bei der Frau
noch nach einer tieferen Begründung und Ableitung beider aus _einem_
allgemeineren Prinzipe verlangt, so auch beim Manne das Beisammensein
von Gedächtnis und Unsterblichkeitsbedürfnis auf eine _gemeinsame_,
noch bloßzulegende Wurzel beider hinzuweisen. Denn was bisher geleistet
wurde, war doch nur der Nachweis, daß und wie sich das Leben in
der eigenen Vergangenheit und ihre Schätzung mit der Hoffnung auf
ein Jenseits im selben Menschen zusammenfinden. Den tieferen Grund
dieses Zusammenhanges zu erforschen, wurde noch gar nicht als Aufgabe
betrachtet. Nun aber ist auch an deren Lösung heranzutreten.
* * * * *
Gehen wir von der Formulierung aus, die wir dem universellen Gedächtnis
des bedeutenden Menschen gaben. Ihm sei alles, das längst Entwirklichte
wie das eben erst Entschwundene, _gleich wahr_. Hierin liegt, daß das
einzelne Erlebnis nicht mit dem Zeitmoment, in dem es gesetzt ist, so
wie dieses Zeitatom selbst verschwindet, untergeht, daß es nicht an
den bestimmten Zeitaugenblick _gebunden_ bleibt, sondern ihm -- eben
durch das Gedächtnis -- _entwunden_ wird. _Das Gedächtnis macht die
Erlebnisse zeitlos_, es ist, schon seinem Begriffe nach, _Überwindung
der Zeit_. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil
das Gedächtnis es vom _Einfluß_ der Zeit _befreit, die Geschehnisse,
die überall sonst in der Natur $Funktionen$ der Zeit sind, hier im
Geiste $über$ die Zeit $hinaus$gehoben hat_.
Doch hier steigt scheinbar eine Schwierigkeit vor uns auf. Wie kann
das Gedächtnis eine Negation der Zeit in sich schließen, da es doch
anderseits gewiß ist, daß wir von der Zeit nichts wüßten, wenn wir
kein Gedächtnis hätten? Sicherlich wird uns immer und ewig nur
durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, _daß_ es
einen Ablauf der Zeit _gibt_. Wie kann also von dem, was so enge
zusammenhängt, das eine das Gegenteil und die Aufhebung des anderen
bedeuten?
Die Schwierigkeit löst sich leicht. Eben _weil_ ein beliebiges Wesen
-- es braucht nicht der Mensch zu sein -- _wenn_ es mit Gedächtnis
ausgestattet ist, _mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den
Zeitverlauf eingeschaltet_ ist, darum kann ein solches Wesen dem
Zeitverlauf gegenübertreten, ihn _auffassen_, ihn zum Gegenstande der
Betrachtung machen. Wäre das einzelne Erlebnis dem übrigen Zeitverlauf
anheimgegeben, würde es ihm verfallen und nicht aus ihm gerettet werden
durch das Gedächtnis, müßte es mit der Zeit sich ändern wie eine
abhängige Variable mit ihrer Unabhängigen, stünde der Mensch mitten
im zeitlichen Fluß des Geschehens _darinnen_, so könnte dieser ihm
nicht _auffallen_, nicht _bewußt_ werden -- _Bewußtsein setzt Zweiheit
voraus_ -- er könnte nie das Objekt, der Gedanke, die Vorstellung des
Menschen sein. Man muß _irgendwie_ die Zeit _überwunden_ haben, um über
sie _reflektieren_, man muß irgendwie _außerhalb der Zeit stehen_, um
sie _betrachten_ zu können. Dies gilt nicht nur von jeder besonderen
Zeit -- _in_ der Leidenschaft selbst kann man _über_ die Leidenschaft
nicht nachdenken, man muß erst zeitlich über sie hinausgekommen sein --
sondern ebenso vom _allgemeinen Begriffe_ der Zeit. _Gäbe es nicht ein
Zeitloses, so gäbe es keine Anschauung der Zeit._
Gedenken wir, um dieses Zeitlose zu erkunden, vorläufig dessen, _was_
durch das Gedächtnis der Zeit wirklich entrückt wird. Als solches hat
sich all das ergeben, was für das Individuum _von Interesse ist oder
eine Bedeutung_ hat, oder, wie kurz gesagt werden soll, _alles, was für
das Individuum einen $Wert$ besitzt_. Man erinnert sich nur an solche
Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, $Wert$
gehabt haben: $dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit$. _Man vergißt
alles, was nicht irgendwie, wenn auch oft unbewußt, von der Person
$gewertet$ wurde._
Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat destomehr
Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit
sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert
ein, als es zeitlos ist: $nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet$.
_Dies ist_, wenn auch, wie ich glaube, noch nicht die tiefste und
allgemeinste Definition des Wertes und keine völlige Erschöpfung seines
Wesens, doch _das erste $spezielle$ Gesetz aller Werttheorie_.
Eine eilende Rundsicht wird genügen, um es überall nachzuweisen. Man
ist immer geneigt, die Überzeugung desjenigen gering zu schätzen,
der erst vor kurzem zu ihr gelangt ist, und wird auf die Äußerungen
eines Menschen überhaupt nicht viel Wert legen, dessen Ansichten
noch im Flusse begriffen sind und sich fortwährend ändern. Eherne
Unwandelbarkeit hingegen wird stets Respekt einflößen, selbst wenn sie
in den unedlen Formen der Rachsucht und des Starrsinns sich offenbart;
ja auch, wenn sie aus leblosen Gegenständen spricht: man denke an das
»aere perennius« der Poeten und an die »Quarante siècles« der Pyramiden
Ägyptens. Der Ruhm oder das gute Angedenken, die ein Mensch hinterläßt,
würden durch die Vorstellung sofort _ent_wertet, daß sie nur kurze
Zeit, und nicht lange, womöglich ewig, währen sollten. Ein Mensch
vermag ferner nie positiv zu werten, daß er sich immerfort ändert;
gesetzt, er täte dies in irgend welcher Beziehung, und es würde ihm
nun gesagt, daß er jedesmal von einer neuen Seite sich zeige, so mag
er freilich dessen sogar froh und stolz auf diese Eigenschaft sein
können, doch ist es natürlich nur die Konstanz, die Regelmäßigkeit
und Sicherheit dieser Andersheiten, deren er sich dann freute. Der
Lebensmüde, für den es keinen Wert mehr gibt, hat eben an _keinem
Bestande_ mehr ein Interesse. Die Furcht vor dem Erlöschen einer
Familie und dem Aussterben ihres Namens gehören ganz hieher.
Auch jede soziale Wertung, die etwa in Rechtssatzungen und Verträgen
sichtbar wird, tritt, ob auch Gewohnheit, tägliches Leben an ihnen
Verschiebungen vornehmen mögen, von Anbeginn mit dem Anspruch auf
zeitlose Geltung selbst dann auf, wenn ihre Rechtskraft ausdrücklich
(ihrem Wortlaute nach) nur bis zu einem bestimmten Termin erstreckt
wird: denn gerade hiemit erscheint die Zeit als Konstante speziell
_gewählt_, und nicht als Variable angesehen, in Abhängigkeit von
welcher die vereinbarten Verhältnisse stetig oder unstetig sich irgend
ändern könnten. Freilich wird auch hier zum Vorschein kommen, daß ein
Ding um so höher gewertet wird, je länger seine Dauer ist; denn niemand
glaubt, wenn zwischen zwei rechtlichen Kontrahenten ein Pakt auf sehr
kurze Zeit geschlossen wird, daß den beiden viel an dem Vertrage
liege; sie selbst, die ihn geschlossen haben, werden in diesem Falle
nicht anders gestimmt sein, und von Anfang an, trotz allen Akten, sich
vorsehen und einander mißtrauen.
In dem aufgestellten Gesetze liegt auch die wahre Erklärung dafür, daß
die Menschen _Interessen über ihren Tod hinaus_ haben. Das Bedürfnis
nach dem Wert äußert sich in dem allgemeinen Bestreben, die Dinge von
der Zeit zu emanzipieren, und dieser Drang erstreckt sich selbst auf
Verhältnisse, die »_mit der Zeit_« früher oder später _doch_ sich
ändern, z. B. auf Reichtum und Besitz, auf alles, was man »irdische
Güter« zu heißen pflegt. Hierin liegt das tiefe psychologische Motiv
des _Testamentes_, der Vermachung einer _Erbschaft_. Nicht aus der
Fürsorge für die Angehörigen hat diese Erscheinung ihren Ursprung
genommen. Auch der Mann ohne Familie und ohne Angehörige macht sein
Testament, ja gerade er wird sicher im allgemeinen mit weit größerem
Ernst und tieferer Hingabe zu dieser Handlung schreiten als der
Familienvater, der seine Spuren mit dem eigenen Tode nicht so gänzlich
aus Sein und Denken der anderen ausgelöscht weiß. Der große Politiker
und Herrscher, besonders aber der Despot, der Mann des Staatsstreiches,
dessen Regiment mit seinem Tode endet, sucht diesem Wert zu verleihen,
indem er Zeitloses mit ihm verknüpft: durch ein Gesetzbuch oder eine
Biographie des Julius Cäsar, allerhand große geistige Unternehmungen
und wissenschaftliche Kollektivarbeiten, Museen und Sammlungen, Bauten
aus hartem Fels (Saxa loquuntur), am eigentümlichsten durch Schaffung
oder Regulierung eines Kalenders den Moment zu verewigen strebt.
Aber er sucht auch seiner Macht selbst, schon für seine Lebzeiten,
möglichste Dauer zu verleihen, nicht allein in wechselseitiger
Sicherung durch Verträge, in Herstellung nie wieder zu verwischender
verwandtschaftlicher Beziehungen vermöge diplomatischer Heiraten:
sondern vor allem durch Wegräumung alles dessen, was den ewigen
Bestand seiner Herrschaft bloß durch sein freies Dasein noch je in
Frage stellen könnte. So wird der Politiker zum Eroberer.
Die psychologischen und philosophischen Untersuchungen zur Werttheorie
haben das Gesetz der Zeitlosigkeit gar nicht beachtet. Allerdings
waren sie zum großen Teile von den Bedürfnissen der Wirtschaftslehre
beeinflußt und suchten selbst auf diese überzugreifen. Doch glaube ich
darum nicht, daß das neuentwickelte Gesetz in der politischen Ökonomie
keine Geltung habe, weil es hier viel öfter als in der Psychologie
durch Komplikationen verundeutlicht wird. Auch wirtschaftlich hat alles
desto mehr Wert, je dauerhafter es ist. Wessen Konservierungsfähigkeit
sehr eingeschränkt ist, so daß es etwa nach einer Viertelstunde zu
Grunde ginge, wenn ich es nicht kaufte, das werde ich überall dort,
wo nicht durch feste Preise der moralische _Wert_ des geschäftlichen
Unternehmens über zeitliche Schwankungen emporgehoben werden soll,
zu später Stunde, etwa vor Einbruch der Nacht, um billigeres Geld
erhalten. Man denke auch an die vielen Anstalten zur Bewahrung vor dem
Zeiteinfluß, zur Erhaltung des Wertes (Lagerhäuser, Depots, Keller,
Réchauds, alle Sammlungen mit Kustoden). Es ist selbst hier ganz
unrichtig, den Wert, wie es von den psychologischen Werttheoretikern
meist geschieht, als dasjenige zu definieren, was geeignet sei,
unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Denn auch die Launen des Menschen
gehören zu seinen (momentanen) Bedürfnissen, und doch gibt es nichts
aller Werthaltung mehr Entgegengesetztes als eben _die Laune_. Die
Laune _kennt_ keinen Wert, sie verlangt nach ihm höchstens, um ihn
im nächsten Augenblicke zu zerbrechen. _So ist das Moment der Dauer
aus dem Wertbegriff nicht zu eliminieren._ Selbst die Erscheinungen,
welche man nur mit Hilfe der _Menger_schen Theorie vom »Grenznutzen«
erklären zu können vermeint hat, ordnen sich meiner Auffassung unter
(ohne daß diese natürlich im geringsten sich anmaßt, an sich etwas
für die Nationalökonomie leisten zu können). Daß Luft und Wasser
keinen Wert haben, liegt nach ihr nämlich daran, _daß nur irgendwie
individualisierte, geformte Dinge_ positiv gewertet werden können:
denn alles Geformte kann formlos gemacht, kann zerstört werden, und
braucht _als solches_ nicht zu _dauern_. Ein Berg, ein Wald, eine
Ebene ist noch zu formen durch Umfassung und Begrenzung, und darum
selbst im wüstesten Zustande noch Wertobjekt. Die Luft der Atmosphäre
und das Wasser auf und über der Erdoberfläche vermöchte niemand in
Grenzen zu fassen, sie sind diffus und uneingeschränkt verbreitet.
Wäre ein zauberkräftiger Mann imstande, die atmosphärische Luft, die
den Erdball umgibt, wie jenen Geist aus dem orientalischen Märchen auf
einen relativ kleinen Raum der Erde zu komprimieren, oder könnte es
jemand gelingen, die Wassermassen derselben in einem großen Reservoir
unter Verhinderung der Verdunstung einzusperren: beide hätten sofort
_Form_ gewonnen, und wären damit auch der Wertung unterworfen. Wert
wird von einer Sache also nur dann prädiziert, wo ein, wenn auch noch
so entfernter, Anlaß zur Besorgnis vorhanden ist, daß sie mit der
Zeit sich ändern könne; _denn der Wert wird nur in Relation zur Zeit
gewonnen, im Gegensatze zu ihr aufgestellt_. Wert und Zeit erfordern
sich also gegenseitig wie zwei korrelative Begriffe. Wie tief eine
solche Auffassung führt, wie gerade sie konstitutiv sogar für eine
_Weltanschauung_ werden kann, dies möchte ich _hier_ nicht weiter
verfolgen. Es genügt für den vorgesetzten Zweck, zu wissen, daß jeder
Anlaß, von Wert zu reden, gerade dort wieder entfällt, wo keine
Gefährdung durch die Zeit mehr möglich ist. Das Chaos kann, auch wenn
es ewig ist, nur negativ gewertet werden. _Form $und$ Zeitlosigkeit_
oder _Individuation $und$ Dauer_ sind die beiden analytischen Momente,
welche den Wert zunächst schaffen und begründen.
So ist denn jenes Fundamentalgesetz der Werttheorie durchgängig, auf
individualpsychologischem und sozialpsychologischem Gebiete, zur
Darstellung gebracht. Und nun kann in successiver Wiederaufnahme der
eigentlichen Untersuchungsgegenstände erledigt werden, was noch von
früher her, obwohl besondere Aufgabe dieses Kapitels, rückständig ist.
Als erste Folgerung darf aus dem Vorhergehenden diese gezogen werden,
daß es ein _Bedürfnis nach Zeitlosigkeit, einen $Willen zum Wert$_,
auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit gibt. Und dieser Wille
zum Wert, der mit dem »_Willen zur Macht_« an Tiefe sich zu messen
keine Scheu tragen möge, geht, wenigstens in der Form des Willens
zur Zeitlosigkeit, dem individuellen Weibe ganz und gar ab. Die
alten Frauen pflegen in den seltensten Fällen Bestimmungen über ihre
Hinterlassenschaft zu treffen, was damit zusammenhängt, daß die Frauen
kein Unsterblichkeitsbedürfnis besitzen. Denn es liegt über dem
Vermächtnis eines Menschen die Weihe eines Höheren, Allgemeineren, und
dies ist auch der Grund, warum es von den anderen Menschen _geachtet_
wird.
_Das Unsterblichkeitsbedürfnis selbst ist nur ein besonderer Fall
des allgemeinen Gesetzes, daß nur zeitlose Dinge positiv gewertet
werden._ Hierin liegt sein Zusammenhang mit dem Gedächtnis begründet.
Die Remanenz, welche die Erlebnisse eines Menschen bei ihm haben,
ist der Bedeutung proportional, die sie für ihn gewinnen können. So
paradox es klingt: $der Wert ist es, der die Vergangenheit schafft$.
Nur was positiv gewertet wurde, nur das bleibt im Schutze des
Gedächtnisses vor dem Zahn der Zeit bewahrt; _und so darf auch das
individuelle psychische Leben als Ganzes, soll es positiv bewertet
werden, nicht Funktion der Zeit, es muß über die Zeit erhaben sein
durch eine über den körperlichen Tod hinausgehende ewige Dauer_.
Hiemit sind wir dem innersten Motiv des Unsterblichkeitsbedürfnisses
unvergleichlich näher gerückt. Die völlige Einbuße an Bedeutung, die
das individuell erfüllte, lebensvoll gelebte Leben erleidet, wenn es
mit dem Tode für immer restlos zu Ende sein soll, die _Sinnlosigkeit_
des _Ganzen_ in solchem Falle, dies spricht mit anderen Worten auch
_Goethe_ zu _Eckermann_ aus (4. Februar 1829), führt zur Forderung nach
Unsterblichkeit.
Das intensivste Verlangen nach Unsterblichkeit hat das Genie. Und
auch dies fällt zusammen mit allen anderen Tatsachen, die bisher
über seine Natur aufgedeckt wurden. _Das Gedächtnis ist vollständige
Besiegung der Zeit nur dann, wenn es, wie im universellen Menschen,
in der universellen Form auftritt. Der Genius ist somit der eigentlich
zeitlose Mensch_, wenigstens ist dies und nichts anderes sein Ideal
von sich selbst; er ist, wie gerade sein sehnsüchtiges und dringendes
Begehren nach Unsterblichkeit beweist, eben der Mensch mit dem
stärksten Verlangen nach Zeitlosigkeit, _mit dem mächtigsten Willen zum
Werte_.[22]
Und nun tut sich vor dem geblendeten Auge eine fast noch wunderbarere
Koinzidenz auf. Die Zeitlosigkeit des Genius wird nicht allein im
Verhältnis zu den einzelnen Augenblicken seines Lebens kund, sondern
auch in seiner Beziehung zu dem, was man aus der Zeitrechnung als seine
Generation herausgreift und im engeren Sinne »seine Zeit« nennt. _Zu
dieser hat er nämlich de facto gar keine Beziehungen._ Nicht die Zeit,
die ihn braucht, schafft den Genius, er ist nicht ihr Produkt, nicht
aus ihr zu erklären, und man erweist ihm keine Ehre, ihn mit ihr zu
entschuldigen. _Carlyle_ hat mit Recht darauf hingewiesen, wie vielen
Epochen nur der bedeutende Mensch not tat, wie dringend sie seiner
bedurften, und wie er doch nicht erschienen ist. Das Kommen des Genius
bleibt ein Mysterium, auf dessen Ergründung der Mensch in Ehrfurcht
verzichte. Und wie die _Ursachen_ seines Auftretens nicht in seiner
Zeit gefunden werden können, so bleiben auch, diese Übereinstimmung
ist das zweite Rätsel, _dessen $Folgen$ nicht an eine bestimmte Zeit
geknüpft. Die Taten des Genius leben ewig, an ihnen wird durch die Zeit
nichts geändert._ Durch seine Werke ist dem bedeutenden Menschen eine
Unsterblichkeit auf Erden beschieden, und so ist er in _dreifacher
Weise zeitlos_: seine universale Apperzeption oder ausnahmslose
Wertung aller seiner Erlebnisse enthebt diese in seinem Gedächtnis
der Vernichtung mit dem Augenblick; aus der Zeit, die seinem Werden
vorangeht, ist er nicht emporgewachsen; und nicht der Zeit, in der er
tätig ist, und auch keiner anderen, früher oder später ihr folgenden,
fällt anheim, was er geschaffen hat.
Hier ist nun der glücklichste Ort, die Besprechung einer Frage
einzufügen, die beantwortet werden muß, obwohl sie, merkwürdig genug,
noch kaum von jemand aufgeworfen scheint. Sie betrifft nichts anderes
als, ob das, was Genie genannt zu werden verdient, auch unter den
Tieren (oder Pflanzen) sich findet. Es besteht nun, außer den bereits
entwickelten Kriterien der Begabung, deren Anwendung auf die Tiere
wohl kaum die Anwesenheit dermaßen ausgezeichneter Individuen unter
ihnen ergeben dürfte, auch sonst genügende Berechtigung zu der, später
noch zu begründenden, Annahme, daß es dort nichts irgendwie Ähnliches
gebe. _Talente_ dürften im Reiche der Tiere vorhanden sein wie unter
den noch-nicht-genialen Menschen. Aber das, was man vor _Moreau
de Tours_, _Lombroso_ und _Max Nordau_ immer als den »göttlichen
Funken« betrachtet hat, das haben wir allen Grund auf die Tiere nicht
auszudehnen. Diese Einschränkung ist nicht Eifersucht, nicht ängstliche
Wahrung eines Privilegs, sondern sie läßt sich mit guten Gründen
verteidigen.
Denn was wird durch das Erstauftreten des Genies _im Menschen_ nicht
alles erklärt! Der ganze »objektive Geist«, mit anderen Worten, _daß
der Mensch allein unter allen Lebewesen eine $Geschichte$ hat_!
Die ganze menschliche Geschichte (darunter ist natürlich Geistes- und
nicht z. B. Kriegsgeschichte zu verstehen), läßt sie sich nicht am
ehesten begreifen durch das Auftreten des Genies, der Anregungen, die
von ihm ausgingen, und der Nachahmung dessen, was das Genie tat, durch
mehr _pithekoide_ Wesen? Des Hausbaues, des Ackerbaues, vor allem aber
der _Sprache_! Jedes Wort ist von _einem_ Menschen zuerst geschaffen
worden, von einem Menschen, der über dem Durchschnitt stand, wie dies
auch heute immer noch ausschließlich geschieht (von den Namen für
neue technische Erfindungen muß man hiebei freilich absehen). Wie
sollte es denn auch wohl sonst entstanden sein? Die Urworte _waren_
»onomatopoetisch«: in sie kam ohne den Willen des Sprechenden, durch
die bloße Heftigkeit der spezifischen Erregung, ein dem Erreger
Ähnliches hinein; und alle anderen Worte sind ursprünglich Tropen,
sozusagen Onomatopoesien zweiter Ordnung, Metaphern, Gleichnisse:
alle Prosa ist einmal Poesie gewesen. _Die meisten Genies sind also
unbekannt geblieben._ Man denke nur an die Sprichwörter, selbst an
die heute trivialsten, wie: »eine Hand wäscht die andere«. Ja, das
hat doch vor vielen Jahren _ein_ geistvoller Mann zum ersten Male
gesagt! Anderseits: wie viele Citate aus klassischen Autoren, aus den
allergelesensten, wie viele _Worte Christi_ kommen uns nicht heute
vollkommen unpersönlich-sprichwörtlich vor, wie oft müssen wir uns
erst darauf besinnen, daß wir in diesem Falle den Urheber kennen! Man
sollte darum nicht von der »Weisheit der Sprache«, von den Vorzügen
und den glücklichen Ausdrücken »des Französischen« reden. Ebensowenig
wie das »Volkslied« ist die Sprache von einer Menge geschaffen
worden. Mit jenen Redensarten sind wir gegen so viele _einzelne_
undankbar, um ein Volk überreich zu beschenken. Der Genius selbst,
der sprachschöpferisch war, gehört vermöge seiner Universalität nicht
bloß der Nation an, aus der er stammt und in deren Sprache er sein
Wesen ausgedrückt hat. Die Nation orientiert sich an ihren Genien und
bildet nach ihnen ihren Idealbegriff von sich selbst, der darum nicht
der Leitstern der Hervorragenden selber, wohl aber jener aller anderen
sein kann. Aus verwandten Gründen aber wäre auch mehr Vorsicht geboten,
wenn, wie so oft, Psychologie der Sprache und Völkerpsychologie ohne
kritische Voruntersuchung als zusammengehörig behandelt werden. Weil
die Sprache von einzelnen großen Männern geschaffen ist, darum liegt
in ihr wirklich so viel erstaunliche Weisheit verborgen; wenn ein
so inbrünstig tiefer Denker wie _Jakob Böhme_ Etymologie treibt, so
will dies doch etwas mehr sagen, als so mancher Geschichtsschreiber
der Philosophie begreifen zu können scheint. Von _Baco_ bis Fritz
_Mauthner_ sind alle _Flach_köpfe _Sprachkritiker_ gewesen.[23]
Der Genius ist es hingegen, der die Sprache nicht kritisiert, sondern
hervorgebracht hat und immer neu hervorbringt, wie auch all die anderen
Geisteswerke, die im engeren Sinne den Grundstock der Kultur, den
»objektiven Geist« bilden, soweit dieser wirklich _Geist_ ist. So sehen
wir, _daß der zeitlose Mensch jener ist, der die Geschichte schafft:
Geschichte kann nur von Wesen geschaffen werden, die außerhalb ihrer
Kausalverkettung stehen._ Denn nur sie treten in jenes unauflösliche
Verhältnis zum absolut Zeit_losen_, zum Werte, das ihren Produktionen
einen ewigen Gehalt gibt. Und was aus allem Geschehenen in die Kultur
eingeht, geht in sie ein unter dem Gesichtspunkte des ewigen Wertes.
Legen wir jenen Maßstab der dreifachen Zeitlosigkeit an den Genius
an, so werden wir am sichersten auch bei der nun nicht mehr allzu
schwierigen Entscheidung geleitet werden, wem das Prädikat des
Genies zuzusprechen ist, und wem es aberkannt werden muß. _Zwischen_
der populären Meinung, die beispielsweise _Türck_ und _Lombroso_
vertreten, welche den Begriff des Genies bei jeder über den
Durchschnitt stärker hinausragenden intellektuellen oder werklichen
Leistung anzuwenden bereit ist, und der Exklusivität jener Lehren
_Kant_ens und _Schelling_s, welche einzig im schaffenden Künstler das
Walten des Genius erblicken wollen, liegt, obwohl in der Mitte, doch
zweifelsohne diesmal das Richtige. _Der Titel des Genius ist nur den
großen Künstlern und den großen Philosophen_ (zu denen ich hier auch
die seltensten Genien, die großen _Religionsstifter_ zähle[24]) _zu
vindizieren_. Weder der »große Mann der Tat« noch »der große Mann der
Wissenschaft« haben auf ihn Anspruch.
Die »_Männer der Tat_«, die berühmten Politiker und Feldherren, mögen
wohl einzelne Züge haben, die an das Genie erinnern (z. B. eine
vorzügliche Menschenkenntnis, ein enormes Personengedächtnis); auf
_ihre_ Psychologie kommt diese Untersuchung noch einmal zu sprechen;
aber mit dem Genius kann sie nur verwechseln, wer schon durch den
äußeren Aspekt von Größe allein völlig zu blenden ist. Das Genie ist in
mehr als einem Sinne ausgezeichnet gerade durch den _Verzicht_ auf alle
Größe _nach außen_, _durch reine innere Größe_. Der wahrhaft bedeutende
Mensch hat den stärksten Sinn für die _Werte_, der Feldherr-Politiker
ein fast ausschließliches Fassungsvermögen für die _Mächte_. Jener
sucht allenfalls die Macht an den Wert, dieser höchstens den Wert an
die Macht zu knüpfen und zu binden (man erinnere sich an das oben von
den Unternehmungen der Imperatoren Gesagte). Der große Feldherr, der
große Politiker, sie steigen aus dem Chaos der _Verhältnisse_ empor wie
der Vogel Phönix, um zu verschwinden wie dieser. Der große Imperator
oder große Demagog ist der einzige Mann, der ganz in der Gegenwart
lebt; er träumt nicht von einer schöneren, besseren Zukunft, er sinnt
keiner entflossenen Vergangenheit nach; er knüpft sein Dasein an den
Moment, und sucht nicht auf eine jener beiden Arten, die dem Menschen
möglich sind, _die Zeit zu überspringen_. Der echte _Genius_ aber macht
sich in seinem Schaffen nicht abhängig von den konkret-zeitlichen
Bedingungen seines Lebens, die für den Feldherr-Politiker stets das
Ding-an-sich bleiben, das, was ihm zuletzt Richtung gibt. So wird der
große Imperator _zu einem Phänomen der Natur_, der große Denker und
Künstler steht außerhalb ihrer, er ist eine Verkörperung des Geistes.
Die Werke des Tatmenschen gehen denn auch meist mit seinem Tode, oft
schon früher, und nie sehr viel später, spurlos zu Grunde, nur die
Chronik der Zeit meldet von dem, was da geformt wurde, nur um wieder
zerstört zu werden. Der Imperator schafft keine Werke, an denen
die zeitlosen, ewigen _Werte_ in ungeheuerer Sichtbarkeit für alle
Jahrtausende zum Ausdruck kommen; denn dies sind die Taten des Genius.
$Dieser$, nicht der andere, $schafft$ die Geschichte, weil er nicht
_in sie_ gebannt ist, sondern _außerhalb ihrer_ steht. _Der bedeutende
Mensch hat eine Geschichte, den Imperator hat die Geschichte._ Der
bedeutende Mensch zeugt die Zeit, der Imperator wird _von_ ihr gezeugt
und -- getötet.
Ebensowenig wie der große Willensmensch besitzt der große
_Wissenschaftler_, wenn er nicht zugleich großer Philosoph ist, ein
Recht auf den Namen des Genius, heiße er sonst _Newton_ oder _Gauß_,
_Linné_ oder _Darwin_, _Kopernikus_ oder _Galilei_. Die Männer der
Wissenschaft sind nicht universell, denn es gibt Wissenschaft nur vom
Fache, allenfalls von Fächern. Das liegt keineswegs, wie man glaubt,
an der »fortschreitenden Spezialisierung«, die es »unmöglich mache,
alles zu beherrschen«: es gibt unter den Gelehrten auch im XIX. und XX.
Jahrhundert noch manch ebenso staunenerregende Polyhistorie, wie sie
_Aristoteles_, oder wie sie _Leibniz_ besaß; ich erinnere an _Alexander
v. Humboldt_, an _Wilhelm Wundt_. Jener Mangel liegt vielmehr im
Wesen aller Wissenschaft und Wissenschaftler tief begründet. Das 8.
Kapitel erst wird die letzte Differenz, die hier besteht, aufzudecken
versuchen. Indes ist man vielleicht bereits hier zu dem Zugeständnis
geneigt, auch der hervorragendste Mann der Wissenschaft sei keine so
allumfassende Natur wie selbst jene Philosophen es waren, die an der
äußersten Grenze dessen stehen, wo die Bezeichnung genial noch statthat
(ich denke an _Schleiermacher_, _Carlyle_, _Nietzsche_). Welcher bloße
Wissenschaftler fühlte in sich ein unmittelbares Verständnis _aller_
Menschen, _aller_ Dinge, oder auch nur die Möglichkeit, ein solches
in sich und aus sich selbst heraus je zu verwirklichen? Ja, welchen
anderen Sinn hätte denn die wissenschaftliche Arbeit der Jahrtausende,
als diese unmittelbare Einsicht zu _ersetzen_? Dies ist der Grund,
warum alle Wissenschaftler _notwendig_ immer »Fachmänner« sind. Es
kennt auch nie ein Wissenschaftler, der nicht Philosoph ist, selbst
wenn er noch so Hervorragendes leistete, jenes kontinuierliche,
nichtsvergessende Leben, das den Genius auszeichnet: eben wegen seines
Mangels an Universalität.
Schließlich sind die Forschungen des Wissenschaftlers immer in den
Stand der Kenntnisse seiner Zeit gebannt, er übernimmt einen Fonds von
Erfahrungen in bestimmter Menge und Gestalt, vermehrt und verändert
ihn um ein Geringes oder Größeres, und gibt ihn weiter. Aber auch von
_seinen_ Leistungen wird vieles weggenommen, vieles muß hinzugefügt
werden, sie dauern als Bücher fort in den Bibliotheken, aber nicht als
ewige, der Korrektur auch nur in _einem_ Punkte entrückte Schöpfungen.
Aus den berühmten Philosophien dagegen spricht wie aus den großen
Kunstwerken ein Unverrückbares, Unverlierbares, eine _Weltanschauung_
zu uns, an welcher der Fortschritt der Zeiten nichts ändert, die je
nach der Individualität ihres Schöpfers, welche in ihr sichtbar zum
Ausdruck gelangte, _immer_ ihm verwandte Menschen findet, die ihr
anhangen. Es gibt _Platoniker_ und _Aristoteliker_, _Spinozisten_ und
_Berkeleyaner_, _Thomisten_ und Anhänger _Brunos_ noch heute, aber
es gibt keinen _Galileianer_ und keine _Helmholtzianer_, nirgends
_Ptolemäer_, nirgends _Kopernikaner_. Es ist darum ein Unfug und
verdirbt den Sinn des Wortes, wenn man von »Klassikern der exakten
Wissenschaften« oder »Klassikern der Pädagogik« ebenso spricht, wie man
mit gutem Recht von klassischen Philosophen und klassischen Künstlern
redet.
Der große Philosoph also trägt den Namen des Genius mit Verdienst und
Ehre; und wenn es auch des Philosophen größter Schmerz in Ewigkeit
bleibt, daß er nicht Künstler ist -- denn aus keinem anderen Grunde
wird er Ästhetiker -- so neidet doch nicht minder der Künstler dem
Philosophen die zähe und wehrhafte Kraft des abstrakten systematischen
Denkens -- nicht umsonst werden Prometheus und Faust, Prospero und
Cyprian, der Apostel Paulus und der »Penseroso« ihm Problem. Darum,
däucht mir, sind beide einander gleich zu achten, und hat keiner vor
dem anderen allzuviel voraus.
Freilich heißt es auch in der Philosophie mit dem Begriffe der
Genialität nicht so verschwenderisch umzugehen, als dies gewöhnlich
zu geschehen pflegt; sonst würde meine Darstellung mit Recht den
Vorwurf der Parteilichkeit gegen die »positive Wissenschaft« auf sich
laden, einer Parteilichkeit, die mir selbstverständlich fern liegt,
da ich einen solchen Angriff ja zunächst als gegen mich selbst und
einen großen Teil dieser Arbeit gekehrt empfinden müßte. _Anaxagoras_,
_Geulincx_, _Baader_, _Emerson_ als geniale Menschen zu bezeichnen,
geht nicht an. Weder unoriginelle Tiefe (_Angelus Silesius_,
_Philo_, _Jacobi_) noch originelle Flachheit (_Comte_, _Feuerbach_,
_Hume_, _Mill_, _Herbart_, _Locke_, _Karneades_) sollte auf die
Anwendung des Begriffes ein Recht erwirken können. Die Geschichte
der Kunst ist heute in gleicher Weise wie die der Philosophie voll
der verkehrtesten Wertungen; ganz anders die Geschichte der ihre
eigenen Ergebnisse fortwährend berichtigenden und nach dem _Umfang_
dieser _Verbesserungen_ wertenden Wissenschaft. Die Geschichte der
Wissenschaft verzichtet auf die Biographie ihrer wackersten Kämpfer;
ihr Ziel ist ein System überindividueller Erfahrung, aus dem der
einzelne verschwunden ist. In der Hingabe an die Wissenschaft liegt
darum die _größte_ Entsagung: denn durch sie verzichtet der einzelne
Mensch als solcher auf _Ewigkeit_.