VORWORT.

Dieses Buch unternimmt es, das Verhältnis der Geschlechter in ein

neues Licht zu rücken. Es sollen nicht möglichst viele einzelne

Charakterzüge aneinandergereiht, nicht die Ergebnisse der bisherigen

wissenschaftlichen Messungen und Experimente zusammengestellt, sondern

die Ableitung alles Gegensatzes von Mann und Weib aus _einem_ einzigen

Prinzipe versucht werden. Hiedurch unterscheidet es sich von allen

anderen Büchern dieser Art. Es verweilt nicht bei diesem oder jenem

Idyll, sondern dringt bis zu einem letzten Ziele vor; es häuft nicht

Beobachtung auf Beobachtung, sondern bringt die geistigen Differenzen

der Geschlechter in ein System; es gilt nicht den Frauen, sondern

der Frau. Zwar nimmt es stets das Alltäglichste und Oberflächlichste

zu seinem Ausgangspunkt, aber nur, um alle konkrete Einzelerfahrung

zu _deuten_. Das ist hier nicht »induktive Metaphysik«, sondern

schrittweise psychologische Vertiefung.

Die Untersuchung ist keine spezielle, sondern eine prinzipielle; sie

verachtet das Laboratorium nicht, wenn ihr auch seine Hülfsmittel

dem tieferen Probleme gegenüber beschränkt erscheinen vor dem

Werke der selbstbeobachtenden Analyse. Auch der Künstler, der ein

weibliches Wesen darstellt, kann Typisches geben, ohne sich vor einer

experimentellen Merkergilde durch Zahl und Serie legitimiert zu haben.

Der Künstler verschmäht nicht die Erfahrung, er betrachtet es im

Gegenteile als seine _Pflicht_, Erfahrung zu gewinnen; aber sie ist ihm

nur der Ausgangspunkt eines Versenkens in sich selbst, das in der Kunst

wie ein Versenken in die Welt erscheint.

Die Psychologie nun, welche hier der Darstellung dient, ist eine

durchaus philosophische, wenn auch ihre eigentümliche Methode, die

allein durch das eigentümliche Thema sich rechtfertigt, es bleibt,

vom trivialsten Erfahrungsbestande auszugehen. Der Philosoph aber hat

nur eine der Form nach vom Künstler verschiedene Aufgabe. Was diesem

Symbol ist, wird jenem Begriff. Wie Ausdruck und Inhalt, so verhalten

sich Kunst und Philosophie. Der Künstler hat die Welt eingeatmet, um

sie auszuatmen; für den Philosophen ist sie ausgeatmet, und er muß sie

wieder einatmen.

Indes hat alle Theorie notwendig immer etwas Prätentiöses; und so

kann derselbe Inhalt, der im Kunstwerk wie Natur erscheint, hier, im

philosophischen Systeme, als eng zusammengezogene Behauptung über

ein Allgemeines, als These, die dem Satz vom Grunde untersteht und

den Beweis antritt, viel schroffer, ja beleidigend wirken. Wo die

Darstellung antifeministisch ist -- und das ist sie fast immer --

dort werden auch die Männer ihr nie gerne und mit voller Überzeugung

zustimmen: ihr sexueller Egoismus läßt sie das Weib immer lieber so

sehen, wie sie es haben wollen, wie sie es lieben wollen.

Und wie sollte ich nicht erst auf die Antwort gefaßt sein, welche die

Frauen für mein Urteil über ihr Geschlecht haben werden?

Daß die Untersuchung an ihrem Ende gegen den _Mann_ sich kehrt, und,

freilich in einem tieferen Sinne, als die Frauenrechtlerin ahnt, _ihm_

die größte Schuld zumißt, das wird ihrem Verfasser wenig fruchten, und

ist von einer Beschaffenheit, die ihn zu allerletzt beim _weiblichen_

Geschlechte könnte rehabilitieren helfen.

Zum Schuldproblem aber gelangt die Analyse, weil sie von den vordersten

und nächstliegenden Phänomenen bis zu Punkten aufsteigt, von denen

nicht nur ein Einblick in das Wesen des Weibes und seine Bedeutung im

Weltganzen, sondern auch der Aspekt auf sein Verhältnis zur Menschheit

und zu deren letzten und höchsten Aufgaben sich öffnet, von wo zum

Kulturproblem eine Stellung gewonnen und die Leistung der Weiblichkeit

für das Ganze der ideellen Zwecke eingeschätzt werden kann. Dort also,

wo Kultur- und Menschheitsproblem zusammenfallen, wird nicht mehr bloß

zu erklären, sondern auch zu werten versucht; ja dort fallen Erklärung

und Wertung von selbst zusammen.

Zu solcher Höhe des Ausblickes gelangt die Untersuchung gleichsam

gezwungen, ohne von Anfang an auf sie loszusteuern. Auf dem

empirisch-psychologischen Boden selber ergibt sich ihr allmählich die

Unzulänglichkeit aller empirisch-psychologischen Philosophie. Ihr

Respekt vor der Erfahrung wird hievon nicht beeinträchtigt, denn stets

wird vor dieser die Ehrfurcht nur erhöht und nicht zerstört, wenn der

Mensch in der Erscheinung -- freilich dem Einzigen, das er erlebt --

jene Bestandteile bemerkt, die es ihm zur Gewißheit machen, daß es

nicht _bloß_ Erscheinung gibt, wenn er jene Zeichen in ihr wahrnimmt,

die auf ein Höheres, _über_ ihr Gelegenes weisen. Daß ein solcher

Urquell ist, läßt sich feststellen, auch wenn kein Lebender je zu ihm

vordringen wird. Und bis in die Nähe dieses Quells will auch dieses

Buch leiten, und nicht eher rasten.

Innerhalb des Engpasses, in welchem die gegensätzlichen Meinungen über

die Frau und ihre Frage bis nun immer aufeinander gestoßen sind, hätte

es freilich nie gewagt werden dürfen, solch hohes Ziel anzustreben.

Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des

Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer

_Weltanschauung_ kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder

metaphysisch aufgelöst werden.

Es sind nur Keime einer solchen Gesamtauffassung, die in diesem

Buche sichtbar werden, einer Auffassung, die den Weltanschauungen

_Platos_, _Kantens_ und _des Christentums_ am nächsten steht. Aber

die wissenschaftliche, psychologisch-philosophische, logisch-ethische

Grundlegung mußte ich mir zu einem großen Teile selbst schaffen. Vieles

zwar, dessen nähere Ausführung nicht möglich war, gedenke ich demnächst

eingehend zu begründen. Wenn ich dennoch gerade auf diese Partien

des Buches hier ausdrücklich verweise, so ist es, weil mir an der

Beachtung dessen, was über die tiefsten und allgemeinsten Probleme in

ihm ausgesprochen ist, noch mehr liegt, als an dem Beifall, welchen die

besondere Anwendung auf die Frauenfrage allenfalls erwarten könnte.

Sollte es den philosophischen Leser peinlich berühren, daß die

Behandlung der höchsten und letzten Fragen hier gleichsam _in

den Dienst_ eines Spezialproblemes von nicht übergroßer Dignität

gestellt scheint: so teile ich mit ihm das Unangenehme dieser

Empfindung. Doch darf ich sagen, daß durchaus das Einzelproblem

des Geschlechtsgegensatzes hier mehr den Ausgangspunkt als das

Ziel des tieferen Eindringens bildet. So erfloß reicher Gewinn

aus seiner Behandlung auch für das Problem der Genialität, des

Unsterblichkeitsbedürfnisses und des Judentumes. Daß die umfassenden

Auseinandersetzungen schließlich dem Spezialproblem zugute kommen,

weil es in um so mannigfachere Beziehungen tritt, je mehr das Gebiet

sich vergrößert, das ist natürlich. Und wenn sich in diesem weiteren

Zusammenhange herausstellt, wie gering die Hoffnungen sind, welche

Kultur an die Art des Weibes knüpfen kann, wenn die letzten Resultate

eine vollständige Entwertung, ja eine Negation der Weiblichkeit

bedeuten: es wird durch sie nichts vernichtet, was _ist_, nichts

heruntergesetzt, was _an sich_ einen Wert _hat_. Müßte mich doch selbst

ein gewisses Grauen vor der eigenen Tat anwandeln, wäre ich hier

wirklich nur Zerstörer, und bliebe nichts auf dem Plan! Die Bejahungen

des Buches sind vielleicht weniger kräftig instrumentiert worden: wer

hören kann, wird sie wohl aus allem zu vernehmen wissen.

Die Arbeit zerfällt in zwei Teile: einen ersten,

biologisch-psychologischen, und einen zweiten,

psychologisch-philosophischen. Vielleicht wird mancher dafürhalten, daß

ich aus dem Ganzen besser zwei Bücher hätte machen sollen, ein rein

naturwissenschaftliches und ein rein introspektives. Allein ich mußte

von der Biologie mich befreien, um ganz Psychologe sein zu können. Der

zweite Teil behandelt gewisse seelische Probleme recht anders, als sie

jeder Naturforscher heute wohl behandeln würde, und ich bin mir bewußt,

daß ich hiedurch auch die Aufnahme des ersten Teiles bei einem großen

Teile des Publikums gefährde; gleichwohl erhebt dieser erste Teil in

seiner Gänze den Anspruch auf eine Beachtung und Beurteilung seitens

der Naturwissenschaft, was der zweite, mehr der inneren Erfahrung

zugekehrte, nur an wenigen Stellen vermag. Weil dieser zweite Teil aus

einer nichtpositivistischen Weltanschauung hervorgegangen ist, werden

von manchen beide für unwissenschaftlich gehalten werden (obwohl der

Positivismus dortselbst eine strenge Widerlegung erfährt). Hiemit

muß ich mich einstweilen abfinden, in der Überzeugung, der Biologie

gegeben zu haben, was ihr gebührt, und einer nichtbiologischen,

nichtphysiologischen Psychologie das Recht gewahrt zu haben, welches

ihr für alle Zeiten bleiben wird.

Vielleicht wird man der Untersuchung an gewissen Punkten vorwerfen, daß

sie nicht genug der _Beweise_ bringe; allein eben dies däucht mich ihre

geringste Schwäche. Denn was könnte in diesem Gegenstande »Beweisen«

wohl heißen? Es ist nicht Mathematik und nicht Erkenntnistheorie (die

letztere nur an zwei Stellen), was hier abgehandelt wird; es sind

erfahrungswissenschaftliche Dinge, und da kann höchstens der Finger

gelegt werden auf das, was _ist_; was man sonst hier _beweisen_ nennt,

ist ein bloßes Zusammenstimmen der neuen Erfahrungen mit den alten;

und da bleibt es sich gleich, ob das neue Phänomen vom Menschen

experimentell erzeugt wird oder schon aus der Schöpferhand der Natur

fertig vorliegt. Der letzteren Beweise aber bringt diese Schrift eine

große Zahl.

Das Buch ist endlich, soweit ich das zu beurteilen vermag, (in seinem

Hauptteile) nicht ein solches, das man nach einmaliger flüchtiger

Lektüre verstehen und in sich aufnehmen könnte; zur Orientierung des

Lesers und zum eigenen Schutze will ich selber diesen Umstand hier

anmerken.

Je weniger ich in beiden Teilen (vornehmlich im zweiten) Altes, längst

Bekanntes wiederholt habe, desto mehr mußte ich dort, wo ich mit

früher Ausgesprochenem und allgemeiner Anerkanntem in Übereinstimmung

mich fand, auf alle Koinzidenzen hinweisen. Diesem Zwecke dienen die

Literaturnachweise des Anhanges. Ich habe mich bemüht, die Citate

in genauer und für Fachmänner wie für Laien brauchbarer Gestalt

wiederzugeben. Dieser größeren Ausführlichkeit wegen, und um die

Lektüre des Textes nicht ein fortwährendes Stolpern werden zu lassen,

sind sie an den Schluß des Buches verwiesen.

Dem Herrn Universitätsprofessor Dr. Laurenz _Müllner_ statte ich

geziemenden Dank ab für die wirksame Förderung, welche er mir hat

zuteil werden lassen; Herrn Professor Dr. Friedrich _Jodl_ für das

freundliche Interesse, welches er meinen Arbeiten von Anbeginn

entgegenbrachte. Ganz besonders fühle ich mich auch den Freunden

verpflichtet, welche mich bei der Korrektur des Buches unterstützten.

Geschlecht und Charakter: Eine prinzipielle Untersuchung · 第 8 / 70 题