3. Sprache -- Prozeß.

* * * * *

Alle Materie ist ja nur geistiges Arrangement.

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Aus einem Drama. Ein Freund zum andern (drohend): Die Welt wird doch keine

Narrheit sein, -- _Du_!?

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Wer das Gebet in irgend einer Form wieder in unser Leben zurückbringt --

er wird uns Ungeheures wiedergegeben haben.

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Was ist Religion: Sich in alle Ewigkeit weiter und höher entwickeln

wollen.

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Einen Tempel bauen mit der Aufschrift: Dem heroischen Leiden.

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Es gibt keinen größeren Stilisator in der Natur als den Tod. Gib das Leben

dem Tod in die Hand und du übergibst es -- seiner Kultur. Selbst mit dem

Menschen ist es nicht anders. Je mehr uns der Tod in Händen hat, desto

höhere Kunstwerke werden wir.

* * * * *

Im Menschen vollendet sich und endet offenbar die Erde. Der Mensch -- ein

Exempel der beispiellosen Geduld der Natur.

* * * * *

Wer mag denn wissen, ob unsere Erde in der Rangstufe der Planeten nicht

eine der untersten, niedersten ist? Ob sie der Mehrzahl anderer

Wandelsterne nicht etwa vorkommen möchte, wie einem Paris, einem London

der Marktflecken Schildburg, oder wie einem Lionardo sein Hund oder sein

Pferd.

* * * * *

'Der Übermensch ist der Sinn der Erde' -- das heißt: der Erde Sinn ist ihr

Untergang in -- Höheres.

* * * * *

Gefühl von Gnade: seliges Vorgefühl des uns zum Heil, unserer ganzen

Entwickelung nach, Erwartenden -- ohne den _vollen_ Glauben, daß es auch

wirklich kommen werde und ohne jeden Glauben daran, daß man es wirklich

verdiene. Ein Gefühl, der objektiven Wahrheit zwar vielleicht nicht

entsprechend, aber eine Schönheit des Herzens, ein Mehr -- als --

Wahrheit.

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Alles Vollkommene darf angebetet werden, freilich nicht, daß es uns etwas

schenke (außer sich selbst durchs Mittel seiner Schönheit), sondern

angebetet im Sinne ehrfürchtiger Liebe.

Ja, _dies_ Gebet, als kein Bitten um irgend etwas andres als um die immer

reinere Offenbarung der Schönheit des Angebeteten soll bleiben, soll als

das _neue_ Gebet _wiederkommen_, nachdem wir das alte in uns

niedergekämpft, ohne doch je vergessen zu können, daß es nicht nur eine

Form des gemeinen Bedürfnisses, nein, noch weit mehr war: eine Form des

edelsten Bedürfnisses der Seele: der Liebe. Als Liebe darf das Gebet

wieder auferstehen, frei werden.

* * * * *

Gott ist der tiefste Gedanke, den der Mensch je gedacht hat. Gott ist der

eigentliche Gedanke der Erde, der einzige all unsrer Gedanken, der,

geschweige denn in Jahrtausenden, innerhalb ihres, der Erde, ganzen

Daseins nicht zu Ende gedacht werden kann. Gott ist die große Frage der

Erde, aller Erden: Ihr Leben ihre offenbare zugleich und geheime Antwort.

* * * * *

Es ist eines der tiefsten Worte: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Gott

ist die Möglichkeit aller Möglichkeiten.

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Göttliches (Theon) immer wieder in unzähligen Lebenslinien, Lebensläufen,

Gott werdend (Theos) ... Gott ein ewiger und unendlicher Prozeß des

Sich-Verlierens und Sich-Gewinnens ... Gott ein ewiges Ringen zahlloser

dumpfer und lichter Individuen um Sich, als Schönheit der Schönheit. --

Sich fortwährend auf irgend einer höchsten Formenstufe als diese gewinnend

und besitzend und beschließend ... und doch nie _ganz_ und überall und

gleichzeitig vollendet.

* * * * *

Im Kugelbegriff grenzt sich Gott gegen sich selbst ab. Gott ist, worin

dieser letzte Begriff als in seiner höheren Einheit aufgeht.

* * * * *

Vielleicht wird jeder Planet so alt, bis er sich selbst erkannt und damit

vollendet hat, oder doch so, wie Goethe sagt: der Mensch muß von einem

gewissen Zeitpunkte an wieder ruiniert werden.

* * * * *

So wie ich -- außer etwa als mystischer Seher -- den Geistkörper des

Menschen nicht schaue, so schaue ich auch nicht den Geistkörper der Erde.

Und doch muß auch der Planet als Ganzes seinen Geistkörper haben und wer

weiß, ob er damit nicht Brust an Brust mit Geistkörpern andrer Sterne

lebt, sodaß ...

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Ein Kunstwerk schön finden, heißt, den Menschen lieben, der es

hervorbrachte. Denn was ist Kunst andres als Vermittlung von Seele. Eine

Landschaft schön finden, heißt, uns ihrer als eines göttlichen Geschenkes

unbekannter Mächte freuen. Dankt meine Ergriffenheit z.B. dem Meere

selbst? Nein, sie dankt den schöpferischen Geistern, der ganzen Natur

dafür, dem schöpferischen Geist -- des Lebens selber. Interesselos aber

ist mein Wohlgefallen am Schönen so wenig, daß es vielmehr alles tiefste

Schöpferische in mir aufregt und, indem es ihm Gelegenheit gibt im

ausgiebigsten Maße 'mitzutun', bis zu einem gewissen Grade zugleich

befriedigt. Nur bis zu einem gewissen Grade -- denn über dies Befriedigen

hinaus bleibt noch -- ob bewußt oder unbewußt -- etwas von jener nie ganz

gestillten Sehnsucht, die wir allem gegenüber empfinden, was uns zur Liebe

zwingt: die Sehnsucht, es noch mehr, noch besser, noch gründlicher zu

lieben, als wir es lieben _können_, des Wunsches einer noch viel

vollkommeneren, sublimeren Liebe, die den Dank wirklich zu erstatten

vermöchte, den wir fühlen.

* * * * *

Weil wir niemals und nirgends etwas Totem gegenüberstehen, sondern

immerdar dem Ausdruck irgendeines Willens -- so ist alles Empfinden die

unmittelbare Aufnahme jenes fremden Willens in unsern, auf die jedoch

sofort auch seine Wiederausstoßung folgt, seine Distanzierung,

Zurückweisung, Objektivierung. -- Das Bild der Welt bietet so im Großen

und Fortwährenden das Bild der -- Liebe, als welche ein ewiger Wechsel zur

Einheit zusammenfließender Zweiheit und in Zweiheit sich

sichselbstgegenüberstellender Einheit ist.

* * * * *

Jeder konsequente Monismus führt unabänderlich zum -- Dualismus. Denn eine

absolute Einheit verträgt der menschliche Geist niemals. Und wo er ihr

nicht entweichen zu können glaubt, wie in Schopenhauer, _verneint_ er.

Aus diesem Grunde könnte auch die Gottheit ihrer schauerlichen Einheit in

Legionen Vielheiten entflüchtet sein, von zwei Leiden das kleinere

wählend.

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Die Welt als _Trieb_ und Vorstellung -- diese Fassung hätte vielleicht

manches Mißverstehen Schopenhauers unmöglich gemacht.

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Die Welt ist nicht bloß Pflanze, oder Tier, sondern -- Mensch!

* * * * *

Immer wieder Gott zu werden: Ziel aller kosmischen Entwickelungen.

* * * * *

Beobachte doch, wie alles Menschliche sich fortwährend selbstkorrigiert.

Wie sich ein ganz bestimmter -- und nicht nur beliebiger oder

'notwendiger' -- Sinn des Lebens entwickelt, vielfach verschleiert, aber

immer wieder hervorbrechend, sich immer reiner klärend und persönlicher

enthüllend.

* * * * *

Wenn wir tausend Jahre wie einen Tag übersehen könnten, so würden wir die

Entwickelung der Menschheit mit unheimlicher Schnelligkeit sich vollziehen

sehen. So aber 'sieht' vielleicht der Planet. Wir sehen nur die Individuen

wachsen, er -- die Typen.

* * * * *

Sollte in immer höherer Erkenntnis und Liebe (in immer höheren Formen)

nicht die Möglichkeit immer höheren Glückes liegen? Welche Genugtuungen,

wieviel demütiger Dank, wieviel namenloser Jubel steht uns vielleicht noch

bevor! Denn immer wieder, wenn alles, was ist, sich unaufhörlich höher

ver- und emporgottet -- wo braucht es eine Grenze zu finden, wo hat Gott

-- ein Ende? Solch ein Aspekt aber ist erst einer Gottheit würdig: -- der

ins Ewige und Unendliche.

* * * * *

Das Sein, das ist das Unvergängliche in uns, das Werden, das, als was wir

dahingehen. Wie können Sein und Werden Gegensätze sein, wenn sie doch an

uns in jeder Sekunde Eins sind, wenn das Ewig Seiende im Ewig Werdenden

unaufhörlich 'ist'!

* * * * *

Warum sollte dies mein Leben ein Anfang oder Ende sein, da doch nichts ein

Anfang oder Ende ist. Warum nicht einfach eine Fortsetzung, der unzähliges

Wesensgleiche vorangegangen ist und unzähliges Wesensgleiche folgen wird.

* * * * *

Die Vorstellungen von Lohn und Strafe -- müssen sie deshalb jeder tieferen

Wahrheit entbehren, weil wir sie heute schroff ablehnen? Was hat sich

eigentlich geändert? Daß wir uns heute unser Schicksal mehr oder minder

selbst zu bereiten glauben, während wir früher glaubten, daß es uns

bereitet würde. Ist nicht nur die Optik eine andere geworden, nur die

Optik?

* * * * *

Man soll sich seiner Krankheiten schämen und freuen; denn sie sind nichts

andres als ausgetragene Verschuldung.

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Zukunft! -- un-er-schöpfliches Wort! O Lust zu leben! O Lust, zu -- --

sterben!

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Wohin können wir denn sterben, wenn nicht in immer höheres, größeres --

Leben hinein!

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Immer wieder: Nicht so sehr, was wir denken, ist das Höchste. Das Höchste

ist das _Denken selbst_. Es allein _verbürgt_ uns mit eherner Sicherheit

den mit uns geborenen Gott.

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-- -- -- An der Pforte steht das Grauen.

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Man versteht den Menschen erst -- sub specie reincarnationis.

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Die Hochzeit zu Kana. Christus verwandelt Wasser in Wein: Was bisher als

Wasser (Mensch) gegolten, wird durch sein Offenbarungswort Wein (Gott!).

1910

A. Was, was ist's, was den Menschen vom Christus trennt; sagen Sie mir

das, können Sie mir das sagen?

B. Ja, das kann ich. Der _Philister_ in ihm.

* * * * *

Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums.

* * * * *

Der Gedanke Gottes muß freilich der Tod des Individuums sein. Darum hält

er sich auch im Allertiefsten besser als im Vordergrund auf.

* * * * *

Die Menschheit ist ein großes Kind, dem feindliche Mächte unaufhörlich

neues Spielzeug schaffen helfen, damit es sich nicht wesentlich

entbabysiert. Was muß sie dagegen tun? Das Spielzeug, soweit es irgend

geht, -- spiritualisieren, das heißt sich von ihm nicht materialisieren

lassen.

* * * * *

Wenn du die Lage einer Hütte auf einem Berge betrachtest, so machst du

leicht deinen Standpunkt zu dem ihrigen, uneingedenk dessen, daß sich die

Welt von da droben ganz anders ausnimmt als von dir aus. Ja, dies verhält

sich bis zu einem gewissen Grade selbst dann noch so, wenn du dich mit

aller Einbildungskraft auf ihren Standpunkt zu versetzen bemühst. Um einen

Standpunkt _ganz_ verstehen und würdigen zu können, muß man diesen

Standpunkt selbst einnehmen oder wenigstens einmal eingenommen haben.

Aus diesem Grunde läßt sich alles Göttliche nicht eigentlich beurteilen,

es sei denn von Menschen, die in persona im Über-Menschlichen zu verkehren

vermögen.

* * * * *

Die Menschheit schleppt am Boden. Gefesseltes aller, ach viel zu aller,

Art. Darunter ab und zu ein Adler. Auch er mit Fußring und Bleikugel. Aber

ein ander Schauspiel doch, als all das andre. Er gewöhnt das Schleppen

nicht, das alle andern mehr oder minder gewöhnen. Er empört sich sein

ganzes langes Leben lang, flüchtet empor, strebt empor, königlich und

unablässig. Auch er vermag sich nicht wirklich in die Luft zu schwingen --

und das weniger, weil er die Gewichte am Fuß nicht zu heben imstande ist,

als weil ihn das ungeheure Gewimmel um ihn nicht los, nicht hoch läßt, --

besser noch, weil er's nicht mit hochziehen _kann_, -- aber er bleibt ein

lebendig Memento Coeli, er verliert seine Göttlichkeit nicht an den

Alltag, den Staub und die Straße, nicht an den Trott der Millionen.

* * * * *

Wer das feine zweite Ohr für den Souffleur hat, sieht die Geschichte der

Menschheit anders an.

1911

Werden wir hier auf Erden nicht schon von sichtbaren Lehrern erzogen und

immer weiter befruchtet? Ist irgend ein großer Mensch, dem wir etwas

verdanken, nicht unser Meister? Ist so das Leben nicht ein

fortschreitendes Lehren und Lernen?

Und sollte das nach dem Tode der leiblichen Persönlichkeit -- aufhören?

* * * * *

Wenn die Menschen sich weiter entwickeln, müssen auch ihre Götter sich mit

und weiter entwickeln, all die geistigen Wesenheiten, die an ihnen

gearbeitet haben und arbeiten. Der Lehrer, der das Kind bis zu dessen

zwanzigstem Jahre geleitet hat, wird dann ebenfalls um zwanzig Jahre

gealtert, gereift, weiter entwickelt sein. Wer überhaupt göttliche

Demiurgen annimmt, der soll sie nicht als starre Götzen verehren.

* * * * *

Wir sollten wohl so vor dem Mysterium von Golgatha empfinden: Nicht nur:

ein Gott _opfert sich_ für seine Welt. Sondern ebenso: er opfert sich für

_seine Welt_. Für seinen eigenen ungeheuren tragischen Schöpfungsprozeß,

Schöpfungskomplex. Oder, um die Majestät dieses Unausdenkbaren zu mildern:

für den Menschen, seinen Sohn, seine Tochter. Denn vielleicht ist für den

Gott, dem die Entwickelung seiner Schöpfung, seines Geschöpfes vor Augen

steht, die von ihm selbst so verhängte und heraufgeführte Art und

Notwendigkeit dieser Entwickelung ein noch ganz anderer Schmerz, als der

seines Kreuzweges und Opfertodes. Vielleicht wird Christus erst dann von

uns noch ganz anders ahnungsvoll begriffen werden, wenn wir uns in die

Tragik eines Weltenschöpfers zu versenken suchen, dessen Wesen Liebe ist

-- stark und unaufhörlich wie die Sonne --, dessen Wille es ist,

selbständige ebenbürtige Weltengötter, Weltenschöpfer, durch Äonen und

Äonen heranreifen zu lassen, und dessen abgrundtiefe Weisheit es ist, den

Schmerz in allen seinen Graden und Formen als Bildner zu wollen oder doch

wenigstens zuzulassen. Glaubst du nicht, daß Sein Leid über alle Leiden

der Welt das Leid all dieser Leiden übertrifft, -- denn noch wie anders

leidet ein Gott als ein Mensch --? Sollten wir nicht dieses Leiden des

Gottes Christus, als Gottes, zu sehr verkennen hinter dem Leid des Gottes

Christus, als Menschen, in der Maja des Jesus von Nazareth?

* * * * *

Es ist ein ungeheures Schauspiel, mit welcher grenzenlosen Freiheit in

einem Kosmos, wie dem unsern, alles seine Wege gehen darf. Jede Meinung,

jede Handlung ist erlaubt. Jedes Wort, und sei es noch so wunderlich oder

verkehrt, kann gesagt werden, jede Urteilsnuance bis zur höchsten

Erkenntnis der Wahrheit hinauf, bis zur tiefsten Schmach der Verblendung

hinab darf da sein und ist da und unterliegt keinem andern Gesetze, als

dem der allmählichen Selbstkorrektur im Sinne einer von Liebe geläuterten

Vernunft.

* * * * *

Das ist das Fruchtbarste an großen Menschen, daß ihr Anblick den, der sie

langsam zu erkennen beginnt, bis in den Tod hinein beschämt. -- Eine

Erfahrung, von welcher aus der Mensch ahnen kann, was ein -- Gott für ihn

sein müßte, wenn er sich wirklich in ihn versenkte.

* * * * *

Kein größerer Irrtum als der: der Mensch sei dazu da, es jemals gut zu

haben. Nie gut _haben_ soll er es -- außer höchstens, daß ihm die Kraft zu

weiteren Kämpfen wachse --; denn sonst 'bekäme' er es nie 'gut'; dann

nämlich, wenn er, nach Äonen und unzähligen Wandelungen, seinen Kosmos

absolviert haben wird: Und eine Heerschar Gottes-Söhne mehr zu neuem

Schaffen gereift steht.

* * * * *

Wen Gott lieb hat, den züchtigt, den -- züchtet er. Und so ward er die

Welt, Sich Selbst zur -- Zucht.

* * * * *

Die Menschheit hat längst alles empfangen, was zu empfangen ist. Aber sie

muß es immer wieder von neuem und in immer wieder neuer Form empfangen und

verarbeiten.

* * * * *

Die Lehre der Reincarnation z.B., sie ist längst da. Aber sie mußte eine

Weile beiseite gelassen werden -- die ganze europäische Zivilisation geht

auf dies Beiseitelassen zurück. Jetzt hat dieser Zyklus das Seine erfüllt,

jetzt darf sie, als eine unermeßliche Wohltat, in den Gang der westlichen

Entwickelung wieder eintreten. In einem Sinne, der erst jetzt möglich ist,

zweitausend Jahre nach der Erscheinung des Christus, in einem ganz andern

Sinne als je vorher, wird sie jetzt von neuem die Menschheit befruchten,

erleuchten, erlösen.

* * * * *

Im Grunde gibt es den einzelnen Menschen garnicht. (Er bildet sich's bloß

ein.)

* * * * *

Was reden wir von den alten Ägyptern, Persern, Indern. Reden wir doch von

_uns_ alten Ägyptern, Persern, Indern! Oder, wenn Jakob Böhme bei der

Erschaffung der Welt dabei war, war er dann bei der Entstehung der Veden

abwesend?

* * * * *

Die Menschen sind heute so weit gesunken, daß sie sich 'genieren' vom

Wesentlichsten ihres und alles Lebens zu reden. Gott, Christus,

Unsterblichkeit sind in gewissen Kreisen so verpönt, wie in andern Hemd,

Hose, Strümpfe; es gehört nicht zum guten Ton, nicht zum savoir vivre, sie

nicht völlig zu ignorieren. Nur der 'weiß' heute zu 'leben', der in der

Tat nicht mehr weiß, was leben heißt.

* * * * *

Ahnten die Mütter, wie ganz anders eine Mutter ihr Kind anblickt, die sich

den Lehren der Wissenden in rechter Weise erschlossen, -- nicht Eine würde

damit unbekannt bleiben wollen.

* * * * *

Mein Gott, mein Gott, in jeder Sekunde geschieht irgend etwas andres

Unsägliches auf Erden -- und die Menschen wollen es nicht anders und die

Menschen wollen es nicht anders. Denn sonst würden sie ihr Leben anders

einrichten, sonst würden diese Schmetterlinge endlich Ernst zu machen

versuchen.

Auf welcher Stufe steht noch der Mensch! Wie noch viel furchtbarer wird er

leiden müssen, damit er nicht als Mumie im Weltall bleibt, damit Gott in

diesem gefährlichen Schöpfungsabenteuer nicht zu Schaden kommt.

Als ich noch jung war, da dachte ich, die Zeiten des Leidens lägen mehr

hinter uns als vor uns. Jetzt sehe ich fast nicht ein Ende. Zu viele

Seelen gibt es, zu viele. Der Fall in die Materie war zu tief --

* * * * *

Man glaubt heut, der Mensch stamme vom Tiere ab. Wie aber, wenn umgekehrt

die Tiere Ableger der Menschheit wären, zurückgebliebene Menschheit,

voreilige, vorwitzige, und deshalb in einem zu frühen Zustand

festgehaltene Menschheit?

* * * * *

Jede Schöpfung ist ein Wagnis.

* * * * *

Ich hatte mich in 'Gott' verloren. Aber Gott will nicht, daß wir uns in

ihm verlieren, sondern daß wir uns in ihm _finden_, das aber heißt, daß

wir Christus in uns und damit in ihm finden. Daß du den Christus in ihm,

daß du dich als Christus in ihm findest.

1912.

Wer in das, was von Göttlich-Geistigem heute erfahren werden kann, nur

fühlend sich versenken, nicht erkennend eindringen will, gleicht dem

Analphabeten, der ein Leben lang mit der Fibel unterm Kopfkissen schläft.

* * * * *

Der 'Glaube' -- und dem entsprechend der Unglaube -- an Gott gehört einer

gewissen Periode der Menschheit an: er ist -- im tiefsten Ernst gesprochen

und den Begriff Humor so geistig wie möglich gefaßt -- ein Kapitel ihres

unfreiwilligen Humors. Es handelt sich in Wirklichkeit allein um das von

Gott mögliche Maß von Wissen. Nicht um Gottesglauben, sondern

Gottesforschung, Gotteswissenschaft.

* * * * *

Der Mensch will schon lange genug wieder frei werden von der nur

fünfsinnlichen Beschränkung, die zu seinem Wachstum allerdings notwendig

war, die er aber doch niemals ganz verlernt hat als ein Joch und eine

Schulung zu empfinden, daraus er eines Tages wieder hervorgehen werde, wie

er eines Tages hineingegangen ist: als einer, der aus Geisteswelten

hinabgestiegen ist und zu Geisteswelten wieder hinansteigt. Er _will_ es,

-- und wer einmal gefühlt hat, was der Wille des Menschen bedeutet, der

weiß auch, daß vor diesem Willen, wenn der Tag der Reife gekommen, die

Tore der alten Heimat sich auftun, wie von magischer Hand berührt. Er

weiß, daß alles im Himmel und auf Erden ihm entgegenwächst, wenn es so

weit ist; daß er nicht mehr zu darben braucht, wenn das Maß seiner

Prüfungen voll ist. Denn war auch Kant ein großer Lehrer und Erzieher, wie

viele Lehrer- und Erzieherstufen sind vom Kant-Menschen noch aufwärts, bis

dahin, wovon es heißt: La Somma Sapienza e il Primo Amore.

* * * * *

Man denkt und empfindet heute nicht über die nächsten zehn, hundert,

bestenfalls einigen hundert Jahre hinaus. Als ob uns, Erscheinungen der

Ewigkeit, die Ewigkeit unserer Zukunft nicht gerade so anginge, wie unsere

nächsten Jahrhunderte, ja, als ob diese nicht allein aus jener richtig

bestimmt werden könnten.

* * * * *

Werden wir krank, weil es einem plötzlichen Gewitterregen oder einem

herabrutschenden Dachziegel so gefällt? Oder weil unsere Eltern krank

waren oder weil rings um uns Krankheit herrscht? Oder weil wir uns selbst

die Krankheit irgendwie verschrieben haben, auf daß sie uns von etwas

Schlimmerem, von einer Leidenschaft, oder einem Irrtum etwa -- heile? Vor

der Geburt schon verschrieben, aus einer, obzwar nicht minder

individuellen aber zugleich viel höheren Weisheit und Erkenntnis, als

deren wir uns in unserer gegenwärtigen Wiederverkörperung bewußt sind?

* * * * *

Man spricht gern von dem sinnlosen Tod eines Einzelnen, von den

unschuldigen Opfern einer Katastrophe. Aber besser würden nur solche

Anschauungen als sinnlos oder unschuldig empfunden. Man sollte sich des

Wortes Sinnlosigkeit vor und in einem Kunstwerk, wie es das All ist,

entschlagen und sich zwingen, das Verständnis einer jeden Erscheinung

lieber vergeblich heranzuwarten, als sie als alogisch zu verleumden,

innerlichst davon durchdrungen, daß am Ende doch mehr Weisheit im Kosmos

herrschen dürfte, als dem eigenen Kopf just offenbar, ja, daß ein Kosmos

sinnvoll nach dem Sinne solches Aburteilens und Besserwissens aufgebaut,

sicherlich schon in seinem allerersten Anfange wie ein Kartenhaus

zusammengestürzt wäre. Was, ebenso, die Unschuld der Opfer anbetrifft, so

kann ein Mensch nicht deshalb kurzerhand unschuldig genannt werden, weil

er einer Katastrophe zum Opfer fällt. Er hat freilich gemeinhin vorher

nicht gestohlen, aber selbst das Durchschnittsbewußtsein glaubt -- gesetzt

es handelt sich nicht um Kinder -- so leicht nicht an einen schlechtweg

schuldlosen Menschen. Ein höheres Bewußtsein verwirft den Begriff der

Schuldlosigkeit ganz, vorbehält jedoch noch die Unschuld des Kindes. Eine

dritte Einsicht weiß, daß auch dem Kinde nicht Unschuld, im letzten

Verstande, zugesprochen werden kann, da es als seelisch-geistiges Wesen

keine Neugeburt, sondern eine Wiederverkörperung ist, also ein volles Maß

von eigenem Menschlichen vom ersten Tag an in sich birgt und weiter

auszuwirken hat. Für dies Bewußtsein gibt es keine unschuldigen

Opfer, keinen sinnlosen Tod, ihm löst sich alles in von allertiefstem

Sinn durch- und überwaltete -- wenn auch deshalb nicht weniger

tragische -- Enwickelung auf.

* * * * *

Die Menschen sollen einander lieben, aber damit ist nicht gesagt, daß

ihnen dies nicht so schwer wie möglich gemacht wird und fallen soll, denn

es gibt keine wohlfeile Liebe. Es gibt nirgends im Kosmos des Kreuzes

billige Errungenschaften, und wie wäre er sonst auch seines Meisters und

seiner Bestimmung würdig.

* * * * *

Von wie vielen geistigen Überwindungen und Siegen hat mancher Mensch schon

gelesen und gehört, wie viele Dichter und Weise und Religionsstifter und

-- Götter haben für ihn gelebt und sind von ihm kennen gelernt und wohl

auch erlebt worden! Und doch fällt in der Stunde eines schweren Schicksals

alles von ihm ab und nur sein eigen Los und Leid steht vor ihm, und nichts

gilt dann mehr, nicht einmal Gott. Was half ihm nun sein ganzes geistiges

Leben während langer Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte? Nichts: denn er hat

es nicht mit seinem Innenleben verknüpft, verbunden, vermählt, er war zu

wenig re--ligiös. Er wuchs nicht zusammen mit jenem Höheren. Und so hat er

jetzt auch keinen Halt an ihm und bekommt keine Kraft von ihm -- und steht

jetzt so arm wie am Anfang, ja ärmer als zuvor.

* * * * *

'Hat die Religion eine Zukunft?' So gut, wie derjenige, der so fragt, eine

Zukunft hat, in der er, wie zu hoffen steht, solchen Fragestellungen

entwachsen sein wird.

* * * * *

Die Geschichte der Menschheit ist ein Ringen der Konsequenz gegen die

Inkonsequenz (resp. Dumpfheit) und die Konsequenzlosen. Alle Konsequenz

führt zu Gott, alles, was darunter, in Maja.

1913

So wie der winzige Same in die Erde fällt, um die Urpflanze zu wiederholen

und nicht nur zu wiederholen, so ist der Mensch ein Samenkorn Gottes. Die

Sonne aber, die ihn reift, ist Christus.

* * * * *

'Und Sie glauben wirklich, daß dort oben im blauen Himmel Geister und

Götter herumspuken?'

'Sie spuken dort nicht herum, sondern sie wirken und schaffen von dort und

überall her an uns und der Welt und sie spuken so wenig herum, wie es hier

in dieser Tanne oder dort in jenem Berge 'herumspukt'. Weder Tanne noch

Berg sind ohne geistige Erbauer, geistige Erhalter, geistige Weiterbildner

denkbar, noch mehr, sie sind integrierende Bestandteile, Glieder,

Leibesteile (wie Sie wollen) geistiger Wesenheiten.'

* * * * *

Wenn man eine Geschichte der Weltliteratur aufschlägt, so scheint alles in

schöner Einheitlichkeit vor einem zu liegen. Die älteste wie die neuste

Dichtung sind ohne Weiteres auf die gleiche Quelle zurückbezogen, nämlich

auf den Menschen, so wie man ihn heute versteht, einen Typus, den man nach

dem Bilde der gegenwärtigen Menschheit geschaffen und als ungefähren

Normaltypus für alle Zeiten und Länder festgesetzt hat.

Die Wirklichkeit jedoch kennt keinen solchen Generalnenner. Der Mensch

verwandelt sich fortwährend und steht in den verschiedenen Zeitaltern in

verschiedenem Zusammenhang mit der geistigen Welt. Er war seiner nicht

immer so bar wie heut, aber er ist dies selbst heute nicht in dem Maße,

wie angenommen zu werden pflegt. Ja noch mehr, er ist im Begriff, ihn

langsam wieder zu gewinnen, und behält damit, da es im Licht seiner vollen

Vernunft geschieht, der Welt ein noch nie erlebtes Schauspiel vor: das

Bewußtwerden seiner, des Menschen, des menschlichen Geschlechtes, selbst,

als, um es so auszudrücken, einer für sich besonderen kosmischen

Hierarchie. Daß die Welt eine -- richtig verstanden -- Gedachtheit Gottes

ist, erscheint uns nur darum so fremd, weil _unsere_ Gedanken so blaß und

schemenhaft sind. Wenn wir denken, so denken wir Schatten. Gott denkt

Realität. In Ihm ist daher Denken und Welt eins.

* * * * *

Man muß Gott schon in Zwei teilen, wenn seine schönste Empfindung, die

Liebe, nicht allerletzten Endes Selbst-Liebe sein soll.

* * * * *

Ist dies nicht alles Schöpfung, merkwürdige, wunderliche Schöpfung? Dieser

Schrank, diese Bettstatt, dieses ganze Zimmer? Ist nicht dies alles aus

Einem Grundgedanken heraus entstanden, aus Einem mathematischen

Grundgedanken?

Stimmt darin nicht alles irgendwie zusammen?

Und von diesem Gedanken: daß dies alles Schöpfung aus dem Nichts ist! --

ist es da noch weit zu dem Gedanken eines Schöpfers und ganzer Reiche und

Stufenfolgen von Helfern desselben -- noch weit zu dem Gedanken, daß

hinter allem und jedem -- Geist steckt und nicht bloß alleiner,

unterschiedloser Geist, sondern differenzierter, tausendfältig gearteter,

gestufter Geist? Ist vom Staunen über Mensch, Tier, Pflanze und Mineral

mehr als ein Schritt zum Ahnen unsichtbarer Wesenheiten und davon mehr als

ein Schritt zum Glauben, daß es Lehren und Lehrer geben könne, nein, zur

Überzeugung, daß es Lehren und Lehrer geben -- müsse, in jene Geisterwelt

offenen Sinnes hineinzudringen ...

Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen · 第 36 / 38 题