1891
Die Menschenverachtung ist für den nachdenkenden Geist nur die erste Stufe
zur Menschenliebe.
1892
Was uns allen zumeist fehlt, ist das tiefe, dauernde Bewußtsein des
wirklichen Elends auf Erden, sonst würden wir über den Gefühlen einerseits
des Mitleids, andrerseits des Dankes ganz der kleinlichen Misere des
eigenen Lebens vergessen.
1896
Es ist etwas Fürchterliches um einen Menschen, der leidet, ohne Tragik
empfinden zu lassen.
* * * * *
Es gibt stillschweigende Voraussetzungen unter Menschen von Geist: die
soll man nicht aussprechen. 'Oberflächlich sein' (oder scheinen wollen)
'aus Tiefe', das gehört hierher. Eine schwere Forderung an den
Radikalismus der Jugend.
* * * * *
Und immer wieder komme ich darauf zurück, daß die Bewertung der
geschlechtlichen Liebe unter uns Heutigen eine krankhafte Höhe erreicht
hat, von der wir durchaus wieder heruntersteigen müssen.
* * * * *
Es gibt noch eine größere Liebe als die nach dem Besitz des geliebten
Gegenstandes sich sehnende: Die die geliebte Seele erlösen wollende. Und
diese Liebe ist so göttlich schön, daß es nichts Schöneres auf Erden gibt.
1904
Hinter die Oberfläche der Menschen sehen, hinter das 'Persönliche', das
Leben selbst in ihnen lieben.
* * * * *
Nein, unser Bestes sind nicht unsere Werke. Das liegt oft in einem Blick
von uns, in einem Gedanken, um dessentwillen wir uns selber lieben möchten
und um den doch niemand je weiß und erfährt, als wir selbst.
* * * * *
Glück? Sollst du Glück haben? Wünsche ich dir auch nur eine Spur von Glück
-- wenn sie nicht deinen Wert erhöhte? Wert wünsche ich dir.
* * * * *
Zum Thema Egoismus:
Wir lieben nur die Bilder von allem, als etwas in uns selbst, nie das
andere selbst.
* * * * *
Kein Mensch kann etwas anderes bieten als sein eigenes Programm, aber er
soll es wenigstens so taktvoll wie möglich vorbringen, nicht wie ein
Plebejer, der sich erst zufrieden gibt, wenn er ein paar andre
niedergebrüllt hat.
1905
So spricht die edle Rasse: Ich tue dies und das, weil ich es mir schuldig
bin.
* * * * *
Das Bild vom Sündenfall bedeutet eigentlich nichts anderes als die --
moralisch gesehene -- Sichselbstbewußtwerdung des Tieres. Den Eintritt des
'Geistes' in die Naturgeschichte.
Was wir aus der Geschichte des Geistes lernen können, das ist, meine ich,
vor allem eine immer tiefere Bescheidenheit, uns zu äußern.
* * * * *
Es gibt keine Einzelschuld, es gibt nur Gesamtschuld. Wir müssen uns
durchaus gegenwärtig halten, daß die Bestrafung eines Verbrechers durch
unsere Behörden nur den Schein der Gerechtigkeit für sich hat, nicht die
Gerechtigkeit selbst; denn wie könnte die wahre Gerechtigkeit sich gegen
einen einzelnen wenden, sie, die das ganze Gewebe des Lebens vor sich
ausgebreitet sähe.
* * * * *
Alles muß allem dienen. Es gibt im letzten Sinne keine Ungerechtigkeit.
* * * * *
Wer tief ist, muß sich schämen, sich so zu zeigen.
* * * * *
Es gibt kein widerwärtigeres Schauspiel, als wenn aus einem Menschen ein
Berufspfaffe wird.
* * * * *
Wer die Grausamkeit der Natur und der Menschen einmal erkannt hat, der
bemüht sich selbst in kleinen Dingen, wie dem Niedertreten des Grases,
schonungsvoll zu sein.
* * * * *
Es ist leicht möglich, daß die moralischen Vorstellungen allmählich eine
nicht nur moralische, sondern direkt dynamische (magnetische) Atmosphäre
über der Erdoberfläche geworden sind, eine Welt, die sich in gewissem
Sinne selbst regelt, selbst ihre Ausgleiche schafft, ihre eigene
Gerechtigkeit hat und übt. Daher dann jene oft beobachtete Justiz der
Geschichte, jene vielen 'gerechten Vergeltungen', jene moralischen
Ausbrüche und Gegenströme.
* * * * *
Es gibt keine unleidlichere Gewohnheit, als das sogenannte Nötigen bei
Tische. Dieses ewige Zureden in einer höchst untergeordneten Sache, die
jeder mit sich selbst abzumachen hat, sollte unter Menschen, die auf sich
halten, verpönt sein.
* * * * *
Auf Föhr:
Ich höre Anreden von Fremden an Eingeborene wie die folgenden: 'Sie tragen
noch die alte Tracht; bleiben Sie ja dabei; ich sehe das zu gern; lassen
Sie auch Ihre Kinder in dieser Tracht gehn!' Oder: 'Nein, was ist Ihre
Tochter für ein schöngewachsenes Mädchen! Sehn Sie nur, meine Herren,
dieses schmale Gesicht und dabei dieses kleidsame Mieder ...' Als ob diese
Halligbewohner, diese Nachkömmlinge der alten Friesen, Schaustücke eines
Panoptikums wären; als ob sie nicht mit Fug herabsehen könnten auf diese
zusammengewürfelte Gesellschaft halbkranker Groß- und Kleinstädter, die
mit all ihrer 'Bildung' nicht einmal wissen, wie ein Mensch einem Menschen
gegenüberzutreten hat.
* * * * *
Meine Liebe sind allein die großen Unbedingten, die Glück oder Tod
bringen, die _sich_ vor allem bringen mit ihrem Geschmack, ihrer
Wertsetzung und ihrem ethischen Pathos, die den unbeirrbaren Sinn für
Größe besitzen, eine tiefe unauslöschliche Liebe zu dem, für welches sie
geboren sind.
Und mein Haß: Die Geschmackler, die Renaissanceier, die 'Töpfegucker jeder
Stimmung' -- die qualligen Ästheten, die stupenden Magister .. all dieses
unproduktive und anmaßende Volk, das die _Mode_ von heute ist, wo unser
innerstes Leben nach _Stil_ dürstet, nach Kultur, nach Ernst, nach Kraft,
nach Männern, nach Willen und noch einmal nach dem ethischen Pathos eines
Nietzsche, eines Dostojewski, eines Lagarde, eines Tolstoi.
* * * * *
Niemand ist zu gut für diese Welt. Menschen, von denen dies gesagt wird,
sind vielmehr in irgend einem Betrachte _nicht gut genug_.
* * * * *
Wehe und wohl dem Menschen, der an keine Ungerechtigkeit mehr glaubt.
* * * * *
Die Mutter der Tiefe heißt: Schuld.
1906
Tugend -- im gemeinen Sinne, nicht als virtù -- ist sehr oft nur ein
Hindernis, tief zu werden, indem sie vor allzu gewaltsamen Leiden bewahrt,
weshalb sie für Menschen, für die kein Grund vorliegt ein
außergewöhnliches Los auf sich zu nehmen, die edelste Art bildet, mit
einiger Schönheit durchs Leben zu kommen.
* * * * *
Ich meine, es müßte einmal ein sehr großer Schmerz über die Menschen
kommen, wenn sie erkennen, daß sie sich nicht geliebt haben, wie sie sich
hätten lieben können.
* * * * *
Als Dank -- pour un sourire de printemps.
Als Dank -- pour un sourire de vie.
* * * * *
Wer sich die Unsumme von Geduld vergegenwärtigt, mit der die Masse der
Menschen ihr tägliches Arbeitslos trägt, der wird sie namenlos achten
müssen, diese 'Menge', trotz alledem und alledem. Und wenn wir Geistigen
uns nur zu oft über sie erheben: sie kann doch nie brüderlich genug
geliebt werden. Und jedenfalls soll sie beständig in unseren Gedanken
wohnen, auch in denen, die ihr etwa zürnen.
* * * * *
Der Mensch mag tun und leiden, was es auch sei, er besitzt immer und
unveräußerlich die göttliche Würde.
* * * * *
Man muß Erdbeben sein und die festen Städte der Menschen immer wieder zu
Falle bringen. Man muß ihre Mauern wandeln machen, sonst stockt das Leben
in ihnen. Aber es kann auch Zeiten geben, da man Urgestein sein muß,
dahinauf sich ein namenlos geängstigtes Geschlecht retten kann. Wo man um
der Liebe willen, um des nackten Lebens willen die verwerfen und
verleumden muß, die den Erdboden zur schwankenden Welle machten, die den
Abgrund predigten und die Schauder der Ewigkeit. Man wird aus Himmel und
Sternen wieder ein Bild machen, man wird die Spinnweben alter Märchen auf
offene Wunden legen müssen und all das bunte Spielzeug wieder hervorholen,
das die Kulturen bisher hervorbrachten.
Der Bürger und nichts als Bürger ist ein trister Anblick, aber der aus
jeder und gar jeder Bürgerlichkeit hinausgeschreckte Mensch, der
verfluchte Bürger, der irre, friedlose, von jeder Gewißheit enterbte, das
personifizierte Grauen vor dem Unfaßbaren, der aus Tiefe wahnsinnig
werdende Mensch -- das wäre der Untergang selbst. 'Oberflächlich aus
Tiefe' -- Lebenswort! Auf die Stirne von Tempeln!
* * * * *
Der Mensch hat die Liebe als Lösung der Menschheitsfrage einstweilen
zurückgestellt und versucht es augenblicklich zunächst mit der
Sachlichkeit.
(Vergleiche z.B. die großen Ärzte unserer Zeit.)
1907
Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.
* * * * *
Je freier ein Geist wird, desto gebundener wird er sich fühlen und nennen.
Und am Ende wird er sagen: Wer weiß sich mit hunderttausend Stricken
gefesselter als ich?
* * * * *
Dieses Verwerfen in Bausch und Bogen, dessen wir uns so oft schuldig
machen, ist schrecklich. So wenn einer von Rousseaus Bekenntnissen sagt:
das verlogene Zeug. Ja ja, verlogen vielleicht hier und dort und am
dritten Ort -- aber auch am vierten und fünften? -- Und wir selbst, die
wir so sprechen, sind es also an keinem? Nirgends verlogen, nirgends
angreifbar, nirgends verwerflich?
* * * * *
Es können nur einigermaßen gleiche Naturen in ihrem ganzen Umfang einander
erklären und abschätzen. Heut aber will jedermann interpretieren, wenn er
nur schreiben gelernt hat.
* * * * *
Man soll über einen wahrhaft großen Menschen nicht reden. Denn worüber man
bei ihm reden kann, darauf kommt es nicht an. Es kommt allein darauf an,
wie er dir innerhalb und in deinen tiefsten Stunden erscheint. Von diesen
unionibus mysticis aber kann man nur -- schweigen oder doch nur in
Momenten großer innerer Kraft zeugen.
* * * * *
Glaube mir, es gibt nichts Großes ohne Einfalt. Der Mensch, das Individuum
ist Gottes Einfalt, ist einfältig gewordene Gottheit. In der Beschränkung
zeigt sich erst der Meister.
* * * * *
Lieber einem zu viel als zu wenig Ehre geben. Ehre sage ich, nicht 'Lob'.
Tadeln, ja ganz ablehnen können und doch immer noch ehren, das heißt
fühlen lassen: Mein Bruder, was ich auch sagen muß, so wenig ich eine
Blume in ihren inneren Organen verletzen möchte, so wenig möchte ich Dich
-- verletzen! das ist es.
* * * * *
Man soll nie auf irgendwen hinabsehen, der auf irgendeinem Wege -- und sei
es zehnmal ein wider Sitte und Gesetz verstoßender -- zur Freiheit strebt.
* * * * *
Wenn ich dies und das nicht tue, so tut es ein anderer -- welch grober
Gedankengang! Als ob --
* * * * *
O, wie erniedrigt doch die 'Konversation', wie verführt sie uns
fortwährend zu Urteilen, die wir gar nicht haben, deren wir uns gleich
darauf schämen, die nichts als höheres Geschwätz sind, das mit unserm
wahren Wesen nur eben soviel zu tun hat, als es dessen Teil an Torheit und
Schwäche aufdeckt.
* * * * *
Mancher sucht sein Leben lang Kameradschaft, -- aber man muß mit diesem
Bedürfnis im Herzen nicht zu Frauen gehen. Sie wollen, eine jede,
ausschließlich _geliebt_ sein, sie wollen aus aller Kraft die Episode der
Liebe, aber ohne sie dabei als Episode aufzufassen. Sie wollen ein ganzes
Leben in Beschlag nehmen, aber dafür kein Leben der Kameradschaft, sondern
ein Leben der Liebe geben. Ein Leben der Liebe aber ist ein Unding, wie
ewige Musik oder ewiger Frühling. Die Liebe verdirbt die Seele zur
Kameradschaft, sie ist kalt und heiß, eifersüchtig und unberechenbar, die
Kameradschaft, die Freundschaft ist allein wahre Seelenliebe, sie ist bis
zu jedem möglichen Grade unegoistisch, sie ist der höchste Zustand
zwischen Mensch und Mensch. Die Liebe ist das Mittel zum Werden des
Kindes, aber die Freundschaft ist das Mittel zum reif und süß Werden
deiner selbst.
* * * * *
Wann wird dies sein? Wann wird das sein? -- Wann wir es uns verdient haben
werden.
* * * * *
Beim Menschen ist kein Ding unmöglich im Schlimmen wie im Guten.
* * * * *
Wer nicht auch böse sein kann -- kann der wirklich tief sein?
* * * * *
Bedenke, daß der sogenannte gemeingefährliche Mensch nur um deines
Behagens willen im Gefängnis sitzt, und daß auf deiner Seite viel dazu
gehört, das Freiheitsopfer so vieler Mitmenschen sittlich aufzuwiegen.
* * * * *
Das ist es, was ich immer wieder gelehrt finde: die Zaghaftigkeit -- wo
Gutes gewollt wird -- ist zu nichts nütze. Umgekehrt, sie ist nur eine
Quelle immer weiterer Schwäche und damit immer weiterer Mißerfolge.
* * * * *
Wir haben heute Ehrfurcht vor den Bewohnern eines Wassertropfens, aber vor
dem Menschen haben wir immer noch keine Ehrfurcht.
* * * * *
Finsternis würde mich in kürzester Frist um alles Glück und um allen
Verstand bringen. Gebt allen Menschen vor allem Licht und vorzüglich den
Unglücklichsten unter uns, unsern Gefangenen.
1908
Wer sich groß verfehlt, der hat auch große Quellen der Reinigung in sich.
* * * * *
Mut, Mut, das fehlt dem sogenannten denkenden Wesen, dem Menschen -- als
denkendem Wesen -- am meisten. Und dann Phantasie. (Aber was wäre
Phantasie ohne Mut?) Vielleicht ist Mangel an beiden eine der
grundlegenden Lebensbedingungen, vielleicht kann der Mensch nur mit einem
gewissen Quantum von Feigheit und Trägheit -- existieren.
* * * * *
Tugend -- Mangel an Gelegenheit, ein Gemeinplatz, der nur die Unseligkeit
des üblichen Tugendbegriffs verrät, als etwas durchaus Negatives.
* * * * *
Wem das allgemeine Wohl das höchste Ziel auf Erden dünkt, der tut den
Menschen gar nichts so Gutes, wie er meint. Man soll nie das Wohl, man
soll nur das Heil jedes Menschen im Auge haben, -- zwei Dinge, die sich
oft wie Wasser und Feuer unterscheiden.
* * * * *
Die Geschichte ist eine Schlummerrolle, auf welcher gestickt steht: Ein
Viertelstündchen. Aber ganze Generationen schlafen ihr ganzes Leben auf
ihr. -- Was ist dem Erwachten -- Geschichte? Das, was -- andre getan
haben. Worauf er denn gar nicht genug an sein eigenes Tun denken kann.
1909
Nur wer sich selbst verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme.
* * * * *
O helfen, helfen können -- es gibt nichts Größeres für menschliche Art!
Und nicht helfen können, nicht helfen dürfen, es hat gewiß nicht minder
bittere Tränen erpreßt als: wo man's vermocht und sollte, nicht geholfen
haben.
* * * * *
Man findet deshalb so wenig Menschenliebe, weil dem Äußeren meist zu viel
Wichtigkeit beigelegt wird. Aber es ist damit wie mit der Kleidung. So
mannigfaltig sich der Mensch auch tragen mag, in der Hülle steckt allemal
Adam und Eva, der homo sapiens-insipiens, dasselbe allerletzten Endes
unablehnbare Geschwister.
* * * * *
Was ist der Mensch, daß er nicht alles hingeben sollte -- um des Menschen
willen! In dem Maße, wie der Wille und die Fähigkeit zur Selbstkritik
steigen, hebt sich auch das Niveau der Kritik am andern.
* * * * *
Wer den Einzelnen als einen Wanderer betrachtet, der immer wiederkehrt,
wird aufhören, ihm entgegenzuarbeiten. Er sieht sich Schulter an Schulter
mit ihm gehn und erkennt die Sinnlosigkeit jeglicher Feindschaft zwischen
ihm und sich. Mag der Andre noch sein Feind sein wollen, er selber
empfindet ihn nicht mehr als Feind; für ihn fällt er, wenn er sich und ihn
sub specie aeterni anschaut, mit ihm selber beinahe zusammen. Mag der
Andre ihn noch hassen, ja verachten, er selber wird nichts begehren, als
ihm zu helfen, zu nützen, zu dienen. Er weiß, wie alles zusammenhängt.
Nicht fabelt er unbestimmt von Zusammenhang, sondern der Zusammenhang
liegt klar vor ihm.
* * * * *
Frage und Prüfung:
Was kannst du?
Kannst du dich verkennen, beschimpfen, beschuldigen lassen, ohne auch nur
einen Schatten von Zorn wider den Bruder zu fühlen?
Noch mehr: Kannst du Unrecht leiden ohne Groll? Man kerkert dich ein, man
foltert dich, man hängt dich auf -- gesetzt, du fielest unter Wilde oder
gerietest vor ein russisches Gericht oder unter eine aufgeregte
amerikanische Volksmenge. Könntest du dann leiden und sterben -- ohne
Verwünschung?
* * * * *
Wir sollten immer nur charakterisieren wollen, nie kritisieren.
* * * * *
Lieblose Kritik ist ein Schwert, das scheinbar den Andern, in Wirklichkeit
aber den eigenen Herrn verstümmelt.
* * * * *
Wer nicht zuvor sich selbst vorschreibt, wird auch den Menschen nie
vorschreiben dürfen. Man kann dem Wesen der Macht nichts abmarkten.
* * * * *
Bemerke, wie die Tiere das Gras abrupfen. So groß ihre Mäuler auch sein
mögen, sie tun der Pflanze selbst nie etwas zuleide, entwurzeln sie
niemals. So handle auch der starke Mensch gegen alles, was Natur heißt,
sein eigenes Geschlecht voran. Er verstehe die Kunst vom Leben zu nehmen,
ohne ihm zu schaden.
* * * * *
Wenn der moderne Gebildete die Tiere, deren er sich als Nahrung bedient,
selbst töten müßte, würde die Anzahl der Pflanzenesser ins Ungemessene
steigen.
1910
Man hüte sich vor Lieblingsvorstellungen, Lieblingsideen. Dergleichen
lenkt einen bloß von der großen Liebe ab, die sich allein auf die
Menschheit in ihrem Vorwärtskommen richten soll; dergleichen sind bloß
Fallgruben der Eigenbrödelei, Sackgassen der Egoität. Mag sich ins
Kornfeld werfen, den Himmel angucken und Träume spinnen, wer die
Wirklichkeit noch nie geschaut hat; wem die Augen offen wurden, der weiß,
daß es für ihn nur noch einen modus vivendi gibt, den des entschlossenen
Realisten der Liebe.
* * * * *
Jede Krankheit hat ihren besonderen Sinn, denn jede Krankheit ist eine
Reinigung; man muß nur herausbekommen, wovon. -- Es gibt darüber sichere
Aufschlüsse; aber die Menschen ziehen es vor, über hunderte und tausende
fremder Angelegenheiten zu lesen und zu denken, statt über ihre eigenen.
Sie wollen die tiefen Hieroglyphen ihrer Krankheit nicht lesen lernen und
interessieren sich, gleich dem Neger, noch weit mehr für das Spielzeug des
Lebens, als für seinen Ernst, als für ihren Ernst. -- Hierin liegt die
wahre Unheilbarkeit ihrer Krankheiten, im Mangel an und im Widerwillen
gegen Erkenntnis, hierin, nicht in Bakterien.
* * * * *
Vor einem halbbeschneiten Berge: So ist mancher von uns halb noch im
Schnee der Kühle, Kälte. Dann taut die Sonne den Schnee weg; aber in diese
und jene Grube vermag sie nicht vorzudringen; weiße, unvertilgbare Flecken
bleiben zurück: nie werden wir ganz frei von jedem Rest von Lieblosigkeit,
nie _ganz_ Liebe -- solang wir noch dieser Berg sind.
* * * * *
Es gibt nur einen Fortschritt, nämlich den in der Liebe; aber er führt in
die Seligkeit Gottes selber hinein.
* * * * *
Der Welt Schlüssel heißt Demut. Ohne ihn ist alles Klopfen, Horchen,
Spähen umsonst.
* * * * *
Der Geist baut das Luftschiff, die Liebe aber macht gen Himmel fahren.
* * * * *
Der Nenner, auf den heut fast alles gebracht wird, ist Egoismus, noch
nicht -- Liebe.
* * * * *
So wie der Strom in das Meer muß, so muß der amor in die caritas.
1911
Ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre
Dienste und Verdienste an uns zu vergelten.
* * * * *
A sagte zu B, der sich mit seinem persönlichen Schicksal herumschlug und
des Jammers kein Ende fand: Wie erbarmungslos bist du!
Wie erbarmungslos? gab B befremdet zurück und fügte, da er A nicht
durchdrang, nach einer Weile hinzu: Wenn nur du nicht erbarmungslos bist!
(indem er meinte, dieser habe für sein Unglück kein Verständnis). Und
_wenn_ ich es gegen dich wäre, erwiderte A, so wäre ich es gegen einen
Einzigen. Du aber bist es gegen Millionen. Denn du siehst nur dein eignes
Leid, nicht auch das ihre. Du wärst aus ganzer Seele zufrieden, wenn nur
du allein getröstet würdest, wenn nur dir allein unter allen Millionen
geholfen würde. Prüfe dich selbst, ob ein solcher Sinn nicht noch
strengster Zucht bedarf und ob es weit gefehlt ist, ihn selbstsüchtig,
hart und erbarmungslos zu nennen.
* * * * *
Man muß von aller Verliebtheit in Maja frei werden, dann erst kann die
große Liebe entstehen.
* * * * *
Der Haß hat uns in eine solche Grobheit des Urteils und der Beurteilung
hineingesteigert, daß wir nichts mehr rein zu sehen vermögen. Wir
vergessen, daß es keine Ablehnung gibt, die nicht, sei es ein Korn, sei es
einen Klumpen Unrecht enthielte. Versuchen wir uns doch einmal entschieden
auf die Seite des Positiven zu stellen, in jeder Sache.
* * * * *
Viele Menschen fühlen sich in ihrer Ruhe und Sicherheit gestört und
fordern laut nach strengen strafrechtlichen Maßnahmen gegen den
Verbrecher.
Das ist verständlich, aber es zeigt auch, woran es noch viel mehr als an
gesetzgeberischen Bestimmungen fehlt: An dem Bewußtsein, an der Ahnung
wenigstens, was man selbst und was der sogenannte Verbrecher ist. Der
Verbrecher und ich sind nichts wesentlich Getrenntes, wir stehen im
engsten menschlichen Zusammenhang; er kann uns nichts tun, was er nicht
auch sich selber täte, und wir können ihm nichts tun, was wir nicht auch
uns selber täten. Er ist nicht anders von uns verschieden, als unser Arm,
unser Bein, unser Auge. Nun heißt es zwar: So dich deine Hand ärgert, so
haue sie ab. Aber wenn ich die Hand abhaue, so füge ich mir damit einen
Schmerz zu, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde, und sollte ich
ihn doch vergessen, so bleibt immer noch ihr Fehlen etwas, was sich nicht
vergessen läßt.
Anders, wenn sich eine Gesellschaft einen Verbrecher vom Leibe schafft.
Dann schafft sie sich ihn eben vom Leibe und damit punktum. Es fehlt der
entsprechende Schmerz auf ihrer Seite, der Stachel, den sie nicht wieder
los wird.
* * * * *
Die Bestimmung des Menschen ist nicht nur, daß er als ruhiger Bürger
seinem Tagewerk nachgehe, sie ist noch etwas darüber: daß er sich mehr und
mehr verinnerliche, sich, und soviel an ihm liegt, seine Umwelt mehr und
mehr verchristliche.
Alle, die beispielsweise für die Todesstrafe stimmen, wollen nicht die
Gewissensnot, in die sie die Schreckenstat eines Bruders bringen und die
dann Frucht über Frucht aus ihm zeitigen müßte, sondern sie wollen ihre
Ruhe, ihre Behaglichkeit, ihr ungestörtes Weiterwirtschaftenkönnen im
einmal Überkommenen. Wie gesagt, es kann ihnen nicht verdacht werden, wenn
sie einer gewissen Sicherheit genießen wollen, aber sie müßten dafür, daß
sie mit der einen Hand nehmen, nämlich Freiheit oder gar Leben vom
Mitmenschen, mit der andern Hand geben: nämlich doppelte, dreifache Liebe.
Sie müßten nicht nur den andern sich, sondern sich zugleich dem andern
opfern, sich, das heißt ihren Eigennutz, ihren Hochmut, ihre
Gleichgültigkeit, ihre Trägheit. Aber dem wird ausgewichen und darum ist
in unseren Strafen so viel -- Rache; was man auch von Erziehungs- und
Abschreckungstheorien redet. Erziehen soll man zuerst sich selbst und dann
erst den, der mitten im Schoße von uns Tugendhaften als Lasterhafter
emporblühen konnte. Wahrlich, es kann mit der allgemeinen Tugend nicht
soweit her sein, wenn der Räuber und Mörder so üppig gedeiht, wahrlich, es
ist nicht gut, wenn solch ein Unkrautboden wie unsere Gesellschaft auch
noch nach Schutz und besonderer Fürsorge verlangt. Sie möge erst die
sieben Todsünden in sich bekämpfen und im Verbrechertum zunächst vor allem
das vergrößerte Spiegelbild ihrer selbst sehen, den immerwährenden Vorwurf
ihrer selbst. Sie möge im Verbrechertum zunächst erst einmal ihr --
_Schuld_-Konto erblicken. Wenn sie aber meint, daß, sagen wir, der Bauer
Adam in Vaduz unmöglich Schuld haben könne, wenn in den Südstaaten ein
Neger sich an einer Weißen vergreift, so ist zu erwidern, daß weder der
Bauer noch der Neger für sich nur als Bauer und Neger verbindlich sind,
daß sie vielmehr vom Anfang bis zur Vollendung unserer Welt als
schöpferische Faktoren rechnen, die nach der einen Seite unendliches
Schulden-Karma abzutragen, nach der andern Seite die Geisterreiche der
Zukunft mit aufzurichten haben, wozu sie nicht nur als Bauer und Neger,
sondern in hinreichenden menschlichen Manifestationen ab aeterno in
aeternum wiederkehren.
1912
Daß Güte (z.B.) nicht Schwäche sein _könne_, behauptet niemand, daß sie es
_sei_, nur ein Tor.
* * * * *
Wer 'für Güte Dank' erwartet, macht sich schon allein dadurch, daß er sich
selbst als 'gütig' empfindet, der feinsten Berechtigung Dank zu ernten
verlustig, indem er sich im Gefühl und Bewußtsein seiner Güte als ein
besonderer Wohltäter andrer vorkommt, sich also über sie erhebt und
überhebt. Eine solche Erwartung, so natürlich und allgemein sie sein mag,
verdient nicht nur keinen Dank, sondern gerade das, womit ihr gewöhnlich
vergolten wird: eine gewisse Gleichgültigkeit, ja beinahe einen gewissen
(zurückschlagenden) Hochmut. Wer Gutes tun und dabei nicht in die Brüche
geraten will, muß es soweit bringen, daß er sich nie anders denn als einen
Diener des andern empfindet, dem eine glücklichere Fügung gestattet --
Schuld abzutragen. Er muß, fern davon, von dem andern Dank zu erwarten,
vielmehr das Gefühl der Dankbarkeit gegen diesen andern entwickeln, weil
er ihm Gelegenheit gibt, ihm zu helfen, gleichviel, wie solche Hilfe
nachträglich 'gelohnt' wird. Dies mag für uns freilich mehr oder minder
immer ein Ideal bleiben; die erste Stufe ist jedenfalls, dem Satze von der
Dank verdienenden Güte in uns und außer uns zu Leibe zu gehen.
* * * * *
Wer wollte den Gutartigen, den Begabten, den Wunderlichen nicht lieben.
Aber den Böswilligen, den Ungeistigen, den Langweiligen zu lieben gilt es.
Nicht so sehr ein jovialer Wirt sein allen, die ihre Zeche mehr oder
minder bezahlen, als der barmherzige Samariter derer, die nichts haben als
ihr schmerzliches Schicksal.
* * * * *
Kann man einen Menschen deshalb aus der Atmosphäre des tiefen, ungeheuren
Geheimnisses, das uns alle umfängt, das wir alle sind, und vor dem es
keine andere Grundstimmung als die unbegrenzter Ehrfurcht gibt,
herauslösen, herausgelöst empfinden, weil er ein 'Mörder' geworden ist?
* * * * *
Der Selbstlose, der aus ganzer Seele den Menschen dienen will, übersieht
zu leicht, daß sein Selbst in ein niedrigeres und in ein höheres Selbst
zerfällt, und daß er daher nicht nur selbstlos im einen Sinne, sondern in
eben dem Maße selbstvoll im andern Sinne werden sollte. Sein Selbst
verlieren, heißt sich läutern, seine Seele bereiten, wie einen Acker,
welcher der Saat wartet. Sein Selbst gewinnen aber heißt, Frucht tragen
wollen, Saat herbeisehnen, aufnehmen, hegen, reifen.
* * * * *
Geistige Leidenschaft, Leidenschaft fürs Geistige, -- prüfen wir uns
einmal, wieweit sie gemeinhin reicht. Nach allem Möglichen wird unter
Umständen mit vier Pferden gejagt, aber wenn einer Morgen um Morgen dein
Leben lang an deiner Türe vorbeigeht mit Lebensbrot, so kann er ein Leben
lang ungerufen davor vorbeigehen; denn seine Bettwärme wie sein
appetitliches Frühstück oder seine Zeitung oder gar seine 'Pflicht' läßt
keiner so leicht im Stich um Lebensbrotes willen.
* * * * *
Wir leben heute noch recht wie Kinder, noch nicht wie erwachsene bewußte
Menschen. Wir essen und trinken ruhig, während Mitmenschen neben uns
verhungern und verdursten, wir gehen fröhlich in Freiheit herum, während
Mitmenschen neben uns in Kerkern verderben. Wir können uns in jeder Weise
freuen, während um uns in jeder Weise gelitten wird, und wenn wir selbst
leiden, so haben wir die Unbefangenheit, mit dem Schicksal darum zu
hadern. O, daß unser Herz und Geist mit den Zeiten verwandelt würde und
diese bittere Häßlichkeit von uns abfiele und wir aus Kindern Erwachsene
würden.
1913
Was ist denn alle Mutter- und Vaterschaft anders als ein -- Helfen! Als
wunderreichste, geheimnisvollste Hilfe!
* * * * *
Alles ernsthaft Angefangene muß die Menschheit auch entschlossen weiter
treiben und weiter entwickeln. Täte sie's nicht, so wäre sie ebenso unreif
und leichtfertig wie die Individualität, die anfängt und liegen läßt,
statt, wenn auch vielleicht erst in vielen Lebensläufen, allem in sich
eine Folge und Ausbildung zu geben. Einziglich schon von diesem
Gesichtspunkt aus sollte man die Mystik z.B. nicht so verdrossen ablehnen,
als ob es ein Verdienst wäre, ein so wundertief begonnenes Geisteswerk in
die Rumpelkammer zu verweisen und nicht vielmehr sich dessen Weiterausbau
anzunehmen, zum mindesten dankbar gewärtig zu sein.