Willh. Verdammt seyd ihr und euer Steckenpferd der Friede! ---- Ich
sollte den gekrönten Jüngling vom Schlachtfeld mit Lorbeern ziehen
lassen? ---- Nein! Da steht noch eine alte trotzige Säule, die sie sich
ihm entgegenstemmet. Junge, der morsche Podagrist soll dich zittern
machen! ---- Sie meine friedsamen Herren Räthe legen sich indeß in meine
Flaumfedern, und pflegen Sie mit Beystand meines geschäftigen Leibarztes
mein hartnäckiges Podagra; ich will indeß den Harnisch ergreifen, und
König seyn! ---- Wir wollen heut noch im Schlachtfelde tanzen! ---- O
daß ich dreyßig, nur zwanzig Jahre zurückrufen könnte, ich wollte dem
jungen Adler die Flügel verschneiden! ---- Fort Wünsche! So wie wir
sind, müssen wir die Stirnen messen! ----
(Er eilt fort. Alle folgen.)
Elegie.
Salinia an Eduard.
Eilet ihr Blätter, ihr redenden Zeugen der zärtlichsten Thränen,
Bringt dem Geliebten den Gruß, und mein Lebewohl zu;
Denn mein trauriges Leben nähert sich hastig dem Tode,
Weil ich verlassen, verschmäht, und beleidiget bin.
Ach! Ich werde wie Träume vergessen! Wo sind die Beweise,
Daß mir Eduard lebt, daß er mich schätzet, und liebt?
Wie ein Ikarus stürz ich herab mit schmelzenden Flügeln,
Soll ich mir Mitleid erflehn? Welches Donnerwort! Flehn!
Einst war es Gnade, mich lieben zu lassen; izt bin ich verachtet!
Dieser Gedanke zernagt mein verwundetes Herz.
Aber wenn er mich liebte, wenn etwa nur grosse Geschäfte,
Eine Krankheit, Gefahr, vielleicht der schreckliche Tod ----
O ich sinke zu Boden! Die schwärzesten Ahnungen stürmen
In der bebenden Brust! ---- Ja, mein Eduard stirbt!
Izt hab ich die Ursach von seinem Stillschweigen ergründet;
Welcher neue Verlust presset die Thränen mir aus!
Wie die rasenden Winde die schwankenden Schiffe bekriegen,
So bin ich ewig von Furcht und von Zweifeln bestürmt.
Diese Bilder verfolgen mich immer vom Morgen zum Abend.
Sie sind ewig bey mir, und verschonen mich nie,
Wenn ich beym Monde die stillesten Schatten mit Seufzen durchirre,
Schenk ich der vorigen Zeit einen verstohlenen Blick,
Und dann schleichen die süssen Gemälde der seligsten Tage,
Die mir die Zärtlichkeit gab, täuschend und liebreich zurück.
Aber plötzlich verscheuchet das Schrecken die reizenden Träume.
Schwarze Scenen der Angst schwärmen wie Geister um mich.
Jeder Gegenstand ändert izt seine Natur, und seine Gestalten.
Der sanftfliessende Strom rauschet wie Meere vorbey;
Der abkühlende Zephir wird ein wildheulender Nordwind,
Und der Nachtigall Lied scheint mir ein Leichengesang.
Das sonst so leise Gezische der Blätter ist Donnergebrülle;
Und das duftende Gras däucht mir ein glüender Sand.
O kehr wieder Du Sonne, die alles dem Auge verschönert!
Komm mein Geliebter zurück, schenk den Gefilden den Schmuck!
Liebe bevölkert die Wüsten, und schafft aus der Hölle den Himmel.
Wie nach dem Winter die Erd um den Frühling sich sehnt;
Wie die Mutter den Sohn von fernen Gestaden erwartet;
So ruft mein klagender Mund meinem Eduard zu.
Bothe des Himmels, du bringst mir das Leben! So lebt mein Geliebter?
Lebt, und liebet mich noch! So schreibt die göttliche Hand.
Dank für das Labsal, und Segen und Liebe für alle Geschenke!
Immer Geschenke? Mein Freund, was sind Gaben für mich?
Hat je die Grösse, der Reichthum den liebenden Busen bestochen?
Nimm die glänzende Welt; aber schenk dich mir selbst!
Liebliche Worte, verstohlne Seufzer, sanftlächelnde Blicke
Sind ein Göttergeschenk für mein zärtliches Herz.
Aber ich spreche von Liebe, von Liebe mit einem Monarchen,
Dem die Begierde nach Ruhm keinen Augenblick läßt.
Immer von Schlachten zu tödtenden Schlachten, von Siegen zu Siegen
Schleppet der Ehrgeitz Dich fort! ---- Deine Salinia weint,
Lebet die traurigsten Stunden, und zittert der Nachricht entgegen
Daß ihr Leben, ihr Licht dort auf dem Kampfplatz verlischt.
Wie oft reissest du die Einbildungskraft deiner Geliebten
Auf das schreckliche Feld, wo die Donner dir dräun;
Wo so viel mördrische Dolche zu deinem Verderben sich rüsten;
Wie oft sterb ich in Dir; wie oft tödtest du mich!
Wie lang ärndest du Lorbeern, wie viel erbeutest du Kronen?
O ein Myrthenkranz wiegt blutige Palmen hinab!
Du bist izt Held, und Sieger; o setze dem Ruhme die Schranken!
Wisse, dann jauchzt dir die Welt, wenn dich Salinia küßt.
Schenk der Erde den Frieden, den weinenden Bürgern den Vater;
Schenk den Freunden den Freund, und der Geliebten dein Herz.
Geschichte.
Grosse Begebenheiten, welche das Wohl ganzer Staaten entscheiden, müssen
die Seele der Geschichte seyn. Der Geschichtschreiber überläßt einzelne
Thaten dem Biographen, und beschäftiget sich nur, der Nachwelt die
Triebfedern zu zeigen, welche mächtige Reiche in Bewegung setzen, und
neue Epochen hervorbringen. Er schildert den Geist ganzer Nazionen, und
entwirft die wichtigen Charaktere jener Könige, die durch
ausserordentliche Thaten den ganzen Kloß der Erde in Bewegung bringen
und umbilden. So waren die Epochen Alexanders, Augusts, der Mediceer,
Ludwigs, und anderer Fürsten, unter deren Herrschaft die Welt eine neue
Gestalt erhielt.
Eduard begann seine Regierung. Die Thätigkeit in den Geschäften, die
Standhaftigkeit in den Gefahren, und der Fleiß in Ausführung seiner
Plane brachte in wenig Jahren ausserordentliche Wirkungen hervor. Er
rief den Adel, der unthätig und despotisch in den Ritterschlössern das
Volk unterdrückte, an seinen Hof. Er machte den Ackerbau, und Handel
blühend. Freyheit und Glückseligkeit ergoß sich über seine Unterthanen.
So ein gewünschter Erfolg erregte den Neid seiner Nachbarn. Selbst seine
Bundesgenossen und Freunde zitterten vor diesem kühnen Adler, und
suchten frühzeitig seinen Flug zu hemmen.
König Willhelm sein gefährlichster Nachbar, und geschworner Feind seines
Vaters, mit dem er beständig im Kriege verwickelt war, und der den Sohn
noch mehr als den Vater haßte, weil er ihn als einen Rächer der verübten
Räubereyen ansah, suchte die Zahl der Freunde Eduards durch Ränke zu
schwächen, und die Zahl seiner Feinde von allen Seiten zu vermehren.
Willhelm war ein kriegerischer Fürst, kühn, hastig, feurig, oft
unüberlegt, und unglücklich. Sein Charakter war hart, und unbeugsam; er
sezte für unmögliche Entwürfe oft das Wohl seiner Länder auf das Spiel,
und wagte sich unter ihren Ruinen zu begraben. Er war schlau in seinen
Anschlägen, treulos in seinen Bündnissen. Seine schwarze Politik bestand
aus gewaltsamen Grundsätzen, welche die Menschlichkeit empören. Er
kannte kein Völkerrecht; der Eigennutz war sein einziges Gesetz, und
sein Wille entschied. Er hatte sich nur durch ungerechte Kriege
bereichert, und vergrössert. Da er sich selbst zu schwach fand, den
mächtigen Eduard zu bekriegen; so suchte er Helfer, und wiegelte alle
benachbarte Mächte auf. Er fand bald geneigte Ohren.
König Philipp, ein junger Prinz, hatte seit zwey Jahren die Herrschaft
selbst übernommen. Er haßte in seinem Reiche alle diejenigen, deren
Ansehen älter als seine Regierung war. Er hatte mit Sehnsucht auf den
Tod seines Vaters gewartet, der seine thörichten Rathschläge, die
meistens in jugendliche Chimären ausarteten, weislich verwarf, und
dadurch in das Herz dieses feurigen Jünglings einen so eingewurzelten
Groll pflanzte, den nichts mehr ausrotten konnte. Er entehrte noch im
Grabe die ehrwürdige Asche seines Vaters durch unüberlegten und
schändlichen Spott, und suchte das verehrungswürdige Gedächtniß eines
geliebten Monarchen zu vertilgen, der in den Herzen aller Unterthanen
und Patrioten lebte. Er verfolgte, da er das Ruder ergrif, alle getreue
Diener seines Vaters, er stürzte die Günstlinge, entwürdete die Beamten,
und verabscheute sogar die Palläste, die einst der Lieblingsaufenthalt
seines Vaters waren. Sobald er seinem Reiche eine andere Gestalt gegeben
hatte, das heißt alles verwirrte, überließ er sich stolz als ein
Verbesserer einem weichlichen Leben, das seine Jugend entweder mit einem
übereilten Alter, wo nicht gar mit einem frühen Tode bedrohte. Bey
diesem betäubten Wollüstling fand der kriegerische Willhelm durch
scheinbare Gründe gewünschtes Gehör, denn Philipp haßte die Tugenden
Eduards. Kleine Republiken, und mindere Fürsten ketteten sich allmählich
an diese tongebenden Könige, und der Untergang Eduards war beschlossen.
Aber das Schicksal rüstete diese Wetterwolken, damit Eduard wie eine
Sonne desto heller glänzte. Der junge Löwe bot allen Feinden seine
muthigen Klauen. Er hörte die Gefahren, und stand entschlossen im vollen
Kriegsrath auf. Meine Freunde, rief er, wir müssen die Länder nicht nur
von der Mühseligkeit sondern auch von der Furcht der Gefahren befreyen.
Sehet unsere Feinde dräuen trotzig an der Gränze. Es werden die Heerden
furchtsam verlassen; die Weiden sind öde, die Ackerpflege wird
venachläßiget; die Schifffahrt der Kaufleute ruht. Der Staat verliert
durch den Schrecken des Krieges seine Einkünfte. Lasset uns eilen,
diesem Uebel zu steuren; suchen wir die Feinde in ihrem Lande!
Er flog an die Gränze, und stand mit furchtbarem Heere vor dem Antlitz
der Feinde, ehe sie wusten, daß er ausgezogen war. Er nüzte die erste
Betäubung. Er griff hastig an. Er war Zeuge der Thaten seiner Krieger.
Er eilte durch die Reihen, munterte auf, führte an, kam zu Hülfe, wo
seine Haufen wankten. Er war Feldherr und Krieger. Er wechselte die
ermüdeten Geschwader. Er war wie ein Blitz. Willhelm wich, und
verwünschte sein widriges Schicksal. Philipp war auf das Haupt
geschlagen, und nahm eine schändliche Flucht. Eduard stand als Sieger
auf der blutigen Wahlstatt, und erbeutete ein reiches Lager. Der
Ueberwinder eilte unter dem Zuruf eines jauchzenden Heeres von Stadt zu
Stadt. Viele sandten ihm die Schlüssel entgegen; andere wurden mit
stürmender Hand erobert. Welche glänzenden Tage für einen jungen König,
den seine Unterthanen anbeteten, seine Bundesgenossen bewunderten, und
seine Feinde fürchteten. Eduard ward nicht stolz und übermüthig gemacht,
er bot selbst der erste seinen besiegten Feinden den Frieden unter
solchen Bedingnissen an, die jeder anderer als Willhelm mit Freuden
angenommen hätte.
Willhelm wich nicht. Er sammelte die letzten Kräfte; er verschanzte sein
Lager, und schmiedete heimliche Ränke. Allein vergebens waren seine
giftigen Anschläge. Eduard schrieb bald seinen Feinden Gesetze vor, und
setzte durch seine glücklichen Unternehmungen alles in Erstaunung. Er
überraschte das verschanzte Lager. Die kühnen Krieger erkletterten
siegreich die Anhöhen, und verbreiteten Schrecken und Verwirrung unter
den feindlichen Geschwadern. Alles wich der Tapferkeit des
unüberwindlichen Eduards. Sein Geist schien in alle Herzen vertheilet.
Das Treffen war anfangs mehr blutig als entscheidend. Willhelm focht als
ein Verzweifelter. Er bot allen seinen Kräften auf. Er sammelte den Kern
seiner Krieger; er überfiel seinen Gegner. Er war so glücklich die
tapfersten Schaaren zu Boden zu schleudern. Ein unglücklicher Sturz des
Pferdes brachte den fechtenden Eduard in Lebensgefahr; aber Prinz
Sigismund der Sohn seiner Schwester, ein hofnungsvoller Jüngling, der
die königliche Leibwache führte, stürzte herzu. Er machte sich selbst
zur Brustwehr des fallenden Königs. Er fieng die Streiche der
zudringenden Feinde auf, und gab seinen Gefährten Zeit den König zu
retten. Sigismund ward von diesem entscheidenden Tage einer der
Lieblinge des Helden.
Eduard rächte durch neue Thaten die kleine Schlappe. Er warf den rechten
Flügel über den Haufen; der ganze Klumpen des Heeres zerschmolz. Kein
Streiter hielt mehr Stand. Die Tapfersten fielen unter dem Schwerte des
Siegers. Die Uebrigen suchten das Heil in der Flucht. Diese blutige
Schlacht entschied das Schicksal der Feinde. Viele Fahnen, unzählbares
Geschütz und viele Kriegsgeräthschaften wurden erbeutet. Auf der
Wahlstatt lagen zehntausend Todte, und Willhelm suchte seine Hauptstadt
zu erreichen. Er sah sich gezwungen um Frieden zu bitten. Eduard zeigte
seine erhabne Seele in voller Grösse. Seine Mäßigung setzte seine Feinde
in Erstaunung. Er bewilligte allen alles, und schenkte Kronen. Willhelm
blieb undankbar, und spähte nur auf neue Gelegenheit, sich nachdrücklich
zu rächen. Doch sein Groll kochte heimlich. Der Friede war der Erde
gegeben. Niemand hatte geglaubt, daß dieser schädliche, weit sich
erstreckende Krieg durch alle tapfern Befehlshaber in einem Jahre, oder
durch alle Befehlshaber in vielen Jahren zu Ende kommen würde, und doch
der einzige Eduard siegte in zehn Monden über alle seine Feinde.
Tragisches Singspiel.
Die Scene ist ein Grabmaal. Die Königin Sophie[15] ihr kleiner
Sohn, zwey Töchter, und weibliches Gefolge.
(Sie schmücken den Sarg der königlichen Leiche mit Blumenkränzen. Die
Königinn sitzt in tiefer Schwermuth auf den untersten Stuffen mit ihrem
Sohne.)
Chor.
Theurer Schatten nimm die Thränen,
Die der Schmerz vom Auge preßt;
Hör der Kinder banges Stehnen,
Sieh das schwarze Trauerfest!
[Fußnote 15: Entweder ist hier im Manuskript eine Lücke, oder aber
entdecken wir hier eine gelehrte Zerstreuung unsers Autors. Ich als ein
scharfsichtiger Kommentar staune meine Leser an, und frage, wer ist
diese Königinn? Ihr Gatte starb im Kampf, und in vorgehender Geschichte
lesen wir von keinem Könige, der auf dem Schlachtfelde fiel. Vermuthlich
wird hier einer von den Bundesgenossen Willhelms verstanden, die unter
den Hauptpersonen aus beliebter Kürze in der Geschichte nicht genannt
sind. Genug, es scheint mir eine dichterische Kaprizze zu seyn.]
Die beyden Töchter.
Ach! Wir suchen unsern Vater!
Schwester wein, wir sind verwaist!
Die Mädchen des Gefolges.
Ach! Wir suchen den Berather;
Blick herab gekrönter Geist!
Alle.
Theurer Schatten, nimm die Thränen,
Die der Schmerz vom Auge preßt;
Hör der Kinder banges Stehnen,
Sieh das schwarze Trauerfest!
(Die Königinn Sophie fährt auf, blickt wild um sich, und drückt ihren
Sohn an den Busen.)
Soph.
Noch lebst du mein geliebter Sohn!
Der Tod entriß mir einen Gatten,
Und dir den Vater und den Thron!
Er ist des stolzen Siegers Lohn,
Der theure Preiß für seine Thaten.
Bald wird sein Aug uns neidisch sehn.
Bald wird die Staatskunst dich aus meinen Armen reissen.
Nein! Eh muß ich zu Grabe gehn!
Dann mag sich unser Feind auch deinen Mörder heissen.
Zuerst durchbohrt man mich,
Und dann erwürgt er dich.
Arie.
O Gatte, dessen Geist mich hört!
Belohn mein zärtliches Vertrauen!
Da meine Zähren dich bethauen,
Bin ich des sanften Blickes werth.
Entreiß den Sohn den Tygerklauen!
Wirst du als Vater auf uns schauen,
So sinkt vielleicht das Mörderschwert.
Chor.
Wie sich izt rings um uns der Himmel trübt?
Da liegen wir bethränt auf diesen Marmorstufen,
Und wagen es, die Gottheit anzurufen,
Daß sie uns gütig Beystand giebt.
(Man hört ein Geräusche. Die Gegenwärtigen zittern, und harren ängstlich
den Kommenden entgegen. Das Gefolge Eduards erscheint gewafnet, die
Königinn umarmet mit ängstlicher Innbrunst ihren Sohn, und die Mädchen
umgeben sie)
Soph.
Zurück! entweicht von dieser frommen Stätte,
Wo mein gekrönter Gatte ruht!
Vielleicht verhönt ihr mich mit blutigem Gespötte?
Entflammet Euch die rächerische Wuth;
Ihr Mörder dürstet Ihr nach Menschenblut?
So kommt, und trinket erst das Meine!
Verschont den Sohn; entehret nicht Gebeine,
Dieß ist der edle Rest, der uns noch heilig ist,
Schenkt dieser Thräne Huld, die izt von neuem fließt!
(Eduard mit seinem Gefolge erscheint, die Königinn eilt zu seinen
Füssen.)
Soph.
Fürst Gnade, Gnade!
Edu.
Wie göttlich schön ist sie!
So viele Reize sah ich nie!
Soph.
O sieh, wie ich mich hier in Thränen bade ----
Beraub mich meiner Kinder nicht!
Edu. (indem er sein Antlitz von ihr wegwendet.)
O schönste Königinn, bedecke dein Gesicht!
Du könntest meine Tugend schwächen.
Dann will ich weiter mit dir sprechen.
(Sophie verschleyert sich.)
Edu.
Dein Schmerz ist edel und gerecht.
Ich bin ein Mensch, und ehre dein Geschlecht,
Ich schätze dich, und zähle deine Thränen.
Ich komme nicht hieher den Todten zu verhöhnen,
Weil ich sein Sieger bin; Nein, Ehrfurcht führt mich her.
Die Zähre, die ihn nezt, soll seine Thaten krönen!
Ich fällte manchen Feind, der Würdigste war er!
Ruh sanft du edle Leiche! ----
Wie rühmlich floß dein Heldenlauf!
Wenn ich dir einst am Ruhme gleiche,
Und dir auch nicht an Tugend weiche;
So bin ich stolz darauf.
(Zur Königinn.)
Arie.
Besteig den Thron als Königinn!
Ich schenke deinem theuren Sohne
Sein weites Reich, und seine Krone!
Wiß, daß ich Feind der Stolzen bin;
Doch die Demüthigen verschone.
Nimm diesen goldnen Zepter hin!
Chor.
Preiset, und ehret ihr rühmlichen Krieger,
Den mächtigsten Helden, den tapfersten Sieger!
Soph.
Der gröste Fürst bist Du!
Der Himmel schicket uns durch Dich den Segen zu!
Edu.
Izt hab ich noch den schwersten aller Siege!
(Er blickt sie an, wankt, und sagt entschlossen.)
Lebwohl ---- Wir haben uns das letztemal gesehn!
Indem ich rasch aus diesem Grabmaal fliege,
Wird erst die gute Handlung schön.
(Er geht.)
Chor.
Preiset, und ehret ihr rühmlichen Krieger,
Den mächtigsten Helden, den tapfersten Sieger.
Sendschreiben.
Alsin an Eduard.
Wie, mit Lorbern belastet, in Mitte der glänzendsten Siege
Eduard, liebst du mich noch, und schreibst mir freundschaftliche
Briefe?
Wie kannst du bey soviel Geschäften die goldnen Minuten
Gütig verschenken, den Lehrer zu grüssen, der ewig dich liebet,
Dich in blutige Schlachten mit Zittern begleitet, und seufzet,
Dich mein erhabner Zögling, von Feinden umringet zu sehn?
Wie oft wünsch ich dich in die Arme der Musen zurücke;
Wie oft träum ich mich wieder in jene glückseligen Stunden,
Da ich mit dir die Lichter der Erde mit Musse besuchte;
Bald mit dem Honig der Dichtkunst, und bald mit dem Nectar der
Weisheit
Deine hungrige Seele durch grosse Gedanken erquickte.
O schon damals reiften die Keime der edelsten Tugend!
Welche Wonne durchströmte mich oft, wenn zärtliche Bilder,
Sanfte Gemälde des Lebens die Thränen vom Auge dir lokten!
Freudiger schlug mir das Herz, und Hofnungen labten den Busen.
Dieser wird König! So sagt ich, wie wird Er die Erde beglücken!
O weissagend ist dieses Gefühl, und heilig die Regung!
Menschlichkeit ist die Zierde der Fürsten, die Stütze der Throne!
Dank dir allmächtiger Himmel, du hast die Lehren gesegnet!
Sieh, schon reifet mein Zögling, mein Liebling zum Fürsten der
Fürsten!
Nicht durch blutige Siege, -- Durch ewige Thaten des Herzens!
Thaten, die noch unsterblicher werden, wenn Er schon verweset.
Indeß die fressende Zeit die goldnen Trophäen verschlinget,
Die nur ein Denkmaal der harten Zerstörung der Menschen bereiten.
König, du weintest, so schreibst du, nach jenem berufenen Treffen;
Schick mir die Thränen, damit ich sie trinke, die göttlichen
Thränen!
Eine von ihnen verdient Obelisken; die Lorbeern verwelken!
Du hast die Wunden der Feinde gesalbet. O könnt ich dich küssen!
Wie ein Vater den Sohn mit brünstigen Armen umfassen,
Dich mit Zähren des Dankes bethauen! Ich danke dir Zögling,
Du hast den Saamen der Weisheit gesammelt, gepflegt, und genähret.
Aber was soll ich vom Siege, vom herrlichsten Siege dir sagen?
Selbst der herzenzerschmelzenden Schönheit der Weiber entfliehst du!
Nimm die Krone! Sey König! Die reizende Tugend bekrönt dich!
Eduard, liebe die rühmlichen Gleise, sey immer dir ähnlich;
Sey stets ein Bruder der Menschen, ein zärtlicher Vater der Völker;
Liebe dein Vaterland mehr als die verwelkenden Palmen!
Schenk, sobald es die Staatskunst erlaubt, der Erde den Frieden;
Sey mehr gütig als groß, mehr menschlich, als unüberwindlich!
Nicht nur im Schlachtfeld ist Arbeit, der Friede hat edle Geschäfte.
Einst beglükst du die blühenden Staaten mit weisen Gesetzen;
Du verherrlichst die Städte mit Wissenschaft, steigenden Künsten,
Schönen Pallästen, die deine ruhmwürdige Kenntniß bezeichnen.
Da lebst du von Freunden gepriesen, von Bürgern verehret,
Von den Bundesgenossen geliebt, von Nachbarn bewundert.
O dieß reizende Bild verjünget mein silbernes Alter!
Dann kriech ich mit segnender Lippe zur Stufe des Thrones,
Bringe Dir lallend den Abschiedgruß, preise die selige Stunde,
Die dich der Erde zum Trost, zum süssesten Labsal geschenkt hat.
Aber zu weit verliert sich mein Geist in reizenden Träumen!
Träumen? Nein! Lebende Bilder sind dieses, du wirst sie beseelen!
Sey nur so thätig wie jener, der jede Minute beweinte,
Die nicht sein göttliches Herz durch rühmliche Handlungen schmückte.
Aber dein Anfang beweiset, daß du nicht Sekunden verlierest.
Schenk dich uns bald, mit Sehnsucht erwarten dich schmachtende
Freunde:
Nicht mehr mit Briefen, mit jauchzendem Munde will ich dich
begrüssen.
Brief.
Eduard an Alsin.
Zu Pferde lese ich deinen Brief, und zu Pferde schreibe ich auf meine
Schreibtafel zur Antwort: Meine Feinde sind gedemüthiget, und ich komme
dich kindlich zu umarmen, und dir mündlich zu sagen, wie sehr ich dir
für dein warmes Sendschreiben danke, und dich liebe u. s. w.
Scene.
Ein Saal mit den Schlachtgemälden Eduards. Eduard, einige
Höflinge hernach Beliam.
Edu. Der Maler versteht seine Kunst! ---- Lasset ihm die Originalplane
geben! ---- (Er liest) Die unglaubliche Uebersetzung des Flusses ----
Die wunderbare Schlacht bey ---- Lasset diese schwülstigen Aufschriften
weg! Sagt die Sache kurz: die Uebersetzung des Flusses, die Schlacht bey
---- Grosse Aufschriften machen kleine Thaten! ---- Albin, dir übergebe
ich die Besorgung dieses Geschäftes; zieh meinen Freund Alsin in allem
zu Rath. Ich kenne deinen guten Geschmack. ---- Beliam, was bringst du
so freudig?
Beliam. Alle gute Dinge sind drey! ---- Das Erste ist mein Gruß! Das
Zweyte ist ein wunderbares Ding, und das Dritte diese Rolle Papier.
Edu. Den Gruß nehme ich mit Dank. Das Zweyte mußt Du mir deutlicher
erklären, und das Dritte will ich lesen.
Beliam. Salinia, das schönste Mädchen am ganzen Hofe, schickt mich zu
dir mit diesem Briefe, und sie gab mir noch Etwas für dich. Weiser
König, rathe selbsten was es ist. Ich will dirs sonnenklar beschreiben.
----
Räthsel.
Bist du mein Held wie einst Oedip bescheiden;
So löse mir das Räthsel mit Verstand!
Ein Alexander mag den Knotten schneiden,
Das zeigt nur Stolz, und eine kühne Hand.
Sprich meinen Namen aus, der allen lieblich klingt,
Von dem ein jeder Dichter singt.
Nur Gleißner nennen mich mit Stocken und Erröthen.
Bald darf ich frey in die Gesellschaft treten.
Man sieht mich gern in grossen Häusern blühn.
Bald muß ich scheu die Sonnenstralen fliehn.
Einst lebt ich brüderlich mit Freunden und Verwandten,
Bis mich die Schwesterchen verbannten.
Seitdem bin ich den Liebenden getreu,
Ich werde seltsam, aber neu.
Sehr oft misbrauchen mich Verräther.
Die Näscher machen mich gemein.
Mich hassen gar zu strenge Väter.
Den Brünstigen bin ich verächtlich, klein.
In jenen edlen Heldenzeiten,
War ich ein unschätzbarer Preis.
Ich suche den, der mich oft nicht zu schätzen weiß.
Ein andrer muß um meine Freundschaft streiten.
Ich lohne den, der mich erringen muß.
Ich lasse mir von Fürsten nicht befehlen.
Oft schenkt man mich nur mit Verdruß.
Die sind nicht thöricht, die mich stehlen.
Doch der erkennt von mir den ganzen Werth,
Der seine Liebe froh durch mich beschwört.
* * * * *
Eduard.
Weil ich dir doch das Räthsel lösen muß;
So sag ich dir geheim, es ist ein ---- Kuß!
Cantate.
der Salinia an Eduard.
Arie.
Liebe, süß sind deine Freuden;
Mich berauschet dein Genuß.
Reiche mir den Abschiedskuß,
Denn wir müssen ewig scheiden.
Du bist flüchtig wie das Glück.
Ich befürchte deine Ränke.
Wenn ich deine List bedenke,
Beb ich scheu vor dir zurück.
Recitativ.
Laß mich dem Donner rasch enteilen,
Die du dem Vater Zevs oft hämisch stihlst.
Ich weis, daß Du mit Herzen spielst,
Oft Wunden schlägst, um sie nicht mehr zu heilen;
Und dich am Menschenblute kühlst.
Ich will dein frohes Lächeln nützen,
Und fliehe scheu vor deinen Blitzen.
Arie.
So lebe wohl, du süsses Götterkind!
Wir trennen uns nicht ohne sanfte Zähren,
Die nur zu sehr mein armes Herz belehren,
Wie angenehm selbst deine Fässel sind.
Izt, da ich dich aus meinem Busen reisse,
Bleibt meine Seele noch von deinen Reizen voll.
Indem ich Dir den wärmsten Dank verheisse,
Wein ich Dir noch mein letztes Lebewohl.
Recitativ.
O wenn du holder Gott, auch so beständig wärest,
Als du bezaubernd bist!
Wie blühte dein Altar, den du zerstörest,
Und der der schönste Preis von deinen Siegen ist!
O Liebe, willst du mich mit fester Freundschaft küssen,
So komm mein Leben zu versüssen!
Ich schwöre dir die treusten Dienste zu.
Mein angenehmster Gott bist du.