Und kommt ein Morgen -- komme, was da mag!«

34

»Geh jetzt und lass mich ruhn, geliebter Mann,

Denn ich bin müd und eh die Nacht vergangen --

Du willst noch bleiben? siehst mich bittend an --?

So komm! Zum letztenmal! An meine Wangen

Lehn deine Stirne und gib die Hände mir;

Lass meinen Arm den Nacken dir umfangen,

Und Brust an Brust! So bin ich ganz bei dir

Und halte noch einmal, was ich besessen.

Die schöne Zeit! Wie war ich glücklich hier!

Und du, nicht wahr? auch du wirst nicht vergessen,

Was manche traute Stunde uns gebracht

Und Menschenworte nimmermehr ermessen.

Sag -- was war schöner? Wenn in stiller Nacht

Ich bei dir lag, ins Ohr dir durfte sagen,

Wie all das hier für dich nur träumt und wacht?

Wie -- oder wenn an sonnig-hellen Tagen

Am blauen Meere wir spazieren gingen,

Mit Wellen spielten, froh im Sande lagen,

Im Zelt geschwatzt von überklugen Dingen,

Und ich so gern -- das ist nun meine Art,

Von dir mir liess die schönen Blumen bringen?

Die lieben all! ich hab sie wohl verwahrt!

Ach bring sie mir -- du kennst das offne Fach,

Ich nehm sie mit auf meiner langen Fahrt.

Ihr stummen Zeugen! wie so manchen Tag

Habt ihr verschönt! Glaubst du, ich kenn' noch jede.

Die rote da -- wart' nur, schon sinn ich nach ...«

So plaudert noch der Lippe muntere Rede,

Indes halb träumend schon die Seele zieht

Auf dunklem Pfad in schauerliche Öde.

Doch plötzlich bricht sie ab. »Die Stunde flieht --

Nun lass und geh! Ich lege hier mich nieder

Und ruh mich noch vor Schlaf, denn ich bin müd.

Hilf mir ein wenig noch. Leg mir die Glieder

Zurecht! Die Füsse auch! Nein -- Lieber, du,

Küss sie nicht mehr! Das weckt nur alles wieder!«

›Liegst du so gut?‹ »Vortrefflich! Meine Ruh

Wird köstlich sein! Am besten wär's für immer!

Nein, hab nicht Angst! Ich schwur, dass ichs nicht tu,

So halt ich's auch. In diesem trauten Zimmer

War Lüge immer fern! Gern sagt ich dir

Zu Nacht noch etwas Liebes, was du nimmer

Vergessen solltest!« ›Sage, dass ich hier

Nur eine Stunde glücklich dich gemacht.‹

»Nur eine --? Namenlos! Es schwindelt mir,

Wenn ich dran denke! Doch jetzt gute Nacht.«

›So bleibt's bei morgen?‹ »Ja!« ›Wann seh ich dich?‹

»Im Traum.« ›Und leibhaft?‹ »Wenn du mein gedacht!«

Und schon mich wendend hielt ihr Auge mich.

»Noch einen Kuss, den letzten!« flüstert' sie ...

Dann schloss sie rasch den Blick. Ich aber schlich

Mich leis hinaus. Mir wankten fast die Knie.

35

Am nächsten Morgen, als ich bei ihr pochte,

Rief keine Stimme mir wie sonst Herein.

Ob sie um diese Zeit noch schlafen mochte?

Das war kaum glaublich. Doch es konnte sein,

Dass sie vielleicht zum Scherze nur geschwiegen.

Und leis die Tür aufklinkend trat ich ein.

Das Zimmer leer. Beim raschen Überfliegen

Nicht eine Spur von ihr -- nicht eine mehr!

Nur auf dem Kissen endlich sah ich liegen

Ein weisses Blatt. Ein Briefchen. Zentnerschwer

Sank mir's aufs Herz. Dies Blättchen schloss nun ein

Was Hoffnung mir und Furcht! Sein Inhalt der:

»Geliebter Freund! Du wirst mir böse sein,

Dass ich so heimlich mich hinweggeschlichen,

Und hältst gewiss für feig mich, schwach und klein.

Das bin ich auch. Sogar mit dir verglichen,

Dem ich doch vorwarf, dass im Hass und Lieben

Er allzuviel gezaudert und gewichen.

Wie falsch das war! Du bist dir treu geblieben

Von Anfang bis zu Ende. Ich nur nicht,

Ich hielt nicht stand! So ward ich fortgetrieben,

Die Woge von dem Wind. Doch reut's mich nicht!

Mir ist es heut, als machten wir zusammen

Noch einen schönen Gang in Dämmerlicht.

Hell leuchteten der Sonne letzte Flammen

Auf unsre Wege, aber Wolken-Tücke

Schwoll hoch und höher, bis sie drin verschwammen.

Wir schritten dennoch fort, versenkt im Glücke --

Da standen plötzlich wir vor einer Kluft,

Schwarz wie die Nacht und tief und ohne Brücke.

Dich trug dein leichter Flügel durch die Luft,

Ich konnte dir nicht folgen. So geschieden

Stürzt' ich hinab und mich verschlang -- die Gruft.

Denn was ich vor mir sehe noch hinieden

Ist Bessres kaum als Gruft: die Fremde, Ferne,

Die einzig birgt wohl, was ich brauche, Frieden.

Ich will versuchen, ob ich drüben lerne

Auch ohne Glück den Menschen noch zu dienen.

Den Schwachen, Kranken, half ich immer gerne --

War ich's doch selbst! Und wärst du nicht erschienen,

Ich wär des gleichen Wegs schon längst gegangen.

Ich lese Zweifel jetzt in deinen Mienen,

Doch glaub' mir, es ist wahr! Nur ein Verlangen

Hab ich daneben noch: Dass du nicht suchst,

Nicht, wo ich bin, noch was ich angefangen --

Dir will ich tot sein. Ob du liebst, ob fluchst,

Mir gilt es gleich. Ich werd dich nie mehr sehen.

Du sollst es auch nicht. Falls du's doch versuchst,

Treibst du mich nur des letzten Wegs zu gehen,

Den ich beinah schon jetzt gewählt. Drum: schweige

Und lass ins Jenseits dir mein Bild verwehen.

Ring auch mit Zweifeln nicht und glaub, es zeige

Vielleicht ein Ausweg sich. _Nicht jeder kann,

Was ihm das Schicksal aufgab._ Also neige

Auch ich mich deinem Muss, mein -- halber Mann.

Sei mir nicht gram, dass ich trotz aller Liebe

Dir das so offen sag --: die ficht's nicht an!

Glaub nicht, wenn ich des Lebens bunt Getriebe

Jetzt lassen muss, dass mir gross Leid geschähe!

Das wär nicht wahr! Was mir noch übrig bliebe

Von seinem Schimmer ohne deine Nähe,

Gilt mir ein Nichts. Und so gedenke mein

Wie einer, die dich gerne glücklich sähe.

Woge und Wind: Eine Strandnovelle in Versen · 第 25 / 27 题