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Der erste Tag vorüber! Draussen rauscht
Der feuchte Nachtwind in den Lindenzweigen;
Am offnen Fenster hebt vom Wind gebauscht
Sich die Gardine und das nächt'ge Schweigen
Trägt fernen Laut des Meeres mir herüber
Ins Giebelstübchen, das seit heut mein eigen.
Ganz traulich ist's. Das Licht brennt freilich trüber
Als man gewohnt, und sonst auch, was sich zeigt,
Die kahlen, kalkgetünchten Wände, drüber
Die Balkendecke, etwas schief geneigt,
Und Schrank und Sofa, Tisch und Bettgestelle
Sind primitiv genug, wenn man's vergleicht --
Doch schaut es alles sauber, schmuck und helle,
Und -- was entbehrt man nicht, blaut dieses Meer
Und kürzen uns die Stunden Strand und Welle.
Die ganze Zeit schon trieb ich mich umher,
Von mittags an, da ich vom Wagen sprang,
Durchstrich das Birkenwäldchen kreuz und quer,
Lag dann am Strande, als die Sonne sank,
Und eben noch, das nächt'ge Meer zu sehen,
Schritt ich ein Stündchen an der See entlang.
Nun bin ich müd und will zur Ruhe gehen.
Mein Gegenüber schlief wohl längst schon ein.
Vor ihrer Türe sah ich eben stehen
Die Schuhe, die sie trägt; sehr schmal und fein
Fast sagte ich, kokett --; zwar, das entspricht
Dem Bild des Wirtes wenig doch -- mag sein,
Dass er geirrt -- wer irrt in Frau'n sich nicht?
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Ein Blatt vor mir, die Feder in der Hand,
Gedanken spinnend, sitz in aller Frühe
Ich schon im Zelt. Was lang im Geist gebannt,
Vielleicht dass hier, wo ich so frisch erglühe,
Es rascher sich mir rundet zum Gedicht.
Indess -- mein Hoffen scheint vergeb'ne Mühe,
Leer bleibt das Blatt, die Feder rührt sich nicht
Und die Gedanken irren kreuz und quer,
Wetteifernd mit den Blicken. Morgenlicht
Spielt hell um Busch und Baum; vom Strande her
Weht leiser Windhauch und in blauer Stille
Durch graue Buchenstämme grüsst das Meer.
Wie --? und mich treibt ein eigensinn'ger Wille
In mich zurück, in totes Wort zu zwingen,
Was mich beseelt? nur wie durch enge Brille
Das Leben zu beschauen? Doch nein! Es dringen
Umsonst nicht deine Stimmen an mein Ohr!
Welt, du hast recht! Fort mit den toten Dingen,
Fort Feder und Papier! Ich war ein Tor!
Fürwahr, ich wollt', es wäre mir gegeben,
Was je sich Schönes mein Gedicht erkor,
Anstatt zu schreiben, lieber zu erleben!
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Zwar -- zum Erleben scheint's hier nicht gemacht,
Kaum zwanzig Menschen gibts. Allein es fing
Doch besser an schon, als ich mir gedacht.
Ich sah die fremde Dame heut -- (sie ging
Gerad zum Baden) --, zwar vom Rücken nur
Und die Entfernung auch war nicht gering;
Doch merkt ich wohl: graziös ist die Figur,
Nicht eben gross, nur grade Mittelmass,
In Wuchs und Gang von Alter keine Spur!
Wie zierlich ihr das Morgenkleidchen sass --
Weiss-grau gestreift der Stoff. Dazu das Haar
Im Nacken kurzgeschnitten und -- man sah's,
Da ohne Hut sie ging -- ganz kraus. 's ist klar,
Sie ist noch jung. Mein biedrer Alter sprach
Wohl nur so hin, was am bequemsten war.
Sie ging ein wenig müde, ganz gemach,
Und ahnte nicht des Lauschers in der Nähe.
Ich aber sah aus meinem Zelt ihr nach,
Bis sie verschwunden. Seltsam -- ich gestehe,
Dass ich neugierig ward! Des Wirts Geschmack
Ist doch nicht sehr verlässlich, wie ich sehe ...
Ich wüsste gerne, wie sie aussehn mag.
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Wie war's? Wie kam's? Fast muss ich mich besinnen.
Ich wiederhol mir's schon zum zehnten Mal
Und weiss noch immer nicht, womit beginnen.
Zur Mittagstafel trat ich in den Saal
Im Strandhotel. Der Gäste Zahl war klein;
Man sass bereits. So blieb mir keine Wahl,
Ich nahm den einzig freien Platz. Allein,
Kaum dass ich Musse fand mich umzuschauen,
Schlug mir das Herz bis in den Hals hinein.
Erst glaubt ich meinen Augen nicht zu trauen,
Denn vis-a-vis, leibhaftig, mir ganz nah
Sprach sie zu einem Herrn mit busch'gen Brauen.
Der andre war sehr eifrig, doch man sah,
Sie schien nur eben sein Gespräch zu leiden
Und gab kaum halbe Antwort hie und da.
Inzwischen liess es sich nicht gut vermeiden,
Dass sich ein rascher Blick zu mir verlor
Und ich an seinem Glanz mich durfte weiden.
Ihr Nachbar stellte über Tisch mich vor,
Doch liess er dann mich kaum zu Wort gelangen
Und sie, geduldig, lieh ihm sanft das Ohr.
So ging's zu Ende, wie es angefangen,
Mir viel zu schnell. Denn eh noch Zeit ich fand,
Mich ihr zu nähern, war sie schon gegangen.
Ein seltsames Gesicht! Die Jugend schwand
Wohl allzufrüh daraus. Nun sind die Züge
So herb und mild zugleich. Auch ihre Hand
Ist blass und weiss, fast, wenn ich mich nicht trüge,
Zu weiss, durchsichtig fast. Ein Dichter sagt,
Dass solche Nachts auf krankem Herzen liege.
Ob's wahr? Ob ihr ein Wurm am Herzen nagt?
7
Ich sinn und sinne, geh auf stillen Wegen
Und müh mich ernsthaft um mein Gleichgewicht,
Jedoch umsonst: ich bleibe unterlegen.
Ich schau nur immer in ein bleich Gesicht
Mit seltsam Widerspruch-gemischten Zügen,
Aus denen eine kranke Seele spricht.
Und auch den Augen will nichts mehr genügen:
Es scheinen See und Himmel, Wald und Strand
Nur willens, sie um Bessres zu betrügen.
Um Bessres --? Wie? Bist du so schnell entbrannt?
Seit wann? wofür? Ist sie nur hübsch zu nennen?
Vielleicht das Kleid, das Haar, die schmale Hand --
Doch sonst --? Und würdest du sie wirklich kennen,
Du fändest sie am Ende unausstehlich
Und wärst heilsfroh, dich möglichst bald zu trennen!
Zwar -- hier am Strande ist man grad nicht wählig,
Die Zeit wird lang, und stets allein zu gehen,
Tagaus, tagein -- ich glaub, das macht allmählich
Ganz melancholisch noch! Ich will doch sehen,
Mich ihr zu nähern. Mittags beim Diner
Dürft' es vielleicht schon sich von selbst verstehen ...
Vielleicht noch besser abends an der See ...
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Gut -- also nicht! Sie weicht mir sichtbar aus
Und scheint verletzt. Im Grunde bin ich froh!
Schliesslich reist' ich wahrhaftig nicht von Haus
Um, da ich kaum den Menschen dort entfloh,
Hier Knall und Fall mich sterblich zu verlieben,
Und -- soweit war's bald! 's ist wohl besser so.
Allein was nun? Was ich vorher getrieben?
Die schöne Lust ist fort. Gott sei's geklagt,
Ich wünscht' beinah, ich wär daheim geblieben.
Doch ärgert's mich! Ich hab mich schon gefragt,
Was ich denn nur getan, das ihr missfiel.
Mir fällt nichts ein; kein Wort, das ich gewagt;
Und wenn sie meiner häuf'gen Blicke Ziel,
Das konnte sie fürwahr doch nicht so kränken.
Nun -- einerlei! Beendet ist das Spiel --
Versuchen wir's, nicht mehr daran zu denken.
9
Und wie die nächsten Tage kamen, gingen --
Ich wüsst es nicht zu sagen. Doch es schien,
Als sollte, was ich kaum geglaubt, gelingen.
Ich hielt mich fern, just ohne sie zu fliehn;
Bemühte mich, wenn wir einander trafen,
Besonders höflich meinen Hut zu ziehn,
Erfand mir selbst ein ganzes Heer von Strafen
Für jeden Blick, der sich zu ihr verfangen,
Und konnte wirklich auch ganz ruhig schlafen.
Da war ich jüngst, schon spät, hinausgegangen
Zum Birkenwald. Die Luft war mild und weich,
Der Himmel trüb, von Wolken dicht verhangen.
Der Wald stand stumm, wie ein verzaubert Reich,
Die Birken reckten schweigend schlanke Glieder
Und kaum ein Atmen regte das Gezweig.
Doch plötzlich ging ein Flüstern hin und wieder --
Geheimer Laut, der fernem Meere glich,
Und leise rauschend sank ein Regen nieder.
Mich focht's nicht an, und anfangs liess es sich,
Vom Schirm geschützt, nur desto frischer schreiten
Im feuchten Wind, der um die Schläfen strich.
Doch immer tiefer hüllte zu den Seiten
Der Wald sich in ein regnerisches Grau --
Und ratsam schien's, zurückzugehn beizeiten.
Da, wie ich so nichts ahnend um mich schau,
-- Ich muss es diesmal wirklich Zufall nennen --
Geht einsam grad vor mir die fremde Frau.
Ihr schwarzes Kleid war schon von fern zu kennen,
Auch Gang und Haltung täuschten sicher nicht,
Wenn uns ein gutes Stück auch mochte trennen.
An einer Stelle, wo der Wald sich licht
Um eine Wiese dehnte, blieb sie stehen
Und richtete zum Himmel das Gesicht.
Es schien ihr nicht geheuer auszusehen,
Denn längre Weile stand sie zögernd da
Und überlegte, wo sie könnte gehen.
Was weiter nun -- und wie es recht geschah,
Ist mir nicht klar. Doch weiss ich noch wie heute,
Dass ich sie nie bisher so heiter sah.
Sie tat, als sei'n wir altbekannte Leute,
Die sich ganz gut sind, ohne sich zu lieben,
Gestand, dass sie sich recht des Zufalls freute,
Der mich und meinen Schirm ihr zugetrieben,
Erkundigte sich auch, was ich getan,
Und warum ich so unsichtbar geblieben.
Erst wagt' ich ihrer Schulter kaum zu nah'n,
Doch später, als die Dunkelheit sich senkte,
Nahm ohne Zögern meinen Arm sie an.
Wie ich nun ganz nach ihr die Schritte lenkte
Und fühlte, dass die liebliche Gestalt
Zutraulich fest an meinen Arm sich hängte
Und wir so gingen durch den dunklen Wald
Und Regenrauschen -- ward mir bunt zumute,
Bald ängstlich, bald frohlockend, heiss und kalt.
Und wenn ich jetzt mit wieder ruh'gem Blute
Zurück mir rufe jenen nächt'gen Gang,
Dann fürcht ich fast, dass mich die böse Gute
Um alles brachte, was mir schon gelang.
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Sie ahnt jetzt wohl, dass ich nicht so begehrlich,
Als sich ihr rascher Argwohn vorgestellt,
Und dass auch sonst ich ziemlich -- ungefährlich.
Nur manchmal plötzlich, wenn sie spricht, gesellt
Ein etwas sich dazu -- fast könnt's mich kränken,
Als ob sie doch mich nicht für sicher hält.
Sie pflegt zur Erde dann den Blick zu lenken,
Besieht den Fuss, die Hand, so sehr genau,
Dass man wohl merkt, sie hat noch ein Bedenken.
Jedoch, wenn ich ihr dann ins Antlitz schau,
Versucht sie eiligst alles zu kachieren
Und tut, als ob sie blindlings mir vertrau.
Wir gehen fast alltäglich jetzt spazieren,
In Feld und Wald, an Uferberg und Strand
Und wissen uns ganz gut zu amüsieren.
Ich tu recht förmlich, steif und unbekannt,
Kaum, dass ich manchmal nach den Füssen spähe
Und leicht im Schreiten streife ihr Gewand.
Auch wird sie immer offner, wie ich sehe,
Erprobend das Vertraun, das sie mir lieh.
So sprach sie neulich mir von ihrer Ehe.
Ihr Mann ist Arzt -- weit älter schon als sie.
Sie sagt nicht viel von ihm, indess man kann
Wohl draus entnehmen, dass er kein Genie.
Auch sonst hört sich die Sache fast so an,
Als ob sie sonderlich nicht glücklich wäre ...
Vielleicht ein stiller, gutmütiger Mann,
Und sie nervös! Dann hat man die Misere.
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Zu ihren Füssen lag ich heut am Strand:
Wir waren rasch ein gutes Stück gegangen,
Nun sassen wir, uns auszuruhn im Sand.
Wie Kinder plauderten wir unbefangen
Von allerlei; sehr neues war es nicht,
Wir blieben gleich beim ersten besten hangen.
Auf einmal ward sie still. Das Angesicht
Ganz steil emporgerichtet, war's als spähe
Sie weissen Wölkchen nach, die einsam licht
Am blauen Himmel schwammen, gleich als sähe
Sie Dinge dort, so schön wie unbekannt.
So sass sie lang, vergessend meiner Nähe,
Derweil mechanisch ihre linke Hand
Im Sande spielte. Endlich hob sie an,
So leis', dass ich sie anfangs kaum verstand.
»Wie man in Menschen sich doch täuschen kann!
Ich hatte Sie, da ich Sie nur gesehen,
Ganz anders mir gedacht! Als einen Mann,
Den niemals mir gelänge zu verstehen.
Mir schien, uns sei bestimmt, uns abzustossen,
Im besten Falle -- uns vorbeizugehen.«
Ich wiederholte halblaut: ›Abzustossen?‹
Sie lächelte. ›Gewisslich‹ fuhr ich fort,
›Gewiss bin ich noch keiner von den Grossen,
Und bilde mir, soviel ich weiss -- mein Wort! --
Nichts Sonderliches auf mich selber ein.
Doch scheint's, verzeihn Sie, mir ein eigner Sport,
Den Unbekannten gleich von vornherein,
Eh' man noch kaum von ihm Notiz genommen,
Verdammen wollen, für uns tot zu sein.‹
Sie, was sie sagte wohl zu meinem Frommen
Bedenkend, sass noch eine Weile stumm,
Allmählich sah ich ihr ein Lächeln kommen,
Kokett fast wandte sie zu mir sich um
Und sagte munter: »Ja! ich kann's auch sagen.
Ich dachte mir, Sie sei'n -- weiss Gott, warum! --
Ein Sonntagskind! Die konnt' ich nie vertragen.«
›Weshalb?‹ »Vielleicht, weil mir das Glück zuwider,
Das sie so mühlos in der Welt erjagen.«
Nun brach sie ab. Ich rührte nicht die Glieder,
Nur leise fragt ich endlich nebenbei
Und beugte mich recht tief zur Erde nieder:
›Und -- denken Sie jetzt besser?‹ Gleich als sei
Die Antwort ihr nicht lieb, sass still sie da.
Dann sah sie auf und lächelte dabei