Mit erläuterndem Text

von

Dr. V. F. Klun

Professor der Geographie und Statistik an der

Handelsakademie, Docent an d. k. k. Universität

in Wien

und

Dr. Henry Lange

Secretär des Vereins von Freunden der Erdkunde

in Leipzig.

Das industrielle und commercielle Leben hat in den letzten Decennien einen

grossartigen Aufschwung genommen. Theorie und Praxis gehen Hand in

Hand; Real-, Industrial- und Handelsschulen, verschiedene Arten

Special-Fachschulen und technische Lehranstalten mehren sich in

Deutschland, Oesterreich, in der Schweiz, -- in fast allen Staaten

wendet man dieser Art Schulen eine besondere Aufmerksamkeit zu; denn die

Erkenntniss bricht sich immer mehr Bahn, dass Industrie und Handel zu den

wichtigsten Hebeln staatlichen Aufschwunges gehören.

Unter den Disciplinen dieser Lehranstalten nimmt die _Industrie-

und Handelsgeographie_ mit Recht einen hervorragenden Platz ein. Die

Beschreibung der Erdoberfläche im Allgemeinen und in ihren Theilen,

insofern diese als Schauplatz der Handelsthätigkeit der Völker auf

Grundlage der Urproduction und der Industrie betrachtet wird, ist _für

den Kaufmann wie für den Industriellen von hoher Bedeutung_. Ganz treffend

bemerkt Dr. K. ANDREE: »Die neue Zeit stellt auch an den Kaufmann und

Gewerbsmann neue Anforderungen. Die Gemeinsamkeit der Verkehrsanliegen

reicht über alle Erdtheile: wer sein Geschäft tüchtig mit Ueberblick und

Umsicht treiben will, muss die verschiedenen Länder kennen, ihre Weltlage,

ihre Erzeugnisse und Productionskraft, die Völker, ihren Charakter und ihr

Staatswesen. Nur dann vermag er die Verkehrsverhältnisse mit Klarheit zu

übersehen, einen weiten Gesichtskreis zu gewinnen und mit Sicherheit zu

combinieren, wenn er sie im Zusammenhange versteht, und ihr Wachsthum auf

geschichtlicher Unterlage verfolgt. _Das geographische Element bildet dabei

die Grundlage._«

Bereits zählt die geographische Literatur mehrere Lehr- und Handbücher,

welche das geographische Materiale von diesem Gesichtspunkte aus gesichtet

und geordnet haben, welche in Schule und Haus stets weitere Verbreitung

finden. _Welchen Werth hat aber wohl ein geographisches Lehrbuch ohne die

dem Buche angepasste Karte, ohne den entsprechenden Atlas?_ So reich unsere

Kartographie an politischen, physikalischen, historischen Atlanten ist,

ebenso arm ist sie an Karten, welche die industriellen und commerciellen

Verhältnisse der Staaten bildlich darstellen. Es ist keine Phrase die

Behauptung, dass ein »=Atlas zur Industrie- und Handelsgeographie=« _ein

wahrhaftes Bedürfniss für Schule und Haus ist_. Nicht blos für die

immer zahlreicheren technischen und commerciellen Lehranstalten in ihren

verschiedenen Abstufungen dürfte unser Atlas eine willkommene Erscheinung

sein; wir leben auch der Hoffnung, dass _jeder intelligente Industrielle

und Kaufmann_, Jeder, der die materielle Cultur der Staaten und Völker

ihrem wahren Werthe nach zu würdigen versteht, denselben freudig begrüssen

werde. Indem wir die Bekanntschaft mit den Grundbegriffen der Erdkunde beim

Leser voraussetzen, bieten wir ihm eine Uebersicht der Culturverhältnisse

der verschiedenen Staaten in 16 Tafeln, und die geographische Darstellung

soll durch den Text erläutert werden; -- das Ganze soll ein _praktischer,

anschaulicher Leitfaden_ zur Erkenntniss dessen sein, was im _praktischen

Leben unserer Zeit_ fast unentbehrlich ist. Dass wir das =gesammte

Deutschland=, insbesondere die beiden deutschen Grossmächte =Oesterreich

und Preussen= _ganz besonders hervorgehoben haben_, brauchen wir in

einem _deutschen_ Werke wohl nicht zu begründen. -- Der _Text_ wird eine

prägnante Charakteristik des Landes in Hinsicht der Urproduction, der

Industrie, des Handels, der Verkehrsmittel und derjenigen Factoren liefern,

welche die Träger und Förderer der materiellen Cultur eines jeden

Staates sind; es sollen generelle Charakterbilder sein, ferne davon,

ein »Adressenbuch« für Kaufleute und Fabrikanten zu werden, oder sich in

theoretisirende Details zu verlieren. Die _Karten_ versinnlichen den Text,

es sind Illustrationen, welche im Allgemeinen wie im Besondern ein Bild der

gewerblichen Thätigkeit eines Landes vorzuführen die Aufgabe haben. Text

und Karte ergänzen sich gegenseitig, _sie bilden zusammen ein Ganzes_.

In der Ueberzeugung, für den -- nach _Ritter's_ Ausspruch -- nicht

unwesentlichen Theil der geographischen Wissenschaft, für die

_Culturgeographie_ ein Hilfsmittel zu liefern, hoffen wir, dass unsere

Arbeit freundliche Aufnahme und wohlwollende Beurtheilung finden werde.

=Leipzig= und =Wien=, Mai 1863.

Oesterreich's Betheiligung am Welthandel: Betrachtungen und Vorschläge · 第 12 / 15 题