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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
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nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen sowie Schreibvarianten
bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern der Sinn des
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[Illustration]
Pastor Hallin
Roman von
Gustaf af Geijerstam
[Illustration]
S. Fischer, Verlag, Berlin
Autorisierte Übertragung
aus dem Schwedischen von Gertrud Ingeborg Klett.
Alle Rechte vorbehalten.
Inhalt
Seite
Erstes Kapitel 5
Zweites Kapitel 18
Drittes Kapitel 24
Viertes Kapitel 34
Fünftes Kapitel 46
Sechstes Kapitel 54
Siebentes Kapitel 66
Achtes Kapitel 79
Neuntes Kapitel 92
Zehntes Kapitel 97
Elftes Kapitel 115
Zwölftes Kapitel 125
Dreizehntes Kapitel 151
Vierzehntes Kapitel 164
Fünfzehntes Kapitel 173
Sechzehntes Kapitel 180
Siebzehntes Kapitel 192
Achtzehntes Kapitel 204
Neunzehntes Kapitel 215
Zwanzigstes Kapitel 227
Erstes Kapitel
Eine kleine Studentenbude in Upsala. Ein trübes Morgenlicht fällt durch
das einzige Fenster und scheint auf ein ungemachtes Schlafsofa und
einen ganz mit Büchern und Papieren übersäten schmalen Schreibtisch.
Die Lampe brennt; ihr Schein wird matter und matter vor der zunehmenden
Tageshelle.
Den Schlafrock eng um sich gezogen sitzt im Schaukelstuhl neben dem
Schreibtisch ein junger Mann und liest eifrig. In seiner schmalen
weißen Hand hält er ein Kollegheft; sein von einem kurzen, weichen Bart
bedecktes Gesicht beugt sich über die beschriebenen Blätter. Während er
liest, bewegen sich lautlos und hastig seine Lippen. Er sieht nicht,
daß das Tageslicht draußen die Lampe längst unnötig macht, trotzdem die
Sonne nicht durch das dichte Gewölk dringt. Es ist fast hell in der
Stube, so hell es Mitte Januar überhaupt werden kann. Aber er sieht es
nicht.
Nachdem er eine Zeitlang gelesen hat, steht er auf und geht ein paar
Schritte durchs Zimmer. Er dehnt die Brust, tut ein paar tiefe Atemzüge
und trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß ab, der seine Stirn
bedeckt. Aber er sieht nicht, daß es draußen hell ist, sondern setzt
sich still wieder an die Arbeit, indem er den Schaukelstuhl so nach der
Lampe zu dreht, daß er beim Lesen gut sieht.
Ein Beobachter hätte in seinem Gesicht vergeblich nach wirklichem
Interesse gesucht. Es lag darin derselbe Ausdruck wie bei einem
überanstrengten Schuljungen, der gerade eine schwere Aufgabe lernt. Er
legte das Buch aufs Knie, murmelte das, was er sich soeben eingeprägt
hatte, auswendig vor sich hin, und fing dann an, laut herzusagen,
während er mit der freien Hand auf dem Arm des Schaukelstuhls den Takt
dazu schlug.
Dann saß er wieder still und lernte mechanisch, bis die Uhr, die neben
ihm auf dem Schreibtisch lag, auf Neun wies. Da erhob er sich, schaute
zum Fenster hinaus, und als er wieder ins Zimmer blickte, merkte er
plötzlich, wie unnatürlich bleich das Petroleumlicht dem Tageslicht
gegenüber war. Er schraubte die Lampe herunter, löschte sie aus und
begann mit dem Kollegheft in der Hand im Zimmer auf und ab zu gehen.
Gleich darauf klopfte es an die Tür, und eine Frauenstimme rief:
„Bist du fertig?“
Der junge Mann legte das Heft aufgeschlagen auf den Schreibtisch und
begann vor dem kleinen viereckigen Spiegel, der über der Kommode hing,
seine Toilette in Ordnung zu bringen.
„Guten Morgen, Tante... Gleich!“
Er vertauschte den Schlafrock gegen einen Rock aus billigem grauem Tuch
und ging hinaus ins Eßzimmer, das neben seiner Stube lag.
Eine ältere Dame stand wartend vor dem gedeckten Frühstückstisch, auf
dem die Teemaschine dampfte und pustete.
„Guten Morgen, lieber Junge!“ sagte sie.
Sie betrachtete ihn eine Weile ängstlich forschend: „Schrecklich, wie
müde und mitgenommen du aussiehst! Bist du wieder seit sieben Uhr auf?“
Der junge Mann setzte sich mit niedergeschlagener Miene an den Tisch.
„Es ist ja jetzt bald vorüber; wenn ich nur durchs Examen komme!“ sagte
er.
„Ja, wenn’s nur schon vorüber wäre!“ sagte seufzend die alte Dame. „Du
reibst dich ja vollständig auf auf die Weise. Was glaubst du, daß deine
Mutter sagen wird, wenn sie dich wiedersieht?“
Der junge Mann zuckte die Achseln und trank schweigend seinen Tee.
Nach einer Weile fragte er: „Weißt du, ob es sehr kalt ist heute,
Tante?“
Sie warf einen Blick zum Fenster hinaus.
„Es scheint recht rauh“, erwiderte sie. „Es hat geschneit heut Nacht.
Du mußt dich schon warm anziehen, wenn du ausgehst.“
Und als er gefrühstückt hatte, begleitete sie ihn ins Vorzimmer, um
nachzusehen, ob er auch seinen Überzieher ordentlich zuknöpfte.
Ernst Hallin ging die Järnbrostraße hinab und schlug den Weg nach
der Flusterpromenade ein. Fünf Jahre war er jetzt in Upsala, und in
all diesen Jahren hatte er denselben Spaziergang gemacht gleich nach
dem Frühstück. Ehe sein Freund Simonson das Staatsexamen gemacht und
angefangen hatte, zu „praktizieren“, hatte ihn der immer in der Wohnung
abgeholt und auf dem Spaziergang begleitet. Aber seit Simonson letztes
Frühjahr Upsala verlassen hatte, war er immer allein gegangen, nicht
zum Vergnügen, sondern weil es notwendig war, wenn er vormittags
studieren wollte.
Seit ebenso vielen Jahren, als er diesen Spaziergang machte, wohnte er
auch bei seiner Tante, Fräulein Edla Lund.
Fräulein Lund war eigentlich garnicht Ernst Hallins Tante. Sie war
überhaupt nicht mit ihm verwandt. Aber er nannte sie Tante, weil
sie eine Freundin seiner Mutter war, die Freundin, der seine Mutter
den Sohn anvertraut hatte, als sie sich entschließen mußte, ihn zum
erstenmal in die Welt hinaus zu schicken.
Fräulein Lund war eine fromme Dame, die nur einen einzigen Pensionär
-- eben Ernst Hallin -- und im übrigen einen Kosttisch für Studenten
hatte. Außerdem war sie Mitglied der christlichen Gesellschaft in
Upsala, teilte ihr Interesse zwischen dem Kosttisch, der ihren
Leib, und halbtheologische Lektüre, die ihre Seele speiste. Als die
populärtheologischen Vorlesungen Mode wurden, gehörte sie zu deren
ständiger Zuhörerschaft. Sie besaß einen kleinen Feldstuhl, den sie
immer bei sich trug, damit sie nicht stehen mußte. Und alles, was das
alte Fräulein an unverbrauchtem Muttergefühl besaß, hatte sie in diesen
fünf Jahren über Ernst Hallin ausgeschüttet, den sie hegte und pflegte,
für den sie handelte und dachte, den sie vergötterte und verwöhnte.
Ernst Hallin ging mit langen, etwas wiegenden Schritten seinen
gewohnten Weg hinunter nach der Flusterpromenade. Es war trüb und rauh
außen, bloß wenige Spaziergänger waren zu sehen, und wer sich blicken
ließ, hatte es eilig, hastete mit den Händen in den Taschen und tief
zwischen die Achseln geducktem Kopf durch die Straßen, wo der frisch
gefallene Schnee von den Trottoirs gefegt war und auf beiden Seiten des
Fahrdamms hoch in den Rinnsteinen lag.
Er vermied die Straßen am Fluß, um nicht die Neue Brücke und die
„akademische Ecke“ passieren zu müssen, wo immer viele Leute waren, und
wählte statt dessen die Trädgårdsstraße, durch die er ungestört hinab
zur Flusterpromenade gelangen konnte. Er wollte allein sein. Sonst kam
er nicht rechtzeitig heim, und eine halbe Stunde später als gewöhnlich
bedeutete drei Seiten zu wenig im Kollegheft.
Er dachte mit Unbehagen daran, daß ihm nur noch so kurze Zeit in Upsala
blieb. Während seiner ganzen Studienzeit hatte er sich so wohl gefühlt
hier. Das Studentenleben liebte er nicht, und vor dem Wirtshaus hegte
er einen Abscheu, den er von daheim geerbt hatte. Aber Upsala liebte
er. Es ließ sich so gut ruhig arbeiten in dieser Stadt. Wenn man nicht
wollte, so brauchte nichts, kein Ding des äußeren Lebens, nichts von
der Welt draußen einem dazwischen zu kommen und einen zu stören. Ruhig,
friedvoll und still konnte man in der glatten gleichmäßigen Flut des
Studierens und Lernens versinken. Die Welt ringsum war wie verschwunden
und tot. Die Studierlampe verblaßte erst vor dem Tageslicht.
Und er +hatte+ studiert. Wie friedlich und wohltuend waren
nicht die ersten Jahre gewesen! Ohne Hast hatte er sein Pensum
durchgenommen, die Vorlesungen besucht, Kolleg nachgeschrieben,
Privatstunden genommen, die Bibel im Urtext gelesen, gearbeitet und
seine Examina gemacht. Daneben hatte er noch alles mögliche lesen
können, was ihn interessierte. Keine leichte Tagesliteratur oder
unruhvolle Streitschriften, sondern die Kirchenväter, weitläufige
Kirchengeschichten, Abhandlungen über die Gottheit Christi oder
über den Glauben, Schilderungen aus dem Leben heiliger Männer, und
Weltgeschichte, im Licht des Christentums gesehen. Oder auch hatte
er die alten Dichter, manchmal auch einen oder den anderen neueren,
der seiner Ansicht nach auf irgendeine Art dem Christentum nahstand,
gelesen.
Es war eine seltsame Zeit, voll aufeinanderfolgender neuer Eindrücke
und wechselnder reicher Gedanken. Je einförmiger die Tage hingingen,
desto inhaltsreicher erschienen sie ihm und desto leichter kam er
zurecht mit seinen Zweifeln.
Denn Ernst Hallin dachte mit einer Mischung von Furcht und Stolz daran,
daß er Zweifel gehabt hatte, Zweifel, die er, wie Augustinus und andere
heilige Streiter der Kirche, stetig aus seinem aufrührerischen Herzen
herauszuarbeiten suchte. Das war ein Geheimnis, das er tief in sich
barg, und bei seiner anspruchslosen Art hätte niemand ahnen können,
wie tief er im innersten auf alle die Kinder der Welt, die nie eine
derartige Leidensgeschichte durchgemacht hatten, herabsah.
Jetzt aber, da er im Begriff stand, seine Studien abzuschließen, war
diese Zeit gleichsam vergessen -- verschwunden. Jetzt ward er von
unwillkommenen prosaischen Gedanken heimgesucht, die ihn Tag und Nacht
quälten. Das Allersonderbarste dabei war, daß die Zweifel gar nicht so
ganz erstickt waren, wie er in den glücklichen und ruhigen Tagen seiner
Studienzeit geglaubt hatte. Nun er keine Zeit mehr hatte, sie täglich
und stündlich einzulullen, nun kamen sie in den neuesten, trivialsten
Erscheinungen und beunruhigten ihn.
Und zu allem andern hin trug er noch eine ständig wachsende Angst mit
sich herum vor dem Tag, der immer näher rückte, dem Tag, an dem er als
fertiger Mensch ins Leben hinaustreten sollte.
Fertig!
Ja, er wußte ja, daß er fertig werden +mußte+. Der Vater hatte es
ihm geschrieben. In einem Jahr wurde sein jüngster Bruder Student. Und
der Vater hatte nicht die Mittel, zwei Söhne auf der Universität zu
unterhalten.
Der Schnee lag weiß auf den Bäumen der Promenade. Er deckte die
Sträucher in den Anlagen, daß sie aussahen, wie poröse runde
Schneehügel, über dem ganzen Gelände lag es gleich einer ausgebreiteten
weißen Decke, und der Himmel hing voll grauen treibenden Gewölks.
Ernst Hallin sah heute nichts von der Natur. Er dachte in einer Art
seltsamer, halbwacher Reflexion an die Armut, von der er eigentlich gar
nicht wußte, was sie überhaupt war, er, der ja doch seiner Lebtag noch
nie selber für sich hatte zu sorgen brauchen. Und dabei fiel ihm die
Heimat ein, Gammelby, wo der Vater ein armer Gymnasiallehrer war, der
seit mehr als zwanzig Jahren am Gymnasium dort unterrichtete. Und in
ihm erwachte das Religionsgefühl für die Heimat.
Als er auf der Promenade so weit gekommen war, daß er das Ende vor
sich sah, blieb er stehen und zog die Uhr. Es war über Zehn. Er kehrte
um und ging, etwas gebückt und mit eiligen Schritten, heimwärts.
Unterwegs begegnete er ab und zu einem, der in der gleichen Absicht
wie er hier herumlief -- um ein bißchen frische Luft zu schöpfen vor
dem Im-Zimmer-Hocken. In der nebligen Morgenluft strichen sie an
ihm vorüber, ohne daß er sie auch nur bemerkt hätte. Er dachte bloß
noch daran, so schnell wie möglich heimzukommen, wieder in seinen
Schlafrock zu schlüpfen und sich dann in seinen Schaukelstuhl zu
setzen, um zu studieren, zu studieren bis zum Mittagessen.
So viel war noch durchzunehmen, so viel mußte getan werden. Es war
fast, als würde es immer mehr, je länger er studierte. Und er hatte
solche Angst, vielleicht etwas versäumt zu haben, daß ihm der kalte
Schweiß auf der Stirn stand, so oft er nur an das Examen dachte, das
vor ihm lag. Und das, trotzdem er ja wußte, daß das Examen eigentlich
nur noch eine Formsache war, trotzdem jedermann ihm sagte, er
+könne+ gar nicht durchfallen.
Sachte zog er im Vorzimmer den Mantel aus und ging durch das Eßzimmer
in seine Stube. Dort vertauschte er die Stiefel gegen ein Paar
Filzschuhe, hüllte sich in den Schlafrock und setzte sich in den
Schaukelstuhl.
Aber ehe er zu arbeiten begann, erwartete ihn noch ein Genuß. Aus einer
Ecke hinter dem Schreibtisch nahm er eine lange Holzpfeife, zündete sie
an und ließ ein paar Minuten lang den Rauch um sich qualmen.
Hierauf griff er aufs neue nach dem Kollegheft, das noch aufgeschlagen
auf dem Schreibtisch lag, begann genau da, wo er am Morgen aufgehört
hatte, und bald ging der Schaukelstuhl in gleichmäßigem Takt über die
Dielen des Fußbodens, während Ernst Hallin sich eifrig bemühte, das
Niedergeschriebene seinem Gedächtnis einzuprägen.
Derselbe Ausdruck uninteressierten Auswendiglernens wie am Morgen lag
auf seinem Gesicht. Nachdem die erste Stunde so vergangen war, erhob er
sich aus dem Schaukelstuhl und ging ungeduldig ein paarmal im Zimmer
auf und ab. Dann steckte er sich eine frische Pfeife an und stellte
sich ans Fenster. Auf seinem Gesicht lag ein unsagbar müder, gequälter
Ausdruck. Seine Gesundheit war immer schwach gewesen, und die Arbeit
des letzten Jahres hatte ihn stark mitgenommen. Im ersten Jahre nach
dem Abiturientenexamen war er so kränklich gewesen, daß er nicht
einmal nach Upsala konnte. Er vermochte nicht mehr als eine, höchstens
zwei Stunden zu studieren, ohne daß seine Stirn sich mit Schweiß
bedeckte, eine matte Schläfrigkeit seinen ganzen Körper überfiel, und
in seinem Gehirn sich eine seltsame Leere fühlbar machte, die ihn
beunruhigte und erschreckte. Bücher, die ihn interessierten, konnte er
haufenweise lesen, ohne daß er sich dabei unwohl fühlte. Das einförmige
Dreschen und Bohren, das war es, was ihn aufrieb. Eine einzige
Fähigkeit -- das Gedächtnis -- bis aufs äußerste anstrengen, während
die andern alle ruhten -- das wars, was ihm einen Knacks gegeben
hatte! Aber er wußte -- er mußte weitermachen; er nahm die Arbeit
wieder vor, ging im Zimmer auf und ab und las laut, um die Gedanken
besser wachzuhalten. Ab und zu blieb er am Fenster, am Schreibtisch
oder mitten in der Stube stehen, schlug mit der Hand in die Luft,
stampfte dazu auf den Boden und drosch so wieder und immer wieder eine
schwierige Stelle, die nicht festsitzen wollte, durch. Manchmal schlug
er sich, damit es besser haften sollte, zu wiederholten Malen mit
dem Heft vor die Stirn. Schließlich lief er, das Heft auf dem Rücken
haltend, mit Sturmesschritten im Zimmer auf und ab, während er halblaut
die Worte des Kollegs dazu murmelte.
Und trotzdem vermochte er seine Gedanken nicht zusammen zu halten.
Mitten drin, während er suchte, sich den Inhalt des Kollegs äußerlich
ins Gedächtnis zu prägen, diese alten, bekannten Dinge, die er seit
Jahren wußte, konnten seine Gedanken plötzlich, wie aus Müdigkeit oder
Unvermögen, zu etwas anderem weggleiten. Er dachte auf einmal ans
Examen, grübelte darüber nach, was für ein Gefühl es wohl sein mochte,
bestanden zu haben und heim zu dürfen! Wie würde das sein? In ein
paar Tagen würde er es wissen. Dann dachte er daran, wie die Mutter
daheimsitzen und sich ängstigen, und daß er nun bald wieder bei den
Seinen sein würde.
Oder auch flog ihm ein anderes Bild durchs Gehirn, irgend etwas, das
er auf der Straße gesehen hatte, eine Szene zwischen ein paar Hunden,
der Rektor Magnificus, den er vor der Domkirche getroffen hatte, oder
eine bleiche Schöne im langen Mantel und koketten Federbarett, die
ihm Augen gemacht hatte, als er vor ein paar Tagen die Karolinenhöhe
hinaufgegangen war. Während er auf dem Läufer, der quer durchs Zimmer
gelegt war, auf und ab ging, setzte er manchmal die Füße in gewissen
berechneten Zwischenräumen, trat nur auf gewisse Farben und zählte,
wieviele Schritte es dabei von der Wand zum Fenster waren. Dann kehrte
er um und versuchte, die Füße genau auf dieselben Stellen zu setzen,
auf die er zuvor getreten war. Oder auch er trommelte mit den Fingern
Melodien und bemühte sich, sie so herauszukriegen, daß sie gleich
ausgingen, so daß, wenn er mit dem Daumen anfing, sie beim kleinen
Finger aufhörten.
Ohne zu lesen, ohne zu denken, ohne sich überhaupt nur bewußt zu
sein, daß die Zeit verstrich, konnte er dann wieder im Schaukelstuhl
sitzen und träumen oder heftig im Zimmer umherlaufen, die Hände in
den Hosentaschen, mit flatterndem Schlafrock, bis er dann plötzlich
instinktiv vor der Uhr stehen blieb, die auf dem Schreibtisch lag, und
sah, daß es fast halb Zwei war.
Sofort ergriff er wieder das Heft und lernte, als gälte es das Leben --
bis zum Mittagessen.
Fräulein Edla Lund machte sich inzwischen in ihrer Wohnung zu schaffen
und besorgte das Essen. Bald war sie draußen in der Küche, bald innen
im Eßzimmer. Nicht eine Minute kam sie zum Sitzen, wie sie sagte.
Aber ihre größte tägliche Sorge war, wie sie sich möglichst still
verhielte, damit ihr lieber Kandidat drinnen in Ruhe arbeiten konnte.
Wurde er auch nur im geringsten gestört, so war es ihm unmöglich, zu
lesen und zu denken, das wußte sie. Darum achtete sie genau darauf,
daß die Tür hinaus in die Küche geschlossen war, damit in der Stube des
Kandidaten gewiß kein Laut klappernden Kochgeschirrs zu vernehmen wäre.
Sie selber ging auf dünnen, weichen Schuhen leicht wie eine Katze hin
und her und machte die Türen so sorgsam und vorsichtig zu, daß nicht
einmal das Einschnappen des Schlosses durch seine geschlossene Tür
dringen konnte. Wenns ans Tischdecken ging, so besorgte sie das immer
selber, und es war ganz merkwürdig, wie gut sie gelernt hatte, mit
Silber und Porzellan zu hantieren, ohne zu klappern.
So still war es in dem alten Haus an der Järnbrostraße, als wäre man
mit einmal auf den Kirchhof draußen versetzt. Der einzige Laut, der
hörbar wurde, war der Schritt des Kandidaten, wenn er auf der Matte in
seiner Stube auf- und abwanderte, oder das Knarren des Schaukelstuhls,
wenn er über eine unebene Diele ging.
Wenn es drei Uhr war, begann es an der Vorzimmertür zu läuten, und
die Mittagsgäste stellten sich nacheinander ein. Um ein Viertel nach
Drei waren alle da, und Fräulein Lund klopfte wieder an Ernst Hallins
Zimmertür.
„Es ist angerichtet.“
Bald darauf standen alle andächtig hinter ihren Stühlen und beteten das
Tischgebet. Das dauerte eine gute Weile, und nachdem man sich gesetzt
hatte, schwieg im Anfang alles, gleichsam über das Gebet nachdenkend,
während Fräulein Lund die Suppe ausschöpfte.
Außer Ernst Hallin und der Wirtin bestand die Gesellschaft aus drei
jungen Kandidaten der Theologie und einem Kandidaten der Philosophie,
einem Pietisten. Fräulein Lund nahm nur Studenten, die christlich
gesinnt waren.
Ernsts Freund, Pastor Simonson, hatte früher auch zu dieser
Gesellschaft gehört; er hatte es immer am besten verstanden, das
Gespräch in Gang zu halten. Er hatte immer eine ganze Menge
Gesprächsstoff, brachte theologische Fragen aufs Tapet während des
Essens und hielt selber kleine improvisierte Vorträge, um diese Fragen
zu entscheiden. Mit einem Wort -- er war die Seele der Gesellschaft
gewesen.
Seitdem er fort war, fand sich viel schwerer ein Gesprächsstoff. Jeder
einzelne saß stumm, nur mit seinem Teller beschäftigt, da, und statt
der früheren lebhaften Debatten hörte man jetzt bloß vereinzelte
abgebrochene Bemerkungen oder kurze Fragen und Antworten.
Wenn das Essen zu Ende war, versammelten sich auf eine Weile alle im
Zimmer der Wirtin, das auf der anderen Seite des Eßzimmers lag, um den
Kaffee zu nehmen.
Es war ein feines, hübsches Zimmer, mit einem Teppich auf dem Fußboden
und alten Gravüren an den Wänden. Die Möbel waren zum großen Teil
altmodisch, im Empirestil, mit vergoldeten Kanten und geraden, schmalen
Beinen. Unter einem hohen, vergoldeten Spiegel stand ein eingelegtes
Bureau mit Bronzehandgriffen, und zu beiden Seiten des Tisches standen
weiche, altmodische Lehnsessel. Über dem ganzen Zimmer lag ein starker
Lavendelduft, der schwächer auch in der übrigen Wohnung bemerkbar
war und dem Eintretenden, der von außen die Vorzimmertür öffnete,
entgegenschlug.
Für Ernst Hallin hatte dieser Duft eine Bedeutung erlangt, die eng
verknüpft war mit seinem Heimatsgefühl. Er genoß ihn ganz unbewußt,
und wenn er nach der Arbeit nervös war, beruhigte er ihn stets.
Manchmal kam ihm eine solche Sehnsucht danach, daß er sich irgend etwas
außerhalb seines Zimmers zu schaffen machte, nur um ihn besser zu
riechen.
Er war wenig gesellig und verstand sich nicht auf den Verkehr mit
andern. Deshalb saß er schweigend in Fräulein Lunds Zimmer und ließ die
andern reden, ohne überhaupt zuzuhören, was sie sagten. Waren sie alle
gegangen, so zog er sich zum zweiten Mal zum Ausgehen an, um seinen
Spaziergang zu machen, ehe er sich aufs neue an die Arbeit setzte.
Diesmal gings in den Karolinenpark. Der war so nah bei der Hand, und
abends zog es ihn am meisten dorthin. Die großen, astreichen Bäume
verdichteten die Dämmerung noch mehr, und die Nähe des Kirchhofs hatte
für ihn etwas Stimmungsvolles, Wohltuendes.
Hier waren seine Gedanken am freiesten.
Weich von Gemüt, gewöhnt, sich selber zu hätscheln, hatte er einen
gewissen Hang zur Melancholie. Es kam vor, daß er ihr geradezu aus
Genußsucht nachging, wenn sie nicht von selber kam.
Über eine Stunde lang pflegte er hier einsam auf dem breiten Weg, der
längs der steinernen Kirchhofmauer hinlief, umherzuwandern. Wenn er
dann wieder heim kam, setzte er sich aufs neue vor die brennende Lampe
und studierte.
Abends, wenn die Lampe angezündet war, fühlte er sich stets ruhiger,
als wenn er bei Tageslicht studierte. Er war dann gezwungen, vor seinem
Buch stillzusitzen, und die zerstreuungssüchtigen Gedanken waren ganz
von selbst fort. Es war so warm und ruhig im Zimmer; über den Blättern
des Buchs stieg der Rauch von der einzigen Zigarre auf, die er täglich
zu rauchen pflegte.
In diesen Stunden arbeitete er immer am besten.
Wenn es halb acht Uhr war, erhob er sich und machte aufs neue
„Gesellschaftstoilette“. Dann hatte er sich müde studiert, die Gedanken
verlangten darnach, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, -- er hielt
es nicht länger aus. Und er fühlte sich frischer und lebenslustiger
jetzt als den ganzen Tag über. Mit einem Seufzer der Befriedigung
löschte er sein Licht und ging hinüber in das kleine Zimmer auf der
andern Seite der Eßstube, wo Fräulein Lund schon bei der brennenden
Lampe saß und auf ihn wartete.
Da ließ er sich häuslich nieder und war so lebendig und heiter, als
hätte er das Büffeln und Schinden überhaupt ganz vergessen. Er hatte
die Tante aufrichtig lieb und redete mit ihr, wie er mit seiner Mutter
nie hatte reden können!
An solchen Abenden hatte er auch seine Zweifel bekannt. Fräulein Lund
hörte ihn an und verstand ihn und freute sich, daß sie einer suchenden
Seele von Nutzen sein durfte.
Sie saß im Sofa mit ihrem Strickzeug, und ihr ein bißchen dickliches,
freundliches Gesicht lachte ihm liebevoll entgegen, als er eintrat.
„Ist Schluß für heute?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete er und ließ sich in den einen Lehnstuhl niedersinken.
„Jetzt ist Schluß.“
Als er eine Weile so gesessen hatte, nahm er vom Tisch Ibsens „Brand“.
„Wollen wir weitermachen?“ fragte er.
Die alte Dame nickte; Ernst Hallin wandte das Buch nach dem Lampenlicht
und begann zu lesen.
Mit milder, wohllautender Stimme las er das gewaltige Gedicht von
einem Menschen, der nicht leben kann in der Stadt. Er träumte sich
selber hinein in diesen Konflikt, der unlösbar ist, er kämpfte in der
Phantasie den Kampf der gewaltigen Gedanken; und er glaubte, das Urteil
eines christlichen Asketen über die elenden Menschenkinder zu lesen.
Als er einen Akt gelesen hatte, legte er das Buch nieder; es ward still
in dem kleinen Zimmer.
„Das ist Christentum!“ sagte er endlich.
Das alte Fräulein nickte; und sie redeten lange davon, was Ibsen mit
Brand gemeint hätte.
Dann gingen sie ins Eßzimmer und tranken Tee. Ganz von selber kam
das Gespräch wieder ins gewöhnliche Geleise. Sie redeten von dem
bevorstehenden Examen, dem nahen Scheiden, von Gammelby und von Ernsts
Elternhaus.
Zweites Kapitel
Gammelby liegt auf einer weiten Fläche; auch da, wo die Fläche jäh zum
Berghang aufbiegt, geht noch die Stadt mit, und auf dem Gipfel des
Hügels liegen schöne neue Häuser zwischen Gärten. Unten, am Fuß des
Hügels, dehnt sie sich weit und breit verästet aus, als wäre sie zu
beiden Seiten um die Große Straße ausgequollen, die vom Burghof, wo die
Statthalterei liegt, sich hinüber erstreckt bis zum Tor, bei dem eine
alte Brücke über den Fluß führt.
Die Stadt ist voll von kleinen Gassen und Quergassen, winkligen,
wunderlichen, phantastischen Gäßchen mit langen, verwitterten Zäunen,
über die dürre Apfelbäume ihre nackten Zweige strecken. Schmal sind
die Gassen da; dicht unter den Fenstern sind die Rinnsteine; im
Sommer, wenn es warm ist, steht da verdorbenes Wasser und stinkt, und
der Geruch dringt in die niederen Häuser, die in langen Reihen, ein
Stadtviertel neben dem andern, zu beiden Seiten der Großen Straße
stehen.
Hier kehrt das Unglück ein in den Heimstätten der Armen; die Kinder
sterben an ansteckenden Krankheiten. Und die klugen Leute sagen,
dies sei das einzige und wahre Hilfsmittel der Natur gegen die
Volksvermehrung.
Aber wenn der Winter kommt, liegt der Schnee dick zwischen den Häusern.
Wo der Schneepflug gefahren ist, drängen dichte Wälle sich hoch gegen
die Fensterrahmen, und mitten auf der Gasse läuft ein schmaler Pfad,
grau getrampelt von groben Schuhen. Aus den großen Schornsteinen der
kleinen Häuser steigt der Rauch; und schlecht steht’s um die, die kein
Holz in ihren Herd zu schieben haben.
Hier wohnt die Bevölkerung, von der die ganze Stadt lebt. Hier wohnen
die Fabrikarbeiter, die Zimmerleute, die Flößer und die Arbeiter
auf den großen Holzplätzen. Hier sind die großen Höfe, auf denen
Familien, vom Großvater her, seit mehr als hundert Jahren wohnen. Die
Männer haben die großen Holzflöße den gewaltigen Strom hinab geleitet
oder haben in der dumpfen Luft der Fabriken geschafft. Und die Weiber
haben neue Arbeiter geboren, die die Alten, wenn sie gingen, ersetzen
sollten. Neue Arbeiter sind herzugezogen aus anderen Gegenden des
Landes, seit die Eisenbahn geht, immer lebhafter ist der Verkehr
geworden, immer mehr Fabriken sind erstanden.
Und es ist, als nähme der reinliche, reiche Teil der Stadt seine
Schmuckheit und seinen Wohlstand von diesem schmutzigen Stadtteil.
Neben der Großen Straße und um den Markt herum liegen die feinen
Gebäude, grade, starre Steinhäuser mit schön geschmückter Front, Seite
an Seite mit den alten, gemütlichen Holzbauten, die gleichsam bucklig
vor Alter dastehen und mit großen, dunklen Fensteraugen auf den steifen
Baustil hinausstarren, der sie mit all seinen Neuzeits-Bequemlichkeiten
verdrängen will.
Hier sind die Straßen gut gehalten, die Trottoirs sind mit glatten
Steinen gepflastert, winters sind sie gefegt, und die Arbeiter führen
in großen Karren den überflüssigen Schnee fort.
Auch ihr kleines Villenviertel hat die Stadt. Droben am Hang, wo die
Birken schlank und weißstämmig und licht mit langen, fließenden Zweigen
in der Frühlingssonne stehen, liegen kleine Häuschen im Schweizerstil
und blinken fröhlich durch das Laubwerk. Daneben sieht man große,
lustige Holzhäuser mit Terrassen und Erkern, die aussehen, als wären
sie tatsächlich bloß dazu da, um recht wunderlich auszusehen. Zu
oberst, auf einsamer Höhe, liegt eine Steinvilla, die einen viereckigen
Aussichtsturm mit einer Flagge darauf hat.
Hier wohnen die reichen Kaufleute mit ihren Familien, die wohlhabenden
Fabrikbesitzer, der Bankdirektor; nicht bloß alte, ehrwürdige Familien
wohnen hier, sondern auch manch junger Haushalt hat zwischen den Alten
Platz genommen. Die reichen Familien haben untereinander geheiratet,
sich mit einander assoziiert gegenseitig für einander gebürgt, so daß
der ganze Geldhaufen sich auf ein paar Wenige gesammelt hat, die ihn
nun gemeinsam besitzen; und diese Wenigen halten gut zusammen; denn sie
wissen, Einigkeit macht stark.
Diese Wenigen sind es aber auch, die der Stadt das geschenkt haben, was
man ihren Wohlstand nennt; von ihnen kommen die Möglichkeiten zu einem
kleinen, wohlgeordneten Gemeinwesen. Zu Tausenden haben sie Bretter,
gewaltige Holzflöße hinausgeschifft, haben Sägewerke gebaut, Fabriken
angelegt, die Eisenbahn zustande gebracht. Daß all dies auf Kosten
anderer geschah, das war eine Sache, über die sich in Väterzeiten
niemand den Kopf zerbrach. Man gab jedem das Seine und behielt ohne
Skrupel die großen Überschüsse des allgemeinen Verdienstes. Und aus
diesen Überschüssen bildeten sich die großen Reichtümer der Familien.
Es ging fröhlich zu in den großen Kaufmannshäusern der alten Tage,
und die Vornehmen, die sich in der Residenz des Landshöfdings
versammelten, mochten gern ihren Kreis für sich bilden. In den alten
Kaufmannsfamilien wurden dafür große, fröhliche Feste abgehalten, bei
denen drei Tage lang gegessen und getrunken ward. An Weihnachten zogen
die Feste von einem Haus zum andern, und altes Weihnachtsbier wechselte
ab mit Wein aus den großen Fässern, die tief in den reichen Kellern
verborgen lagen.
Aber in der letzten Zeit hatte viel sich geändert. Ein neues Geschlecht
wuchs auf mit neuen Gedanken über das Leben und neuen Forderungen.
Das neue Geschlecht legte Gas- und Wasserleitung an, schaffte eine
Heizvorrichtung für die Kirche, rief Eisenbahngesellschaften und
Aktienbanken ins Leben. Und die neuen Lebensbedingungen brachten eine
neue Lebensweise mit sich.
Aber eins blieb sich doch gleich. Das waren die großen Feste. Das lag
an der kargen Natur hoch oben im Norden, die als Gegengewicht gegen
den langen traurigen Winter forderte, daß im Haus Freude sein müsse um
jeden Preis! Darum wird auch in den Städten des Nordens mehr gegessen
und getrunken als in der ganzen übrigen zivilisierten Welt. Denn
die unmäßigen Schmausereien sind nichts anderes als ein gewaltsamer
Versuch, dem Menschen um jeden Preis die Freude zu schaffen, die die
Natur ihm zu versagen scheint. Der Winter, der lange, dunkle Winter
hat sie gelehrt, sich zu berauschen, weil ja doch übergenug Zeit da
ist, den Rausch auszuschlafen. Der Winter, der lange, kalte, hat sie
gelehrt, wochenlang beim Mahl zu schwelgen, weil die Arbeit ja doch
ruhen muß. Der Winter mit seinem Frost und Schnee setzt den Nordländer
neben dem Bewohner des Südens zurück. Denn tatsächlich können wir drei
Jahre leben, solange er eins lebt.
Aber im Winter wie im Sommer steht die Kirche offen; und winters drängt
sich das Volk ins Gotteshaus, und des Priesters düstre Lehre gewinnt
Seelen zu Tausenden; und die Menschen, die auf Erden alles missen,
verträumen die Erinnerung an ihr Leid und ihr Entbehren im Gedanken an
das Land der Seligkeit, das sie dereinst, wenn der Tod die gefürchteten
Tore der Befreiung geöffnet hat, aufnehmen wird.
Einsam liegt die alte gotische Domkirche auf dem großen grünen Platz,
das Rathaus auf der einen Seite, das Gymnasium auf der andern; in
der Kirche versammeln sie sich alle, vornehm und gering, arm und
reich. Dorthin gehen die Armen, Männer und Weiber, die Männer in
dunkeln Röcken, mit roten oder blauen wollenen Tüchern um den Hals
und schwarzen, wunderlichen Zylindern oder dicken Mützen, die Weiber
in Hauben oder schwarzseidenen Tüchern, das abgenutzte Gesangbuch,
das sie in Händen halten, fromm in das saubere Baumwolltaschentuch
eingewickelt. In langen, dunkeln Reihen sitzen sie da, auf der einen
Seite die Weiber, auf der andern die Männer, und wenn der Name Gottes
oder Jesu genannt wird, so neigen sich die Frauen, wenn sie stehen,
oder beugen das Haupt, wenn sie sitzen. Weiter vorn in der Kirche und
in der Mitte muß man sich seinen Platz kaufen; da sitzen die feinen
Damen und einige wenige Herren. Denn die feinen Herren gehen nicht oft
in die Kirche. Aber Damen und Herren halten sich streng unter sich
abgeschlossen, ganz wie ihre Häuser an der großen Hauptstraße der Stadt
oder droben am Waldsaum, wo die Villen hervorschauen. Da sind die
Bänke des Bischofs, des Landeshöfdings, die Bank des Dompropstes, die
Bänke der Landeskanzlei, der Geistlichen, der Lehrer, die Bänke des
Bürgermeisters und der Stadträte. Und an hohen Festtagen ist alles voll
von feinen Röcken und Pelzen, von kahlen oder wohlfrisierten Köpfen,
davor auf der Bank eine lange Reihe von schwarzen Hüten. Hier sitzen
Herren und Damen durcheinander. An gewöhnlichen Sonntagen freilich ist
es mager bestellt mit Herren, und die feinen Damen mit ihren Töchtern
sitzen ziemlich vereinsamt in den Bänken, an denen der Name des
Inhabers auf einem weißen Schild angeschlagen steht.
Und die Zeit geht ihren Lauf, mit kurzen Sommern und langen Wintern,
mit Arbeit, Kirchenbesuch und Gastereien.
Grade in solchen Städten findet man leicht einen kleinen Kreis, der
gleichsam eine Welt für sich ausmacht. Das ist der Kreis, der sich aus
den „akademisch Gebildeten“ zusammensetzt, aus Männern der Schule und
der Kirche, die manchmal auch gern einen oder den andern Auserwählten
aus andern Lagern unter sich aufnehmen. Und hier wie anderswo möchte
dieser Kreis gern eine Art Bildungsaristokratie innerhalb der größeren
Gesellschaft bilden, was sich hier, wie anderswo, bei näherer
Beobachtung meist ein bißchen komisch ausnimmt.
Dieser Kreis lebt von Erinnerungen an die Universität; seine Mitglieder
haben ihre besten Jahre in Lund oder Upsala verbracht; dort haben
sie geschwärmt, haben große Träume geträumt von einem Leben im
Dienste des Geistes, von dort sind sie übergesiedelt in irgendeine
Kleinstadt, wo -- bestenfalls -- die ersten zehn Jahre zur Bezahlung
der Jugendschulden verwendet wurden; und die Wissenschaft war vergessen
und das Alter kam, eh sie nur merkten, daß die Jugend entflohen war.
Kaufleute, Industrielle hegen eine heimliche Bewunderung für sie, ihrer
„Gelehrsamkeit“ wegen. Aber in praktischen Fragen verachten sie ihr
Urteil und nennen sie Bücherwürmer.
Innerhalb dieser Kreise entstehen und entwickeln sich Menschen, die an
jedem andern Ort als in einer nordischen Kleinstadt unmöglich wären.
Die Söhne gehen aus der Kleinstadt auf die Universität und kommen oft
von dort wieder zurück, um ein Leben zu leben, das ganz dem ihrer Väter
gleicht. Die Töchter bleiben meist daheim; ist das Glück ihnen hold, so
heiraten sie. Und wie dieser ganze Kreis von Kirchen- und Schulmännern,
die in solchen kleinen Städten noch eng zusammenhalten, sich durch eben
diese Kleinstadtverhältnisse, in denen er lebt, bildet, so bilden sich
auch die einzelnen Persönlichkeiten durch diesen Kreis, in dem sie
leben und sich entwickeln.
Zwei Elemente sind’s, die sie, zusammenwirkend, hervorbringen und
formen: die Kleinstadt, und daß sie innerhalb dieser Kleinstadt einer
besonderen Kaste angehören. Und die meisten von ihnen sind ihr ganzes
Leben lang von der Armut gefesselt gewesen, die ein Gemeingut der
großen Masse unserer sogenannten „Standespersonen“ ist.
Drittes Kapitel
Der Gymnasiallehrer „Adjunkt“ Hallin gab Latein in der Untersexta, der
untersten Klasse der alten Lateinschule, die in das neue, stattliche
Gymnasium übergesiedelt war. Die Fragen kamen scharf, wie Stockschläge;
die Antworten schlängelten sich vorsichtig kriechend einher wie
schwanzwedelnde Hunde.
„Hör mal, Lundberg! Das ist doch zu merkwürdig, daß du dir nie den
Unterschied zwischen ~cado~ und ~caedo~ merken kannst! Wie war das?
~Cado, cecidi, casum -- casum~, sag’ ich -- ~cadere~. Also -- sprich es
nach. Wie war es?“
Der Delinquent Lundberg war ein kleines, schweräugiges, schläfriges
Individuum von vollen einundzwanzig Jahren, das sich aus irgend einem
unbekannten Grund darauf steifte, noch sein Maturum zu machen. Er warf
einen raschen, forschenden Blick nach dem Katheder, um zu erspähen,
ob der Adjunkt schlechter Laune war oder nicht. Und als er nichts
besonders Beunruhigendes entdeckte, antwortete er phlegmatisch und mit
leiser Stimme: „~Cado, cecidi, casum, cadere.~“
„Lauter!“ schrie der Adjunkt. „Kannst du nicht laut sprechen? Ich rede
die ganze Stunde und muß schreien, daß ich ganz heiser werde. Und
du kannst dich keine fünf Minuten lang anstrengen. Noch einmal! Und
lauter!“
Lundberg wiederholte mit lauter Stimme.
„Na also! Jetzt war’s recht. Weiter. Wie ist’s mit ~caedo~?“
Lundberg packte mit verzweiflungsvollem Griff die Lehne der Bank und
schielte seitwärts, um die Nachbarn zum Einblasen aufzumuntern.
Aber es war eine alte Geschichte -- Einblasen gab’s nicht bei Adjunkt
Hallin. Er sagte das auch selber, und es war sein beliebtester
Zeitvertreib während der einförmigen Stunden, irgendeinen zu erwischen,
der so unvorsichtig war, einem andern zu helfen oder mit den Augen
um Hilfe zu flehen. Er war im Grunde voller Freude, wenn er seine
Detektivfähigkeiten zeigen konnte; aber er unterdrückte das Lächeln,
das um seine Lippen spielte, und äußerte in mildem, leisem Ton: „Hör
mal, Lundberg, findest du wirklich so ganz was besonders Interessantes
an dem kleinen Petterson da neben dir links?“
Allgemeines Gekicher in der ganzen Klasse. Die vorderen Bänke drehen
sich um und betrachten sich den unglücklichen Lundberg, der mit
niedergeschlagenen Blicken dasteht und das Lächeln zu verbergen sucht,
das um seine Mundwinkel spielt. Denn nun wußte die ganze Klasse mit
Sicherheit: der Adjunkt war guter Laune.
„Na,“ fährt der Adjunkt fort, „kannst du nicht antworten? Findest
du was Interessantes an Petterson? Wie? Nicht? Na! Willst du dann
vielleicht gütigst versuchen, dein an Petterson gescheitertes Interesse
auf das unglückselige Verb ~caedo~ zu übertragen? Mit ~ae~.“
Lundberg legte die Hände auf den Rücken und antwortete schwerfällig:
„~Caedo, cecídi, caesum, caedere.~“
„Na also, es geht ja. Siehst du. Weiter jetzt! Das dritte in der Reihe!“
Auch dies ward abgetan, worauf der Adjunkt einen großen Seufzer
ausstieß, als sei ihm eine ungeheure Last vom Herzen gefallen.
„Setzen, Lundberg! Und vergiß das nicht, bis wir uns nächstesmal
wiedersehen! Der Nächste. Flott jetzt, übersetz’ den letzten
Paragraphen, damit wir fertig werden, eh es läutet. Vorwärts! Es ist
ein langer Satz. ~Qui quum~ usw.“
Und der Nächste übersetzte, rein und fließend, mit Hilfe des alten
Kalmodin, zog Subjekt und Prädikat aus und konjugierte die Verben,
leicht, rasch, sicher und ruhig.
Und grade als er fertig war, hörte man von Korridor zu Korridor auch
das Bimmeln der Glocke; der Adjunkt erhob sich, und im Nu entstand
ein unerhörter Lärm. Pultdeckel wurden auf- und zugeschlagen, Bücher
zugeklappt, auf den Boden geworfen, wieder aufgehoben und in Riemen
zusammengeschnallt. Am Kleiderständer herrschte ein wildes Gedränge;
Mäntel und Mützen wurden heruntergerissen, mit der vollkommensten
Mißachtung des Futters und der Aufhänger. Droben am Katheder stand ein
dienernder, dicker Bauernjunge und half dem Adjunkt in den Mantel. Er
hatte das das ganze Semester durch getan, damit er am Schluß ein gutes
Zeugnis kriegen und versetzt werden sollte.
Plötzlich, eben als die Ersten Hals über Kopf zur Tür hinaus stürzen
wollten, schlug der Adjunkt das spanische Rohr auf den Tisch, daß das
Tintenfaß hüpfte und alle Jungens mit der Mütze in der Hand stehen
blieben.
„Eine neue Seite zum nächstenmal!“ rief er.
„Und nicht zu vergessen -- wer ~cado~ oder ~fallo~ nicht
kann, kommt Sonntag vormittag zu mir nachhaus!“
Damit nahm der Adjunkt seinen Hut und ging mit raschen Schritten durchs
Zimmer. Vor ihm rasten schon sechs, acht Stück der Allerhungrigsten die
Treppe hinunter, hinaus auf die Lange Straße, die sich von der Schule
durch die ganze Stadt bis hinaus zum Tor erstreckte.
Es war ein windiger, kalter Januartag; der Adjunkt trug einen dicken
Winterüberzieher, den er bis zum Halse hinauf zugeknöpft hatte. Auf
dem Kopf hatte er seine Pelzmütze, die tief in die Stirn gezogen war,
in der Hand das unvermeidliche spanische Rohr und unter dem Arm einen
Haufen blauer, mit einer Schnur umwickelter Hefte.
Langsam bog er um die Ecke des Schulhauses in eine Straße ein, die
zu dem freien Platz um die Domkirche führte. Als er auf den Platz
gelangte, stand er einen Augenblick still und holte tief Atem. Er
machte ein paar unbewußte Bewegungen mit den Schultern, als wolle er
seine Brust dehnen; dann senkte er den Kopf noch tiefer als zuvor. Mit
langsamen, ein bißchen schleppenden Schritten ging er weiter, indem
er mit dem Stock Furchen in den Schnee zog, und seine Lippen bewegten
sich, als spräche er mit sich selber.
Wohl zum hundertstenmal während der letzten Wochen beschäftigte ihn
der Gedanke, wo er die fünfzig Kronen hernehmen sollte, die seine Frau
zu einem neuen Mantel brauchte. Für vierzig Kronen bekam er vielleicht
einen ganz guten. Aber wenn er vierzig beschaffen konnte, konnte er
grade so gut auch fünfzig beschaffen, und für fünfzig Kronen bekam man
doch einen viel besseren.
Weihnachten hatte schrecklich viel gekostet. Man hatte ja freilich
ausgemacht, man wollte einander keine Geschenke machen. Aber als
die Ferien anfingen, als man zu backen und scheuern und rüsten
begann, als alle Menschen einander frohe Weihnachten wünschten
und Weihnachtsgedanken und Weihnachtsjubel sich in jedes Gemüt zu
schleichen begannen, da sagte der Adjunkt Hallin einen Tag vor dem
heiligen Abend zu seiner Frau: „Ernst sitzt jetzt in Upsala, ganz
allein vor dem Examen. So ganz ohne Gruß von daheim kann man ihn
doch nicht lassen? Und Gustaf macht im Frühling übers Jahr auch
sein Maturitas. Wer weiß, wie lang wir sie noch an Weihnachten
daheim haben werden? Wollen wir nicht doch ein paar Überraschungen
kaufen, damit die Kinder doch wissen, daß Weihnachten ist?“ Und
so kaufte man denn eine feine Reisetasche für Ernst und ein neues
Kleid für die zweiundzwanzigjährige Selma, die Lehrerin an der
städtischen Mädchenschule war. Und Gustaf erhielt sein eigenes
Konversationslexikon, damit er das von Papa nicht mehr zu benützen
brauchte.
Als man erst im Zug war, wurde auch noch mehr gekauft -- bloß ein
„paar Kleinigkeiten, nur so viel, daß man überhaupt Pakete zum
Auspacken hatte!“ Papa kaufte ein paar Sachen für Mama und Mama
für Papa. Und ein paar Flaschen Wein mußten doch auch da sein,
und ein Weihnachtsschinken und Konfekt und Mandeln und Rosinen und
Christbaumschmuck und Nüsse und Feigen und Punsch.
Wenn schon mal Weihnachten war, so mußte es auch gefeiert werden.
Und niemand war froher als der Adjunkt. Er schrieb Verse auf die
Weihnachtspakete, tat wer weiß wie geheimnisvoll und war überhaupt von
morgens bis abends in Tätigkeit.
Aber dann kam der erste Januar. Die Miete mußte bezahlt werden, und die
Rechnungen liefen ein. Es blieb ihnen recht wenig zum Leben übrig, bis
der Adjunkt sein nächstes Quartalgehalt bekam. Dazu sollte Ernst in
diesen Tagen sein Examen machen und dann heimkommen, um daheim in der
Stiftsstadt seine Ordination zu feiern; da mußte es zu Hause immerhin
ein bißchen besser zugehen, als sonst, damit der große Junge auch gewiß
nichts entbehrte. Und zu allem hin hatte der Adjunkt erfahren, daß
seine Frau notwendig einen neuen Wintermantel brauchte. Vor Weihnachten
hatte sie nichts sagen mögen. Man hatte ja so wie so so viele Ausgaben.
Und er hatte gar nichts davon gemerkt, daß der alte so schlecht war;
er verstand sich ja so wenig auf Frauenkleider. Darum kam es jetzt
auch wie ein Unglück über ihn, daß er auch noch diese fünfzig Kronen
beschaffen sollte. An all das dachte er, während er über den Kirchplatz
nach seiner Wohnung ging.
Besonders heiter sah er nicht aus, wie er so langsam mit seinen
vierundzwanzig Heften unterm Arm durch den Schnee stapfte. Sein
Vollbart war grau; tiefe Falten lagen um die lebhaften Augen, die
durch eine goldene Brille blinkten. Ohne aufzusehen ging er zu seiner
Haustüre hinein, und mit sehr zerstreuter Miene erschien er am
Mittagstisch.
Grade vor ihm war Selma heimgekommen. Sie kam aus der Mädchenschule, wo
sie am Vormittag drei Stunden gegeben hatte, und auch sie hatte einen
Haufen blaueingebundener Hefte mit sich. Als der Adjunkt ins Zimmer
trat, ging sie ihm entgegen und gab ihm einen Kuß.
„Wie geht’s heut, Papa?“
„Danke, gut, Kleine! Ich bin bloß schrecklich hungrig!“ Gleich darauf
erschien in der Tür zum Eßzimmer Frau Hallins Kopf.
„Ist Gustaf noch nicht da? Die Fleischklöße werden ganz kalt.“ Im
selben Augenblick hörte man ein heftiges Türzuschlagen, und ein
aufgeschossener, blonder junger Mensch mit roten Wangen und lebhaften
grauen Augen stürzte herein. Er war mager, das hellbraune Haar
lag in einer dicken Locke auf seiner Stirn, sein ganzes Gesicht
sah außergewöhnlich aufgeweckt aus, und um die Lippen lag ein Zug
frühreifer Ironie, der aber doch absolut nichts Anmaßendes hatte.
„Na, da bist du ja!“ sagte der Adjunkt. „Geh rasch auf dein Zimmer und
wasch dich. Mama sagt, das Essen wird kalt!“
Gustaf ging langsam auf seine Stube, nachdem er die Vermutung
ausgesprochen hatte, das Essen würde ihm ja doch nicht zuerst angeboten
werden, weshalb er ja auch grad so gut ein bißchen nach den andern
kommen könne.
Das war eines der ständigen Streitobjekte zwischen Vater und Sohn. Den
Vater kränkte es, wenn zu Tisch nicht alle versammelt waren, weil er
es als einen Beweis für die verhaßte Selbständigkeit der Jugend ansah,
wenn die Kinder zu spät kamen. Aber er hatte sich daran gewöhnt, und
nur wenn er wegen irgendetwas anderem schlechter Laune war, beachtete
er es überhaupt noch.
Heute nun lagen ihm die fünfzig Kronen und der Mantel im Sinn. Vater,
Mutter und Tochter standen mit gefalteten Händen um den Tisch.
„Ich glaube, es hat keinen Zweck, daß wir auf Gustaf warten,“ sagte
Frau Hallin.
Der Adjunkt bewegte ungeduldig die Achseln, legte wie ein Märtyrer
den Kopf auf die Seite und faltete die Hände, zum Zeichen, daß man
anfangen sollte zu beten. Eine Weile standen alle mit gesenkten
Häuptern da; dann setzten sie sich.
Es war ein kleiner runder Tisch. Der Adjunkt saß seiner Frau gegenüber;
zwischen ihnen saßen die Kinder, sodaß das Ganze eine Art Viereck
bildete. Das Tischtuch war nicht ganz tadellos weiß; mitten auf dem
Tisch stand ein alter Aufsatz von schwarzem Holz mit einem Salzfaß auf
jeder Seite. Vor jedem Gedeck stand ein Trinkglas -- die Gläser waren
alle sehr klein -- vor dem Platz der Mutter eine Flasche Wasser, vor
dem des Adjunkten eine kleine Flasche Bier und eine Schnapsflasche.
Der Adjunkt goß sich ein Gläschen voll ein, aß eine Scheibe Brot ohne
Butter, leerte sein Glas und nahm sich dann von den Fleischklößen, die
das Mädchen eben herumbot.