Von _A. Eichhorn_, Glashütte

Wenn du mit diesen alten Kulturdenkmälern einmal eine stille

Freundschaft geschlossen hast, dann behalten sie dich in ihrem Bann.

Ein Zauber geht von ihnen aus, der dir freilich nur dann in seiner

ganzen Größe fühlbar wird, wenn du sie immer und immer wieder und zu

jeder Jahreszeit und zu verschiedensten Tagesstunden aufsuchst. Die

Steinrücken gehören eben nicht zu den Landschaften, die beim ersten

Sehen den Beschauer für sie begeistert machen. Dem Vorbeihastenden

verschließen sie ihre Schönheit. (S. Abb. 10, Seite 73 dieses Heftes.)

Stein um Stein sind die langen, flurenbegrenzenden Steinmengen oder die

mitten auf dem Felde ruhenden runden Halden aus dem Boden gehoben. Nach

jedem krümmte sich ein Rücken, jeden faßte eine Hand. Urväter warfen

den ersten Stein zur Halde, die Geschlechter in Jahrhunderten weiter

formten. Zeuge ist sie von zäher Kulturarbeit, wie der Ackersmann mit

dem Boden gerungen und beim Vergehen seinen Sieg über die Scholle dem

Sohne gab. Sie wird in Zukunft schauen, wie sich an den alten Stamm

immer wieder neue bodenliebende Geschlechter reihen, das Weitertürmen

der Halde wird sichtbar Zeugnis dafür ablegen, daß die Enkel der Väter

Bodenliebe und Bodentreue als heiliges Erbgut bewahrten.

Zur Steinrücke mußt du gehen, wenn der Schlehenstrauch sein

Brautkleid angezogen und das Gneisgetrümmer sich duckt unter seinem

Blütenschnee; wenn die Hasel stäubt und der Lenzwind der Haldenbirke

die kätzchenbehängten Zweige und Zweiglein bald langsam, bald schneller

bewegt; wenn die Luft an sonnigen Lenzmondstagen schon hoch erwärmt

über dem Steinanger zittert und zur Sonnensinke die silberige Säule des

Wärmemessers weit in sich zurückfällt.

In Sommermonden grüßen dich hier Königskerze, Natternkopf, Fingerhut,

Mauerpfeffer, Fetthenne und viele andere Vertriebene. Pflug und Düngung

verjagte sie vom »Kulturland«. Der feldsäumende Steinwall bedeutet für

sie Freigebiet. Ihrer letzten Zufluchtsstätte schenken sie mit ihren

Farben einen eigenen Reiz. Und du ruhst auf den sonnenheißen Steinen,

überschattet vom Bergahorn, kannst dich nicht satt schauen am Gelb des

Färbeginsters und Geißklees und dem Farbenzauber am Wachtelweizen. An

bestachelter Ranke reift die Brombeere, am Haselstrauch bräunelt schon

die Nuß.

Auf der Steinrücke mußt du weilen, wenn um Johanni beim

Feierabendläuten die Mäher an die danebenliegenden Hangwiesen kommen.

Am Hangweg ansetzend, den Körper weit nach vorn geneigt, holt der

erste zum Schwunge aus. In gleicher Linie mit ihm stellen sich die

andern in Schwadenweite auf und beginnen, dem Nachbar einen kleinen

Vorsprung lassend, das Sensenschwingen. Mit festem Tritt rücken sie

den Hang hinab, der ohne Sense schon schwer zu ersteigen ist. Aber am

Ende des ungewohnten Ganges liegt hinter jedem Schnitter eine duftende

Grasreihe. Der Goldammer wehmütig: »Wie wie wie hab ich dich lieb«

klingt aus dem blühenden Heckenrosenstrauch. Noch in zehnter Stunde

schreiten vorgebeugte Gestalten, dämmerverwischt, sensenschwingend

schrittweise hangabwärts.

Kannst du die Weihestunde vergessen, als im Westen der gelbe Schein des

eindunkelnden Himmels erglänzte und dein Auge von der hohen Halde aus

die geröteten Kornfelder in der ernsten Dämmerung des Mittsommerabends

ruhen sah, wie die schweren Ähren sich zur Erde neigten und der

Halmenwald den letzten Feldfriedensabend verträumte?

In Frühherbsttagen kommt der große Farbenmeister zur Steinrücke.

Korallenrote Trauben hängen schwer in gelbem Blattgefieder und ziehen

erdwärts die müden Zweige. Farbenspiele wechseln am Weißdorn vom Gelb

durch alle Tönungen hindurch zum dunklen Braun. Ockergelb leuchtet der

Spitzahorn, der Bergahorn rostet. Zur Sonnensinke wandelt sich die

»Rücke« zum flammenden Farbenband am langen Kartoffelacker, wo Pflug

und rückengekrümmte »Leser« die volkerhaltenden Knollen ernten.

In diesen Tagen mußt du deine Steinrücke mit dem Hütejungen teilen.

Zum Steinsessel legt er sich die kleinen Gneisplatten und schichtet

die größeren zur Burgmauer. Von diesem Hochsitz wacht er über seine

Untertanen und freut sich über das geräuschvolle Grasen der »Schecke«,

der »Braunen«, der »Schwarzen«, der »Kalbe« und lockt die Ziegen zum

Klettern auf die Steinburg. In grellen auf- und abwärtsspringenden

Tönen hallt der Hirtenruf über die Weide. Wenn die Sonne hinter dem

schwarzgezackten Waldrande verschwindet, im letzten Sonnenfeuer die

Wipfel glühen, dann springt aus seiner Kehle kraftvoll der Horeiruf,

und hinter der Leitkuh ordnet sich die Herde zum Einzug.

Werde der Halde nicht untreu, wenn der Herbststurm ihrem Gebüsch

heulend den zauberischen Schmuck entreißt, die Blätter zu wildem

Totentanz antreibt, aber vergeblich am rostbraunen Blätterkleid

der Wintereiche zerrt; wenn die schweren Herbstnebel alle Farben

ausgelöscht haben, die Halde verhüllen und ihr feuchter Mantel sich auf

Stein und kahle Äste legt; wenn Frost die schwarzblauen Schlehen mürbt.

Und suche _deine_ »Rücke« auch dann noch auf, wenn du sie nur unter

weicher, weißer Decke ahnen kannst, dein Fuß erst den Schnee wegwühlen

muß, um mit ihr verbunden zu sein; wenn das beknospete Gesträuch, jetzt

eisbekrustet, bekundet, daß nach rauhen Monden wieder der neue Wandel

sich an den vergangenen reiht und neuer Lenz zeugend über die Halde

fahren wird.

Erwerbe dir langsam die Vertrautheit mit der Steinrücke, dann wird dir

jeder Gang zu ihr zu einem Erlebnis.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 3-4 · 第 41 / 69 题