I. NEGRITOS.

Die Negritos oder Aëtas sind beinahe im ganzen Archipel der

Philippinen zu finden, jedoch nirgends in grösserer Anzahl, und nur

an der Nordostküste Luzons sind sie noch Strandbewohner geblieben,

sonst haben sie nur die Gebirgswildnisse der Binnenlandschaften

inne, wenngleich sie in jenen Landschaften, wo sie mit Spaniern und

Malaien in freundlichem Verkehre stehen -- diess ist nicht überall

der Fall --, auch zu den Gestaden des Meeres kommen, um dort Waaren

einzutauschen. Sie bilden, besonders auf Luzon, eine grosse Anzahl

von Rassen-Inseln, welche durch weite Strecken von Malaien bewohnten

Landes von einander getrennt sind.

Ihr Hauptgebiet liegt im Nordosten Luzons, den Provinzen Nueva Écija

(nördlicher Theil), Príncipe, Isabela und Cagayán. Hier sind sie,

wie kurz vorher erwähnt, auch Strandbewohner, indem sie den nördlichen

Theil der Ostküste von Luzon von Palanan im Süden bis zum Cap Engaño

im Norden bewohnen (Semper, Skizzen 49) und zwar ausschliesslich,

denn bis zu diesen sturmgepeitschten Gestaden sind die malaiischen

Eroberer nicht vorgedrungen. Diese Küste ist der letzte Fleck Bodens

der Philippinen, in welchem die ursprünglichen Herren des Archipels,

die Negritos, sich im ungeschmälerten Besitze des heimischen Bodens

behaupteten. Auch der Ostabhang jener gewaltigen Cordillere, welche

sich längs dieser Küste hinzieht, ist ihr unbestrittener Besitz,

während am Westabhange die Negritos bereits das Land mit Stämmen

malaiischer Abkunft theilen müssen. Auf diesem Boden besitzen sie auch

ihre "grösste Reinheit der physischen wie der geistigen Charaktere"

(Semper, a. a. O.). Im Thale des Rio Cagayán (Grande) oder Tago

leben sie gleichfalls, bei Furao, Gamú, Ilagan, Tumauini, Cabagan

und Tuguegarao (Mas, pobl. p. 39-40), aber auch im Stromgebiete des

Rio chico de Cagayan bei Tuao und Malaueg begegnen wir ihnen (Mas,

a. a. O., p. 41). Die Nordküste der Provinz Cagayán wird von ihnen

nur in der Nähe des C. Engaño berührt, wo wir sie beim Vulcane Cagua

häufig antreffen, von dem Meere durch Malaien, die Cagayanen oder

Ibanags, getrennt, wohnen sie südöstlich und westlich von Abulug und

in den Waldwildnissen von Masi (Mas, pobl. 42).

Ihr Vorhandensein in Ilócos ist von Semper (Erdk. XIII,

89) abgesprochen worden, doch ist diess wohl nur ein Versehen,

indem Semper nur, so fasse ich es wenigstens auf, ihre Existenz im

südlichen Theile jener Landschaft, d. h. in den heutigen Districten

Benguet, Lepanto, der Provinz Union und dem südlichen Theile der

Provinz Ilócos Sur verneinte, und diess ist auch richtig, denn

jener Landstrich wird von den Igorroten bewohnt, einem ungemein

kriegerischen Malaienstamm, der gewiss schon vor Jahrhunderten die

Negritos, die in seinem Gebiete wohnten, vernichtet hat. Für den

Militärdistrict Lepanto bestätigt Lillo de Gracia (Dist. de Lep.,

p. 18) diese Thatsache, indem er ausdrücklich erwähnt, dass sich

in dem ganzen Districte keine Negritos befinden. In dem nördlichen

Theile der Provinz Ilócos Sur existiren aber Negritos, Diaz Arenas

nennt uns sogar die Ziffer, welche die den Spaniern unterworfenen

Angehörigen dieses Stammes in Ilócos Sur ausmachen: 145 Köpfe. Buzeta

erwähnt einer Negrito-Ranchería (kleine Niederlassung) bei Candon. In

Abra dürften nur wenige Negritos anzutreffen sein, dagegen ist ihre

Anwesenheit in Ilócos Norte sichergestellt (Ilustr. 1860, Nr. 12,

p. 153; Hügel, S. 359). Die Zahl der die Autorität der spanischen

Behörden anerkennenden Negritos der Provinz Ilócos Norte betrug 1848

nach Diaz Arenas 113 Seelen, neuere Daten sind mir nicht bekannt.

In Pangasinán begegnen wir ihnen wieder (Mas, pobl. p. 1), Diaz Arenas

erwähnt einer Ranchería bei S. Miguel, sie zählte nur 32 Köpfe,

offenbar sind es bereits unterworfene Leute. Was Diaz Arenas von

4000 Negritos in dem Grenzgebirge zwischen Pangasinán und Zambales

spricht, ist ein offenbarer Irrthum. Denn die Grenze Pangasináns gegen

Zambales berührt jenes Gebirge nur in seinen äussersten Ausläufern,

kann also unmöglich eine so grosse Zahl dieser Wilden beherbergen,

und schliesslich bemerkt Drasche (Fragm., S. 21) ausdrücklich, dass

der nördliche Theil jener Cordillere unbewohnt sei. Es ist also jene

(jedenfalls übertriebene und auf roher Schätzung beruhende) Ziffer

nur auf die in der Provinz Zambales (südl. Theil) wohnenden Negritos

zu beziehen. In Zambales und Bataán sind sie häufig, Dr. A. B. Meyer

hat sie dort selbst aufgesucht und uns nicht nur genaue Nachrichten,

sondern auch Skelette mitgebracht, desgleichen Dr. Schadenberg. 1848

zählte man nach Diaz Arenas 825 den Spaniern unterworfene Negritos. In

dem centralen Theile von Luzon leben sie nur in vereinzelten Horden:

in der Provinz Bulacán (beim Monte Angal und S. José), in den Wäldern

von S. Mateo und Bosoboso in der nächsten Nähe der Hauptstadt (Waitz,

V, 57. -- Mas, pobl. 1. -- Jagor, Phil. 51. -- Meyer, Negr., S. 25). In

Cavite und Taal scheinen sie zu fehlen, doch deutet eine Sage über

die Laguna de Bombon auf ihre frühere Anwesenheit. Über ihre Existenz

in Tayabas berichtet nur ein Gewährsmann, Diaz Arenas, der von 516

unterworfenen Negritos spricht, und Cavada 1, 198. Auf der Insel Alabat

(Ostküste Luzons) sind sie auch vorhanden (Semper, Skizzen 49).

Das Südende Luzons bildet die langgestreckte, stark gegliederte

Halbinsel Camarínes, auf welcher sich die Provinzen Camarínes Norte,

Camarínes Sur und Albay befinden. Ob hier Negritos wohnen, war früher

zweifelhaft. Semper (Skizzen, 49) sagt: "im südlichen Luzon scheinen

sie zu fehlen" und Jagor (Phil. 106): "reine Negritos kommen, so weit

meine Erkundigungen reichen, in Camarínes nicht vor". Dem entgegen

berichtet Drasche (Fragm. 66), dass am Vulcan Iriga eine Ansiedlung von

Negritos und eine andere von Mischlingen von Negritos und Vicol-Malaien

existirte. Da aber Jagor ausführlich über jene wilden Stämme am Iriga

berichtet und sie nicht zu den Negritos zählt, so schien jene Meldung

ein Irrthum des Geologen Drasche zu sein. Andererseits befindet

sich in den Sammlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft

ein männliches Negritoskelett vom Iriga, welches Dr. Schetelig

mitgebracht hatte (Virchow, Verh. d. Berl. Anthr. Ges. 1871,

S. 36). Drasche erwähnt (Fragm. 61), dass in den Gebirgswildnissen

von Camarínes Norte Negritos leben, woran gewiss nicht gezweifelt

werden kann, denn jene Territorien sind sehr dünn bevölkert, und die

Vicol-Malaien, welche an den Küsten und in den Flussthälern wohnen,

eine indolente und unkriegerische Rasse, somit alle Vorbedingungen

zur Existenz von Negritos vorhanden. Diaz Arenas spricht von 500

Negritos in den Bergen von Albay (1848), Cavada (1, 221) erwähnt,

dass sie in den Bergen bei Malinao hausen.

Über die Existenz der Negritos auf den einzelnen Inseln des

Visayer-Archipels begegnen uns manche Widersprüche, und wir sehen uns

bei den spärlichen Nachrichten genöthigt, mitunter auf Quellen aus dem

XVIII. ja XVII. Jahrhundert zurückzugehen; diess ist gleich bei Mindoro

der Fall. Diese grosse Insel ist nur selten von wissenschaftlich

gebildeten Europäern betreten worden, und so kommt es, dass wir auf

das aus 14 dickbäuchigen Bänden bestehende Geschichtswerk des Fray

Juan de la Concepcion zurückgehen müssen, welches beim Jahre 1716

(T. VII, p. 11) erwähnt, dass auf Mindoro neben wilden "Indiern"

auch wilde Negritos ("negritos cimarrones") lebten. Dr. A. B. Meyer

zweifelt nicht daran, dass hier Negritos existiren (Negr. 11). Diess

ist alles, was uns über die Negritos von Mindoro bekannt ist, wobei

ich darauf hinweise, dass nur ein schmaler Küstensaum den Spaniern

unterworfen, das ganze Innere aber eine terra incognita ist.

Über Panay, die reichste und bevölkertste Insel der Visayas,

fliessen reichlichere Quellen: schon Fray Gaspar de San Augustin

und Gemelli-Carreri berichten, dass im Innern der Insel Negritos

wohnen. Dr. A. B. Meyer sah sie dort (Meyer, Negr. 11 u. 26). Sie

bewohnen die Gebirgswildnisse und kommen oft zur Küste herab, selbst

nach Ilo-ilo. Der Augustiner Mozo nennt speciell die Berge von

Bosoc als den Hauptschlupfwinkel derselben (Misiones, p. 142). Diaz

Arenas giebt für die Negritos der Provinz Ilo-ilo die Zahl von 500

Köpfen an, von den übrigen Provinzen der Insel weiss er keine Daten

anzugeben. Cavada bestätigt ihre Existenz auf Panay (II, 98). Auf

der kleinen Insel Tablas sind zwei Negrito-Niederlassungen (Cavada

II, 127).

Die Insel Negros dankt ihren Namen den Negritos, welche dort in der

Zeit der Conquista in viel grösseren Massen gewohnt haben müssen,

als wie diess heute der Fall ist. Übrigens ist es nicht einmal nöthig

diese anzunehmen, denn die Spanier konnten der Insel den Namen auch nur

des Umstandes wegen gegeben haben, weil sie dort zuerst auf Negritos

überhaupt stiessen, denn wie aus Morga, Fray Gaspar de S. Agustin,

Fr. Juan de la Concepcion &c. erhellt, war schon in jener Zeit die

Küste in den Händen der Indier oder Malaien, die freilich eine starke

Dosis von Negritoblut in ihren Adern besassen, wie sich das noch heute

erkennen lässt (Meyer, Negr. 26). Semper (Skizzen 49) spricht nur von

"wenigen Negerfamilien", welche um den Vulcan Malaspina "hausen". Dem

widerspricht die bestimmte Zahl von 3475 Köpfen, welche Diaz Arenas für

Negros angiebt, und Dr. A. B. Meyer erwähnt ausdrücklich, dass sie dort

zahlreich vorkommen (Negr. 11). Zu Gemelli-Carreri's Zeit müssen sie

noch zahlreich gewesen sein (man vgl. auch: Allg. Hist. d. Reisen XI,

412). Cavada (II, 171) schätzt die Zahl der Negritos in Nord-Negros

auf 8900 Seelen.

Auf Cebú traf sie Dr. A. B. Meyer (Negr. 11 u. 26), doch dürfte ihre

Zahl dort eine nur geringe sein. Über Bóhol liegen mir absolut keine

Nachrichten vor, so dass ich sogleich zu den beiden grossen Inseln

Leyte und Sámar übergehen will. Dr. Jagor (Phil. 227) sagt: "Negritos

sind weder auf Sámar noch Leyte vorhanden", wogegen Dr. A. B. Meyer

es nicht für unmöglich hält, dass dort Negritos wohnen. Spanische

Schriftsteller schweigen gänzlich über diesen Punkt.

Auf der Insel Palawan (Paragua der Spanier) und der Gruppe der

Calamianes leben nach Waitz, V, 57, Negritos, desgleichen nach S. 55

desselben Werkes im Innern der Hauptinsel von Sulu. Bezüglich letzterer

ist es nur auffallend, dass weder ältere (Combez) noch moderne (Pazos)

spanische Autoren hierüber etwas melden. Man könnte diese Negritos

von Sulu und Palawan mit den Idaanes oder Idanes identificiren, welche

(Waitz, V, 46) auf der Ostküste von Palawan (d. h. wo auch die Negritos

wohnen sollen) und im Innern von Sulu wohnen. Zwar heisst es, dass nur

die Heiden (also im Gegensatze zu den Moslim) so genannt würden, aber

auffallend ist immerhin einerseits die Nachricht, dass der Name Idan

eine Collectivbezeichnung sei, indem die Idan verschiedene Sprachen

sprächen, andererseits die Ähnlichkeit von "Idan" mit den Bezeichnungen

"Etas", "Itas", welche sich die Negritos von Luzon selbst beilegen

oder von den Eingeborenen erhalten. Insbesondere auffallend ist die

Ähnlichkeit mit dem Namen "Idayan", welchen ein Negritodialekt in

Nord-Luzon führt. Doch widerspricht dieser Hypothese entscheidend die

Nachricht, dass die Idanes -- welche übrigens den spanischen Autoren

nicht bekannt sind -- nach Dalrymple (Waitz, V, 98) hellfarbiger sein

sollen als die Küstenbewohner. Für Sulu (Hauptinsel) möchte ich die

Existenz von Negritos schon deshalb verneinen, als im Innern dieser

Insel ein ungemein kriegerischer Malaien-Stamm, jener der Guimbas,

wohnt, der gewiss die Negritos ebenso ausgerottet haben dürfte,

wie diess unter ähnlichen Verhältnissen in den Ländern der Igorroten

auf Luzon geschehen ist. Dass die Insel Palawan Negritos beherbergt,

ist wohl nicht zu bezweifeln, dagegen dürfte gegen ihre Anwesenheit in

den Calamianes einiges einzuwenden sein, obwohl man bei den spärlichen

Nachrichten und der geringen Kenntniss des Landes sich hierüber nur

sehr reservirt aussprechen darf. Ich mache nur darauf aufmerksam,

dass die Spanier unter der Bezeichnung Calamianes auch den nördlichen

Theil Palawans mitverstehen, wodurch leicht Irrthümer entstehen können.

Der südlichste Theil des Generalcapitañats der Philippinen, die grosse

Insel Mindanao, wird ebenfalls von Negritos bewohnt. Der berühmte

Jesuit P. Francisco Combez, der gründlichste Kenner jenes Landes zu

seiner Zeit, constatirt ihre Existenz auf Seite 36 seiner Geschichte

von Mindanao, und auch Dampier und Gemelli-Carreri bestätigen

diess. Selbst der 25. Bd. der Halle'schen Welthistorie berichtet,

dass im Innern Mindanao's Neger hausen. Ihr Hauptsitz soll der

nordöstliche Winkel Mindanao's sein, was sehr natürlich erscheint,

indem ja die malaiische Invasion von Südwest erfolgte, eine Analogie

haben wir bereits auf Luzon gefunden, nur sind die Negritos von

Mindanao von der Küste durch Malaien getrennt. Dr. F. Jagor schätzte

ihre Zahl auf dieser Insel auf 10 000 Köpfe, fügt aber hinzu, dass

ihre Rassenreinheit sehr fraglich wäre (Phil. 322). Cavada (II, 206)

constatirt ihre Existenz in dem zur Provinz Surigao gehörigen Theile

Mindanao's.

Die Negritos sind also beinahe in allen Theilen des Archipels zu

finden, mit Ausnahme der beiden Inselgruppen der Batanes und Babuyanes

und vielleicht von Sámar, Leyte, Bóhol und Sulu. Trotz dieser grossen

Verbreitung ist ihre Zahl eine sehr geringe, und wenn Mas (pobl.,

p. 9) und Mallat (II, 94) ihre Zahl auf 25 000 schätzen, so ist

diess jedenfalls eher zu viel als zu wenig, wie diess schon Semper

(Skizzen 138) hervorgehoben hat.

Was ihr Äusseres anbelangt, so haben darüber die ausgezeichneten

Untersuchungen von Hofrath Dr. A. B. Meyer, Prof. Virchow, Prof. Semper

und Dr. Schadenberg genug Eingehendes über diesen Gegenstand

gebracht, so dass ich mich mit einer kurzen Zusammenstellung des

Gegebenen begnüge. Ihr Körperbau ist klein, schmächtig, die Waden,

wie diess die Photographie in dem so überaus interessanten Werke

Dr. Meyer's "Über die Negritos &c." drastisch zeigt, fast gar

nicht vorhanden. Durchschnittshöhe der Männer (Prov. Zambales)

1445 mm. Der Kopf ist vollständig negerähnlich, der Kiefer ein

wenig vorspringend, die Lippen schwach gewulstet, die Nase ist

plattgedrückt; man vergleiche darüber die Skizzen Dr. Meyer's in

seinem oben erwähnten Werke. Das Haar ist wollig, dick und schwarz

oder braunschwarz, Prof. Semper hebt seine Glanzlosigkeit hervor, es

wird kurzgeschoren getragen. Ihre Körperfarbe ist schwärzlich-braun

(dunkelkupferfarben). Wie bei vielen Stämmen, die in ähnlichen

Verhältnissen leben, findet man bei ihnen verhältnissmässig grosse

Bäuche. Der spärliche Bartwuchs beschränkt sich meist auf den

Backenbart (Schadenberg 147). Auffallend ist die Geschicklichkeit,

mit welcher sie sich ihrer Zehen zum Greifen und Festhalten zu bedienen

wissen (Schadenberg 143).

Ihr Temperament ist ein sehr lebhaftes, und dass sie nicht so unbegabt

sind, wie es die spanischen Geistlichen gern darthun möchten, beweist

nicht nur der Umstand, dass sie ausser ihrer eigenen Sprache oft noch

zwei Dialekte der angrenzenden Malaien sprechen (Meyer, Negr. 15),

sondern auch die Thatsache, dass unter den malaiischen Irayas in

Nordost-Luzon sich die Negritos sogar zu fester Niederlassung und

sogar zum Ackerbau [5] haben bewegen lassen. Das sind auch ihre

einzigen festen Niederlassungen, sonst leben sie als Nomaden in

ihren Wäldern, selbst die Rancherías der den spanischen Behörden

unterworfenen Negritos haben nur einen festen Namen (oft auch

diesen nicht), aber keinen fixen Platz. Ihr einziger Schutz gegen

die Unbilden der Witterung besteht in leicht beweglichen Schirmen,

welche schräg gegen die Windrichtung oder gegen die Sonne gestellt

werden. Sie sind aus Palmenblättern geflochten und haben oft eine

Oberfläche von 25-30 Quadratfuss (Semper, Erdk. XIII, 253). Die

Küsten-Negritos von Nordost-Luzon, welche Dumagat genannt werden,

liegen unter diesen Schutzdächern je nach dem Vermögensstande auf

Strohmatten, Stücken von Baumrinde oder nur auf der nackten Erde

(Semper, l. c. und Ilustracion 1860, n. 17, p. 193), diese Schutzdächer

tragen sie bei ihren Wanderungen mit sich herum.

Um sich vor der Nachtkälte in den Bergwäldern zu schützen, legen

sie sich so nahe an das Feuer, dass man glauben sollte, ihre Haut

müsse versengt werden, oder sie legen sich sogar in die heisse Asche

hinein. Da sie sonst auch sehr unreinlich sind, so ist es kein Wunder,

wenn ihr Körper mit Schmutzkrusten bedeckt ist.

Bis zum Eintritt der Pubertät laufen sie ganz nackt herum (Mundt-Lauff,

Natur V, 458), dann schlagen sie sich ein Tuch um die Lenden oder

tragen ein oft ungenügendes Suspensorium (Meyer, Negr. 15). Die Weiber

jener Horden, welche in einem freundschaftlichen Handelsverkehre mit

den Christen stehen, tragen ein kurzes Jäckchen (auf den Philippinen

Hemd -- camisa -- genannt) und den Tapis der philippinischen Malaien

(Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Unter den Männern tragen einige

auch einen erhandelten Mantel um die Schultern und auf dem Kopfe

ein Tüchlein (Ilustr., l. c.). Die Leibbinde besteht aus einem

selbstbereiteten Baumrindenstoff oder aus gekaufter Baumwolle. Es

giebt aber auch Negrito-Horden, welche die Tracht der christlichen

Malaien angenommen haben (Cavada I, 221; II, 127).

Sie kennen und üben die Sitte des Tätowirens. Bei den Negritos von

Zambales und Bataán (Sierra Mariveles) werden die Tätowirungsmuster,

welche aus geradlinigen Mustern bestehen, durch Hauteinschnitte

mittelst geschärfter Bambussplitter erzeugt. Dadurch entstehen schwach

erhöhte Narben, welche aber erst in grosser Nähe in die Augen fallen

(Meyer 16). Auch die Dumagat-Negritos tragen geradlinige Muster

auf Brust, Oberleib, Schultern und Rücken, hier (Nordost-Luzon)

aber werden keine Hauteinschnitte gemacht, sondern jene Muster

wie bei den umliegenden Malaien mittelst einer Nadel eingestochen

(Semper, Skizzen 50). Sobald die Tätowirung vollständig ist, wird der

Negrito-Jüngling ein selbständiger Mann, er kann jetzt heirathen und

eine Familie gründen (Schadenberg 136).

Bei einigen Horden werden die Schneidezähne sägeförmig zugefeilt (Jagor

374; Meyer, Negr. 23 u. 27), diese Sitte ist aber nicht allgemein,

denn Mas (pobl. I) sagt ausdrücklich, er hätte nur einige Negritos

gesehen, welche die Zähne spitzgefeilt trugen, was auch Schadenberg

bestätigt (136). Semper will diese Sitte nur auf die Negritos von

Mariveles oder Zambales beschränkt wissen (Palau-Inseln 364). Über

künstliche Schädeldeformation ist wenig bekannt, doch muss dieselbe

wenigstens theilweise Statt finden (Schadenberg 135).

Ledige Männer tragen in den Haaren Kämme aus Rohr (m. vgl. die

Abbildungen bei Schadenberg), angeblich zum Zeichen ihres ehelosen

Standes (Ilustr. 1850, n. 17, p. 193), doch scheint letzteres nicht

für alle Horden zu gelten, am allerwenigsten für die Negritos der

Sierra Mariveles. D. Sinibaldo Mas (pobl. 2) erwähnt, dass bei den

Negritos der Waldwildnisse des Mte. Camachin die Mädchen Halsbänder

aus Palmenblättern trugen. Von ähnlichen Halsbändern aus Bast- oder

Bejucoschnüren spricht Dr. Schadenberg (S. 141). Die Negritos von

Zambales tragen nur selten Ohrgehänge, welche mitunter aus Muscheln

bestehen, die Dumagat-Männer sowie alle Negrito-Weiber tragen in

ihren Ohren verschiedene Schmuckgegenstände oft der verwunderlichsten

Art. Es sind oft nur Stücke Rohr oder Holzsplitter, welche an den Enden

ganz zerfasert sind, so dass faustgrosse leicht gekräuselte Büschel

dadurch entstehen; Semper (Erdk. XIII, 253) fand diesen Schmuck

bei den Dumagat-Negritos. Die Weiber benutzen ihre Ohren auch als

Transportmittel, indem sie Rollen jener Pflanzenrinde, welche ihnen

zur Bereitung ihrer Kleiderstoffe dient, in die Ohrlöcher stecken

(Semper, Erdk. XIII, 253). Manche Weiber tragen auch ein Zweiglein

sammt seinem Blüthenschmucke in den Ohren (Ilustr. 1860, n. 17,

p. 193), die Weiber tragen auch schön verzierte Bambuskämme in den

Haaren (Schadenberg 141). Ringe werden an Armen und Beinen getragen

(Semper, Skizzen 50). Glasperlen und Messingdraht (um den Hals zu

tragen) dienen den Frauen zum Schmucke (Meyer, Negr. 15). Sonst

schleppen sie noch selbstverfertigte Beutel mit sich herum, in denen

sie den leidenschaftlich begehrten Tabak und Betel verwahren. Da

ich schon vom Tabak spreche, so sei erwähnt, dass sie ihn nur in

Cigarrenform rauchen, wobei sie das glimmende Ende zwischen die Zähne

nehmen (Schadenberg 146). Eine Zierde der Männer ist der Hayabung,

d. h. eine mit Wildschweinborsten, Glasperlen und Fledermausfellen

verzierte Schnur, die oberhalb der Wade getragen wird (Schadenberg

141). Nach Dr. Jagor legt diesen Schmuck nur derjenige an, dem es

geglückt ist, ein Wildschwein zu erlegen.

Man hat ihnen früher jede Religion abgesprochen. Bastian (Reisen V,

268) berichtet, dass sie ausser Gott ("Cambunian") Mond und Sterne

verehren. Beim Donnern opfern sie Schweine und dem Regenbogen bringen

sie Gebete dar. Nun ist aber der Cambunian eine Igorroten-Gottheit,

ebenso ist, was Mas (pobl. 4) von der Religion der Negritos vom

Mte. Camachin erwähnt, der alte Glaube der Tagalen. Nur was den

Mondcultus anbelangt, ist Bastian im Rechte, denn Schadenberg

erzählt (S. 144), dass sie in Vollmondnächten mit Bogen und

Pfeil auf den Schultern Tänze abhalten, an denen auch die Weiber

theilnehmen. Dr. A. B. Meyer konnte bei den Negritos der Sierra

Mariveles weder Götzen oder den Göttern geweihte Stätten entdecken. Bei

den Dumagat-Negritos existiren einige "rohe Mythen, die sich um Essen

und Trinken drehen"; auch feiern sie in Gesängen eine grosse Schlange,

welche ihnen im Traume die Orte weist, wo das Wild oder der Honig zu

finden ist (Semper, Erdk. X, 254).

Die Frauen gebären leicht und schnell, bei schweren Geburten vertritt

ein altes Weib die Stelle der Hebamme. Die Nabelschnur wird durch

einen scharfen Bambus abgetrennt und das Kind abgewaschen, und zwar mit

Wasser, welches an der Sonne gestanden hat. Die Kinder werden rittlings

auf der Hüfte und später auf dem Rücken getragen (Schadenberg 135);

das Stillen dauert beiläufig zwei Jahre (l. c.).

Die Ehen werden frühzeitig vereinbart, aber erst später nach erlangter

Pubertät vollzogen, es giebt Eheleute oder vielleicht richtiger

gesagt Verlobte, welche nur 8 oder 9 Jahre zählen (Ilustr. 1860,

n. 17, p. 193). Nach Mundt-Lauff (Natur V, 458) heirathen die Männer

nicht vor dem fünfzehnten, die Weiber nicht vor dem dreizehnten

Jahre. "Monogamie ist bei ihnen Regel" berichtet Schadenberg

(135). Bei den Negritos von Albay wird die Braut durch Kauf vom

Schwiegervater erworben; wird die Ehe durch Untreue der Gattin

gelöst, so muss dieser Kaufpreis dem Schwiegersohne rückgestellt

werden (Cavada I, 221). Die heutigen Negritos von Zambales-Bataán

suchen ihre Frau sich womöglich aus der eigenen Verwandtschaft,

während bei den Negritos auf Negros Ehen innerhalb derselben Horde,

wenigstens am Ausgange des XVII. Jahrhunderts, nicht gestattet waren,

man konnte die Weiber nur durch Raub von fremden Horden erlangen,

und diess führte zu endlosen Kriegen (Allg. Hist. XI, 412). Die

Hochzeit selbst wird durch Gesang und Tanz gefeiert, wobei Braut und

Bräutigam in festlichem Schmucke erscheinen (Schadenberg 137). Die

Frau hat alle Lasten des Lebens zu tragen, dem Manne obliegt nur die

Jagd, er hat auch eine unumschränkte Macht über alle Glieder seiner

Familie (l. c.). Ein angenehmer Zug im Charakter der Negritos ist die

hohe Achtung vor dem Alter, erwerbsunfähige Greise werden von ihren

Angehörigen liebevoll gepflegt (Schadenberg 135).

Da sie nur mit Misstrauen sich den Christen nähern, so ist uns auch

über ihre sonstigen Bräuche wenig bekannt. Ihre Festlichkeiten bestehen

in Tänzen und Gesängen. Der Tanz Acubac wird in folgender Weise

ausgeführt: ein oder mehrere Mädchen stellen sich in die Mitte eines

Kreises, welcher von Männern gebildet wird. Diese halten einer den

anderen beim Gürtel fest und drehen sich um die Weiber, indem sie mit

den Füssen den Boden nach dem Takte eines monotonen und langweiligen

Gesanges stampfen. Ähnliches berichtet Dr. Schadenberg. Dieser

Gesang heisst "inalug" und wird von den Weibern gesungen, die

Männer wiederholen oder antworten mit einem ähnlichen Wechselgesang

(Ilustr. 1860, n. 17, p. 194). Der Text besteht aus sinnlosen und

zufälligen Phrasen (Meyer 16), alte Männer halten es unter ihrer

Würde mitzusingen, diess gebührt nur den jungen. Mas (pobl., p. 3)

vergleicht diese Gesänge der Negritos mit dem Comintan der Tagalen,

jedenfalls müssen diess andere sein, wie der eben beschriebene

Acubac. Nach Semper besingen sie auch kriegerische Grossthaten. Die

Negrito-Weiber vom Mte. Camachin besassen eine Art von Guitarre oder

Zither, welche aus Rohr verfertigt war, die Stelle der Saiten vertraten

drei dünne Fäden, welche aus Wurzelfasern bestanden, doch gab es auch

solche von Sehnen. Das Instrument besitzt keinen Griff und wird mit

der linken Hand gespielt (Mas, l. c.). Mit dieser Zither oder Guitarre

begleiteten sie im 2/4 Takte den Gesang anderer Mädchen, wobei die

Spielenden mit dem Fusse taktförmig stampften, auch die Männer wussten

das Instrument zu handhaben. Dr. Schadenberg fand ausser Muschelhörnern

keine Musikinstrumente bei den Negritos von Zambales vor.

Ackerbau ist ihnen als herumstreifenden Jägern und Fischern fremd,

nur die unter den Irayas wohnenden und die Negritos von Tarlac bauen

Reis, sonst nähren sie sich durchweg von Waldfrüchten und anderen

Vegetabilien, Honig, Wildpret und Fischen. Unter den ersteren sind es

die Herzen der Palmensorten und die Wurzeln wilder Aroideen, welche

ihnen die meiste Nahrung aus dem Pflanzenreiche liefern (Semper,

Skizzen 52). Ihr Hauptleckerbissen ist der Honig der zahlreichen wilden

Bienen; die Zeit, wo die von den Bienen besiedelten Bäume gefüllt

sind, ist ihre Erntezeit. Das Wachs verhandeln sie an Christen und

Chinesen für Tabak und Betel, denn sie sind nicht nur leidenschaftliche

Tabakraucher, sondern auch Betelkäuer (Semper, l. c.). Das Fleisch der

erlegten Thiere braten sie in Gruben (Schadenberg 144, nach P. Felipe

Calayag). Was sonst kriecht und fliegt und schwimmt wird von ihnen

gegessen, wenn sie nur dessen habhaft werden können, aber diess ist bei

dem elenden Zustande ihrer Waffen nicht so leicht. Letztere bestehen

aus Bogen, Pfeil und Waldmesser, die Pfeile haben eine eiserne Spitze,

die sie durch Handel erlangen; früher bestand die Pfeilspitze,

wie Gemelli-Carreri berichtet, meist aus Kieselsteinen, Knochen

oder Holz. Die Pfeile werden in einem primitiven Köcher -- einem

Stück Bambusrohr getragen (Ilustr. 1860, n. 17, p. 193). Dr. Meyer

(Negr. 15) und Dr. Mundt-Lauff (Nat. V. 479) haben keine vergifteten

Pfeile bei ihnen vorgefunden, dagegen aber Dr. Jagor (Phil. 51),

desgleichen Mozo, welcher (Misiones, p. 110) erzählt, dass sie das

Pfeilgift aus der Rinde eines von ihnen Camandag genannten Baumes

und mehreren anderen Wurzeln und Kräutern bereiten. Vergiftete

Pfeile erwähnt Cavada nicht bei ihnen, wohl aber bei den mit ihnen

wahrscheinlich identischen Balugas. Sie haben drei Gattungen Pfeile,

nämlich für Vögel, Wildschweine und grösseres Wild (Schadenb. 138). Gut

wissen sie auch Steine zu schleudern, seltener trifft man bei ihnen

Lanzen an (l. c., p. 140 f.). Bei der Jagd werden sie von Hunden,

ihren einzigen Hausthieren, unterstützt (Mozo 106, Schadenberg 146).

Selten gelingt es ihnen, ein grösseres Thier zu erlegen, so dass ihre

animalische Kost sich nur auf das Fleisch von Schlangen, Fröschen

und Fischen reducirt (Meyer, N. 14), letztere werden nicht geangelt,

sondern mit Pfeilen geschossen (Semper, Skizzen 52).

Stirbt ein Negrito (in Ilócos Norte), so wird er im Gebirge begraben,

in das Grab werden ihm Feuerstein, Waffen und Stücke Wildpret

mitgegeben, desgleichen von allem, was dem Verstorbenen nahe ging,

wenigstens ein Theil (Ilustr. 1860, n. 12, p. 153). Dr. Meyer fand

die Leichen der Zambales-Negritos in ausgehöhlten Baumstämmen [6],

nur einen Fuss tief unter der Erdoberfläche, in diesen rohen Särgen

fand sich nur hie und da eine Eisenspitze. Der Kopf der Todten wird

in ein rohes Gewebe gehüllt (Schadenberg 148). Die Gräber waren auch

äusserlich kenntlich: sie besassen ein Schutzdach von Bambus und

Palmzweigen, ein Bambusgitter umgab das Grab (Meyer 17), letzteres

sah auch Mas bei den Negritos vom Mte. Camachin (Mas, pobl. 4). Diese

pflegen ein Jahr lang die Grabstätte gänzlich zu meiden, die Negritos

von Nordost-Luzon verlassen zwar den Ort, bleiben aber in der Nähe,

um zu verhindern, dass jemand die Stätte betritt. Wer diess thut,

wird aus sicherem Verstecke durch Pfeilschüsse getödtet [7] (Semper,

Erdk. X, 255); sollte diess nur eine Strafe für die Entweihung der

Stätte sein, oder soll durch die Tödtung des Fremden der Verlust des

eigenen Stammes gleichsam wettgemacht werden?

Ihre Zersplitterung macht sie ihren Feinden gegenüber ohnmächtig,

selbst die kleinen, 20-30 Köpfe zählenden Horden haben gar keine feste

Organisation oder irgendwelche Disciplin, sie kennen eben nur die Bande

der Familie (Meyer, Negr. 15), doch geniessen die älteren Männer ihrer

Erfahrung wegen einen freilich nicht schwerwiegenden Einfluss. Der

Häuptling bestimmt die Lagerplätze und die Zeit des Aufbruches

(Schadenberg 137). Die Negritos der Provinz Ilo-ilo erkennen diejenigen

als Häuptlinge an, welche von den spanischen Missionären eingesetzt

werden (Buzeta II, 103 f.). Einzelne Horden zahlen der spanischen

Regierung eine Abgabe in Naturalien als Zeichen der Unterwerfung, doch

geschieht diese Zahlung sehr unregelmässig und hängt nur von dem guten

Willen der Negritos ab, da die spanischen Behörden ihren Wildnissen

gegenüber machtlos sind. Solche "unterworfene" Negritos besitzen

dann einen "Gobernadorcillo (Gemeindevorsteher)", eine Puppe, welche

den Verkehr zwischen der Behörde und den Negritos vermittelt. Der

Gobernadorcillo wird aus den ältesten der Horde erwählt, hat aber unter

seinen Stammesgenossen gar keine Macht, sein Amt ist sehr einträglich,

denn die spanischen Beamten und Pfarrer pflegen ihn reichlich zu

beschenken. Manche Horden stehen mit den Spaniern auf Kriegsfuss,

ein Mal kamen 700-900 feindliche Negritos bis vor Lingayen (Mas,

pobl. 2). Die Malaien haben vor ihnen trotz ihrer schwachen Zahl und

ihren armseligen Waffen einen bedeutenden Respect. Die einzelnen

Horden sind in beständige blutige Fehden mit einander verwickelt,

wodurch sie immer mehr decimirt werden. Scheidnagel (Filipinas

30) sagt von den Zambales-Negritos, dass sie wild und blutdürstig

wären. Die Negritos zwischen Baler und Casiguran sind im ständigen

Kampfe mit christlichen wie heidnischen Malaien begriffen (Semper,

Erdk. XIII, 252). Sie wurden von den heidnischen Stämmen oft auch

bekriegt blos um Gefangene zu erhalten, letztere wurden der Familie

eines Erschlagenen von jener des Mörders übergeben, um als Sühne für

den Ermordeten abgeschlachtet zu werden.

Nach dem Erzählten ist es leicht begreiflich, dass die Gesammtzahl

der Negritos nur eine sehr geringe sein kann, Mas (pobl. 9) schätzt

sie auf 25 000, Mallat (II, 94) giebt dieselbe Ziffer an, Semper hält

diess mit Recht für übertrieben (Skizzen 138). Jedenfalls beträgt

ihre Anzahl mehr als 10 000 Seelen, wobei ich von Mindanao ganz absehe

und mich nur auf Luzon und die Visayas beschränke. Sie gehen langsam,

aber sicher ihrem Untergange entgegen.

Ehe ich zu den Malaien übergehe, habe ich noch den interessanten

Stamm der Balugas zu erwähnen, welcher in Pangasinán und zwar der

Centralebene Luzons wohnt. Semper hat die Balugas selbst gesehen

und bezeichnet sie als eine Mischlingsrasse von Negritos und Malaien

(Skizzen 53); der Name ist nach ihm tagalisch und bedeutet soviel als

schwarzer Mestize, schwarzer Bastard (Skizzen 136). Diese Mischung mit

malaiischem Blute ist aber nicht stark genug, um die den Negritos

charakteristischen Eigenthümlichkeiten verschwinden zu machen;

im vorigen Jahrhundert haben diese Balugas ein Leben geführt,

das sich in gar Nichts oder wenigstens so gut wie gar nicht von

jenem der Negritos unterscheidet, so dass man geneigt wäre, sie in

jener Zeit als noch unvermischt anzusehen. Es darf nicht unerwähnt

bleiben, dass nach Mas (pobl.) die Negritos neben dem spanischen

Namen Negrillos auch noch die eingeborenen: aëtas, itas, etas und

balugas führen und Scheidnagel (Filipinas 61) bemerkt ausdrücklich:

"Se les suele denominar por los indios con el nombre de balugas",

ebenso spricht Cavada (I, 164) von Balugas ó Aëtas. Die Malaiinnen

Luzons haben einen Abscheu vor den Negritos und gehen trotz ihrer

starken Sinnlichkeit keine geschlechtlichen Verbindungen mit den

Männern der schwarzen Rasse ein, wie Fr. Gaspar de S. Augustin schon

bemerkt (die Visaya-Malaiinnen sollen nicht so heikel sein), es kann

daher jene Vermischung nur durch geraubte Malaiinnen Statt gefunden

haben oder durch Remontados, das heisst durch Malaien, welche eines

Verbrechens wegen oder um den Steuern zu entgehen in die Wälder

flohen und sich unter jenen Negritos niederliessen, was aber nicht

gut möglich ist, da die Negritos gegen diese Exchristen ein starkes

Misstrauen hegen. Es ist also nur der erste Fall der wahrscheinlichere.

Fray Antonio Mozo überschreibt das VIII. Cap. seines Werkes mit:

"Missiones de Balugas ó Aëtas", er will also Balugas mit Negritos

identificiren, wie auch aus dem Inhalt des ganzen Capitels erhellt. Was

er von dem Leben und Treiben der Balugas erzählt, ist eben so gut auf

die heutigen Negritos anwendbar. Die Balugas von Pangasinán, welche

Professor Semper sah, müssen also erst seit der Mitte des vorigen

Jahrhunderts mit malaiischem Blute sich gemengt haben, und man wird

vorsichtig mit dem Namen Baluga umgehen müssen, nachdem, wie wir

soeben gesehen, auch Vollblut-Negritos so genannt wurden und werden.

Noch sei zum Schlusse bemerkt, dass es eine Zeit gab, wo man zweifelte,

ob die Negritos sich im Besitze eines eigenen Idioms befänden. Diess

kam daher, weil die Negritos im Verkehre mit Spaniern und Indiern sich

der Sprache ihrer malaiischen Nachbarn bedienen. Durch die gründlichen

Untersuchungen der Herrn Dr. A. B. Meyer, Dr. v. Miklucho-Maclay

und Dr. A. Schadenberg ist sichergestellt, dass die Negritos sich

im Besitze einer eigenen Sprache befinden, welche freilich von den

malaiischen Nachbar-Dialekten nicht unbeeinflusst geblieben ist.

Versuch einer Ethnographie der Philippinen · 第 14 / 80 题