Von ~Theodor Zlocisti~.
Israel das ~auserwählte Volk~! Hat der Stolz dieses Bekenntnis
geboren, der Stolz, der die Verpflichtung in sich trägt? Oder ist
diese Überzeugung nur ein ethisches Erziehungsmittel unserer alten
Meister, die unermüdlich Barrikaden türmten um die Zelte Jakobs,
daß sie festblieben im brausenden Sturm der Zeiten und nicht ihr
schützendes Dach verlören, wenn einmal die Sonne in mitleidigen Gnaden
der Gemeinde lächelte? Formel und Stimmung der Segenssprüche und Gebete
steigerten Israels Überzeugung von seiner Erwähltheit auch dann noch
zu schöpferischem Leben, als das Verlangen nach der Erlösung von der
Fessel jüdischer Verpflichtung jene -- sonst ungeübte -- Bescheidenheit
aufkommen lassen mochte, nichts anderes und nicht mehr denn die Völker
der Erde zu sein. Sein zu -- wollen.
Die Geschichte sprach. Vor ihrer eindringlichen Rede mußte das Murren
derer verstummen, die Israels Vergangenheit wie Sträflingsketten
empfanden auf dem Wege des „Fortschritts“, der so viele Flüchtlinge
sah.
Freiheitssehnsucht und das Ahnen einer höheren Berufung, das die Seelen
in der Sklavennot festmachte im Entschluß und stark zur Tat, fügten die
Stämme zum Volke. Aus mythischem Gewölk stieg es in den Lichtkreis der
Geschichte. Völker, die am Morgen blühten, versanken in die Nacht. Der
Trutz der Gewaltigen zerbrach. Die Kleinen verdorrten in der Schwüle.
Die Herren der Welt und ihre Werke starben. Aber Israel, der Knecht
Gottes, mußte leben. Und lebt.
Nur das Tote und was das Gesetz des Sterbens in sich trägt, hat eine
Geschichte. Das jüdische Volk hat nur eine Vergangenheit. Es lebt, da
es kämpfen muß: um sich, um Gott, um eine Zukunft. Es lebt harrend des
Messias, der sich durch den Propheten Eliah ankündigt. Es lebt für das
goldene Zeitalter der Menschen, das nur die Resignation sterbender
Völker, die Verzweiflung der Geschichtsnationen in die Vorzeit, die war
und nicht wiederkehrt, hat verlegen können.
Israel lebt; und dieses Lebendigsein läßt seine Vergangenheit nicht
zur Geschichte erstarren. Was in den Zeiten war, muß den Geschlechtern
wirklich sein. Und ~Gegenwart~! War einstmals Erlebtes nicht
unwertiges Beiwerk, sondern das Erlebnis, dann ist es heut wie einst:
ewige Gegenwart, die kein Verblühen kennt.
Dieses ist des Peßachfestes letzter Sinn. Dieses ist das gestaltende
Prinzip der Hagadah, das formende Element von Peßachbrauch und Sitte.
„In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der einzelne verpflichtet, sich
selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es
heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen
dessen, was der Ewige mir getan hat bei ~meinem~ Auszug aus Mizrajim...
Nicht unsere ~Väter~ allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst,
sondern auch uns hat er mit ihnen erlöst, denn es heißt: Und ~uns~ hat
Er von dort herausgeführt, um ~uns~ zu führen und um ~uns~ zu geben das
Land, das er unsern Vätern zugeschworen.“
Peßach als Geschichtsfest, als ein Fest der Erinnerung zu feiern,
mußte als Entehrung gelten. Wer den Auszug aus Mizrajim nicht als ein
persönliches Erlebnis in sich trug, war ein Abtrünniger, frevelte
an dem Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Nur der Böse -- der Feind
Israels! -- konnte fragen: „Was soll dieser Dienst -- euch?! Euch!
Nicht ihm! Er schließt sich aus der Gemeinschaft aus. So verleugnet
er das Wesentliche. Mache ihm darum die Zähne stumpf und sage ihm:
Wegen dessen, was der Ewige ~mir~ getan hat bei ~meinem~ Auszug aus
Mizrajim... ~Mir~, nicht ~ihm~. Er wäre von dort nicht befreit worden.“
Sich selbst als den Erlösten zu fühlen und fröhlich die Verpflichtung
aus dieser Gnade zu tragen: das war die Überwindung der Zeiten.
Ägypten war nicht einst. Es lebt fort als das Land unserer
Knechtschaft. Und in neuer Gestalt nur steht es auf, Israel zu
vernichten. Die Feinde wechseln. Die Feindschaft bleibt. Das Werkzeug
der Frohnherren erneuert sich, und der Haß findet keckere Künste der
Versklavung --: aber im Peßach trägst du die Gewißheit der Erlösung.
Die Befreiung der Nation nimmt dem einzelnen die Kette ab. Und der
einzelne, der in sich das Werk der Befreiung fühlt, erlöst das Volk.
So verknüpft Peßach dich mit dem Volke und bindet die Geschlechter
durch die Ewigkeit gemeinsamen Schicksals! Neue Zeiten steigen empor
mit neuen Geschehnissen. Es sind die alten, nur in neuem Mummenschanz.
Neue Geschlechter kommen. Es sind die alten, wird das Erlebnis des
Vaters nur das Erlebnis des Sohnes. Aber die Kette der Geschlechter
ist zerrissen, wenn der Sohn stumm steht vor der tiefsten Erregung des
Vaters. Und also strebt das Erziehungsproblem unserer Meister empor zur
Versöhnung und Verschmelzung der Gewordenen und der Werdenden: „Erzähle
ihnen nicht. Sondern lehre die Kinder -- ~fragen~.“ Mah nischtanah
halajlah haseh mikol halejloth ... Das Fest der Vergangenheit wird das
Fest derer, die in sich die Zukunft tragen.
Als der Tempel noch auf der Höhe Zions stand, gab es wohl noch kein
besonderes Rituale. Aus allen Städten und Gauen kamen die Familien in
die heilige Stadt, um dort mit Opfern und fröhlichem Gelage ihre eigene
Befreiung zu feiern. An drei Millionen Menschen -- Freiheitkünder
-- sah noch kurz vor dem „jüdischen Kriege“ Jeruschalajim. Peßach
machte sie zu ~einem~ Volke, wie die ägyptische Befreiung sie
zu einem ~Volke~ gemacht hatte. Wie es die Kraft immer aus sich
gebar, in Raum und Zeit Getrenntes zu vereinen, aus den Umständen
Geschiedenes zusammenzufügen, so löste es in alter Zeit die Spannung
der sozialen Schichten und der religiösen Bünde. Der Arme war der Gast
des Reichen. Ha lachma anja -- dies ist das Brot des Elends. Es gehörte
den Dürftigen. Die Genossenschaften, die in der levitischen Reinheit
lebten -- die Chawerim --, wollten sich jetzt nicht vom Am haarez
unterscheiden, dessen Sein und dessen Werk im Erdhaften wurzelten:
Zu Peßach hieß es: Kol Israel chawerim. Das Fest weihte auch die
Ungeweihten. Erst in der Folge weitete sich der Sinn dieser Formel
zur Notwendigkeit eines Lebensprinzips aus. Pharao lag noch nicht am
Boden. Römische Kohorten durchzogen das Land. Der Tempel fiel. Das
Imperium romanum schwoll um eine neue Kolonie an. Viele mußten ins
Elend ziehen. Aber des Peßach konnten sie nicht vergessen. Die im Lande
blieben auf heimischer Scholle -- den Zöllnern frohnend wie einst den
Zwingherren in Ägypten -- zogen wie einst hinauf in die heilige Stadt,
opferten das Lamm und sangen, wie uns des Nazareners Jünger melden,
den Lobgesang. Frühe schon war also das Hallelgebet in die Festordnung
eingefügt worden. An die Stelle der fließenden Bräuche eines fröhlichen
Freiheitsfestes hatte die Sorge um die Erhaltung des Volkstums die
~Ordnung~ gesetzt. Die Meister sahen den Gang der äußeren
Geschicke schmerzergriffen. Aber weit in die Zeiten hinausblickend
griffen sie besonnen das Werk an: der Weiterführung und Umformung
mosaischen Gesetzes und jüdischer Sitte. Den neuen Lebensbedingungen
des Exils sich weise anpassend, wollten sie die Verbannung überwinden,
überdauern. Sprache und Brauch und die Übungen des heiligen Dienstes
durften, ~sollten~ sich wandeln, damit die Seele des Volkstums in
unbefleckter, unberührter Reinheit blieb. Peßach mußte gerettet werden.
Es war die Rettung selbst! Die enge Beziehung der Nation zum Erlebnis
ihrer Volkswerde -- leidenschaftlicher annoch, als das äußere Band der
Staatseinheit zerriß -- mußte den Erstarrungsprozeß des Peßachrituale
hinauszögern. Noch kämpfte das „Haus Schammais“ mit der Schule Hillels,
ob nur der erste Psalm des Hallelgebetes -- „Lobet, ihr Knechte des
Herrn, lobet den Namen des Herrn“ -- vor dem Festmahl gesungen werden
sollte oder auch der zweite, der sich dichter dem Sinn des Festes
anschmiegte: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus dem
fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich.“ Noch
war die Formel des Weihespruches nicht festgeschmiedet. Rabbi Tarfon,
der die Schergen der römischen Herrschaft fürchtete, fügte ihm nur
den Satz bei:... „und uns diese Nacht erleben ließest, daß wir Mazzah
und Maror darin essen dürfen“. Aber der jüngere Rabbi Akiba, der im
barkochbäischen Aufstande das heilige Banner der Propheten trug, der
gotterfüllte Märtyrer des letzten nationalen Verzweiflungskampfes,
Akiba preßte die lodernde Flamme patriotischer Sehnsucht in die Worte:
„Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden
erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem
Dienste, daß wir wieder essen dürfen von den Fest- und Peßachopfern,
deren Blut -- dir wohlgefällig -- die Wand deines Altars berührt, und
daß wir dir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die
Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du Gott, der Israel erlöst.“
Mächtig brauste der Jubel dieses Festes persönlichen Erlebnisses auf.
Und der Weihespruch, den die Weisen schufen, steigerte noch die Größe
des Erlebnisses: ... „der ~uns~ erlöst hat und unsere Väter
erlöst hat aus Ägypten.“ Die Väter traten zurück vor der Befreiung des
lebenden Geschlechtes. Im Leid der Gegenwart sollte es die Wonne der
Freiheit fühlen.
Allein da die letzte nationale Hoffnung verschüttet war, sollte sich
der Ernst gleich einem schweren Tau in die sonnenfrohen Flügel der
Festesfreude legen. Einst schwelgte der Jude nach dem Peßachmahle
bei feurigem Weine. Lieder erklangen im Kreise; und die kichernde,
schmeichlerische Flöte, das Lieblingsinstrument der Juden, zauberte im
Kusse mit trunkenen Lippen hüpfende Weisen hervor. Da leuchteten die
Augen und die Stirnen glühten. Die Glieder regten sich zum Tanze. Und
freudetrunken zog die Jugend in die Häuser der Freunde. Sie scherzten
und lärmten, bis die kühle Nacht sie hinausrief auf die Berge;
sprangen sie nicht wie Widder, und die Hügel nicht wie junge Schafe?
Das Echo der Felsen und Wände sang fröhlichen Refrain; und die Sterne
lächelten...
Als zum Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi
Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der
Mischnah festlegte, war das hellenisch anmutende Epikomon untersagt.
Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituale durfte kein
Wein mehr genossen werden. „Warum all die Zeugnisse, Vorschriften
und Gesetze?“ fragt das kluge Kind. Und beziehungsvoll soll der
Vater antworten: „Man lasse die Peßachfeier nicht mit einem Epikomon
schließen.“ Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch.
Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war
wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend
das einst erdhafte Volk.
Das Leben auf eigener Scholle war verwehrt. Das Leben im eigenen
Geiste konnten nicht Feuer und Schwert und nicht die Macht der Cäsaren
vernichten. Wenn nur die Kette der Geschlechter sich nicht löste! Im
Kinde das nationale Erlebnis der Befreiung aus Mizrajims Sklaverei zu
einem persönlichen aufsteigen zu lassen, wurde, je weiter die Zeiten
schritten, um so deutlichere Aufgabe der Peßachübung. Schon Rabban
Gamliel hatte gefordert, daß am Peßachabend von den drei Dingen,
dem Peßachlamm, dem ungesäuerten Brote und den bitteren Kräutern
~gesprochen~ werden sollte. Das Kind mußte sehen, fragen und
hören. In den Sinnbildern der bitteren Leiden Israels sollte ihm
der Auszug aus Ägypten gegenwärtig werden. Und also fortbauend
fügten unsere Meister Stein um Stein zu unserer Hagadah. Nicht eine
geschichtliche Überlieferung galt es weiterzugeben; nicht antiquarische
Kenntnisse zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn des Peßachopfers
schwand, als der Opferkult in die Form national durchsetzter Gebete
eingeschmolzen war. Die Frage, warum sitzen wir heut angelehnt, wurde
eingefügt. Und die anderen Fragen wurden nach den aus verändertem
Milieu gegebenen Vorstellungen des Kindes neu gewendet. Die Antwort
des Vaters gab zunächst wohl nur den schlichten Bericht von den Leiden
Israels in der ägyptischen Sklaverei und von ihrer Befreiung. Aber in
den Jahrhunderten wurden aus alten Büchern Geschichtchen entlehnt, die
dem Feste galten und zur Seele eines jüdischen Kindes sprechen konnten.
Als letztes Zwischenstück kam die geistvolle, packende Erzählung von
den vier verschieden gearteten Söhnen, die nach dem Sinn des Festes
fragen.
So wuchs die Peßach-Hagadah. Wie der Peßachabend die große Stunde
des Kindes wurde, wurde die Hagadah das Buch des Kindes. Es löste
sich aus den großen Folianten, in deren gewundenen Wegen es wie ein
verborgener Garten lag; und führte klein und zierlich sein eigen Leben.
Gebetstücke schmiegten sich an. Fromme Lieder baten um Eingang. Aber
als um das Jahr 1100 die Hagadah ganz als selbständiges Werk auftrat,
war ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wie der Peßachabend die
Geburtsstunde des Erlebnisses war, das sich immer wieder erneute, also
verjüngten sich Brauch und Sitte, und neue Lieder schmeichelten sich
ein, ernste und scherzende, wie das Lied von Böcklein, Chad Gadja, das
Adirhu und die nachdenkliche Zahlenspielerei des Echad mi jodea.
Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch
in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich
zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die
Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit
darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah
die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die
Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele
wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen,
mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen
zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein
Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in
kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß
sie seine Welt sein -- mußten.
So war die Peßach-Hagadah ein Buch auch für dieses jüdische Kind;
wert und lieb noch den Gereiften, die ihrer kindheitarmen Kindheit
gerne dachten, mit seiner niedergehaltenen Natürlichkeit und seinem
gesteigerten Intellektualismus. Ein Buch, in dem die verängstete,
freiheitsehnende Seele sich im Spiegelbilde fand. Ein Buch, das
sich dem Alltag entzog und -- alljährlich nur für zwei Abende der
dunklen Truhe entführt -- in den Monaten aufgestapelt die Freude am
Lichte, an Freiheit und leuchtenden Augen trug. So war es, daß eine
fast zärtliche Liebe dieses Buch wie nie ein anderes jüdisches Buch
umgab. Es wurde häufig abgeschrieben, und sinnende Künstler wußten
mit goldigen Farben, mit kecken Buchstaben und zierlichen Bildern den
Ernst der schweren Buchstaben ins Heitere zu schmücken. Fünfundzwanzig
dieser illuminierten Handschriften-Hagadahs haben in unsere Tage die
Kunde liebevoller Sorgfalt getragen. Sie stammen aus dem dreizehnten
und vierzehnten Jahrhundert, aus Spanien, Frankreich und Deutschland.
Allein als schon die Druckerkunst die Demokratisierung des Buches
begonnen hatte, starb die Freude an dem persönlichsten Besitz einer
bemalten Handschrift nicht. Bis ins achtzehnte Jahrhundert blühten
jüdische Meister dieser heiteren Kunst, und Aaron Schreiber Sterrlingen
aus Gewitsch in Mähren war weit berühmt als Hagadahschreiber in den
Landen. Auf schwerem Pergamente lebte die Geschichte vom Auszug aus
Mizrajim. In langen Tagen und in Nächten erstand die Schrift; und
Sinnen und Sorge, Segen und Versagung in den Schöpferstunden gruben
sich in die Buchstaben ein. Bald liegen sie kauernd am Boden; bald
streben sie empor, als wollten sie wie eine Jakobleiter der Enge des
Irdischen entstreben. Noch ist der Buchstabe nicht zum Blei erstarrt.
Getreulich folgt er Willen und Laune des Schöpfers. In den krausen,
verschnörkelten Initialen spiegelt sich noch das verworrene Gewoge
der Absichten, der Hoffnungen und Zagnisse, die jeden Gestalter im
Anbeginn seiner Arbeit durchziehen. In den Zwischenstücken, die so
scheinen wollen, als seien sie eine Erholung für den Leser, ruht der
Sturm des Schaffens; und besonnen, nachdenklich wird die Linie der
Zeichnung. Und wenn ein Stück zu Ende gebracht, tollt sich die Freude
am gelungenen Werk in den Kapriolen der Phantastik aus. Die Lust am
grotesken Buchstaben, der sich in Schlangenschwänzen, Giraffenhälsen,
Karikaturenköpfen, in Blüten und Gezweige verliert, das Behagen an
bizarren Schlußstücken und der sittliche Ernst, der Zwischenstücke
formt -- große Worte etwa, die wie Könige des Gedankens in Schloß
und Burgen stehen oder sich in dichter Dornenhecke ungeweihtem Auge
zu verbergen scheinen --: sie haben sich in allen handschriftlichen
Hagadahs erprobt. In den Bilderbeilagen weichen sie indessen ab. Die
älteste -- zugleich das köstlichste Erbe jüdischer Künstlerschaft --
die Hagadah von Serajewo bringt in enger Folge Bilder zur Genesis
und zur Erzählung des Auszugs aus Ägypten. Die Illustration des
eigentlichen Peßachrituale tritt hier zurück. Andere wieder schließen
sich enger den Begebenheiten an, die im Peßach ihre ewige Wiederkehr
feiern. Moses, sein wundersames Schicksal und seine Berufung werden der
Mittelpunkt dieses eingeengten Bildkreises. Die Erzählungen von den
vier Weisen, die zu B’ne-B’rak vom Peßach sprachen, bis daß der Morgen
sie zum Gebete rief, die Typen der vier Fragenden, Rabban Gamliel, der
die Festordnung schuf, werden im Bilde deutlich. Und Eliah sehen wir
nahen, den ewigen Wanderer, der wie ein gütiger Tröster aus dem düstern
Wirrsal der Gegenwart in den Frieden des Messias weist.
Wie sich die Formensprache des Zeichners aus dem Primitiven, über
die Technik der Renaissance zum Realismus aufhellt, so prägt sich
in der Auswahl der Motive die Stimmung der Zeiten aus. Dunkle Tage
kommen, da der Haß die stachliche Peitsche schwingt. In den frühen
Hagadahhandschriften, die stolze Herren aus romanischen Landen
sich zeichnen ließen, herrscht das Bild, dem die ~Bibel~ den
Vorwurf gibt. In den deutschen des späten Mittelalters will sich die
~Legende~ verkünden. Die große aristokratische Linie verläuft
ins Volkstümliche, in die Träumereien des Gedrückten, in die Enge
des Hauses. Die Helden und Starken -- Simson, David -- kommen in die
Hagadah und -- das Genrebild des häuslichen Lebens!
Der Weg dieser Entwicklung mündet in den Drucken und verliert seine
letzte Spur im -- Kliché. Von den 895 Ausgaben, die in den vier
Jahrhunderten von 1500-1900 erschienen sind, tragen 194 bildnerischen
Schmuck.
In den ersten Drucken, von denen uns Stücke erhalten sind, ringt noch
ein echter, gottergebener Kunsttrieb. Der Druck vervielfältigte,
demokratisierte das Buch. Aber der Meister saß in einsamer Klause,
schnitt krause Gedanken, heilige und frohe Stimmung in seine Buchstaben
und Stöcke; und die Phantasie des rechten Werkmannes machte das dürre
Holz lebendig. Die Prager Hagadah von 1526 und die von Mantua aus dem
Jahre 1560 sind köstliche Schöpfungen. Technisch gebunden an die Formen
des deutschen Holzschnittes, motivisch geleitet durch die letzten
illustrierten Handschriften-Hagadahs, ästhetisch erzogen durch die
Renaissance finden sie den Weg zu persönlicher Gestaltung. Jede Seite
hat ihr eigenes Leben. Ein naiver Kunstsinn verteilt den Raum. Die
Zeilen sind ungleichmäßig, oft wie Blöcke aufgebaut, oft wie Terrassen
ansteigend. Fruchtgirlanden rahmen die Seiten ein. Aber nicht in
langweiliger Wiederholung. Stücke fallen aus, um einem Bildchen Platz
zu geben; oder wuchtig rückt der Textwert vor. Mit den einfachsten
Mitteln wird ergötzliche Mannigfaltigkeit erreicht. Die Bilder
begleiten den Text; oft nur ein einziges Wort verdeutlichend. Die
Legende drängt sich vor und das liturgische Element. Die Peßachfeier im
Hause wird in realistischen Triptychen dargestellt. Und die Hasenjagd
fehlt nicht. Sie war aus einem Merkwort entstanden: J. K. N. H. S.
(Jajim, Kiddusch, Ner, Hawdalah, S’man): Jagnehas sprachen es die
deutschen Juden. Und also kam die in der alten Kunst beliebte und
symbolisch vielgedeutete Hasenjagd in die -- Hagadah. Das kraftvolle
Sch’foch chamathcha al hagojim -- der Fluch gegen die Völker, die Gott
nicht erkennen -- erhält ein eigenes Schmuckblatt: Adam und Eva, Judith
mit dem Haupte des Holofernes, Simson, der das Tor vom Tempel des
Gottes Dagon trägt, und -- Eliahu auf seinem müden Eselein. Die vier
Fragenden stehen noch jeder für sich. Aber der Bösewicht trägt schon
den Harnisch des Landsknechtes.
Es war nicht mehr die hohe Kunst und die volle Farbenpracht der
illuminierten Handschriften. Aber es blieb doch ein Reichtum
künstlerischer Gesichte und die Vielgestaltigkeit des Typographen.
Indes: Je weiter die Zeiten vorschritten, um so kunstloser, eintöniger
wurden die Zeichnungen, bis sie im Morast der Erbärmlichkeit
rettungslos stecken blieben. Es ist, als wäre mit dem Judentum
auch der jüdische Gestaltertrieb in nicht mehr verstandener
Überlieferung erstarrt --: war Peßach nur noch alter, geheiligter,
~anbefohlener~ Brauch, und war es nicht mehr das immer sich
erneuernde Erlebnis der Befreiung?
Ist die Peßach-Hagadah tot? Und hat sie deshalb eine Geschichte? Oder
will sich der große Tag verkünden, da Israel wieder hinaufzieht gen
Jeruschalajim, zur Stadt des Herren, um dorten in fröhlichem Feste die
Erlösung aus Mizrajim zu feiern, weil es in junger Seele die eigene
Erlösung erlebt?
[Illustration]