Und nun bringt ein süßer Wind von Osten

Hergeführt die Himmels-Mädchen-Schar;

Mit den Augen fängst du an zu kosten,

Schon der Anblick sättigt ganz und gar.

Forschend stehn sie, was du unternahmst?

Große Plane? fährlich blutgen Strauß?

Daß du Held seist, sehn sie, weil du kamest;

Welch ein Held du seist, sie forschen's aus.

Und sie sehn es bald an deiner Wunden,

Die sich selbst ein Ehrendenkmal schreibt.

Glück und Hoheit, alles ist verschwunden,

Nur die Wunde für den Glauben bleibt.

Führen zu Kiosken dich und Lauben,

Säulenreich von buntem Lichtgestein,

Und zu edlem Saft verklärter Trauben

Laden sie mit Nippen freundlich ein.

Jüngling, mehr als Jüngling, bist willkommen!

Alle sind wie alle licht und klar;

Hast du eine dir ans Herz genommen,

Herrin, Freundin ist sie deiner Schar.

Doch die allertrefflichste gefällt sich

Keineswegs in solchen Herrlichkeiten;

Heiter, neidlos, redlich unterhält dich

Von den mannigfaltgen Trefflichkeiten.

Eine führt dich zu der andern Schmause,

Den sich jede äußerst ausersinnt;

Viele Frauen hast und Ruh im Hause,

Wert, daß man darob das Paradies gewinnt,

Und so schicke dich in diesen Frieden:

Denn du kannst ihn weiter nicht vertauschen;

Solche Mädchen werden nicht ermüden,

Solche Weine werden nicht berauschen.

Und so war das Wenige zu melden,

Wie der selge Musulman sich brüstet:

Paradies der Männer Glaubenshelden

Ist hiemit vollkommen ausgerüstet.

Auserwählte Frauen

Frauen sollen nichts verlieren,

Reiner Treue ziemt zu hoffen;

Doch wir wissen nur von vieren,

Die alldort schon eingetroffen.

Erst Suleika, Erdensonne,

Gegen Jussuf ganz Begierde;

Nun, des Paradieses Wonne,

Glänzt sie, der Entsagung Zierde.

Dann die Allgebenedeite,

Die den Heiden Heil geboren

Und getäuscht, in bittrem Leide

Sah den Sohn am Kreuz verloren.

Mahoms Gattin auch, sie baute

Wohlfahrt ihm und Herrlichkeiten,

Und empfahl bei Lebenszeiten

Einen Gott und eine Traute.

Kommt Fatima dann, die Holde,

Tochter, Gattin sonder Fehle,

Englisch allerreinste Seele

In dem Leib von Honiggolde.

Diese finden wir alldorten;

Und wer Frauenlob gepriesen,

Der verdient an ewgen Orten

Lustzuwandeln wohl mit diesen.

Einlaß

Huri

Heute steh ich meine Wache

Vor des Paradieses Thor;

Weiß nicht grade, wie ich's mache;

Kommst mir so verdächtig vor!

Ob du unsern Mosleminen

Auch recht eigentlich verwandt?

Ob dein Kämpfen, dein Verdienen

Dich ans Paradies gesandt?

Zählst du dich zu jenen Helden?

Zeige deine Wunden an,

Die mir Rühmliches vermelden,

Und ich führe dich heran.

Dichter

Nicht so vieles Federlesen!

Laß mich immer nur herein:

Denn ich bin ein Mensch gewesen

Und das heißt ein Kämpfer sein.

Schärfe deine kräftgen Blicke!

Hier durchschaue diese Brust,

Sieh der Lebenswunden Tücke,

Sieh der Liebeswunden Lust!

Und doch sang ich gläubger Weise,

Daß mir die Geliebte treu,

Daß die Welt, wie sie auch kreise,

Liebevoll und dankbar sei.

Mit den Trefflichsten zusammen

Wirkt ich, bis ich mir erlangt,

Daß mein Nam in Liebesflammen

Von den schönsten Herzen prangt.

Nein! du wählst nicht den Geringern!

Gib die Hand, daß Tag für Tag

Ich an deinen zarten Fingern

Ewigkeiten zählen mag.

Anklang

Huri

Draußen am Orte,

Wo ich dich zuerst sprach,

Wacht ich oft an der Pforte,

Dem Gebote nach.

Da hört ich ein wunderlich Gesäusel,

Ein Ton- und Silbengekräusel;

Das wollte herein,

Niemand aber ließ sich sehen,

Da verklang es klein zu klein;

Es klang aber fast wie deine Lieder,

Das erinnr ich mich wieder.

Dichter

Ewig Geliebte! wie zart

Erinnerst du dich deines Trauten!

Was auch in irdischer Luft und Art

Für Töne lauten,

Die wollen alle herauf;

Viele verklingen da unten zu Hauf;

Andere mit Geistes Flug und Lauf,

Wie das Flügel-Pferd des Propheten,

Steigen empor und flöten

Draußen an dem Tor.

Kommt deinen Gespielen so etwas vor,

So sollen sie's freundlich vermerken,

Das Echo lieblich verstärken,

Daß es wieder hinunter halle,

Und sollen Acht haben,

Daß in jedem Falle,

Wenn er kommt, seine Gaben

Jedem zugute kommen:

Das wird beiden Welten frommen.

Sie mögen's ihm freundlich lohnen,

Auf liebliche Weise fügsam;

Sie lassen ihn mit sich wohnen:

Alle Guten sind genügsam.

Du aber bist mir beschieden,

Dich laß ich nicht aus dem ewigen Frieden;

Auf die Wache sollst du nicht ziehn.

Schick eine ledige Schwester dahin!

Dichter

Deine Liebe, dein Kuß mich entzückt!

Geheimnisse mag ich nicht erfragen;

Doch sag mir, ob du an irdischen Tagen

Jemals teilgenommen!

Mir ist oft so vorgekommen.

Ich wollt es beschwören, ich wollt es beweisen:

Du hast einmal Suleika geheißen.

Huri

Wir sind aus den Elementen geschaffen,

Aus Wasser, Feuer, Erd und Luft,

Unmittelbar, und irdischer Duft

Ist unserm Wesen ganz zuwider.

Wir steigen nie zu euch hernieder;

Doch wenn ihr kommt, bei uns zu ruhn,

Da haben wir genug zu tun.

Denn, siehst du, wie die Gläubigen kamen,

Von dem Propheten so wohl empfohlen,

Besitz vom Paradiese nahmen,

Da waren wir, wie er befohlen,

So liebenswürdig, so charmant,

Wie uns die Engel selbst nicht gekannt.

Allein der erste, zweite, dritte,

Die hatten vorher eine Favorite;

Gegen uns waren's garstige Dinger,

Sie aber hielten uns doch geringer.

Wir waren reizend, geistig, munter,

Die Moslems wollten wieder hinunter.

Nun war uns himmlisch Hochgebornen

Ein solch Betragen ganz zuwider;

Wir aufgewiegelten Verschwornen

Besannen uns schon hin und wieder,

Als der Prophet durch alle Himmel fuhr,

Da paßten wir auf seine Spur.

Rückkehrend hatt' er sich's nicht versehn,

Das Flügel-Pferd, es mußte stehn.

Da hatten wir ihn in der Mitte!--

Freundlich ernst, nach Propheten-Sitte,

Wurden wir kürzlich von ihm beschieden;

Wir aber waren sehr unzufrieden.

Denn seine Zwecke zu erreichen,

Sollten wir eben alles lenken;

So wie ihr dächtet, sollten wir denken,

Wir sollten euren Liebchen gleichen.

Unsre Eigenliebe ging verloren,

Die Mädchen krauten hinter den Ohren.

Doch, dachten wir, im ewigen Leben

Muß man sich eben in alles ergeben.

Nun sieht ein jeder, was er sah,

Und ihm geschieht, was ihm geschah.

Wir sind die Blonden, wir sind die Braunen,

Wir haben Grillen und haben Launen,

Ja, wohl auch manchmal eine Flause,

Ein jeder denkt, er sei zu Hause.

Und wir darüber sind frisch und froh,

Daß sie meinen, es wäre so.

Du aber bist von freiem Humor,

Ich komme dir paradiesisch vor;

Du gibst dem Blick, dem Kuß die Ehre,

Und wenn ich auch nicht Suleika wäre.

Doch da sie gar zu lieblich war,

So glich sie mir wohl auf ein Haar.

Dichter

Du blendest mich mit Himmelsklarheit;

Es sei nun Täuschung oder Wahrheit,

Genug, ich bewundre dich vor allen.

Um ihre Pflicht nicht zu versäumen,

Um einem Deutschen zu gefallen,

Spricht eine Huri in Knittelreimen.

Huri

Ja, reim auch du nur unverdrossen,

Wie es dir aus der Seele steigt!

Wir paradiesische Genossen

Sind Wort und Taten reinen Sinns geneigt.

Die Tiere, weißt du, sind nicht ausgeschlossen,

Die sich gehorsam, die sich treu erzeugt!

Ein derbes Wort kann Huri nicht verdrießen;

Wir fühlen, was vom Herzen spricht,

Und was aus frischer Quelle bricht,

Das darf im Paradiese fließen.

Huri

Wieder einen Finger schlägst du mir ein!

Weißt du denn, wie viel äonen

Wir vertraut schon zusammen wohnen?

Dichter

Nein!--Will's auch nicht wissen. Nein!

Mannigfaltiger frischer Genuß,

Ewig bräutlich keuscher Kuß!--

Wenn jeder Augenblick mich durchschauert,

Was soll ich fragen, wie lang es gedauert!

Huri

Abwesend bist denn doch auch einmal;

Ich merk es wohl, ohne Maß und Zahl.

Hast in dem Weltall nicht verzagt,

An Gottes Tiefen dich gewagt.

Nun sei der Liebsten auch gewärtig!

Hast du nicht schon das Liedchen fertig?

Wie klang es draußen an dem Tor?

Wie klingt's?--Ich will nicht stärker in dich dringen,

Sing mir die Lieder an Suleika vor:

Denn weiter wirst du's doch im Paradies nicht bringen.

Begünstigte Tiere

Vier Tieren auch verheißen war,

Ins Paradies zu kommen.

Dort leben sie das ew'ge Jahr

Mit Heiligen und Frommen.

Den Vortritt hier ein Esel hat;

Er kommt mit muntern Schritten:

Denn Jesus zur Prophetenstadt

Auf ihm ist eingeritten.

Halb schüchtern kommt ein Wolf sodann,

Dem Mahomet befohlen:

"Laß dieses Schaf dem armen Mann!

Dem Reichen magst du's holen."

Nun immer wedelnd, munter, brav,

Mit seinem Herrn, dem braven,

Das Hündlein, das den Siebenschlaf

So treulich mit geschlafen.

Abuherriras Katze hier

Knurrt um den Herrn und schmeichelt.

Denn immer ist's ein heilig Tier,

Das der Prophet gestreichelt.

Höheres und Höchstes

Daß wir solche Dinge lehren,

Möge man uns nicht bestrafen:

Wie das alles zu erklären,

Dürft ihr euer Tiefstes fragen.

Und so werdet ihr vernehmen,

Daß der Mensch mit sich zufrieden,

Gern sein Ich gerettet sähe,

So dadroben wie hienieden.

Und mein liebes Ich bedürfte

Mancherlei Bequemlichkeiten;

Freuden, wie ich hier sie schlürfte,

Wünscht ich auch für ewge Zeiten.

So gefallen seine Gärten,

Blum und Frucht und hübsche Kinder,

Die uns allen hier gefielen,

Auch verjüngtem Geist nicht minder.

Und so möcht ich alle Freunde,

Jung und alt, in eins versammeln,

Gar zu gern in deutscher Sprache

Paradieses Worte stammeln.

Doch man horcht nun Dialekten,

Wie sich Mensch und Engel kosen,

Der Grammatik, der versteckten,

Deklinierend Mohn und Rosen.

Mag man ferner auch in Blicken

Sich rhetorisch gern ergehen

Und zu himmlischem Entzücken

Ohne Klang und Ton erhöhen.

Ton und Klang jedoch entbindet

Sich dem Worte selbstverständlich,

Und entschiedener empfindet

Der Verklärte sich unendlich.

Ist somit dem Fünf der Sinne

Vorgesehn im Paradiese,

Sicher ist es, ich gewinne

Einen Sinn für alle diese.

Und nun dring ich aller Orten

Leichter durch die ewgen Kreise,

Die durchdrungen sind vom Worte

Gottes rein-lebendger Weise.

Ungehemmt mit heißem Triebe

Läßt sich da kein Ende finden,

Bis im Anschaun ewger Liebe

Wir verschweben, wir verschwinden.

Siebenschläfer

Sechs Begünstigte des Hofes

Fliehen vor des Kaisers Grimme,

Der als Gott sich läßt verehren,

Doch als Gott sich nicht bewähret:

Denn ihn hindert eine Fliege,

Guter Bissen sich zu freuen.

Seine Diener scheuchen wedelnd,

Nicht verjagen sie die Fliege.

Sie umschwärmt ihn, sticht und irret

Und verwirrt die ganze Tafel,

Kehret wieder wie des häm'schen

Fliegengottes Abgesandter.

"Nun",--so sagen sich die Knaben--

"Sollt ein Flieglein Gott verhindern?

Sollt ein Gott auch trinken, speisen,

Wie wir andern? Nein, der Eine,

Der die Sonn erschuf, den Mond auch,

Und der Sterne Glut uns wölbte,

Dieser ist's, wir fliehn!"--Die zarten

Leicht beschuht-beputzten Knaben

Nimmt ein Schäfer auf, verbirgt sie

Und sich selbst in Felsenhöhle.

Schäferhund, er will nicht weichen;

Weggescheucht, den Fuß zerschmettert,

Drängt er sich an seinen Herrn

Und gesellt sich zum Verborgnen,

Zu den Lieblingen des Schlafes.

Und der Fürst, dem sie entflohen,

Liebentrüstet, sinnt auf Strafen,

Weiset ab so Schwert als Feuer;

In die Höhle sie mit Ziegeln

Und mit Kalk sie läßt vermauern.

Aber jene schlafen immer,

Und der Engel, ihr Beschützer,

Sagt vor Gottes Thron berichtend:

"So zur Rechten, so zur Linken

Hab ich immer sie gewendet,

Daß die schönen jungen Glieder

Nicht des Moders Qualm verletze.

Spalten riß ich in die Felsen,

Daß die Sonne steigend, sinkend,

Junge Wangen frisch erneute:

Und so liegen sie beseligt.

Auch, auf heilen Vorderpfoten,

Schläft das Hündlein süßen Schlummer."

Jahre fliehen, Jahre kommen,

Wachen endlich auf die Knaben,

Und die Mauer, die vermorschte,

Altershalber ist gefallen.

Und Jamblika sagt, der Schöne,

Ausgebildete vor allen,

Als der Schäfer fürchtend zaudert:

"Lauf ich hin und hol euch Speise,

Leben wag ich und das Goldstück!"--

Ephesus gar manches Jahr schon

Ehrt die Lehre des Propheten

Jesus. (Friede sei dem Guten!)

Und er lief, da war der Tore

Wart' und Turm und alles anders.

Doch zum nächsten Bäckerladen

Wandt er sich nach Brot in Eile.

"Schelm!" so rief der Bäcker, "hast du,

Jüngling, einen Schatz gefunden?

Gib mir, dich verrät das Goldstück,

Mir die Hälfte zum Versöhnen!"

Und sie hadern.--Vor den König

Kommt der Handel; auch der König

Will nur teilen wie der Bäcker.

Nun betätigt sich das Wunder

Nach und nach aus hundert Zeichen.

An dem selbsterbauten Palast

Weiß er sich sein Recht zu sichern;

Denn ein Pfeiler durchgegraben

Führt zu scharfbenamsten Schätzen.

Gleich versammeln sich Geschlechter,

Ihre Sippschaft zu beweisen.

Und als Ururvater prangend

Steht Jamblikas Jugendfülle.

Wie von Ahnherrn hört er sprechen

Hier von seinem Sohn und Enkeln;

Der Urenkel Schar umgibt ihn,

Als ein Volk von tapfern Männern,

Ihn, den jüngsten, zu verehren.

Und ein Merkmal übers andre

Dringt sich auf, Beweis vollendend,

Sich und den Gefährten hat er

Die Persönlichkeit bestätigt.

Nun zur Höhle kehrt er wieder;

Volk und König ihn geleiten.--

Nicht zum König, nicht zum Volke

Kehrt der Auserwählte wieder;

Denn die Sieben, die von lang her

(Achte waren's mit dem Hunde)

Sich von aller Welt gesondert,

Gabriels geheim Vermögen

Hat, gemäß dem Willen Gottes,

Sie dem Paradies geeignet,

Und die Höhle schien vermauert.

Gute Nacht!

Nun, so legt euch, liebe Lieder,

An den Busen meinem Volke!

Und in einer Moschuswolke

Hüte Gabriel die Glieder

Des Ermüdeten gefällig,

Daß er frisch und wohlerhalten,

Froh, wie immer, gern gesellig,

Möge Felsenklüfte spalten,

Um des Paradieses Weiten

Mit Heroen aller Zeiten

Im Genusse zu durchschreiten,

Wo das Schöne, stets das Neue,

Immer wächst nach allen Seiten,

Daß die Unzahl sich erfreue.

Ja, das Hündlein gar, das treue,

Darf die Herren hinbegleiten.

West-östlicher Divan · 第 4 / 4 段