Wüllersdorf trat an den Kutscher heran und sagte: »Nach der Mole.«

Die Mole lag nach der entgegengesetzten Strandseite, rechts statt

links, und die falsche Weisung wurde nur gegeben, um etwaigen

Zwischenfällen, die doch immerhin möglich waren, vorzubeugen. Im

übrigen, ob man sich nun weiter draußen nach rechts oder links zu

halten vorhatte, durch die Plantage mußte man jedenfalls, und so

führte denn der Weg unvermeidlich an Innstettens alter Wohnung

vorüber. Das Haus lag noch stiller da als früher; ziemlich

vernachlässigt sah's in den Parterreräumen aus; wie mocht es erst da

oben sein! Und das Gefühl des Unheimlichen, das Innstetten an Effi

so oft bekämpft oder auch wohl belächelt hatte, jetzt überkam es ihn

selbst, und er war froh, als sie dran vorüber waren.

»Da hab ich gewohnt«, sagte er zu Wüllersdorf.

»Es sieht sonderbar aus, etwas öd und verlassen.«

»Mag auch wohl. In der Stadt galt es als ein Spukhaus, und wie's heute

daliegt, kann ich den Leuten nicht unrecht geben.«

»Was war es denn damit?«

»Ach, dummes Zeug: alter Schiffskapitän mit Enkelin oder Nichte, die

eines schönen Tages verschwand, und dann ein Chinese, der vielleicht

ein Liebhaber war, und auf dem Flur ein kleiner Haifisch und ein

Krokodil, beides an Strippen und immer in Bewegung. Wundervoll zu

erzählen, aber nicht jetzt. Es spukt einem doch allerhand anderes im

Kopf.« »Sie vergessen, es kann auch alles glatt ablaufen.«

»Darf nicht. Und vorhin, Wüllersdorf, als Sie von Crampas sprachen,

sprachen Sie selber anders davon.«

Bald danach hatte man die Plantage passiert, und der Kutscher wollte

jetzt rechts einbiegen auf die Mole zu. »Fahren Sie lieber links. Das

mit der Mole kann nachher kommen.« Und der Kutscher bog links in eine

breite Fahrstraße ein, die hinter dem Herrenbade grade auf den Wald

zulief. Als sie bis auf dreihundert Schritt an diesen heran waren,

ließ Wüllersdorf den Wagen halten, und beide gingen nun, immer durch

mahlenden Sand hin, eine ziemlich breite Fahrstraße hinunter, die

die hier dreifache Dünenreihe senkrecht durchschnitt. Überall zur

Seite standen dichte Büschel von Strandhafer, um diesen herum aber

Immortellen und ein paar blutrote Nelken. Innstetten bückte sich und

steckte sich eine der Nelken ins Knopfloch. »Die Immortellen nachher.«

So gingen sie fünf Minuten. Als sie bis an die ziemlich tiefe Senkung

gekommen waren, die zwischen den beiden vordersten Dünenreihen

hinlief, sahen sie, nach links hin, schon die Gegenpartei: Crampas und

Buddenbrook und mit ihnen den guten Doktor Hannemann, der seinen Hut

in der Hand hielt, so daß das weiße Haar im Winde flatterte.

Innstetten und Wüllersdorf gingen die Sandschlucht hinauf, Buddenbrook

kam ihnen entgegen. Man begrüßte sich, worauf beide Sekundanten

beiseite traten, um noch ein kurzes sachliches Gespräch zu führen. Es

lief darauf hinaus, daß man à tempo avancieren und auf zehn Schritt

Distanz feuern solle. Dann kehrte Buddenbrook an seinen Platz zurück;

alles erledigte sich rasch; und die Schüsse fielen. Crampas stürzte.

Innstetten, einige Schritte zurücktretend, wandte sich ab von der

Szene. Wüllersdorf aber war auf Buddenbrook zugeschritten, und beide

warteten jetzt auf den Ausspruch des Doktors, der die Achseln zuckte.

Zugleich deutete Crampas durch eine Handbewegung an, daß er etwas

sagen wollte. Wüllersdorf beugte sich zu ihm nieder, nickte zustimmend

zu den paar Worten, die kaum hörbar von des Sterbenden Lippen kamen,

und ging dann auf Innstetten zu.

»Crampas will Sie noch sprechen, Innstetten. Sie müssen ihm zu Willen

sein. Er hat keine drei Minuten Leben mehr.«

Innstetten trat an Crampas heran.

»Wollen Sie ...« Das waren seine letzten Worte.

Noch ein schmerzlicher und doch beinah freundlicher Schimmer in seinem

Antlitz, und dann war es vorbei.

Effi Briest · 第 44 / 54 题