»Ja. Ich fand sie heut in ihrem Nähtisch.« »Und wer hat sie
geschrieben?«
»Major Crampas.«
»Also Dinge, die sich abgespielt, als Sie noch in Kessin waren?«
Innstetten nickte.
»Liegt also sechs Jahre zurück oder noch ein halb Jahr länger.«
»Ja.«
Wüllersdorf schwieg. Nach einer Weile sagte Innstetten: »Es sieht fast
so aus, Wüllersdorf, als ob die sechs oder sieben Jahre einen Eindruck
auf Sie machten. Es gibt eine Verjährungstheorie, natürlich, aber ich
weiß doch nicht, ob wir hier einen Fall haben, diese Theorie gelten zu
lassen.«
»Ich weiß es auch nicht«, sagte Wüllersdorf. »Und ich bekenne Ihnen
offen, um diese Frage scheint sich hier alles zu drehen.«
Innstetten sah ihn groß an. »Sie sagen das in vollem Ernst?« »In
vollem Ernst. Es ist keine Sache, sich in jeu d'esprit oder in
dialektischen Spitzfindigkeiten zu versuchen.«
»Ich bin neugierig, wie Sie das meinen. Sagen Sie mir offen, wie
stehen Sie dazu?«
»Innstetten, Ihre Lage ist furchtbar, und Ihr Lebensglück ist hin.
Aber wenn Sie den Liebhaber totschießen, ist Ihr Lebensglück sozusagen
doppelt hin, und zu dem Schmerz über empfangenes Leid kommt noch der
Schmerz über getanes Leid. Alles dreht sich um die Frage, müssen Sie's
durchaus tun? Fühlen Sie sich so verletzt, beleidigt, empört, daß
einer weg muß, er oder Sie? Steht es so?«
»Ich weiß es nicht.«
»Sie müssen es wissen.«
Innstetten war aufgesprungen, trat ans Fenster und tippte voll
nervöser Erregung an die Scheiben. Dann wandte er sich rasch wieder,
ging auf Wüllersdorf zu und sagte: »Nein, so steht es nicht.«
»Wie steht es denn?«
»Es steht so, daß ich unendlich unglücklich bin; ich bin gekränkt,
schändlich hintergangen, aber trotzdem, ich bin ohne jedes Gefühl von
Haß oder gar von Durst nach Rache. Und wenn ich mich frage, warum
nicht, so kann ich zunächst nichts anderes finden als die Jahre. Man
spricht immer von unsühnbarer Schuld; vor Gott ist es gewiß falsch,
aber vor den Menschen auch. Ich hätte nie geglaubt, daß die Zeit, rein
als Zeit, so wirken könne. Und dann als zweites: Ich liebe meine Frau,
ja, seltsam zu sagen, ich liebe sie noch, und so furchtbar ich alles
finde, was geschehen, ich bin so sehr im Bann ihrer Liebenswürdigkeit,
eines ihr eigenen heiteren Scharmes, daß ich mich, mir selbst zum
Trotz, in meinem letzten Herzenswinkel zum Verzeihen geneigt fühle.«
Wüllersdorf nickte. »Kann ganz folgen, Innstetten, würde mir
vielleicht ebenso gehen. Aber wenn Sie so zu der Sache stehen und mir
sagen: 'Ich liebe diese Frau so sehr, daß ich ihr alles verzeihen
kann', und wenn wir dann das andere hinzunehmen, daß alles weit, weit
zurückliegt, wie ein Geschehnis auf einem andern Stern, ja, wenn es so
liegt, Innstetten, so frage ich, wozu die ganze Geschichte?«
»Weil es trotzdem sein muß. Ich habe mir's hin und her überlegt. Man
ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an,
und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen, wir sind
durchaus abhängig von ihm. Ginge es, in Einsamkeit zu leben, so könnt
ich es gehen lassen; ich trüge dann die mir aufgepackte Last, das
rechte Glück wäre hin, aber es müssen so viele leben ohne dies 'rechte
Glück', und ich würde es auch müssen und - auch können. Man braucht
nicht glücklich zu sein, am allerwenigsten hat man einen Anspruch
darauf, und den, der einem das Glück genommen hat, den braucht man
nicht notwendig aus der Welt zu schaffen. Man kann ihn, wenn man
weltabgewandt weiterexistieren will, auch laufen lassen. Aber im
Zusammenleben mit den Menschen hat sich ein Etwas gebildet, das nun
mal da ist und nach dessen Paragraphen wir uns gewöhnt haben, alles zu
beurteilen, die andern und uns selbst. Und dagegen zu verstoßen geht
nicht; die Gesellschaft verachtet uns, und zuletzt tun wir es selbst
und können es nicht aushalten und jagen uns die Kugel durch den Kopf.
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen solche Vorlesung halte, die schließlich
doch nur sagt, was sich jeder selber hundertmal gesagt hat. Aber
freilich, wer kann was Neues sagen! Also noch einmal, nichts von Haß
oder dergleichen, und um eines Glückes willen, das mir genommen wurde,
mag ich nicht Blut an den Händen haben; aber jenes, wenn Sie wollen,
uns tyrannisierende Gesellschafts-Etwas, das fragt nicht nach Scharm
und nicht nach Liebe und nicht nach Verjährung. Ich habe keine Wahl.
Ich muß.«
»Ich weiß doch nicht, Innstetten ...«
Innstetten lächelte. »Sie sollen selbst entscheiden, Wüllersdorf. Es
ist jetzt zehn Uhr. Vor sechs Stunden, diese Konzession will ich Ihnen
vorweg machen, hatt' ich das Spiel noch in der Hand, konnt' ich noch
das eine und noch das andere, da war noch ein Ausweg. Jetzt nicht
mehr, jetzt stecke ich in einer Sackgasse. Wenn Sie wollen, so bin ich
selber schuld daran; ich hätte mich besser beherrschen und bewachen,
alles in mir verbergen, alles im eignen Herzen auskämpfen sollen. Aber
es kam mir zu plötzlich, zu stark, und so kann ich mir kaum einen
Vorwurf machen, meine Nerven nicht geschickter in Ordnung gehalten zu
haben. Ich ging zu Ihnen und schrieb Ihnen einen Zettel, und damit war
das Spiel aus meiner Hand. Von dem Augenblick an hatte mein Unglück
und, was schwerer wiegt, der Fleck auf meiner Ehre einen halben
Mitwisser und nach den ersten Worten, die wir hier gewechselt, hat es
einen ganzen. Und weil dieser Mitwisser da ist, kann ich nicht mehr
zurück.«
»Ich weiß doch nicht«, wiederholte Wüllersdorf. »Ich mag nicht gerne
zu der alten abgestandenen Phrase greifen, aber doch läßt sich's nicht
besser sagen: Innstetten, es ruht alles in mir wie in einem Grabe.«
»Ja, Wüllersdorf, so heißt es immer. Aber es gibt keine
Verschwiegenheit. Und wenn Sie's wahrmachen und gegen andere die
Verschwiegenheit selber sind, so wissen Sie es, und es rettet mich
nicht vor Ihnen, daß Sie mir eben Ihre Zustimmung ausgedrückt und mir
sogar gesagt haben: ich kann Ihnen in allem folgen. Ich bin, und dabei
bleibt es, von diesem Augenblick an ein Gegenstand Ihrer Teilnahme
(schon nicht etwas sehr Angenehmes), und jedes Wort, das Sie mich mit
meiner Frau wechseln hören, unterliegt Ihrer Kontrolle, Sie mögen
wollen oder nicht, und wenn meine Frau von Treue spricht oder, wie
Frauen tun, über eine andere zu Gericht sitzt, so weiß ich nicht, wo
ich mit meinen Blicken hin soll. Und ereignet sich's gar, daß ich in
irgendeiner ganz alltäglichen Beleidigungssache zum Guten rede, »weil
ja der dolus fehle« oder so was Ähnliches, so geht ein Lächeln über
Ihr Gesicht, oder es zuckt wenigstens darin, und in Ihrer Seele
klingt es: 'Der gute Innstetten, er hat doch eine wahre Passion, alle
Beleidigungen auf ihren Beleidigungsgehalt chemisch zu untersuchen,
und das richtige Quantum Stickstoff findet er nie. Er ist noch nie an
einer Sache erstickt.' ... Habe ich recht, Wüllersdorf, oder nicht?«
Wüllersdorf war aufgestanden. »Ich finde es furchtbar, daß Sie recht
haben, aber Sie haben recht. Ich quäle Sie nicht länger mit meinem
'Muß es sein?'. Die Welt ist einmal, wie sie ist, und die Dinge
verlaufen nicht, wie wir wollen, sondern wie die andern wollen. Das
mit dem 'Gottesgericht', wie manche hochtrabend versichern, ist
freilich ein Unsinn, nichts davon, umgekehrt, unser Ehrenkultus ist
ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der
Götze gilt.«
Innstetten nickte.
Sie blieben noch eine Viertelstunde miteinander, und es wurde
festgestellt, Wüllersdorf solle noch denselben Abend abreisen. Ein
Nachtzug ging um zwölf.